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# Dresden, Kulturpalast, London Philharmonic Orchestra - Vladimir Jurowski - Jan Vogler, IOCO Kritik, 20.11.2019
- URL: https://www.ioco.de/dresden-kulturpalast-london-philharmonic-orchestra-vladimir-jurowski-jan-vogler-ioco-kritik-20-11-2019/
- Published: 2019-11-19T16:00:39.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:59:49.000Z
- Author: Thomas Thielemann
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Dresden

![Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/02/kulturpalast_aussen_c_nikolaj_lund_150.jpg)

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

[Kulturpalast Dresden](https://www.kulturpalast-dresden.de/d?ref=ioco.de)

# **London Philharmonic Orchestra - Vladimir Jurowski - Jan Vogler**

## ***Britten - Mahler - Zweites Dresdner Palastkonzert***

von **Thomas Thielemann**

Vieles verbindet das Dresdner Musikleben mit der Dirigentendynastie **Jurowski.** Der 1945 als Sohn des Komponisten **Wladimir Jurowski** (1915-1972) geborene **Mikhail Wladimirowitsch** war seit 1988 Gastdirigent der **Semperoper** und wäre fast Bürger der Stadt geworden. So aber rief Berlin und **Mikhail** begrenzte seine Verbindungen zur Stadt mit zahlreichen Gastdirigaten bei der Staatskapelle, der **Dresdner Philharmonie** und bei den Gohrischer **Schostakowitsch**\-Festtagen. Sein älterer Sohn Vladimir (geboren 1972) nahm 1990 ein Studium an der hiesigen Musikhochschule **Carl-Maria-von-Weber** unter anderem bei **Colin Davis** auf, folgte aber dann der Familie. Als Dreißigjähriger debütierte er 2002 mit großem Erfolg mit **Pendereckis** Oper ***Der Teufel von London*** an der Semperoper und ist seit dem als Gastdirigent der Staatskapelle mit außergewöhnlichen Programmen ein Erfolgsgarant. Bei seinen Gastdirigaten im Semperbau war **Vladimir Jurowski** fast ausschließlich mit den wenig populären schwierigeren Aufgaben betraut gewesen. Erinnert sei hier an **Lera Auerbachs *Dresdner Requiem*** im Jahre 2012, an das 11\. Symphoniekonzert 2015 mit Werken von **Sofia Gubaidulina, Tanjew** und **Skrjabin,** an das 6\. Symphoniekonzert 2017 mit Kompositionen von **Zemlinski, Schulhoff** und Martin? sowie das diesjährige 10\. Symphoniekonzert mit den Sommernachtsträumen Henzes und Mendelssohns mit der etwas flippigen Isabel Karajan. Letztere hatte es Jurovski doch etwas schwer gemacht, sein Konzept durchzusetzen.

![ Vladimir Jurowski @ Oliver Killig](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/11/mini_8528_jurowskineu.jpg)

Vladimir Jurowski @ Oliver Killig

Am 17\. November 2019 kam er mit seinem ***London Philharmonic Orchestra*** in den Konzertsaal des **Kulturpalast** von Dresden, um im Rahmen der Palastkonzerte mit **Jan Vogler** die *Cello-Symphonie op. 68* von **Benjamin Britten** und **Gustav Mahlers** *fünfte Symphonie* zu spielen. Sei**t Jan Vogler** 2007 das Orchester von **Kurt Masur** übernahm, ist er der Chefdirigent des 1932 gegründeten Klangkörpers.

![Benjamin Britten © IOCO](https://ioco-wordpress-production-assets.s3.eu-central-1.amazonaws.com/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/11/BB-B%C3%BCste-NEU2019.jpg)

Benjamin Britten © IOCO

Der bedeutende englische Komponist **Edward Benjamin Britten** (1913-1976) war 1963 von seinem Freund, dem russischen Cellisten, Dirigenten und Humanisten **Mstislaw Rostropowitsch** (1927-2007), gebeten worden, ihm ein Cellokonzert zu schreiben. Wegen seiner Symphonie-typischen Struktur mit vier Sätzen wird die Komposition üblicherweise als *„Symphonie für Cello und Orchester op. 68“* bezeichnet. Erklärt wird diese außergewöhnliche Struktur mit den Umständen, dass sich der erklärte Pazifist und Kriegsdienstverweigerer **Britten** in den 1960er Jahren mit den Schrecken und Leiden des zweiten Weltkriegs auseinandergesetzt hatte, aber mit seinem bekanntesten Werk ***War Requiem*** 1961 unter dem Eindruck des „Kalten Krieges“ noch nicht zum Abschluss seines Anliegens gekommen war.

Mit dem **Rostropowitsch** zugeeigneten Cellokonzert widmete er sich nochmals den Problemen von Krieg und Frieden. In drei Sätzen, schnell majestätisch-sehr schnell unruhig-langsam, zeichnete er mit der Cello-Komposition mittels düsterer Klangfarben eine Reise vom Dunkeln ins Licht. Wie Nebelschwaden sind die Cello-Passagen in den Klangteppich eingelagert. Mit einer dem Adagio unmittelbar angeschlossenen langen Kadenz, die wie eine Klammer von den drei trostlosen Sätzen zum hoffnungsvollen Finale überleitet, ist gleichsam organisch die komplexe symphonische Struktur entstanden. Die Komposition ist **Brittens** größte symphonische Arbeit und ist vor allem von seiner Freundschaft zu **Rostropowitsch** geprägt. Orchester und Solist agieren auf Augenhöhe. Britten verzichtete auf ein avantgardistisches Klangbild und greift vor allem auf Barockformen zurück.

**Jurowski** gelingt es, mit dem Orchester lebendig in die Klangwelt des Komponisten einzutauchen und eine überzeugende Deutung der Anti-Kriegs-Komposition Brittens vorzulegen. Dazu besonders aufregend der Klang von **Jan Voglers** **Castelbarco-Fau-Cello** von 1707 aus der Werkstatt von **Antonio Stradivari** (ca 1644-1737), wenn Solist und Orchester besonders im Adagio eine trostlose Landschaft zaubern. Nach der brillanten Kadenz von **Jan Vogler** wird der Beginn des Finalsatzes von einem grandiosen Trompetenthema, grandios gespielt vom Solo-Trompeter der Londoner   **Paul Beniston** dominiert. Auffällig waren der massive Einsatz des präzis gespielten Schlagzeugs und dessen ungewöhnliche Kombinationen mit dem Cello. Für mich war eine höchst aktuelle Auslegung der Gedanken Brittens geboten worden.

![ Vladimir Jurowski und das London Philharmonic Orchestra @ Oliver Killig](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/11/mini_181119killigneu.jpg)

Vladimir Jurowski und das London Philharmonic Orchestra @ Oliver Killig

Im zweiten Teil des Konzertes brachten **Jurowski** mit den **Londoner Philharmonikern** die fünfte Symphonie von **Gustav Mahler** zu Gehör. Nun waren es gerade zwei Monate her, dass wir Mahlers Werk mit der Staatskapelle unter der Leitung von **Daniele Gatti** und in der doch kleineren **Semperoper** hören durften. Da war ein wunderbarer Vergleich zwischen den Orchestern, den unterschiedlichen Temperamenten der Dirigenten und der unterschiedlichen Klangentfaltung in beiden Sälen, möglich.

Nahezu auf Anhieb fiel der gravierend unterschiedliche Orchesterklang auf. Hört man doch oft Klagen, die Orchester würden zunehmend austauschbar klingen. Aber gegenüber dem weichen Klang der „*Wunderharfe“* hörte sich das ***London Philharmonic Orchestra*** fast etwas ruppig an. Besonders bemerkt man die Unterschiede bei der Qualität der Streicher und der leichten Überfrachtung der Blechbläser bei den Londonern.

Unterschiede der Mahlerdeutung waren besonders deutlich beim Adagietto zu spüren. Gatti war bei seiner Interpretation bemüht gewesen, die Hörerwartungen insbesondere des Abonnenten-Publikums von der Verwendung der Mahler-Melodie in **Viscontis** *„Tod in Venedig“* abzulenken. So blieb in der Erinnerung an das Gatti-Konzert, dass das Adagietto zum Teil zarter, zum Teil aber deutlich prononcierter dargeboten wurde. **Jurovski** ließ den Ohrwurm nach einer selten langen Satzpause gefälliger ohne Ecken und Kanten durchspielen. Beim Dirigat fiel vor allem **Jurovskis** Sinn für Balance, rhythmische Präzision und die technische Sicherheit auf, wie er die dramatische Form der komplexen Partitur mit straffen Ansagen bewältigte. Gatti hatte dagegen die Dresdner doch etwas an der „langen Leine“ laufen lassen.

Die Diskussion bezüglich einer eventuellen Übersiedelung der Staatskapelle in den größeren Konzertsaal des Kulturpalastes ist inzwischen zugunsten der Bestandslösung ausgestanden. Die Mahlersymphonie hörte sich bei allen Unterschieden der beiden Spielansätze im Kulturpalast präsentabler an und kam im Semperbau intimer und weniger *„Welttheater-mäßig“* zur Geltung. Deshalb wäre es auch interessant, das **Britten-**Cellokonzert einmal im engeren Rahmen der Semperoper erleben zu können.

Das Konzert war bis auf wenige Plätze ausverkauft. Aus dem inzwischen selteneren festlichen Outfit der Besucher und der intensiven Nutzung des Caterings konnte man auf das typische Musikfestspielpublikum schließen. Entsprechend intensiv setzte der Beifall unmittelbar nach den letzten Takten der Musik ein und ging fast unmittelbar in stehende Ovationen über.

\---| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |---