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# Freiburg, Theater Freiburg, La Bohème - Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 30.10.2018
- URL: https://www.ioco.de/freiburg-theater-freiburg-la-boheme-giacomo-puccini-ioco-kritik-30-10-2018/
- Published: 2018-10-31T08:00:25.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:49:52.000Z
- Author: Julian Fuehrer
- Tags: Ballett, Tanz & Bewegungskunst, Premieren, Premiere, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Freiburg

![logo_freiburg.JPG](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/logo_freiburg.jpg "Theater Freiburg")

![Theater Freiburg © M. Korbel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/10/theater-freiburg_foto_m_korbel2006_2.jpg)

Theater Freiburg © M. Korbel

[Theater Freiburg](https://www.theater.freiburg.de/?ref=ioco.de)

# ***La Bohème -*** **Giacomo Puccini**

***\- Il sogno ch'io vorrei sempre sognar! -*** 

Von   **Julian Führer**

***La Bohème*** ist ein Stück des Kernrepertoires und meist ein Garant für volle Häuser. **Giacomo Puccini** schrieb mit *Che gelida manina* und *O soave fanciulla* regelrechte Hits, „schöne“ Inszenierungen wie von **Franco** **Zeffirelli** (Mailand, Wien, München, New York etc. seit 1963) oder **Götz Friedrich** (Berlin, seit 1988) werden teilweise seit Jahrzehnten auf den Spielplänen gehalten. Das ambitionierte Theater Freiburg hat diese sehr bekannte Oper **Frank Hilbrich** anvertraut, der dort schon viele Stücke inszeniert hat. Sein ***Ring des Nibelungen*** sorgte für überregionale Aufmerksamkeit, und sein Regiestil zeigt immer wieder eine große Präzision in der Dramaturgie und der Personenführung, was mitunter zu ebenso überraschenden wie schlüssigen Einsichten führen kann.

Für ***La Bohème*** wählten **Hilbrich** und sein erprobtes Team einen Ansatz, der vom Paris des 19\. Jahrhunderts abstrahiert. Noch vor Einsetzen der Musik sehen wir eine modern, aber etwas lieblos eingerichtete Wohnung, in der Kinder sitzen und stehen. Mit Einsetzen der Musik wandelt sich die Belegung, und wir sehen dieselben Menschen als junge Erwachsene in einer Art Studenten-WG.

![Theater Freiburg / La Bohème - hier : Katharina Ruckgaber, Solen Mainguene, Michael Borth, Harold Meers © Rainer Muranyi](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/10/la-boheme-foto-rainer-muranyi-neu.jpg)

Theater Freiburg / La Bohème - hier : Katharina Ruckgaber, Solen Mainguene, Michael Borth, Harold Meers © Rainer Muranyi

Richtig arm scheinen die Bewohner nicht zu sein, sie wohnen kärglich, aber haben in ihrer verspielten Art wahrscheinlich die Gewissheit, nie wirklich hungern zu müssen- Erwähnt ***Rodolfo*** im zweiten Bild nicht, dass er einen steinreichen Onkel hat („*Ho uno zio milionario*“)? Vielleicht ist dies mehr als nur eine Behauptung, um ***Mimì*** an sich zu binden. Richtig fleißig sind sie auch nicht. Die aufgeklappten Laptops gehen jedenfalls schnell wieder zu, wenn es am WG-Küchentisch etwas Interessanteres gibt, zum Beispiel immer wieder neue Selfies, die an die Wand projiziert werden. Wenn der Vermieter ***Benoît*** kommt, ist das nicht wie im Libretto angelegt eine zunächst existenziell bedrohliche Situation, sondern man zahlt bar und macht dann noch ein ironisches Selfie extra mit diesem etwas schmierigen Patron. ***Mimì*** hingegen muss sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. ***Rodolfo*** ist aus dem Stand in der Lage, ihr formvollendete Komplimente zu machen, und in der WG ist mehr als deutlich, dass er sie lieber jetzt als später auf der Isomatte haben will (die ohnehin schon eindeutigen Worte in *O soave fanciulla* werden durch die Personenführung noch unterstützt). Sind da echte Gefühle im Spiel? Die immer wieder thematisierte Kälte deutet **Hilbrich** als emotionale Kälte, als Mangel an Empathie zwischen den Personen der Handlung. Dass **Joshua Kohl** als ***Rodolfo*** etwas belegt anfängt, passt recht gut zu diesem Ansatz, während **Solen Mainguené**s warmer Sopran mit breiter Mittellage und stellenweise markantem (doch nie übertriebenem) Vibrato auch gesanglich deutlich macht, dass ***Mimì*** sich auch einmal amüsieren will und dabei auf der Suche nach echten Gefühlen ist. Nach etwas verhuschtem Beginn bei den schnellen Einsätzen war das Orchester voll auf der Höhe und wurde von **Daniel Carter** am Ende des ersten Bildes zu betörendem Schönklang animiert.

![Theater Freiburg / La Bohème - hier : Katharina Ruckgaber, Solen Mainguene, Michael Borth, Harold Meers © Rainer Muranyi](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/10/la-boheme-foto-rainer-muranyi-neu.jpg)

Theater Freiburg / La Bohème - hier : Katharina Ruckgaber, Solen Mainguene, Michael Borth, Harold Meers © Rainer Muranyi

Das zweite Bild wird in einem unbestimmten Innenraum angesiedelt (Bühne: **Volker Thiele**). Die Kinder sind grellbunt angezogen, die Erwachsenen hingegen hochgeschlossen in schwarz (Kostüme: **Gabriele Rupprecht**). Die Introduktion nimmt **Carter** in eher gemäßigtem Tempo, trotzdem fallen in den ersten Minuten die Chorgruppen (Herren, Damen und Kinder) wiederholt auseinander – an dieser Stelle ein Klassiker, der auch an großen Häusern immer wieder passiert. Durch die Personenführung wird deutlich gemacht, dass ***Mimì*** und ***Rodolfo*** schon im Streit sind. ***Rodolfo***s Freunde bzw. Mitbewohner haben sich etwas zu essen und ein Getränk im Pappbecher besorgt und setzen sich auf Stufen. Ist ihr das alles zu oberflächlich? Das Restaurant von Momus ist jedenfalls nicht zu sehen. ***Musetta***s Auftritt im engen Kleid (zickig, später mitfühlend: **Samantha Gaul**) ruft die Eifersucht des von ihr sitzengelassenen ***Marcello*** hervor, während der alternde Liebhaber ***Alcindoro*** (**Wolfgang Newerla**, auch als ***Benoît***) seine kapriziöse Eroberung auf Händen tragen muss, es ihr doch nie rechtmachen kann und sie bei ihrem *Quando m’en vo‘ soletta* aufdringlich befummelt. Einen Tambourmajor sieht man in dieser Lesart nicht, aber die Kinder übernehmen den Marschrhythmus zum Teil. Der sehr kraftvolle Bariton **Michael Borth**s als ***Marcello*** hat die Tendenz, die anderen Stimmen zu übertönen. **Jin Seok Lee** (***Colline***) war zu Anfang nicht ganz rein in der Intonation, verfügt aber über eine sehr präsente Bassstimme, die in anderen Produktionen bereits aufhorchen ließ (z.B. als ***Fasolt*** in ***Das Rheingold*** oder ***König Heinrich*** in ***Lohengrin***). In den Ensemblestellen hält sich **Joshua Kohl** als ***Rodolfo*** eher zurück, die Spitzentöne bringt er alle, und am Ende macht er auch das von ihm kaum erahnte Drama eines jungen Menschen glaubhaft. Nach den ersten zwei Bildern vermittelt sich der Eindruck einer Gemeinschaft junger Leute, die alles nicht so ernstnehmen, einen Hang zur Ironie haben, sich gerne durchschnorren –Gelegenheit macht Liebe, vor allem wenn die Gelegenheit ein leichtes Opfer wie ***Mimì*** ist.

![Theater Freiburg / La Bohème - hier : Solen Mainguene als Boheme © Rainer Muranyi](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/10/la-boheme-hier-solen-mainguene-foto-rainer-muranyi-neu.jpg)

Theater Freiburg / La Bohème - hier : Solen Mainguene als Boheme © Rainer Muranyi

Das dritte Bild zeigt das Leben von der weniger schönen Seite: ***Mimì*** hat gesundheitliche Probleme, **Rodolfo** fürchtet ihren Tod, macht sich aber vor allem Gedanken darüber, wie er sie loswerden kann. Die zwischen beiden wiederholten Liebesschwüre sind nur ein leeres Beschwören einer vergangenen Leidenschaft – aber füreinander einstehen werden die beiden nicht, vor allem nicht ***Rodolfo*** für ***Mimì***. ***Marcello*** lebt inzwischen wieder mit ***Musetta*** in einer On-off-Beziehung zusammen und empfiehlt ***Rodolfo*** diesen Weg – doch prompt kommt es zu einer Eifersuchtsszene. Beide Männer kommen in ihren Beziehungen nicht mit dem Problem der mangelnden emotionalen Wärme und mit dem Mangel an Verbindlichkeit zurecht, und ihre Partnerinnen sind ihrerseits nicht glücklich, weder die das Ende ahnende ***Mimì*** noch die sich hinter ihrer zickigen und auf Autonomie plädierenden Fassade mitfühlende ***Musetta***.

Am stärksten ist **Frank Hilbrich** das vierte Bild geraten. Wir sind wieder in der Situation der WG. Die Mitbewohner veranstalten alberne Spielchen (bei denen nun auch ***Colline*** stimmlich ganz auf der Höhe ist), bis ***Musetta*** ankündigt, dass ***Mimì*** todkrank vor der Tür steht. Die Bewohner sind etwas irritiert, und jeder findet einen Weg oder einen Vorwand, sich der auf einmal wirklich ernsten Situation zu entziehen – außer ***Rodolfo***. ***Mimì*** kommt herein, vom Tode gezeichnet, sinkt zu Boden. ***Rodolfo*** weiß nicht, was er tun soll, und hält den größtmöglichen Abstand zu seiner Liebschaft. ***Mimì*** hatte sich zwischenzeitlich wie ***Musetta*** einen reichen Liebhaber geangelt, zum Sterben aber will sie zu ihrer einzigen echten Liebe ***Rodolfo*** zurück, der dieser Situation nicht gewachsen ist und versagt. Die Personenführung in diesem letzten Bild ist ein Meisterstück der Regie. ***Musetta*** hat Schmuck zu Geld gemacht und bringt den von ***Mimì*** ersehnten Muff, um ihr die Hände zu wärmen – im Leopardendesign ihres eigenen Mantels. Der hilflose ***Rodolfo*** lässt ***Mimì*** liegen und alleine sterben. Das letzte Selfie zeigt überlebensgroß die beängstigend realistisch zur Leiche geschminkte ***Mimì***.

Das gut besuchte Haus applaudierte reichlich den durchweg jungen Stimmen, die eine überzeugende Ensembleleistung boten. Die starke Regie zeigte einmal mehr, dass auch vermeintlich bekannte Stücke des Repertoires immer wieder neu befragt werden können.

***La Bohème*** am **Theater Freiburg:** die weiteren Vorstellungen am 1.11.; 24.11.; 14.12.; 25.12.2018; 18.1.2019 ... ....

\---| IOCO Kritik Theater Feiburg |---