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# Halle, Theater Halle, Fidelio von Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 20.09.2017
- URL: https://www.ioco.de/halle-theater-halle-fidelio-von-ludwig-van-beethoven-ioco-kritik-20-09-2017/
- Published: 2017-09-21T07:00:28.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:41:10.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Beethoven, Karten, Fidelio, Halle

![halle.jpg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/halle.jpg "Theater und Orchester Halle")

[Bühnen Halle](https://buehnen-halle.de/start?ref=ioco.de)

![Oper Halle © Bühnen Halle / Falk Wenzel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/05/oper-halle-c-archiv-buehnen-halle_2.jpg " Oper Halle © Bühnen Halle / Falk Wenzel")

Oper Halle © Bühnen Halle / Falk Wenzel

# ***Fidelio* von Ludwig van Beethoven**

**"Das "narzistische" Stadttheater. Volten über das Thema Freiheit"**

Von **Guido Müller**

![Ludwig van Beethoven in Bonn © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/09/ludwig-van-beethovenneu2017.jpg "Ludwig van Beethoven in Bonn © IOCO")

Ludwig van Beethoven in Bonn © IOCO

Wenn es im **Fidelio** was zu Lachen gibt, Slapstick, humanistischer und kapitalismuskritischer Ernst um einen diffizilen Freiheitsbegriff nebeneinander liegen, dann hat sich das derzeitige Enfant terrible des Kulturlebens der Händelstadt und Opern-Intendant **Florian Lutz** der feierlichen Sache von Beethovens musikalisch heterogener, mit dramaturgischen und textlichen Schwächen behafteter Hymne auf Gattentreue und Freiheit angenommen.

Diese Inszenierung stellt das sonst kaum reflektierte abstrakte Problem der Endfassung von ***Fidelio*** ins Zentrum, dass die Rettung des Individuums (Staatsgefangener ***Florestan***) und die Erringung der Freiheit nicht durch die Frau (***Leonore*** bzw. ***Fidelio***) sondern letztlich in fast religiöser Überhöhung ("Heil!") nur durch eine höhere politische Macht (der Auftritt des "Ministers") und Gerechtigkeit wie Wiederherstellung der (alten?) Ordnung ermöglicht wird.

Die "Große Oper" ***Fidelio*** befragt den Freiheitsbegriff in allen Facetten. Und das gelingt dem Team um Florian Lutz durch eine sehr sinnliche, kurzweilige, vor Einfällen sprühende, überaus opulent ausgestattete und vor allem zum Schluß der Oper oft die Aufmerksamkeit durch die Reizüberflutung der Video- und Texteinspielungen überfordernde Inszenierung.

Im zweiten Aufzug tritt das selbstironisch gezeichnete Ebenbild des in seinem Büro Akten und Bilanzen wälzenden und zugleich die Oper ***Fidelio*** mit der Darstellerin der ***Leonore*** inszenierenden Intendanten **Florian Lutz** gleich selber auf als **Florestan,** zusammen mit Kopien seiner beiden Dramaturgen im Kerker des kapitalistischen Effizienz- und Spardrucks auf die Kultur: *"Oh welch Dunkel hier"*. Der singende, inszenierende und managende Intendant in einer Person. Ironischer Stadttheater-Narzismus. Von Depression keine Spur.

![Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/09/fidelio_ffwneu3.jpg "Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel")

Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel

Bereits zu Beginn der Oper hatte der kulturpolitische Manager-Geschäftsführer im üppigen Ancien-Regime-Kostüm mit Allonge-Perücke (***Don Pizzaro:*** **Gerd Vogel**) über Video seine neoliberale Botschaft vom Ende des Wohlfahrts- und Kulturstaats verkündet: und somit auch vom Ende des *"narzistischen Stadttheaters"* \- ein Seitenhieb auf den Aufsatz des Geschäftsführers der **Theater, Oper und Orchester Halle GmbH** **Rosinski** über das "depressive Staatstheater". Anschließend beim Gefängnispersonal vulgo Sängerpersonal des Stadttheaters setzt er es gleich auf der Bühne durch Freistellungen in die Praxis um

Mit diesem Kunstgriff der aktualisierten Zwischentexte, teilweise auf Videos, die sich im Subtext der kulturpolitischen Diskussion um die **Oper Halle** und die neue künstlerische Leitung beziehen, umgeht der Regisseur die Peinlichkeiten des Urtextes der Oper. Allerdings thematisiert **Lutz** bewußt mit einer Parodie auf die TV-Sendung "Bares für Rares" neue Peinlichkeiten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens im marktbestimmten Zeitalter des Ausverkaufs von Kultur und Geschichte.

![Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/09/fidelio_leonoreneu.jpg "Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel")

Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel

Diese Inszenierung nimmt zunächst nichts ernst außer der totalen Kunstform Oper, verkörpert in erster Linie durch die ergreifend und differenziert gerade auch im Lyrischen singende und die Lichtgestalt der Oper bravourös verkörpernde **Anke Berndt** als ***Leonore.*** Wie schon in ihren Wagner-Partien gefällt mir an dieser seit vielen Jahren dem Ensemble der **Oper Halle** angehörenden Sängerin ganz besonders, dass ihre Stimme nie dramatisch drückt sondern immer im Belcanto bleibt.

Zur Ouvertüre bricht sie im auf den Vorhang projezierten Video (**Iwo Kurze**) aus dem **Opernhaus Halle** aus in ihrer 30 Kilo schweren Rokoko-Prachtrobe (Kostüm: **Andy Besuch**) und mit riesigem Haaraufbau und irrt durch Halle und Schloßparks auf der Suche nach ihrem Mann Florestan im Gefängnis.

Das naturalistische Bühnenbild von **Martin Miotk** zeigt im ersten Aufzug ein schönes malerisches Piranesi-mäßiges Gebäude mit großer Treppe, Eisentoren und herumliegenden Skeletten. Eine Augenweide als wirklich prächtiges Staatsgefängnis! ***Leonore*** entschlüpft dem tollen Rokokokostüm, das in den Schnürboden gezogen wird und später zur Rettung der Kultur versteigert wird. Sie verkleidet sich als Mann um im Gefängnis arbeiten zu können.

Zur Rettung ihres Mannes sollte ***Leonore*** als ***Fidelio*** dann später im eleganten Gehrock der Beethoven-Napoleon-Zeit im zweiten Aufzug in den Kerker des im Untergeschoss liegenden Intendantenbüros eindringen. Dort zeigt sie sich durch die heutigen Interieurs von laufendem TV und Smartphone stark verstört. Oper nicht nur mit doppeltem Boden.

![Theater Halle / Fidelio © Detlef Kurth](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/09/fidelio_operhalle-neu.jpg "Theater Halle / Fidelio © Detlef Kurth")

Theater Halle / Fidelio © Detlef Kurth

Schließlich erschießt ***Leonore*** dort im wehenden Negligé à la **Wilhelmine Schröder-Devrient,** einer berühmten Verkörperung der Rolle im 19\. Jahrhundert, nicht nur den Tyrannen ***Pizarro*** sondern gleich danach alle Darsteller auf der Bühne einschließlich des Intendanten Florian ( Lutz ) alias ***Florestan.*** Ende der Oper?

Nein, dies ist nur eine der zahlreichen dialektischen und spielerischen Volten, die der Regisseur zunächst zum Amüsement und dann zur wachsenden Verwunderung und Empörung von Teilen des Publikums in dieser Inszenierung schlägt.

**Florian Lutz** zitiert damit sowohl ironisch das optisch opulente alte Opernspektakel eines **Jean-Pierre Ponnelle, Otto Schenk** oder **Michael Hampe,** das gar als verstaubtes Totengerippe auch ***Marzelline*** mal zum Tänzchen im wunderschön gemalten Kulissengefängnishof dient. Genauso nimmt er auch die Mätzchen des Regietheaters beispielsweise mit dem hundertfach abgedroschenen Chor der Herren im taubenblauen Blazern mit Smartphone und Aktenkoffer auf die Schippe, der als Touristengruppe den Gefangenenchor mit Kopfhörern und Textblättern singend und staunend das Gefängnis besichtigt. Eine Parodie auf die vielen Männerchor-Festkonzerte, in denen die "Hits" der Gefangenenchöre von Beethoven oder Verdi so schmalzig wie gedankenlos zum Besten gegeben werden

**Florian Lutz** ist ein dezidierter Gegner des überintellektuellen Dramaturgen-Regietheaters. Ich würde ihn eher als post-postmodernen Regisseur mit fast barock-rheinischer Lust an Sinnlichkeit und intellektuellem Spiel bezeichnen, wenn es denn eine Schublade sein soll. Bereits 2012 schrieb in der "***Deutschen Bühne***" **Detlev Brandenburg** anlässlich der Bonner "Norma" Inszenierung von **Florian Lutz** über diesen Inszenierungsstil: *"*Frank Castorf* begann früh damit, Stadttheater-Inszenierungen zu Theaterspektakeln von so radikaler Unmittelbarkeit zu machen, dass der Text nur noch sehr weit im Hintergrund das Geschehen inspirierte. Und Regisseure wie *Christoph Marthaler, Nicolas Stemann, Stefan Pucher, Matthias Hartmann* oder in der Oper *Hans Neuenfels, Peter Konwitschny, Sebastian Baumgarten* oder *Florian Lutz* sprengen das Erzählkontinuum durch heftig und unverhofft über die Zuschauer hereinbrechende ästhetische Ereignisse, die ihre Inszenierungen gleichsam performativ aufladen*." Ich sehe Florian Lutz durchaus in diesem Zusammenhang, auch wenn manche ihn gerade in Mitteldeutschland nicht in einer Linie mit dem "guten" "alten" Peter Konwitschny sehen wollen.

![Theater Halle / Fidelio © Detlef Kurth](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/09/fidelio_oper-halleneu.jpg "Theater Halle / Fidelio © Detlef Kurth")

Theater Halle / Fidelio © Detlef Kurth

Zum großen feierlich oratorienmässigen Schlußtableau des **Fidelio** (Chor und Extrachor grandios einstudiert von **Rustam Samedov**) tritt der Deus-ex-machina-Minister ***Don Fernando*** auf, verkörpert vom sowohl balsamisch wie auch autoritär markant singenden und in der **Oper Halle** in vielen Rollen bewährte Bass **Ki-Hyun Park.** Da denkt man unverzüglich, ob auch die in argen finanziellen Nöten steckende Theater-Opern-Orchester-Halle-GmbH am Ende durch ein Eingreifen des Landes Sachsen-Anhalt gerettet wird.

Dazu werden ununterbrochen vor dem Chor, der in eleganter und opulenter Ancien-Regime-Garderobe mit hohen Perücken auf dem Podest gestaffelt ist, und vor den davor posierenden Solisten auf den durchsichtigen Gazevorhang in Videosequenzen Stimmen und Texte von Bürgern in Halle zu ihren individuellen Begriffen und Erfahrungen von und mit Freiheit und Beziehungen eingespielt. Diese starke Collage zur Musik hat mich in der Wechselwirkung ganz stark berührt.

Das löste sichtlich bei einem Teil der Zuschauer ganz andere emotionale Reaktionen aus, die empört brüllen *"Wir wollen Musik hören!"* oder *"Das ist nicht Beethoven!"* Einen solchen Opernskandal hat das **Opernhaus Halle** schon lange nicht mehr erlebt. Mit diesem Spiegel der sehr persönlichen Meinungen von Menschen auf den Straßen von Halle in den Videos entwickeln einige Besucher sichtlich großes Unbehagen. Als sich das Regieteam um **Florian Lutz** daher zum Schlußapplaus dem Publikum stellt, wird es mit zahlreichen Buh-Rufen empfangen, auf die laute Bravo-Rufe und starker Beifall antworten.

**Christopher Sprenger** leitet die **Staatskapelle Halle** mit frischem und geschwinden Zugriff passend zur Inszenierung. Das Pathetische wird durchgängig vertrieben, schon indem auf die sonst immer als Zwischenmusik vor dem Schlußbild verwandte dritte Leonoren-Ouvertüre mit dem berühmten Trompetensignal verzichtet wird. Während zu Beginn die Bläser schon mal leicht wackeln gelingt der Schlußchor mit dem Orchester trotz schwieriger Sichtverhältnisse grandios abgestimmt und überwältigend schön musiziert. Das zeigt Sprengers Begabung in der Koordinierung großer Chorszenen mit den Solisten und dem Orchester, die er schon im Luther-Projekt mit den Bach-Kantaten an der **Oper Halle** gezeigt hatte.

![Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/09/fidelio_ffwneu.jpg "Theater Halle / Fidelio © Detlef Kurth")

Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel

**Ines Lex** als **Marzelline** singt sich mit ihrem glockenhellen Sopran und ihrer Spielfreude in die Herzen der Zuschauer und erhält den stärksten Beifall - sicherlich nicht zuletzt auch dank ihres entzückenden Zofenkostüms. **Jaquino** wird von **Robert Sellier** sowohl als Liebhaber wie in einer akrobatischen Paketnummer als DHL-Bote sehr präsent dargestellt und differenziert gesungen. **Gerd Vogel** im Prachtkostüm des Pizarro und als gefährlicher kalter Geschäftsführer vermag nach leichter Unsicherheit in der Auftrittsarie, die der Premierennervosität geschuldet sein mag, das dunkle und bedrohliche Profil seiner Rolle prägnant und präsent zu verkörpern. Der einzige Gast **Hans-Georg Priese** in der Rolle des **Florestan** strahlt vor allem in seiner Auftrittsarie mit eindrucksvollem tenoralen Glanz und lyrischer Differenzierung. Er fügt sich sehr gut ins Ensemble ein.

Der **Rocco** von **Vladislav Solodyagin** liefert mit flexiblem und tonschönem Bass nicht nur eine beeindruckende Studie eines Goya-mässigen Gefängniswärters sondern auch die eines zeitgenössischen Sicherheitsbeamten.

Zum Spielzeitauftakt zeigt die **Oper Halle** einen unterhaltsamen und stellenweise witzigen, opulenten ***Fidelio,*** voller ironischer Anspielungen auf die kulturpolitische Gefährdung der Oper in der Saalestadt und kluger Überlegungen zum Thema Freiheit und was Kunst im 21\. Jahrhundert darf. Die musikalische Qualität ist solide und zeigt die hohe Qualität des Ensembles und wird sich in den Folgevorstellungen sicher noch steigern. Unbedingte Besuchsempfehlung!

***Fidelio*** an der **Oper Halle:** Nächste Vorstellungen am 24.9., 22.10., 28.10., 15.11., 9.12., 25.12.2017, 5.1., 14.1.2018

\---| IOCO Kritik Theater und Orchester Halle |---