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# Hamburg, Staatsoper Hamburg, Elektra - Richard Strauss, IOCO Kritik, 1.12.2021
- URL: https://www.ioco.de/hamburg-staatsoper-hamburg-elektra-richard-strauss-ioco-kritik-1-12-2021/
- Published: 2021-12-01T12:00:27.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:08:36.000Z
- Author: Michael Stange
- Tags: Musicalwelten & Bühnenzauber, Kritiken, Hamburg

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[**Staatsoper Hamburg**](http://www.staatsoper-hamburg.de/?ref=ioco.de)

![Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/01/hamburgische-staatsoper-c-kurt-michael-westermann.jpg)

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

# ***Elektra* \- Richard *Strauss***

**\- Kent Nagano durchleuchtet Richard Strauss Seelendrama mit fulminanter Intensität -**

von **Michael Stange**

**Richard Strauss** Oper **Elektra** ist eine Familiensaga im Zeitgeist des Anbruchs des zwanzigsten Jahrhunderts. Themen wie Mord, Rache, Gewalt und Vergewaltigung wurden dort in ihrer ganzen Wucht präsentiert, was künftig in der Literatur und auf der Bühne schonungslos fortgesetzt wurde. **Strauss** und **Hofmansthal** haben mit dieser Oper die Tür zum Psychodrama in der Oper weit aufgestoßen, den romantischen Schleier über dem Musiktheater endgültig fortgeblasen und eine der zentralen tragischen und psychodramatischen Opern des zwanzigsten Jahrhunderts geschaffen. So ist das Werk auch einer der Vorgänger der so genannten *„Revenge-Movies“*, in denen sich Frauen, die oft bereits dem Wahnsinn verfallen sind, spektakulär für erlittene Gewalt rächen.

**Elektra - Richard Strauss** youtube **Staatsoper Hamburg \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

**Hugo von Hofmannsthals** Theaterstück von 1903 steht unter dem Einfluss neuer Entwicklungen in Kunst, Literatur und Wissenschaft. Im Wien seiner Zeit bestimmten Persönlichkeiten wie **Arnold Schönberg, Gustav Klimt,** der Mediziner **Karl Landsteiner** und vor allem der Neurologe **Sigmund Freud** das geistige Leben. **Freud** begründete mit seinen Schriften die Psychoanalyse und veränderte dadurch die Psychologie aber auch das Menschenbild und seine Wahrnehmung radikal. Neben der Malerei waren es vor allem Literatur und Musik, die umgehend auf **Freuds** neuartige Gedanken reagiert. So nahm auch **Hofmannsthal** diese Thesen auf und setzt sie in seinem Stück **Elektra** um.

Die Königstochter **Elektra** lebt ausgestoßen von ihrer Familie außerhalb des Palasts wie eine Dienerin. Ihre Mutter **Klytämnestra** und ihr Stiefvater **Aegisth** ermordeten ihren Vater König **Agamemmon**. Sie sinnt auf Rache für diesen Mord und das ihr angetane Unrecht und wartet auf ihren Bruder **Orest**, den sie vor dem Paar gerettet hat und der bei Fremden aufwuchs. Als er aus der Fremde heimkehrt, nimmt das Schicksal seinen Lauf. **Orest** erschlägt seine Mutter und **Aegisth*.* Nach einem wahnsinnigen Tanz findet **Elektra** den Tod.

**Elektra** lebt in ihrer Innenwelt. Wesentlicher Teil ihrer Erinnerung ist das hündisch vergossene Blut des Königs Agamemnon. Die anderen Personen werden nur begrenzt von ihr wahrgenommen. Dies ist ihr Schutz, um zu überleben. Für ***Chysothemis*** ist sie von der Rolle her Vater und Mutter ohne dies seelisch auszufüllen. An Schicksal der Schwester ist sie innerlich unbeteiligt und will sie lediglich in ihre Mordpläne einspinnen.

![Staatsoper Hamburg / Elektra hier Aušrine Stundyte, Violeta Urmana © Monika Rittershaus](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2021/11/elektra-ausrine-stundyte-violeta-urmana-copyright-monika-rittershausneu.jpg)

Staatsoper Hamburg / Elektra hier Aušrine Stundyte, Violeta Urmana © Monika Rittershaus

**Strauss** hat dieses Darstellungsprinzip eines Psychogramms zum Ausdruck gebracht, indem er sein fein differenziertes Orchester mit subtilen, von ihm als „Nervencontrapunkt“ bezeicheten, Klangfarben ausstattete und sie in **Klytämnestra** Angstzuständen und in der Erkennungsscene zwischen **Elektra** und **Orest** wirksam einetzte. Nach seinem Verständnis hatte er sich in Gebiete vorwagt, die nur durch die Musik zu erschließen waren. Seine **Elektra-Vertonung** nannte er auch „psychische Polyphonie“. Die Fieberphantasien von **Richard Wagners *Tristans*** werden in der ***Elektra*** fortgesetzt und intensiviert. Neurotiker und psychisch Kranke wie **Elektra, Salome** und **Herodes** stellen eine völlig neue Generation von Protagonisten auf der Opernbühne dar. Hieran schloss sich dann unter anderem **Alban Berg** mit ***Lulu*** und **Wozzeck** an.

**Kent Naganos** *Partiturdeutung* offenbarte ein packendes rauschhaftes Musiktheater und war ein weiterer Glanzpunkt dieser bisher beglückenden Spielzeit. Wucht der Emotionen in der Partitur, Zwischentöne, Kontraste und kammermusikalische Elemente lotete der Maestro höchst brillant aus und bot ein differenziertes, spannendes und packendes Musikdrama. Das **Philharmonische Staatsorchester** und er entwickelten einen wogenden Klangteppich voller pastoser und glutvoller Farben und großer expressiver aber auch verhaltener Momente. Seinen Sängerinnen war er ein kongenialer Partner, trug sie auf Händen und entwickelt das Drama mit einer ergreifenden Farbpalette und grandioser innerer Beteiligung.

**Aušriné Stundytés** **Elektra** war von tückischer Gefahr, großer Verletzlichkeit und immenser Seelentiefe. Mit vollem vokalem Einsatz und einer breiten Palette an Stimmfarben brachte sie die Rolle auf die Bühne. In ihren Monologen und den Dialogen mit **Orest** und **Klytämnestra** entwickelt sie eine verzehrende Intensität und große bühnenfüllende Präsenz. Ihr ausladender klangschöner Sopran und ihre Spielfreude boten ein mitreißendes Portrait dieser herausfordernden Partie.

Als **Chrysothemis** bestach **Jennifer Holloway** mit hellem lyrischem Sopran. Mit jugendlichem Feuer goss sie ihre Träume und Sehnsüchte in blühende bilderfüllte Klänge. Einer der Glanzpunkte war der Dialog mit ***Elektra*** im Finale, in den sie sich mit Verve und glühender Intensität warf.

**Violeta Urmana** war als **Klytämnestra** eine Mutter, die **Elektra** mit ihrem dunklen volltönenden Mezzosopran ein starker Widerpart war. Wut und Verletzlichkeit stellte sie mit großer Authentizität und involviertem klangschönem Singen heraus. Ein weiterer Glanzpunkt der Aufführung.

**Lauri Vasar** als **Orest** bot mit rundem vollem Heldenbariton einen furchteinflößenden Rächer. Durch seine dramatische Attacke und seine Rollenidentifikation machte er die Wiedererkennungszene zu einem großen Momente der Vorstellung. **John Daszaks *Aegisth*** war ein lüsterner Widerling mit kernigem Tenormaterial.

![Staatsoper Hamburg / Elektra Hamburg Jennifer Holloway, Aušrine Stundyte © Monika Rittershaus](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2021/11/elektra-hamburg-jennifer-holloway-ausrine-stundyte-copyright-monika-rittershausneu.jpg)

Staatsoper Hamburg / Elektra Hamburg Jennifer Holloway, Aušrine Stundyte © Monika Rittershaus

In **Dmitri Tcherniakovs** Bühnenbild und seiner Inszenierung ist **Elektra** ein familiäres Kammerspiel in einer Altbauwohnung. Die Mägde sitzen am Tisch. Alle leben, anders als in der Vorlage, miteinander, ohne Distanz und räumliche Trennung. Die unterschiedlichen Lebenswelten der Protagonistinnen der Oper existieren nicht. So wirkt die Inszenierung wie eine Wiederholung von **Thomas Vinterbergs** filmischem Inzest-Drama **Das Fest** von 1998\. Dort wurde die Offenlegung des sexuellen Missbrauch eines Vaters an zweier seiner Kinder anlässlich der Feier zu seinem sechzigsten Geburtstag erzählt. **Tcherniakovs** Bühnenbild eines exklusiven Wohnquartieres, das er in ähnlicher Form bereits im Kölner **Troubadour,** in Teilen im Bayreuther ***Holländer,*** dem Münchner ***Freischütz*** und dem Berliner **Tristan** wählte, hat keine durch die Szene untermalten starken Aussage, sondern ist letztlich austauschbar. Es wäre auch für seine kommende **Hamburger *Salome*** oder einen ganzen **Ring des Nibelungen** als Kulisse verwendbar. **Elektras** Ablehnung der Welt, ihre zunehmende Wirklichkeitsentfremdung musste daher rein schauspielerisch bewältigt werden. Der Verzicht auf Effekte und Illusionen ging einher mit einer dramaturgische Vorhersehbarkeit. Dies war wohl auch dem Regisseur aufgegangen, der **Orest** zum Schluss als Serienmörder offenbart und **Chrysothemes** ermorden ließ. Neben diesem Ermüdungsfaktor birgt die stete Verwendung ähnlicher Bühnenbilder wie zum Beispiel einer Villa, eines Gefangenenlagers oder einer Industriebrache die Gefahr, dass die Politik künftig Gelder für neue Inszenierungen streichen wird und von den Theatern, wie im Schultheater, verlangen wird, neue Stücke mit Bordmitteln aus vorhandenen Dekorationen auszustatten.

***Die Hamburgische Staatsoper bot eine grandiose und musikalisch fesselnde Aufführung. Kent Nagano beschenkte die Hamburger und auch sich selbst kurz nach seinem siebzigsten Geburtstag mit einer Festaufführung. Musikalisch ein glorioser Abend.***

\---| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |---