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# Darmstadt, Staatstheater, TANNHÄUSER und der Sängerkrieg, IOCO Kritik, 11.05.2017
- URL: https://www.ioco.de/darmstadt-staatstheater-tannhaeuser-und-der-saengerkrieg-ioco-kritik-11-05-2017/
- Published: 2017-05-12T20:01:55.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:38:36.000Z
- Author: Ljerka Oreskovic Herrmann
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Wagner, richard wagner, Darmstadt

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[Staatstheater Darmstadt](http://www.staatstheater-darmstadt.de/?ref=ioco.de)

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Staatstheater Darmstadt © IOCO

# **"Die vergebliche Suche nach Glück"**

**Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg von Richard Wagner**   **am Staatstheater Darmstadt**

Von **Ljerka Oreskovic Herrmann**

Die große romantische Oper **Tannhäuser** von **Richard Wagner,** die in Darmstadt von dem iranischen Regisseur **Amir Reza Koohestani** in Szene gesetzt wurde, beginnt mit einem großen Liebesbett. Dieses steht alleine auf der Bühne – sonst nichts, denn es gibt in der Welt der **Venus** nichts anderes als die körperliche Liebe. Und folgerichtig wird sie nach genossenen Freuden **Tannhäuser** nicht mehr ausfüllen, er sehnt sich nach **Elisabeth** und der Wartburg zurück. *Die Welt der Ritter* – welch ein Kontrast zum *Venusberg* – vermag zunächst Frieden stiften. **Elisabeth** ist die Verheißung und Liebe, nach der sich **Tannhäuser** gesehnt hat, das Glück der beiden könnte Erfüllung finden, wäre da nicht der Sängerwettstreit – und **Wagners** *„Schwirren und Säuseln der Lüfte“* und seine nach Erlösung strebende Musik, die erst am Ende die beiden *„getrennten Elemente, Geist und Sinne, Gott und Natur, umschlingen sich zum heilig einenden Kusse der Liebe*“ vereint.

![Staatstheater Darmstadt / Tannhaeuser - Deniz Yilmaz und Chor © Wolfgang Runkel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/05/1tannhaeuser_deniz_yilmaz_chor__c__wolfgang_runkel_neu.jpg "Staatstheater Darmstadt / Tannhaeuser - Deniz Yilmaz und Chor © Wolfgang Runkel")

Staatstheater Darmstadt / Tannhaeuser - Deniz Yilmaz und Chor © Wolfgang Runkel

**Koohestani** bleibt sehr nah bei **Wagner** und der französischen Fassung von 1861\. Für ihn ist ***Tannhäuser* – Deniz Yilmaz** findet immer mehr zu seiner Rolle – ein Getriebener: Dort, wo er nicht ist, ist das Glück. Er steht zwischen beiden Frauen, nirgends daheim gerät er so, laut **Koohestani** in *„einen Zirkel des Unglücks“* – den heutigen Flüchtlingen durchaus ähnlich, die auch kein Zuhause mehr haben und deshalb vergebens das Glück in der Fremde suchen werden. Allerdings erliegt er nicht der Versuchung, dies auch szenisch zu illustrieren. Einzig die Kopftuch tragenden Damen des Chores verweisen auf „den“ Orient, geschickt verbunden mit der Erinnerung an das europäische Mittelalter – der Zeit des Sängerwettstreits –, als die Frauen ebenfalls ihr Haupt bedecken sollten.

Der „fremde“ Blick auf die eigene Tradition und Mythen verdeutlicht, was Wagners Oper ausmacht: Der Konflikt zwischen *„Geist und Sinne“* –, an dem sich der Komponist abarbeitete und doch nicht (musikalisch) vollständig lösen konnte. Die Musik zirkuliert wie ihr Held zwischen außen und innen, die brüskierten und entsetzten Ritter im zweiten Akt stehen einer wortlos-verzweifelten ***Elisabeth*** gegenüber; ihr Entsetzen über ***Tannhäusers*** Bekenntnis, im Venusberg gewesen zu sein, wiegt schwerer und ist folgenreicher. ***Tannhäuser*** erfährt, nach der letztlich erfolglosen Pilgerreise nach Rom im Schlussakt, Erlösung durch ***Elisabeths*** Tod, nun vermag er endgültig die aufkommende musikalische Erinnerung an den Venusberg zu verdrängen.

![Staatstheater Darmstadt / Tannhaeuser - Deniz Yilmaz und Statisterie © Wolfgang Runkel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/05/3tannhaeuser_yilmaz_statisterie__c__wolfgang_runkelneu.jpg "Staatstheater Darmstadt / Tannhaeuser - Deniz Yilmaz und Statisterie © Wolfgang Runkel")

Staatstheater Darmstadt / Tannhaeuser - Deniz Yilmaz und Statisterie © Wolfgang Runkel

All dies hat der iranische Regisseur mit seiner Bühnenbildnerin **Mitra Nadjmabadi** konsequent umgesetzt: Dem überbordenden Liebesbett folgt auf der Wartburg eine Welt mit harten Regeln, die allerdings eher modern-ritualisiert einer Casting-Show ähnelt, nur die Kostüme der Ritter (dunkele Gehröcke) verweisen auf ihren Ursprung: das Mittelalter. Doch zuletzt ist diese Welt verlassen und verloren – heutzutage im Abend- wie Morgenland –, so dass nur noch der innere Rückzug für **Elisabeth** übrig bleibt. Die hehre und glitzernde Welt der Wartburg (übertragende Kameras inklusive) wird zu Gebetsstätte, in der am Ende der grandiose und überwältigende Chor (Einstudierung: **Thomas Eitler-de Lint**) Hoffnung bietet. Die musikalische Leitung unter **Will Humburg** verstärkt den musikalisch herausragenden Eindruck: Das Orchester spielt packend und präzise bis zum Schluss, vermag so die Spannung zu halten und auch die Inszenierung musikalisch zu behaupten.

**Edith Hallers** musikalische wie darstellerische Interpretation der **Elisabeth** ist überzeugend und bildet den gewünschten Kontrast zur sinnlichen **Venus** von **Tuija Knihtilä.** Hier das lose Kopftuch, den Körper durch ein seidiges Oberteil und Jeans nicht betonend, dort die vollkommene Verführung: rotes enganliegendes Kleid im Schlussakt (Kostüme: **Gabriele Rupprecht**). Doch die für tote **Elisabeth** von den trauernden und darum schwarz tragenden Choristinnen abgelegten Lilien – das christliche Symbol der Reinheit schlechthin – zeugen von ihrem Sieg.

![Staatstheater Darmstadt / Tannhaeuser - Deniz Yilmaz und Statisterie © Wolfgang Runkel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/05/4tannhaeuser_deniz_yilmaz__c__wolfgang_runkelneu.jpg "Staatstheater Darmstadt / Tannhaeuser - Deniz Yilmaz und Statisterie © Wolfgang Runkel")

Staatstheater Darmstadt / Tannhaeuser - Deniz Yilmaz und Statisterie © Wolfgang Runkel

Die Ritter, allen voran ein gut agierender **David Pichelmaier (*Wolfram von Eschenbach***), der eine zaghafte Annäherung an ***Elisabeth*** sucht, sind in ihren körperlichen Entfaltungsmöglichkeiten bewusst reduziert: Die Welt des Rittertums verlangt Zurückhaltung. **Martin Snell** mit seinem eleganten Bass verleiht der Figur des Landgrafen **Hermann** nicht nur stimmlich eine würdevolle Haltung. **Jun-Sang Han** (Walther von der Vogelweide), **Nicolas Legoux** (Biterolf), **Musa Nkuna** (Heinrich, der Schreiber), **Thomas Mehnert** (Reinmar von Zweter) sowie **Amelie Gorzellik** (junger Hirte) runden zusammen mit **Ingrid Katzengruber, Aviva Piniane, Katja Rollfink** und **Hildegard Schnitzer** (vier Edelknaben) den musikalisch schönen Gesamteindruck ab.

Einhelliger Applaus für Chor, Orchester und Solisten. Mit Buhrufen und Applaus wurde dagegen das Produktionsteam empfangen. Wie schrieb **Amir Reza Koohestani** in seinem Beitrag für das Programmheft: „*Wenn der Vorhang aufgeht und die verschleierten Frauen auf der Wartburg erscheinen, wird das wohl viele Fragen aufwerfen und wahrscheinlich das kontroverseste und fragwürdigste Bild sein.*“ Er sollte Recht behalten – dabei hatte er **Wagner,** die von ihm verschränkten Mythen und einen gewissen religiösen Grundimpuls der sich dahinter offenbart, nur sehr genau gelesen.

***TANNHÄUSER UND DER SÄNGERKRIEG AUF WARTBURG:*  Premiere 22.4.2017 Weitere Vostellungen 30.4.2017, 14.5.2017, 25.5.2017, 15.6.2017**

\---| IOCO Kritik Staatstheater Darmstadt |---