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# Dresden, Semperoper, Der fliegende Holländer - Richard Wagner, IOCO Kritik, 19.01.2019
- URL: https://www.ioco.de/dresden-semperoper-der-fliegende-hollaender-richard-wagner-ioco-kritik-19-01-2019/
- Published: 2019-01-18T08:14:42.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:51:41.000Z
- Author: Thomas Thielemann
- Tags: Konzert & Liederabend, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Dresden

![semperoper_neu_2.jpg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/semperoper_neu_2.jpg "Semperoper Dresden")

[Semperoper](https://www.semperoper.de/?ref=ioco.de)

![Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/05/140_semperoper_matthias-creutzigerneu.jpg)

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

***Der fliegende Holländer*  \- Richard Wagner** 

 ***\- Durch den Holländer überlebt Senta ihr Trauma -*** 

Von **Thomas Thielemann**

Als **Florentine Klepper** im Juni 2013 ihre Inszenierung des ***Fliegenden Holländers*** anlässlich des 200\. Geburtstags **Richard Wagner** am Ort der Uraufführung vorstellte, wurde ihre Arbeit von der Kritik und der Mehrheit der Besucher regelrecht zerrissen. Nahezu sechs Jahre nach der Konzeption dieser Inszenierung haben wir spätestens nach dem Castorf-Ring fast akzeptiert, dass auch die Arbeiten des Meisters zerteilt werden dürfen und entlang seiner Partituren beliebig wieder komplettiert werden können.

Der Texter, selbst wenn es der Meister selbst war, steht dann wie ein Depp daneben, wenn es der Regie nur gelingt, ein gesellschaftliches Anliegen der unsterblichen Musik unterzuschieben. Und so sehen wir 2019 die Arbeit der **Florentine Klepper** deutlich aufgeschlossener, zumal einige ihrer Anliegen in der Gesellschaft noch immer relevant sind.

***Der fliegende Holländer -* Richard Wagner** Youtube Trailer der Semperoper Dresden **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]** 

Dabei löst sich die Regie von der märchenhaften Geschichte des verdammten Seefahrers, seiner an die Treue einer Frau gebundenen Erlösung und konzentriert sich auf die Psyche der ***Senta,*** ihrer Entwicklung von einer traumatisierten zu einer emanzipierten Frau. Dieses Anliegen erfordert folglich einen völlig abweichenden Handlungsfaden: Zur Beerdigung ihres Vaters nach Hause gerufen, durchlebt eine traumatisierte ***Senta*** noch einmal die Gründe ihrer Flucht aus dem Elternhaus: Den offensichtlichen Missbrauch als Kind, die bigotten Zwänge des scheinbar wohlbehüteten Lebens als Tochter eines wohlhabenden Schiffseigners und der Zukunft in einer fragilen Ehe mit möglichst vielen Kindern und einem versoffenen Ehemann.

***Senta*** schafft sich mit der Vision des ***Holländer*** ihren Ausweg aus ihrer Situation, der Enge des Daseins. Ihre Sehnsucht gilt dem Verfluchten, den sie mit ihrer Befreiung auch von seinem Fluch befreien möchte. Im Finale darf der Besucher dann erkennen, dass ***Senta*** sich nicht geopfert, sondern die Holländer-Fiktion genutzt hat, ihre traumatische Situation zu bewältigen und selbstbewusst die Szene verlässt. Die kindliche ***Senta*** springt befreit von der Bühne.

Diese Konfrontation mit dem scheinbar Überwundenen und das Phantasiegebilde des rastlosen Seemanns hat **Florentine Klepper** in bewegende Bilder umgesetzt. Über weite Strecken handwerklich gut gemacht, wird es aber dem arglosen Opernfreund nicht leicht gemacht, die verworrenen Handlungsfäden auch zu verfolgen.

![Semperoper Dresden / Der fliegende Holländer - hier : Albert Dohmen als Hollaender, Anja Kampe als Senta © Klaus Gigga](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/01/hollaender-215_-albert-dohmen-als-hollaender-anja-kampe-als-senta-foto-klaus_gigganeu.jpg)

Semperoper Dresden / Der fliegende Holländer - hier : Albert Dohmen als Hollaender, Anja Kampe als Senta © Klaus Gigga

Die zum Kreißsaal umfunktionierte *Spinnstube* symbolisiert die vermeintliche Reduktion der Rolle der Frauen auf den Kindersegen doch recht unglücklich. Aber was soll eine hilflose Regie machen. Die Partitur **Wagners** beinhaltet nun mal das fröhliche „*Summ und brumm, du gutes Rädchen*“ und muss irgendwie in den Handlungsfaden eingepresst werden. Auch den Matrosenchor von einer reichlich alkoholisierten Totenwache singen zu lassen, was dann folgerichtig ausartet, war schon schräg.

Aber letztlich war das Geschehen eigentlich eine Fiktion der **Senta**. Und da sind schon irrationale Abläufe erlaubt. Nur sollten sie für den Opernbesucher nachvollziehbar bleiben.Trotz mehrfachen Ansehens der Inszenierung bleiben mir noch immer offene Deutungen. Da half dann letztlich nur, sich der phantastischen musikalischen Umsetzung hinzugeben.

Das Dirigat von **Christian Thielemann** und die großartig aufspielende ***Staatskapelle*** entwickelte das gesamte Potential der Partitur **Richard Wagners**. Die Momente von Natur, Mystik, Hoffnung und Verzweiflung hochdifferenziert geboten, gaben den Sängern ein stabiles Grundgerüst für ihre durchweg hervorragenden Leistungen.

Wie **Christian Thielemann** die Tempi modelliert, wie er unter einem Holzbläsermotiv die leisen Streicher wuchtig hochziehen lässt, ist schon eine Klasse für sich. Eine phantastische Wirkung entfalteten auch die leisen Stellen, wenn sie noch ein Quäntchen langsamer gespielt wurden, als gewohnt.

Die **Senta** von **Anja Kampe** war eine Interpretation mit der seltenen Intensität einer starken Mittellage, ausgezeichnet verankert in der Tiefe und akzeptabel in den Höhen. Beim **Holländer** von **Albert Dohmen** war deutlich, dass hier ein Sänger seine inzwischen begrenzten stimmlichen Möglichkeiten dank seiner Erfahrung zu einer prachtvollen Gesangsleistung richtig in der Tiefe und gut in den Höhen führen konnte. Es hat schon seine Gründe, warum er immer wieder von **Christian Thielemann** zu seinen Opernaufführungen herangezogen wird.

![Semperoper Dresden / Der fliegende Holländer - hier : Albert Dohmen als Holländer, Georg Zeppenfeld als Daland  © Klaus Gigga](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/01/hollaender-1344_klaus_gigganeu.jpg)

Semperoper Dresden / Der fliegende Holländer - hier : Albert Dohmen als Holländer, Georg Zeppenfeld als Daland © Klaus Gigga

**Georg Zeppenfelds** Bass verfügt über einen Farbenreichtum, den er auch einsetzte und scheinbar spielend die Partie des ***Daland*** unanfechtbar über den Abend trug. Es ist immer wieder faszinierend, wie jugendlich anmutend diese Stimme noch immer strahlend über die Bühne geht. **Christa Mayer** sang und spielte mit ihren kurzen Auftritten eine energiegeladene präsente ***Mary.***

Mit einem klangschönen und in der Höhe kraftvollen Gesang und differenzierter schauspielerischer Leistung war **Tomislav Mužek** ein berührender ***Erik.*** Gegen die Fiktion des **Holländers** hat er allerdings keine Chancen.

Auch **Tansel Akzeybek** fügte sich mit seiner derzeitigen Stimmentwicklung ordentlich in die Gesamtwirkung ein. Klar und die melodische Phrase aushaltend, sang er das Lied des ***Steuermannes*** an die ferne Freundin. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließen auch die von **Jörn Hinnerk Andresen** bestens vorbereiteten Chorszenen, selbst wenn die schaurigen Verse des Gespensterchores von der Seitenbühne kaum durchdrangen.

*Mit frenetischem Schluss-Beifall dankte das Auditorium für die musikalische Umsetzung der Wagnerschen Partitur. So tobend erlebt man ein Publikum im Semperbau nicht alle Tage*

***Der fliegende Holländer*** an der **Semperoper:** Die nächste Vorstellung 22.2.2019, 1.3.2019

\---| IOCO Kritik Semperoper Dresden |---