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# Dortmund, Ballett Dortmund, Die Göttliche Komödie II - Purgatorio, IOCO Kritik, 18.12.2019
- URL: https://www.ioco.de/dortmund-ballett-dortmund-die-goettliche-komoedie-ii-purgatorio-ioco-kritik-18-12-2019/
- Published: 2019-12-19T11:00:37.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:00:28.000Z
- Author: Hanns Butterhof
- Tags: Oper & Operette, Premieren, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Premiere, Dortmund

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[Theater Dortmund](http://www.theaterdo.de/?ref=ioco.de)

![Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/03/oper-dortmund-c-theater-dortmund.jpg "Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund")

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

# **Die Göttliche Komödie II - Purgatorio - Ballett Dortmund**

## *\- Im vierstufigen Reinigungsgang zum Paradies -*

von **Hanns Butterhof**

**Dante Alighieris *Divina Commedia*** hat heute einen prominenten Platz in der Liste der am wenigsten gelesenen Weltliteratur neben dem ***Ulysses*** von **James Joyce** oder dem ***Mann ohne Eigenschaften*** von **Robert Musil.** Das liegt nur zum einen an den 15 000 kreuzweise gereimten Terzinen der dreiteiligen Dichtung vom Anfang des 14\. Jahrhunderts. Auch der Stoff, eine Wanderung des Dichters zu seiner früh verstorbenen jugendlichen Geliebten ***Beatrice*** durch Hölle und Fegefeuer bis zum Paradies, ist sperrig. Er enthält nichts weniger als die Summe des christlichen Wissens am Ausgang des Mittelalters und ist in jedem Vers Enzyklopädie, Predigt und dramatisches Epos zugleich.

So ist es nicht verwunderlich, dass die ***Göttliche Komödie*** bislang keinen Choreographen von Rang dazu herausgefordert hat, sie zur Vorlage für ein Tanzstück zu erwählen. **Xin Peng Wang**, Direktor und Chefchoreograph des **Balletts Dortmund,** und sein Dramaturg und Konzeptentwickler Christian Baier wollen alle drei Teile bis zum **Dante**\-Jubiläumsjahr 2020 auf die Bühne bringen. Sie wissen dabei um die Schwierigkeit, gerade den mittleren Teil der ***Göttlichen Komödie,*** das ***Purgatorio,*** also das Fegefeuer, tänzerisch darzustellen. Denn darin geht es nicht um sensationelle Aktionen, sondern um reuige Kontemplation und Demut.

![ Ballett Dortmund / Purgatorio - hier : Amanda Vieira als die Seele © Helena_Maria_Buckley](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/12/5v6a1173_kleinneu-gut.jpg)

Ballett Dortmund / Purgatorio - hier : Amanda Vieira als die Seele © Helena\_Maria\_Buckley

Das **Purgatorium** findet in der **Göttlichen Komödie** auf dem Läuterungsberg statt, auf dem die Sünder in sieben Reinigungs-Stufen, für jede Todsünde eine, das Paradies erreichen. Im Opernhaus Dortmund hat **Xin Peng Wang** den Berg eingeebnet und lässt die Seelenreinigung durch die vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer vollziehen.

Der mit etwa fünfundsiebzig Minuten relativ kurze Tanzabend beginnt mit einem spektakulären Bild, das an die 1997er Performance ***Balkan Baroque*** von **Marina Abramowic** angelehnt ist: Eine Frau im weißen Kleid als Anima (Julia Pertuy) sitzt singend vor einem Haufen blutiger Knochen und versucht sie Stück für Stück zu reinigen. Sie versinnbildlicht so die große Frage, was der Mensch ist, letztlich ein Haufen Knochen, an dem sich die Würmer gütlich tun, ein Abkömmling des alttestamentarischen Kains, des Brudermörders, ewig mit Schuld beladen und ewig erlösungsbedürftig.

Im **Purgatorio** gibt das Tanzensemble des Balletts Dortmund der Erlösungshoffnung Dantes bewegt Ausdruck. Noch in den Kostümen der[ ***Göttlichen Komödie I - Inferno,*** ](https://ioco.de/2018/12/06/dortmund-theater-dortmund-die-goettliche-komoedie-i-inferno-ballett-ioco-kritik-05-12-2018/?ref=ioco.de)als wäre ihnen die Haut abgezogen und die Sehnen und Muskeln lägen offen (Kostüme: Bernd Skodzig), schlagen sich Einzelne, Paare, alle mit der flachen Hand auf Brust, Arme, den ganzen Körper. Es ist, als wollten sie wie den Staub aus Gewändern die sündigen Erden-Reste aus den Gliedmaßen klopfen. Dann, als wären sie noch in der Erde verwurzelte Bäume, biegen, verbiegen sie sich wie in stürmischem Wind, der die Hände wie feine Zweige in der Luft zittern lässt.

***Die Göttliche Komödie II -* Purgatorio - Ballett Dortmund youtube Trailer Ballett Dortmund \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Zu einer dunkel blauen, die Bühne überschwemmenden Projektion anbrandenden Wassers werden die Bewegungen sanfter, das Schlagen der Körper geht in feines, streichelndes Waschen über. Dabei wird der Prozess der Häutung widerrufen, die Körper gewinnen ihre menschliche Haut wieder zurück. In einem Schwall von niedergehendem Wolkenbruch werden alle metallen rasselnden Ketten weggeschwemmt, die an das sündige Erdenleben gefesselt haben. Wie befreit genießen alle diesen Zustand der Erleichterung und geben sich ihm, nun in weißen Gewändern, voller Beschwingtheit hin.

Die letzte Läuterung steht ihnen noch bevor. Um die Tanzenden herum, die wohl noch nicht dafür reif sind, kreisen Projektionen von Leibern, die spektakulär in Brand geraten, als reine Flammen vorüber schweben, um mit allen Erdenresten zu verglühen und sich schließlich in himmlisches Licht aufzulösen – zu dem dann **Dante** mit seiner Seele auf einem Podest aus den gepressten Ketten der Geläuterten dem Paradies entgegen gehoben werden.

![Oper Dortmund / Purgatorio - hier : Guillem Rojo i Gallego als Erzengel, Clara Pertuy als Anima Foto © Helena Maria_Buckley](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/12/purgatorio-guillem-rojo-i-gallego-als-erzengel-clara-pertuy-als-anima-foto-helena_maria_buckley-neu.jpg)

Oper Dortmund / Purgatorio - hier : Guillem Rojo i Gallego als Erzengel, Clara Pertuy als Anima Foto © Helena Maria\_Buckley

**Purgatorio** ist weit mehr noch als das ***Inferno*** ein Ensemblestück und nur bedingt als Handlungsballett anzusehen. Die Protagonisten ***Dante* (Aidos Zakan**), ***Seele* (Amanda Vieira), *Vergil* (Simon Jones)** und der ***Erzengel* (Francesco Nigro**) haben zwar ihre klassischen Pas de deux oder trois, aber die wirken wie Pflichtübungen, doch noch etwas tänzerisch Spektakuläres zu bringen. Sie stehen ohne spezifische funktionale Bindung wie schmückende Arabesken im Geschehen. Das ist die notwendige Folge der Entscheidung **Xin Peng Wangs** und **Christian Baiers,** sich nur halb an **Dantes *Purgatorio*** zu halten, zur anderen Hälfte aber einen ganz eigenen vierstufigen Reinigungsgang zum Paradies zu entwickeln. Welchen Platz die Protagonisten Dantes bei der Läuterungsdarstellung von **Xin Peng Wangs** Ensemble einnehmen, ist im ***Purgatorio*** nicht zwingend gelöst. Was warum vor sich geht, das erschließt sich kaum aus dem Tanz selber, sondern ist weitgehend auf externe Information angewiesen.

Die Musiken von **Kate Moore** und **Pascal Sevajols** haben ein starkes Eigengewicht, und vor allem **John Luther Adams' *Become Ocean*** trägt die Tänzer nicht. Die minimalistische Komposition ist eine für sich stehende gewaltige Naturschilderung, unter deren Anspruch das Ensemble mitunter wie in einem zu großen Klangraum alleingelassen und bei deren An- und Abschwellen statisch und im Bewegungsrepertoire repetitiv wirkt.

Trotz des langen Schluss-Beifalls für großartige tänzerische Leistungen und die unter der Leitung von **Philipp Armbruster** beeindruckend aufspielenden **Dortmunder Philharmoniker** kann dieses **Purgatorio** nicht als völlig geglückt angesehen werden. Die Lektüre des Mittelteils von **Dantes *Göttlicher Komödie,*** das **Fegefeuer,** ersetzt es in keinem Fall.

Besuchte Vorstellung: 13.12.2019

**Die Göttliche Komödie II - Purgatorio** an der **Oper Dortmund;** Die nächsten Termine: 11., 25., 31.1\. und 15.2.2020, jeweils 19.30 Uhr

\---| IOCO Kritik Theater Dortmund |---