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# Chemnitz, Theater Chemnitz, Der Ring des Nibelungen - Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.04.2019
- URL: https://www.ioco.de/chemnitz-theater-chemnitz-der-ring-des-nibelungen-richard-wagner-ioco-kritik-26-04-2019/
- Published: 2019-04-26T07:00:57.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:54:28.000Z
- Author: Thomas Thielemann
- Tags: Oper & Operette, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Chemnitz

![die_theater_chemnitz.jpg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/die_theater_chemnitz.jpg "Die Theater Chemnitz")

[Theater Chemnitz](http://www.theater-chemnitz.de/?ref=ioco.de)

![Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/05/theater-chemnitz-c-dieter-wuschanski.jpg)

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

# ***Der Ring des Nibelungen* – Richard Wagner**

**Osterfestspiele des Theater Chemnitz - Wagner aus feministischer Sicht**

von **Thomas Thielemann**

Als aus Chemnitz die Information kam, man werde eine Neuinszenierung von **Richard Wagners *Der Ring des Nibelungen*** von vier unterschiedlichen Regisseurinnen im Zeitraum vom 3\. Februar 2018 bis zum 1\. Dezember 2018 auf die Bühne bringen, waren wir für die Premierenbesuche verhindert. Deshalb nutzten wir die **Ostertage 2019,** in denen das **Theater Chemnitz** den gesamten **Ring des Nibelungen (Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Götterdämmerung)** auf die Bühne brachte. Gegenüber den Premieren gab es in diesen Produktionen jedoch mehrere Umbesetzungen.

***Das Rheingold*  \- Richard Wagner** youtube Trailer des Theater Chemnitz **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Im Vorfeld, auch ob der reichen Premieren - Berichterstattung - gab es die Frage, wie geht es, diese „*Männeroper“* in weibliche Hände, Regisseurinnen, zu geben und, wird es darob ein weiblicher oder feministischer „Ring“ sein? Die Meininger Arbeit der **Christine Mielitz** von 2001 gilt als großer Wurf. Das war aber noch vor den extremen Auswüchsen des Regietheaters. Ihre Probleme waren vorwiegend organisatorischer Natur. Leider ist das Meininger Ereignis nicht dokumentiert worden.

Die von **August Everding** ausgebildete und von der Zusammenarbeit mit **Calixto Bieto** geprägte Verena Stoiber versuchte ihre Inszenierung von ***Das Rheingold*** als eine feministisch geprägte Gesellschaftskritik ohne besondere Verfremdungen zu gestalten.

Ihre Idee, *Nibelheim* als Hort der Ausbeutung von Frauen als Sexualobjekte und für untergeordnete Arbeiten sowie für Kinderarbeit kann man so darstellen. Auch die Thematisierung des Konsumtionswahns erscheint schlüssig. Trotz der ansonsten vielen Klischees wurde auf den Klimawandel (Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, der will, dass sie nicht bleibt) und auf die sozialen Fragen (Mitleid macht wissend ohne Schuld) nur sparsam als Graffiti an der Walhalla-Wand hingewiesen. Auf der Bühne war ständig etwas los und es gab eine Reihe guter Regieeinfälle. Statt des Tarnhelms fungierte ein Spiegel, der Goldraub wurde dargestellt, indem den Rheintöchtern die blonden Perücken abgerissen wurden.

![Theater Chemnitz / Die Walküre - hier : Monika Bohinec als Fricka, Aris Argiris als Wotan © Kirsten Nijhof](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/04/walkuere__monika-bohinec-als-fricka_-aris-argiris-als-wotan-foto-kirsten_nijhof-neu.jpg)

Theater Chemnitz / Die Walküre - hier : Monika Bohinec als Fricka, Aris Argiris als Wotan © Kirsten Nijhof

Mit einer Travestie von **Donner** und ***Froh,*** die Riesen vom Kaufpreis ***„Freia“*** abzubringen, fand ich fast genial. Die optisch reizvolle Anfangsszene mit den schwingenden ***Rheintöchtern*** leidet, weil die ***Rheintöchter*** ob der Konzentration auf die Seilbewegung nicht ordentlich singen. Wie gut sie singen konnten, erweist sich im Schlussbild. Leider wissen wir sehr wenig vom Privatleben der Regiedamen, weil sie nicht zu den Gelbseiten-Promis mit Home-Story gehören. Ob Regisseurin **Verena Stoiber** einen so dümmlichen ***Wotan*** zu Hause auf dem Sofa sitzen hat, wie sie uns auf der Bühne präsentiert? Ansonsten sind die Männer neben ihrer Unbedarftheit vor allem vertrottelt, Loge schurkisch sowie vom Testosteron gesteuert. Wenn ein männlicher Regisseur so eine Phallusszene mit **Jukka Rasilainenen** geboten hätte, so wäre das Geschrei riesig gewesen. Frauen kamen aber bei **Verena Stoiber** auch nicht besser weg. Die ***Freia*** als Shopping-Girl und ansonsten panisch-ängstlich und die Fricka stand letztlich nur rum. Beeindruckend der präsentable Erda-Auftritt von **Bernadett Fodor.**

Die Niederländerin **Moniquie Wagemakers** war mit ihrer ***Walküre*** zurückhalternder. Ihr Anliegen war, den Missbrauch familiärer Beziehungen zum Zweck des Machterhalts beziehungsweise zur Machterweiterung als Werkzeug einsetzen. Was natürlich bei der *„Familiengeschichte Walküre“,* der Vernichtung der Kinder durch den eigenen Vater gründlich schief gehen musste. Inszeniert war die ***Walküre*** letztlich „halb-szenisch“ fast ohne Requisiten. Da gab es kein Schwert, da fehlte die Weltesche. Generell wurde von der Rampe direkt in das Auditorium gesungen, was zum besten musikalischen Eindruck der vier Abende führte. **Aris Argiris** war der beste **Wotan- Wanderer** des Zyklus in seiner Rolle als gescheiterter Held. Dazu **Anne Schuldt** mit einer massiv durchgreifenden ***Fricka.* Viktor Antipenko** bot einen stimmlich sehr guten ***Siegmund,*** der seine begrenzten Möglichkeiten beim *Wälseruf* hätte früher erkennen sollen. **Astrid Kesslers** statische ***Sieglinde*** agierte mit sicherer gut geführter Stimme. **Stéphanie Müther** war eine exzellente ***Brünnhilde,*** auch wenn die gewaltige Partie sie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten führte. Auch haben wir selbst an großen Bühnen eine so geschlossene ***Walküren***\-Frauenschaft noch nicht erleben können.

![Theater Chemnitz / Siegfried - hier : Daniel Kirch als Siegfried, Christiane Kohl als Brünnhilde © Nasser Hashem](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/04/siegfried_pdaniel-kirch-als-siegfried_christiane-kohl-als-bruennhilde__fot-_nasser_hashemineu.jpg)

Theater Chemnitz / Siegfried - hier : Daniel Kirch als Siegfried, Christiane Kohl als Brünnhilde © Nasser Hashem

Das überwiegend von der Rampe Singen erlaubte dem Generalmusikdirektor **Guillermo Garcia Calvo** ein besseres Eingehen auf die Belange der Solisten und ein deutlich differenziertes Musizieren im Orchester. So hervorragend hatten wir die **Robert-Schumann-Philharmonie** bisher nur in ihren Sinfoniekonzerten gehört; eine deutliche Steigerung des Orchesters gegenüber der Rheingold-Bespielung und der folgenden Abende. Buh-Rufe aus mehreren Publikumsbereichen waren soweit unverständlich.

Die Struktur des ***Siegfrieds*** machte es der Regisseurin **Sabine Hartmannshenn** am schwersten, ihren Feminismus auszuleben, kommt doch, wenn man vom **Waldvogel** absieht, bei **Wagner** erst in der Mitte des dritten Aufzugs ein weibliches Wesen auf die Szene. Deshalb ging sie noch vor dem eigentlichen Handlungsbeginn aufs Ganze und ließ den Mime mit unglaublich widerlicher Brutalität den Siegfried-Säugling aus ***Sieglindes*** Unterleib herausschneiden und diese mit einem Tritt sich ihrem Sterben überlassen. Kaum zarter ließ **Hartmannshenn** den ***Alberich*** eine zufällige Waldbewohnerin vergewaltigen, um dem kindlichen Hagen die Machtverhältnisse in der Männerwelt zu demonstrieren. **Hagen** nimmt die Belehrung an und tritt nach der Geschändeten. Dass die Regie dem **Waldvogel,** entzückend von **Guibee Yang** dargestellt, einen breiten visuellen Rahmen gab, war richtig in Ordnung. Aber warum der sympathische Vogel dann jedoch vom Wanderer ohne Anlass brutal ermordet wurde? Müssen wir bei der Regie niedere Instinkte vermuten? Die Personenführung der drei Hauptpartien war ob deren Möglichkeiten wegen der Tiefenstaffelung regelrecht mangelhaft. ***Mime* Arnold Bezuyen** rettete sich mit Extemporieren, ***Siegfried,* Martin Iliev**, bot zwar eine gute Stimme, ist aber(noch) kein Wagnertenor. So musste der Dirigent ihn an die Rampe holen, statt auf der Bühne die kraftvolle **Brünnhilde, Stéphanie Müther** anzuhimmeln. Am Ende des dritten Aufzugs stand der wispernde **Martin Iliev** am linken und die auch körperlich präsente **Stéphanie Müther** am rechten Bühnenrand und der Held wurde ohne Gnade niedergesungen.

***Götterdämmerung* \- Richard Wagner** youtube Trailer des Theater Chemnitz **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Die vergleichbar ähnliche Verteilung der sängerischen Qualitäten zwischen den weiblichen und männlichen Partien in der von **Elisabeth Stöppler** betreuten ***Götterdämmerung*** ließ natürlich böse Vermutungen aufkommen. Die **Gutrune** der **Cornelia Ptassek,** die ***Brünnhilde*** der **Stéphanie Müther** und vor allem die die **Waltraude** der **Anne Schuldt** waren mit guter Stimmkraft angetreten, während ***Siegfried* – Martin Iliev,** der **Gunther** von **Pierre-Yves Pruvot** und vor allem ***Hagen,* Marius Bolos,** eher kläglich agierten. Auch visuell waren die Herren eher ausgeschmiert: ***Waltraute*** reiste mit Fluggerät und fallschirmrepräsentativ an, während sich der Held mit einem Kinderschlitten begnügen musste.

Mit dem zweiten Aufzug offenbart **Elisabeth Stöppler** ihr gesamtes Regietalent und ihr Personen-Führungskönnen und schafft eine imposante Chorszene mit all ihrer Dramatik um dann mit dem Schlussaufzug eine regelrechte Massenhinrichtung sämtlicher Testosteron-Träger zu veranstalten. Als alle Männer tot waren, kann der Selbstverbrennungs-Kanister zur Seite geschafft werden und, nachdem das Kinderschlitten-Symbol verbrannt werden konnte, zieht allgemeine Freude und Zufriedenheit ein. Der Fötus in **Brünnhildes** Gebärmutter ist gerettet und wehe dem Bürschlein, falls es ein Knabe werden sollte!

Nun wissen wir nicht, wie und ob die vier **Regisseurinnen** ihre Konzepte miteinander abgestimmt haben. Letztlich bleibt aber **Richard Wagners** Musik das verbindende Element. Das **Theater Chemnitz** hat bereits mit früheren Projekten seine Kreativität und Fähigkeit bei der Bewältigung anspruchsvoller Projekte bewiesen und dem Ansehen der Stadt Chemnitz gute Dienste geleistet. Das wäre unbedingt zu würdigen.

\---| IOCO Kritik Theater Chemnitz |---