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# Giessen, Stadttheater Giessen, Der Barbier von Sevilla - Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 01.10.2019
- URL: https://www.ioco.de/giessen-stadttheater-giessen-der-barbier-von-sevilla-gioacchino-rossini-ioco-kritik-01-10-2019/
- Published: 2019-10-01T06:00:55.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:58:39.000Z
- Author: Ljerka Oreskovic Herrmann
- Tags: Oper & Operette, Premieren, Premiere, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Gießen

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[Stadttheater Giessen](http://www.stadttheater-giessen.de/?ref=ioco.de)

![Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/11/theatzer-giesen-foto-herkst-neu.jpg "Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst")

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

***Der Barbier von Sevilla -* Gioacchino Rossini** 

## ***\- ein szenisch und musikalisch funkelndes Feuerwerk -***

von **Ljerka Oreskovic Herrmann**

![Gioacchino Rossini Paris © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/09/rossini-neuneu2017.png)

Gioacchino Rossini Paris © IOCO

Noch bevor der Vorhang aufgeht, stellt ein leerer Friseurstuhl auf der linken Seite vor dem Vorhang alles klar: Hier herrscht **Figaro,** der ***Barbier von Sevilla!*** An ihm kommt keiner vorbei, denn er ist – wie er später dem **Grafen Almaviva** erklären wird – für alles zuständig als Friseur, Barbier, Peruquier, Gärtner oder Tierarzt. Jedenfalls wird das der ***Graf*** glauben müssen, denn ohne dessen Hilfe wird er seiner angebeteten **Rosina** kaum nahe kommen – geschweige denn sich mehr erhoffen können. Und nachdem der Vorhang die Bühne den Blicken freigibt, bestätigt sich der erste Eindruck. **Figaros** überdimensioniertes Werkzeug liegt überall herum – die Bühne ist sein Reich. Oder vielmehr **Rossinis!** Die dezent deutlichen Hinweise auf den Urheber der ganzen Szenerie – das Rasiermesser trägt ganz „zufällig“ den Vornamen, die Pomade bzw. den Deckel ziert ganz selbstverständlich ein Portrait und der Nachname des Komponisten – zeugen von der Reverenz an diesem Meister der Opera buffa. Und so gibt die Musik alles vor, die Regie folgt ihr gekonnt konsequent und überträgt das Verwirrspiel um (Gier nach) Geld und Liebe oder anders herum wunderbar auf die Bühne.

![Stadttheater Giessen / Der Barbier von Sevilla hier vl Daniele Macciantelli, Naroa Intxausti, Grga Peros, Enrico Iviglia, Heidrun Kordes © Rolf K Wegst](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/09/barbier_neu.jpg)

Stadttheater Giessen / Der Barbier von Sevilla hier vl Daniele Macciantelli, Naroa Intxausti, Grga Peros, Enrico Iviglia, Heidrun Kordes © Rolf K Wegst

**Figaro,** als alter Ego **Rossinis,** ist mittendrin und zugleich der grandiose Strippenzieher des Geschehens. **Grga Peroš** gibt ihm die herausragenden stimmlichen wie darstellerischen Konturen. Seine Einstiegsarie „*Largo al factotum della città“* erntet Szenenapplaus. Zwar ist dieser **Figaro** von Haus aus – die *Commedia dell’ Arte* als Hintergrundfolie scheint immer wieder durch – ein komödiantischer Geselle, das geschmackvoll bunte Kostüm sowie die blonde Perücke verweisen darauf, aber ein Clown ist er nicht. Dazu steht dieser Barbier zu selbstgewiss und selbstsicher in der Welt, die bald eine andere sein wird. Die gesellschaftlichen Verschiebungen, die sich anbahnen und nicht aufzuhalten sein werden – noch hat die französische Revolution nicht stattgefunden, wir schreiben die vorrevolutionäre Zeit vor 1789 –, kündigen sich dennoch unausweichlich an. Der **Graf,** wie es sich eben für einen Rokoko-Menschen gehört, zwar edel in Brokat und Seide gekleidet, kann aber nur noch Dekor präsentieren, nicht wirkliche Macht.

![Stadttheater Giessen / Der Barbier von Sevilla © Rolf K Wegst](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/09/barbier-gp-rkw-190912-2-neu.jpg)

Stadttheater Giessen / Der Barbier von Sevilla © Rolf K Wegst

Diese ist längst beim Volk und **Figaro** die leibhaftige Verkörperung dessen – nicht zuletzt auch durch seine Arie„*Tutti mi chiedono, tutti mi vogliono*“ beglaubigt. (Noch augenfälliger, weil in der Zeit komponiert, bei Mozarts ***Le nozze di Figaro*,** was natürlich vor **Rossinis** Werk entstand, aber eigentlich das Nachfolgestück ist. Und Rossini kannte seinen Mozart.) Auch der **Graf,** als armer Student **Lindoro,** erhält für seine Ständchen, wie auch **Rosina** für ihre Cavatine *„Una voce poco fa“,* spontanen Applaus vom Publikum. Soweit die „Guten“ in dieser turbulenten Oper. Der Bösewicht geht natürlich nicht leer aus: Seine berühmte Verleumdungsnummer *„La Calunnia“* bzw. *„Die Verleumdung ist ein Lüftchen“* zeigt die ganze Meisterschaft **Rossinis,** aber auch des **Philharmonischen Orchesters Gießen** unter der exzellenten Leitung **Michael Hofstetters.** Das sogenannte *„Rossini-Crescendo*“ entfaltet in seiner Interpretation eine überwältigende Wirkung. Es beginnt langsam und vermeintlich harmlos, wie immer bei **Rossini** nach einem Rezitativ, und führt weiter zur schnellen Cabaletta; durch die Wiederholung des musikalischen Themas wird die Dynamik und Instrumentation zunehmend gesteigert, so dass alles einem fulminanten und energischen Höhepunkt zustrebt und das zunächst nur geflüsterte Gerücht einem wahren Empörungsfuror gleicht.

Was war passiert: **Don Basilio,** natürlich als Missetäter ein Bass, hat **Rosinas** Vormund, dem bürgerlichen **Bartolo,** empfohlen, den jungen verliebten **Lindoro** zu diskreditieren, so dass **Rosina** schließlich ihn, den gesellschaftlich etablierten Arzt, heiraten würde. Bartolo ist tatsächlich mehr am Geld seines Mündels als an ihrer Person interessiert. Doch kein Crescendo wird die Macht der Liebe übertönen können: **Lindoro** gibt sich als **Graf Almaviva** zu erkennen, bekommt nach einigem Hürdenlauf seine geliebte **Rosina,** sie wiederum kann sich endgültig aus den Fängen **Bartolos** befreien, der dafür noch mit Geld ent- oder vielmehr belohnt wird. All das macht aus ***Il barbiere di Siviglia*** ein Meisterwerk, das bis heute Bestand hat und vielleicht die beste komische Oper überhaupt ist – wohlweislich, weil die menschlichen Verhaltensweisen nicht fundamental anders geworden sind. Die genaue Charakterzeichnung und ihre Darstellung entfalten auch Dank des herausragenden, von **Cesare Sterbini** verfassten, Libretto eine Wirkungsmacht und sorgen für den dauerhaften Erfolg dieser Oper.

![Stadttheater Giessen / Der Barbier von Sevilla hier Naroa Intxausti, Tomi Wendt © Rolf K Wegst](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/09/barbier-khp-rkw-190909-2-neu.jpg)

Stadttheater Giessen / Der Barbier von Sevilla hier Naroa Intxausti, Tomi Wendt © Rolf K Wegst

Das **Stadttheater Gießen** hat sich in dieser Spielzeit der bekanntesten Oper **Rossinis** angenommen. Ein fulminantes Stück für das man nicht nur ein brillantes Sängerensemble benötigt, sondern mit einer nicht minder fulminanten Regie aufwarten muss. Tempo, Witz, Arien, Rezitative und Ensembles sorgen für ein wahres Funkeln der Musik, dass in der theatralischen Umsetzung Widerhall finden muss. Und das hat es tatsächlich – und wie. Regisseur **Dominik Wilgenbus** nimmt die Musik **Rossinis** ernst, so ernst, dass sich daraus drei Stunden funkelndes Feuerwerk entluden. Bühne und Kostüme von **Lukas Noll,** das Licht von **Kati Moritz** sowie die Videoeinspielungen von **Martin Przybilla** taten ihr übriges, denn alles stimmt und ist stimmig.

Das Einheitsbühnenbild von **Noll** erweist sich als sehr abwechslungsreich, denn immer geht irgendwo etwas auf, zeigt eine neue Perspektive und neue Spielmöglichkeiten. Die Requisiten Figaros sind nicht bloß hübsche und belustigende Dekoration – im Gegenteil, sie haben eine Funktion: So soll z.B. das Rasiermesser an ***Bartolos*** Wange den nötigen Druck auf seine ungebührlichen Pläne entfalten, aus der Pomadendose kommt **Basilio** heraus und der überdimensionierte Spiegel oder Rahmen ist zugleich Durchgang und Projektionsfläche für Gefühle, Wünsche und seelische Zustände. Der überdimensionierte Rasierpinsel – natürlich für Lacher sorgend – kommt dabei ebenso zum Einsatz, wie die zu groß geratenen Schere und Kamm. Allerdings werden ihm später mehrere Zacken fehlen – welch köstliche Ironie! Senkrecht stehend entpuppt er sich als eine unsichere Leiter für die geplante Flucht der Liebenden, verschwindet aber, bevor die beiden das ramponierte Werkzeug auf seine Einsatzfähigkeit überprüfen können.

**Nolls** Kostüme tragen dem historischen wie gesellschaftlichen Kontext Rechnung: Der **Graf** als Edelmann**, Figaro** als Komödiant, **Bartolo** als Bürger mit langen Hosenbeinen – im Gegensatz zum Grafen –, **Basilio** wird als zwielichtige Figur mit Halbglatze in einen langen schwarz-weißen Mantel als Kontrast zu **Figaros** buntem Outfit gesteckt, und die beiden Damen repräsentieren ebenso verschiedene sich jedoch ablösende Epochen. Rosina zuckersüß in kurzem, schwarz-pinken Korsagen-Kleid, keineswegs naiv, zeugt von der neuen Zeit und Freizügigkeit, **Marcelline** ist dagegen mit ihrem grünen, langen samtähnlichen Kostüm eher die Verkörperung des überholten Ancien Régimes. Übrigens, auch der Männerchor steckt kostümmäßig noch in der alten Zeit, ist gesanglich und spielerisch aber ganz auf der Höhe und dabei wie alle Mitwirkenden von ausgesprochener Spielfreude angesteckt.

Aus all dem zaubert **Dominik Wilgenbus** eine turbulente Inszenierung, die dem Atem der Musik folgt, ohne hektisch zu werden. Jede Figur ist bei ihm genau gezeichnet, erhält eine eigene und sorgfältig gewählte Ausdrucksweise und Körpersprache: So ist **Rosina** nicht nur lebhaft und pfiffig, sie darf sich anders bewegen als **Marcelline**, die zunächst verhalten und zurückhaltend agiert, um am Ende als erfahrene Frau Besitz von der Bühne zu ergreifen. Allein dieser Kontrast zeigt wie durchdacht und exakt **Wilgenbus** seine Interpretation umsetzt. Es sind diese scheinbar kleinen Dinge, Gesten, Schritte oder auch das Innehalten, nur um dann die Handlung rasanter fortzuschreiben, die den Reiz und den Erfolg dieser Inszenierung ausmachen.

Hinzu kommt ein wunderbares Ensemble: Der allwissende und wunderbare Figaro von **Grga Peroš** wurde schon genannt; dieser **Figaro** könnte seine Paraderolle werden. **Enrico Iviglia** ist ein herrlicher **Graf,** gesellschaftlich bald obsolet, dafür aber als Verehrer und zukünftiger Ehemann umso mehr geliebt. **Iviglia** fühlt sich sichtlich wohl in dieser Rolle, sein Tenor strotzt am Ende vor Kraft und Freude, ob des errungen Erfolges. ***Rosina,*** Naroa Intxausti, ehemaliges Ensemblemitglied in Gießen, besitzt eine ausdrucksstarke und wandlungsfähige Stimme, gepaart mit viel Spielwitz. Bei **Tomi Wendt** – ein hervorragender Sängerdarsteller – ist die Figur des **Bartolo** gut aufgehoben, lässt gesanglich wie darstellerisch nichts zu wünschen übrig. Wie ihm zum Haare raufen langsam dämmert, ihm könnten die Felle davonschwimmen und die gemeinsamen Zukunft mit **Rosina** wie eine Seifenblase aus dem Salon des **Figaro** zerplatzen, ist herrlich anzusehen.

Kontrastierend dazu der beeindruckende Bass von **Daniele Macciantelli** als **Basilio –** stoisch, durch nichts zu erschüttern, bereit in aller Ruhe zum eigenen Vorteil die Seiten zu wechseln, gelingen in seiner Verkörperung dieses wenig standfesten Helden mühelos und entwickeln eine eigene Präsenz**. Heidrun Kordes** als **Marcelline** ist unbeeindruckt von den ganzen Vorkommnissen, ihr schöner Sopran strahlt eine Wärme und Erdung aus; sie ahnt oder weiß vielmehr, dass das Liebesglück nicht ewig währen wird. Be**i Mozart** wird diese Rosina, als Gräfin, in der berührenden Arie *„Dove sono i bei momenti“* tatsächlich die Frage nach den verlorenen gegangenen schönen Augenblicken stellen. Abschließend sei noch **Alexander Hajek** erwähnt, denn die Verkörperung von nicht weniger als vier Personen – **Fiorello, Sergente, Notario** und **Pantomime** – trugen nicht minder zur großartigen Leistung des Sängerensembles und den urkomischen Verwicklungen bei.

Und nicht zuletzt das Dirigat von **Michael Hofstetter,** dem scheidenden GMD, sorgten für einen rundum gelungenen Opernabend, der einhellig und mit begeisterten Applaus vom Publikum gefeiert wurde. **Hofstetter** gelingt eine präzise Verzahnung der gesprochenen Rezitative mit der Musik, ebenso dient die Steigerung der Dynamik in seinem Dirigat immer dem Vorantreiben der Handlung und der dramaturgischen Wirkung, nie jedoch einer beliebigen Effekthascherei. **Hofstetter** weiß genau, was die Musik im Graben auf der Bühne erzeugen soll. Den kulturellen Rahmen und Kontext eines musikalischen Werkes immer mitdenkend, zeichnete seine Arbeit am **Stadttheater Gießen** aus – unabhängig davon, ob es sich dabei um eine Operettenausgrabung wie ***Das Herbstmanöver*** von **Emmerich Kálmán** oder eben **Rossinis *Il barbiere di Siviglia*** handelt. Seine Auseinandersetzung mit der Partitur, aber auch ihrem Entstehungszeitraum, den historischen und musikalischen Bedingungen und Gegebenheiten, reflektieren seine musikalischen Interpretationen und setzen Maßstäbe. Für GMD **Michael Hofstetter** ist es die letzte Neuproduktion in Gießen, Ende des Jahres hört er auf. Dass nicht wenige im Publikum ihr Bedauern darüber mit einem langanhaltenden Applaus zum Ausdruck brachten, dürfte ihn gefreut haben.

\---| IOCO Kritik Stadttheater Giessen |---