Zürich, Tonhalle Maag, Tonhalle Orchester – Dvorák, Schostakowitsch, IOCO Kritik, 31.01.2019

Januar 31, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Tonhalle Zürich

 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Tonhalle Orchester- Zürich

Antonin Dvorák, Dmitri Schostakowitsch

von Julian Führer

Innerhalb von zwei Wochen präsentierten sich in Zürich drei Dirigenten mit dem Tonhalle Orchester. Juanjo Mena mit Britten und Bruckner, der künftige Chefdirigent Paavo Järvi mit Messiaen, Mozart und Beethoven (IOCO berichtete jeweils), am 23. Januar 2019  Manfred Honeck mit einem Programm aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert.

Programm aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert

Antonin Dvoráks bekanntestes und meistgespieltes Werk ist heute sicherlich die Symphonie Nr. 9 e-Moll mit dem im Laufe der Zeit geläufig gewordenen Titel Aus der Neuen Welt. Der Abend präsentierte jedoch zunächst Ausschnitte aus der Oper Rusalka, die vom Dirigenten Manfred Honeck zu einer Suite zusammengestellt wurden. In Honecks Version übernehmen teilweise Soloinstrumente die Singstimmen (speziell Oboe und Violine). Die ins Phantastische zielende Geschichte von dem verliebten Wasserwesen, der Hexe Ježibaba und der Unmöglichkeit der Liebe zwischen Menschenwelt und Märchenwelt ist von Dvorák zu einer Oper vertont worden, die durchaus gespielt wird, aber die man gern noch häufiger hören würde.

Der Ansatz, sie durch eine solche Suite im Konzertsaal zu etablieren, hat natürlich vieles für sich. Gleichzeitig sitzt das Orchester nun auf dem Podium und nicht in einem Graben, manchmal vermisst man etwas die Bühne. Wie bei jeder Zusammenfassung dieser Art sind die Übergänge heikel – abrupte Wechsel von Stimmungen, Tempi und Tonarten haben oft etwas Gewaltsames. Am problematischsten war an diesem Abend aber einmal mehr der Saal. Das breit aufgestellte Orchester mit einem Respekt einflößenden Bläserapparat spielte präzise (man sah es an den Gesten des Dirigenten und an den Bewegungen der Musiker genau), nur dass das direkt vor einer Holzblende sitzende Blech wie durch eine Klangmuschel verstärkt wirkte. Bei den in der Rusalka-Suite vorkommenden schnellen Läufen auch bei diesen Instrumenten führen dieser verstärkende Effekt und der lange Nachhall dazu, dass das Klangbild ins Diffuse wechselt. Von diesen Problemen bei Fortissimostellen einmal abgesehen, überzeugte das Orchester in diesem ersten Teil mit engagiertem Spiel.

Das erste Cellokonzert Es-Dur op. 107 von Dmitri Schostakowitsch hat sich einen Stammplatz im Konzertrepertoire sichern können. Ursprünglich für Mstislaw Rostropowitsch komponiert und von diesem 1959 zur Uraufführung gebracht, ist es einerseits technisch anspruchsvoll, gleichzeitig aber auch kompositorisch und klanglich reizvoll. Als Solist wählte der erst 1992 geborene Kian Soltani einen sehr zurückhaltenden Einstieg, fast zu leise schien die Einleitung, doch wurde rasch deutlich, dass Dirigent und Solist hier planvoll vorgingen. Manfred Honeck begleitete mit dem Tonhalle Orchester gerade im Kopfsatz erstaunlich leise und stets präzise (etwa bei den Einsätzen der Holzbläser in den ersten Takten).

Dieser Schostakowitsch kam nicht so gepanzert daher wie andere Stücke aus dieser Schaffensperiode, jedenfalls bei manchen Interpretationen. Im ersten Satz ließen auch die Bratschen aufhorchen. Der zweite Satz wurde langsam und besonders elegisch gespielt. Der dritte Satz (die Kadenz) war ein Höhepunkt: die rätselhaften und in manchen Interpretationen etwas eklektisch daherkommenden Pizzicati nahm Kian Soltani als strukturierendes Element mit einem betonten Decrescendo innerhalb ihrer Abfolge. Wie bereits zu Beginn, hörte man im Finalsatz die charakteristische Galligkeit, die Schostakowitsch immer wieder einflicht, wenn seine Musik ins vermeintlich Affirmative übergeht. Der im ersten und letzten Satz intensiv geführte Dialog mit dem Horn wurde, durch die akustischen Verhältnisse nochmals verstärkt, am Schluss dynamisch ins Groteske überhöht. Das Publikum reagierte mit spontanem Jubel insbesondere für den jungen Solisten.

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Als Zugabe präsentierte Kian Soltani eine weitere Facette Schostakowitschs, nämlich den Komponisten von Filmmusik, hier für The Gadfly von 1955. Dieser Aspekt in dem Werk des sowjetischen Komponisten harrt zum Teil noch seiner Wiederentdeckung, denn anders als die Symphonien 1, 5, 7, 8, 9 und 10, die Oper Lady Macbeth von Mzensk oder die Jazzsuiten werden die Filmmusiken selten aufgeführt (eine CD unter Riccardo Chailly präsentiert glücklicherweise einige Ausschnitte, nicht aber die Musik zu The Gadfly). Soltani hat aus Schostakowitschs Filmmusik ein Arrangement hergestellt, das von der Cellogruppe des Tonhalle Orchesters an diesem Abend uraufgeführt wurde. Es wurde deutlich, dass Schostakowitsch quasi auf Bestellung Musikstücke abliefern konnte, sehr gekonnt und sehr effektvoll. Von Soltani selbst wurde in seiner kurzen Präsentation die Frage aufgeworfen, in welchem Teil seines Werkes wir nun den eigentlichen Dmitri Schostakowitsch erkennen können – eine Frage, die offenbleiben muss.

Die 8. Symphonie in G-Dur von Antonin Dvorák wurde nach der Pause präsentiert. Dieses etwa 40 Minuten dauernde Werk ist ganz klassisch in vier Sätze gegliedert. Breit, teils üppig instrumentiert, enthält es gerade im Finalsatz viele tanzartige Partien, so dass man hier auch den Komponisten der Slawischen Tänze erkennt. Streicherfiguren gemahnen an Tschaikowsky, volksliedhafte Passagen an Bedrich Smetana, und die Behandlung der Hörner ist insbesondere im Schlusssatz (mit nach oben gerichteter Mündung und fast vulgären Trillern) gar nicht weit entfernt von Gustav Mahler in seiner ersten Symphonie. Manfred Honeck, der diese Symphonie auswendig dirigierte, und das Orchester schienen hier im Einklang. Eine der Qualitäten des Tonhalle Orchesters, das beeindruckende technische Niveau, kam bei dieser Symphonie zur Geltung. Das Adagio strahlte große Ruhe aus, und das bekannte Allegretto grazioso des dritten Satzes wurde entsprechend der Anlage der Partitur breit ausmusiziert.

Die in sich geschlossene Interpretation traf beim Publikum auf breite Zustimmung. Das Tonhalle Orchester hat im Monat Januar seine große technische Flexibilität unter Beweis gestellt – der Start ins neue Jahr ist gelungen

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich|—

Zürich, Tonhalle Maag, Tonhalle Orchester – Messiaen, Mozart, Beethoven, IOCO Kritik, 30.01.2019

Januar 29, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Tonhalle Zürich

 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Tonhalle Orchester –  Messiaen, Mozart, Beethoven

Paavo Järvi mit dem Tohalle Orchester – Beginn einer neuen Ära

von Julian Führer

Das Tonhalle Orchester hat derzeit keinen Chefdirigenten. Nach der langen Ära David Zinman (1995-2014) und einer eher glücklosen Zeit konnte Paavo Järvi gewonnen werden, der in der Saison 2019/2020 sein Amt antreten wird. In der laufenden Spielzeit ist er schon mehrmals zu Gast, und natürlich werden seine Konzerte mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt und vom Publikum zahlreich besucht. Der Abend des 16. Januar 2019 wird als musikalisches Feuerwerk und als Verheißung einer neuen Ära in Erinnerung bleiben.

 Tonhalle Orchester Zürich / Paavo Järvi © Brescia e Amisano

Tonhalle Orchester Zürich / Paavo Järvi © Brescia e Amisano

Das Programm bestand aus Frühwerken: früher Messiaen, früher Mozart, wieder früher Messiaen und schließlich früher Beethoven. Zunächst Messiaen, Les offrandes oubliées. Dieses Werk von 1930 (Olivier Messiaen war 21 Jahre alt) wurde vom Komponisten mit einem Begleittext versehen. Der tiefen katholischen Spiritualität Messiaens verpflichtet, thematisiert er die Trauer um vergessene Opfergaben religiöser Natur (so zum ersten und letzten Abschnitt unter anderem: „Vous nous aimez, doux Jésus, nous l’avions oublié“).

Unterteilt ist das Werk in drei Teile, wobei der Mittelteil auf heftige Klangballungen setzt, die von eher zarten Klanggemälden gerahmt werden. Der Mischklang wurde auch durch die Sitzordnung transparent gehalten (Celli links, zweite Violinen rechts). Das Schlagwerk wurde vom Dirigenten zu bemerkenswert harten (und sehr präzise ausgeführten) Schlägen animiert. Der starke Nachhall des Ausweichquartiers, in dem das Orchester spielt, wurde zu einem gestalterischen Moment, indem die nach den großen Fortissimi komponierten Pausen gehalten wurden, bis sich der Klang ganz verflüchtigt hatte. Der dritte Teil bewegt sich in Richtung einer ätherischen Klangmeditation. Henryk Górecki, der in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit seiner (bereits 1976 abgeschlossenen) dritten Symphonie einen regelrechten Hit landete, könnte hier Inspiration gefunden haben. Immer höher werden die Töne, immer langsamer geht die Veränderung vonstatten. Ein Stück, das wohl außerhalb des Konzertsaales kaum diese Wirkung entfalten können wird. Das Publikum blieb nach dem Verdämmern der letzten Takte lange still.

Nach den von lauten Ausbrüchen umrahmten Breitwandpianissimi Messiaens hatten es die ersten Takte von Mozarts Violinkonzert Nr. 5 KV 219 in A-Dur nicht ganz einfach. Janine Jansen bot eine sehr engagierte Interpretation dar. Mozarts Witz, aber auch die zwischendurch aufscheinende Verletzlichkeit wurden so erfahrbar, ganz besonders in der Kadenz am Ende des ersten Satzes – und auch wenn Mozarts Adagiosätze später noch mehr Melancholie, ja Trauer transportieren sollten. Im ersten Satz fielen die Mittelstimmen auf, denen mehr Körper zuteilwurde als in anderen Interpretationen. Ständiger Blickkontakt mit Dirigent und Orchester (teilweise auch mit den hinten sitzenden Instrumentengruppen) führten zu einem gelungenen Zusammenspiel, insbesondere mit dem in diesem Konzert privilegiert mit der Violine im Dialog stehenden Horn.

Wolfgang Amadeus Mozart Wien © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart Wien © IOCO

Vom zweiten Satz (Adagio) zum dritten Satz ließ der Dirigent das Horn trotz der eigentlich notierten Achtelpause gewissermaßen hinüberbinden, so dass die obligate Hustenpause zwischen den Sätzen geschickt überblendet wurde. Paavo Järvi beließ es ebenso wie die Solistin nicht bei gefälligem Wohlklang: Der fast schon wilde Mittelteil des Rondeaus (in Form und Anlage der Marche turque aus Mozarts elfter Klaviersonate KV 331 nicht unähnlich mit einem Wechsel des Taktes und von A-Dur zu a-Moll) wurde zusätzlich dadurch verstärkt, dass die Kontrabässe mit ihren Bögen absichtlich auf die Saiten schlugen. Dieses sonst meist störende Klappergeräusch wurde hier gezielt eingesetzt, und so bekam dieser frühe Mozart ein starkes rhythmisches Fundament. Durch häufige Wechsel der Dynamik gewann dieses bekannte und oft gespielte Konzert markante Konturen. Der Schluss des Konzertes geriet fast verspielt, sehr leise.

Janine Jansen blieb nach ihrem Part noch als Zuhörerin und konnte so im Publikum erleben, wie der Gesamteindruck nach der Pause noch einmal überzeugender wurde. Olivier Messiaens Werk Le tombeau resplendissant weist abermals eine Dreiteilung auf (diesmal mit einem eher lauten Teil am Anfang, einem zurückhaltenderen Mittelteil und einer Art Reprise). Das titelgebende glänzende Grabmal ist wohl als Messiaens Jugend zu verstehen, jedenfalls ist das die von Messiaen selbst vorgegebene Auffassung („ma jeunesse est morte: c’est moi qui l’ai tuée“). Die Komposition von 1931 (Messiaen war inzwischen 22 Jahre alt) steht sehr hörbar in der Tradition der symphonischen Dichtung, speziell der französischen Vorläufer Camille Saint-Saëns und César Franck. Es wurde zwischen 1933 und 1984 nicht gespielt und erst in den neunziger Jahren auf CD aufgenommen. Insgesamt sind sowohl Komposition als auch die Umsetzung an diesem Abend sehr viel diesseitiger geraten als bei Les offrandes oubliées vor der Pause. Paavo Järvi entschied sich jetzt dafür, bereits in den noch ausklingenden Nachhall hinein wieder einsetzen zu lassen, doch blieb die Dosierung der Klangmassen überzeugend und wurde nie schwer erträglich. Nach dem letzten Takt abermals lange Stille im wohl ausverkauften Saal, und dies mitten in der Erkältungszeit und nach einem eher unbekannten Werk – Konzentration, die für sich spricht.

Als letztes Werk wurde Beethovens erste Symphonie in C-Dur opus 21 von 1800 gespielt. Gerade mit den Symphonien Beethovens, die als Gesamteinspielung auf CD veröffentlicht wurden, hat der frühere Chefdirigent David Zinman das Tonhalle Orchester international bekannt gemacht, so dass bei Orchester und Publikum gewiss eine besonders hohe Erwartungshaltung herrschte. Zinmans rasche Tempi, die akzentuierten Rhythmen und eine oft sehr präsente Pauke wirkten damals wie ein Weckruf. Das Orchester saß jetzt in großer Besetzung auf dem Podium, Paavo Järvis Interpretation war von Zinmans Ansatz nicht weit entfernt: zügige Tempi, klare Strukturierung, alerter Wechsel zwischen den Stimmen.

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Der Beginn, fast noch wie bei Haydn, ließ schnell ahnen, wie Beethoven neue Ideen in Musik setzte und wie revolutionär dies auf das damalige Publikum gewirkt haben muss. Das heutige Publikum konnte erleben, dass die Wiederholung der Exposition auf einmal neue Mittelstimmen zutage förderte, dass Fagotte aufmüpfig und auftrumpfend klingen können. Paavo Järvi dirigierte auswendig und federnd. Bezeichnend für diesen aufbrausenden Beethoven, für den Dirigenten, aber auch für die Stimmung an diesem Abend zwischen dem Orchester und seinem künftigen Leiter war die Einleitung zum Finalsatz: Die ersten Violinen tasten sich schrittweise nach oben, finden aber zunächst nicht zu einem Thema. Järvi dirigierte diese Stelle humorvoll nur mit unterschiedlich weit hochgezogenen Schultern, zwischendurch noch mit einem gespielt-ratlosen Seitenblick ins Publikum. Das Finalthema, das der Großvater des Rezensenten stets erleichtert und nur halblaut mit „zu Ende, jetzt ist es gleich zu Ende“ begleitete, fegte dann buchstäblich durch die Instrumentengruppen.

Selten wird es nach der Aufführung einer frühen Beethoven-Symphonie in der letzten Zeit solche Begeisterungsstürme gegeben haben wie an diesem Abend. Das Publikum hat den künftigen Chef jetzt schon in sein Herz geschlossen. Bezeichnend auch dies: Beim ersten Applaus signalisierten die Streicher ihre Zustimmung mit lebhafter Bewegung der Bögen. Beim zweiten Applaus blieben die Musiker entgegen der Aufforderung sitzen und trampelten einhellig zu Ehren ihres baldigen Leiters.

Eine neue Ära kündigt sich an – sie könnte golden werden.

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich|—

Zürich, Tonhalle Maag, Tonhalle Orchester – Britten, Bruckner, IOCO Kritik, 16.01.2019

Januar 17, 2019  
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 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Tonhalle Orchester –  Benjamin Britten, Anton Bruckner

Konzert in der Tonhalle Maag  –   9. Januar 2019

Von Julian Führer

Das Tonhalle Orchester startete in Zürich mit einem anspruchsvollen Programm, mit einer guten Bekannten und mit einem Debüt ins neue Jahr. Am Pult stand zum ersten Mal überhaupt der Spanier Juanjo Mena, der bereits auf eine internationale Karriere in Europa und Amerika zurückblicken kann und nun hier seinen Einstand gab. Im ersten Teil des Konzerts gab es anspruchsvolle Kost, nämlich das Violinkonzert op. 15 von Benjamin Britten, das dieser mit nur 25 Jahren schrieb und kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vollendete.

Julia Fischer © Felix Broede

Julia Fischer © Felix Broede

Als Solistin war die glücklicherweise oft in Zürich gastierende Julia Fischer (Foto) zu erleben. Das Konzert beginnt mit einem Paukensignal – eine Reverenz an Beethovens Violinkonzert op. 61 (ebenso wie die Tonart d-Moll neben Beethovens D-Dur)? Der erste Satz (Moderato con moto) lässt das Paukensignal vom Fagott übernehmen und legt eine elegische Phrase des Soloinstruments darüber. Anders als die berühmten Konzerte von Beethoven oder auch Bruch, Mendelssohn, Sibelius oder Korngold bietet Brittens Werk neben großen technischen Schwierigkeiten zwar anspruchsvolle Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks, aber wenig Potential für ein sich begeistert erhebendes Publikum.

Benjamin Britten Gedenkmuschel am Strand seines Heimatortes © IOCO

Benjamin Britten Gedenkmuschel am Strand seines Heimatortes Aldebro © IOCO

Kurze fanfarenartige Einwürfe des Blechs bleiben Episode; die Solopartie besteht in einem intellektuell fordernden Dialog mit dem Orchester. Im zweiten Satz (Vivace) wird das Tempo ebenfalls alsbald zurückgenommen. Klanglich bemerkenswert ist die Koppelung von Kontrabasstuba und Piccoloflöte, als hätte Wagners Fafner (an dessen Motiv im Vorspiel zum zweiten Akt des Siegfried sich Brittens Phrase zu orientieren scheint) einen Dialog mit dem Waldvogel geführt. Die folgende Kadenz nimmt die Fäden dieses musikalischen Vorgangs auf und führt sie weiter, wobei auch das Paukensignal aus dem ersten Satz (dort mit Quarten) erneut begegnet und zu Quinten erweitert wird. Die Kadenz geht in die Passacaglia (Andante lento) des dritten Satzes über, in der zunächst die Violinen und dann die anderen Instrumentengruppen erklingen, bevor die Solovioline kantabel eingreift. Am Ende steht ein sehr leiser (ppp) D-Dur-Akkord des Orchesters (ein letzter Anklang an Beethoven?), während die Violine auf Ges-F trillert. Julia Fischers eleganter, nie dünner Ton passte perfekt zum Konzert, das von einem sehr konzentrierten Publikum mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wurde. Der angesichts der Komposition nicht euphorische, aber sehr nachhaltige Applaus wurde von ihr mit der Zugabe des Capriccio Nr. 2 in h-Moll von Niccolò Paganini erwidert.

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Nach der Pause erklang die 6. Symphonie in A-Dur von Anton Bruckner. In vielem ein ‘typischer’ Bruckner mit einer langsamen Introduktion, einem folgenden massiven Bläsersatz und einem Thema, das im Finale in gesteigerter Form wiederkehrt. Gleichzeitig sah der Komponist in diesem Stück, das er selbst nie vollständig hören sollte, etwas Besonderes und bezeichnete seine Symphonie als „keck“. Juanjo Mena dirigierte das eine Stunde dauernde Werk auswendig und gestaltete die Klangwelten auch gestisch sehr plastisch. Das Orchester war ausgesprochen üppig besetzt: zehn Celli und acht Kontrabässe sorgten für eine breite Grundierung. Das verfolgte Klangideal setzte dabei weniger auf eine zergliedernd-analytische als vielmehr auf eine globale (nicht pauschale!) Sichtweise. Im bei stark instrumentierten Werken nicht immer unproblematischen Ausweichquartier des Tonhalle Orchesters gelang es Mena, eine Balance zu wahren und es nie zu laut werden zu lassen. Den Nachhall des Saales machte er sich für effektvoll gesetzte Pausen zunutze – man hätte meinen können, Bruckner selbst spiele einen Orgelsatz. Das „sehr feierlich“ gehaltene, über 20 Minuten lange Adagio weist Parallelen zum Adagio der 7. Symphonie auf und wurde vom Publikum andächtig verfolgt. Das tiefe E, mit denen Celli und Bässe „nicht zu schnell“ den dritten Satz einleiten, war in der genannten Orchesterbesetzung beeindruckend, zumal nicht nur breit, sondern auch sehr präzise gespielt wurde. Im Finalsatz („bewegt, doch nicht zu schnell“) wird das Hauptmotiv aus Isoldes „Liebestod“ zitiert – Bruckners Wagnerverehrung ist bekannt. Orchester und Dirigent harmonierten hörbar gut, und so gelang eine rundum überzeugende Interpretation dieser nicht sehr häufig gespielten Symphonie.

Eine beeindruckend geschlossene Ensembleleistung, ein sehr überzeugendes Debüt und ein Wiedersehen mit einer großen Künstlerin als Solistin, dazu ein Publikum, das bis zum Ende aufmerksam bleibt: Der Konzertgänger verlässt das Haus beglückt und dankbar.

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich|—

Zürich, Tonhalle Maag, Tonhalle Orchester – Mendelssohn, Mahler, IOCO Kritik, 06.07.2018

 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Tonhalle-Orchester Zürich:   Mendelssohn – Mahler

– Julia Fischer: Stupende Technik – Berückende Klarheit –

Von Julian Führer

Zum Abschluss der Saison 2018/2019 bot das Tonhalle-Orchester in Maag klangvolle Namen auf: Herbert Blomstedt als Dirigent, Julia Fischer als Solistin, auf dem Programm Werke von Felix Mendelssohn und Gustav Mahler. Beide Künstler-persönlichkeiten sind dem Orchester seit langer Zeit verbunden.

Vor der Pause spielte Julia Fischer das Violinkonzert e-Moll op. 64 von Mendelssohn. Dieses Stück, eines der Glanzstücke der Violinliteratur und aus dem deutschen Bereich des 19. Jahrhunderts sicherlich auf einer Stufe mit den Konzerten Beethovens, Bruchs und Brahms‘, setzt Allegro molto appassionato ein, ohne gleichwohl übermäßig dramatisch zu sein. Die Streicher spielen Begleitfiguren, das Soloinstrument setzt gleich im zweiten Takt mit dem Hauptthema des ersten Satzes ein. Bemerkenswert ist, dass die Kadenz im ersten Satz bereits vor der Reprise gespielt wird.

Felix Mendelssohn-Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn-Bartholdy © IOCO

Herbert Blomstedt schlug ein eher zügiges Tempo ein, das aber niemals gehetzt wirkte. Julia Fischer ihrerseits konnte ihre stupende Technik zur Geltung bringen. Die technischen Hürden des Konzerts meisterte sie spielend. Was ihr Spiel so einzigartig macht, ist allerdings ihr besonderer Ton, den man als breit intoniert und gleichzeitig singend beschreiben könnte. Die Intonation selbst eines C4 im Mittelsatz war von berückender Klarheit, dass man unwillkürlich an Goethes Faust dachte: Verweile doch, du bist so schön! Überhaupt waren im Konzert die überleitenden Passagen von erlesenster Eleganz (beispielsweise die Fermate des ersten Fagotts, die den pausenlosen Übergang in den Andante-Mittelsatz gestaltet). Stets blieb der Eindruck eines ganz natürlichen Fließens, eine Ahnung reiner, absoluter Schönheit, kurzum: eine Sternstunde dieser Saison, an der nichts gekünstelt war. Bei den Tutti – dies sei gesondert vermerkt – blieb das Orchester in der Dynamik stets elegant und auch präzise, so dass die Grenzen, die der Saal der Tonhalle Maag setzt, stets respektiert blieben. Das enthusiastische Publikum wurde von Julia Fischer mit Paganinis Caprice Nr. 17 in Es-Dur belohnt.Breit intoniert

Von einem ganz anderen Format, was die Orchestrierung angeht, ist die erste Symphonie in D-Dur von Gustav Mahler. Konzipiert seit 1884, als Mahler gerade einmal 24 Jahre alt war, wurde die Symphonie im Jahr 1888 vollendet und 1889 uraufgeführt – damit kurz nach der 4. Symphonie von Johannes Brahms, wenige Jahre nach dem Tod Richard Wagners (Mahler experimentierte in seiner Jugend auch mit Opernkompositionen) und kurz nach dem Tod Franz Liszts, der die Gattung der symphonischen Dichtung vorangebracht hatte. Mahler soll gezögert haben, ob er sein Werk eine Symphonie oder eine symphonische Dichtung nennen sollte; er experimentierte auch mit Programmen für die einzelnen Sätze, die auf Jean Pauls Titan verwiesen. Schließlich entschloss er sich, den zweiten Satz (Andante) fortzulassen, ebenso das Programm, und brachte es als erste Symphonie heraus. Zu dieser Zeit komponierte Anton Bruckner an seiner siebten und achten Symphonie, und der junge Richard Strauss arbeitete an seinen ersten symphonischen Dichtungen (Don Juan, Tod und Verklärung). Mahler sollte die Gattung der Symphonie auf völlig neue Wege führen.

Von der Gliederung her stellt sich das Werk als viersätzige Symphonie dar, die nach einer längeren Introduktion ein Thema präsentiert und dieses dann weiterentwickelt. Doch ist die Symphonie auch auf der formalen Ebene sehr viel elaborierter. Zu einem von allen Streichern gehaltenen A kommen „langsam, schleppend, wie ein Naturlaut“ in halben Noten fallende Quarten im Holz, alsbald Fanfarensignale in den Klarinetten, später auch in entfernt aufgestellten Trompeten. Kürzere Noten (erste Klarinette) nehmen die fallende Quart auf („Den Ruf eines Kuckuck nachzuahmen“, notierte Mahler in der Partitur) – der Kuckucksruf ist bei Beethoven, Humperdinck und beim Kuckuck selbst eigentlich eine große Terz, die Weiterung zur Quart verlässt hiermit die reine Naturschilderung. Eine diffus bedrohliche Grundstimmung legte sich in den Saal, eine aufregende Umsetzung der Einleitungstakte, die in der Breite der Töne und Klangfarben keine Aufnahme jemals wiedergeben können wird. Mahler wechselt zwischen dieser Grundstimmung, derben Momenten, musikalischen Gewaltausbrüchen und schierer Zirkusmusik (ein Stilmittel, das der Mahler verehrende Dmitri Schostakowitsch immer wieder einsetzen sollte). Schwungvolle Hörner im ersten Satz ließen vermuten, dass Engelbert Humperdinck für den Knusperwalzer aus Hänsel und Gretel in Mahlers Schule gegangen sein könnte.

Die Quarten sind auch im zweiten Satz („kräftig bewegt, doch nicht zu schnell“) ein wesentlicher Antrieb für die symphonische Dramatik. Mahler zitiert Ländlermusik, entwickelt sie weiter und lässt (bei Ziffer 11) Streicherfiguren anklingen, die im zweiten Akt von Wagners Walküre nichts Gutes verhießen… Bei den Forderungen Mahlers an die Dynamik des Orchesters wurden hier die Grenzen des Saales hörbar: Man sah die Musiker präzise spielen, das Klangbild war stellenweise weniger deutlich. Auch im dritten Satz („Feierlich und gemessen, ohne zu schleppen“), hier eher zügig intoniert, zeigte sich dieses akustische Problem im Kanonsatz, obwohl hier die Lautstärke gar nicht so erheblich ist. In d-Moll wird das Lied Frère Jacques zitiert und über 38 sehr getragene Takte hinweg durch die Instrumentengruppen geführt; die Melodie wird zunächst von einem einzigen Kontrabass getragen. In der Reprise des Themas erklingt sie zunächst in es-Moll, einer im Verständnis des ausgehenden 19. Jahrhunderts einerseits unnatürlichen und andererseits sehr stark mit dem Tod konnotierten Tonart.

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Das Finale der ersten Symphonie ist bei weitem der umfassendste Satz. Die fallenden Quarten kehren auch hier wieder. Der von Mahler selbst so genannte Hymnus bricht sich Bahn und zitiert Kadenzen, Kirchenmusik und vielleicht auch die Gralsglocken des Parsifal. Die Themen aus den vorangegangenen Sätzen werden wie Reminiszenzen wieder aufgenommen, die Musik scheint zeitweilig fast verzweifelt einen Ausweg zu suchen (vgl. die bei Ziffer 46 in den Bratschen erscheinende Figur, die Ludwig van Beethoven im dritten Satz der „Appassionata“ op. 57 in einer ähnlichen Situation bereits verwendet hatte. Umgesetzt wurde all dies vom Tonhalle-Orchester und seinem Dirigenten mustergültig, gleichzeitig unter genauester Beachtung der Partiturvorschriften. Die sieben Hörner standen im Finale zeitweilig auf, um die von Mahler geforderte „möglichst grösste Schallkraft zu erzielen“. Auch wenn der Saal manches bei den großen Ausbrüchen geschluckt oder zu breit verteilt hat, war allein der optische Eindruck beeindruckend, das akustische Erlebnis allemal ebenfalls. Herbert Blomstedt, der ohne überflüssige große Gesten und gleichzeitig sehr plastisch dirigierte, und das Orchester erhielten großen und verdienten Applaus.

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich|—

 

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