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# Dresden, Sächsische Staatskapelle, 4. Symphoniekonzert - Reimann, Bartok, IOCO Kritik, 13.11.2019
- URL: https://www.ioco.de/dresden-saechsische-staatskapelle-4-symphoniekonzert-reimann-bartok-ioco-kritik-13-11-2019/
- Published: 2019-11-13T08:00:27.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:59:36.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Dresden

![saechs_staatskapelle.jpg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/saechs_staatskapelle.jpg "Sächsische Staatskapelle Dresden")

[Sächsische Staatskapelle Dresden](http://www.staatskapelle-dresden.de/?ref=ioco.de)

[Semperoper](https://www.semperoper.de/?ref=ioco.de)

![Semperoper © Matthias Creutziger](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/05/140_semperoper_matthias-creutzigerneu.jpg)

Semperoper © Matthias Creutziger

# **4\. Symphoniekonzert - Sächsische Staatskapelle**

## ***Neun Miniaturen* von Aribert Reimann - *Herzog Blaubart* von Bela Bartók**

von **Thomas Thielemann**

Immerhin bedurfte es des **4\. Symphoniekonzerts,** ehe der *Saison-Capell-Compositeur* **Aribert Reimann** mit seinen *„Neun Stücke für Orchester“-*zu Gedichten von **Paul Celan** ein Werk seines Schaffens vorstellte.

Der Komponist **Aribert Reimann,** geboren 1936, und der Lyriker **Paul Celan** (1920-1970) lernten sich 1957 trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und Sozialisation 1957 in Paris kennen und schätzen. **Reimann** ist der jüngste Sohn einer Berliner Kirchenmusiker-Familie, während **Paul Celan**, ursprünglich ***Antschel,*** in einer deutschsprachlichen jüdischen Familie in Cernowitz, damals Rumänien zugehörig, geboren wurde. Während **Reimanns** Weg zum erfolgreichen Komponisten geradlinig verlief, konnte **Paul Celan** nach Ghetto sowie Zwangsarbeit erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Bukarest sein Romanistik-Studium abschließen und als Übersetzer bzw. Lektor arbeiten. Offenbar begann er bereits als Student Lyrik zu schreiben, denn nachdem er 1947 über Ungarn nach Wien übersiedelte, konnte er im Folgejahr einen ersten Gedichtband vorlegen. Möglicherweise unter dem Einfluss von **Ingeborg Bachmann,** mit der ihn ein Liebesverhältnis verband, siedelte er im gleichen Jahr nach Paris um.

![Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/10/saechsische_staatskapelle_dresden_01__c__matthias_creutzigerneu-2.jpg)

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Die Struktur der Lyrik von **Paul Celan,** seine logisch kaum fassbaren Sprachkunstwerke aus rätselhaften Chiffren und Metaphern beeindruckten **Aribert Reimann** derart, dass er sein Liedschaffen zu einem großen Teil mit **Celan**\-Texten gestaltete.

Im März 1992 komponierte er neun Lieder ohne Klavier- oder Orchesterbegleitung für Mezzosopran nach Celan-Texten über das Leid, den Verlust, die Trauer und nannte den Zyklus *„Eingedunkelt“.* Die Wirkung der Uraufführung des Zyklus durch **Brigitte Fassbaender** im Juni 1993 auf die Zuhörer bestätigte das Vertrauen **Reimanns** in die expressive Kraft der Verse und veranlassten ihn, noch einmal die Auseinandersetzung mit den Gedichten **Celans** zu suchen. „Ich war von der Idee gefangen, die Welt der Gedichte in absolute Musik zu verwandeln“. Die Poesie **Paul Celans** tritt bei den Orchesterstücken zugunsten einer rein musikalischen Welt zurück.

Die musikalische Leitung des Konzerts hatte der 1958 geborene Kalifornier **David Robertson** übernommen. **Robertson,** Chefdirigent und künstlerische Leiter des **Sydney Symphony Orchestra,** gehört bisher noch nicht zu den ständigen Gastdirigenten der **Staatskapelle**. In Erinnerung ist uns eine Vertretung als musikalischer Leiter de*s 9\. Symphoniekonzer*t im Februar 2016 wegen seines heiteren Auftretens geblieben. Ohne Probe hatte er Werke von **Beethoven** und **Ruzicka** dirigierte.

Die *neun Miniaturen* nach Versen von **Paul Celan** im besprochenen Konzert dirigierte **David Robertson** artikuliert und souverän, mit viel Sinn für Farbe, aber auch mit Deutlichkeit in den düsteren Momenten. Immer vermittelt er der Musik **Reimanns** Halt in sprach-analoger Klang-Rhetorik. Die Musiker, der Interpret und **Aribert Reimann**, der selbst anwesend war, erhielten mehr als nur freundlichen Beifall.

![Sächsische Staatskapelle Dresden / 4. Symphoniekonzert - hier : Dirigent David Robertson © Matthias Creutziger](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/11/mini_7737_robertson_riemannneu.jpg)

Sächsische Staatskapelle Dresden / 4\. Symphoniekonzert - hier : Dirigent David Robertson © Matthias Creutziger

Die Botschaft der im zweiten Konzert-Teil gebotenen konzertanten Aufführung von **Bela Bartoks** einaktiger Oper ***Herzog Blaubarts Burg*** ist fatalistisch. Ob seiner sexualneurotischen Verbrechen gehört der **Ritter Blaubart** zu den großen Bösewichtern der Literatur. Es gibt mit dem berüchtigtem Serienmörder **Baron Gilles de Rais** (1404-1440), einem Waffenbruder der **Jeanne d´Arc,** sogar ein historisches Vorbild. Sein Treiben hatte 1697 **Charles Perrault** im Märchenbuch ***Contes de am Mère l´Oye*** in die Literatur eingeführt, wobei im Märchen **Blaubarts** letzte Frau dem Schicksal ihrer Vorgängerinnen in letzter Sekunde entging. 1812 ging die Blaubart-Sage in die Märchensammlung der **Gebrüder Grimm** ein. Möglicherweise in der Folge der Forschungen **Sigmund Freuds** über psychische Abgründe des Menschen bekam die Blaubart-Legende um 1900 eine gewisse Renaissance.

Neben **Maurice Maeterlinck, Paul Dukas, Judith Kuckart, Alfred Döblin** und anderen beschäftigte sich auch der Dichter und spätere Filmtheoretiker und -kritiker **Herbert Bauer** (1884-1949) mit der verstörenden Geschichte von männlicher Gewalt und weiblicher Neugierde. Mit **Kodály, Bartók** und dem Philosophen **Georg Lukácz** war er über das Land gezogen, um Volksmusik und im Volk kursierende Sagen zu sammeln. Dabei hatte er auf der Suche seines Ungartums den Namen **Béla Balázs** angenommen.

Als er seine symbolistische Fassung einer uralten ungarischen Volksballade im Salon des Ehepaars **Kodály** vorlas, äußerte **Bartók** die Idee einer psychologischen Programm-Musik und die Umwandlung des Stoffes in eine „klangfarbensymbolische Tiefendimension“. Bartók fühlte sich, so sein Biograf **György Kroó,** zu dieser Zeit ob seiner **Nietzsche** Lektüre in einen sonderbaren Schwebezustand.

**Bartók** komponierte 1911 eine Erstfassung, die er 1912 und 1918 revidierte. Erst dann erlaubte das gespannte Verhältnis **Bartóks** zur akademischen ungarischen Musikszene eine Uraufführung. Die derzeit gespielte Fassung ist 1921 entstanden.

Die Handlung der Oper ***Herzog Blaubarts Burg*** umfasst lediglich, dass des **Blaubarts** neue **Frau Judith** seine Burg betritt, sieben schwarze Türen vorfindet, und von da an in alle sieben Räume einzudringen versucht. Das bedeutet, durch fortwährende Grenzüberschreitungen die Vergangenheit, die Gegenwart und Zukunft des Mannes gegen seinen Willen zu erobern. Die Öffnung von Folterkammer, Waffenkammer, Schatzkammer, Zaubergarten und Landbesitz, sprich: seine Macht, erlösen **Blaubart** von seinen Komplexen. **Judiths** Dynamik treibt nahezu erpresserisch seine Erlösung. Trotzdem lenkt der Mann: Er entscheidet, wann die Tür geöffnet wird. Mit der siebten Tür, dem Tränen-See, kippt die Erlöserrolle zum besessenen Verlangen nach der ganzen Wahrheit. Hinter der sechsten Tür aber betreuen ***Blaubarts*** frühere Frauen: die erste *„den Morgen“*, die zweite „*den Mittag“* und die dritte *„den Abend“*, weil auch sie zu viel wissen wollten. Für ***Judith*** bleibt damit die ewige Betreuung *„der Nacht“*. Für **Blaubart** ist der Versuch, wieder zu lieben, gescheitert.

![Sächsische Staatskapelle Dresden / 4. Symphoniekonzert - hier : Dirigent David Robertson, Sopranistin Elena Zhidkova und Matthias Goerne © Matthias Creutziger](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/11/mini_7969_zhidkova_robertson_goerneneu.jpg)

Sächsische Staatskapelle Dresden / 4\. Symphoniekonzert - hier : Dirigent David Robertson, Sopranistin Elena Zhidkova und Matthias Goerne © Matthias Creutziger

Den Prolog zur Oper sprach **David Robertson** auf Ungarisch und verweist den Zuhörer auf die Texteinblendungen. Sein Dirigat war intensiv, dynamisch und klangfarbenreich. Streckenweise ließ er das Orchester zu voller Pracht aufblühen. Dann aber blieb der Ton verhalten-intim in einem Schwebezustand und ein eisiger Hauch durchzog den Raum. Die eigentliche psychologische Konfrontation zwischen **Judith** und **Blaubart** wurde vornehmlich von einer hervorragend aufgestellten Staatskapelle mit ihren wunderbaren Solisten abgebildet. Besonders waren der Solo-Trommler **Thomas Käppler,** der Solo-Klarinettist **Robert Oberaigner** sowie die beiden Harfenistinnen **Astrid von Brück** und **Johanna Schellenberger** aufföllig. Auch konnten wir als neuen Konzertmeister **Nathan Giem** am ersten Pult erleben.

Diesem Konzept folgten die beiden Gestalter der Gesangspartien. Die wunderbare Mezzosopranistin **Elena Zhidkova** brachte die fortwährend vollzogenen und zunächst auch gelungenen Grenzüberschreitungen der **Judith** mit prachtvollem Stimmeinsatz zu Gehör. Dabei signalisiert sie einerseits den Wunsch nach Vereinigung, bringt aber andererseits den Gegensatz des Weiblichen zum Männlichen zur Geltung. Wenig beeindrucken sie seine *„Lande“*, die **Herzog Blaubart** prahlend, mit Blechunterstützung vom Rang, präsentiert. Die Erlöserrolle entwickelt die Sopranistin zunehmend zum besessenen Verlangen nach der „ganzen Wahrheit“. **Elena Zhidkovas *Judith*** handelt aus freiem Willen und akzeptiert ihr tragisches Ende nahezu gefühllos.

Anders der stimmlich hervorragend angepasste **Herzog Blaubart** von **Matthias Goerne.** Seine Einsamkeit, repräsentiert durch die Beschreibung der dunklen, kalten und kargen Burg, verändert sich durch den Kontakt mit der Frau. Andererseits entscheidet er, ob und wann er die nächste Tür öffnet, um sich die Liebe der **Judith** zu erhalten. Damit ist er nicht in der Lage, die Öffnung der siebten Tür zu verweigern. Das zwingt ihn letztlich, die aktive Figur der **Judith** als erstarrten Gegenstand zum Baustein seiner Burg zu machen.

Frenetischer Beifall des leider nicht voll besetzten Auditoriums für Solisten, Dirigent und Staatskapelle war hörbarer Beleg für den Erfolg des ***4\. Symphoniekonzert*** der **Sächischen Staatskapelle.**

\---| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |---