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# Dresden, Semperoper, NORMA - Vincenzo Bellini, IOCO Kritik, 05.10.2021
- URL: https://www.ioco.de/dresden-semperoper-norma-vincenzo-bellini-ioco-kritik-05-10-2021/
- Published: 2021-10-04T16:00:52.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:07:58.000Z
- Author: Thomas Thielemann
- Tags: Aktuelles aus der Theaterwelt, Kritiken, Dresden

![semperoper_neu_2.jpg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/semperoper_neu_2.jpg "Semperoper Dresden")

[Semperoper](https://www.semperoper.de/?ref=ioco.de)

![Semperoper © Matthias Creutziger](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/05/140_semperoper_matthias-creutzigerneu.jpg)

Semperoper © Matthias Creutziger

# ***NORMA* \- Vincenzo Bellini**

 **\- In der Konzernzentrale - Peter Konwitschny inszeniert in Dresden -**

von **Thomas Thielemann**

Im April 1831 wird am Pariser Odéon-Theater das Drama ***Norma*** von **Alexandre Soumet** (1786   **\-** 1845) mit großem Erfolg uraufgeführt. **Vincenzo Bellini** (1801-1835), der, ob seines Opernerfolgs am **Teatro La Fenice** in Venedig ***I Capuleti e Montecchi*** den Auftrag von je einer Oper für die **Mailänder Scala** sowie das Venediger **La Fenice** für die Saison 1831/32 erhalten und angenommen hatte, war bei der Stoffsuche auf die Tragödie aufmerksam geworden. Im Juli beauftragte er seinen Freund und den mit Rossini- und Donizetti-Opernlibretti bereits erfolgreichen **Felice Romani** (1788-1865) mit der Textbearbeitung für eine „tragedia lirica“.

**NORMA - inszeniert von Peter Konwitschny** youtube Trailer Semperoper Dresden **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Bereits Anfang Dezember begannen die Proben für die Erstaufführung sowie eine Anpassung der Partie der Titelheldin an die stimmlichen Möglichkeiten der Sängerin der Uraufführung **Giuditta Pasta** (1797-1865).Neun Varianten der Auftrittsarie soll Bellini der Pasta angeboten haben. Am 26\. Dezember 1831 eröffnet die Scala die Saison mit **Bellinis *Norma.*** Für uns heute schwer nachzuvollziehen, dass der „Workaholic" ***Bellini*** wenige Jahre später mit nur 34 Jahren an einer schweren Dysenterie versterben musste.

**Romanis** Libretto verortet uns in das römisch besetzte Gallien des ersten Jahrhunderts vor Christus. Die Oberpriesterin ***Norma,*** Tochter des obersten Druiden, unterhält seit Jahren eine verbrecherische Beziehung zum römischen Prokonsul **Pollione,** aus der bereits zwei Kinder entstanden sind, die versteckt gehalten werden müssen. Als sich **Pollione** in die junge Novizin **Adalgisa** verliebte und mit ihr nach Rom gehen möchte, beschließt **Norma,** den Treuebruch zu rächen. Die Kinder vermag sie nicht zu töten und, obwohl die Jüngere sich zu einem Verzicht bereitfindet, erkennt sie, dass ihre Liebe beendet ist. **Norma** entscheidet sich zum gemeinsamen Feuertod mit **Pollione.**

**Bellinis** berauschende Musik verschafft der ***Norma*** trotz des recht verquirlten Handlungsfadens immer wieder einen respektablen Platz im zeitgemäßen Opernrepertoire. Der Regietheater-kritische Besucher wird deshalb den Erlebniswert des Opernabends an der Qualität des Musikalischen messen.

![Semperoper / NORMA hier Yolanda Auyanet; Stepanka Pucalkova; Dmytro Popov © Ludwig Olah](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2021/10/yolanda-auyanet-stepanka-pucalkova-dmytro-popov-foto-ludwig-olah-1neu.jpg)

Semperoper / NORMA hier Yolanda Auyanet; Stepanka Pucalkova; Dmytro Popov © Ludwig Olah

Das Musikalische des Premierenabends unter der Leitung des Komponisten und Dirigenten **Gaetano d´Espinosa** ließ kaum Wünsche offen. Der in Sizilien geborene war bereits seit seinem 21\. Lebensjahr von 2001 bis 2008 mit der **Sächsischen Staatskapelle** u.a. als stellvertretender Konzertmeister der ersten Violinen verbunden. Im Winter 2019 dirigierte er erstmalig als Einspringer einen Opernabend in Dresden.

Mit den Musikern der Staatskapelle sorgte **d´Espinisa** für makellosen Bellini-Klang. Mit großen elegischen Bögen, farbenreich und transparent folgte er dem gefühlsdichten Drängen des Belcanto-Gesangs. Obwohl Bellinis Komposition vor allem den Sängern gehört, behielt **d´Espinosa** das Bühnengeschehen mit den Musikern der **Sächsischen Staatskapelle** fest im Blick.

Die Runde der Sänger-Darsteller eröffnete der Bassist des Hausensembles **Alexandros Stavrakakis** als **Oroveso.** Mit kräftiger, hervorragend timbrierter Stimme vermittelte der oberste Druide und Vater der **Norma** mit der Würde des Amtes die Verantwortung und leitete mit dem Chor die Bühnenhandlung ein.

Mit ihrem Hausdebüt konnte **Yolanda Auyanet** in der Partie der **Norma** mit Kraft und Intensität ihres Gesangs aufwarten, was der Darstellung der angesichts der Beleidigung und des Verrats des Vaters ihrer illegitimen Kinder tief getroffenen Frau beeindruckend diente. Beginnend mit dem langen Rezitativ vor der Einflug-Kavatine, des empfindsam gesungenen *„Casta Diva“* über die wunderbaren Zwiesprachen mit Adalgisa bis zum beeindruckenden Terzett am Ende des ersten Aktes.

Die Ensemble-Mezzosopranistin **Stepanka Pucalkova** stand ihr in der Partie der **Adalgisa** mit dunkel timbrierter Stimme, zwischen erotischer Anziehung und selbstanklägerischen Gewissensbissen verzweifelt agierend, nicht nach. Auch das Duett im zweiten Akt gestalteten die beiden Sängerinnen mit beeindruckender Kraft und Intensität, ohne dabei den Schöngesang auszublenden.

Dem **Pollione** des ukrainischen Tenors **Dmytro Popov** nahm man in seinem Hausdebüt den Beziehungsfrust gegenüber ***Norma*** und die neue Leidenschaft zur **Adalgisa** unbedingt ab. Sehr vokalaffin, klar in den Höhen und mit leicht metallischem Klang überzeugt er mit feinen Nuancen. Im szenischen blieb er etwas steif, wenn er dem Macho und seiner Gewaltbereitschaft Ausdruck verleihen sollte. Letztlich schimmerte am Schluss eine gewisse Verletzlichkeit durch.

Mit ihrem klaren Sopran sang und spielte **Roxana Incontrera** eine starke, wache **Clotilde,** die sich als Vertraute **Normas** der illegitimen Kinder angenommen hatte. Die kleine Rolle des **Pollione**\-Freundes **Flavio** ließ **Jürgen Müller** wenig Spielraums eine passable Stimme zu repräsentieren. Die Chor-Altistin **Leonie Nowak** hatte als ***Tempelwächterin=*** Bürohilfe einen schönen Auftritt.

Einem wesentlichen Anteil am musikalischen Erfolg des Abends sind den breiten von **André Kellinghaus** vorbereiteten Chorszenen mit ihrem ausdrucksstarken schönstimmigen Gesang zu verdanken.

Schwieriger war es, zumindest für mich, sich mit **Peter Konwitschnys** Inszenierung zu identifizieren. Für den ersten Akt hatte er von **Johannes Leiacker** ein Bühnenbild im Stil der 1830-er Jahre mit den passenden Kostümen, oder so wie wir uns das heute vorstellen, gestalten lassen und führte uns in das keltische Druidentum des Galliens der vorchristlichen Zeit. Mit Konwitschnys Präzision wurden die parallel verlaufenden Handlungsfäden der politischen Auseinandersetzung zwischen den gallischen Stämmen mit den römischen Legionen und der tragischen Entwicklung ***Normas*** Liebe zum römischen Prokonsul **Pollione** seziert. Das war schon gekonnt, wie der Altmeister die Gegensätze von Kulturen vermittelte und dabei in keinem Moment Langeweile hat aufkommen lassen. Mit dieser Schlüssigkeit wurde aber der erste Akt zum ersten Teil von Konwitschnys beabsichtigter Provokation.

![Semperoper / NORMA hier in der Konzernzentrale - Dmytro Popov; Stepanka Pucalkova; Yolanda Auyanet; Alexandros Stavrakakis, Staatsopernchor © Ludwig Olah](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2021/10/dmytro-popov-stepanka-pucalkova-yolanda-auyanet-alexandros-stavrakakis-staatsoperbchor-foto-ludwig-olahneu.jpg)

Semperoper / NORMA hier in der Konzernzentrale - Dmytro Popov; Stepanka Pucalkova; Yolanda Auyanet; Alexandros Stavrakakis, Staatsopernchor © Ludwig Olah

Mit dem zweiten Akt verfiel die Inszenierung in das Prinzip des Regietheaters, das uns Opernbesuchern nicht erlaubt, „für uns“ herauszufinden, was das als zeitlos propagierte Werk heute bedeuten könnte. Es ist fast beleidigend, dass uns **Peter Konwitschny** eigentlich nicht zutraut, gesellschaftliche Umbrüche, die wir selbst erlebt haben und noch erleben, mit **Bellinis** Musik in Einklang, oder eben nicht in Einklang, bringen zu können und deshalb einer Aktualisierung im Rahmen eines Besserwissens bedarf.

Das Großraum-Büro einer Konzernzentrale für den Chor und eine Verkehrsfläche mit einem Schreibtisch dienten, uns begreiflich zu machen, dass wir in der Gegenwart angekommen seien. Die Agierenden behalten zwar ihre Perücken aus dem ersten Akt. Sprich: Intellekt und Fühlen der Menschen habe sich auch in 2070 Jahren eigentlich nicht entwickelt, aber ansonsten ist die Welt komplett verändert.

Was in der Konzernzentrale passiert hat folglich mit den eingeblendeten ohnehin absurden Texten des Librettisten **Romani** kaum Zusammenhang und ist letztlich nur wegen der gesangsfreundlichen italienischen Sprache zu akzeptieren.

Die Sängerdarsteller zeigten ihr phantastisches Singen mit unpassenden Bewegungen in einer dazu unpassenden Umgebung.

Beklemmend auch, wie **Peter Konwitschny** seine Mitmenschen, die nicht in einem Rampenlicht agieren, sieht, wenn er die Chormitglieder uniformiert und agitpropmäßig ihre wundervollen Gesangsszenen abliefern lässt.

Während im ersten Akt die Frauen, ob ihres Sehertums das Tempo der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung bestimmten, ist doch offenbar im Konzern lediglich eine Sauerei im Gange, von der die Frauen des mittleren Managements Kenntnishaben. Sei es eine Finanzmanipulation, eine Korruption oder die Anpassung von Abgasprüfvorschriften. In der Auseinandersetzung opfern die früheren Kontrahentinnen den Macho, sind aber letztlich gescheitert und verlassen resignierend die Szene.

Es wird kolportiert, dass **Peter Konwitschny** auch andere Schluss-Szenen geprobt habe, wobei Büroeinrichtungen einschließlich des Kinderwagens komplett geblieben seien und Norma mit Adalgisa triumphierend die Szene verlassen.

Die Inszenierung war zwar handwerklich hervorragend gemacht, blieb aber zumindest für mich unbefriedigend, da jene Mitbürger, die eine solche Vorstellung besuchen, dieser Art der Nachhilfe nicht mehr bedürfen.

Mit einem Buh, aber reichlichen, zum Teil stehenden Ovationen wurden die Schaffenden des Abends bedacht.

Seit wir 2019 im Rahmen der **MÜPA** in Budapest mit der halbszenisch benannten Aufführung von[ **Richard Wagners *Ring des Nibelungen*** eine intensive Aufführungsreihe](https://www.ioco.de/2019/06/29/budapest-muepa-budapest-wagner-tage-2019-der-ring-des-nibelungen-ioco-kritik-28-06-2019/), link HIER, erleben durften, die uns trotz unserer im Laufe der Jahrzehnte doch stattlichen Ring-Karriere neue Sichten auf das Werk brachte. Die Konzentration auf die Singenden und Musizierenden ermöglichten ein neues und tieferes Eindringen in Wagners Anliegen. Das hat bei uns die Vermutung entwickelt, dass für die Repertoire-Oper die konzertante bzw. halbszenische Form als akzeptable Alternative zum Regietheater anzubieten wäre und die Bühne zeitgemäßen Schöpfungen überlassen bleiben sollte. Erfolgreiche weitere Ansätze gibt es bereits.

**NORMA** an der **Semperoper**, die naechsten Termine 10.10., 17.10., 23.10., 30.10.2021

\---| IOCO Kritik Semperoper Dresden |---