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# Frankfurt, Oper Frankfurt, DIE NACHT VOR WEIHNACHTEN - Nikolai Rimski-Korsakow, IOCO Kritik, 18.12.2021
- URL: https://www.ioco.de/frankfurt-oper-frankfurt-die-nacht-vor-weihnachten-nikolai-rimski-korsakow-ioco-kritik-18-12-2021/
- Published: 2021-12-18T08:00:00.000Z
- Updated: 2025-01-28T08:04:51.000Z
- Author: Ljerka Oreskovic Herrmann
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Frankfurt

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[**Oper Frankfurt**](http://www.oper-frankfurt.de/?ref=ioco.de)

![Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/02/oper-frankfurt-inmitten-des-finanzzentrums-2c-ioco2.jpg "Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO")

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

# ***DIE NACHT VOR WEIHNACHTEN* \- Nikolai A. Rimski-Korsakow nach Nikolai Gogol**

**Die Nacht vor Weihnachten: Wünsche und Sehnsüchte der Bewohner des ukrainischen Dorfes Dikanka treffen sich, doch dann stiehlt der Teufel den Mond .....**

von **Ljerka Oreskovic Herrmann**

Es ist die Oper der Stunde ***Die Nacht vor Weihnachten*** von **Nikolai A. Rimski-Korsakow** (1844-1908). Nicht nur, dass sie aufgrund der Namensgebung in die Advents- und Weihnachtszeit idealtypisch zu passen scheint, sondern gerade in unsere graue Corona-Zeit. Denn sie befördert festliche Stimmung, die ansonsten so gar nicht aufkommen will und entführt das Publikum für drei Stunden in eine Welt voller naturmystischer, heidnischer und auch orthodox-christlicher Anmutung mit ukrainischen *Koljadkas*, die in der Weihnachtszeit erklingen, und einen verzaubert das Opernhaus verlassen lassen. Es gab mehrfach „Premieren“: erstmals wird **Rimski-Korsakows** Werk, das auf der gleichnamigen Erzählung **Nikolai Gogols** beruht, an der **Oper Frankfurt** gegeben, gleichzeitig fand mit der Generalprobe auch die Premiere statt. Da Corona-Regeln einen vollbesetzten Zuschauerraum nicht zulassen, versuchte das Haus etliche Premieren-Abonnenten für die Generalprobe (mit Erfolg) zu gewinnen. Intendant **Bernd Loebe** betonte in seiner einleitenden Rede, dass sich so etwas tatsächlich noch nie ereignet hatte: Generalprobe und Premiere an einem Abend.

**Die Nacht vor Weihnachten - Nikolai Rimski-Korsakow** youtube **Oper Frankfurt \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Und sie trägt eine etwas andere, als die gewohnte und vertraute Handschrift von **Christof Loy** an der **Oper Frankfurt**. Hatten seine früheren Inszenierungen weniger im jeweils historisch geprägten Rahmen gespielt, was nicht bedeutet, dieser Zugang wäre unzulässig oder gar falsch, belässt er **Rimski-Korsakows** Oper in ihrem historischen Kontext: in Russland. Die Kostüme von **Ursula Renzenbrink** sind russischer Folklore entlehnt, ohne sich ins Kitschige zu verlieren oder zu karikieren. Im Gegenteil! Die Anlehnungen bezeugen die genaue Auseinandersetzung des gesamten Regie-Teams, dazu gehört auch das Bühnenbild von **Johannes Leiacker,** dessen Schleier eine Märchenlandschaft evozieren und zugleich die Winterlandschaft Russlands symbolisieren, ohne unnötige klischeehafte Anspielungen. Ein Stück russischer Operngeschichte, das im europäischen Westen selten präsentiert wird. Völlig zu Unrecht. **Rimski-Korsakow** ist ein herausragender Komponist, der die russische Sprache – das Libretto hat er ebenfalls verfasst – mit der Musik zur vollkommenen Einheit verschmilzt und so das Zauberhafte zum Leuchten bringt. Dafür – und diese Entscheidung kann nicht genug herausgehoben werden! – hat die **Oper Frankfurt** ein mehrheitlich muttersprachliches Solistenensemble verpflichtet. Diese Sängerinnen und Sänger besitzen nicht nur eine kulturelle Vertrautheit mit dem Sujet (bis hin zum richtigen Bekreuzigen), sondern verleihen der Aufführung das nötige sprachliche „Timbre“ – wobei auch die Nichtmuttersprachler ausdrücklich mitgemeint sind. Zudem zeigen alle Mitwirkenden einen außerordentlichen Spielwitz.

Es ist die ***Nacht vor Weihnachten*,** in der Wünsche und Sehnsüchte der irdischen Bewohner des ukrainischen Dorfes *Dikanka* im Mittelpunkt stehen, der ***Teufel*** aber den (übergroßen) Mond stiehlt, da es seine letzte Nacht auf Erden ist, um sein böses Handwerk auszuüben und sich am Dorfschmied und **Maler Wakula** zu rächen; dieser hat den Kirchenvorraum mit der Vertreibung des Leibhaftigen ausgemalt. Den Besuch bei **Wakulas** angebeteter ***Oksana*** will er mit dem gestohlenen Mond, und der sich ausbreitenden Dunkelheit verhindern, da **Tschub,** ihr Vater, bei der Dunkelheit und dem Schneesturm zu Hause bleiben wird. Und so trifft er sich auf dem Dach mit **Solocha, Wakulas** Mutter und Hexe, die auf dem Kamin sitzend auf ihn wartet und ihrerseits Pläne schmiedet. Sie möchte mit Hilfe des **Teufels** den reichen **Tschub** heiraten, um an sein Vermögen zu kommen. Beide finden sich nicht nur in einer Zweckgemeinschaft wieder, sie verbindet mehr. Nur wenig später wird sich das erweisen, zuvor „fliegen“ sie – der **Teufel** dank seiner Kräfte ohne weitere Hilfsmittel, **Oksana** hexengerecht auf einem Besen – davon. Ein schönes Bild, das für die erste bewundernde Reaktion aus dem Publikum sorgt, der technischen Abteilung, wie auch allen anderen Beteiligten, einiges an Aufwand abverlangt und Anerkennung verdient. Einzig P***anas***, von **Anthony Robin Schneider** als hellwacher Kumpane von **Tschub** gespielt, wundert sich über den verschwundenen Mond und möchte mit diesem lieber dem einsetzenden Schneesturm entfliehen.

Trotz der **Teufeleien** und ***Solochas*** Hexenkunst begeben sich alle in die Dunkelheit und so finden sich ihre Liebhaber einer nach dem anderen ein: der durchaus sympathische Teufel, mit dem sie in ihr Zimmer geflogen kam, der **Diakon,** der Bürgermeister und ***Tschub*. Enkelejda Shkoza** gibt eine gewiefte, stimmlich und spielerisch beeindruckende **Solocha**, die ihre „gehörnten“ Liebhaber betört, doch der Reihe nach nonchalant im jeweils bereitliegenden Kohlensack verschwinden lässt, die später ihr Sohn nichtsahnend über den Inhalt in die Schmiede tragen wird; eine musikalisch wie darstellerisch irrwitzige Situation, bei dem die Lacher nicht ausbleiben. Das (ungewollte) Liebhaber-Ensemble besteht aus den nicht minder stimmlich und darstellerisch überragenden Solisten: **Andrei Popov, Peter Marsh, Sebastian Geyer** und **Alexej Tikhomirov.**

Gleiches gilt für das zukünftige Liebespaar **Wakula** und **Oksana**– **Georgy Vasiliev** und **Julia Muzychenko** betören mit lyrischem Tenor bzw. zartem und wohlklingenden Sopran. Er wirbt verzweifelt um sie, sie ist hingegen von ihrem Äußeren so sehr eingenommen, als dass sie **Wakulas** Ansinnen ernsthaft in Erwähnung ziehen würde. **Rimski-Korsakow** hat ihr als einzige zwei große Arien geschrieben, in denen sie ihre eigene Schönheit, aber auch die Liebe **Wakulas** besingt. Dennoch fordert sie von ihm Schuhe wie sie die Zarin trägt, als Bedingung für die Heirat. Angesichts dieser frivolen Laune, vom Chor munter unterstützt, bittet **Wakula** den Zauberer **Pazjuk – Thomas Faulkner** gibt einen wunderbar verfressenen, aber wenig hilfreichen Quacksalber – um „Fürsprache“ beim **Teufel; Pazjuk** verweist nur auf den Sack, den der **Schmied** auf seinem Rücken trägt. Endlich sieht der Teufel seine Stunde gekommen, **Wakulas** Seele für sich zu gewinnen. Natürlich wird es ihm nicht gelingen – **Wakulas** Kreuz verhindert es –, doch zuvor fliegen sie gemeinsam zur Zarin. Am Zarenhof, in dem der Chor nicht nur stimmlich brilliert, sondern auch kontrastreich zur Dorfbevölkerung in farbenfrohe und prächtige Kostüme gekleidet ist, gewinnt Wakula die Gunst der ***Zarin* – Bianca Andrew** gibt sie wohlklingend – und ihre schönsten, goldenen, Schuhe. Überhaupt ist der Chor unter der Leitung von **Tilman Michael** ein weiterer wesentlicher Akteur, der ebenso mit beeindruckender stimmlicher Präsenz und Spielfreude aufwartet.

Die Nacht weicht allmählich dem Tag, die dunklen Geister müssen abziehen. ***Koljada,* Ayelet Polne** als anmutige Ballerina mit Schwanensee-Anleihen, und **Gorka Culebras** vertreiben als (tanzende) Sonnengottheiten die bösen Geister. Sie zeugen von der Neugeburt der Sonne, vom „Licht im Osten“; dafür findet **Rimski-Korsakow** eine einmalige und berückende musikalische Ausdrucksweise: Auf den engelhaften Frauenchor stimmt ein Männerchor ein, das Orchester unterstreicht mit sattem Klang und Kirchenglocken den erhabenen Augenblick. Über Wakulas vermeintliche Todesart streiten sich herrlich überzeichnet zwei Frauen – Doppelrolle für **Enkelejda Shkoza** (*Frau mit violetter Nase*) und **Barbara Zechmeister** (*Frau mit gewöhnlicher Nase*) –, **Oksana** davon bedrückt hat unterdessen begriffen, dass sie den Schmied liebt und die Schuhe nicht mehr braucht. Seine Rückkehr ist ein großes Fest. Der ***Teufel*** und die **Hexe** gehen leer aus. Aber war er wirklich bei der **Zarin? Wakula** überlässt die Antwort dem großen Dichter, der die passende Erzählung mit „goldener Feder“ verfertigen wird: Die Musik verneigt sich im großen Finale vor **Nikolai Gogol,** dessen Portrait vom Chor hochgehalten wird.

Zum nicht weniger spielfreudigen Tanzensemble gehören des weiteren: **Pascu Ortí *(Bär),* Clara Cozzolino *(Odarka),* Haizam Fathy *(Swerbigus)*, Paola Ghidini (*Pazjuks Sklavin),* Guillaume Rabain *(Monsieur Flic-Flac)*, Nicky van Cleef (*Kammerdiener der Zarin)*** und **Mário Branco *(Der Portugiese).***

Die musikalische Leitung von **Sebastian Weigle** ist beherzt, mitgehend, alle Facetten der Partitur auslotend und funkensprühend, dem Orchester bereitete es sichtlich Freude, was auch das Publikum mit großem Applaus belohnte – natürlich auch die anderen Mitwirkenden. Für die himmlisch-sphärenhafte Szenerie sorgte in bewährter Weise das Licht von **Olaf Winter,** für die Choreographie des gut geführten Tanzensembles **Klevis Elmazaj** und für die superbe Flugchoreographie zeichnete Ran Arthur Braun verantwortlich.

Die *Gruppe der Fünf* bestimmte maßgeblich die russische Musik in der Nachfolge **Michail Glinkas,** die auch auf das Volksliedgut Russlands und der Ukraine zurückgriff und sich bewusst von den westeuropäischen Vorbildern löste. Zu diesem „mächtigen Häuflein“ gehörten **Mili Balakirew, Alexander Borodin, César Cui, Modest Mussorgski** und **Rimski-Korsakow.** Auch wenn er eine überragende Versiertheit besaß, opulente Klanggemälde kreierte und eine differenzierte Tonsprache entwickelte, stand er (im Westen) doch etwas im Schatten der anderen Komponistenkollegen. In diesem Sinne ist auch **Oskar Bies** Feststellung**, Rimski-Korsakow** sei zuerst Mitglied der Marine gewesen und habe die Welt umsegelt, ehe er als Musiker in Erscheinung trat, zu deuten, hätte er nicht einen weiteren Satz angefügt: *“Aber auch als Musiker umsegelt er die Welt und findet für jedes Sujet eine andere Sprache und einen anderen Stil.*“ Dies gilt zweifellos für ***Die Nacht vor Weihnachten*,** „diese Nacht“ lebt von einer Fülle an Sprachen, Stilen und Klangfarben – nicht zu vergessen: Humor! –, die sich auf grandiose Weise zu einem Ganzen verbinden und in dieser Frankfurter Inszenierung von **Christof Loy** kongenial übersetzt werden. Ein herausragender und unvergesslicher Abend.

[**DIE NACHT VOR WEIHNACHTEN** an der **Oper Frankfurt;**](https://oper-frankfurt.de/de/spielplan/die-nacht-vor-weihnachten/?ref=ioco.de) die weiteren Ternime 17.12.; 19.12.; 23.12.; 25.12.2022; 1.1.; 2.1.; 8.1.2022

\---| IOCO Kritik Oper Frankfurt |---