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# Dresden, Semperoper,  Eröffnungskonzert - Sächsische Staatskapelle Dresden, IOCO Kritik, 04.09.2019
- URL: https://www.ioco.de/dreden-semperoper-eroeffnungskonzert-saechsische-staatskapelle-dresden-ioco-kritik-04-09-2019/
- Published: 2019-09-04T08:00:51.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:58:00.000Z
- Author: Thomas Thielemann
- Tags: Konzert & Liederabend, Kritiken, SemperOper, johannes brahms, Dresden

![saechs_staatskapelle.jpg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/saechs_staatskapelle.jpg "Sächsische Staatskapelle Dresden")

[Sächsische Staatskapelle Dresden](http://www.staatskapelle-dresden.de/?ref=ioco.de)

[Semperoper](https://www.semperoper.de/?ref=ioco.de)

![Semperoper © Matthias Creutziger](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/05/140_semperoper_matthias-creutzigerneu.jpg)

Semperoper © Matthias Creutziger

# **Eröffnungskonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden**

## ***Ein Höllenritt mit Yuja Wang und Myung-Whun Chung*** 

von **Thomas Thielemann**

**Sergej Rachmaninows *3\. Klavierkonzert d-Moll op. 30*** gehört zu den Rekordhaltern berüchtigter Musikstücke. Unspielbar und Elefantenkonzert sind die häufigsten dem Werk angehängten Bezeichnungen. Mit dem Konzert wird ein Niveau der erforderlichen pianistischen Virtuosität erreicht, das in der Folge sinnvoll kaum steigerungsfähig ist. Im Klavierpart hat das *Rach. 3* von den großen Klavierkonzerten die meisten Noten pro Sekunde. Unter dem Druck des technisch hochkomplizierten Werkes soll der durch eine schizoaffektive Störung vorgeschädigte australische Pianist **David Helfgott** 1970 sogar den Verstand verloren haben. Inzwischen spielt er zwar das Konzert wieder. Mit einem über **Helfgotts** Comeback gedrehtem Film:*„Shine-Der Weg ins Licht“* gelangte das 3\. Klavierkonzert in die Lichtspielhäuser der Welt und damit auch zu breiter Popularität.

![Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/09/0801_chungneu.jpg)

Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Der sechsunddreißig jährige Pianist **Rachmaninow** war 1909 zu einer Tournee in die Vereinigten Staaten eingeladen worden. Da sein 2\. Klavierkonzert in den USA nur verhalten aufgenommen worden war, er aber auf einen finanziellen Erfolg des Gastspiels angewiesen war, beschloss er, mit einem neuen Konzert anzureisen. Im April 1909 verließ die Familie Dresden und zog sich auf das **Familiengut** der Rachmaninows Iwanowka zurück. Unter extremen Zeitdruck komponierte er sein *d-Moll-Konzert*, weil bereits im November Tourneebeginn vertraglich vereinbart war. Am 23\. September war die Komposition soweit fertig, so dass der Komponist die Überfahrt nutzen konnte, auf einem stummen Klavier den Solopart des *„Konzertes für einen Elefanten“* zu üben. Am 28\. November 1909 fand dann in der **Carnegie Hall** die Uraufführung mit dem Solisten **Rachmaninow** und dem **New York Symphony Orchestra**  unter **Walter Damrosch** statt. Die Kritik bemängelte etwas ratlos, dass dem Konzert Rhythmus und harmonische Kontraste fehle. Erst die Aufführung des Konzertes mit dem ***New York Philharmonic*** unter **Gustav Mahler**  am 16\. Januar 1910 brachte, allerdings nach intensiver Probenarbeit des Pianisten **Rachmaninow,** den Erfolg.

Im ersten Symphoniekonzert der Saison 2019/20 bot **Yuja Wang** das Konzert mit der **Staatskapelle** und deren ersten Gastdirigenten **Myung-Whun Chung.** Die Pianistin haben wir inzwischen mehrfach als technisch auf höchstem Niveau agierende Virtuosin kennen gelernt. Aber mit philosophischem Tiefgang war sie zumindest mir bisher nicht aufgefallen. Mithin war sie mit ihrer extremen Leichtigkeit des Spieles und ihrer Intensität bei der Bewältigung des oft halsbrecherischen Tempos der Partitur die ideale Interpretin des Virtuosen-Stückes. Auch wenn sich gelegentlich der Eindruck einstellte, dass es sich beim Konzert um Kampfsport handele. Mit ihrer unwahrscheinlichen Technik jagte sie durch die schnellen Passagen des Konzerts und trieb das Orchester vor sich her.

![Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/05/saechsische_staatskapelle_dresden_-_c__matthias_creutzigerneu.jpg)

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

**Myung-Whun Chung**  begleitete das ungestüme Klavierspiel mit den Musikern der Staatskapelle nuanciert, pünktlich und lebendig. Er rundete so die Interpretation in vollkommener Form ab und verschaffte uns damit einen lebendigen Saisonauftakt.

Im zweiten Konzert-Teil der Saisoneröffnung brachte **Myung-Whun Chung** mit der **Staatskapelle** die zweite Sinfonie von **Johannes Brahms** zu Gehör.

Während sich **Johannes Brahms** mit seiner ersten Symphonie von, der ersten Planung 1854 bis zur Uraufführung im November 1876, regelrecht herumgeplagt hatte, konzentriert sich, (zumindest nach unserem Wissen über die Arbeit an der zweiten Symphonie), die Entstehung auf das Jahr 1877\. Weil **Brahms** keine Kompositionsskizzen hinterließ, ist die Entstehungsgeschichte nur von Briefen und Äußerungen des Komponisten abzuleiten. Danach entstand die Symphonie vor allem während eines Sommer-Aufenthalts im Juni 1877 in Pörtschach am Wörthersee. Im September begab sich Brahms anschließend, wie seit1865 in jedem Jahr, nach Lichtenthal bei Baden –Baden.

Dort hatte 1862 **Clara Schumann** ein Haus gekauft, um sich zwischen ihren anstrengenden Konzert-Tourneen, die üblicherweise vom Oktober bis zum Mai dauerten, zu erholen und sich mit ihrer Familie sowie Freunden zu treffen. Für **Brahms** war im Haus unter dem Dach eine Wohnung mit zwei Zimmern eingerichtet. Nach Berichten der Schumann-Töchter sei **Brahms** 1877 recht mürrisch gewesen, was auf seine unglückliche Situation in der Hausgemeinschaft zurückgeführt werden könnte. Er gehörte zwar wie selbstverständlich zur Familie, nahm aber keine eindeutige Stellung, weder als Ehemann noch als Sohn, ein. *„Wir Kinder hatten Brahms alle sehr gern, aber wir behandelten ihn wie einen, der eben da ist“*, erinnert sich die Tochter ***Eugenie. Clara*** und **Johannes** musizieren zusammen, gehen spazieren und essen gemeinsam, fanden aber nicht mehr zueinander, nach dem sie beide bereits 1856 beschlossen hatten, getrennte Wege zu gehen.

![Staatskapelle Dresden / Pianistin Yuja Wang und die Staatskapelle © Matthias Creutziger ](https://ioco-wordpress-production-assets.s3.eu-central-1.amazonaws.com/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/09/7679_Wang.YujaNEU.jpg)

Staatskapelle Dresden / Pianistin Yuja Wang und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Am 24\. September berichtet **Clara Schumann, Brahms** habe eine neue Symphonie fertig. Die Uraufführung des Werkes fand am 30\. Dezember 1877 in Wien unter der Leitung von **Hans Richter** statt. Ab dem 10\. Januar 1878 ging **Brahms** mit seiner Schöpfung von Leipzig auf eine erfolgreiche Tournee.

Die Symphonie D-Dur op. 73 wird häufig als heiter, natürlich und pastoral charakterisiert. Tiefere Analysen unterstellen aber **Johannes Brahms** eine ambivalente Haltung zur Naturpoesie. Er selbst berichtete von melancholischen Stimmungen, so dass der Begriff der „gebrochenen Idylle“ das Werk besser beschreibt. Auch zweifelt man inzwischen an, dass Brahms zunächst die Ecksätze und erst zum Schluss die Mittelsätze komponiert habe.

Intensiv führte **Chung** die Musiker im gesamten ersten Satz in einem großen Spannungsbogen durch die Partitur. Dabei entstand die Spannung vor allem durch ein ungewöhnlich strikt gleichmäßiges Tempo, ohne die kraftvolle Steigerung in der Durchführung des zweiten Themas zu vernachlässigen. Das *Adagio non Troppo* begann mit einer wehmütigen klangvollen Kantilene der wunderbaren Violoncelli-Gruppe der Staatskapelle. **Chung** formte in der Folge die brahmssche Sehnsucht nach etwas Unerreichbaren als eine Naturidylle und bringt dabei die dunklen Farben und grüblerischen Momente auf das Eindrucksvollste zur Geltung.

Mit dem dritten Satz „*Allegro grazioso“* lockert **Myung-Whun Chung** die Bedeutungsschwere der beiden ersten Sätze behutsam auf. Mit dem Finale betonte er aber wieder das brahmssche Grübeln und die Tiefsinnigkeit. Der Schluss wurde damit nicht zum Jubel, sondern eher zu einem fiebrigen Ausklang.

Wie schon so oft, begeisterte **Myung-Whun Chungs** Dirigat mit seiner Detailgenauigkeit, der Präzision und seiner Energie. Er hatte aber offenbar begriffen, dass nach dem Rachmaninow-Feuerwerk die Besucher eher etwas gedämpft waren und schickte sein Publikum mit einem fulminant vorgetragenen   *„Ungarischen Tanz“* nach Hause.

\---| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |---