> ## Content Index
> Fetch the complete content index at: https://www.ioco.de/llms.txt
> Use this file to discover other available public pages before exploring further.

# Detmold, Landestheater Detmold, Der Wildschütz - Albert Lortzing, IOCO Kritik, 09.01.2020
- URL: https://www.ioco.de/detmold-landestheater-detmold-der-wildschuetz-albert-lortzing-ioco-kritik-09-01-2020/
- Published: 2020-01-08T10:00:32.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:00:45.000Z
- Author: Karin Hasenstein
- Tags: Oper & Operette, Premieren, richard wagner, Wagner, Premiere, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Detmold

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/11/logo_detmold_150.jpg)

[Landestheater Detmold](http://www.landestheater-detmold.de/?ref=ioco.de)

![Landestheater Detmold © Björn Klein](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/09/landestheater-detmold-c-landestheater.jpg)

Landestheater Detmold © Björn Klein

# ***Der Wildschütz* \- Albert Lortzing**

**\- Die Anti-Oper des Biedermeier -**

von **Karin Hasenstein**

Der Premierenabend im **Landestheater Detmold** begann mit einer Ansage. Meist verheißt es ja nichts Gutes, wenn vor der Vorstellung ein Mitarbeiter vor den Vorhang tritt. An diesem Abend hatte **Eungdae Han** sein überraschendes Debüt als ***Baron Kronthal.*** Eigentlich war er als Mitglied des Opernstudios als Studienbesetzung vorgesehen und sollte erst eine der späteren Vorstellungen singen. Aufgrund der Erkrankung von Stephen Chambers hatte er seinen großen Auftritt nun schon in der Premiere.

Vor dem geschlossenen Vorhang erblicken wir Geweihe (oder sind es Gehörne? Die Waidmänner unter den Leserinnen mögen mir verzeihen) und englische und deutsche Begriffe in Leuchtschrift: *"Lovedom"* und *"Aureal", "Liebe", "Phantasie", "real"*. **György Mészáros** nimmt die Ouvertüre unaufgeregt in ruhigem Tempo. Der Charakter der Waldidylle wird unterstrichen von Hörnern und Flöten.

****Der Wildschütz - Albert Lortzing**youtube Trailer Landestheater Detmold **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Der Vorhang hebt sich und gibt den Blick frei auf sechs Figuren, die noch im Dunkeln stehen. Auf eine Gaze wird ein dichter Wald projiziert, durch den ein Jäger mit seiner Flinte streift. Die Melodie von "*Auf des Lebens raschen Wogen"* erklingt und der Jäger und die weiteren Figuren bewegen sich. Die Personen tragen "moderne", also heutige Kostüme mit poppig bunten Elementen und Versatzstücken. Der Jäger erschießt einen Hirsch und wird der Wilderei überführt. Auf der Bühne fällt der Blick auf ein technisches Gerät, das am ehesten an eine große Radio-Antenne oder ein Radar erinnert.

In der nun folgenden Hochzeitsszene tritt der kleine aber feine Chor des Landestheaters auf. In Gelb-, Grün- und Erdtöne gekleidet gibt er *"So munter und fröhlich wie heute"* zum Besten. Der ***Schulmeister Baculus*** (herrlich bieder und spießig: **Seungwoen Lee**) begrüßt seine junge Braut **Gretchen** (niedlich mit Zöpfen und Kleidchen: **Annina Olivia Battaglia**, quasi eine Vorzeige-Soubrette), die resigniert feststellt *"Er könnte etwas jünger sein...!*" Die geheimnisvoll Maschine spuckt eine Rohrpost vom Grafen aus nebst Wein für die Feier. Praktisch, vielleicht gibt das Landestheater die Maschine später ab...

![Landestheater Detmold / Der Wildschütz - hier : Benjamin Lewis als Graf von Eberbach, Stephen Chambers als Baron Kronthal © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/01/wild_17_-landestheater-detmold-_-at-schaeferneu.jpg)

Landestheater Detmold / Der Wildschütz - hier : Benjamin Lewis als Graf von Eberbach, Stephen Chambers als Baron Kronthal © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Im nun folgenden Dialog lernen wir, dass der ***Baron*** den ***Schulmeister*** wegen Wilderei entlässt. Ein Plan muss her, sonst ist es mit der Hochzeit aus. (*"Lass er doch hören!"*) **Gretchen** will aufs Schloss, um den ***Grafen*** umzustimmen. **Annina Olivia Battaglia** kann hier ihren leichten klaren Sopran strahlen lassen und brilliert mit perfekter Höhe. Begleitet wird sie von Flöte und den wiederholt äußerst angenehm auffallenden Hörnern. *"Wie kannst Du so mein Herz nur schüren"* ist kantabel, gut deklamiert und gestaltet, dramatisch und gleichzeitig komisch, was bekanntlich viel schwerer ist, als ernst oder tragisch. Letztendlich ist alle Mühe jedoch vergeblich, ***Gretchen*** darf nicht aufs Schloss.

Die Maschine beginnt sich zu drehen und brummt, nimmt die Funktion eines Flugobjekts oder einer Rakete an. Sie könnte auch das Schiffchen darstellen, das die Baronin im nun folgenden Titel besingt, "*Auf des Lebens raschen Wogen".* Dazu ziehen sich die Baronin und ihre Zofe (herrlich im Zusammenspiel: **Emily Dorn** und **Lotte Kortenhaus**) Lollis aus der Wundermaschine. Die beiden Frauen legen eine Art Matrosenuniform an (in weiß und fliederfarben), dazu Bänder und Mützen wie Verbindungsstudenten. Derart "getarnt" treffen sie auf den Schulmeister und Gretchen, die sich heftig streiten. Die Baronin will als "Mädchen" verkleidet den Baron gewinnen, die Aufmerksamkeit des Zuschauers wird herausgefordert: eine Frau verkleidet sich als Mann verkleidet sich als Frau.

Der folgende Dialog zwischen **Gretchen** und **Nanette** wird von der wunderbaren Horngruppe mit Jagdsignalen beendet. Auf der Bühne liegen nun die Worte "*Blut", "Rausch*" und blutige Handschuhe herum. Die dazu ablaufende recht blutige Choreografie bedient sich toter Hasen und ähnlichem. Die **Baronin** sing in ihrer *"Mädchen-Verkleidung"* *"Bin ein schlichtes Kind vom Lande"*, der Chor antwortet mit *"Auf dem Lande will ich bleiben".* Dadurch entsteht ein Ensemble wie schon bei Mozart, dazu heult der Wind Unheil verkündend.

Der **Graf** spendiert aus der Maschine Süßigkeiten. Er erkennt den Schulmeister und Wilderer. Die Szene wird noch absurder, als zwei Züge aufgezogen werden und die **Gräfin** in einem Theater auf dem Theater als Antigone erscheint. Da bleibt kein Auge trocken. Die Zuschauer in ihrem Theater, die das offenbar regelmäßig erdulden müssen, sind bereit alle eingeschlafen. Pankratius hat auch seine liebe Not... Der Chor ist sehr überzeugend, in deutlicher Textverständlichkeit, differenzierter Dynamik erscheint auch diese Chorszene exzellent durchhörbar.

![Landestheater Detmold / Der Wildschütz - hier : Nanette, Emily Dorn als Baronin Freimann © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/01/det_wildschutz_2_10-foto-landestheater-detmold-_-at-schaeferneu.jpg)

Landestheater Detmold / Der Wildschütz - hier : Nanette, Emily Dorn als Baronin Freimann © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Dem kurzen Dialog zwischen dem **Schulmeister** und **Pankratius** folgt eine Arie des **Barons**, ein schöner und leichter Buffotenor, allenfalls ein wenig eng in der Höhe. Hinter dem Vorhang singt die **Gräfin** "*Auf dem Lande"* und stellt fest *"Ich werde glücklich sein!"* Das ist jedoch ein Irrtum...

Das nächste Unglück ist, dass die Musikanten abgesagt haben, glücklicherweise kann der **Schulmeister** Klavier spielen. De**r Baron** ist gar nicht einverstanden *"Was hör' ich, mir aus den Augen!*", hat er den **Wilderer** doch verbannt. Unterbrochen wird er jedoch von dem "Kind vom Lande" mit den Worten "*Ach, Sie verzeihen, dass ich hier so trete ein"*. Das sich daraus entwickelnde Quintett gelingt den Solisten ausgesprochen gut. Beschwingt werden die Zuschauer in die Pause entlassen.

Nach der Pause steht **Antigone** immer noch in dramatischer Pose auf dem Podest...Beim anschließenden gesprochenen Text des **Barons** fällt wiederholt der starke Akzent Eungdae Hans auf, den er beim Singen besser im Griff hat.In der darauffolgenden Arie ist das Orchester ein stets wacher zuverlässiger Begleiter. Es folgen weitere Dialoge, Arien und Ensembles, allesamt in gleichmäßiger guter Qualität.

Langsam gleitet das Ganze ein bisschen ins Slapstick ab, als der **Graf** und der **Stallmeister** in Strapsen und rosa Mieder um das Mädchen spielen. Der Graf fesselt sie mit ihrer roten Wolle, mit der sie kurz zuvor noch gestrickt hat, das Ganze erinnert fast ein bisschen an eine Bondage-Szene. Zu amourösen Verwicklungen entspinnt sich wieder ein Mozartesques Quintett, als die **Gräfin** dazukommt. Der ***Stallmeister*** will die Braut des Schulmeisters und bietet ihm für sie 5.000 Taler. *"5.000 Taler! Träum' oder wach' ich?"* fragt sich da nicht nur der **Schulmeister.** Immer wieder erklingt im Orchester leicht und spielerisch das Jagdmotiv. Bei der Instrumentierung dominieren klar die Hörner.

Bei diesem verlockenden Angebot kann der **Schulmeister** nicht widerstehen und er verschachert seine junge Braut. **Die Gräfin / Antigone** und andere Personen lösen sich mit Chipkarten verschiedene Dinge aus der Wundermaschine, die inzwischen in einem Winterwonderland steht. Die Arie des **Grafen* "Wie strahlt die Morgensonne!"/ "Heiterkeit und Fröhlichkei*t" gerät ausgesprochen brillant und überzeugend.

![Landestheater Detmold / Der Wildschütz - hier : das Ensemble © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/01/wild_18_-landestheater-dertmold-_-at-schaeferneu.jpg)

Landestheater Detmold / Der Wildschütz - hier : das Ensemble © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

In der nun folgenden Dialogszene zwischen dem **Grafen** und dem **Stallmeister** herrscht Irritation darüber, wer nun Gretchen ist, von der es plötzlich zwei identische Ausgaben gibt! Es stellt sich schnell heraus, es ist des ***Grafen*** Schwester! Ein Bürgerlicher und eine **Gräfin?** Ja, geht das denn? Die Maschine im Winterwald beginnt zu brummen und färbt sich rot. An drei roten Bändern sind die Personen angebunden und in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkt. Die Aufklärung lässt nicht lange auf sich warten, es ist die Schwester, also "die Stimme der Natur". *"So hat mich nicht getäuscht die Stimme der Natur!*" Nun ziehen alle vier an den roten Bändern, zwei Geschwisterpaare, und das Fazit ist: "Unschuldig sind wir alle!" Konfettikanonen versprühen Partylaune und Blumengirlanden schmücken die glücklichen Geschwister.

Wie sich das für eine gute Komische Oper gehört, wird zum Schluss die Auflösung präsentiert. "*Der Unschuld Augen rühren mich"* und der **Graf** klärt auf: der ***Schulmeister*** hat gar keinen Hirschen gewildert, sondern nur den eigenen Esel erschossen. Damit entfällt auch der Grund für die Verbannung. Der **Schulmeister** muss erkennen *"So hat mich denn getäuscht die Stimme der Natur!"* Er darf im Amt bleiben und behält obendrein auch noch sein **Gretchen,** denkt er. Die Zofe jedoch schneidet **Gretchen** von ihrem Band los und nimmt sie mit sich fort. Als die Schere das Band zerschneidet, fallen alle anderen um. Das Licht erlischt, der Vorhang fällt. Ende.

Was an diesem Premiereabend im **Landestheater Detmold** auffällt, ist wieder die homogene Ensembleleistung. Solisten, Chor und Orchester agieren über zweieinhalb Stunden auf gleichbleibend hohem Niveau. Das ist viel für eine Komische Oper, denn irgendwie muss man ja bei relativ dürftiger Handlung die Zuschauer "mitnehmen", wenn es schon keine große intellektuelle Herausforderung ist. Dann doch bitte wenigstens gute und kurzweilige Unterhaltung. Die wird in Detmold konsequent geboten, eine eindeutige Stärke des kleinen Hauses in der Residenzstadt. Einzelne Solisten herausheben hieße andere herabsetzen, was hier ausdrücklich nicht geschehen soll. Daher sei stellvertretend **Anna Olivia Battaglia** genannt, die ein wirklich zauberhaftes **Gretchen** gibt. Sängerisch wie darstellerisch bleiben hier keine Wünsche offen. Bei den Herren sei der Retter der Premiere, Einspringer Eungdae Han genannt. Er lieferte an diesem Abend sein bravouröses Debüt. Der spielfreudige Opern- und Extrachor (Einstudierung **Francesco Damiani**) trug ganz wesentlich zum guten Gelingen des Abends bei und ist immer eine sichere Bank. Das Orchester des **Landestheater Detmold** unter **György Mészáros** ist Solisten und Chor durchweg ein sicherer und sensibler Begleiter. Solisten werden nicht zugedeckt, der Gesamtklang in dem kleinen Haus bleibt stets ausgewogen. **Mészáros** kennt sein Haus und seine Akustik und geht sensibel und gekonnt damit um.

***Alles in allem ein rundum erfreulicher Premierenabend, für den sich das Publikum mit lang anhaltendem Applaus und standing ovations bedankte.***

\---| IOCO Kritik Landestheater Detmold |---