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# Dresden , Semperoper, 2. Symphoniekonzert - D. Gatti, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/dresden-semperoper-2-symphoniekonzert-d-gatti-ioco/
- Published: 2026-10-19T14:24:24.000Z
- Updated: 2026-10-19T14:24:24.000Z
- Author: Thomas Thielemann
- Tags: Konzert & Liederabend

**Mahlers Inferno im 2\. Symphoniekonzert**

**Daniele Gatti interpretierte eine Aufführungsfassung der 10.Symphonie**

In den ersten Juli-Tagen des Jahres 1910 reiste **Gustav Mahler** ( 1860-1911) mit der Absicht, eine *Dante-Symphonie* zu komponieren, in seine Sommerresidenz nach Toblach. Von der Ankunft seiner Frau aus ihrer Kur bis zum 3\. September erarbeitete er die Entwürfe der geplanten fünf Sätze und begann mit der Ausarbeitung des Orchestersatzes. Die Vorbereitung der Uraufführung der achten Symphonie und gesundheitliche Probleme führten zur Unterbrechung der Arbeit ohne dass für den Komponisten eine Möglichkeit zur Vollendung seiner zehnten Symphonie bestand.

Mahlers Versterben am 18\. Mai des Jahres 1911 hatten zur Folge, dass das Begonnene bis in die 1920-er Jahre von seiner Witwe als Verwalterin seines kompositorischen Nachlasses unter Verschluss gehalten wurde.

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Staatskapelle Dresden, Daniele Gatti © Oliver Killig

Von den zahlreichen Komponisten, die sich zum Blick in die Werkstatt Mahlers und zur Komplettierung des inzwischen zugänglichen Partikels berufen fühlten, war die Gruppe des britischen Musikologen **Deryk Cooke** (1919-1976) die Konsequenteste. Mit mehreren Entwürfen von *Aufführungsfassungen* der zehnten Symphonie Mahlers gilt Cooke für viele Musikwissenschaftler als der Erfolgreichste. Cooke fand, dass Mahlers Entwürfe eigentlich konzertreif seien und ergänzte außergewöhnlich behutsam Instrumentierungen, Kontrapunkte und Harmonien. Selbstkritisch hatte er die überarbeiteten Fassungen mehrfach infrage gestellt. In der Matinee des zweiten Symphoniekonzerts hörten wir Cookes letzte Fassung, die postum im Jahre 1989 veröffentlicht worden war.

Daniele Gattis Interpretation des ersten Satzes zeichnete sich durch ihre strukturelle Geschlossenheit aus. Für die Eröffnung ließ er dem Solo-Bratscher alle Zeit der Welt und inspirierte die Musiker zu einem emotional packendem und technisch brillantem Spiel. Klar, schwungvoll und dennoch filigran ausgearbeitet, begann das Adagio. Ein subtiler Sog zog die Hörer in den Bann der Musik, wenn das zentrale Adagio-Thema bei jeder Wiederholung mit mehr Dringlichkeit geboten wurde. Zudem war Gattis Gespür für den impulsiven Kontrast zwischen der warmen Musik und den scharfkantig-dissonanten Passagen zu spüren. Erkennbar wurde, dass die Musik das Grauen zwar abwehren wollte, aber scheiterte und letztlich ein Gefühl echter Weltenschmerz-Melancholie vermittelt wurde. Der erste Satz steuerte unaufhaltsam auf einen dissonanten Höhepunkt zu, bevor er leise verklang. Nachhaltig waren die erstklassischen Leistungen der Streicher, der wunderbare Holzbläsersatz in der Durchführung und der kultivierte Ausbruch der Blechbläser.

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Staatskapelle Dresden, Daniele Gatti © Oliver Killig

Gattis Interpretation des zweiten Satzes war für ein Scherzo ziemlich aggressiv und die musikalischen Phrasen hatten einen spöttischen Unterton angenommen. Das Scherzo I. schien das sperrige des Adagio zu ironisieren. Kontrastierende Taktwechsel führten in eine ruhige , Ländler-artige Phase, was eine außergewöhnliche Konzentration von Dirigent und Orchester auf das Rhythmische erforderte.

Der dritte Satz *Purgatorio*, das Fegefeuer, vermittelte dem Konzertbesucher eine merkwürdige Ruhe. Doch hinter jeder Wendung schien die Gefahr eines gewalttätigen Ausbruchs zu lauern. Es war wie ein Lied ohne Worte, das mit schnellen Fiktionen das Kommende vorausdeutete.

Die Gewalt der *zweiten Scherzo*\-Eröffnung wich bald einer wunderbar beschwingten Ruhe, die nur begrenzt anhielt. Man könnte vermuten, dass Mahler in dieser Zeit der Skizzierung gewahr wurde, dass Alma während ihrer Kur im steierischen Tobelbad eine Affäre mit dem jüngeren **Walter Gropius** (1883-1969) begonnen hatte, so dass die Musik wieder durch eine negative Stimmung in den Abgrund gerissen wurde.

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Staatskapelle Dresden, Daniele Gatti © Oliver Killig

Unklar wird bleiben, ob Mahler seine Entwürfe für den fünften Satz vor oder nach seinem Treffen mit **Siegmund Freud** (1856-1939) im niederländischen Leyden niederschrieb. Die kraftvollen Schläge der Basstrommel zu Beginn des Finalsatzes lassen aber vermuten, dass er zunächst etwas wütend auf Freuds Diagnose reagiert hatte. Daniele Gatti fing diesen Ausbruch mit intensiven lyrischen Passagen auf und führte das Orchester mit kaleidoskopartigen Stimmungs- und Klangfarbenwechseln zu den Weltenschmerz-Elementen zurück. Beeindruckend sein Gespür für die Übergänge und die Pausen beim Aufgreifen der zentralen Höhepunkte des Kopfsatzes. Fast schien es, als sei Mahler über die Entstehungszeit seiner Melodien hinausgegangen, um uns zu erzählen, was danach komme. Mit diesen Andeutungen präsentierte Daniele Gatti, was Mahler am Ende seiner zehnten Symphonie musikalisch gewollt haben könnte. Wir werden es nicht erfahren, weil es unvollendet blieb.