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# Hagen, Theater Hagen, Premiere Lucia di Lammermoor - Belcanto in packender Moderne, IOCO Kritik, 25.1.2017
- URL: https://www.ioco.de/hagen-theater-hagen-premiere-lucia-di-lammermoor-belcanto-in-packender-moderne-ioco-kritik-25-1-2017/
- Published: 2017-01-25T16:00:22.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:36:25.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Liebestrank, Donizetti, Hagen

![theaterhagen_seit1911_2](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/10/theaterhagen_seit1911_2.jpg)

[Theater Hagen](http://www.theaterhagen.de/?ref=ioco.de)

![Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/01/theater-hagen-bei-nacht-3c-stefan-kuehle.jpg "Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle")

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

# *Belcanto im Geflecht von Lüge, Betrug, Mord* **Lucia di Lammermoor** von Gaetano Donizetti

Von **Viktor Jarosch**

21\. Januar 2017 und vor 37 Jahren, 1980: Die Premieren von **Lucia di Lammermoor** im **Theater Hagen**

Belcanto, der schöne Gesang, ab 1600 von **Claudio Montverdi** wesentlich geprägt, erreichte 1835 seinen Höhepunkt. Gesangsformen mit gebundenen wie gehaltenen Melodien, von Koloraturen geschmückt, markieren die Opern des Hochbarock. **Vincenco Bellini** (1801 - 1835) und **Gaetano Donizetti** (1797 – 1848) waren die Superstars dieser Epoche. Von Sängern verlangt der **Belcanto** großen Tonumfang und extreme, Grenzen ausfordernde Virtuosität.

Vielkomponist **Gaetano Donizetti,** u.a. **Viva la Mamma, Regimentstochter, Liebestrank** und großer Verehrer von **Bellini (u.a. *Norma*),** gelang mit **Lucia di Lammermoor** im damals populären Musikstil des **Belcanto** ein großer Wurf.

![Theater Hagen / Lucia di Lammermoor - Lucia dem Wahnsinn verfallen © Klaus Lefebvre](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/01/lucia-im-wahnsinn-neuimg_7407.jpg "Theater Hagen / Lucia di Lammermoor - Lucia dem Wahnsinn verfallen © Klaus Lefebvre")

Theater Hagen / Lucia di Lammermoor - Lucia dem Wahnsinn verfallen © Klaus Lefebvre

**Lucia di Lammermoor** entstammt einer Erzählung von **Sir Walter Scott** (1771 - 1832) aus schottischen Hochmooren. **Gaetano Donizetti** und Librettist **Salvatore Cammarano** übernahmen die Handlung weitgehend originalgetreu, aber italienisierten und personalisierten die schottische Dichtung durch überbordenden Ziergesang und Reduktion der Darsteller von 30 auf 7 Personen: **Enrico Ashton,** Oberhaupt der in finanziellen Nöten befindlichen Familie, erfährt von ***Normanno*** von der Liebe seiner Schwester **Lucia** zu seinem Todfeind **Edgardo.** Einer der Familie wirtschaftlich passenden Ehe mit **Arturo** zuzustimmen weigert sich **Lucia** zunächst. Gefangen im düsteren Labyrinth voller Lügen und Liebe stimmt Lucia der Ehe doch zu ("*Ich habe mein Todesurteil unterschrieben"*), verfällt darüber dem Wahnsinn und tötet ***Arturo*** in der Hochzeitsnacht. **Donizetti** gibt der **Scott-**Vorlage seinen eigenen Charakter. Mit Beginn der Oper legt er auf **Lucia** den Schatten des Todes, des Traumas: Somnambule seelische Gefühlswelten führen sie ins Verderben, nicht reale Katastrophen; ihr Umfeld nimmt Lucia, wahnsinnig geworden, nur noch als Traumwelt war. Doch ihr Umfeld ist ebenso verrucht wie blind; spürt nicht die kommende Katastrophe, welche im Tod von **Lucia, Arturo** und **Edgardo** endet.

![Theater Hagen / Lucia di Lammermoor - Edgardo und konspirierender Raimondo © Klaus Lefebvre](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/01/raimondo-und-edagrdo-neuimg_8045.jpg "Theater Hagen / Lucia di Lammermoor - Edgardo und konspirierender Raimondo © Klaus Lefebvre")

Theater Hagen / Lucia di Lammermoor - Edgardo und konspirierender Raimondo © Klaus Lefebvre

Regisseur **Thomas Weber-Schallauer** bringt **Lucia** als spannendes, von aktuellem Zeitgeist geprägtes Psychodrama auf die Bühne des **Theater Hagen**. Das Bühnenbild (**Jan Bammes**): Ein großer Raum mit hohen massiven Seitenwände und wenig Ausstattung, im Hintergrund von einer Turmruine begrenzt; düstere blaue Nebelschwaden deuten schon im ersten Bild auf das kommende Drama. Die Protagonisten verkörpern die Handlung nicht historisch sondern in modern zeitgemäßem Auftritt; modern elegante Kleidung, Anzüge, Kleider, Jeans (Kostüme Christiane Luz) verleiht Aktualität. Auch handeln und konspirieren die Darsteller spürbar zielgerichtet; unaufgeregt mit vertrauter, heutiger Gestik. **Edgardos** infamer, **Lucia** zugrunde richtender Betrug, wird nüchtern unaufgeregt gezeichnet. Die Handlung wirkt so glaubhaft aktuell und erinnert in der Jetztzeit heiß diskutierter Fake-News an den üblen amerikanischen Wahlkampf. Man möchte dieser Inszenierung nicht glauben, dass die **Lucia** des **Theater Hagen** eine fast 200 Jahre alte Belcanto-Oper ist. Inszenierung und Personenführung vermitteln den Besucher das Gefühl, aktuelle Geschehnisse zu erleben.

![Theater Hagen / Lucia di Lammermoor - Edgardo und Lucia © Klaus Lefebvre](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/01/lucia-und-edgardo-neu-img_7323.jpg "Theater Hagen / Lucia di Lammermoor - Edgardo und Lucia © Klaus Lefebvre")

Theater Hagen / Lucia di Lammermoor - Edgardo und Lucia © Klaus Lefebvre

Natürlich wird **Lucia di Lammermoor,** das ***„Fest des Belcanto“***, auch im **Theater Hagen** von den Stimmen getragen. Überraschend ist, dass das hauseigene Ensemble eine stimmlich derart anspruchsvolle Oper so hervorragend bewältigt. **Kenneth Mattice** zeichnet den rücksichtslosen **Enrico Ashton** mit gut disponiertem Kavaliersbariton; **Rainer Zaun** ist der im Namen der Kirche eifrig konspirierende **Pfarrer Raimondo,** mit breitem, wohl timbrierten Bassbariton. **Kejia Xiong** lebte die lyrische Tenorpartie des **Edgardo** mit kraftvollem italienische Belcanto und ohne jede Höhenangst. Auch **Peter Aisher** als **Arturo,** **Matthew Overmeyer** als **Normanno** und **Kristina Larissa Funkhauser** als **Alisa** waren stimmlich und darstellerisch bestens disponiert; sie runden eine wunderbare Ensembleleistung ab. Glänzender Höhepunkt der Produktion jedoch war die Brasilianerin **Cristina Piccardi:** Ihr Rollendebüt als **Lucia,** eine der schwersten Sopranpartien überhaupt, gelang über alle Erwartungen. Schon in ihrer stark vorgetragenen ersten Arie *„Regnava nel Silenzio“* wurde **Piccardi** mit vielen Bravos „begrüßt“; man glaubte noch nicht wirklich an eine ebenso glänzende Fortsetzung in der berühmten wie schwierigen Wahnsinnsarie ***„Il dolce suono“*** im dritten Akt. Doch man irrte: **Piccardi** gab mit sicheren Staccati, Glissandi und Koloraturen der Welt der umnachteten **Lucia** mitreißenden Ausdruck; nicht als Bravourstück an der Bühnenrampe, sondern aktiv darstellend; nicht – wie bei einem Rollendebüt zu erwarten – Stimme und Koloraturen noch vorsichtig testend, sondern mit frappierender Sicherheit und Kraft der ***Lucia*** Gesicht und Stimme gebend. Viele Bravos.

![Theater Hagen / Lucia di Lammermoor - Enrico und Normanno © Klaus Lefebvre](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/01/enrico-und-normanno-neuimg_7143.jpg "Theater Hagen / Lucia di Lammermoor - Enrico und Normanno © Klaus Lefebvre")

Theater Hagen / Lucia di Lammermoor - Enrico und Normanno © Klaus Lefebvre

**Mihhail Gerts** und die **Hagener Philharmoniker** deuten die Tragik des Stückes schon zur Ouvertüre mit sensibel dunklen Bläsern und düsterem Paukenwirbel an. Eine Glasharmonika und **Philipp Maguerre** steigert den Klangrausch von Euphorie, Abgründen und Wahnsinn. Im Sinne des Belcantos führt **Gerts** seine Philharmoniker im Graben präzise wie behutsam; das Ensemble auf der Bühne nutzt diesen klanglichen Freiraum für das erhoffte „*Fest des Belcanto“*, für ein *"Fest der Stimmen"* im **Theater Hagen.**

**Lucia di Lammermoor** ist nach modernen Maßstäben besonders für das Sänger und Chor höchst anspruchsvoll: Dem **Theater Hagen** gelang mit seiner glaubwürdig modernen **Lucia** \- Inszenierung und einem starken Ensemble ein großer Wurf. Hagen ist mit seiner **Lucia** auf Augenhöhe mit anderen großen Theatern. Das Publikum teilte die **IOCO** \- Einschätzung: Viele Bravos, viel Beifall ernteten Orchester, Regie, Ensemble! Im Theater Hagen wurde gefeiert.

**Lucia di Lammermoor** im **Theater Hagen:** Weitere Vorstellungen 27.1.2017, 1.2.2017, 5.2.2017, 10.2.2017, 16.2.2017, 1.3.2017, 1.4.2017, 23.4.2017, 14.5.2017

\---| IOCO Kritik Theater Hagen |---