> ## Content Index
> Fetch the complete content index at: https://www.ioco.de/llms.txt
> Use this file to discover other available public pages before exploring further.

# Hamburg, Elbphilharmonie, Cecilia Bartoli betört mit Vivaldi, IOCO Kritik, 12.12.2018
- URL: https://www.ioco.de/hamburg-elbphilharmonie-cecilia-bartoli-und-ihr-vivaldi-album-ioco-kritik-12-12-2018/
- Published: 2018-12-13T08:00:28.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:50:55.000Z
- Author: Michael Stange
- Tags: Konzert & Liederabend, Premieren, Premiere, johann sebastian bach, Pressemeldungen & Nachrichten, Hamburg

[Elbphilharmonie Hamburg](http://www.elbphilharmonie.de/?ref=ioco.de)

![ Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Kulturstätte © Ralph Lehmann](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/01/grand_opening_elbphilharmonie_rihm_foto_ralph_larmann_1neu.jpg)

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Kulturstätte © Ralph Lehmann

# **Cecilia Bartoli betört mit Vivaldi** 

Von **Michael Stange**

Mit **Cecilia Bartoli** stand in der **Elbphilharmonie** am 10.12.2018 eine der beeindruckendsten und wandlungsfähigsten Opernsängerinnen unserer Zeit auf dem Konzertpodium.

Neben ihrem, mit virtuosen, Koloraturarien gespickten **Vivaldi-Album,** das sie vor zwanzig Jahren veröffentlichte, stellte sie in diesem Jahr den inwendigen, seelenvollen **Vivaldi** vor.

**Antonio Vivaldi** Opern bergen immense gesangstechnische Herausforderungen. Ohne die fulminante Gesangs- und Atemtechnik der damals auf den Opernbühnen herrschenden Kastraten sind die Stücke nicht zu bewältigen. Ihre „*Knabenstimmen in Männerkörpern“* verfügten über erhebliches Atemvolumen und die Kraft für die virtuos verzierten Arien. Sängerinnen, die dieses Repertoire heute singen, müssen virtuoseste Herausforderungen meistern und benötigen dafür eine stupende Gesangstechnik.

Mit Mezzotiefe, glitzernden, geläufigen Koloraturen, eindrucksvoller seelischer Wandlungs- sowie Darstellungsfähigkeit, immenser Spiel- und Lebensfreude sowie der Sonne im Herzen interpretierte Cecilia Bartoli die verschiedenen Rollen und ihre zahlreiche Zugaben.

![Antonio Vivaldi - Denkmal in Wien © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/12/vivaldi-denkmal-neuneu.jpg)

Antonio Vivaldi - Denkmal in Wien © IOCO

Ihre weitgefächerte stimmlichen Farbpalette, ihre immense Ausdrucksfähigkeit, die superbe delikate Tongebung und ihre Musikalität machen den Abend zu einem Hochgenuss. Neben im neuen Decca Album enthaltenen Arien wurden weitere Raritäten präsentiert.

Am Anfang von **Cecilias Bartolis** Auftritt stand die Vogel-Arie *„Quell’augellin“*. Dort singt ein Vöglein in der Gefangenschaft von Freiheit und seiner geliebten Buche. **Bartoli** gestaltet die Vogelarie in verhaltener Mezzavoce. Koloraturgewandt, kunstvoll und mit melancholischem Ton zeichnet sie ein rührendes Portrait, dass sie in den Textwiederholungen einfühlsam und ausdrucksvoll variiert und steigert.

Wenig später beklagt sie in *„Vedro con mio diletto"* aus **Giustino** mit schmerzerfüllter Stimme das Fernbleiben des Geliebten. Melancholische Stimmfärbung und schwebendes, melancholisches Piano lassen das Publikum an Sehnsucht und Seelenqual teilnehmen. Auch hier wird die Darstellung im Verlauf der Arie immer ausgefeilter und nuancierter. Koloraturen im Piano und **Bartolis** seelenvoller Gesang lassen ein todesnahes Klagelied ertönen.

In der Rachearie *„Se lento ancora il fulmine"* aus **Argippo** spielt **Cecilia Bartoli** ihre dramatischen Trümpfe aus. Furchteinflößend ihr Ruf nach Rache, anrührend ihr Angebot an den Geliebten zur Versöhnung. Hier zeigt sie, dass sie auch die feurigen Attacke im Forte meisterlich beherrscht und überaus dramatisch ihre Stimmmittel einsetzen kann.

![Georg Friedrich Händel Westminster Abbey © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/12/georg-friedrich-haendelneuneu-1.jpg)

Georg Friedrich Händel Westminster Abbey © IOCO

Neben dem mit weiteren Vivaldi-Arien ohnehin schon umfangreichen Programm folgten zahlreiche Zugaben. Am Beginn stand die Rache-Arie der **Zauberin Melissa** aus **Händels** **Amadigi di Gaula:** *„Desterò dall' empia Dite".* Atemberaubende Koloraturen und ein Wettkampf mit der Trompete waren eine weitere Delikatesse des Konzerts. An die introvertiert vorgetragene Arie Cherubinos *„Voi che sapete"* aus **Mozarts *Le nozze di Figaro*** reihte sich die italienische Canzone „*Non ti scordar di me".*

Die Krone der Zugaben war dann die Arie *„A facile vittoria"* aus **Agostino Steffanis *Tassilone.*** Hier liefert sich **Bartoli** eine weitere urkomische Bataille mit dem Trompeter Thibaud Robinne. Natürlich ging daraus **Cecilia Bartoli** als virtuose spitzbübische Siegerin hervor. Ihre biegsame in sphärische Höhen aufsteigende Stimme bot der Trompete brillant bei jedem Tempo, jeder Melodie und jeder Tonlänge Paroli. So kapitulierte Robinne für diesen Moment.

**Cecilia Bartoli,** das gesamte Ensemble und Robinne blieben aber gemeinsame Sieger. Sie überzeugten fulminant und nahmen das Publikum mit einem furiosen Abend für sich ein. Was für eine immense Musikalität, atemberaubende Stimmtechnik und die einzigartige Identifikation mit den portraitierten Rollen! Jede Arie und jedes Orchesterstück waren Kleinode und eine Reise zu den Schätzen Vivaldis.

Ein weiterer Clou war nach der Pause, dass **Cecilia Bartoli** beim Besingen des Bachs in der Arie „*Zeffiretti che sussurrate“* aus: ***Ercole su’l Termodonte*** durch die Galerie flanierte, sich auch den hinter ihr sitzenden Besucherinnen und Besucher zeigte und ihre tragfähige Stimme von jeder Stelle in den Saal strömen ließ und während des Singens auf das Podium zurückkehrte.

Wesentlichen Anteil an diesem grandiosen Ereignis hatten die ***Musiciens du Prince*** – Monaco unter **Gianluca Capuano.** Sie begleiteten **Bartoli** intensiv und spielfreudig. Gesang und Instrumente waren stets in berückendem Dialog und harmonierten betörend.

In den Auszügen aus **Vivaldis** *"Le quattro stagioni"* und den Konzerten für Violine, Streicher und Basso continuo op. 8, Nr. 1-4 hatte das aus 23 Musikern bestehende Ensemble Gelegenheit, seine solistischen Qualitäten zu beweisen. Scharfe, federnde Rhythmen, stürmende Bläser, sinnliche Streicher, eine virtuose Orchesterführung und die immense technische Beherrschung der Instrumente bewiesen die kompositorischen Qualitäten und die blitzenden Inspirationen Vivaldis.

*Das Publikum bedankt sich frenetisch mit stehenden Ovationen*

Der Abend warf die Frage auf, warum die Wiederentdeckung **Vivaldis** so lange gebraucht hat. Grund dafür war, dass erst 1927 seine Original Handschriften der Partituren aus Privatbesitz in die Nationalbibliothek Turin überführt wurden. Danach begann eine langsame Reise zu seinem Werk. Partituren waren zuvor allenfalls in wenigen Bibliotheken verfügbar, veröffentlichte Exemplare waren kaum greifbar und daher weitgehend unbekannt. Bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war Vivaldis Opernschaffen im Wesentlichen in Deutschland renommierten Musikwissenschaftlern wie **Hellmuth Christian Wolff** bekannt. Auch die Wiederentdeckung der Orchesterwerke Vivaldis begann mit Bach-Experten des neunzehnten Jahrhunderts Julius Rühlmann. Wolff widmete der venezianischen Oper 1937 seine Dissertation und fasste 1968 in einem Artikel für Acta Musicologica den Forschungsstand zu den Opern Vivaldis zusammen. Durch Schallplatten aus den USA wurde mit der Aufnahme der Oper La Fida Ninfa beim Label VOX 1964 erstmals einem breiten Publikum die Entdeckung Vivaldis als Opernkomponist ermöglicht.

Hoffentlich war dieser Abend auch ein Zündfunke für andere norddeutsche Opernhäuser als die Hamburger Kammeroper das Opernschaffen **Vivaldis** konzertant oder szenisch in den nächsten Jahren zu beleben.

\---| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |---