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# Frankfurt, Oper Frankfurt, Tristan und Isolde - Richard Wagner, IOCO Kritik, 29.01.2020
- URL: https://www.ioco.de/frankfurt-oper-frankfurt-tristan-und-isolde-richard-wagner-ioco-kritik-29-01-2020/
- Published: 2020-01-29T09:00:39.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:01:07.000Z
- Author: Ljerka Oreskovic Herrmann
- Tags: Oper & Operette, Ballett, Tanz & Bewegungskunst, Liederabend, Orchester, Norma, wolfgang amadeus mozart, giacomo puccini, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Puccini, Konzert & Liederabend, Frankfurt

![logo_oper_ffm.gif](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/logo_oper_ffm.gif "Oper Frankfurt")

[Oper Frankfurt](http://www.oper-frankfurt.de/?ref=ioco.de)

![Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/02/oper-frankfurt-inmitten-des-finanzzentrums-2c-ioco2.jpg)

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

# ***Tristan und Isolde* \- Richard Wagner**

## **Tristan - ein Abbild menschlicher Abgründe**

von **Ljerka Oreskovic Herrmann**

![Richard Wagner Bayreuth © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/01/richard-wagner-foto-ioconeuneu2018.jpg)

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Im Entwurf vom Juli 1870 findet sich im sogenannten *Braunen Buch* v**on Richard Wagner** ein Entwurf für eine *Beethoven-Schrift*, in der dieser schreibt: „*Die Wirkung des Schönen ist erst die Bedingung für den Eintritt der wahren Wirkung des Kunstwerkes, nämlich der erhabenen. In der Musik wird die erste Wirkung sofort und durchgehend durch ihre Form erreicht, eben weil sie reine Form ist. – Führt es nicht zur erhabenen Wirkung, so ist überhaupt das Schöne nur Spielerei*.“ (Für schöne Spielerei waren weder **Beethoven** noch **Wagner** zu haben.) Geschrieben hat **Wagner** diese Gedanken anlässlich des 100\. Geburtstags des von ihm verehrten Komponistenkollegen, dessen „*Musik in Begriffe umgesetzt*“ Philosophie ergäbe, und zwar die von **Schopenhauer.** Nun wird dieses Jahr erneut ein **Ludwig van Beethoven**\-Jubiläum, inzwischen der 250\. Geburtstag, gefeiert und so erklingt **Wagners *Tristan und Isolde*** an der **Oper Frankfurt** – und eignet sich vielleicht gerade deshalb gut, die *„erhabene Wirkung*“ von Kunst zu überprüfen, geht es doch um das größte aller Themen: das risikobeladene Wagnis der Liebe. Apropos **Beethoven**: Gibt es vielleicht ***Fidelio*** als Abschluss des Gedenkjahres? Um Liebe – allerdings erfüllte – geht es auch bei ihm.

****Tristan und Isolde - Oper Frankfurt**youtube Trailer Oper Frankfurt **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

**Wagner** nennt seine Oper im Untertitel „Handlung in drei Aufzügen“ und nicht „Drama“. Nicht das äußere Geschehen bestimmt die Handelnden, sondern ihre inneren Empfindungen. Doch aus der Selbstbeschäftigung und Seelenausleuchtung kann pathetische Überhöhung, statt Erhabenheit, werden – in diese Falle wollte **Katharina Thoma,** die Regisseurin, nicht tappen, stattdessen arbeitet sie mit größtmöglicher Reduktion. Die Kostüme von **Irina Bartels** sind dunkel, schwarz, nur die beiden Frauen – **Isolde** im kupfer-golden Jumpsuit, **Brangäne** im Kleid-Mantel-Ensemble und Hut in Petrol früherer Stewardessen gleich, als Fliegen noch etwas Besonderes und ja „Erhabenes“ war – erhalten farbige Kleidung und dunkles Rot der Tristan-Verräter **Melot.** Das Bühnenbild von **Johannes Leiacker** lässt nur schwarz-weiß Kontraste, dagegen das Licht von Olaf Winter farbliche Gestaltung zu; eine – nicht nur farblich – ansprechende Szene, als **Brangäne** im zweiten Aufzug die Liebenden vor der Gefahr warnt: Wir hören sie, das Licht, grünlich wie ihre Kleidung, kündigt sie an, (von der Zinne kommt sie natürlich nicht mehr, sondern hinter dem schwarzen Rechteck hervor), doch erst nach einigen Takten wird sie zu sehen sein: Ihr *„Habet acht“* kommt zu spät.

Im ersten Akt „schwebt“ **Isolde** auf einem schwarzen Rechteck herunter, in der ebenfalls schwarzen Barke neben ihr liegt **Tristan.** Später – wie um das Liebesglück zu unterstreichen – wird das Boot weiß sein und das aufgerichtete Rechteck in der Mitte stehen. Es teilt nicht nur die Bühne, sondern ist zugleich eine zeitliche Mauer: Zurück können die beiden Liebenden nicht mehr, und **Melot, Tristans** Freund, wird die beiden – trotz dieses Schutzwalls – enttarnen.

![Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : oben Rachel Nicholls als Isolde, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/01/4202_tristanundisolde03_neu1.jpg)

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : oben Rachel Nicholls als Isolde, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

**Thomas** Ansatz, das „Erhabene“ dieser aufwühlenden und letztendlich zum Scheitern verurteilten Liebe auf ein menschliches Maß zurückzuführen, gräbt den (menschlichen) Abgrund aller aber umso tiefer. Und der **Wagnersche** Text verlangt umso mehr nach umsetzbarer Darstellung. **Tristan** ist ein unbeholfener Mann, abweisend bis schroff, der die Liebe nicht sucht und **Isoldes** Wüten über seinen Verrat, erst ihren Verlobten getötet zu haben, um sie anschließend als Brautwerber zu **König Marke** zu führen, gar nicht begreift. Begreifen bedeutet ein grundsätzliches Problem für diesen Helden, doch nicht nur für ihn. Zu verstrickt ist er in seine eigene Lebensgeschichte, eine Todessehnsucht peinigt ihn, in den Tod will und wird ihm ***Isolde*** jedoch nicht folgen – trotz Liebestrank und anfänglichem Wunsch.

Das schwarze Rechteck, die Schiffsplanken, berühren den Boden nicht, es schwebt immer über ihm, wie auch das Verhältnis von ***Tristan*** und ***Isolde***; nur langsam kommen sie sich näher, als der Liebestrank endlich wirkt und sie für das Publikum etwas verborgen, dem ersten Liebesüberschwang erleben. **Brangäne** hat die mitgeführten Zauber-Getränke vertauscht und etwas ist gekippt, das Rechteck ragt nun steil nach oben. Thoma beweist sicheres Feingespür für die kleinen Momente, es gelingt ihr die musikalische Zartheit in berührender Weise in Szene zu setzen: Ganz vorsichtig sind Hände oben auf dem Rechteck zu erkennen, tastend suchen sie nach der Hand des bzw. der Anderen – **Tristan** und **Isolde** haben sich gefunden, doch sie halten einander nicht, stattdessen werden sie zu Schiffbrüchigen, die sich verzweifelt an die Planken klammern.

![ Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : Rachel Nicholls als Isolde, Claudia Mahnke als Brangäne; über sie gebeugt © Barbara Aumüller](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/01/4210_tristanundisolde07_neu3.jpg)

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : Rachel Nicholls als Isolde, Claudia Mahnke als Brangäne; über sie gebeugt © Barbara Aumüller

Das heimliche Liebesrauschen ist jedoch immer bedroht, die Aufdeckung nah, das inzwischen weiß gestrichene Boot – im dritten Aufzug ist es wieder schwarz –, Unschuld suggerierend, wird daran nichts ändern. **Isolde** hüpft im zart-rosa Jungmädchenkleid beglückt umher, **Tristan** hat währenddessen seine schwarze Lederjacke zugunsten einer Weste, weißem Hemd und Hose getauscht, seine ganze Haltung bedeutet mehr Selbstgewissheit – eine trügerische Heiterkeit strahlen sie aus. Vielleicht auch, weil sie uns heutigen Menschen darin gleichen, immer irgendwie aneinander vorbeireden bzw. singen. Was der eine anstrebt, wird die andere nicht fassen, die einzige Lösung wird und kann nur der Tod sein. Und **Melot,** der Vertraute **Tristans,** wird die vage Ahnung und zugleich reale Befürchtung Brangänes erfüllen, den Verrat aufdecken und sühnen.

Eine weitere fesselnde Szene ist mit dem Auftritt von **König Marke** verbunden. Als eine distinguierte Erscheinung in Mantel und Hut, tritt er an **Tristan** heran, dann sitzend, ihm gegenüber, um seine Enttäuschung Aug in Aug kundzutun, während dieser sich windet und alle anderen wie eingefroren verharren. Man hält den Atem an und spürt förmlich die Verletzung Markes, der sich selbst auf ein Wagnis mit der Ehe einließ, auch für ihn wird nichts mehr so sein wie zuvor – alles ist ein einziger seelischer Scherbenhaufen, später kommt der echte hinzu.

![Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : Andreas Bauer Kanabas als König Marke, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/01/4209_tristanundisolde06_neu4.jpg)

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : Andreas Bauer Kanabas als König Marke, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

**König Marke** – so hat ihn die Regisseurin als Figur angelegt – ist der Gegenentwurf zu ***Tristan.* Andreas Bauer Kanabas** spielt ihn beeindruckend, einnehmend, gepaart mit einem eindringlichen und schönen Bass, „sein“ Marke wird zur überragenden Gestalt.

**Vincent Wolfsteiner** verkörpert den auf sich selbst zurückgeworfenen **Tristan** und steigert sich im Laufe des Abends immer mehr. Seine Verzweiflung ob der viel zu früh verlorenen Eltern – schwarz und mit Masken treten sie stumm und wie Gespenster im dritten Aufzug auf –, seine Unfähigkeit überhaupt Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, tritt hier anschaulich zutage. Das Rechteck liegt wie ein Trümmerhaufen unter ihm – wahrlich kein guter Ort zum Sterben, doch der äußere Ausdruck seiner Schwermut und Aussichtslosigkeit. Einzig die Musiker verbreiten etwas Trost, dafür hat **Thoma** zwei auf der Bühne auftreten lassen: **Romain Curt,** der gekleidet wie ein Klezmer-Musiker die traurige Weise anstimmt und **Tristans** Trümmerberg umkreist, und **Matthias Kowalczyk** nicht minder berührend die Holztrompete ertönen lässt.

Die beiden Baritone **Christoph Pohl** und **Iain MacNeil** überzeugen stimmlich wie darstellerisch. **Pohl** besitzt eine klare und deutliche Diktion, und ist als **Tristans** treuer Freund **Kurwenal** eine hervorragende Besetzung. Auch **MacNeils** forscher **Melot** hinterlässt einen bleibenden Eindruck. **Claudia Mahnke** als ***Brangäne*** erntet (nicht zu Unrecht) zusammen mit **Andreas Bauer Kanabas** den größten Applaus; ihr zuvor schon erwähnter Wächterruf geht unter die Haut, ihre Bühnenpräsenz ist immer ein Ereignis. **Rachel Nicholls** als ***Isolde*** überzeugt vor allem darstellerisch: Wie sie einsam – der tote Tristan entschwindet mitsamt seinem schwarzen Trümmerberg in das Dunkel der Hinterbühne – auf der leeren und hell erleuchteten Bühne singt, zeitlos in weißer Hose und Pulli, könnte sie auch als Filmdiva durchgehen. Nur in den Tod folgt sie **Tristan** nicht.

Die kleineren Nebenrollen waren ebenso gut besetzt; dazu gehören **Michael Porter** mit seinem schönen Tenor (ein junger ***Seemann*** zu Beginn), ebenso **Tianji Lin** (als ***Hirte*** im dritten Aufzug) und **Liviu Holender** (ein ***Steuermann***). Für den satten Klang des Männerchors war zuverlässig Chordirektor **Tilman Michael** verantwortlich. Nicht unerwähnt bleiben sollen die Musiker und Musikerinnen, die unter der Leitung von **Lukas Rommelspacher** für die Bühnenmusik zuständig waren. Es spielen Trompete: **Friederike Huy, Michael Schmeißer** und **Peter Hársaniy** (Gäste); Posaune: **Christian Künkel** und **Andreas Weil** (Gäste) sowie **Rainer Hoffmann** (Orchestermitglied); Horn: **Pedro Rodriguez** (Gast), **Stef van Herten, Silke Schurack** und **Claude Tremuth** (Orchestermitglieder) sowie **Martin Walz** (Gast).

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester – selbstverständlich steht GMD **Sebastian Weigle** am Pult – erwies sich als kongenialer Begleiter der Szenerie; zurückgenommen, jedoch ohne Klangverlust, nie flach werdend, keinem aufgeladenen und überbordenden musikalischen Rauschzustand sich hingebend, der ohnehin nicht zu dieser zurückgenommenen Inszenierung gepasst hätte. Auch bei **Wagner** kann der simple Spruch „*weniger ist mehr“* zur Wahrheit werden. **Weigle** holte alle Orchestermitglieder auf die Bühne – nicht nur an diesem Abend haben sie es verdient, oben zu stehen und aus dem Zuschauerraum mit großem Applaus belohnt zu werden. Ihrer Leistung ist es ebenfalls zu verdanken, dass es ein durchaus gelungener und interessanter Premierenabend wurde – auch wenn in anderer Hinsicht die Meinung des Publikums geteilt war.

**Tristan und Isolde** an der **Oper Frankfurt;** die weiteren Termine 1.2.; 9.2.; 14.2.; 23.2.; 29.2.; 12.6.; 20.6.; 28.6.; 2.7.2020

\---| IOCO Kritik Oper Frankfurt |---