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# Dresden, Kulturpalast, Georgian Spotlights II, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/dresden-kulturpalast-10/
- Published: 2026-09-30T08:17:18.000Z
- Updated: 2026-09-30T08:24:02.000Z
- Author: Bernd Runge
- Tags: Konzert & Liederabend

28\. September 2026

Zur großen Freude des Publikums ist **Lisa Batiashvili** heute mit dem zweiten Konzertprogramm ihrer *Georgian Spotlights* noch einmalim Dresdner Kulturpalast zu erleben. Nach der in Dresden umjubelten musikalisch – visuellen Show *City Lights – Follow Your Dreams* präsentiert sie, mit den Philharmonikern zurückgekehrt von einem begeistert aufgenommenen Gastspiel beim Bonner Beethovenfest 2026, (von dort stammen auch die Fotos), ein Programm, in dessen Mittelpunk das **Konzert für Violine und Orchester d – Moll op. 47** von **Jean Sibelius (1865 – 1957)** steht. Mit einer aufsehenerregenden Interpretation dieses Konzerts wird Lisa Batiashvili 1995 im Alter von sechzehn Jahren zweite Preisträgerin im Finale der International Jean Sibelius Violin Competition in Helsinki, einem der renommiertesten Wettbewerbe für junge Geiger. Der Erfolg bedeutet für sie den Grundstein einer Weltkarriere.

1979 in Tiflis geboren, bekommt die zweijährige Lisa Batiashvili ersten Geigenunterricht beim Vater. Ein drohender Bürgerkrieg zwingt die Familie 1991 zum Verlassen der georgischen Heimat. Ein mit zwölf Jahren an der Hamburger Musikhochschule begonnenes Violinstudium schließt Batiashvili in München bei Ana Chumachenko ab. Hier bekommt sie die entscheidenden Impulse für ihr Spiel, das man heute zu Recht als klar, fokussiert, spieltechnisch scheinbar ohne Grenzen, klangvoll und innig, frei von falschem Pathos rühmt. 

Jean Sibelius ist selbst ein ausgezeichneter Geiger, der in jungen Jahren als Solist mit den Konzerten von Mendelssohn und Vieuxtemps auftritt. „Es bedeutete ein schmerzhaftes Erwachen, als ich eines Tages feststellen musste, dass ich für den mühsamen Pfad eines Virtuosen meine Ausbildung zu spät begonnen hatte“ (Jean Sibelius). Doch bei der Komposition seines Violinkonzerts kann er eigene Kenntnis und Erfahrung nutzen. 1903 komponiert und im folgenden Jahr in Helsinki uraufgeführt, wird die Premiere des Werks jedoch ein Misserfolg. Es ist zu vermuten, dass dieser im Wesentlichen der unzulänglichen Leistung des Solisten Viktor Nováček geschuldet ist, der den extremen Schwierigkeiten des Konzerts nicht gewachsen ist. Aber auch der Komponist wird von den Kritikern nicht geschont. Er verlässt Helsinki und sein Leben als Bohémien. In der ländlichen Schönheit seines neuen Domizils in Järvenpää unterzieht er seine Komposition einer sorgfältigen Überarbeitung. Er streicht überflüssigen Pomp, strafft den Solopart und die Orchesterbegleitung zugunsten von klaren Linien und Strukturen. Die Aufführung der neuen Fassung am 19\. Oktober 1905 in Berlin mit dem Solisten Kárel Haliř unter Leitung von Richard Strauss wird der erhoffte Erfolg.

Obwohl der seinerzeit berühmteste Violinist und Brahms – Freund Joseph Joachim das Konzert weiterhin als „scheußlich und langweilig“ ablehnt, wird es zum wohl meist gespielten Violinkonzert des 20\. Jahrhunderts. Es ist eine einzigartige sinfonische Dichtung, klassisch konzipiert in einem motivisch - thematischen Dialog zwischen Solo und Orchester, ein Konzert geigerischer Extreme mit einem hohen virtuosen Anspruch, aber auch dem Anspruch auf gestalterischen Ausdruck, auf Klangschönheit, auf Klarheit und Durchsichtigkeit in Ton und Phrasierung. Das dreisätzige Werk ist bis in die Gegenwart für jeden Interpreten eine Bewährungsprobe.

Der erste Satz **Allegro moderato** beginnt mit einem fast unhörbaren, gedämpften Tremolo der Streicher. Die Solovioline erhebt sich daraus mit dem schlichten, melancholischen Hauptthema – *dolce ed espressivo -* das mit den typischen ersten drei Tönen, aufsteigende Sekunde und abfallende Quinte, die musikalische Entwicklung bestimmt. In der klassischen Sonatensatzform komponiert, steht an Stelle des sonst üblichen Durchführungsteils eine große virtuose Solokadenz, in der Hauptthema und Seitenthemen vom Solo „durchgeführt“ werden. Die abschließende Reprise variiert das noch einmal das Themenmaterial. Den zweiten Satz **Adagio di molto** eröffnen die Holzbläser. In einem melancholischen, über zwanzig Takte weitausschwingenden, innigen Gesang stellt die Solistin das Hauptthema vor. Die beiden Triolen des sechsten Taktes werden bedeutend für den weiteren Verlauf. Die Reprise wiederholt das Hauptthema, jetzt aber im Orchester, umspielt von der Solovioline. Mit einer kurzen, rezitativischen Coda endet der Satz*.* Das Finale, von Sibelius als *Dance macabre* beschrieben, ist ein stürmisch kraftvolles **Allegro, ma non tanto**. Streicher und Pauken führen in einen aberwitzigen Tanz. Die solistischen Herausforderungen werden noch gesteigert. Es gibt zwar keine Kadenz, dafür aber eine von Oktav – und Doppelgriffen der Solovioline bestimmte Stretta zum Schluss.

Geigentechnisch ohne Probleme, gelingt Lisa Batiashvili, die gestalterisch empfindliche Gratwanderung zwischen den dunkel gefärbten, melancholischen Teilen und den virtuosen, kraftvollen Abschnitten des Werks. **Die Aufführung wird zum Ereignis!** Als von den Hörern geforderte Zugabe spielt Lisa Batiashvili mit den philharmonischen Streichern den aus den *City Lights* bekannten, schlichten finnischen *Evening Song*.

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****Sandro Nebieridze**

Am Beginn des Konzertprogramms steht **Sio für Streicher, Klavier und Schlagzeu** *g*,eine Komposition des georgischen Komponisten **Gija Kancheli (1935 – 2019)**.

Nach Abschluss eines Geologiestudiums wechselt Kancheli an das Staatliche Konservatorium in Tiflis und studiert bei Iona Tuskia Komposition. Seit 1966 als freischaffender Komponist tätig, erregt er Aufsehen mit einer Bühnenmusik für eine Shakespeare – Aufführung des Staatlichen Akademischen Rustaweli – Theaters, dem er zeitlebens verbunden sein wird. Immer wieder wird ihm von der Sowjetnomenklatura seine kompositorische Vielfalt vorgeworfen, er sei ein Avantgardist, ein Kosmopolit. 1991 verlässt Kancheli wegen der politischen Unruhen Georgien und geht nach Deutschland. Seit 1996 lebt er in Belgien, die Königliche Flämische Philharmonie in Antwerpen ernennt ihn zu ihrem Composer in Residence. 2019 stirbt Gija Kancheli in seiner Heimatstadt Tiflis.

Die Komposition *Sio* entsteht 1998*.* Der Titel bedeutet eine leichte Luftströmung, eine Brise, einen leichten Windhauch Die Musik ist auf natürliche Weise modern und archaisch zugleich. Kancheli entwickelt eine minimalistische Melodik, die vom Melos traditioneller georgischer Gesänge geprägt ist. Momente der meditativen Stille eines breiten ruhigen Stroms werden durchbrochen von Clusterbildungen und extremen, lautstarken Ausbrüchen.

„Es gibt eine bestimmte Stille, aus der Musik erwächst, in der die Töne nicht wirklich verstummen. Mit meiner Musik versuche ich, eben diese Stille zu verwirklichen“. Diese Worte Gija Kanchelis charakterisieren auch die im Auftrag der Sächsischen Staatskapelle Dresden geschaffene Komposition *Sio*. Das Klavier korrespondiert mit Solostreichern, teilweise in nur zu ahnendem Flageolett und dezent eingesetztem Schlagwerk (große Trommel, Tamburin, Marimba und Glocken), um immer wieder zu dramatischen Gesten auszuholen. Ein Hauch von Trauer, von Religiosität schwingt in der Musik mit, über die der Komponist sagt, sie solle „den Eindruck von Schönheit und Ewigkeit vermitteln“. Sie endet *al niente,* wie ein leichter Wind im Nichts.

Aufmerksam und sensibel sorgen der georgische Pianist **Sandro Nebieridze** und der Schlagzeuger **Alexej Bröse** mit den Philharmonikern unter der finnischen Dirigentin **Dalia Stasevska** für eine beeindruckende Interpretation. 

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Dalia Stasevska copyright Unison Media

Die **Sinfonie Nr. 4 A – Dur op. 90** ***Italienische*** von **Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 – 1847)** steht am Ende des Programms.

Nach den zwölf Streichersinfonien von 1821 und1823 gelingt dem siebzehnjährigen Felix mit der Ouvertüre zu Shakespeares *Sommernachtstraum* ein wahrer Geniestreich. Der Vater gibt seinen Widerstand gegen die musikalischen Berufspläne des Sohnes schließlich auf. Felix Mendelssohn glänzt bald als Komponist, Pianist und Dirigent. Ihm ist zu danken, dass die Matthäus – Passion von Johann Sebastian Bach am 11\. März 1829, lange nach dem Tod ihres Schöpfers, mit der Singakademie unter Leitung des 20-jährigen Mendelssohn erstmals wieder aufgeführt wird. Der Vater ermöglicht Felix eine dreijährige Reisezeit, damit der Sohn die internationale Musikwelt kennenlernt. Nach gefeierten Konzerten in London und einer für ihn eindrucksvollen Wanderung durch die schottischen Highlands, tritt er 1830 eine zweijährige Reise in den Süden an.

Das Hauptwerk des italienischen Winters 1830 / 1831 ist die in Rom und Neapel begonnene und im Frühjahr 1833 in Berlin vollendete *Italienische Sinfonie*. Aus den beiden Ecksätzen spricht das Erleben der mediterranen Landschaft und ihrer Menschen. Die Mittelsätze hingegen klingen eher nach nördlichen Gefilden, nach Zelters *König von Thule* und deutscher Romantik. Die Ursache liegt sicher darin, dass Mendelssohn die Arbeit erst abschließt, nachdem er 1832 von der London Philharmonic Society den Kompositionsauftrag für ein neues Orchesterwerk bekommt. Dort findet auch die mit stürmischem Applaus belohnte Uraufführung am 13\. Mai 1833 unter Leitung des Komponisten statt. Obwohl der Reisende die Natur der deutschen Heimat mit ihren „Buchen, Linden, Eichen und Tannen“ zehnmal besser findet als alle „Zypressen, Myrthen und Lorbeerzweige“, wird die Sinfonie mit der Aufführung am 1\. November 1849 im Leipziger Gewandhaus unter Julius Reitz - nach dem Tod Felix Mendelssohns - sehr schnell auch in Deutschland populär. Die Partitur erschien erst 1851 im Druck.

Der erste Satz **Allegro vivace** führt mit dem schwungvollen thematischen Beginn in den Violinen sofort nach Italien. Ein zweites tänzerisches Thema in den Holzbläsern kommt hinzu. Mendelssohn erreicht eine wirkungsvolle Dramatisierung in der großartig instrumentierten Durchführung, indem er ein drittes, rhythmisch und harmonisch einprägsames Mollthema einbringt. Der Satz endet in strahlendem A – Dur. Von völlig anderem Charakter ist die Szenerie der folgenden zwei Sätze. Im **Andante con moto**, angeblich von einer Prozession in Neapel angeregt, wird das im Verlauf des Satzes immer wiederkehrende, klagende Motiv des Anfangs bald von einer deutlich an Zelters Goethe – Lied *Es war ein König von Thule* erinnernden Melodie abgelöst. Ein freundlicheres Gegenthema in den Holzbläsern tritt schnell wieder in den Hintergrund. Der dritte Satz **Con molto moderato**, ein biedermeierliches Menuett, weckt besonders im Trio mit Hörnerklang romantische Assoziationen an den vom Komponisten geliebten deutschen Wald. Mit dem atemraubend - rasanten letzten Satz **Saltarello: Presto**, einem Springtanz, führt uns Mendelssohn wieder zurück nach Italien. Er schreibt aus Neapel an seinen Vater: „Zu einem ernsthaften, ruhigen Gedanken habe ich noch nicht kommen können, das Ding ist gar zu lustig um mich her“. Wie schon im ersten Satz erscheinen auch im Finale des Öfteren Anklänge an die Ouvertüre zum *Sommernachtstraum.* Nach großartigen dynamischen Steigerungen schließt die herrlich leichte Komposition etwas wehmütig in a - Moll.

Die in Kiew geborene finnische Dirigentin Dalia Stasevska, Chefdirigentin des Lahti Symphony Orchestra, Erste Gastdirigentin des BBC Symphony Orchestra, ist ein von vielen bedeutenden Orchestern begehrter Gast. Sie sorgt für eine schwungvolle, inspirierte, leider oft nicht immer gut zwischen Streichern und Bläsern ausbalancierte Interpretation. Bewundert habe ich die Holzbläser, die ihre Geschlossenheit auch in den leicht gehetzt wirkenden Ecksätzen der *Italienischen* bewahren konnten.

Viel Beifall für einen schönen Sonntagmorgen!