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# Essen, Aalto-Theater, Salome - Richard Strauss, IOCO Kritik, 11.07.2018
- URL: https://www.ioco.de/essen-aalto-theater-salome-richard-strauss-ioco-kritik-11-07-2018/
- Published: 2018-07-12T07:00:49.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:46:55.000Z
- Author: Karin Hasenstein
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, richard wagner, Haendel, Lohengrin, Wagner, Essen

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[Aalto Theater Essen](http://www.aalto-musiktheater.de/?ref=ioco.de)

![Aalto-Theater-Essen © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/04/aalto-theater-essen-c-jarosch3.jpg "Aalto-Theater-Essen © IOCO")

Aalto-Theater-Essen © IOCO

# **SALOME - Richard Strauss**

 ***\- Das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes -*** 

Von **Karin Hasenstein**

***Die Handlung:*** Am Hofe des König Herodes begehren alle irgendetwas, das sie nicht haben können. Der Hauptmann ***Narraboth*** begehrt die Prinzessin **Salome*,* oder doch wenigstens einen Blick, ein Lächeln von ihr. Der König **Herodes** begehrt die Frau seines Bruders, **Herodias*.* Er lässt seinen Bruder einsperren und schließlich töten, um Herodias heiraten zu können. Das reicht ihm jedoch nicht, er begehrt außerdem ihre Tochter **Salome,** seine Nichte.

Begierde besteht entweder in der Lust, etwas zu besitzen, oder in der Furcht davor, es zu verlieren, weil dann das Begehren niemals gestillt werden kann. ***Herodes*** ist ein Mann, der von seinen Begierden getrieben ist: er ist umgeben von Macht, Reichtum und Schönheit. Dadurch leidet er unter ständiger Verlustangst. Außerdem ist da ***Salome,*** die er nicht ohne weiteres besitzen kann. ***Salome*** steht also im Zentrum seines Begehrens und will ihm möglichst entfliehen. So sind auch ihre ersten Worte *„Ich will nicht bleiben, ich kann nicht bleiben!*” Immer wieder entzieht sie sich seinen Blicken und Berührungen.

Ähnliche Begehren treiben ***Narraboth;*** doch ganz andere Gründe verbieten ihm, die Prinzessin zu begehren. **Narraboth** und **Herodes** werden mit denselben Worten gewarnt; dass es Unglück bringt, die Prinzessin auf diese Weise anzusehen. Der ***Page*** warnt ***Narraboth***: „*Du siehst sie immer an. Du siehst sie zuviel an. Es ist gefährlich, Menschen auf diese Weise anzusehen. Schreckliches kann geschehen.”* ***Herodias*** ermahnt ihren Gatten „*Du sollst sie nicht ansehen, fortwährend siehst du sie an!*” Doch ***Herodes*** hört ebenso wenig auf seine Frau, wie ***Narraboth*** auf den Pagen. So wird mit Beginn verdeutlicht: es wird Schreckliches geschehen; alle sind Sklaven ihrer Begierden. Auch ***Salome*** begehrt etwas, was sie nicht haben kann.

![Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Annemarie Kremer als Salome © Martin Kaufhold](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/07/salome_presse_-aufmacher-kaufhold_martin_09neu.jpg)

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Annemarie Kremer als Salome © Martin Kaufhold

Der eigentlichen Handlung vorgeschaltet ist ein Video **(fettFilm)**, das auf den Bühnenhintergrund projiziert wird. Wir sehen eine Szene aus einem Kindergeburtstag. Ein kleines Mädchen bekommt Geschenke. In der nächsten Einstellung ist das Mädchen etwas älter, ein Teenager. Wieder wird ein großes Geschenk überreicht. Es scheint nicht das Gewünschte zu sein, es wird achtlos weggeworfen.

***Die Aalto - Inszenierung:*** Im Palast des ***Herodes*** wird ein Fest gegeben. **Salome** entflieht den lüsternen Blicken ihres Stiefvaters und flieht zum Personal in die Küche. Sie trägt Jeans und eine weiße Bluse, weiße Turnschuhe; ihr langes Haar ist zum Pferdeschwanz gebunden. **(Bühne und Kostüme: Julia Hansen)**. Es ist ein nach drei Seiten offener Raum auf einer Drehbühne. Am linken Rand befindet sich eine Tür, die in den Vorratskeller führt. Als der Koch die Tür offenstehen lässt, dringt die Stimme eines Gefangenen herauf. Als ***Salome*** die Stimme **Jochanaans** vernimmt, ist sie von seinen Worten berauscht und verlangt von den Wachen, ihn zu sehen. ***Narraboth*** willigt ein, als ***Salome*** ihm ein Lächeln verspricht.

Die Bühne wechselt; wir sehen ein Kontor, Regale mit Kartons an den Wänden, in der Ecke ein Bett. Der Zuschauer erkennt das Kinderzimmer aus der Video-Projektion. ***Salome*** läuft aufgeregt hin und her, als die Wachen kommen und den Gefangenen bringen. Der Prophet trägt, wie die Wachen, schwarze Uniformhosen und Stiefel, die Arme in einer Zwangsjacke gefesselt. Sofort beginnt der Prophet merkwürdig zu sprechen; niemand kann ***Salome*** sagen, von wem er spricht. ***Salome*** glaubt „*Er spricht von meiner Mutter!*” ***Narraboth*** erkennt seinen Fehler und fleht ***Salome*** an, zu gehen. ***Salome*** gibt sich dem Propheten zu erkennen mit den Worten *„Ich bin *Salome,* die Tochter der *Herodias,* Prinzessin von Judäa!”* Sie will ihn aus der Nähe betrachten; als ***Jochanaan*** sie harsch zurückweist steigert dies ihre Neugier, ihr Begehren. **Narraboths** Rufe „*Prinzessin! Prinzessin! Prinzessin!*” dringen nicht zu ihr durch.

Obwohl der Prophet sie beschimpft und von sich stößt, steigert sich ***Salome*** in eine wahnhafte Begierde hinein. Sie ruft aus, sie sei verliebt in seinen Leib; sie vergleicht diesen Leib mit den Lilien auf dem Feld, mit dem Schnee auf den Bergen Judäas, den Rosen im Garten von Arabiens Königin. Als **Jochanaan Salome** erneut zurückweist, beschreibt sie seinen Leib als grauenvoll.

Während des Wechselspiels von Preisen und Beschimpfen zeigt eine Video-Projektion über den Köpfen der handelnden Personen: *Das kleine Mädchen wandert in weißem Ballettröckchen durchs Bild.* Die Szenen im Film wechseln und kommentieren die Bühnenhandlung. Mit **Salomes** Ausruf: „*Dein Leib ist grauenvoll. Er ist wie der Leib eines Aussätzigen…*” ritzt sich das Mädchen seine Arme mit einer Schere. Auf den Text *„In dein Haar bin ich verliebt”* bürstet das Mädchen sein langes Haar. Als ***Salome Jochanaans*** Haar berühren will und er sie abermals zurückstößt, sehen wir zu ihren Worten „*Dein Haar ist gräßlich!”*, wie das Kind sein Haar mit einer Schere strähnenweise abschneidet.

![Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Das Fest im Haus des Herodes © Martin Kaufhold](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/07/salome_presse_gaeste-kaufhold_martin_05neu.jpg)

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Das Fest im Haus des Herodes © Martin Kaufhold

***Salome*** will den Mund des Propheten küssen. Ein sinnlicher Wunsch der jungen Frau, der auf den Zuschauer verstörend wirkt, zieht ***Salome*** doch einen riesigen Teddy an der Hand zu ***Jochanaan.*** Kindfrau, Lolita, alle möglichen Assoziationen kommen in den Sinn. ***Narraboth*** kann all das nicht mehr ertragen; er erschießt sich, als ***Salome*** stetig wiederholt „*Ich will deinen Mund küssen, *Jochanaan.* Lass mich deinen Mund küssen!*” zu diesen Worten legt **Salome** ihren Kopf in seinen Schoß, als er sich unter ihr hervor windet, klammert sie sich an sein Bein. Mit den Worten „*Du bist verflucht, Salome, Du bist verflucht!”* lässt er sich in sein Gefängnis zurückbringen.

***Salome*** wütet in dem Kontor wie ein trotziges Kind, stößt Möbel um, reißt Kartons aus den Regalen. Mitten in diesen Wutausbruch hinein treffen ***Herodes,* *Herodias*** und die Gäste ein. ***Herodes*** trägt ein Diner-Jackett, ***Herodias*** ein elegantes Abendkleid, man ist bester Laune. Die Gäste tragen lustige kleine Partyhütchen, der aufmerksame Zuschauer erkennt die Geburtstagsgesellschaft aus der ersten Video-Einspielung. Diener bringen transparente Stühle herbei, eine Tafel wird mit einer Geburtstagtorte und allerlei Leckereien gedeckt.

Niemand scheint das Chaos im Raum zu bemerken. Weil es so im Libretto steht, stolpert Herodes über die Leiche des ***Narraboth*** bzw. gleitet in dessen Blut aus. In Blut zu treten, gilt als böses Zeichen, also muss der Tote schnell weg. Der Schrecken ist jedoch rasch vergessen und Herodes fordert Salome auf, sie solle mit ihm Wein trinken. **Salome** zischt ihn an: *„Ich bin nicht durstig, Tetrarch.” *Herodes:** „*Bringt Früchte, Salome, komm iss mit mir.*” Mit den Worten *„Ich bin nicht hungrig, Tetrarch”* weist sie ihn erneut zurück.

Schließlich provoziert er noch seine Frau ***Herodias,*** indem er Salome auffordert „**Salome,* komm setz dich zu mir… du sollst auf dem Thron deiner Mutter sitzen.” *Salome** bleibt unnachgiebig: *„Ich bin nicht müde, Tetrarch.”* ***Herodias*** weist ihn mit den Worten zurecht, mit denen zuvor der Page ***Narraboth*** ermahnt hat: „*Du sollst sie nicht so ansehen… Warum starrst du sie immer an?”* Während die Gesellschaft ausgelassen feiert, stößt **Jochanaan** weiter apokalyptische Prophezeiungen aus.

Nun kommt die Stimme des Propheten aus dem Rang rechts oben, dann von hinten links, die Prophezeiungen werden konkreter, der Streit zwischen Juden und Nazarenern steigert sich und in dieses Durcheinander hinein erklingt die Aufforderung des ***Herodes*** „*Tanz für mich, Salome!”* ***Salome*** will nicht tanzen, auch ***Herodias*** ereifert sich immer mehr: „Ich will nicht haben, dass sie tanzt!”

***Herodes*** versucht seinen Wunsch zu unterstreichen, indem er ***Salome*** ein großes Geschenk anbietet. Sie wittert ihre Chance, alles zu fordern, was sie will, vergewissert sich aber noch und lässt ihn einen Eid schwören. *„Bei meinem Leben, bei meiner Krone, bei meinen Göttern. O *Salome, Salome*, tanz für mich!*” Die Bitten ihrer Mutter, nicht zu tanzen, ignorierend, willigt ***Salome*** schließlich ein. Das Licht wird gedimmt, ***Salome*** nimmt das Tutu und verhüllt ihr Gesicht mit einer weißen Maske, alle Gäste setzten sich farbige Perücken auf, was die Szene immer grotesker erscheinen lässt, und Salome beginnt zu tanzen.

![Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Annemarie Kremer als Salome und ihr Schleiertanz © Martin Kaufhold](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/07/salome_presse_schleiertanz-kaufhold_martin_neu.jpg)

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Annemarie Kremer als Salome und ihr Schleiertanz © Martin Kaufhold

In ihrem nun folgenden Tanz vollzieht ***Salome*** eine Art Pantomime. Sie wehrt etwas ab, was der Zuschauer nicht sieht, fällt aufs Bett, scheinbar von bösen Träumen geschüttelt, deutet ein Aufschneiden der Pulsadern an, legt schließlich Tutu und Maske ab, macht das Licht wieder an. Zu den nun folgenden rauschhaften Walzerklängen fordert sie die Gäste zum Tanz auf; alle tanzen, bis ***Herodes Salomes*** Handgelenk beendet, indem er sie roh am Handgelenk packt und hinter die Tafel zerrt. Was dort geschieht mag sich der Zuschauer ausmalen. Als **Herodes** mit den Worten *“Ah! Herrlich! Wundervoll, wundervoll!”* wieder erscheint, bezieht sich dies nicht nur auf den Tanz der ***Salome.*** Zerraufte Haare und derangierte Kleider der ***Salome*** deuten anderes an.

***Salome*** fordert mit versteinerter Miene ihren Lohn; in einer Silberschüssel fordert sie den Kopf des **Jochanaan.** Die Regieanweisungen an dieser Stelle sind *„Süß, lächelnd”.* Die Prinzessin, die gewohnt ist, stets zu bekommen, was sie will, bleibt unnachgiebig, als Herodes ihr das verweigern will, was sie begehrt, hat er doch damit nicht gerechnet. **Salome** wiederholt ihre Forderung: *„Zu meiner eigenen Lust will ich den Kopf des *Jochanaan* in einer Silberschüssel.”* und erinnert ***Herodes:*** „*Du hast einen Eid geschworen, *Herodes.* Du hast einen Eid geschworen, vergiss das nicht.“*

***Herodes*** bietet ihr alle Schätze seines Königreiches, ***Salome*** jedoch bleibt unerbittlich. Sie wiederholt ihre Forderung, dreimal, viermal, alle seine Angebote ignorierend. Als er immer noch nicht darauf eingeht, unterstreicht sie ihren Wunsch, indem sie zunächst mit der Pistole, mit der schon ***Narraboth*** seinem Leben ein Ende bereitet hat, auf ***Herodes*** zielt, ihn in die Knie zwingt und ihm schließlich die Pistole an den Kopf hält. Ihre Forderung erklingt zum fünften und sechsten Mal: *„Den Kopf des Jochanaan. Gib mir den Kopf des Jochanaan.”* Inzwischen reicht es auch ***Herodias*** und sie unterstützt ***Salome*** in ihrer Forderung.

Nach der siebenten und achten Wiederholung, ***Salomes*** Pistole an der Schläfe, in Todesangst, willigt ***Herodes*** verzweifelt ein: *„Man soll ihr geben, was sie verlangt! Sie ist in Wahrheit ihrer Mutter Kind!”* Daraufhin zieht **Herodias** dem Tetrarchen den Todesring vom Finger und übergibt ihn dem Soldaten, der ihn dem Henker überbringt. Als ***Herodes*** dieses bemerkt, ist er sicher, dass Unheil geschehen wird.

***Salome*** lauscht an der Tür zum Gefängnis, es ist jedoch kein Laut zu vernehmen. Schließlich bemerkt ***Salome,*** dass der Henker sein Schwert hat fallen lassen. Sie befindet sich in einem wahren Blutrausch und schickt den Pagen hinterher mit den Worten „*Es sind noch nicht genug Tote!”*

![Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Heiko Trinsinger als Jochanaan_ gefesselt © Martin Kaufhold](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/07/salome_jochanaan-_kaufhold_martin_neu.jpg)

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Heiko Trinsinger als Jochanaan\_ gefesselt © Martin Kaufhold

*Hier bricht die Regie mit dem Libretto:* Der Henker bringt nicht das Haupt des ***Jochanaan,*** wie man es aus zahlreichen Inszenierungen kennt, sondern der Prophet wird noch einmal lebend heraufgeführt. Gefesselt und mit verbundenen Augen steht ***Jochanaan*** vor ***Salome,*** die ihm vorhält „*Du wolltest mich nicht deinen Mund küssen lassen, *Jochanaan!* Wohl, ich werde ihn jetzt küssen!“* In dem folgenden Monolog tobt sich ***Salome*** noch einmal aus. Es ist nicht nur die Rache gegen **Jochanaan**, die sich hier entlädt, sondern auch ihr Hass auf **Herodes** den sie hier noch einmal richtig demütigen kann und dem sie alles heimzahlen kann, was er an ihr begangen hat.

Sie preist ihn ein letztes Mal. Dann löst sie ihr Haar und während ***Jochanaan*** aufsteht und mit der Wache abgeht, stellt sie die zentrale Frage in den Raum: *„Warum hast du mich nicht angesehen, *Jochanaan?* Hättest du mich angesehen, du hättest mich geliebt! Ich weiß wohl, du hättest mich geliebt. Und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes…”*

***Herodes*** zischt seiner Frau zu *„Sie ist ein Ungeheuer, deine Tochter!”* und, in diesem Moment bringt die Wache den abgeschlagenen Kopf des ***Jochanaan*** und legt ihn vor ***Salome*** auf den Boden. ***Salome*** nimmt den Kopf auf und ist nun damit endlich am Ziel ihrer Begierden angelangt. Zu den Worten: „*Ah! Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan. Ah! Ich habe ihn geküsst, deinen Mund, es war ein bitterer Geschmack auf deinen Lippen. (…) Sie sagen, dass die Liebe bitter schmecke… allein, was tut’s? Was tut’s? (…) Ich habe ihn geküsst, deinen Mund”* , bedeckt sie seinen Mund mit Küssen.

Sie legt den Kopf wieder ab. Die Bühne fährt zurück, ***Salome*** bleibt allein auf der Vorderbühne zurück; vor ihr das Haupt des ***Jochanaan.*** Aus dem Hintergrund ertönt der Ruf des **Herodes* “Man töte dieses Weib!”*, das Licht wird abgeblendet. ENDE.

***Was fasziniert uns so an Salome? – Wirkung und Rezeption***

**Salome** ist seit jeher als Kunstfigur in unserer Gesellschaft verankert. Es hat sie gegeben, diese Tochter de***r Herodias;*** in der Bibel bleibt sie jedoch namenlos. Die Tochter verlangt den Kopf **Johannes des Täufers** als Preis für ihren Tanz um ihrer Mutter Willen, weil die verbotene Ehe zwischen ***Herodias*** und ***Herodes*** angeprangert wird.

Seit dem 6\. Jahrhundert ist der *"Kopf des Täufers"* auch Gegenstand der bildenden Kunst, oft in Verbindung mit ***Salomes*** Tanz. Ab dem 16\. Jahrhundert wird vor allem ***Salome*** allein mit dem Kopf des Propheten dargestellt. ***Salome*** vereint in sich die schöne, begehrenswerte Frau und die Wahnsinnige, die den abgeschlagenen Kopf in Händen hält. Später, im 19\. Jahrhundert, liegt der Fokus auf ***Salomes*** Sinnlichkeit und Verführungskunst. 1877 widmete **Jules Massenet** dem Thema mit *„Hérodiade”* eine Oper. **Richard Strauss´** Oper von 1905 ist nach dem Drama ***Salome*** von **Oscar** **Wilde** entstanden. 1908 hat sich noch **Antoine Mariotte** mit seiner Oper ***Salomé*** an dem Stoff versucht. Durchgesetzt hat sich jedoch die ***Salome*** von **Richard Strauss,** nicht zuletzt wegen ihrer rauschhaften energischen Musik.

**Die Komposition**

**Strauss** selbst hat erkannt, **Wildes** Stück *„schreie nach Musik”.* Mit **Salome** durchbricht er zum ersten (und einzigen) Mal die Grenzen der bürgerlichen Repräsentation. Unverhüllte Erotik, die schamlose Darstellung der lüsternen Gefühle des ***Herodes*** machen diesen Stoff zu etwas Besonderem.

***Strauss*** schafft mit seiner Harmonik und Instrumentierung eine besondere Klangwelt, die so bisher nicht vorstellbar war. Das Tonmalerische wächst über sich hinaus. **Strauss** hat **Wildes** Drama Wort für Wort durchkomponiert und verfolgt damit konsequent die von **Richard Wagner** entwickelte Technik des Leitmotivs. Klangfarbe in Verbindung mit den rhythmischen Elementen ist die Grundlage dieser expressionistischen Partitur. Der Komponist beherrscht die Mächte des Guten, Erlösenden und Versöhnlichen ebenso wie die des Grausens und Entsetzens, die Angst und das Bangen, all die dunklen seelischen Gewalten. Er geht auch in der Harmonie ungewöhnliche und teils „regelwidrige” Wege, entschließt sich jedoch nie ganz zur Atonalität. Lediglich im Streit der Juden mit den Nazarenern geht er in den Bereich der Bitonalität hinein.

Auch der Aufbau der Komposition ist ungewöhnlich: Ohne Vorspiel wird der Hörer direkt in die Szene geworfen mit dem Ausruf des ***Narraboth*** *„Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht!”* So führt gleich die erste Szene in den Fokus des Geschehens und der Zuschauer oder Zuhörer ist von den ersten Takten an gebannt. Eine Spannung, die sich erst in den letzten Tönen der Partitur löst.

Bei **Strauss’** Musik handelt es sich nicht nur um einen hohen Schwierigkeitsgrad, sondern um eine ebenso raffinierte musikalisch-dramaturgische Struktur. ***Salome*** ist seine bis dahin fortschrittlichste Komposition. Er schreibt extrem chromatisch und legt entfernte Tonarten übereinander, ohne jedoch die Regeln der Tonalität zu missachten. Durch dieses Mittel der Bitonalität treibt er die Personencharakteristik auf die Spitze. Ganztonskalen verleihen der Oper ein gewisses orientalisches Kolorit. Im *„Tanz der sieben Schleier”* unterstreicht er diese fernöstliche Atmosphäre noch zusätzlich durch den Einsatz von Xylophon, Kastagnetten, Tamtam und Tamburin.

***Leitmotive und ihre Wirkung***

***Salome*** ist wie **Richard Wagners** Werke durchkomponiert und mit Leitmotiven versehen. Jeder Charakter wird durch verschiedene Tonfiguren beschrieben. ***Salomes*** Hauptmotiv ist durch eine verminderte Terz und parallel einsetzende Geigen-Tremoli gekennzeichnet und wird von einem 32stel-Lauf eingeleitet. In der zweiten Szene wird das Motiv erweitert. Auch Hauptmann ***Narraboth*** erhält sein eigenes Motiv, welches in den Celli erklingt. Die Aneinanderreihung von zwei großen Sexten bildet eine Undezime, wodurch sich sein großes unerfülltes Verlangen nach **Salome** ausdrückt.

Den Prophet ***Jochanaan*** hingegen bekommt lange fließende Melodien und bliebt dabei überwiegend im tonalen Bereich. Die Tonarten sind C-Dur, As-Dur, es-Moll. ***Salomes*** Figuren sind von kurzen Motiven mit großer Chromatik und Atonalität gekennzeichnet. Sie hat kurze Notenwerte und ihre Tonarten bewegen sich zwischen cis-Moll und A-Dur, während der Prophet im Hintergrund in Es-Dur bleibt. A und Es bilden einen Tritonus, eine übermäßige Quarte oder verminderte Quinte, ein Intervall, das als dissonant empfunden wird und traditionell für Unheil steht. ***Jochanaan*** hebt sich durch seine Melodieführung sowohl von ***Salome*** als auch von allen anderen Hauptrollen ab. Das sogenannte Prophezeiungsmotiv durchzieht alle seine Auftritte und unterstreicht seine Beschwörungen auch aus dem Hintergrund. Als ***Salome*** den Propheten zum ersten Mal gehört hat, passt **Strauss** ihre Tonart der des ***Jochanaan*** an und betont damit ihr Interesse am Propheten. Als sie ***Narraboth*** benutzt, vermischen sich ihre beiden Leitmotive im Orchester. Bei ***Jochanaans*** Auftritt in der dritten Szene verwendet ***Strauss*** Oboen, Englischhorn und Heckelphon und das Motiv besteht aus fallenden Quarten. Die langen Notenwerte und klaren Bewegungen werden durch ***Salomes*** Begehren mit 32stel-Auftakten und dem schon bekannten Tritonus kontrastiert. Ihr Instrument ist hier die Klarinette, oft auch die Flöte.

Das Leitmotiv zu *„Ich will deinen Mund küssen”* wiederholt sich immer wieder, *molto appassionato* nähert sich Salome ***Jochanaans*** Tonarten an, während dieser in ihrer Tonart cis-Moll endet. Im Schleiertanz wird das Motiv des Begehrens mit dem „Ich will den Kopf”-Melodie in verkürzter Form verbunden. ***Jochanaans*** Quart-Motiv wird ebenfalls bei Salome verkleinert, jedoch verzichtet der Komponist auf eine Wiedergabe des Herodes-Motivs. Salome ist gedanklich nur mit ***Jochanaan*** beschäftigt. Die chromatischen Verzierungen im Tanz-Motiv sind charakteristisch für die einleitende Oboen-Melodie. Im großen Schlussmonolog besingt ***Salome*** den Kopf des getöteten Propheten. Ihr anfängliches cis-Moll wandelt sich hier in Cis-Dur, als sie seine Schönheit preist. Man könnte eine positive Wendung vermuten.

Besonders hervorgehoben wird ihr Satz „*Und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes*.” **Strauss** verwendet hier alle 12 Halbtöne der Skala. Dabei fällt *„Liebe*” auf einen hohen und *„Todes”* auf den tiefsten Ton von ***Salomes*** gesamter Partie. Als sie den Kopf des Propheten küsst, erklingt im Orchester ein extrem dissonanter Zusammenklang aus ais, c, disis, eis, fis und a, welcher Liebe und Grausamkeit zugleich widerspiegelt.

***Musikalische Interpretation***

Es lässt sich denken, dass diese Partitur von **Richard Strauss** besondere Anforderungen an das Orchester wie an die Solisten stellt. Die **Essener Philharmoniker** unter der Leitung von **Tomás Netopil** interpretieren diese anspruchsvolle Aufgabe sicher und mit großer Verve. Der geräumige Orchestergraben des **Aalto-Theaters** erlaubt eine großzügige Streicherbesetzung (14-12-10-8-6), wobei **Strauss** eine 16er-Besetzung vorgesehen hatte, und vierfaches Holz. Besonders hervorzuheben sind hier die Klarinetten und die Soloflöte sowie die hervorragende Horngruppe. Die Dynamik ist stets so, dass alle Solisten gut über das Orchester kommen, was in anderen Aufführungen an anderen Häusern in dieser Spielzeit nicht immer der Fall war (vgl. hier link: [**Die Rezension der *Salome* der Deutschen Oper Berlin**](https://ioco.de/2018/02/05/berlin-deutsche-oper-berlin-salome-von-richard-strauss-ioco-kritik-04-02-2018/?ref=ioco.de)**).**

**Netopil** ist stets aufmerksam an den Sängern und nimmt, falls notwendig, das Orchester behutsam zurück, ohne dadurch an Dramatik oder Expression zu verlieren. Hauptgrund, diese Inszenierung der ***Salome*** zu besuchen, war für die Rezensentin die Besetzung der ***Salome*** mit der niederländischen Sopranistin **Annemarie Kremer**, die bereits in Hannover in der Titelrolle begeistert und überzeugt hat. **Kremer** passt sich unterschiedlichen Inszenierungen an, behält jedoch stets eine eigene sehr starke Färbung der Rolle, die neben ihren stimmlichen auch ihre großen darstellerischen Fähigkeiten unterstreicht.

In der Inszenierung von **Mariame Clément** entwickelt sie sich vom genervten verwöhnten Töchterchen zur *femme fatale* und schließlich zum berechnenden eiskalten Racheengel. Ihr Ausdruck an Stellen wie *„Gib mir den Kopf des Jochanaan!”* lässt den Zuhörer den Atem anhalten und die Temperatur im Raum gefühlt um drei Grad absinken.

![Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Salome bedroht Herodes © Martin Kaufhold](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/07/salome_und-herodes-kaufhold_martin-neu.jpg)

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Salome bedroht Herodes © Martin Kaufhold

**Annemarie Kremer** ist so in der Rolle und ihr dramatischer Sopran passt so gut zu Strauss’ Musik, dass es eine große Freude ist, sich von ihr in diese schwelgende rauschhafte Klangwelt entführen zu lassen. So wundert es nicht, dass **Annemarie Kremer** seit ihrem Salome-Debüt an der **Wiener Staatsoper** 2011 mit dieser Rolle an verschiedenen Theatern weltweit Erfolge feiert, u.a. in Sao Paulo, Moskau, Hong Kong und Neapel. Ihre Stimme ist leuchtend und von großer Strahlkraft in der Höhe, aber auch voll und mezzohafte warm bis hin zu den tiefen Tönen. Zusammen mit ihrem intensiven Spiel begeisterte sie in der letzten Vorstellung der Spielzeit noch einmal das Publikum.

In der Rolle ihrer Mutter ***Herodias*** besticht **Marie-Helen Joel**. Die in Aachen geborene Mezzosopranistin wechselte 2009 aus Bonn ans **Aalto-Theater.** Mit silbergrauer Frisur im Stile Marilyn Monroes und altrosa Abendkleid überzeugte sie schon optisch würdevoll als Königin. Ihr gut geführter Mezzo und ihre hohe Textverständlichkeit führten den Fokus immer wieder zu ihr, auch wenn sie von der Regie manchmal etwas fremdartig am Rand platziert wirkte.

***Herodes*** wurde verkörpert von **Jeffrey Dowd**. Der in New York geborene Tenor ist seit 1994 Ensemblemitglied am **Aalto-Theater** und war dort bereits in großen Wagner- und Strausspartien zu erleben, u.a. als Parsifal, Lohengrin, Stolzing und Kaiser in ***Frau ohne Schatten.*** Mit großer Spielfreude verlieh er dem lüsternen *Tetrarchen* bisweilen komische Züge ohne jedoch lächerlich zu wirken.

**Heiko Trinsinger** gab den **Jochanaan.** Der Bariton wurde in Dresden geboren und war dort von 1979 bis 1987 Mitglied des Dresdner Kreuzchores. Nach Engagements in Hamburg, München, Bonn, Kassel, Wiesbaden, an der Wiener Volksoper u.v.m. ist er seit 1999 Ensemblemitglied des **Aalto-Theaters,** wo er in zahlreichen großen Rollen seines Fachs zu erleben war. **Trinsinger** verkörpert glaubhaft den Propheten, der die Prinzessin in ihrem unerhörten Ansinnen immer und immer wieder zurückweist. Seine Stimme erklingt aus dem Gefängnis in der Unterbühne oder aus den Rängen durchdringend und mahnend mit vollem warmem Bariton.

Auch die Nebenrollen sind durchweg gut besetzt. So wird diese ***Salome*** zu einem insgesamt äußerst erfreulichen Opernerlebnis, welches das begeisterte Publikum mit anhaltendem Beifall und stehenden Ovationen honoriert.

**Salome** am **Aalto - Theater, Essen**: weitere Vorstellungen 19.1.; 27.1.; 10.3.2019

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