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# Hamburg, Elbphilharmonie, NDR Elbphilharmonie Orchester mit "Sinfonien der Krise", IOCO Kritik, 22.01.2018
- URL: https://www.ioco.de/hamburg-elbphilharmonie-ndr-elbphilharmonie-orchester-mit-sinfonien-der-krise-ioco-kritik-22-01-2018/
- Published: 2018-01-22T19:00:07.000Z
- Updated: 2018-01-22T19:00:07.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Hervorheben, Konzert & Liederabend, Kritiken, Beethoven, Lohengrin, Mozart, wolfgang amadeus mozart, Hamburg

[Elbphilharmonie Hamburg](http://www.elbphilharmonie.de/?ref=ioco.de)

![Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/01/grand_opening_elbphilharmonie_rihm_foto_ralph_larmann_1neu.jpg "Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann")

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

# **NDR Elbphilharmonie Orchester mit Herbert Blomstedt**

***"Sinfonien der Krise in nobler nordischer Eleganz"***

Von **Guido Müller**

Am 11\. Januar 2018 feierte das neue Wahrzeichen Hamburgs, die **Elbphilharmonie**  einjährigen Geburtstag. Und zwar gut hanseatisch nicht mit einem Galakonzert großer Stars von auswärts sondern mit ihrem Hausorchester und dem langjährigen Chefdirigenten **Herbert Blomstedt** in einem Abonnementskonzert mit **Wolfgang Amadeus Mozarts** Sinfonie ***Nr. 39 Es-Dur KV 543*** und der ***Sinfonie Nr. 3 d-moll*** in der Urfassung von **Anton Bruckner.**

![Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg / hier mit Herbert Blomstedt und &quot;Sinfonien der Krise&quot; © Daniel Dittus](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/01/danieldittus-ndr-blomstedt-180111-01neu.jpg "Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg / hier mit Herbert Blomstedt und &quot;Sinfonien der Krise&quot; © Daniel Dittus")

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg / hier mit Herbert Blomstedt und "Sinfonien der Krise" © Daniel Dittus

Eine bessere und festlichere Kombination hätte es kaum geben können. Der noble, charmante und bescheidene Maestro aus dem hohen Norden mit der heroischen und vornehmen großen *Es-Dur Sinfonie* von **Mozart,** deren Eingangsportal mit feierlichen Punktierungen des Orchesters nach dem Vorbild der barocken Ouvertüre bereits die Töne des *Erhabenen* wie in seiner Oper ***Die Zauberflöte*** vorgeben. Und die große *d-moll-Sinfonie* **Bruckners,** nicht nur der Tonart nach an **Beethovens** Großer *Neunter Sinfonie* modelliert, mit der die **Elphi** vor einem Jahr eröffnet wurde (Foto) - und dirigiert vom bedeutendsten **Bruckner**\-Dirigenten unserer Tage. Schon diese Programmierung macht deutlich, wie intelligent und bewußt der neunzigjährige Altmeister aus Schweden seine Konzertprogramme zusammenstellt.

**Bruckners** dritte Sinfonie, die er als sein Schmerzenskind in drei Fassungen von 1874, 1877 und schließlich 1890 hinterlassen hat, hat noch den Beinamen *"mit der Trompete" -* aufgrund des charakteristischen Trompetenmotivs - und *"Wagner-Sinfonie",* aufgrund der Widmung **Bruckners** nach seinem Bayreuthbesuch an seinen zweiten neben Gott am meisten verehrten und angebeteten Meister **Richard Wagner.**

![ Elbphilharmonie Hamburg / Die spektakuläre Elbphilharmonie zum Eröffnungskonzert 2017 © Michael Zapf](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/01/eroeffnungskonzert_c_michael_zapf_150_1.jpg "Elbphilharmonie Hamburg / Die spektakuläre Elbphilharmonie zum Eröffnungskonzert 2017 © Michael Zapf")

Elbphilharmonie Hamburg / Die spektakuläre Elbphilharmonie zum Eröffnungskonzert 2017 © Michael Zapf

Wie der NRD-Dramaturg **Julius Heile** in seinem ausgezeichneten Einführungsvortrag plastisch mit Tonbeispielen zeigte, ist die Urfassung auch voller Themen und Motive aus Richard Wagners Opern wie das berühmte *Tristan-*Motiv aus ***Tristan und Isolde,*** aus Isoldes Liebestod, das Schlafmotiv aus der ***Walküre*** und aus dem Chorauftritt im zweiten Aufzug   ***Lohengrin.*** Diese huldigenden Wagner-Zitate strich **Bruckner** später nach den totalen Mißerfolgen der ersten Konzerte wieder. Die **Wiener Philharmoniker** hatten sich der Aufführung 1874 verweigert.

**Wagner** selber bezeichnete in seiner ironisch-sarkastischen Art den Verehrer aus Linz aufgrund dieser Sinfonie als "*die Trompete".* **Bruckner** zitierte aber nicht nur unterwürfig den Bayreuther Meister sondern auch sich selber selbstbewusst mit der *Zweiten Sinfonie.* Damit wird deutlich, wie durchaus seiner kompositorischen Fähigkeiten bewußt der sonst voller Skrupel und Unterwürfigkeit auftretende und leicht zu verunsichernde Organist von *Sankt Florian* eigentlich war. Auch im Finale der dritten Sinfonie in der Urfassung zitiert Bruckner selbstreferentiell und selbstbewusst bereits in dem ihm eigenen Verfahren Themen aus den ersten drei Sätzen seiner Sinfonie.

![Elbphilharmonie Hamburg / hier Intendant Christoph Lieben-Seutter © Danie Dittus](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/01/danieldittus-jubilaumsrede-180111-04neu.jpg "Elbphilharmonie Hamburg / hier Intendant Christoph Lieben-Seutter © Danie Dittus")

Elbphilharmonie Hamburg / hier Intendant Christoph Lieben-Seutter © Danie Dittus

Vor **Mozarts** *"Erhabener"* und der "*Wagner-Sinfonie"* **Bruckners** mit der Trompete in der Urfassung, die Bruckner selber nie gehört hatte, wurde das einjährige **Elbphilharmonie -** Jubiläum mit einer festlichen Blechbläserfanfare von Simone Candotto, die das Oboen-Solostück zur **Elphi-**Eröffnung 2017 verwendet, sowie einer kurzen Ansprache von Generalintendant **Christoph Lieben-Seutter** gewürdigt.

Darauf folgte **Mozarts** erste Sinfonie aus der großen sinfonischen Trias des Krisenjahrs 1788\. In diesem Jahr hatte Mozart gesellschaftlich seinen Zenit überschritten, hatte als Unternehmer in Wien keine Erfolge mehr und sank sein Einkommen drastisch. Im Jahr zuvor war sein Vater gestorben und **Mozart** verfiel in seelische Depression und Melancholie. Trotzdem entfaltete er gerade in dieser Zeit eine enorme kreative Produktivität wie mit den in nur neun Wochen geschriebenen großen letzten Sinfonien, deren Auftrag oder Anlass wir nicht kennen.

Das oftmals mit solchen Attributen wie "glücklich", "liebenswürdig" und "heroisch" bezeichnete Stück steht mit einem Bein noch in der überkommenen Tradition gepflegter Unterhaltung. Auf der anderen Seite zeugt es aber auch von der "*Auseinandersetzung des Individuums mit mächtigen, bisweilen übermächtig erscheinenden Kräften"* (**Martin Geck**). Der *"Gestus des Erhabenen"* (**Julius Heile** im Einführungstext des Programms, S. 7) manifestiert sich in der nebenbei auch freimaurerischen Tonart Es-Dur und schließt bei **Mozart** aber auch scheinbare Unordnung mit vielerlei Kontrasten ein.

*"Die heroischen und elegischen Züge der Sinfonie, das F-moll Thema des Andantes, besonders im Adagio, die heftigen Zweiunddreißigstel und die Herzens-Seufzer kurz bevor sich die krause Stimmung in lächelnde Heiterkeit auflöst, sind reale Erlebnisse, an denen nicht zu zweifeln ist.*" (**Theodor Kroyer**,1933). Diese innere Gegensätzlichkeit und scheinbare Unordnung, sicher biographisch begründet, zwischen dem ungewöhnlich zarten Thema des 1\. Satzes nach der pompösen Einleitung oder dem dunklen h-moll Einbruch des Andantes ist bezeichnend für diese Sinfonie des Umbruchs kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution 1789\. Ebenso auch der das Versprechen der majestätischen Sinfonie-Eröffnung à la *Ancien Regime* so gar nicht einlösende, ja geradezu in Frage stellende unschließende offene Schluss des à la Altmeister Haydn wirbelnden Allegro-Finales voll Mozartischer Unfasslichkeiten und Überraschungen.

![Wolfgang Amadeus Mozart hier vor dem Salzburger Festspielhaus © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/01/salzburg-mozart-festspielhaus-foto-danielaneu2.jpg "Wolfgang Amadeus Mozart hier vor dem Salzburger Festspielhaus © IOCO")

Wolfgang Amadeus Mozart hier vor dem Salzburger Festspielhaus © IOCO

**Herbert Blomstedt** dirigiert nun einen nie aufdringlichen, nie aufgeregten **Mozart.** Zart und ernst, leicht federnd und mit der nötigen Dramatik und Tiefe, zusammen mit dem **NDR Elbphilharmonie** Sinfonieorchester atmend gestaltet er den Übergang vom Adagio zum Allegro des 1\. Satzes mit philosophisch rhetorischer Eleganz des Grandseigneurs. Die existentielle Dramatik kommt im voll aufblühenden und duftigen Klang des überragend musizierenden Orchesters ganz zu ihrem Recht. Herausragend immer wieder der Stimmführer der Flöten **Wolfgang Ritter**. Im Menuett explodiert der Tanz förmlich mit einem zugleich luftig wie männlich-markant aufspielenden Trio. Dabei spielt der Klarinettist **Gaspare Buonomano** mit aller italienisch-Wienerischen Eleganz. Im Andante steuert das Fagott von **Magnus Koch-Jensen** die zauberhafte Kantilene bei. Auch im Duett mit **Sonja Starke.** Im Finale gestaltet **Blomstedt** mit dem meisterhaft spielenden Orchester eine perfekte Terrassendynamik und ruft bei den Mitgliedern des auf der Stuhlkante musizierenden Orchestere Lächeln und Freude in die Gesichter. Selbstverständlich dirigiert **Blomstedt** den **Mozart** ebenso wie den Bruckner auswenig. Nur ein kleines rot eingeschlagenes Heft auf dem Pult bezeugt die Demut des lediglich ausführenden Kapellmeister-Dirigenten vor der Komposition und dem Komponisten.

Zu **Bruckner** hatte **Herbert Blomstedt** bereits als junger Student vor bald 70 Jahren ein besonderes Verhältnis. Mit seinem älteren Bruder pfiffen sie nach einem Besuch der Vierten Sinfonie **Bruckners** die Themen nach, um sie nicht zu vergessen, und bei den schönen Stellen klopften sie sich gegenseitig leicht auf die Knie. Die Auseinandersetzung mit **Bruckner** war für **Blomstedt** *"anfangs - bevor die intellektuelle Aufarbeitung kam - vor allem ein sehr emotionales, fantastisches Erlebnis*", das ihn seitdem nicht los gelassen hat. (zitiert nach dem Programmzettel) Genauso ergeht es sicher den meisten Hörern beim erstmaligen Besuch einer **Bruckner-Sinfonie.**

![Elbphilharmonie Hamburg / Herbert Blomstedt © Patrik Klein](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/01/blomstedt-2-foto-patrik-klein.jpg "Elbphilharmonie Hamburg / Herbert Blomstedt © Patrik Klein")

Elbphilharmonie Hamburg / Herbert Blomstedt © Patrik Klein

Und dieses großartige emotionale Erlebnis garantiert heute **Blomstedt,** wenn er auf der ganzen Welt immer wieder Bruckner dirigiert, wie an diesem unvergesslichen Abend in Hamburg mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester.

Wenn der Bruckner-Kritiker **Hanslick** 1877 das gehässige Verdikt über die ***Dritte*** ausspricht, sie sei eine "Vision, wie Beethovens 'Neunte' mit Wagners 'Walküre' Freundschaft schließt und endlich unter die Hufe ihrer Pferde gerät" (Programm, S. 9), so empfinden wir das heute in der meisterlichen Interpretation durch Blomstedt als Kompliment. Den ersten großen Satz der Dritten als Sonatensatz mit drei Themengruppen in der Exposition gestaltet **Blomstedt** bereits im Trompetensignal (hervorragend **Guillaume Couloumy**) über dem pulsierenden Klangteppich der herausragenden Streicher unter Konzertmeister **Stefan Wagner** \- *nomen est omen,* kann man hier sagen - als erhabene festliche "Welt-Enstehungsmusik". **Blomstedt** gelingt dabei gestalterisch auf das Faszinierendste den ganz großen Bogen zu schlagen zur Wiederkehr des signalartigen Trompetenmotivs in den letzten Takten des Finales und triumphalen Zieles der gesamten Sinfonie. Die wuchtigen Blechbläsersteiherungen lassen den Zuhörer den Atem anhalten (Hörner mit **Jens Plücker,** Posaunen mit **Stefan Geiger** und **Uwe Leinbacher** (Bassposaune). Ähnlich wie in **Mozarts** *Es-Dur Sinfonie* atmet **Bruckners** Scherzo des 3\. Satzes in der Ländler-Melodie des 2\. Abschnitts und im Trio im Dreiertakt Wiener Eleganz. Wie in einer **Bruckner-**Sinfonie zeichnen diese Querbezüge immer auch die Konzertprogramme **Blomstedts** aus.

Im Finale kombiniert **Bruckner** Sphären des mit grober Pranke dreinschlagenden Hauptthemas mit einer charmant schmeichelnden Polka und einem Choral der Hörner (**Jens Plücker, Dave Claessen, Adrian Diaz Martinez,** besonders **Nuria Rodrigez** hervorragend!). Alle Themen der vorherigen Sätze spielt Bruckner kurz vor Schluss des Finales nochmals kurz an. Dies wirkt innerhalb der Sinfonie wie eine Reminiszenz auf das vorhergehende Geschehen und erlaubt dem Zuhörer gedanklich gleichsam sich der vielen großartigen Momente eines Elphi-Jahres zu erinnern.

Mit enormer geistiger Wachheit, körperlicher Präsenz, Herzlichkeit und manchmal bübischer Fröhlichkeit, charmant, nobel und uneitel dirigiert Herbert Blomstedt als absolute Ausnahmeerscheinung unter den Dirigenten unserer Zeit mit Konzentration auf Wesentliche, größtmöglicher Präzision und geradezu hartnäckiger Durchsetzung seiner ästhetischen Anschauungen nicht nur **Mozart** und **Bruckner**. Sondern ebenso souverän und fröhlich stellt er sich auch den dankbaren Ovationen und dem Beifallsorkan des Hamburger Publikums.

Ein schöneres Geburtstagsgeschenk konnte Chefdirigent **Herbert Blomstedt** mit dem **NDR Elbphilharmonie** Orchester den Hamburgern und vielen Besuchern von weit her nicht machen. Das Konzert wurde aufgezeichnet und im **NDR** übertragen.

\---| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |---