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# Dresden, Semperoper, Gurre-Lieder -  Arnold Schönberg, IOCO Kritik, 11.03.2020
- URL: https://www.ioco.de/dresden-semperoper-gurre-lieder-arnold-schoenberg-ioco-kritik-11-03-2020/
- Published: 2020-03-10T17:00:57.000Z
- Updated: 2025-04-30T05:56:57.000Z
- Author: Thomas Thielemann
- Tags: Oper & Operette, Konzert & Liederabend, Trovatore, Kuenstler, Beethoven, Carmen, Schumann, Verdi, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Robert Schumann, Dresden

![saechs_staatskapelle.jpg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/saechs_staatskapelle.jpg "Sächsische Staatskapelle Dresden")

[Sächsische Staatskapelle Dresden](http://www.staatskapelle-dresden.de/?ref=ioco.de)

[Semperoper](https://www.semperoper.de/?ref=ioco.de)

![Semperoper © Matthias Creutziger](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/05/140_semperoper_matthias-creutzigerneu.jpg)

Semperoper © Matthias Creutziger

# ***Gurre-Lieder*  \- Arnold Schönberg Oratorium für fünf Gesangssolisten, Sprecher, Chor, Großes Orchester**

von **Thomas Thielemann**

Nahezu jede zu Herzen gehende Dichtung handelt von einer unglücklichen Beziehung zweier Menschen. So auch die Legende von der Liebe des dänischen **Königs Waldemar des Großen** (1131-1182) zu dem **Mädchen Tove** (im Altnorwegischen: *Tofa, die Taube*). Aber so recht war die Liebe **Waldemars** zu dem Bauernmädchen nicht unerfüllt geblieben, denn **Tove** lebte offenbar als Mätresse am Hofe des auch **Volmer** genannten künftigen Königs und hatte ihm 1150 einen unehelichen Sohn **Christoffer** geboren.

Eifersucht wird es kaum gewesen sein, dass die Gattin des **Königs Helwig** ihren Bettgenossen ***Folkward*** anstiftete, während einer Abwesenheit des Königs seine Geliebte im Badehaus einzusperren, so dass Tove vom Heißdampf verbrüht wurde. Denn sie hatte sich mit Falkward anderweitig versorgt. Da wären doch andere Mordmotive zu vermuten. Offenbar war die Rache des **Volmer** so fürchterlich, dass er auch die Existenz des Mörderpaar aus den Geschichtsbüchern regelrecht tilgen ließ. Deshalb gilt die Heirat des Königs 1157 mit **Sophia von Minsk** (etwa 1141-1198) rechtlich als seine einzige Ehe. Als sich **Waldemar** nach blutigen Auseinandersetzungen 1157 als alleiniger König von Dänemark durchsetzen konnte, wurde **Toves** Sohn **Christoffer** sogar zum **Herzog von Jütland.**

Die Beziehung von **Waldemar I.** und **Tove** aber wurde zur Legende und eine ehemalige Burg in Nord-Seeland zum Schloss ***„Gurre“***\-nach dem Ruf der Tauben. In der Überlieferung im Volke wurde die wilde Ehe des **Volmers** mit der Mätresse **Tove** zur unglücklich-reinen Liebe des späteren Königs **Waldemar IV. Atterdag** (1321-1375) zu einem Bauernmädchen verklärt. Möglicherweise auch, weil er auf Schloss **Gurre** lebte und dort auch verstorben war.

![ Semperoper Dresden / Gurre Lieder - hier .  das 143 Personen fassende Orchester mit Christian Thielemann  und Solisten © Matthias Creutziger](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/03/gurre-2neu.jpg)

Semperoper Dresden / Gurre Lieder - hier . das 143 Personen fassende Orchester mit Christian Thielemann und Solisten © Matthias Creutziger

Der dänische Schriftsteller und Naturforscher **Jens Peter Jacobson** (1847-1865) hat, damals 21-jährig, diese Legende der Liebe von **Waldema**r und **Tove** irgendwann in das Mittelalter Dänemark verortet, die Bestrafung des **Folkwards** auf das grausamste ausgeschmückt und **Waldemar** wegen eins Gottesfluches samt seinen Mannen zu rastlos reitenden unerlösten Toten gemacht. Zur heiteren Entspannung des Geschehens hat der Dichter die Figuren des abergläubigen **Bauern** sowie des **Klaus-Narr** eingeführt und aus dieser Gemengelage eine Novelle geschaffen, die um 1870 seinem Prosa-Poesie-Zyklus „*En cactus springer du“ -Ein Kaktus ist erblüht-* zugefügt worden war. Der Österreicher Literaturhistoriker **Robert Franz Arnold** (1872-1938) übersetzte die **Jacobson -**Texte.

**Arnold Schönberg** (1874-1951) war von **Jacobsens** Lyrik stark beeindruckt. Als er sich an einem Kom-ponistenwettbewerb des Wiener Tonkünstlervereins für einen „*Liederzyklus mit Klavierbegleitung“* beteiligen wollte, entnahm er der deutschen Übertragung **Schönbergs** von 1899 Verse und komponierte einige schöne und vor allem neuartige Lieder. Sein Freund und Lehrer **Alexander von Zemlinski** (1871-1942) riet von der Einreichung ab, weil die Lieder wegen ihrer Neuartigkeit beim Wettbewerb keine Chance hätten und die Kompositionen in dieser Form ohnehin zu schade wären. Folglich verzichtete Schönberg auf die Teilnahme am Wettbewerb und entschloss sich zu einer Umarbeitung seiner Arbeit für Gesang und Orchester.

Zwischen März 1900 und März 1901 setzte er sich, unterbrochen von teils längeren Pausen, intensiv mit dem Vorhaben auseinander. Entstanden war ein Werk für einen gewaltigen Klangapparat: fünf Gesangssolisten, einen Sprecher, vier unterschiedliche Chöre und ein riesiges Orchester. Mit großen Abständen schloss er 1911 die Instrumentierung des Oratoriums ab. Für **Schönberg** war seine Periode der Spätromantik längst abgeschlossen und er war mit seinen ersten Streichkonzerten und der 1\. Kammersinfonie von 1906/07 zur musikalischen Moderne mit der freien Tonalität weitergezogen. Möglicherweise bereitete er bereits seinen Übergang zur Atonalität vor. Trotzdem verblüffte **Schönberg** am 23\. Februar 1913 sein Wiener Publikum, als er ein publikums-freundliches, im Schönklang der Spätromantik schwelgendes Opus mit opulenter Besetzung vorstellte.

Auf der Bühne der **Semperoper** hatte eine gewaltige Orchesterbesetzung von **149 Musikern** Platz genommen und zieht die Zuhörer vom Beginn des Vorspiels an, in ihren Bann. Faszinierend machtvoll lässt **Christian Thielemann** aus diesem gewaltigen Klangfluss die überreichen Melodien aufblühen. Zurückhaltend vom Orchester begleitet, interpretieren **Camilla Nylund** und **Stephen Gould** im Wechsel und nie gemeinsam die Klagen des **Bauernmädchens Tove** sowie des **Königs Waldemar** über den dramatischen Verlauf ihrer Liebe. Wunderbar sinnlich singt **Camilla Nylund** mit ihrer klaren hellen Stimme gut verständliche Verse. **Stephen Goulds *Waldemar*** ist nur im ersten Teil der junge Held. Stimmlich beweist er aber beeindruckend, dass er das Träumen noch nicht verlernt und gibt seiner Partie über den gesamten Abend eine besondere Note. Zum letzten Abschnitt des ersten Teils kommt noch die Waldtaube der Mezzosopranistin **Christa Mayer** hinzu, wenn sie mit einer zwölf-Minuten-Wahnsinns-Partie den Tod und die Grablegung der geliebten **Tove** zu beklagen hat. Alle drei Solisten mit ihren perfekt aufeinander abgestimmten Stimmen bieten eine brillante Klangkultur und souveräne Sprache.

![Semperoper Dresden / Gurre Lieder - hier .  Christian Thielemann und Solisten © Matthias Creutziger](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/03/gurre-3-neu.jpg)

Semperoper Dresden / Gurre Lieder - hier . Christian Thielemann und Solisten © Matthias Creutziger

m zweiten, nur kurzen Teil, hadert **Waldemar** mit seinem Schöpfer, bezichtet ihn, nicht wie ein gütiger Gott gehandelt zu haben und wendet sich wieder zum Glauben der Urahnen.

Was dann **Christian Thielemann** und das Orchester im dritten Teil leisteten, war in seiner Wirkung überirdisch. Alles erschien leicht und gelang wie selbstverständlich. Mit der wilden Jagd der Verfluchten verquicken sich die von **Schönberg** verwandten Gattungselemente: Schauerromantik, Chöre, Ironie und Wiedererweckungsjubel durchsetzt, mit wunderlich-nordischer Atmosphäre. Eingeordnet kommen die zur Auflockerung der Stimmung hinzu gefügten Figuren: des von **Markus Marquardt** artikuliert vorgetragenen abergläubigen Bauern, des von **Wolfgang Ablinger-Sperrhacke** mit schöner Tenorstimme gesungenen skurrilen **Klaus-Narr,** sowie die etwas distanziert angelegte Rolle von **Franz Grundheber,** als mit seinem Sprechgesang über die zweideutige Lebenskraft der Natur uns ordentlich Angst eingeflößt werden sollte.

Aber dem dritten Teil spürt man ohnehin an, dass **Schönberg** während seiner Arbeit schon gedanklich im Aufbruch war. Und ohne Grund hatte er die ***Gurrelieder*** nicht noch zwei Jahre bis zur ersten Aufführung warten lassen. Zu den musikalischen Höhepunkten der Aufführung gehörten aber vor allem die von **Jörn Hinnerk Andresen** beziehungsweise **Jan Hoffmann** hervorragend einstudierten Darbietungen des **MDR-Rundfunkchores** und des **Sächsischen Staatsopernchores**, die dem Abend dann mit dem Schlusschor noch eine gehörige Portion Optimismus verleihen konnten.

***So steht unter dem Strich ein in jeder Hinsicht stimmig und musikalisch packendes Konzerterlebnis***

\---| IOCO Kritik Semperoper Dresden |---