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# Frankfurt, Oper, HERCULES-Oratorium, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/frankfurt-oper-hercules-oratorium-ioco/
- Published: 2024-10-16T16:02:19.000Z
- Updated: 2026-06-23T09:43:44.000Z
- Description: HERCULES - Oper Fankfurt: Der Komponist widmet Hercules, einem typischen, statischen Helden, nur drei Arien. Dejanira bekommt doppelt so viele. Darüber hinaus übertrifft Händel sogar die romantischen Dramen des späten 19. Jahrhunderts ...
- Author: Adelina Yefimenko
- Tags: Frankfurt

Hercules von Georg Friedrich Händel, Oper Frankfurt, Frankfurt.

**Georg Friedrich Händels Hercules-Oratorium eröffnete die Opernsaison 2024/25 der Oper Frankfurt**

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2024/10/georg-friedrich-haendelneuneu-1.jpg)

****Georg Friedrich Händel** in ****Westminster Abbey, London** @ IOCO

von **Adelina Yefimenko**

Während der Rückblick auf die Eröffnung der Frankfurter Opernsaison noch auf seine Veröffentlichung wartete, erhielt die Frankfurter Oper die renommierteste deutsche Auszeichnung für das Opernhaus des Jahres. Der Preis wird jährlich von der Fachzeitschrift Opernwelt auf der Grundlage einer Umfrage unter deutschen Musikkritikern vergeben. Die **Oper Frankfurt** hat diese Auszeichnung bereits zum achten Mal erhalten und auch in anderen Kategorien überzeugt. Besonders stolz ist man in Frankfurt auf die Auszeichnungen für den Chor des Jahres, die Regie des Jahres (**Lydia Steyer** für ihre Inszenierung von **Verdis *Aida***), den Sänger des Jahres (John Osborne) und die Inszenierung des Jahres (Wagners Tannhäuser unter der Regie von **Matthew Wilde**).

Teaser zu »Hercules« von Georg Friedrich Händel | Oper Frankfurt

Bühnenproduktionen von **Georg Friedrich Händels (1685-1759)** Oratorien werden in der Welt der Oper als ein natürliches Phänomen wahrgenommen. In seinen Opern und Oratorien erforschte der Komponist die psychischen Grenzzustände des Menschen. Er nannte seine Oratorien „musikalische Dramen“ („New Musical Drama“)**. Barrie Kosky,** ein australischer Regisseur und weltbekannter Meister des musikalischen Blockbusters, beruft sich auf diese Eigenschaft, die im Allgemeinen nicht typisch für das Oratoriengenre ist. Er hält **Händels** Oratorien für theatralischer als Opern und ist überzeugt, dass **Händel** mit seinen Oratorien eine radikale Form des Musiktheaters geschaffen hat. Erstens sind die Handlungen seiner Oratorien viel komplexer als die der Opern. In den Inszenierungen von **Händels** Oratorien - Saul beim **Glyndebourne Opera Festival** (2015), ***Semele*** an der **Komischen Oper Berlin** (2018), ***Hercules*** an der **Oper Frankfurt** (ein Kooperationsprojekt mit der **Komischen Oper Berlin**) - gelang es dem Regisseur, die „*Samen*“ des dramatischen Konflikts des Werks erfolgreich zu „säen“ und „keimen“ zu lassen und ein endloses Feld kontrastierender Charaktere zu zeigen. Zweitens verschiebt **Barrie Kosky** die Akzente in der Entwicklung der Hauptfiguren, insbesondere in der Figur der Dejanira begründet der Regisseur von Anfang an psychologisch den Untergang der Heldin des Oratoriums ***Hercules*** bis hin zur Zerstörung der eigenen Seele. So steht nicht der mythologische Halbgott, Jupiters Sohn, sondern seine Frau Dejanira im Mittelpunkt von **Händels** Musikdrama ***Hercules.*** In der Tat kann man dieses Oratorium von **Hercules** getrost in „*Dejanira*“ umbenennen. Zunächst einmal wäre dies vom Standpunkt des Musikdramas aus gesehen logisch: Der Komponist widmet ***Hercules,*** einem typischen, statischen Helden, nur drei Arien. Dejanira bekommt doppelt so viele. Darüber hinaus übertrifft **Händel** sogar die romantischen Dramen des späten 19\. Jahrhunderts, indem er die berühmte Szene (keine Arie!) von *Dejaniras* Wahnsinn einführt. Für seine Zeit war **Händels** Oratorium ***Hercules***, das auf den Werken von **Ovid, Sophokles** und **Seneca** basiert, mit seinen lakonischen Arien, gefühlvollen Rezitativen und groß angelegten Chören tatsächlich zu revolutionär. Deshalb scheiterte die Uraufführung, die 1745 in London im **Royal Theatre** am Haymarket stattfand.

**Händel** hält sich jedoch an die für die Gattung des Oratoriums charakteristische Entwicklung der Handlung: Vom Konflikt und dem Leiden der Figuren führt der Weg zum Finale, in dem die göttliche Überwindung der Tragödien und die Kultivierung hoher menschlicher Tugenden stattfinden. Bekanntlich sind Moral, ein belehrender Ton und der Glaube an die göttliche Ordnung sowohl in Barockopern als auch in Oratorien durch das Auftreten des *Deus Ex Machina* festgehalten. Anders als in der Oper ist der Hauptprotagonist eines Oratoriums jedoch ein Chor, der aktiv handelt, kommentiert und bekannte Wahrheiten verkündet. Im ***Hercules-***Oratorium wird unter anderem über die Bedrohung durch die Eifersucht gelehrt, die die Liebe, den Frieden, die Zukunft und das menschliche Leben vernichtet.

Der Hauptfeind von *Dejanira* ist nicht eine Person, nicht ein Mann, nicht eine Frau, nicht eine Nation, sondern die Eifersucht. Ihr Problem ist ihre Unfähigkeit, sich selbst, ihre Psyche und ihre Handlungen zu kontrollieren. Trotz ihres Wissens um Wahrheit und Moral wird sie wahnsinnig, verliert lange vor der Szene des Wahnsinns den Verstand und treibt nach und nach alle Protagonisten - ihren Mann **Hercules**, ihren Sohn und den gefangenen *Iole* \- in eine Sackgasse.

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****HERCULES - Oper Frankfurt** @ Barbara Aumüller

Die Behandlung einer charismatischen, aber innerlich zerrütteten Persönlichkeit ist in diesem Oratorium von **Händel** einzigartig und erweitert dessen Gattungsmerkmal des neuen Musikdramas um das psychologische Drama. ***Dejanira*** ist von Anfang an eine seelisch gebrochene Persönlichkeit. Gleichzeitig sind ihre Gefühle durchaus verständlich, wenn sie sich Sorgen macht, ob ihr Mann lebend aus dem Krieg zurückkehren wird. Nachdem der Krieg zu Ende ist, stürzt die triumphale Rückkehr von **Hercules* Dejanira* in einen Zustand der Benommenheit. Nach einem kurzen Moment der Freude findet sie neue Gründe für die Explosion ihrer psychischen Exzesse und hemmt bewusst ihre Freude und ihren Glauben an das Leben durch Eifersucht. Dafür gibt es keine offensichtlichen Gründe. Die Frau des Helden hätte ohne Eifersuchtsprobleme ein glückliches Leben. Aber *Dejanira* ist grundlos eifersüchtig auf **Hercules**' Gefangene, Prinzessin *Iole.* **Giulia Semenzato,** eine charmante Italienerin mit leichtem, lyrischem Sopran, singt und spielt die Iole als keine schwache lyrische Figur. Denn sie leidet in der Gefangenschaft, aber auch leistet Widerstand und hasst Hercules – den Mörder ihres Vaters, und seinen Sohn *Hyllus*. Aber der zerbrechliche, lyrische, äußerst flexible und in Ensembles sensible Tenor **Michael Porter** (*Hyllus)* wird am Ende des Dramas das Herz von *Iole* gewinnen.

Es ist klar, dass die lästigen Vorwürfe der eifersüchtigen Ehefrau den majestätischen ***Hercules*** erzürnen. Das Liebesboot ist in den Alltag gekracht. Der große, strukturierte, körperlich und klanglich imposante **Anthony Robin Schneider,** ein österreichischer Bass neuseeländischer Abstammung, verkörperte wahrhaftig das Bild eines starken, aber einfältigen Kriegers, der immer noch stolz auf seine Heldentaten und nicht auf sein soziales Leben ist. Es scheint, als sei er an Frauen überhaupt nicht interessiert. Doch *Dejanira* versucht, ihre letzte verrückte Hoffnung zu erfüllen, die verlorene Liebe ihres gutaussehenden Mannes zurückzugewinnen. Sie schenkt ihm den Mantel (weißes Hemd) eines Zentauren, den **Hercules** zuvor erbarmungslos getötet hatte. Bevor er starb, gelang es dem Zentauren *Nessos, Dejanira* zu versichern, dass sein Blut magisch sei und die Liebe entfache. *Nessos'* ausgeklügelter, raffinierter Racheplan geht in Erfüllung. **Hercules** nimmt den mit *Nessos'* Blut vergifteten Mantel von *Dejanira* an und stirbt unter schrecklichen Qualen, steigt dann aber nach den Gesetzen des *lieto fine* (italienisch für glückliches Ende) in den Himmel zu seinem Vater ***Jupiter*** auf. Die endgültige Apotheose des ***Hercules*** wird von einem ***Jupiter***\-Priester (dem transparenten, warmen afrikanischen Bariton **Sakgive Mkozana**) begleitet. *Dejanira* wird wahnsinnig, nachdem sie ihre Schuld erkannt hat. Am Ende des Oratoriums ist die Hoffnung auf das Glück von ***Hyllus*** und ***Iole*** jedoch noch lebendig.

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 »Hercules« von Georg Friedrich Händel @ Barbara Aumüller

Die Rolle der *Dejanira* ist psychologisch tiefgründig und komplex und wurde von **Paula Murrihy, Barrie Koskys** Lieblingsmezzosopranistin, eindrucksvoll interpretiert. Die Sängerin erwies sich als eine unübertroffene Schauspielerin. Sie ist die zentrale Figur des musikalischen Dramas, ständig auf der Bühne mit einer großen ***Hercules***\-Statue anstelle eines echten Mannes. Sie singt, schreit, seufzt, rennt über die Bühne, umarmt die Statue und nimmt all ihre Kraft zusammen, um den narzisstischen Helden nach Hause zu bringen, zumindest in ihren Träumen. **Murrihy** gelingt es, die ständigen Stimmungsschwankungen einer psychisch labilen Persönlichkeit glaubhaft zu vermitteln. Der für die Barockoper im Allgemeinen untypische Psychologismus der Heldin überzeugt uns davon, dass **Händel** als Vorläufer des Verismo und der expressionistischen Dramen gelten kann.

Die Besetzung mit sechs traditionellen Opera-Seria-Protagonisten ist sehr gut gewählt. Alle Sängerinnen und Sänger sind in der Lage, flexibel zwischen stimmlicher Perfektion und dramatischer Wirkung hin und her zu wechseln. Die psychischen Probleme seiner Mutter hat ***Hyllus* (Michael Porter**) geerbt, der eigentlich im Schatten der Heldentaten des Hercules aufgewachsen ist, aber ohne Vater, umgeben von Statuen des Helden. Interessanterweise führte **Barrie Kosky** eine neue Figur in ***Hercules'*** Familie ein - seine jüngere Schwester ***Lichas* (Kelsey Lauritano**) -, die ihren Bruder unterstützt und einen Teil seines Leidens auf sich nimmt, während **Händels *Lichas*** nur die Verkündung eines Außenseiters darstellt.

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 »Hercules« von Georg Friedrich Händel @ Barbara Aumüller

Im Bühnenbild von Hercules manifestiert **Barrie Kosky** den Minimalismus als Spiegel der Psyche der Protagonisten. Eine besondere Rolle spielt das helle Licht (von **Joachim Klein**) in einem engen, durch einen leichten Tüllvorhang abgetrennten Raum (Bühne und Kostüme: **Catherine Lea Tag**). Das Licht scheint die Emotionen von Schreien, Entsetzen, Verzweiflung und deren Ausdruck zu verstärken. **Barrie Kosky** bemerkte, dass dieser Effekt eine Art Klaustrophobie der Sinne erzeugen soll: Niemand kann das Licht ausschalten, um dem Schrecken der Verfolgung durch das Schicksal zu entgehen. Die Handlung spielt sich auf einer leeren Bühne ab, ohne jegliche Requisiten.

Die Statue des Hercules wird vom Chor, dem kollektiven Helden des Oratoriums, vergöttert. **Barrie Kosky** kontrastiert das Drama von Dejaniras Einsamkeit mit der gewaltigen Dynamik der Chorszenen. Der Regisseur hat die Rolle des Chors auf unterschiedliche Weise interpretiert. Er ist eine spontane Menschenmenge, ein organisiertes oder ekstatisches Volk, das den Helden preist, ein mystischer Schatten, ein Kommentator und moralischer Zensor im Stil der griechischen Tragödie (Chorleiter **Tilman Michael**). Gleichzeitig gelang es **Laurence Cummings,** einem britischen Oratoriendirigenten und Barockexperten, nicht nur, diesen Reichtum an Stimmungen und Stilkontrasten im Orchester an der Grenze zwischen epischem Oratorium und psychologischem Drama zu erhalten (das Frankfurter Opernorchester spielte auf historischen Instrumenten). Dem Orchester gelang es auch, barocke Prätentionen zu vermeiden, einzelne Charaktere zu schärfen und die Tempi unaufdringlich anzupassen, um die Kolorierungen der Sänger zu unterstützen, die zu den komplexesten unter **Händels** Oratorien gehören.

**Die Neuinszenierung des *Hercules* ist zweifellos ein Erfolg und das beste Geschenk der Frankfurter Oper an das Publikum zur Eröffnung der Opernsaison 2024/25\. Der symbolische Kartenpreis von 20 € für die erste Vorstellung der Saison ist eine sensationelle soziale Aktion, die es ermöglicht hat, ein neues Publikum für dieses Opernfestival zu gewinnen und zu begeistern.**

## [***HERCULES* \- Oper Frankfurt - alle Termine, Karten - link HIER!**](https://blog.oper-frankfurt.de/blog/hercules?ref=ioco.de)

## Wie deutet Barrie Kosky in seiner Frankfurter Inszenierung Händels Hercules?

Kosky rückt nicht den Titelhelden, sondern die von grundloser Eifersucht zerstörte Dejanira ins Zentrum und erweitert das Oratorium um ein psychologisches Drama.