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# Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - Bertolt Brecht, Kurt Weill, IOCO Kritik, 02.02.2019
- URL: https://www.ioco.de/gelsenkirchen-musiktheater-im-revier-aufstieg-und-fall-der-stadt-mahagonny-bertolt-brecht-kurt-weill-ioco-kritik-02-02-2019/
- Published: 2019-02-02T09:00:52.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:52:09.000Z
- Author: Viktor Jarosch
- Tags: Oper & Operette, Premieren, Premiere, Verdi, shakespeare, giuseppe verdi, Pressemeldungen & Nachrichten, Gelsenkirchen

![oper_gelsenkirchen.jpg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/oper_gelsenkirchen.jpg "Musiktheater im Revier Gelsenkirchen")

[Musiktheater im Revier Gelsenkirchen](http://www.musiktheater-im-revier.de/?ref=ioco.de)

![Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/06/mir-aussenansicht-41c-mir-1-1024x716neu.jpg)

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

# ***Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny* \- Bertolt Brecht / Kurt Weill**

***Brechts Antkapitalismus im "Pott" - Mit sarkastisch lokaler Prägung***

von **Viktor Jarosch**

Wenn ein Kapitalismus-kritisches Werk wie **Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny** *"im Pott* ***"*,** in Gelsenkirchen, geographisches Herz des von dramatischen industriellen Umbrüchen und sozialen Verwerfungen heimgesuchten Ruhrgebiets, aufgeführt wird, sind lokale Bezüge unvermeidbar. Das **Musiktheater im Revier, MiR** präsentiert nun eine künstlerisch anspruchsvolle **Mahagonny-**Produktion, vom eigenen Ensemble mitreißend umgesetzt; mit schräg-komischem lokalem Sarkasmus versetzt, welcher die zynische Welt von **Bertolt Brecht** und **Kurt Weill** humorig ergänzt. ***Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny*** reiht sich so ein in eine starke Serie neuer, bewegender Produktionen des ***MiR.***

***Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny*  \- Bertolt Brecht / Kurt Weill**youtube Video des Musiktheater im Revier **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

**Mahagonny,** 1927 als Songspiel entstanden, wurde adaptiert und 1930 in Leipzig als *„episches Theater“* uraufgeführt. *Episches Theater,* ein von **Bertolt Brecht** geprägter Begriff, kokettiert, spielt in seinem Bühnenwerken antikapitalistisch zynisch und bunt mit gesellschaftlichen Konflikten, Krieg, ökonomischen Schräglagen. **Weills** Kompositionen schaffen es auf geniale Weise Musik ohne Einbußen von Qualität zu vereinfachen; so changieren in ***Mahagonny*** beständig revuehafte Songs, Choräle, Jazz-Rhythmen und erzählende Elemente in deutscher und englischer Sprache. Klassisches Illusionstheater oder Einzelschicksalen waren nicht **Brechts** Motivation; er suchte den marxistischen Diskurs. **Brechts** *„Antikapitalismus-Philippiken*“ lösten in der Öffentlichkeit zwar Diskussionen aus, aber keine Revolutionen. Der Kapitalismus vereinnahmte **Brecht,** durch Akzeptanz und Popularität. **Mahagonny** im **MiR** lebt, atmet **Brechts** kontroverses *episches Theater* in modernem Gewand und bietet eine notwendige Alternative zum klassischem Theaterrepertoire.

**Jan Peter**, bisher als Filmemacher, nicht als Opernregisseur bekannt - bei **Schalke 04** schuf er das Video-Design des Schalke-Oratoriums "*Kennst du den Mythos?* \- bringt ***Mahagonny*** im **MiR** mit Ruhrgebiets-Kolorit auf die Bühne: Bergleute, Förderturm, Würstchen. **Jan Peters** Vita zeigt sich dazu in Videos, Projektionen und schwarzweißen historischen Kriegsfilme, welche mit dem Vorspiel die ganze Inszenierung durchziehen; das Geschehen auf der Bühne beständig mit hintergründiger Endzeitstimmung begleiten: So zeigen sich zum Vorspiel von **Mahagonny,** auf dem sich hebenden Bühnenvorhang, Filmszenen des 2\. Weltkriegs, marschierende Soldaten, kämpfende Jagdflieger, hungernde KZ-Insassen; zum Ende Atombomber, welche tödliche ihe Last abwerfen.

![Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - hier : Witwe Begbick und Fatty © Karl + Monika Forster](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/02/mir_mahagonny_c_karlmonikaforster_24neu.jpg)

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - hier : Witwe Begbick und Fatty © Karl + Monika Forster

Im ersten Bild, einer halbdunklen, immer wieder von Scheinwerfern durchzogenen Bühne, erscheinen die flüchtenden, steckbrieflich gesuchten ***Witwe Begbick* (Almuth Herbst**), **Fatty** (von einer Frau besetzt: **Petra Schmid**t) und **Dreieinigkeitsmoses** (**Urban Malmberg**). Ihr Auto an einem Wüstenrand gestrandet und sie beschließen: *„ Der Wagen ist kaputt. Ja, dann können wir nicht weiter. Gut, dann bleiben wir hier“*. **Witwe Begbick** verkündet Wesen und Gesetze von ***Mahagonny*** *:„Ihr bekommt leichter das Gold von Männern als von Flüssen! Darum laßt uns hier eine Stadt gründen. Und sie nennen *Mahagonny,* Das heißt: Netzestadt! Und eine Woche ist hier: Sieben Tage ohne Arbeit*“. **Anna Maria Münzner** kreiert dazu für das **MiR** auffällige Kostüme: **Witwe Begbick** mit Reitpeitsche, verwegenen roten Lockenzöpfen und prall rotem Western-Dress (Foto); ***Fatty,*** eine Frau mit weißem Zopf in coolem schwarzen Kleid; ***Dreieinigkeitsmoses,*** ein schwächlicher, kleiner Mann mit Augenbinde: mit unbegrenzten Glücksversprechen werden sie zu Göttern, Götzen ihrer neuen Gemeinde **Mahagonny.*.*

![Bertolt Brecht Berlin © IOCO / Rainer Maass](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/02/bertolt-brecht-foto-rainer-maassneuneu19.jpg)

Bertolt Brecht Berlin © IOCO / Rainer Maass

Sechs „sehr willige“ Mädchen sind die ersten weiblichen Ankömmlinge in ***Mahagonny,* *Jenny Hill* (Anke Sieloff**), noch brav in bürgerlich in blauem Kleid lyrisch schwermütig singend: „*Oh show us the way to the next whisky-bar..*“, und jenen populären Klassiker *„Oh! *Moon of Alabama* We now must say good-bye, We ’ve lost our good old mamma, And must have whisky, Oh! you know why“*. Während unter der sich leicht hebenden Bühne erste aber markante Ruhrgebiets-Bezüge sichtbar werden; das Volk ist Kumpel mit Grubenhelmen und Grubenlampen, singend: „*Wir wohnen in den Städten. Unter ihnen sind Gossen, In ihnen ist nichts, Über ihnen ist Rauch. Wir sind noch drin, Wir haben nichts genossen, Wir vergehen rasch“*. Während über ihnen, in ***Mahagonny,*** schon „*Fahrscheine zum Glück*“ verkauft werden.

Auch vier ehemalige Goldschürfer aus Alaska wollen nach ***Mahagonny,*** es müssen Gelsenkirchener *Kohleschürfer* sein, denn: *„Dort gibt es Fleischsalat!“*: ***Paul Ackermann* (Martin Homrich**), ***Jakob Schmidt* (Tobias Glagau**), ***Sparbüchsenheinrich* (Petro Ostapenko**), ***Alaskawolfjo* (Joachim Gabriel Maaß**), ***Tobby Higggins* (Jiyuan Qiu**) treffen ein. ***Paul*** verliebt sich sogleich in ***Jenny,*** welche die Bedingungen ihrer Beziehung regelt. Der ***Aufstieg der Stadt Mahagonny*** hat begonnen.

Die Drehühne (**Kathrin-Susann Brose**) öffnet im nächsten Bild den Blick auf das nun in ***Mahagonny*** herrschende locker laszive Leben***:*** Männer werden vor einer Kneipenfassade von Frauen verwöhnt; hinter durchsichtigen Vorhängen der Kneipenfenster räkeln sich Frauen sinnlich. Bis ein tödlicher Wirbelsturm (Projektion: *„Pensacola ist zerstört*“) angekündigt wird; den auf der Erde kauernden Menschen werden Bibeln und auch Gasmasken verteilt und ***Witwe Begbick*** ein neues Gesetz, totale Anarchie verkündet: *„Du darfst alles!“,* doch nur, wenn man Geld hat; begleitet von dem elegischen Song: *„Denn wie man sich bettet, so liegt man, es deckt einen da keiner zu. Und wenn einer tritt dann bin ich es; und wird einer getreten, dann bist´s du“*. Den ***Fall der Stadt Mahagonny*** läutet zum Ende des ersten Aktes ein Kumpel-Ruf ein: *„Möchte noch jemand Würstchen?“*

![Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - hier : Jakob Schmidt frisst sich an Würstchen - welche vom Himmel regnen - zu Tode © Karl + Monika Forster](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/02/mir_mahagonny_c_karlmonikaforster_57neu.jpg)

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - hier : Jakob Schmidt frisst sich an Würstchen - welche vom Himmel regnen - zu Tode © Karl + Monika Forster

Die angepriesene totale Anarchie von ***Mahagonny*** prägt im **MiR** deftiger „Lokalkolorit“: wenn **Jakob Schmidt** sich an Würstchen zu Tode frisst; solche regnen in Massen vom Himmel; wenn Männer, von einem großer Poster *„Ficken“* angelockt, hinter einem grünen Vorhang verschwinden und schwankend, schwächelnd, dümmlich grinsend hervorkommen; wenn ***Alaskawolfjo*** beim Preisboxen gegen ***Dreieinigkeitsmoses*** stirbt, mit einer Kreissäge zerlegt und in einem nahen flackernden Ofen verbrannt wird; wenn ***Paul Ackermann*** nach seiner Spendierfreudigkeit bei ein Trinkgelage seine Schulden nicht bezahlen kann und verhaftet wird: *„Du darfst alles, aber musst immer Geld haben!“*. Den ***Fall der Stadt Mahagonny*** vertiefen zynisch humorige Zerrbilder im 3\. Akt.

Wenn **Witwe Begbick, Fatty** und ***Dreieinigkeitsmoses*** von der Spitze eines symbolisierten Kohle-Förderturmes, als Götter, Richter oder Henker handelnd, Urteile verkünden: Links und rechts des Turmes schweben angeklagte Delinquenten in „Fördersesseln“ auf und ab: Mörder **Tobby Higgins** wird, nachdem er die Richter bestochen hat, frei gesprochen; der wegen Mangel an Geld („*was das grösste Verbrechen ist, das auf dem Erdenrund vorkommt“*) angeklagte ***Paul*** wird zum Tode verurteilt, mit der Kreissäge getötet und nach einem okkulten Trauermarsch im Verbrennungsofen „entsorgt“. ***Mahagonny*** geht unter: Die demonstrierende Bevölkerung wird erschossen; Videos zeigen eine untergehende Welt mit Bombern die Atombomben abwerfen; derweil ***Witwe Begbick, Fatty*** und ***Dreieinigkeitsmoses*** unberührt weiter ziehen: *„Let us go to Benares..!“*

![Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - hier : auf dem Förderturm: Witwe Begbick verkündet Paul Ackermann sein Urteil © Karl + Monika Forster](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/02/mir_mahagonny_c_karlmonikaforster_184neu.jpg)

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - hier : auf dem Förderturm: Witwe Begbick verkündet Paul Ackermann sein Urteil © Karl + Monika Forster

Neben der Video-gestützten Regie überzeugte die Premiere auch musikalisch: **Thomas Rimes** führte die **Neue Philharmonie Westfalen**, Ensemble und Chor auf der Bühne sicher durch die facettenreiche, filigrane Produktion. Im darstellerisch und stimmlich großartigen Ensemble gestalteten **Almut Herbst** als ***Witwe Begbick*** mit **Petra Schmidt** als ***Fatty*** und **Urban Malmberg** als ***Dreieinigkeitsmoses*** ein wunderbar zentrales wie dominantes gangsterkapitalistisches Dreigestirn. **Anke Sieloff** gab ***Jenny Hill*** mit zart lyrischer Stimme sanftes Charisma; auch die Goldschürfer, **Petro Ostapenko** als ***Sparbüchsenheinrich,* Joachim Gabriel** **Maaß** als **Alaskawolfjo** und **Martin Homrich** als **Paul** zeigten auf dem schmalen aber komplexen Grat **Brechtscher** Komik, stets zwischen Parodie, Slapstick und Zynismus wandelnd, mit großer Kunst.

**Bertolt Brecht** Werke wurden nur selten im **MiR** aufgeführt: **Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny** vor 35 Jahren. Das Publikum feierte Regie, Ensemble und Orchester der Inszenierung gleichermaßen begeistert, zeigte, dass **Brecht / Weill** im Spielplan vermisst wurde.

In der folgenden Premierenfeier diskutierten, genossen noch 500 Besucher im Foyer des Hauses über Stunden froh und lebhaft die gesehene **MiR** Produktion; untereinander, mit Ensemble, Chor, Statisten und Orchester das Gesehene, das Gespielte. Grubenlampen allerdings waren dort nicht zu sehen.

***Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny*** im **Musiktheater im Revier;** die folgenden Vorstellungen 2.2.; 14.2.; 22.2.2019

\---| IOCO Kritik Musiktheater im Revier |---