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# Hamburg, Laeiszhalle, Telemann-Festival: Miriways, IOCO Kritik,
- URL: https://www.ioco.de/hamburg-laieszhalle-telemann-festival-miriways-ioco-kritik/
- Published: 2017-12-07T18:00:40.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:42:36.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Hamburg

![Hamburg Laeiszhalle / Telemann Festspiele © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/12/laeiszhalle-foto-ioconeu.jpg "Hamburg Laeiszhalle / Telemann Festspiele © IOCO")

Hamburg Laeiszhalle / Telemann Festival © IOCO

[Laeiszhalle Hamburg](https://www.elbphilharmonie.de/de/laeiszhalle?ref=ioco.de)

# *Miriways* von **Georg Philipp Telemann**

 **Telemann-Festival 11/2017 - Eröffnet mit Festoper *Miriways*** 

Von **Guido Müller**

![Komponist Georg Philipp Telemann (1681 - 1767)](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/12/telemann-georg-philipp-1681-1767-neu.jpg "Komponist Georg Philipp Telemann (1681 - 1767)")

Komponist Georg Philipp Telemann (1681 - 1767)

Im Gegensatz zu den heutzutage landauf und landab auch an Stadttheatern aufgeführten **Händel-**Opern gibt es außer bei den Magdeburger **Telemann-Festtagen** leider nur sehr selten die Gelegenheit, eine veritable große Oper von **Georg Philipp Telemann** an Opernhäusern ungekürzt zu erleben.

In Madgeburg war bereits 2012 ***Miriways*** von 1728, die **Telemann**\-Oper mit aktuellen politischen Bezügen eines Krieges zwischen Afghanistan und Persien in einer optisch schönen Inszenierung von **Jakob Peters-Messer** zu sehen, **Messer** hat sich gerade in Oldenburg an die Oper ***Siroe*** des in Hamburg-Bergedorf geborenen **Johann Adolph Hasse** gewagt, dessen Werke noch seltener als die von **Telemann** auf deutschen Bühnen zu sehen sind. Allerdings wird **Hasses** Oper ***Artaserse*** zur Eröffnung des **Markgräflichen Opernhauses** in Bayreuth im Frühjahr 2018 dort wieder zu sehen sein.

Das **Theater Hildesheim (TfN)** macht gerade mit dem **Telemannschen *Orpheus*** einen gelungenen Versuch der szenischen Wiederbelebung durch die Spezialistin für barocke szenische Aufführungspraxis   **Sigrid T'Hooft.** Die **Hamburger Staatsoper** schließlich hat für den Juni 2018 die Inszenierung ebenfalls der Oper ***Miriways*** angekündigt - allerdings in einer stark zusammen gestrichenen Fassung. Da die Barockopern genau wie die Opern von **Mozart** und **Wagner** einer abgestimmten, austarierten und wechselreichen Musikdramaturgie folgen, verstümmeln Kürzungen der Arien, Ensembles und instrumentale Zwischenstücke diese Werke genauso wie bei einer Wagner-Oper oder **Bizets *Carmen.***

So ist es um so erfreulicher, dass die ***Akademie für Alte Musik*** Berlin unter dem kanadischen Dirigenten **Bernard Labadie** mit einem handverlesenen exquisiten Sängersensemble das Werk ***Miriways*** wenigstens konzertant fast ungestrichen aufführt. Jeder Dirigent muss sich zudem seine Aufführungsfassung selbst erstellen. Längst schon gehört ein **Telemann-Festival** in die Stadt, in der **Telemann** Jahrzehnte als bedeutendster Musikdirektor an der **Gänsemarkt Oper** wirkte wie er für offizielle Anlässe der reichen Hansestadt und in den Hauptkirchen tätig war.

Der **NDR** eröffnete in seiner Reihe **NDR Das Alte Werk** nun mit diesem Konzert ein **Telemann-Festival** aus Anlass des 250\. Todestages des Komponisten. Dieses auch vom NDR live übertragene Konzert verdeutlicht, wie **Telemanns** reicher kompositorischer Fundus immer viele Entdeckungen zu bieten und das angelockte, leider nicht allzu zahlreiche Publikum mitzureißen vermag. Das Hamburger Publikum muss erst den enormen Reiz der Barockoper noch kennenlernen.

Während die Opern in Italien oder Frankreich und an denen diesen nacheifernden deutschen Höfen von Stuttgart bis Dresden meistens antike oder mythologische Stoffe benutzten, dürstete das Hamburger Publikum nach zeitaktuellen Stoffen und komischen Bestandteilen. Bereits **Reinhard Keiser,** der mitteldeutsche Vorgänger **Telemanns** bis 1718 an der **Gänsemarkt Oper** wusste das geschickt zu bedienen.

![Telemann Festival Hamburg / Miriways - Ensemble © Guido Müller](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/12/mueller-gut-neu.jpg "Telemann Festival Hamburg / Miriways - Ensemble © Guido Müller")

Telemann Festival Hamburg / Miriways - Ensemble © Guido Müller

So macht ***Miriways*** ein damals relativ aktuelles Geschehen zum Thema. **Telemanns** Librettist **Johann Samuel Müller** baute nach einem kleinen Zeitungsbericht über den afghanischen Stammesführer ***Mir Wais*** einen Opernplot von dynastischen Verwirrungen und Herzschmerz. Politischer Ausgangspunkt ist die Eroberung Persiens, die in der historischen Wirklichkeit allerdings seinem Sohn ***Mir Mahmud*** gelang. Darum baut sich ein abwechslungsreiches exotisch angehauchtes und entsprechend buntes Kaleidoskop aus Intrigen und Verwechslungen, Staatsräson und moralisierenden Ermahnungen, Liebesbeziehungen und einem Familien-Happy-End auf. Die wahre Liebe siegt am Ende mit viel Witz, Humor und Ironie schon im Geiste der Empfindsamkeit einer neuen Zeit gegen die Liebe aus Pflicht in der Ständegesellschaft des Ancien Regime.

In bester Laune bot uns die ***Akademie für Alte Musik*** unter ihrem Dirigenten **Bernard Labadie** mit den neun Solisten ein Feuerwerk an instrumentalen Finessen, exotischen Harmonien und sensationeller Spiellaune, die alle gegenseitig anfeuerte. Fast alle Instrumentalisten, darunter so bedeutende Solisten wie die Oboistin **Xenia Löffler** und der Flötist **Bernhard Huntgeburth** haben prominente solistische Aufgaben, in denen sie sich virtuos mit den Sängern messen.

Daher ist es besonders bedauerlich, dass die Mitglieder von ***AKAMUS*** nicht namentlich im Programm aufgeführt werden. Besondere Herausforderungen haben beispielsweise die schon in der Ouvertüre stark geforderten zwei Hornisten auf ihren Naturhörnern bravourös zu meistern. Außerdem finden sich noch je zwei Fagotte und Oboen und eine Flöte neben den Streichern im Orchester, das von dem vorzüglichen Konzertmeister **Bernhard Forck** angeführt wird, der auch das **Händel Festspielorchester** in Halle (Saale) leitet,

![Hamburg Laieszhalle / Telemann Festival - Bernard Labadie © Daniel Dittus](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/12/71936-171124-telemann-festival-bernard-labadie-c-daniel-dittus-14-neu-1.jpg "Hamburg Laieszhalle / Telemann Festival - Bernard Labadie © Daniel Dittus")

Hamburg Laieszhalle / Telemann Festival - Bernard Labadie © Daniel Dittus

***AKAMUS*** zeichnet einen satten, warmen, aber nie dickflüssig-ruppigen sondern eher durchgängig eleganten und stets präzisen Ton aus. Schwungvolle Opulenz und dynamische Detailfreude, flinke und immer die emotional richtigen Tempi, die für **Telemann** typische Lautmalerei und melodischer Witz ebenso wie affektgeladene tiefe Gefühle vermittelt das Orchester in historischer Aufführungspraxis auf ideale und mustergültige Weise. Dazu geben dem Spitzenensemble zudem zusätzlich Gelegenheit einige Zwischenmusiken und festliche Märsche, von denen einer stark an den späteren Trauermarsch aus **Georg Friedrich Händels** Oratorium ***Saul*** erinnert

Der kanadische Dirigent **Bernard Labadie** hatte sichtlich mit ***AKAMUS*** und mit seinen Gesangssolisten großen Spaß an der Umsetzung. Das reicht dann bis ins abwechslungsreiche Schlagwerk, in dem auch schon mal Kastagnetten oder eine leer getrunkene Weinflasche bei einer der für **Telemann** mit Augenzwinkern typischen Trunkenheitsarien gegen geizige Narren zum Einsatz kommen - Ähnlichkeiten mit Hamburger Pfeffersäcken wären rein zufällig - hier köstlich im Spiel und Gesang **Dominik Köninger** in der kleinen Rolle des ***Scandor.*** Neben ihm verlieh **Paul McNamara** dem ***Gesandten*** schöne tenorale Würde. Das Continuo begleitete durchgängig äußerst vielfarbig, spritzig und abwechslungsreich.

Maßstabsetzend waren aber nicht nur das Spitzenensemble sondern durchgängig auf allerhöchstem Niveau auch die fast ausnahmslos **Telemann** erprobten Gesangssolisten. Eine besondere Freude war zu beobachten wie die Kollegen, die gerade nicht im Einsatz waren, an der Seite mit ihren singenden und äußerst ausdrucksstark spielenden Kollegen mitfieberten, im Geiste sangen und sich im Gelingen freuten.

Nach der festlichen dreiteiligen Ouvertüre im französischen Stil mitvirtuos konzertierenden Naturhörnern hat die ihren edlen Mezzosopran samtig verströmende **Marie-Claude Chappius** als zurück gelassene fürstliche Gattin ***Samischa*** des Heerführers **Miriways** ihren berührenden großen ersten Auftritt mit einer Schlafarie, die auch als Parodie auf diesen in italienischen *Dramma in Musica* meist zum Aktschluss üblichen Arientypus verstanden werden kann. So verfährt **Telemann** höchstvirtuos mit den Traditionen der europäischen Oper. Der Französin gelingt wie allen ihren Kollegen eine bewunderswürdige Deutlichkeit des deutschen Textes, elegante lebendige Artikukation der Rezitative und vorbildlicher vokaler Diktion. Damit machen sie die Übertitel fast überflüssig. Ebenso gelingen ihr aber auch die schon rokokohaften Neckereien in anderen Arien. Perlmuttgleich schillert ihre Stimme, duftige Nachtigallentriller entströmen ihrer auch schon mal tief melancholisch angehauchten Stimme.

Ihr Ehemann ***Miriways*** wird in atemberaubender stimmlicher und spielerischer Präsenz und Sicherheit vom kurzfristigen Einspringer **André Morsch** von der **Staatsoper Stuttgart** dargestellt. Sein Talent für die von Telemann geforderte Stimm- und Darstellungskunst scheint unerschöpflich. Der trotz seiner jungen Jahre bereits besonders als **Hugo Wolf** und   **Franz Schubert** Liedsänger anerkannte Bariton zeigt nicht nur eine am Lied geschulte perfekte Stimmtechnik sondern verströmt in allen Lagen mit seiner kernigen Balsamstimme eine exemplarische Legatokultur. In seiner großen Arie *"Laß mein Sohn dir raten, nimm die Vernunft zum Führer an!"*, einem Höhepunkt der Kompositionskunst des großen Aufklärers **Telemann** begleitet ihn **Xenia Löffler** auf der Oboe und beide verschmelzen zu einer zutiefst berührenden Wirkung. **André Morsch** trifft sowohl stilsicher wie komödiantisch den galant-staatsmännischen Ton ebenso wie das heiß Aufbrausende des Vaters oder die metallisch glänzende Wut des Herrschers. Seine Verzierungstechnik ist höchst stilsicher und in perfekter gesanglicher Diktion. Er singt stets offen, äußerst deutlich artikulierend und bewunderungswürdig koloratursicher.

![Hamburg Laieszhalle / Telemann Festival_ Ensemble © Daniel Dittus ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/12/71934-171124-telemann-festival-akademie-fuer-alte-musik-berlin-c-daniel-dittus-07-1.jpg)

Hamburg Laieszhalle / Telemann Festival\_ Ensemble © Daniel Dittus

Seine verlorene geglaubte Tochter ***Bemira***  singt **Sophie Kartäuser** zärtlich elegant und mit Feinheit und leidenschaftlicher Hingabe. Ihr restlos und schmerzlich verfallen ist der von **Robin Johannsen** mit der ihr eigenen stimmlichen Perfektion gesungene ***Sophi.*** Verzweifelt als sich chancenlos glaubender Geliebter zieht sie alle Register ihrer kristallklaren und perfekt atmenden Stimmkunst gerade in den atemberaubend schwierigen Arien und läuft dann richtig zu Höchstform auf.

Neben dem hohen aristokratischen Paar darf in der deutschen Barockoper immer ein halb ernstes, halb lustiges Paar nicht fehlen wie die Diener entsprechend der Dreistände-gesellschaft. Dies sind die persische ***Nisibis*** der Koloratursopranistin **Lydia Teuscher** und der ***Murzah*** des Baritons **Michael Nagy.** Wie kostbarste Perlen klingen **Lydia Teuschers** Koloraturen, höchst virtuos, in fein dynamischer Abstufung und zugleich mit sanften Krallen wie ein Kammerkätzchen. Um sie buhlt **Michael Nagy** mit allen stimmlichen Schönheiten und Ausdrucksmitteln seines stets tief berührenden, warmen und hellen kräftigen Baritons. Auch die Parodie auf die große italienische Virtuosenarie mit *"Dieser Strahl soll"* gelingt ihm perfekt differenziert und mit leuchtendem koloratursicheren Heldenbariton.

Sein von der Mezzosopranistin **Anett Fritsch** mit herzerfrischendem Spielwitz und größter Präsenz dargestellter persischer Nebenbuhler ***Zemir*** hat einige der ausdrucksstärksten Arien der Oper. **Anett Fritsch** vermag jede ihrer ausdrucksstarken Arien zu einem smaragdig dunkel und kräftig leuchtenden Schmuckstück zu gestalten.

Das Spitzenensemble erhält nach über drei Stunden verdienten anhaltenden Riesenbeifall und zahlreiche Bravorufe des begeisterten Publikums. Wir hoffen auf mehr **Telemann-**Oper und Opern vom Gänsemarkt in Hamburg und eine Neuauflage des **Telemann-Festivals!**

\---| IOCO Kritik Laeiszhalle Hamburg |---