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# Hamburg, Elbphilharmonie, Britain Calling - Double Feature, IOCO Kritik, 10.10.2019
- URL: https://www.ioco.de/hamburg-elbphilharmonie-britain-calling-double-feature-ioco-kritik-10-10-2019/
- Published: 2019-10-09T16:00:22.000Z
- Updated: 2025-01-28T14:45:42.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Kritiken, Oper & Operette, Hamburg

![Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/01/grand_opening_elbphilharmonie_rihm_foto_ralph_larmann_1neu.jpg)

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

[Elbphilharmonie Hamburg](http://www.elbphilharmonie.de/?ref=ioco.de)

# *Britain Calling - Double Feature*City of Birmingham Symphony Orchestra - Mirga Gražinyte-Tyla

von **Andreas Witzig**

**Britain Calling,** so lautet der Titel eines einwöchigen Festivals der **Elbphilharmonie** Hamburg rund um **Mirga Gražinyte-Tyla** und das **City of Birmingham Symphony Orchestra.** Bereits vor dem Eingang zum Großen Saal ist themengerecht gleich eine originale englische Telefonzelle aufgestellt. **IOCO** hat die ersten beiden Konzerte im Großen Saal besucht. Und dies vorweg: Die sehr hohen Erwartungen wurden mehr als erfüllt!

***Montag 7\. Oktober - "Mitten im Zweiten Weltkrieg"***

Zunächst betritt **Elphi** Intendant, **Christoph-Lieben-Seutter** die Bühne und teilt dem Publikum mit, dass zwecks Erstellung einer CD ein Mittschnitt erfolge. Mit viel Wiener Schmäh bittet er daher darum, das sonst üblich gewordene Husten zwischen den Sätzen soweit möglich zu unterlassen. Das führt beim Publikum zu einer gewissen Heiterkeit, hat aber dann doch im Verlauf des Konzerts den gewünschten Effekt.

Die *Sinfonia da Requiem op. 20* von **Benjamin Britten** wurde inmitten des Zweiten Weltkriegs in den USA komponiert. Anders als der Name erwarten lässt, kommt der Chor hier noch nicht zum Einsatz. Dafür tritt das Orchester in sehr großer Besetzung an, unter anderem mit sechs Schlagwerkern. Diese sind in dem Stück viel beschäftigt, so beginnt es mit donnernden Paukenschlägen, gefolgt von einem sanften Piano der Celli und Bratschen. Bereits hier begeistert **Mirga Gražinyte-Tyla** (für die selbst im offiziellen Programm der **Elbphilharmonie** überwiegend nur ihr Vorname verwendet wird) mit ihrem präzisen Dirigat. Niemals - und das zieht sich durch beide Abende - entsteht der Eindruck, dass das Orchester einfach vor sich hinspielen darf, **Gražinyte-Tyla** weist stets alles detailliert an, begleitet und unterstützt. Und das Orchester bedankt sich dafür mit einer ungeheuren Präzision des Spiels. Besonders erwähnenswert sind die mühelosen Einsätze der sieben Hörner. Nachdem die Sinfonia verklingt, folgen fünf Sekunden andächtiger Stille vor dem Applaus. Nicht nur das Publikum, auch **Gražinyte-Tyla** ist sichtlich sehr zufrieden mit der Leistung ihres Orchesters.

![Elbphilharmonie Hamburg / City of Birmingham Symphony Ochestra und Solisten © Daniel Dittus](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/10/191007_birmingham_symphony_orchestra_c_daniel_dittus_07neu.jpg)

Elbphilharmonie Hamburg / City of Birmingham Symphony Ochestra und Solisten © Daniel Dittus

Es folgt das Oratorium ***A Child of Our Time*** von **Michael Tippett.** Auch dieses Werk wurde im Zweiten Weltkrieg komponiert, es verarbeitet die Ereignisse rund um die Reichskristallnacht 1938\. Ein ergreifendes Stück,für das **Tippet** auch fünf Spirituals in Choralform umgeschrieben hat. Das Orchester tritt nun in kleinerer Besetzung auf, dafür wird es unterstützt vom über 100 Personen starken Chor und vier Solisten. Der Chor ist im Block G hinter dem Orchester platziert und singt über dieses hinweg. Damit entfallen auch die sonst in der **Elbphilharmonie** manchmal angemerkten Akustikprobleme bei Singstimmen.

Überhaupt die Akustik der **Elbphilharmonie:** sie ist an beiden Abenden mit diesem Orchester überragend! Selbst das Aufstehen des Chors ist als leichtes Flüstern vernehmbar. Und Dank des hervorragenden Dirigats durch **Gražinyte-Tyla** kein einziger Klatscher des Publikums zwischen den Teilen des Stücks, sondern gebannte Stille.

Auch in diesem Stück überlässt die Dirigentin nichts dem Zufall, die Lautstärke wird stets präzise eingesteuert. Herausragend sind das Pianissimo der Streicher im Spiritual ***Nobody knows*** und im Kontrast dazu das Fortissimo der Hörner und Posaunen bei ***Go down, Moses***. Bei letzterem Spiritual klingt - vom Chor perfekt gesungen - die komplette Verzweiflung über die Verfolgungen mit. Das Publikum ist sichtlich ergriffen.

Das abschließende Spiritual ***Deep River*** klingt eher wie ein Schlusschoral, am Ende nur noch begleitet von wenigen Streichern - dann wieder Stille, bevor der Schlussapplaus einsetzt.

**Dienstag, 8\. Oktober - „Frauenpower“**

Der Abend wird er von der **Elbphilharmonie** angekündigt als ***Frauenpower*** \- neben der Dirigentin tritt die Startrompeterin **Alison Balsom** auf, außerdem wurden zwei der drei Stücke des Abends von Frauen komponiert.

![Elbphilharmonie Hamburg / Britain Calling - hier : Alison Balsom © Daniel Dittus](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/10/191008_alison_balsom_c_daniel_dittus_neu.jpg)

Elbphilharmonie Hamburg / Britain Calling - hier : Alison Balsom © Daniel Dittus

Wieder zeigt **Gražinyte-Tyla** ihr hervorragendes Dirigat. Wieder wird nichts dem Zufall überlassen. Stets präsent gibt die Dirigentin präziseste Anweisungen an das Orchester, das auch die kleinsten Hinweise umsetzt. Schon im ersten Stück, der Sinfonie Nr. 2 von **Ruth Gipps,** begeistern die weichen Holzbläser, die präzisen Blechbläser und die Streicher mit einem wundervollen Piano.

Im nachfolgenden Konzert für Trompete und Orchester von **Thea Musgrave** zeigt **Alison Balsom**, für die das Stück komponiert wurde, was mit der Trompete alles möglich ist. Mit größter Leichtigkeit werden auch schnellste und höchste Passagen mühelos wirkend gespielt. Beim Wechselspiel mit dem Orchester wendet sich die Trompeterin jeweils dem führenden Gegenpart zu, darunter dem hervorragenden Klarinettisten und dem von der Seite eintretenden Trompeter. Der unglaublich hohe Abschlusston des Konzerts wird von Alison Balsom perfekt und leicht gehalten.

Den Abschluss bildet die *Troilus and Cassina Suite* von **William Walton.** Und wieder das gleiche Bild: perfektes Dirigat und hervorragendes Orchester. Besonders herauszustellen sind in diesem Stück die wunderbaren Soloteile der ersten Geigerin und des ersten Cellisten sowie der ersten Flötistin. Und auch hier wieder gebannte Stille des Publikums in den Pausen zwischen den vier Teilen des Werks.

Nach dem Schlussakkord möchte das begeisterte Publikum nicht enden mit seinem Applaus. **Gražinyte-Tyla** bedankt sich dafür beim Publikum in sehr gutem Deutsch und entschuldigt sich für das Ausbleiben einer Zugabe mit dem Hinweis auf die im weiteren Verlauf des Abends vom Orchester noch aufzunehmenden Teile für die CD. Auf dieser CD sei dann vom kaufenden Besucher neben dem Orchester vielleicht sogar das eigene Atmen zu hören. Charmanter geht Marketing wohl kaum.

Nach zwei begeisternden Abenden freut sich ***IOCO*** bereits jetzt auf den nächsten Auftritt von **Mirga Gražinyte-Tyla** und dem **City of Birmingham Symphony Orchestra** in der Elbphilharmonie.

\---| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |---