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# Chemnitz, Theater Chemnitz, Hamlet - Oper von Franco Faccio, IOCO Kritik, 20.03.2019
- URL: https://www.ioco.de/chemnitz-theater-chemnitz-hamlet-oper-von-franco-fuccio-ioco-kritik-20-03-2019/
- Published: 2019-03-20T08:00:23.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:53:33.000Z
- Author: Thomas Thielemann
- Tags: Oper & Operette, Premieren, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Premiere, Chemnitz

![die_theater_chemnitz.jpg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/die_theater_chemnitz.jpg "Die Theater Chemnitz")

[Theater Chemnitz](http://www.theater-chemnitz.de/?ref=ioco.de)

![Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/05/theater-chemnitz-c-dieter-wuschanski.jpg)

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

# *Hamlet* \- Oper von Franco Faccio

**132 Jahre verschollen -* *Deutsche Erstaufführung in Chemnitz, Inszenierung von Olivier Tambosi**

von **Thomas Thielemann**

Das **Theater Chemnitz** hatte zum zweiten Zyklus der deutschen Erstaufführung der Oper **Hamlet** (**Amleto**) von **Franco Faccio** (1840-1891) eingeladen.

Der dreiundzwanzigjährige Schriftsteller **Arrigo Boito** (1842-1918) dichtete in Anlehnung des Shakespeare-Dramas ***Hamlet*** für seinen Schulfreund, den fünfundzwanzigjährigen Komponisten **Franco Faccio,** in den 1860er Jahren das ***Amleto***\-Libretto.

**Hamlet - Oper von Franco Faccio**Youtube Trailer der Theater Chemnitz **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

**William Shakespeare** schuf sein Bühnenstück ***The Tragicall Historie of Hamlet, Prince of Denmarke*** zwischen Februar 1601 und Sommer 1602\. Von einer Vielzahl von nordischen Legenden angeregt, die der Chronist ***„Saxo Gramaticus“*** im 13\. Jahrhundert in seiner *„Gesta Danorum“* aufbewahrt hatte, war über das tragische Schicksal eines dänischen Prinzen sein Bühnenwerk gestaltet worden. Wohl der Tod eines ihm verwandten Mädchens, das im Alter von zweieinhalb Jahren beim Blumenpflücken ertrank und den fünf Jahre alten ***William*** tief beeindruckte, verdanken wir die Figur der ***Ophelia*** in der Tragödie.

**Arrigo Boito** hatte das Libretto so eng als möglich an **Shakespeare** angelehnt, reduzierte die 19 Szenen auf sieben, beließ aber die Zitate der großen Monologe *„Sein oder Nichtsein“*; *„Oh, dass auch dieses feste Fleisch schmelzen würde“; „Der Rest ist Schweigen*“ u. a.. Er verwendete auch eine größere Vielfalt von Versformen und Ausdrücken, die sich in seinen späteren **Shakespeare-**Libretti nicht mehr finden.

**Franco Faccio** komponierte dafür eine hochdramatische, aber wenig poetische Musik. Eingängige Melodien fehlen ebenso wie profilierte Themen für die Neben-Charaktere. Selbst die leidgeprüfte ***Ophelia*** bleibt, wie alle Mitspieler des Titel-Tenors, seltsam farblos. Von der Stilistik scheint der späte Verdi vorweggenommen.

![Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio - hier : Hamlet, Getrud und Claudius © Nasser Hashemin](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/03/hamlet_pr02_a__c__nasser_hashemineu.jpg)

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio - hier : Hamlet, Getrud und Claudius © Nasser Hashemin

Mit der Komposition des Librettos haben diese beiden Burschen die erste Vertonung eines Shakespeare-Stoffes in der Reihe italienischer **Shakespeare-**Vertonungen geschaffen und damit eigentlich die Opernwelt von Kopf bis Fuß erneuert.

Obwohl insbesondere **Arrigo Boito** an die Tragödie in vier Akten viele Erwartungen und Hoffnungen knüpfte, führte die begeistert aufgenommene Premiere im **Teatro Carlo Felice** in Genua am 30\. Mai 1865 nicht zu einem nachhaltigen Erfolg. „*Die Oper sei nicht melodisch genug“*. Eine überarbeitete Fassung des ***Amleto*** geriet am 12\. Februar 1871 an der ***Mailänder Scala*** dann zum Misserfolg, weil der Tenor der Titelrolle *„vollkommen ohne Stimme und desorientiert*“ kaum zu hören war. Entmutigt vernichtete **Faccio** Teile des Notenmaterials, bemühte sich nicht weiter um seine Komposition und begnügte sich als erfolgreicher Dirigent vor allem Verdi-Kompositionen zum Erfolg zu verhelfen. Auch **Boito** konzentrierte sich auf seine Schriftsteller–Arbeit, komponierte die Erfolgsoper ***Mefistofele*** und ist uns vor allem als Verdi-Librettist ein Begriff geworden. Selbst Bemühungen des **Faccio-**Schülers **Antonio Smareglia** um die Partitur blieben erfolglos.

Mehr als hundert Jahre haben die Fragmente dieser Arbeit von **Arrigo Boito** und **Franco Faccio** in den Archiven des Musikverlages **Ricordi** geschlummert, bis der amerikanische Musikwissenschaftler und Dirigent **Anthony Barrese** im Jahre 2003 begonnen hat, diesen Schatz zu heben. Mit einigen Helfern sichtete er mit erheblichen Mühen das Material, das zum Teil auf Mikrofilm oder als verblasste Autographen zur Verfügung stand. Nach Variantenvergleichen und über die Erstellung einer Klavier-Vocal- Partitur vervollständigte er bis zum Dezember 2004 die Oper ***Amaleto.***

Auf die Bühne brachte der Perfektionist **Antonio Barrese** seine Rekonstruktion nur schrittweise. Erst mit der ersten Wiederaufführung 2014 in Albuquerque (New- Mexiko) war ***Amleto*** der Opernbühne zurück gegeben. Nach Europa kam die Opernrekonstruktion am 20\. Juli 2016 mit einer opulenten Inszenierung von **Olivier Tambosi** bei den Bregenzer Festspielen. Aus Unsicherheit, wie das verwöhnte Publikum diese „Neuheit“ aufnehmen werde, gab es in Bregenz nur ganze drei Aufführungen.

Die **Oper Chemnitz** übernahm die Bregenzer Arbeit mit dem gefragten Regisseur nebst dessen Ausstatter-Team für eine deutsche Uraufführung und brachte eine faszinierende Inszenierung auf die Bühne.

![Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio - hier : Hamlets Vater erscheint als Geist © Nasser Hashemin](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/03/hamlet_pr07__c__nasser_hashemineu.jpg)

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio - hier : Hamlets Vater erscheint als Geist © Nasser Hashemin

Die Handlung springt mit dem Krönungsfest und einem Trinklied des neuen Königs mitten ins Geschehen. Diese Feststimmung mit dem Trinklied kehrte im Schlussakt wieder, wobei sich die Situation zur allseits bekannten skurrilen Mordserie entwickelt. Damit erhält die Handlung einen Rahmen, in dem **Olivier Tambosi** den traurig-zögerlichen Prinzen als den Rächer, den Liebhaber, den Sohn, den Philosophen, den Intriganten und den Theaterkritiker in jedem Part Glaubwürdigkeit verschafft.

Die Bühne des **Frank Philipp Schlößmann** und die historisierten Kostüme der **Gesine Völlm** streng in Rot-Schwarz-Weiß sowie eine gekonnte Lichtregie des **Davy Cunningham** schaffen eine permanent gespenstige Grundstimmung. Eine Ausnahme bietet nur das in Grün-Beige gestaltete Schauspiel, von Boito als Persiflage auf das Opernwesen seiner Zeit gestaltet.

Mit gekonnter Personenführung, intensiver Einbeziehung des perfekten Chores, der Tänzerinnen und kreativer Nutzung der Drehbühne schafft er, die übrigen Protagonisten mit Hamlet in Beziehung zu bringen. Da ist vieles konzentriert, bündig und schlagkräftig. Vor allem ab dem dritten Akt steigert sich die Aufführung.

Die Musiker der ***Robert-Schumann-Philharmonie*** mit dem Dirigat des **Dan Raciu** bringen neben einer ausgereiften Sängerbegleitung vor allem die den Schöpfern der Oper so wichtige sinfonische Ausmalung der Partitur zur Geltung.

Für die Hauptrollen waren ausgezeichnete Sängerdarsteller aufgeboten worden. Mit packend intensivem Spiel und mit nüchtern-heller flexibler Tenorstimme gab der Spanier **Gustavo Peña** dem zerrissenen Titelhelden die notwendige Struktur. Dem ***König Claudius*** in seinem fiesen Denken wurde von **Pierre-Yves Pruvot** mit seinem dunkel-bedrohlichem Bariton überzeugende Wirkung verschafft. Als ***Hamlets*** Mutter ***Gertrud*** sang und spielte **Katerina Hebelkova** mit einem dunklen Mezzo in der Tiefe und gleisnerisch in der Höhe die dramatischen Glanzpunkte der Aufführung. Packend war die ***Ophelia*** von **Guibee Yang** mit ihrem weichen strömenden Sopran in den Szenen ihrer Liebe und Verzweiflung.

![Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio - hier : Ophelia und Hamlet © Nasser Hashemin](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/03/hamlet_pr06__c__nasser_hashemineu.jpg)

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio - hier : Ophelia und Hamlet © Nasser Hashemin

Wären noch zu erwähnen: der elektronisch-akustisch verstärkte Bass-Bariton von **Noé Colín** als bedrohlich tönender Geist des ermordeten Vater ***Hamlets,*** das ordentlich besetzte Freundespaar des Titelhelden ***Horatio - Marcello*** mit **Ricardo Llamas Márques** und **Matthias Winter** sowie der etwas schwächere ***Laertes*** von **Cosmin Ifrim.**

Wegen des Ausfalls des ***Polonius-***Darstellers wurden die Partien des ***Hofmarschalls*** vom Bass des Hausensembles **Ulrich Schneider** überzeugend von der Seite zu Gehör gebracht und szenisch vom Statisten **Mario Koch** auf der Bühne implantiert.

Ein Sonntag-Nachmittag, der wieder einmal unser Verlangen nach Musik abseits des gängigen Repertoires gestillt hatte. Vor allem deshalb, weil diese Neuentdeckungen vor halsbrecherischen Verfremdungen geschützt sind. Letztlich bleibt aber für den von **Wagner, Mahler** und **Bruckner** verwöhnten Hörer, dass die Komposition **Faccios** nicht über die erwartete Dramatik und Tiefe verfügt.

Im Spielplan des Chemnitzer Opernhauses sind noch Vorstellungen der zu empfehlenden Hamlet-Inszenierung am 29\. März, am 28\. April und am 5\. Mai 2019 aufgeführt.

\---| IOCO Kritik Theater Chemnitz |---