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# Dresden, Semperoper, Die Trojaner von Hector Berlioz, IOCO Kritik, 16.10.2017
- URL: https://www.ioco.de/dresden-semperoper-die-trojaner-von-hector-berlioz-ioco-kritik-16-10-2017/
- Published: 2017-10-17T07:00:55.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:41:40.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, richard wagner, SemperOper, shakespeare, Richard Strauss, Wagner, Dresden

![semperoper_neu_2.jpg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/semperoper_neu_2.jpg "Semperoper Dresden")

[Semperoper](https://www.semperoper.de/?ref=ioco.de)

![Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/05/140_semperoper_matthias-creutzigerneu.jpg "Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger ")

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

***Ewiger Krieg im Kost*** ***ü*** ***mrummel oder M*** ***ä*** ***nner gegen Frauen?***

***Les Troyens* von Hector Berlioz**

Von **Guido Müller**

![Hector Berlioz Grabmal in Paris © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/10/hector-berlioz-neu4.jpg " Hector Berlioz Grabmal in Paris © IOCO")

Hector Berlioz Grabmal in Paris © IOCO

Die frühere prächtige Hofoper, dann in der **DDR** wieder wunderschönhergestellte **Semperoper** im erneuerten Neo-Renaissance-Stil bringt das große, weit über fünf Stunden dauernde Opern-Schmerzenskind des französischen Komponisten **Hector Berlioz *Les Troyens*** zum Beginn der Spielzeit. Noch **Richard Strauss** war fasziniert von der Instrumentenkunde und Klangfarbenmagie des Franzosen. So passt die große Anforderung an das Orchester, die Sänger und den Chor stellende Grand Opera ideal an das sächsische Haus großer **Strauss**\-Uraufführungen.

Die Sächsische **Staatskapelle Dresden** sollte sich unter dem Dirigat des ihr vertrauten Amerikaners **John Fiore** auch ganz dem schönen Klangfarbenrausch dieser Komposition widmen: **Berlioz** sozusagen mit üppigem Goldrahmen präsentiert. Auch das **Staatstheater Nürnberg** hat in dieser letzten Spielzeit des künftigen Intendanten der **Sächsischen Staatsoper** dieses Werk zur Premiere in einer allerdings dreistündigen Schrumpffassung nur drei Tage nach der Dresdener Premiere angesetzt.

In Dresden inszeniert die viel beschäftigte und von der Kritik stark beachtete junge Amerikanerin **Lydia Steier** das opulente Werk mit ihrem bevorzugten römischen Kostümmodisten **Gianluca Falaschi,** der prächtige und aufwändige Kostüme im üppigsten Bonbonière-Stil der Pariser Weltausstellungen entworfen hat und mit ihrem Architekten beeindruckender Bühnenbauten **Stefan Heyne.**

Der deutsche Bühnenbildner hat fantastische Prospekte mit der alten **Semperoper** oder einer Mittelmeerlandschaft malen lassen sowie für die Akte drei bis fünf eine Kombination aus *Turm zu Babel* (Achtung: Mittelmeer-Vielvölkerproblematik der Trojaner-Oper), *Globe-Theater* als Holzkonstuktion (Achtung: **Shakesspeare** \-Verehrung von **Berlioz**) oder *Mini-Tour-Eiffel* im Bau mit Schlafnische für flüchige Liebesnächte (herrlich gesungenes Duett   *"Nuit d'ivresse",* textlich auf **Shakespeares *Kaufmann von Venedig*** basierend, der mit warmem Schmelz singenden ***Didon*** der **Christa Mayer** und dem lyrischen Enée des Bryan Register).

![Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier mit dem Sächsischen Staatsopernchor © Forster](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/10/troyens-saechsischer-staatsopernchor-neu.jpg "Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier mit dem Sächsischen Staatsopernchor © Forster")

Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier mit dem Sächsischen Staatsopernchor © Forster

Das trojanische Pferd wird in Gestalt des Reiterdenkmals des allerdings so gänzlich unmilitaristischen "guten" **König Johanns von Sachsen** vor der **Semperoper** herein gezogen. Sein Sockel dient am Ende der Oper der karthagischen Königin **Dido** als Grab für ihren Freitod.

Aber darauf kommt es historisch gar nicht so genau an, schließlich gab es zu Lebzeiten von **Berlioz** ja dauernd Kriege vom französischen Kaiser **Napoleon Bonaparte** bis zu **Kaiser Napoleon III.** Dazu ergänzt die seit 2002 in Berlin lebende Amerikanerin **Lydia Steier** im Programmheft im Gespräch mit der Dramaturgin **Anna Melcher** dann zu dem mit aktualistischer Anwandlung: *"Plötzlich fliegen Drohgebärden über atomare Waffen durch die Luft, das politische Klima verändert sich bis vor die Haustür: Trojanische Pferde sollte man nicht aus den Augen lassen."* So wird zumindest im Kostüm und Klischee die Geschichte noch bis zur stalinistischen Soldateska im zweiten Weltkrieg weiter erzählt. Und den Bezug zum tagesaktuell in den Nachrichten immer mal wieder dank ***Pegida*** und Opernball auftauchenden Opernplatzes kann der werte Zuschauer für sich je nach Gusto interpretieren.

Nach dem ersten Teil fragte ich mich nun allerdings verblüfft, ob der zunächst bunte Faschingskostümrummel des trojanisch-offenbachiesken Volks und der abschließende bluttriefende Mordexzess der Frauen untereiner rasenden "keuschen" "Seherin" Kassandra im englischen hochgeschlossenen Gouvernantenkostüm ernst gemeint ist als Anklage gegen Krieg, Machismo und dauernd amüsiergeile Gesellschaft?

Oder ist dies zu verstehen als eine Parodie auf den gescheiterten Versuch von **Hector Berlioz** eine ***Grand Opera***  zu komponieren, mit der er bei **Jacques Offenbachs** Pariser Vorstadtbühne mit dem Versuch einer zu lang geratenen *Opéra bouffe* durchgefallen ist? Oder beides zugleich?

Die Sänger - wie der für die äußerst anspruchsvolle Rolle des ***Aeneas*** zunächst noch zu Spielzeitbeginn angekündigte Gast-Tenor **Eric Cutler** \- haben wohl teilweise schon während der Proben aufgegeben.

![Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier Christa Mayer als Königin Didon und der Sächsische Staatsopernchor © Forster](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/10/troyens-christa-mayer-saechsischer-staatsopernchor-neu.jpg "Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier Christa Mayer als Königin Didon und der Sächsische Staatsopernchor © Forster")

Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier Christa Mayer als Königin Didon und der Sächsische Staatsopernchor © Forster

Die Ausnahme-Mezzosopranistin **Christa Mayer** von der **Semperoper,** die diesen Sommer bei den **Richard Wagner** Festspielen in Bayreuth als ***Brangäne*** aufhorchen ließ, ist ob ihrer stoischen Professionalität zu bewundern, mit sie ihr mitreißendes und tief berührendes Profil der karthagischen **Königin Didon** durchgezogen hat, da sie die große ihr wie auf den Leib und das Stimmprofil geschneiderte Rolle darstellen wie exemplarisch singen KANN und WILL. Und dies dazu noch in perfekter französischer Diktion!

Die zunächst auch eher keusch als sinnlich singende amerikanische Sängerin der ***Cassandre* Jennifer Holloway** fügt sich im Spiel und Gesang perfekt in das Regiekonzept ein. Sie gewinnt im Schlußtableau des zweiten Aktes noch erheblich an dramatischer Tiefe und stimmlichem Ausdruck.

Das gilt leider nicht durchgehend für den Sänger der überaus schweren Partie des ***Enée,*** der in einer Art Operetten-Offiziersuniform sichtlich ohne Sympathie der Regie agieren muss. Im ersten Teil eher schwach, sucht **Bryan Register,** der die Rolle auch an der **Oper Frankfurt** singt, sich in einer der anspruchsvollsten Tenorpartien des 19\. Jahrhunderts zunächst zu profilieren, indem er in dieser zweiten Vorstellung seit der Premiere ab und zu nach unten transponiert singt. Das große Liebesduett mit **Christa Mayer** gelingt ihm in dieser Vorstellung sehr fein. In seiner großen Schlussszene hat ihn die Regie und die Stimme manchmal etwas in Stich gelassen. **Steier** mag sichtlich keine Helden und das trifft seine Stimme.

![Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier Jennifer Holloway als Cassandre © Forster](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/10/les-troyens-1-neu-jennifer-holloway_-forster.jpg "Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier Jennifer Holloway als Cassandre © Forster")

Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier Jennifer Holloway als Cassandre © Forster

Kriegsgemetzel zu zeigen hingegen scheint der Regisseurin Spaß zu machen, auch wenn es in **Berlioz'** Oper nicht vorkommt. So gerät die berühmte *"Chasse royale et Orage"* zum sowohl handwerklich wie historischen Missgriff, obwohl es eine ausführliche detaillierte Anweisung zu einer Pantomime von **Berlioz** gibt.

**Lydia Steier** zeigt statt Jagd, Gewittersturm und knisternder Erotik zwar natürlich so halb (!) politisch korrekt keine schwarzen Numider- Afrikaner,wie eigentlich in der bei **Berlioz** zuvor erwähnten, aber nicht gezeigten Schlacht, sondern musulmanische Krummsäbel-Osmanen mit Bärten à la   **IS** (sic!) werden durch heroische Russen-Franzosen-Krimkrieger mit Gewehren und Bajonetten abgeschlachtet, während die Posaunen und Hörner der Staatskapelle effektvoll beleuchtet mit dem begleitenden Festfernchor in den Seitenlogen dazu musizieren.

Laut dem von der Oper Frankfurt zitierten Dramaturgen-Beitrag im Programmheft wollte **Berlioz** sich mit seiner Oper, in der Militärterminologie als *"Phalanx"* und *"Avantgarde"* quasi kompositorisch selber ständig ins kriegerische Feuer stürzen.

Die Musik der ***Trojaner*** als ständige Kriegsanführung: ewigen Hass und endlosen Krieg verherrlichend durch über fünf Stunden Oper und Militärkapelle? Oder doch nur ein großer langer Kostümspaß im Stil einer Operette von **Jacques Offenbach?**

Männer vergewaltigen, mehr oder weniger ständig betrunken, wie sowjetische Klischee-soldaten (drastisch gut gesungen von **Jiri Rajnis** und **Matthias Henneberg**) dauernd - angezogen (!!!) - Frauen oder berauben sie ihrer Habseligkeiten (historisch-kritische Reminiszenz an die sowjetische Besatzung in Dresden nach 1945 oder doch eher Krimkrieg oder Lumpenproletariat von Paris?).

Man fragt sich dann nur immer wieder, warum deren operettiger, französisch-russischer Offiziersanführer ***Aeneas*** denn nun ausgerechnet dann nach Italien soll. Irgendwie scheint auch immer malerisch der Vollmond und leuchtet eine Staßenlampe. (Effektvolle und stimmige Lichtregie **Fabio Antoci**). Eine Spielzeugkanone ziert symbolisch pittoresk das Kriegsidyll.

Statt der Ballette gibt es zur gepflegten Unterhaltung Akrobaten und Seifenblasen- kunststücke für die feine Hofgesellschaft. Man spart an nichts in Dresden, wie schon **Berlioz** zu Lebzeiten konstatiert hatte: *"Seit ich in Deutschland weilte, hatte ich noch nie eine solche Ansammlung von Reichtümern gesehen."* ( Siehe Programmheft S. 42) Am Ende kommt das Gespenst der aus dem Leben geschiedenen untoten ***Cassandre-***Gouvernante samt totem Familienanhang zurück um sich malerisch zusammen mit ihrer "Freundin" ***Didon,*** die nun plötzlich ein festliches altrussisches Brautgewand (sic!) anlegt, schwesterlich zum erneuten gemeinsamen Freitod zu begeben.

![Semperoper / Die Trojaner - hier mit Bryan Register als Enée und Alexandros Stavrakakis © Forster](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/10/semperoper-die-trojanerneu.jpg "Semperoper / Die Trojaner - hier mit Bryan Register als Enée und Alexandros Stavrakakis © Forster")

Semperoper / Die Trojaner - hier mit Bryan Register als Enée und Alexandros Stavrakakis © Forster

Die Regisseurin verachtet den Opernkomponisten **Hector Berlioz** und seine *Grand opéra* wohl noch mehr als die Männer in diesem Werk. Daran vermögen auch nichts zu ändern der sehr nobel und besonders glaubwürdig singende Chorèbe des Baritons **Christoph Pohl** und der mit besonders schöner fundierter Belcantostimme ausgestattete junge amerikanische Charakter-Bassbariton Evan Hughes als Narbal, der Liebhaber von ***Didons*** Schwester ***Anna.*** Sie wird hervorragend gesungen und gespielt von der jungen polnischen Mezzosopranistin **Agnieszka Rehlis** im lila Blaustrumpfkostüm, die in dieser Rolle sehr überzeugend an der Semperoper debütiert). Sogar für das fein durch den stimmschönen Tenor Simeon Esper gesungene Heimwehlied des Hylas vermag die Regie sich kaum zu erwärmen.

Die Inszenierung verfolgt ganz offensichtlich vor allem den Zweck, uns tolle, aus dem Vollen schöpfende bunte Kostüme an singenden Menschen vorzuführen, vor allem an einem üppigen und mit sehr individuellen Portraits gezeichneten Riesenchor. Der eigentliche Hauptakteur dieser Inszenierung sind ja die Trojaner, Griechen und Karthager, überaus packend und präzise gesungen und gespielt vom **Sächsischen Staatsopernchor,** **Sinfoniechor Dresden,** Extrachor und Kinderchor der Sächsischen **Staatsoper Dresden** unter der Chorleitung von **Jörn Hinnerk Andresen** und für den Kinderchor Claudia Sebastian-Bertsch. Dazu spielt die **Sächsische Staatskapelle** Dresden unter **John Fiore** in gewohnt höchster Qualität schwelgerisch und verführerisch dauerschön. Nicht nur die mir an dem Abend besonders positiv aufgefallenen vier, oft solistischen Harfen und die Hörner verdienten Extralob.

Alleine dieses Spitzenorchester und der Spitzenchor sowie **Christa Mayer** als ***Didon*** lohnen den Besuch der optisch wie akustisch opulenten Produktion der **Semperoper.**

***Die Trojaner*** von **Hector Berlioz** an der **Semperoper**: Die nächste Vorstellungen am 21.10., 27.10., 3.11.2017.

\---| Pressemeldung Semperoper Dresden |---