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# Dresden, Semperoper, ARABELLA - Richard-Strauss-Tage 2023, IOCO Kritik, 08.04.023
- URL: https://www.ioco.de/dresden-semperoper-arabella-dresdner-strauss-tage-2023-ioco-kritik-08-04-023/
- Published: 2023-04-08T19:17:41.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:13:15.000Z
- Author: Thomas Thielemann
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Dresden

![saechs_staatskapelle.jpg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/saechs_staatskapelle.jpg "Sächsische Staatskapelle Dresden")

![Semperoper © Matthias Creutziger](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/05/140_semperoper_matthias-creutzigerneu.jpg)

Semperoper © Matthias Creutziger

## ***ARABELLA* \- Richard Strauss**

#### **\- Dresdner-Strauss-Tage 2023 - Florentine Klepper Inszenierung von 2014 -**

von **Thomas Thielemann**

Fünf Jahre nach der Uraufführung des   **Rosenkavalier**\-Erfolgs regte sich bei **Richard Strauss** (1864-1949) der Wunsch nach einem realistischen Lustspiel mit mehr lyrischem Inhalt. Erst sieben Jahre später bat er seinen Erfolgs-Librettisten **Hugo von Hofmannsthal** (1874-1929) um „ einen zweiten Rosenkavalier ohne dessen Fehler und Längen“.

Die aus der Tradition des **Wiener Volkstheaters** geschöpften fragmentarischen Szenen *„Der Fiaker als Graf“* von **Hugo von Hofmannsthal** erwiesen sich als Opernsujet nicht tragfähig, so dass der Schriftsteller auf sein nach Molieres Komödie *„Le Dépit amoureux“* 1910 geschriebenes Lustspiel ***Lucidor*** zurück griff und beide Stoffe verwob: *Lucidor,* eigentlich Lucile, war das Kind einer verarmten russischen Frau *von Murska,* das als Knabe gehalten wird, weil es sich mit nur einer Tochter in einem Wiener Hotel sparsamer lebte. In ***Lucidor*** war die ältere Schwester **Arabella** des Titelhelden nur eine Randfigur und recht unsympathisch charakterisiert. Auch blieb offen, ob die Verkleidete das Geld tatsächlich heiratete. Der spätere Handlungsfaden der Oper, einschließlich der Liebesnacht mit vertauschten Partnern, war bereits vorgegeben.

![Semperoper / ARABELLA - Szenefoto © Klaus Gigga](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2023/04/mini-arabella-c-klaus-gigga-23neu2.jpg)

Semperoper / ARABELLA - Szenefoto © Klaus Gigga

Die Zusammenarbeit des kultivierten, hochgebildeten, feinsinnigen Dichters samt seines hohen literarischen Anspruch mit dem harschen, fordernden Komponisten sowie dessen begrenzter literarischer Kompetenz war oft schwierig, folglich auch durch Kontraversen und Missverständnissen geprägt.

**Hugo von Hofmannsthal** entwarf das Libretto im Jahresverlauf 1928\. Im ersten Halbjahr 1929 wurde an der Überarbeitung der Rohfassung gearbeitet, ohne dass **Strauss** mit den Ergebnissen der Änderungen und Umarbeitungen zufrieden zu stellen war. Erst am 10\. Juli 1929 signalisierte der Komponist seine Billigung der Fassung des ersten Aktes. Der Dichter hat diese Zustimmung offenbar nie erhalten, weil **Hofmannsthal** in der Folge des Suizids seines Sohnes **Franz** einen Schlaganfall erlitt und inzwischen verstorben war.

Der Dichter hatte versucht, der Komödie mit einer allgemeingültigen Leitidee der Weltanschauung einen tieferen Sinn zu vermitteln. Mit der Kartenschlägerin, als Repräsentantin von Weltgesetzlichkeiten, versetzte er die Figuren in das Ordnungsgefüge eines großen Welttheaters, in dem die Weltordnung nur zur Schau gestellt war. Die Verlegung der Handlung auf einen Faschings-Dienstag sollte die Situation in eine profane Welt und in die Sphäre des Sakralen, Himmlischen teilen.

Vorgeblich aus Gründen der Achtung vor **Hofmannsthal** unterband **Strauss** weitere Vervollkommnung und vertonte letztlich eine ältere nachgelassene Skizzenfassung. Der Ablauf gestaltete sich damit operettenhafter und war von dramaturgischen Schwächen begleitet. Die falschen Identitäten, Wendungen in der Handlung, vermeintliche Missverständnisse, sowie die Doppelhochzeit waren offenbar dem Wunsch des, von den Turbulenzen der Zeit zermürbten Komponisten nach einem glücklichen Ende, geschuldet. Nur dieser Stimmung des **Richard Strauss** kann diese selbst für ein aus der Zeit gefallenes Bühnenwerk die Unmöglichkeit hervorgebracht haben, dass in einem Hohelied auf die *„Liebe auf den Ersten Blick“* sich mit dem Happy End für die füreinander Geschaffenen auch alle wirtschaftlichen Probleme auflösen.

Die Kartenschlägerin bleibt als Repräsentantin von Weltgesetzlichkeiten nur mit ihren Vorhersagen präsent und die Hoffnung des Tonschöpfers auf eine Wiederholung des **Rosenkavalier**\-Erfolgs unerfüllt.

![Semperoper / ARABELLA - Szenefoto © Klaus Gigga](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2023/04/mini-arabella-c-klaus-gigga-neu1.jpg)

Semperoper / ARABELLA - Szenefoto © Klaus Gigga

Selbst die Widmungen der Partituren an den legendäre Dresdner Generalintendanten der Jahre 1921-1933 **Alfred Reucker** (1868-1958) und den für die Uraufführung vorgesehenen Dirigenten **Fritz Busch** (1890-1951) ließ **Strauss** wegen deren Amtsenthebung nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten noch vor der Uraufführung der **Arabella** am 1\. Juli 1933 streichen.

Ihre Inszenierung verlegte **Florentine Klepper** in das Wien der Jahre vor dem ersten Weltkrieg, als **Siegmund Freud** (1856-1939), **Arthur Schnitzler** (1862-1931) und **Rainer Maria Rilke** (1875-1926) innere seelische Empfindungen zum gesellschaftlich Wichtigsten hochzustilisieren glaubten, aber auch die Sexualität aus der heuchlerischen Schmuddel-Ecke heraus holten.

Der Versuch, die Geschichte geradlinig zu erzählen, wirkte zunächst simpel. Als aber im Verlauf der Aufführung die Protagonisten **Arabella, Zdenka, Mandryka** und **Matteo** sich auch nur ein wenig abweichend von der Etikette der Zeit verhielten, entstand komplette Instabilität. Die Beziehungen wurden unsicher, jeder stand plötzlich allein und ohne Halt. Die Dekadenz der Epoche wurde greifbar, weniger in der Story selbst, als in den Handelnden. Die Umstände der Zeit hatten dem Denken und der Seele den Grund entzogen. Aber die wohl anvisierte psychologisierende Doppelbödigkeit der Traumnovelle **Arthur Schnitzlers** stellte sich nur bedingt ein und das Machtwort der ***Adelaide*** **Christa Mayer** wurde nötig. Erstaunlich, dass die engagierte Regisseurin das verquere Frauenbild **Hofmannsthals** nahezu nicht antastete.

Der feine Witz **Hofmannsthals** mit seinen durchaus aktuellen Anspielungen verlor sich in unverständlichen Handlungssprüngen. Die Personenregie setzte auf schöne schauspielerische Leistungen, bemühte aber kaum die Analyse der vertrackten Hofmannsthals´schen Emotionen, wäre da nicht die Musik, die akkurate Psychogramme der Figuren zeichnete und damit die indiskutable Handlung relativierte.

Für die Schwierigkeiten einer Koproduktion der **Semperoper** mit den **Salzburger Osterfestspielen 2014**, die Opernhandlung sowohl für die breite Bühne des Festspielhauses als auch für die schmale Szene der **Semperoper** zu gestalten, hatte die Bühnengestalterin **Martina Segna** für Salzburg mit einem dreiteiligen Bühnenbild gelöst, dessen Mittelteil den Dresdner Schauplatz mit Jugendstil und Biedermeier ausfüllte.

Die verschiebbaren Wände, die Podeste und der Fahrstuhl waren durchaus von Vorteil, da sie den späteren Handlungsorten poesievolle Variationen boten. Die Räume der heruntergekommenen Hotelsuite, im Foyer bzw. im Ballsaal boten den Sänger-Darstellern ausreichend Platz und schufen wenige Ablenkungen. Auch die Kostüme von **Anna Sofie Tuma** blieben klassisch und unterstreichen die Position der Personen in der Gesellschaft.

![Semperoper / ARABELLA - Szenefoto © Klaus Gigga](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2023/04/mini-arabella-c-klaus-gigga-neu3.jpg)

Semperoper / ARABELLA - Szenefoto © Klaus Gigga

Die Musikalische Leitung der **Arabella-**Aufführungen der Dresdner **Richard Strauss-Tage 2023** war dem Chefdirigenten des Spanischen Nationalorchesters **David Afkham** übertragen geworden. Bestens vorbereitet, zeichnete er mit der **Sächsischen Staatskapelle** vom ersten Ton an ein Bild der heruntergekommenen k. u. k. Monarchie. Mit beweglichem Dirigat gestaltete **Afkham** sowohl den federweichen Walzerklang als auch die dramatisch beklemmenden Auseinandersetzungen über die betrogene Liebe oder den verirrten Gesichtsverlust. Mit allen Instrumentengruppen formte er jedes Detail hörbar und erfüllte bis in die letzte Ecke den Raum mit den Strauss´schen Gefühlswallungen. Vereint mit den klaren Stimmen der Sänger packte er die Zuhörer.

**Afkham** gelang, den ganzen **Strauss** in seiner vollen Brillanz aufleuchten zu lassen. Dabei wurde jedes Legato herzzerreißend sowie jedes Solo ergreifend gespielt und die Tutti mit seltener Homogenität geboten. Im Graben war illustriert worden, was auf der Bühne verhandelt wurde.

Die strahlenden Erscheinung der **Jacquelyn Wagner** mit ihren betörenden Klangfarben, ihrer untadeligen Diktion und der fabelhaften Technik war eine großartige Titelheldin. Als   **Arabella** ließ sie ihr warmes Timbre behutsam aufblühen, sang die Partie mit unglaublicher Leichtigkeit, vermied jedes übertriebenes Forcieren in den höheren Lagen und konnte, wo das Orchester etwas kräftiger forderte, die weiten **Strauss**\-Bögen gegenhalten. Vom gefühlvollen Piano bis zu bestimmend akzentuierten Fortissimo legte sich ihre Stimmgewalt mühelos über das üppig besetzte Orchester.

Mal locker verliebt, dann mal amüsiert-pikiert wehrt sie die Liebesbeteuerungen der Freier ab. Unerfahren, etwas demütig folgt sie den Eltern, bis sie vom Liebesgefühl überrollt, jenen Mann trifft, der es werden soll.

Die aufopferungsbereite, liebevolle **Zdenka** wurde von **Nikola Hillebrand** mit fantastischem Gesang und szenischer Präsenz gegeben. Sie hatte jenes fast existenzielle Drängen in ihrem Singen, jene Nuance, die über die Erwartungen hinausging. Schon beim ersten Ansatz begeisterte ihre hervorragend klingende Stimme, mit der sie alle Höhen und Tiefen mit guter Textverständlichkeit ausloten konnte. Die Scheinheiligkeit der Triebunterdrückung brachte **Nikola Hillebrand** einfach grandios herüber. Man spürt das immense Leid der jungen Frau, die ihr Gefühlsleben zu unterdrücken hat und erlebt ihre grandiose sexuelle Selbstbefreiung im anbahnenden **Freud**\-Zeitalter. Mit der vor abgedunkelter Bühne gespielten Zwischenakt-Musik würdigte **Strauss** mit ihrer ausschweifenden Eindeutigkeit den Mut der jungen Frau.

Die Familien-Mutter **Adelaide** **Christa Mayers** begeisterte mit ihrer ungeheuren szenischen Präsenz und der subtil geführten, nie ins Hysterische abgleitenden Stimme. Um die Zukunft ihrer Familie besorgt, ob ihre Tochter Arabella eine erfolgreiche Ehe eingehen wird und das frühere Ansehen der Familie wieder gestellt werden kann, versucht sie mit Hilfe der Kartenlegerin **Petra Lang** ergründen.

Als wohlhabender Naturbursche **Mandryka** war **Bo Skovhus** aus dem fernen Balkan zur Brautwerbung nach Wien gekommen. Äußerlich sehr elegant, hin und wieder etwas linkisch spielend, bot er ein einnehmendes dabei bauernschlaues Rollenportrait. Die polternde und zugleich empfindsame Anlage der Figur lag seiner Stimme mit der guten Höhen- und Mittellage besonders. Ein besonders bewegender Moment war, als **Mandryka** von seiner verstorbenen Frau sang.

Mit einem klaren, breit angelegten warmen Tenor, dabei erstaunlich sprachverständlich, konnte **Pavol Breslik** seinen Liebesschmerz des hemmungslos in **Arabella** verliebten Offiziers **Matteo** aufwarten. Ohne Pathos, verzweifelt, jugendlich und lebensnah, versuchte er sich gegen die Frauen durchzusetzen, konnte aber kaum Stellungsvorteile herausarbeiten.

Eine komödiantische Leistung der besonderen Art bot **Kurt Rydl**  in seiner Mischung eines **Grafen Waldner** aus altem Rittmeister-Stolz, ruiniertem Adligen und süchtigem Spieler. Mit seinen Wiener Dialekt-Fertigkeiten voller Witz und Ironie zählte er das frisch erhaltene Geld, um es umgehend wieder zu verspielen.

Ganz wienerisch stolz und fein gezeichneten Charakteren umwerben die drei Grafen ihre **Arabella.** Die drei Ensemblemitglieder **Tansel Akzeybek** als ***Graf Elemer,*** **Sebastian Wartig** als **Graf Dominik** und **Martin-Jan Nijhof** als **Graf Lamoral** konnten allesamt als kongeniale Sängerdarsteller punkten.

Die ***Fiakermilli*** beim großen Ball war samt ihrer köstlichen Koloraturen von **Daniela Fally** spielerisch und treffsicher. Die **Fally** bringt die ***Fiakermilli*** als trällerndes Zwitschertäubchen einschließlich ihrer kecken Anwandlungen zur Femme fatale in Blick und Hörfang. **Petra Lang** hatte einen starken Auftritt im ersten Akt als **Kartenlegerin.** Der von **André Kellinghaus** vorzüglich vorbereitete Chor wirkte etwas steif und hätte die Szene stimmgewaltig mit mehr Leben füllen können.

***Das Pompöse der in jeder Weise künstlerisch überzeugenden Aufführung erfüllte die Publikums-erwartungen. Man konnte schwelgen oder träumen, dabei teilnehmen am Schicksal der Schwestern, und erlebte vor allem hervorragend gute Musik. Leider blieben in der Semperoper viele Plätze unbesetzt.***