Zürich, Opernhaus Zürich, Premiere Manon – Piotr Beczala, 07.04.2019

März 22, 2019  
Veröffentlicht unter Oper, Opernhaus Zürich, Premieren, Pressemeldung

Opernhaus Zürich

Opernhaus Zürich © Dominic Büttner

Opernhaus Zürich © Dominic Büttner

  Manon – Jules Massenet
So, 07. April 2019, 19 Uhr

Die nächste Premiere des Opernhaus Zürich wartet am 7. April 2019 mit einer Traumbesetzung auf. In der Neuproduktion von Jules Massenets Manon, die seit über 30 Jahren nicht mehr in Zürich zu sehen war, feiert der Shootingstar Elsa Dreisig ihr Rollendebüt in der Titelpartie. Manons Liebhaber Des Grieux, wird von Piotr Beczala verkörpert. Marco Armiliato leitet die Philharmonia Zürich. Für die Inszenierung zeichnet der holländische Regisseur Floris Visser verantwortlich.

Die Geschichte dreht sich um den Aufstieg und Fall der jungen Manon: von Kopf bis Fuss auf Liebe und Luxus eingestellt, versucht sie für sich ein besseres Leben zu erreichen. Bei dem Versuch geht sie am Ende doch zu Grunde.

Einführungsmatinee i : Am Sonntag, 24. März um 11.15 Uhr im Bernhard Theater. Das Produktionsteam um Regisseur Floris Visser sowie die Solisten Elsa Dreisig und Piotr Beczala geben im Gespräch mit Dramaturgin Kathrin Brunner Auskunft über ihre Arbeit an Massenets Oper.


Am 7. April 2019 feiern wir die Premiere unserer Neuproduktion von Massenets Oper Manon in der Inszenierung von Floris Visser und mit Elsa Dreisig und Piotr Beczala in den Hauptpartien. Unheilvolle Liebe erleben Sie auch im Geistermärchen Giselle, getanzt vom Ballett Zürich ab dem 11. April. Sie wollten schon immer einmal wissen, wie das Leben eines Spitzenschuhs aussieht? Wir verraten es Ihnen in der neuesten Episode von Was Sie schon immer über das Opernhaus wissen wollten, aber nie zu fragen wagten. Als Mrs. Lovett war Angelika Kirchschlager im Dezember in Sweeney Todd zu erleben; am 1. April zeigt sie sich mit einem Liederabend wieder von einer anderen Seite. In unserer Konzertreihe spielt das Orchestra La Scintilla unter Riccardo Minasi die berühmten Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi und vier weniger bekannte «Jahreszeiten» von Giuseppe Verdi. Und am 27. April begrüssen wir das Gastspiel Eine Frau, die weiss, was sie will! aus der Komischen Oper Berlin auf unserer Bühne.


Manon
Oper in fünf Akten und sechs Bildern von Jules Massenet (1842-1912)
Libretto von Henri Meilhac und Philippe Gille
nach einer Vorlage von Abbé Prévost

Musikalische Leitung Marco Armiliato Inszenierung Floris Visser Bühnenbild und Kostüme Dieuweke van Reij Choreografie Pim Veulings Lichtgestaltung Alex Brok Choreinstudierung Ernst Raffelsberger Dramaturgie Kathrin Brunner

Manon Lescaut : Elsa Dreisig
Le Chevalier des Grieux : Piotr Beczala
Lescaut : Yuriy Yurchuk
Le Comte des Grieux : Alastair Miles
Guillot de Morfontaine : Eric Huchet
De Brétigny : Marc Scoffoni
Poussette : Yuliia Zasimova
Javotte : Natalia Tanasii
Rosette : Deniz Uzun
L’Hôtelier : Cheyne Davidson
Deux Gardes : Jamez McCorkle , Omer Kobiljak
Le Portier du Séminaire, Un Sergent : Henri Bernard Guizirian
La Servante : Caroline Fuss
Premier Joueur : Omer Kobiljak
Deuxième Joueur : Juan Etchepareborda
Tänzer : Tänzerinnen und Tänzer
Philharmonia Zürich
Chor der Oper Zürich
Statistenverein am Opernhaus Zürich

—| Pressemeldung Oper Zürich |—

Zürich, Tonhalle Maag, Tonhalle Orchester – Dvorák, Schostakowitsch, IOCO Kritik, 31.01.2019

Januar 31, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Tonhalle Zürich

 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Tonhalle Orchester- Zürich

Antonin Dvorák, Dmitri Schostakowitsch

von Julian Führer

Innerhalb von zwei Wochen präsentierten sich in Zürich drei Dirigenten mit dem Tonhalle Orchester. Juanjo Mena mit Britten und Bruckner, der künftige Chefdirigent Paavo Järvi mit Messiaen, Mozart und Beethoven (IOCO berichtete jeweils), am 23. Januar 2019  Manfred Honeck mit einem Programm aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert.

Programm aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert

Antonin Dvoráks bekanntestes und meistgespieltes Werk ist heute sicherlich die Symphonie Nr. 9 e-Moll mit dem im Laufe der Zeit geläufig gewordenen Titel Aus der Neuen Welt. Der Abend präsentierte jedoch zunächst Ausschnitte aus der Oper Rusalka, die vom Dirigenten Manfred Honeck zu einer Suite zusammengestellt wurden. In Honecks Version übernehmen teilweise Soloinstrumente die Singstimmen (speziell Oboe und Violine). Die ins Phantastische zielende Geschichte von dem verliebten Wasserwesen, der Hexe Ježibaba und der Unmöglichkeit der Liebe zwischen Menschenwelt und Märchenwelt ist von Dvorák zu einer Oper vertont worden, die durchaus gespielt wird, aber die man gern noch häufiger hören würde.

Der Ansatz, sie durch eine solche Suite im Konzertsaal zu etablieren, hat natürlich vieles für sich. Gleichzeitig sitzt das Orchester nun auf dem Podium und nicht in einem Graben, manchmal vermisst man etwas die Bühne. Wie bei jeder Zusammenfassung dieser Art sind die Übergänge heikel – abrupte Wechsel von Stimmungen, Tempi und Tonarten haben oft etwas Gewaltsames. Am problematischsten war an diesem Abend aber einmal mehr der Saal. Das breit aufgestellte Orchester mit einem Respekt einflößenden Bläserapparat spielte präzise (man sah es an den Gesten des Dirigenten und an den Bewegungen der Musiker genau), nur dass das direkt vor einer Holzblende sitzende Blech wie durch eine Klangmuschel verstärkt wirkte. Bei den in der Rusalka-Suite vorkommenden schnellen Läufen auch bei diesen Instrumenten führen dieser verstärkende Effekt und der lange Nachhall dazu, dass das Klangbild ins Diffuse wechselt. Von diesen Problemen bei Fortissimostellen einmal abgesehen, überzeugte das Orchester in diesem ersten Teil mit engagiertem Spiel.

Das erste Cellokonzert Es-Dur op. 107 von Dmitri Schostakowitsch hat sich einen Stammplatz im Konzertrepertoire sichern können. Ursprünglich für Mstislaw Rostropowitsch komponiert und von diesem 1959 zur Uraufführung gebracht, ist es einerseits technisch anspruchsvoll, gleichzeitig aber auch kompositorisch und klanglich reizvoll. Als Solist wählte der erst 1992 geborene Kian Soltani einen sehr zurückhaltenden Einstieg, fast zu leise schien die Einleitung, doch wurde rasch deutlich, dass Dirigent und Solist hier planvoll vorgingen. Manfred Honeck begleitete mit dem Tonhalle Orchester gerade im Kopfsatz erstaunlich leise und stets präzise (etwa bei den Einsätzen der Holzbläser in den ersten Takten).

Dieser Schostakowitsch kam nicht so gepanzert daher wie andere Stücke aus dieser Schaffensperiode, jedenfalls bei manchen Interpretationen. Im ersten Satz ließen auch die Bratschen aufhorchen. Der zweite Satz wurde langsam und besonders elegisch gespielt. Der dritte Satz (die Kadenz) war ein Höhepunkt: die rätselhaften und in manchen Interpretationen etwas eklektisch daherkommenden Pizzicati nahm Kian Soltani als strukturierendes Element mit einem betonten Decrescendo innerhalb ihrer Abfolge. Wie bereits zu Beginn, hörte man im Finalsatz die charakteristische Galligkeit, die Schostakowitsch immer wieder einflicht, wenn seine Musik ins vermeintlich Affirmative übergeht. Der im ersten und letzten Satz intensiv geführte Dialog mit dem Horn wurde, durch die akustischen Verhältnisse nochmals verstärkt, am Schluss dynamisch ins Groteske überhöht. Das Publikum reagierte mit spontanem Jubel insbesondere für den jungen Solisten.

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Als Zugabe präsentierte Kian Soltani eine weitere Facette Schostakowitschs, nämlich den Komponisten von Filmmusik, hier für The Gadfly von 1955. Dieser Aspekt in dem Werk des sowjetischen Komponisten harrt zum Teil noch seiner Wiederentdeckung, denn anders als die Symphonien 1, 5, 7, 8, 9 und 10, die Oper Lady Macbeth von Mzensk oder die Jazzsuiten werden die Filmmusiken selten aufgeführt (eine CD unter Riccardo Chailly präsentiert glücklicherweise einige Ausschnitte, nicht aber die Musik zu The Gadfly). Soltani hat aus Schostakowitschs Filmmusik ein Arrangement hergestellt, das von der Cellogruppe des Tonhalle Orchesters an diesem Abend uraufgeführt wurde. Es wurde deutlich, dass Schostakowitsch quasi auf Bestellung Musikstücke abliefern konnte, sehr gekonnt und sehr effektvoll. Von Soltani selbst wurde in seiner kurzen Präsentation die Frage aufgeworfen, in welchem Teil seines Werkes wir nun den eigentlichen Dmitri Schostakowitsch erkennen können – eine Frage, die offenbleiben muss.

Die 8. Symphonie in G-Dur von Antonin Dvorák wurde nach der Pause präsentiert. Dieses etwa 40 Minuten dauernde Werk ist ganz klassisch in vier Sätze gegliedert. Breit, teils üppig instrumentiert, enthält es gerade im Finalsatz viele tanzartige Partien, so dass man hier auch den Komponisten der Slawischen Tänze erkennt. Streicherfiguren gemahnen an Tschaikowsky, volksliedhafte Passagen an Bedrich Smetana, und die Behandlung der Hörner ist insbesondere im Schlusssatz (mit nach oben gerichteter Mündung und fast vulgären Trillern) gar nicht weit entfernt von Gustav Mahler in seiner ersten Symphonie. Manfred Honeck, der diese Symphonie auswendig dirigierte, und das Orchester schienen hier im Einklang. Eine der Qualitäten des Tonhalle Orchesters, das beeindruckende technische Niveau, kam bei dieser Symphonie zur Geltung. Das Adagio strahlte große Ruhe aus, und das bekannte Allegretto grazioso des dritten Satzes wurde entsprechend der Anlage der Partitur breit ausmusiziert.

Die in sich geschlossene Interpretation traf beim Publikum auf breite Zustimmung. Das Tonhalle Orchester hat im Monat Januar seine große technische Flexibilität unter Beweis gestellt – der Start ins neue Jahr ist gelungen

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich|—

Zürich, Tonhalle Maag, Tonhalle Orchester – Messiaen, Mozart, Beethoven, IOCO Kritik, 30.01.2019

Januar 29, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Tonhalle Zürich

 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Tonhalle Orchester –  Messiaen, Mozart, Beethoven

Paavo Järvi mit dem Tohalle Orchester – Beginn einer neuen Ära

von Julian Führer

Das Tonhalle Orchester hat derzeit keinen Chefdirigenten. Nach der langen Ära David Zinman (1995-2014) und einer eher glücklosen Zeit konnte Paavo Järvi gewonnen werden, der in der Saison 2019/2020 sein Amt antreten wird. In der laufenden Spielzeit ist er schon mehrmals zu Gast, und natürlich werden seine Konzerte mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt und vom Publikum zahlreich besucht. Der Abend des 16. Januar 2019 wird als musikalisches Feuerwerk und als Verheißung einer neuen Ära in Erinnerung bleiben.

 Tonhalle Orchester Zürich / Paavo Järvi © Brescia e Amisano

Tonhalle Orchester Zürich / Paavo Järvi © Brescia e Amisano

Das Programm bestand aus Frühwerken: früher Messiaen, früher Mozart, wieder früher Messiaen und schließlich früher Beethoven. Zunächst Messiaen, Les offrandes oubliées. Dieses Werk von 1930 (Olivier Messiaen war 21 Jahre alt) wurde vom Komponisten mit einem Begleittext versehen. Der tiefen katholischen Spiritualität Messiaens verpflichtet, thematisiert er die Trauer um vergessene Opfergaben religiöser Natur (so zum ersten und letzten Abschnitt unter anderem: „Vous nous aimez, doux Jésus, nous l’avions oublié“).

Unterteilt ist das Werk in drei Teile, wobei der Mittelteil auf heftige Klangballungen setzt, die von eher zarten Klanggemälden gerahmt werden. Der Mischklang wurde auch durch die Sitzordnung transparent gehalten (Celli links, zweite Violinen rechts). Das Schlagwerk wurde vom Dirigenten zu bemerkenswert harten (und sehr präzise ausgeführten) Schlägen animiert. Der starke Nachhall des Ausweichquartiers, in dem das Orchester spielt, wurde zu einem gestalterischen Moment, indem die nach den großen Fortissimi komponierten Pausen gehalten wurden, bis sich der Klang ganz verflüchtigt hatte. Der dritte Teil bewegt sich in Richtung einer ätherischen Klangmeditation. Henryk Górecki, der in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit seiner (bereits 1976 abgeschlossenen) dritten Symphonie einen regelrechten Hit landete, könnte hier Inspiration gefunden haben. Immer höher werden die Töne, immer langsamer geht die Veränderung vonstatten. Ein Stück, das wohl außerhalb des Konzertsaales kaum diese Wirkung entfalten können wird. Das Publikum blieb nach dem Verdämmern der letzten Takte lange still.

Nach den von lauten Ausbrüchen umrahmten Breitwandpianissimi Messiaens hatten es die ersten Takte von Mozarts Violinkonzert Nr. 5 KV 219 in A-Dur nicht ganz einfach. Janine Jansen bot eine sehr engagierte Interpretation dar. Mozarts Witz, aber auch die zwischendurch aufscheinende Verletzlichkeit wurden so erfahrbar, ganz besonders in der Kadenz am Ende des ersten Satzes – und auch wenn Mozarts Adagiosätze später noch mehr Melancholie, ja Trauer transportieren sollten. Im ersten Satz fielen die Mittelstimmen auf, denen mehr Körper zuteilwurde als in anderen Interpretationen. Ständiger Blickkontakt mit Dirigent und Orchester (teilweise auch mit den hinten sitzenden Instrumentengruppen) führten zu einem gelungenen Zusammenspiel, insbesondere mit dem in diesem Konzert privilegiert mit der Violine im Dialog stehenden Horn.

Wolfgang Amadeus Mozart Wien © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart Wien © IOCO

Vom zweiten Satz (Adagio) zum dritten Satz ließ der Dirigent das Horn trotz der eigentlich notierten Achtelpause gewissermaßen hinüberbinden, so dass die obligate Hustenpause zwischen den Sätzen geschickt überblendet wurde. Paavo Järvi beließ es ebenso wie die Solistin nicht bei gefälligem Wohlklang: Der fast schon wilde Mittelteil des Rondeaus (in Form und Anlage der Marche turque aus Mozarts elfter Klaviersonate KV 331 nicht unähnlich mit einem Wechsel des Taktes und von A-Dur zu a-Moll) wurde zusätzlich dadurch verstärkt, dass die Kontrabässe mit ihren Bögen absichtlich auf die Saiten schlugen. Dieses sonst meist störende Klappergeräusch wurde hier gezielt eingesetzt, und so bekam dieser frühe Mozart ein starkes rhythmisches Fundament. Durch häufige Wechsel der Dynamik gewann dieses bekannte und oft gespielte Konzert markante Konturen. Der Schluss des Konzertes geriet fast verspielt, sehr leise.

Janine Jansen blieb nach ihrem Part noch als Zuhörerin und konnte so im Publikum erleben, wie der Gesamteindruck nach der Pause noch einmal überzeugender wurde. Olivier Messiaens Werk Le tombeau resplendissant weist abermals eine Dreiteilung auf (diesmal mit einem eher lauten Teil am Anfang, einem zurückhaltenderen Mittelteil und einer Art Reprise). Das titelgebende glänzende Grabmal ist wohl als Messiaens Jugend zu verstehen, jedenfalls ist das die von Messiaen selbst vorgegebene Auffassung („ma jeunesse est morte: c’est moi qui l’ai tuée“). Die Komposition von 1931 (Messiaen war inzwischen 22 Jahre alt) steht sehr hörbar in der Tradition der symphonischen Dichtung, speziell der französischen Vorläufer Camille Saint-Saëns und César Franck. Es wurde zwischen 1933 und 1984 nicht gespielt und erst in den neunziger Jahren auf CD aufgenommen. Insgesamt sind sowohl Komposition als auch die Umsetzung an diesem Abend sehr viel diesseitiger geraten als bei Les offrandes oubliées vor der Pause. Paavo Järvi entschied sich jetzt dafür, bereits in den noch ausklingenden Nachhall hinein wieder einsetzen zu lassen, doch blieb die Dosierung der Klangmassen überzeugend und wurde nie schwer erträglich. Nach dem letzten Takt abermals lange Stille im wohl ausverkauften Saal, und dies mitten in der Erkältungszeit und nach einem eher unbekannten Werk – Konzentration, die für sich spricht.

Als letztes Werk wurde Beethovens erste Symphonie in C-Dur opus 21 von 1800 gespielt. Gerade mit den Symphonien Beethovens, die als Gesamteinspielung auf CD veröffentlicht wurden, hat der frühere Chefdirigent David Zinman das Tonhalle Orchester international bekannt gemacht, so dass bei Orchester und Publikum gewiss eine besonders hohe Erwartungshaltung herrschte. Zinmans rasche Tempi, die akzentuierten Rhythmen und eine oft sehr präsente Pauke wirkten damals wie ein Weckruf. Das Orchester saß jetzt in großer Besetzung auf dem Podium, Paavo Järvis Interpretation war von Zinmans Ansatz nicht weit entfernt: zügige Tempi, klare Strukturierung, alerter Wechsel zwischen den Stimmen.

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Der Beginn, fast noch wie bei Haydn, ließ schnell ahnen, wie Beethoven neue Ideen in Musik setzte und wie revolutionär dies auf das damalige Publikum gewirkt haben muss. Das heutige Publikum konnte erleben, dass die Wiederholung der Exposition auf einmal neue Mittelstimmen zutage förderte, dass Fagotte aufmüpfig und auftrumpfend klingen können. Paavo Järvi dirigierte auswendig und federnd. Bezeichnend für diesen aufbrausenden Beethoven, für den Dirigenten, aber auch für die Stimmung an diesem Abend zwischen dem Orchester und seinem künftigen Leiter war die Einleitung zum Finalsatz: Die ersten Violinen tasten sich schrittweise nach oben, finden aber zunächst nicht zu einem Thema. Järvi dirigierte diese Stelle humorvoll nur mit unterschiedlich weit hochgezogenen Schultern, zwischendurch noch mit einem gespielt-ratlosen Seitenblick ins Publikum. Das Finalthema, das der Großvater des Rezensenten stets erleichtert und nur halblaut mit „zu Ende, jetzt ist es gleich zu Ende“ begleitete, fegte dann buchstäblich durch die Instrumentengruppen.

Selten wird es nach der Aufführung einer frühen Beethoven-Symphonie in der letzten Zeit solche Begeisterungsstürme gegeben haben wie an diesem Abend. Das Publikum hat den künftigen Chef jetzt schon in sein Herz geschlossen. Bezeichnend auch dies: Beim ersten Applaus signalisierten die Streicher ihre Zustimmung mit lebhafter Bewegung der Bögen. Beim zweiten Applaus blieben die Musiker entgegen der Aufforderung sitzen und trampelten einhellig zu Ehren ihres baldigen Leiters.

Eine neue Ära kündigt sich an – sie könnte golden werden.

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich|—

Zürich, ZKO Opera Box, Don Procopio – Georges Bizet, IOCO Kritik, 25.01.2019,

Zürcher Kammerorchester Theater © Zürcher Kammerorchester

Zürcher Kammerorchester Theater © Zürcher Kammerorchester

ZKO – Züricher Kammerorchester

Don Procopio  –  Georges Bizet

– Ein Omelett als musikalische Dreingabe –

von Julian Führer

Georges Bizet Paris © IOCO

Georges Bizet Paris © IOCO

Georges Bizet? Natürlich, der Komponist der Carmen! Vielleicht verbinden manche mit diesem Namen noch die Perlenfischer (Les pêcheurs de perles) oder auch La jolie fille de Perth – aber wer weiß schon, dass Bizet, der keine vierzig Jahre alt wurde, mehr als ein Dutzend Opern und Operetten komponiert hat? Eines seiner frühesten Werke nennt sich Don Procopio. Einmal im Jahr bringt das Zürcher Kammerorchester in seinem Stammhaus (Foto oben, ein ehemaliges Starkstromlabor am Stadtrand Zürichs) im Rahmen der Opera Box auch Musiktheater auf die Bühne. Die räumlichen Verhältnisse bringen es mit sich, dass das Publikum sehr dicht an der Bühne sitzt (und das Orchester sich am Rand befindet). In Zürich, soviel sei von Anfang an verraten, wurde ein musikalischer Leckerbissen serviert.

Worum geht es? Eine junge Frau soll einen alten Mann heiraten, weil ihr Stiefvater diese Ehe aus finanziellen Gründen arrangiert hat. Natürlich will sie diese Ehe nicht, denn sie ist ebenso natürlich in einen feschen jungen Mann verliebt. Was tun? Es wird intrigiert, die schlaue Frau geht zum Schein auf den Handel ein, bedrängt aber ihren Herrn Zukünftigen und malt ihm in leuchtenden Farben aus, wie sie sein Geld durchbringen wird. Am Ende fügt sich alles, und es darf geheiratet werden, aber nur zwischen den jungen Liebenden. Klingt bekannt? In der Tat – der Stoff kombiniert Versatzstücke der Opera buffa, und Gaetano Donizetti hat mit dem 1843 uraufgeführten Don Pasquale ein höchst verwandtes Sujet vertont. Was bewog Bizet, ein so sehr ähnlich gelagertes Stück zu in Musik zu setzen?

ZKO Opera Box / Don Procopio © Thomas Entzeroth

ZKO Opera Box / Don Procopio © Thomas Entzeroth

Bizet befand sich Mitte der 1850er Jahre als zwanzigjähriger Stipendiat, der früh die Aufmerksamkeit Jacques Offenbachs auf sich gezogen hatte, in Rom mit dem Auftrag, eine Messe zu komponieren. Das Ergebnis war dann doch eine im italienischen Stil geschriebene und italienisch gesungene Buffo-Oper, für die er sich an den italienischen Meistern seiner Zeit, darunter Gioacchino Rossini und eben Donizetti, orientierte. Bizet war noch sehr jung und lehnte sich stark an seine Vorbilder an, aber fand doch auch schon zu einer eigenen Klangsprache. Erhalten ist uns eine Stunde Musik, die von Charles Malherbe für die Uraufführung 1906 erweitert wurde. In Zürich gab es Bizet mit den Erweiterungen Malherbes und mit einer delikaten Zugabe.

Der Bühnenraum, unmittelbar an die erste Parkettreihe grenzend, bietet wenig mehr als eine Couchgarnitur, die stilistisch in die Zeit um 1900 weist, und, etwas erhöht, eine Anrichte (Bühne: Myriam Kirschke). Dies genügt aber schon, die schnellen Auf- und Abgänge zu arrangieren. Die Übergänge zwischen den einzelnen musikalischen Passagen werden von einem Conférencier (Samuel C. Zinsli) zusammengefasst (eine Übertitelung hat die Opera Box nicht). Die Regie lag bei Paul Suter, der das komische Potential des Buffo-Stoffes voll ausschöpfte. Auch ein Stück, das aufgrund seiner Handlung und seiner perlenden Musik ein Selbstläufer sein könnte, benötigt ein gekonntes Arrangement, damit das Timing der Partitur ihr Pendant auf der Bühnenfläche hat.

Von Suter angeleitet, hatten die einzelnen Charaktere Gelegenheit, ihre Figuren zu präsentieren. Jeanne-Pascale Künzli war Donna Eufemia, die zweite Ehefrau des Stiefvaters Don Andronico (Martin Weidmann). Beide zeigten viel komödiantisches Talent und sehr ansprechende Stimmen. Donna Eufemia (wörtlich: die Dinge auf schöne Weise Sagende!) war vor allem damit beschäftigt, ihrem Ehemann diverse Szenen zu machen; insgeheim war sie stets auf der Seite der Stieftochter Bettina, die von Christa Fleischmann dargestellt wurde. Bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt war die Stiefmutter noch deutlich lauter und schärfer timbriert als die Stieftochter (durchaus zu den Rollen passend), alsbald hatten sie aber zu stimmlicher Balance gefunden.

ZKO Opera Box / Don Procopio © Thomas Entzeroth

ZKO Opera Box / Don Procopio © Thomas Entzeroth

Die Partie der Bettina hat Bizet nicht leicht komponiert, teilweise geht es sehr schnell, dann weit nach oben, dann wieder nach unten. Nicht jede Sängerin wäre dieser Partie so gewachsen. Bettina hat noch einen Bruder, der die Intrige wesentlich vorantreibt: Ernesto, hier von Bojidar Vassilev stimmlich souverän und manchmal bewusst leicht schmierig dargestellt. Um Don Procopio zur Flucht zu bringen, droht er sogar mit einem Duell; man ahnt, welche musikalischen Möglichkeiten die Partitur hier birgt. Und Don Procopio selbst? Er wird vom operettenerfahrenen Erich Bieri verkörpert, der die Partie stimmlich wie szenisch voll und ganz ausfüllt und dem man mit viel Vergnügen zusieht, wie er etwas tölpelhaft in die Intrige hineinstolpert, die Ernesto zugunsten von Bettina gewoben hat. Bei den Hauptrollen fehlt nur noch der jugendliche Liebhaber der Bettina, Odoardo. Luca Bernard, der soeben erst als Student seinen Master absolviert hat, sieht jugendlich aus, hört sich jugendlich an und ist auch fast noch jugendlich. Seine Tenorstimme ist schlicht schön, technisch auf der Höhe, flexibel, und er harmoniert mit den anderen Stimmen auf der Bühne. Man will mehr von ihm hören, auch auf anderen Bühnen, und zwar möglichst bald!

Das sehr reduzierte Zürcher Kammerorchester (Streicher einfach besetzt, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn, Pauke) entwickelte unter Andres Joho eine erstaunliche Breite an Klangfarben. Aus der Not eine Tugend machend, setzte sich der Dirigent mitunter selbst ans Klavier, um die einer romantischen Nachtszene geziemenden Harfenklänge beizusteuern (Orchesterarrangement: Wolfgang Drechsler).

ZKO Opera Box / Don Procopio  - hier :  viele Köche richten das Hochzeitsessen © Thomas Entzeroth

ZKO Opera Box / Don Procopio  – hier : viele Köche richten das Hochzeitsessen © Thomas Entzeroth

Und die delikate Beilage? Nun: Zur Vorbereitung der Hochzeitsfeierlichkeiten zwischen dem alten Don Procopio und der jungen Bettina ist eine ganze Heerschar Köche angetreten. Die steht zwar so nicht in Bizets Partitur, ist aber in seinem Einakter Le docteur Miracle enthalten, den er als Achtzehnjähriger schrieb. In dem hinreißend albernen Quartett (natürlich todernst vorgetragen) „Voici l’omelette“ wird in diesem Arrangement das Hochzeitsmahl vorbereitet. Zwei Köche und zwei Köchinnen bereiten zu höchst kultiviertem Gesang ein Omelett zu – und servieren es (denn das Omelett ist echt!) ……  dem Publikum im Parkett!

Der witzige Abend mit Musik voller schöner Einfälle und mitunter fast dreisten Entlehnungen bei der italienischen Buffo-Tradition wurde vom Publikum einhellig gefeiert. Szenisch gekonnt umgesetzt und mit reduziertem Orchester gut durchhörbar aufgeführt – eine Entdeckung!

—| IOCO Kritik Züricher Kammerorchester |—

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