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# Halle, Händel - Festspiele, 2017 : Barocke Kriege in Oper und Oratorien, IOCO Aktuell, 02.07.2017
- URL: https://www.ioco.de/halle-haendel-festspiele-2017-2108-barocke-kriege-in-oper-und-oratorien-ioco-aktuell-02-07-2017/
- Published: 2017-07-04T07:00:22.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:39:46.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Karten, Haendel, Halle

![halle.jpg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/halle.jpg "Theater und Orchester Halle")

[Theater und Orchester Halle](http://buehnen-halle.de/?ref=ioco.de)

![Oper Halle © Falk Wenzel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/05/oper_halle_ffw3610_komp_foto_falk-wenzelneu.jpg "Oper Halle © Falk Wenzel")

Oper Halle © Falk Wenzel

# ***Die Händel-Festspiele in Halle an der Saale***

**Barocke Kriege in Oper und Oratorium, dazu Händel-Pastete vom Feinsten**

Von **Guido Müller**

![Händel Logo © Händel Festspiele Halle](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/07/haendel-logo-neuneu.jpg "Händel Logo © Händel Festspiele Halle")

Händel Logo © Händel Festspiele Halle

Im Juni 2017 sind in Halle die **Händel-Festspiele 2017** zu Ende gegangen. In über hundert Veranstaltungen widmeten sich diese **Händel Festspiele** dem Thema ***Original oder Fälschung*** mit einem besonderen Schwerpunkt auf Oratorien. Aber auch die Oper kam nicht zu kurz. Das letzte Händel-Oratorium ***Jephta*** wurde dann auch zur Eröffnung in der Oper von Halle szenisch aufgeführt. Eine Besprechung bei **IOCO** folgt zur Wiederaufnahme bei den kleinen **Festspielen Händel** im Herbst im November 2017 in der Saalestadt.

Zur bewährten Programmdramaturgie der **Händel-Festspiele** gehört auch, den Vorjahresbeitrag der **Oper Halle** nicht nur im Herbst sondern auch im folgenden Frühsommer aufzunehmen. Diesmal ist es die Inszenierung des eher selten aufgeführten königlichen Familiendramas ***Sosarme*** (1732) durch **Philipp Harnoncourt,** Sohn des kürzlich verstorbenen Dirigenten **Nikolaus Harnoncourt**. Dieser bringt schon von zu Hause den Sinn für historische Aufführungspraxis mit, den er hier mit einer frechen, behutsam aktualisierenden Inszenierung verbindet, die aber nie gewaltsam aufgesetzt wirkt. **Bernhard Forck** dirigiert das **Händel-Festspielorchester Halle** auf historischen Instrumenten nach leichten Unsicherheiten zu Anfang in der ersten von zwei Vorstellungen dann doch schnell frisch, lebendig und inspiriert. Bald verbreitet das Händel-Festspielorchester Halle eine geradezu prickelnde barocke Stimmung zwischen Orchestersolisten und Sängern.

Die Inszenierung von **Harnoncourt** bietet szenischen Spielwitz und Selbstironie, so daß das junge Sängersensemble sichtlich mit viel Spaß agiert. Geschickt werden auch die Wiederholungsteile der Dacapoarien mit immer neuen lebendigen Einfällen aufgepeppt, so dass nie Langeweile in dieser sprühenden Inszenierung aufkommt. Auch in **Sosarme** steigert zudem **Händel** in der komplizierten königlichen Familiengeschichte im geschickten Wechsel der langsamen und schnellen Arien und der Stimmfarben der Protagonisten von Szene zu Szene die Dramatik. In dieser Oper geht es **Händel** schon deutlich weniger um die Demonstration der enormen stimmlichen barocken Verzierungsakrobatik wie in seinen frühen Heldenopern sondern um psychologischen Gefühlsausdruck, der auf Vorklassik und Klassik hindeutet. Bei **Händel** spielt die Handlung im antiken Kleinasien. Für seine Zeitgenossen waren Parallelen der Handlung zum Konflikt zwischen dem englischen König und dem ***Prinzen von Wales*** deutlich erkennbar. Die Inszenierung in Halle verlegt das Ganze in eine leicht trostlose britische Vorstadtsiedlung, die nach Angriffen von Jugendbanden so bürgerkriegsmäßig herunter gekommen wirkt wie ein Londoner Vorort nach den gewalttätigen Jugend-Unruhen nach der Jahrtausendwende. Schließlich ist zu Beginn im Libretto auch von einer hungernden Bevölkerung in einer belagerten Stadt die Rede, die es zu befreien gilt.

![Händel Festspiele Halle / Michael Taylor als Argone mit Komparsen © Falk Wenzel, Theater Oper und Orchester Halle](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/07/haendel-festspiele-bild-1neu.jpg "Händel Festspiele Halle / Michael Taylor als Argone mit Komparsen © Falk Wenzel, Theater Oper und Orchester Halle")

Händel Festspiele Halle / Michael Taylor als Argone mit Komparsen © Falk Wenzel, Theater Oper und Orchester Halle

**Michael Taylor** stellt mit seiner betörenden Countertenorstimme den aufsässig-revoltierenden Königssohn ***Argone*** in Lederjacke dar, der nach anfänglichem Zögern seine Jugendgang zum Krieg anstiftet. Ihm zur Seite stehen der Vater ***König Haliate,*** treffend tenoral durch Robert Sellier charakterisiert, und dessen engster Berater und Intrigant ***Altomaro,*** den **David Ki Hyun Park** mit betörendem tiefen und bedrohlichen Bass gestaltet. Die junge Altistin **Julia Böhme** verleiht dem unehelichen Sohn ***Haliates*** und Enkel **Altomaros, Melo**, ein edles tiefes und samtiges Timbre. Auf der Gegenseite stehen die ***Braut Elmira*** und ihr leicht verträumt gezeichneter, edelmütiger und friedfertiger königlicher Geliebter ***Sosarme.*** Unterstützung findet das Paar bei der Gattin des Königs und Mutter des rebellischen ***Argone.*Henriette Gödde** verkörpert für mich in dieser Aufführung diese Rolle der ***Erenice*** als leidende, mißhandelte Mutter und zugleich mutige Königin in besonders anrührender Weise. Stimmlich wie darstellerisch ist sie die eigentliche Hauptfigur der Oper. Ihr hat **Händel** besonders ausdruckstarke Arien gewidmet. Mein persönlicher Höhepunkt der Vorstellung war ihre stark berührende Darstellung in der tief traurigen Arie *"Cuor di madre e cuor di moglie"* im dritten Akt mit konzertierender Solo-Violine. Darin schildert sie ihre innere Zerrissenheit vor einem Duell zwischen Sohn und Ehemann so wie es nur **Händel** schafft.

![Händel Festspiele Halle / Benno Schachtner und Ines Lex © Falk Wenzel / Theater Oper und Orchester GmbH Halle](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/07/haendel-bild-1neu.jpg "Händel Festspiele Halle / Benno Schachtner und Ines Lex © Falk Wenzel / Theater Oper und Orchester GmbH Halle")

Händel Festspiele Halle / Benno Schachtner und Ines Lex © Falk Wenzel / Theater Oper und Orchester GmbH Halle

Ein weiterer Höhepunkt in der Aufführung ist das hinreißende Siciliano Andante-Duett im zweiten Akt zwischen ***Sosarme*** und seiner Braut ***Elmira.*** Der stilistisch wie in den Stimmfarben technisch perfekt seine Stimme nuancierende Countertenor **Benno Schachtner** und die gleichermaßen wunderbar lyrisch wie koloratursicher singende Ines Lex berühren dabei gesanglich ebenso stark wie sie das Publikum in glänzender Spiellaune immer wieder zu Szenenapplaus animieren. ***Sosarme*** wurde schließlich dem berühmten Kastraten **Senesino i**n die Gurgel geschrieben und ***Elmira*** der großen Händel-Diva **Anna Strada del Pò.** **Benno Schachtner** und **Ines Lex** erweisen sich deren vollkommen würdig. Der Regisseur lässt den im Kampfe fast tödlich verletzten **Sosarme** mit angehefteten Blutfetzen, den man je nach Bedarf abnehmen und wieder aufkleben kann, im Krankenbett mit Infusion im schmachtenden Liebesduett zur glucksenden Freude des Publikums auch mal mit seiner Braut unter die Bettdecke kriechen.

![Händel Festspiele Halle / Benno Schachtner als Sosarme © Falk Wenzel / Theater Oper und Orchester Halle](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/07/haendel-bild-3neu.jpg "Händel Festspiele Halle / Benno Schachtner als Sosarme © Falk Wenzel / Theater Oper und Orchester Halle")

Händel Festspiele Halle / Benno Schachtner als Sosarme © Falk Wenzel / Theater Oper und Orchester Halle

Insgesamt machte die Wiederaufnahme von ***Sosarme*** 2017 an der **Oper Halle** auch dem Publikum großes Vergnügen. Alle Sängerdarsteller wie das **Händel-Festspielorchester Halle** haben sich gegenüber 2016 noch einmalstark gesteigert.

**Biblisches Kriegsdrama und zwei starke Frauen.**

Neben **Händels** erstem Oratorium ***Esther*** und dem ***Messiah*** in der Dubliner und in der Londoner Fassung wurde in der voll besetzten Marktkirche von Halle **Händels** packendes Oratorium ***Deborah*** direkt an seinem Taufstein aufgeführt. Die zahlreichen Originalplätze der Händel-Zeit machen den großen Reiz der Festspiele in seiner Geburtsstadt aus. **Händel** komponierte das Werk 1733 ein Jahr nach ***Sosarme*** in großer Eile. So erlauben die Händel-Festspiele in Halle immer wieder interessante direkte Vergleiche zwischen seinen Werken. Auch nach seinen ersten Oratorien komponierte Händel nämlich auch noch weiter zwölf teilweise zu den wichtigsten seiner Opern zählende Werke wie ***Ariodante*** (1734), ***Alcina*** (1735) und ***Serse*** (1737). Auch in ***Deborah*** standen **Händel** mit **Anna Maria Strada del Po** als **Deborah** und **Senesino** als **Barak** die Gesangstars seiner Operncompagnie zur Verfügung. Daher war die Neugier des Londoner Publikums auf dieses Werk so groß, daß der kaufmännisch versierte **Händel** zum Ärger der Subskribenden die Preise für die Uraufführung erhöhte. Die ersten Aufführungen fanden dann auch nicht in einer Kirche sondern im **King's Theatre am Haymarket** statt. Das Oratorium wurde schon zu **Händels** Lebzeiten eines der beliebtesten in Großbritannien und noch **Mendelssohn-Bartholdy** schätzte das Werk sehr und führte es in einer eigenen Bearbeitung auf.

In Halle erleben wir einem zwanzigköpfigen Spitzenchor und ein Orchester aus Krakau, die **Capella Cracoviensis,** unter der dramatisch-bewegten musikalischen Leitung von Jan Tomasz Adamus mit durchgängig herausragenden Solisten. Für einen Händel-Liebhaber ist es faszinierend zu verfolgen, wie der Komponist eigene Chöre aus seinen **Coronation Anthems** oder Musik der **Brockes-Passion** nicht einfach nur recycelt sondern weiter entwickelt. Auch hier steht wie in vielen Oratorien **Händels** eine kriegerische Konfrontation aus dem *Alten Testament* \- hier zwischen Israeliten und Kanaaiten - im Mittelpunkt. Im Zentrum der Handlung stehen aber zwei mutige Frauen: die Prophetin ***Deborah*** und die junge ***Jael.***

**Händel** hatte mit seinem Librettisten **Samuel Humphreys** das englischsprachige Werk der englischen **Königin Caroline** gewidmet mit der Bemerkung, dass sie in dem Oratorium die alttestamentarische Heldin **Deborah** darstellten, wie sie für das Glück ihres israelitischen Volkes wirkte, sie würde jedoch von der Königin Großbritanniens übertroffen werden. Daher lobt das teilweise grausame Vorgänge schildernde Werk ganz besonders nachdrücklich und geradezu voremanzipatorisch den Heldenmut der Frauen. Der katalanische Countertenor **Xavier Sabata** singt wie gewohnt großartig den **Barak** und die Engländerin **Rebecca Bottone** die ***Deborah.*** Die Marokkanerin **Hasnaa Bennani** gestaltet mit glockenhellem Sopran die ***Jael.*** Diese junge Sängerin, die es in Zukunft zu beachten gilt, gewann 2011 den ersten Preis für Barockgesang im französischen Froville, eine der renommiertesten Auszeichnungen für Sänger im Bereich Alter Musik. Eine ebensolche äußerst positive Entdeckung war für mich der polnische Altist **Micha Czerniawski** als Bösewicht **Sisera,** der dem London **Händel Festival** besonders verbunden ist und gerade auf allen großen Alte-Musik-Festivals für Furore sorgt.

Der einzige Wermutstropfen für mich in diesem herrlichen Konzert war, dass zwischen der letzten Arie des ***Barak*** und dem großen auf Alleluja endenden Schlußchor das dramaturgisch äußerst wichtige Accompagnato-Rezitativ der ***Deborah*** gestrichen wurde. So etwas sollte bei einem Händel-Festival heutzutage vermieden werden, denn **Händels** Werke sind in allen Teilen musikalisch und dramaturgisch sehr bewusst so aufgebaut, dass nicht einfach Steine herausgebrochen werden können, ohne das Gleichgewicht zu zerstören.

**Bukolisch-barocke Marionetten-Helden-Operette.**

Im weiteren Verlauf der Händel-Festspiele gab es die Möglichkeit an drei Tagen **Händels** Dramma per musica ***Giustino*** von 1736 an einem besonderen Ort in einer einzigartigen Inszenierung und Atmosphäre zu erleben. Daher waren alle drei Vorstellungen schon lange im voraus ausverkauft.

![Goethe-Theater Bad Lauchstädt © Historische Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt GmbH](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/07/goethe-theater-haendel-festspiele-bild-4-1.jpg "Goethe-Theater Bad Lauchstädt © Historische Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt GmbH")

Goethe-Theater Bad Lauchstädt © Historische Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt GmbH

Im von **Goethe** persönlich konzipierten und fast unversehrt erhaltenen, gerade im Prozess der behutsamen gründlichen Restaurierung befindlichen **Goethe-Theater** im Kurpark von Bad Lauchstädt südlich von Halle wurde die selten gespielte Oper ***Giustino*** von einer Mailänder Marionetten-Truppe unter **Eugenio Monti Colla** aufgeführt. Da es sich bei dieser Oper eher um eine bukolische barocke Helden-Operette als ein Musikdrama mit psychologischem Tiefgang handelt, wo ein Hirte wie im Märchen nach vielen Abenteuern mit Bären und Seemonstern Vizekaiser von Byzanz wird und die Kaisertochter bekommt, bietet sich das Werk für eine solche Umsetzung mit Puppen besonders an. Händel hatte das Werk zeitgleich in einer Trias mit ***Arminio*** (den es 2015 und 2016 in Halle zu sehen gab) und ***Berenice*** (die 2018 in Halle zu sehen sein wird) verfasst.

Bereits 2011 hatte dasselbe italienische Puppentheater ***Carlo Colla e Figli*  Händels** frühe Ritter-Abenteuer-Oper ***Rinaldo*** mit großem Erfolg auf die Bühne des **Goethe-Theaters** gebracht und auf Tourneen gezeigt. Das entspricht der Tradition dieser Puppentheater, die bereits im 18\. Jahrhundert die großen Opern aus Neapel, Mailand oder Venedig mit den berühmtesten Kastraten und Sängerinnen in vereinfachter und verkürzter Version als Wanderbühne in kleinen Städtchen aufführten. Auch diese **Giustino**\-Produktion wird zunächst nach Winterthur weiter ziehen.

Aufgespielt hat das die bereits 1984 gegründete Berliner **Lautten Compagney** um **Wolfgang Katschner** am Pult. Auch seinem Orchester auf historischem Instrumentarium eignet eine besondere spielerische und farbig-swingende Herangehensweise, indem z. B. im Schlagwerk des Basso Continuo der Perkussion-Virtuose **Peter A. Bauer** auch Kastagnetten, alle möglichen Arten von Rasseln und Landknechtstrommeln verwendet. Die Sänger singen von der Empore zur rechten und linken Seite zum Spiel der farbenfrohen Marionetten in buntesten barock-byzantinischen Bühnenbildern, die sich als Schiebekulissen leicht wechseln lassen. Die Marionetten und ihre wechselnden Kostüme sind mit viel Liebe bis ins kleinste Detail hergestellt. Wer sich einen Rest kindlicher Begeisterungsfähigkeit erhalten hat, wird restlos entzückt sein so wie das Publikum in den eng besetzten Sitzbänken und auf der Galerie im Goethe-Theater. Es reagierte zum Schluss dann auch wie eine entfesselte Rasselbande mit Getrampel, rhytmischem Klatschen, Bravorufen und Standing-Ovations, wie wenn im Kasperletheater am Ende alles gut ausgegangen ist.

So reizvoll die Idee und Umsetzung durch Marionetten mit ihren bunten optischen Reizen auch sind, so zeigen sich doch auch die Grenzen einer solchen Inszenierung. Gerade in den Dacapo-Arien sind wir es seit den Regietheater-Zeiten der 1980iger Jahre, für die ein **Peter Konwitschny** an der **Oper Halle,** ein Harry Kupfer, der einen legendären ***Giustino*** an der **Komischen Oper Berlin** inszenierte (aus dem die Mailänder im Auftritt des Hirten ***Giustino*** inmitten seiner Tiere sogar ehrfürchtig zitieren), oder auch der langjährige Intendant der Oper Halle und Countertenor **Axel Köhler** stehen, gewohnt, dass die Wiederholungen des A-Teils der Dacapo-Arie zu einer psychologischen Vertiefung der Personen oder Szenen verwendet. Hier stoßen Marionetten in Mimik und Gestik trotz aller handwerklich feinen Arbeit an ihre Grenzen. Auch das Repertoire der Arm- und Beinbewegungen ist trotz aller Akrobatik der Spieler durch die Fäden in immerhin gut drei Stunden schnell erschöpft. Hinsichtlich der musikalischen Seite gab es zum Glück aber auch kaum Kürzungen.

Es ist also der szenisch-optische Reiz, mit dem z.B. ein Bär, dem nach dem Erlegen durch ***Giustino*** der rote Stoffbauch aufklappt, ein großes Seeungeheuer oder an vielen Fäden schwebende Vöglein und Putten die Zuschauer auf geradezu naive Weise verzaubern. Die Truppe aus Mailand zeigt dabei eine unerschöpfliche Fantasie. Und dazu kommt der Reiz der Abstimmung zwischen menschlichen Stimmen und Puppen. Die herausragenden Sänger verliehen den Personen der komplizierten Intrigen und Wunder am Hof von Byzanz Profil und Tiefe. Besonders gefielen mir der vor allem im mittleren und unteren Register tonschön singende Countertenor **Owen Willetts** in der Titelrolle, und **Helena Rasker** mit profunder Altstimme. **Fanie Antonelou** verzauberte mit ihrem klaren Sopran, den sie vor allem in dem ohne Begleitung als purem Gesang mit Echos vorgetragenen Arioso *"Per me dunque il ciel"* im 2\. Akt zeigen konnte. **Sylvia Rena Ziegler** (Mezzosopran) verlieh dem Kaiser ein schönes stimmliches Profil. Auch **Andreas Post** (Tenor), **Drew Satini** (Bariton) und **Shadi Torbey** (Bass) standen dem in nichts nach.

Der musikalische Hauptakteur in dieser an raffiniertesten Bläserstimmen und instrumentalen Mischungen besonders reichen Hirten- und Naturoper war für mich aber die **Lautten compagney** Berlin unter **Wolfgang Katschner** mit makelloser Blockflöte, zwei Oboen, Fagott, zwei Hörnern und Trompete. Weit über jede Routine hinaus belebten sie die ganze Aufführung der Händel-Oper in diesem reizvollen historischen Theaterraum, in dem Goethe bereits Schiller inszeniert und der junge **Richard Wagner** Mozart-Opern dirigiert hat.

**Eine Pasticcio-Oper oder eine Händel-Pastete mit fremden Zutaten**

Am vorletzten Tag der Händelfestspiele gab es eine wirkliche Novität und Überraschung. Als konzertante deutsche Erstaufführung wurde ein Pasticcio aufgeführt, eventuell von **Georg Friedrich Händel** nach einem Hinweis seines englischen Agenten in Italien **Owen Swiney** in Kooperation mit den Sängerstars **Senesino, Francesca Cuzzoni** und **Giuseppe Maria Boschi** zusammen gestellt: ***Elpidia*** von 1725\. Solche Zusammenstellungen von Arien verschiedener Komponisten in einem neuen inhaltlichen Zusammenhang gab es im 18\. Jahrhundert nicht nur in Italien oder Deutschland sondern auch unter der musikalischen Leitung von **Händel** am Cembalo in London sehr häufig. So wie Händel in seinem Oratorium ***Deborah*** eigene, oft nur einmal für andere Zwecke aufgeführte Musik wieder verwandte, wurden wie in einer Pastete Reste von noch unbekannten Arien aus verschiedenen Werken meistens italienischer Erfolgskomponisten zusammengestellt. **Händel** stellte solche Opern-Pasteten auch aus eigenen Werken zusammen wie z.B. im Fall des ***Oreste,*** der 2018 in Halle aufgeführt wird.

![Georg Friedrich Händel Grabstätte in Westminster Abbey © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/07/georg-friedrich-haendelneu.jpg "Georg Friedrich Händel Grabstätte in Westminster Abbey © IOCO")

Georg Friedrich Händel Grabstätte in Westminster Abbey © IOCO

In diesen Fall wurden 1725 in zwei Aufführungsserien am Londoner **King's Theatre Haymarket** unter dem Titel ***L'Elpidia,*** ogero li rivali generosi Stücke vor allem der jüngsten Opernsaison in Venedig 1724/25 zusammengestellt aus **Leonardo Vincis** Opern **Ifigenia in Tauride** und **Rosmira fedele** sowie von **Giuseppe Maria Orlandini,** **Antonio Lotti, Domenico Sarri, Geminiano Giacomelli** und **Giovanni Maria Capelli.**Das Werk firmierte lange unter dem Namen von **Leonardo Vinci,** dessen Werke in den vergangenen Jahren auch durch szenische Aufführungen wieder größere Beachtung finden. Händel schätzte diesen 1725 in London noch fast unbekannten neapolitanischen Kollegen so sehr, dass er auch ganze Opern von ihm unter seiner Direktion aufführen ließ. In den letzten Jahren hat sich das Interesse auch den Pasticci zugewandt, die besonders bei den Händel-Festspielen Halle jährlich aufgeführt werden. **Elpidia** kam nun zur Aufführung in den Franckeschen Stiftungen in Halle, das als Waisenhaus die Entsprechung zu dem von Händel besonders unterstützten Foundling Hospital in London ist und an denen der junge **Händel** wohl selber als Student unterrichtet hatte.

Das Opern-Konzert unter der grandiosen musikalischen Leitung des italienischen Oboisten **Leo Duarte** mit dem Orchester der **Opera Settecento** war ein Ereignis der Sonderklasse! Für mich war es der Höhepunkt der diesjährigen **Händel-Festspiele.**Erst seit 2015 widmet sich das Ensemble in London unter **Duartes** Leitung mit wechselnden jungen Sängern der Spitzenklasse Ausgrabungen vor allem von Opern im neapolitanischen Stil z.B. von Pergolesi oder Hasse. Die weibliche Hauptpartie der ***Elpidia*** wurde von **Erica Eloff** mit großem stimmlichen Einsatz und Dramatik gestaltet, der Countertenor Tom Verney, der erst kurzfristig eingesprungen war, sang die Hauptpartie des **Olindo** in Perfektion. Ihnen zur Seite gestellt war der hinreißend singende und schauspielernde Tenor **Rupert Charlesworth** (***Vitige)***. Der Countertenor **Michael Taylor** sang den **Ormonte** mit Schmelz und notwendiger Leidenschaft. **Ciara Hendrick** erströmte ihren jugendlichen süßen Sopran (***Rosmilda)*** und **Christopher Jacklin** durfte als **Belisario** seine kunstvollen Bass-Koloraturen beisteuern. Alle bekommen sich gewaltig in die Haare. Und natürlich geht es darum, wer **Elpidia** am Ende gewinnt.

Es war wirklich toll und **Händel** oder das Teamwork haben 1725 eine gute Auswahl der Arien der Kollegen getroffen. Aber zum wirklichen Ereignis wird das Ganze erst, wenn man so erstklassige Sänger hat, wie in dieser Produktion aus London, die das Ganze unter einer so durchglühenden und tänzerisch beschwingten Leitung so hinreißend gut interpretieren! Es war sensationell gut gesungen und musiziert! Da freut man sich schon, wenn das Ensemble 2018 mit der *Händel-Pastete,* pardon Pasticcio, ***Ormisda*** zu den **Händel-Festspielen 2018** in Halle zurück kehrt.

***Händel*\-*Festspiele 2018* Halle - 25.05\. bis 10.06.*2018***

Auch 2018 gibt es wieder einen bunten Strauß an Opern von **Händel,** wie ***Berenice, Parnasso in festa, Ormisda, Oreste, Muzio Scevola, Rinaldo*** und ***Arianna in Creta,*** außerdem die Oratorien **Jephta** (szenisch), **Samson, Messiah,* *Chandos Te Deum** sowie Festkonzerte mit **Joyce DiDonato, Sophie Karthäuser, Magdalena Kožená, Nathalie Stutzmann, Julia Lezhneva** und **Max Emanuel Cencic.** Das vollständige Programm findet sich demnächst auf **www.haendelhaus.de** .Der Vorverkauf beginnt am 24.11.2017.

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