Winterthur, Musikkollegium Winterthur, Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 3 in d-Moll, IOCO Kritik, 09.03.2021

Stadthaus Winterthur © Musikkollegium Winterthur

Stadthaus Winterthur © Musikkollegium Winterthur

GUSTAV MAHLER – Sinfonie Nr. 3 in d-Moll

Musikkollegium Winterthur  – Pierre-Alain Monot

von Julian Führer

Das Musikkollegium Winterthur ist eine Institution, die vor Ablauf dieses Jahrzehnts ihr sage und schreibe 400. Gründungsjubiläum feiern wird. Seit bald 150 Jahren spielt in Winterthur ein Berufsorchester. Die etwa 50 Mitglieder konzentrieren sich üblicherweise auf ein Repertoire, das der Größe des Klangkörpers angemessen ist. Die Konzerte des Musikkollegium Winterthur finden üblicherweise (so auch hier) im Stadthaus Winterthur statt, einem von Gottfried Semper konzipierten Bau von 1869. Das Orchester spielt auf einer Empore, das Publikum in geraden Reihen davor, eine klassische „Schuhschachtel“ also. An der Bühnenrückwand befindet sich ein klangmuschelartiger Anbau, der die akustischen Verhältnisse noch etwas verbessert.

 Mahler – Symphonie mit verkleinertem Orchester – nicht wegen, sondern in der Pandemie

 Gustav Mahler Gedenkplakette in Hamburg © IOCO

Gustav Mahler Gedenkplakette in Hamburg © IOCO

Im Jahr 2019, also deutlich bevor der Konzertbetrieb zum Erliegen gebracht wurde, stellte nun Klaus Simon eine auf diese Dimensionen zugeschnittene Version von Gustav Mahlers 1896 vollendeter und 1902 uraufgeführter dritter Symphonie d-Moll her, die nun erstmalig, aufgrund der Umstände ohne Publikum, gespielt und über einen Stream übertragen wurde. Aufgrund der aktuell in der Schweiz geltenden Vorschriften musste auf Damen- und Knabenchor verzichtet werden. Das Musikkollegium Winterthur macht seine Konzerte für Abonnenten kostenlos zugänglich, andere Interessenten können Einzeltickets für den Zugang erwerben. Die Konzerte sind live zu erleben und bleiben einen weiteren Tag lang abrufbar.

Dirigiert wurde das Orchester von einem seiner Mitglieder: Seit 1984 ist Pierre-Alain Monot als Solotrompeter in Winterthur tätig, doch hat er im Laufe der Jahre auch eine beachtliche Dirigiertätigkeit entfaltet und konnte nun ein Werk präsentieren, das sonst mit diesem Orchester kaum zu hören wäre. Die vom Komponisten eigentlich geforderte Besetzung ist riesig: fünf Klarinetten, vier Fagotte, acht Hörner, sechs Glocken, … In Winterthur war das Blech stark reduziert, ein Fagott, eine Harfe, nur zwei Kontrabässe, jeweils fünf erste und zweite Violinen stellten sich der Aufgabe, Mahlersche Klangwucht wiederzugeben. Klavier und Akkordeon übernahmen weitere Orchesterparts. Glücklicherweise wurde die fehlende Masse nicht durch ein Übermaß in der Dynamik substituiert. Pierre-Alain Monot dirigierte mit sparsamen Gesten sehr gezielt und konnte sich offensichtlich darauf verlassen, von seinen Kollegen unmittelbar verstanden zu werden.

„Kräftig, entschieden“ wie von Gustav Mahler gefordert erfolgte der erste Einsatz. Mahler hatte den Sätzen der Symphonie zunächst Titel gegeben (für den ersten Satz: „Pan erwacht“), diese aber später wieder gestrichen. Der erste Satz ist mit einer Dauer von über einer halben Stunde so lang wie Beethovens komplette „Fünfte“. Zunächst hört sich der Satz so an, als wäre das Orchester vollständig besetzt, doch merkt man an den Streichern und den schnell erfolgenden Einsätzen von Klavier und Akkordeon an, dass hier eine andere Zusammenstellung zu hören ist. Mahler arbeitet sich durch sein motivisches Material, manches lässt an Musik seiner Zeit oder seiner Vorgänger denken (etwa nach wenigen Minuten das Blech, das an Tristans Auftritt im ersten Akt von Tristan und Isolde denken lässt). Die kleine Besetzung lässt bei den zahlreichen Streichertremoli aufhorchen. Die dann hereinbrechenden Rhythmen lassen zunächst offen, ob wir es mit einem aufblitzenden Militärmotiv oder mit Klangfetzen von einem Rummelplatz zu tun haben – Kniffe, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch bei Engelbert Humperdinck zu finden sind und die später (auf Mahler basierend) bei Dmitri Schostakowitsch zu einem häufig genutzten Stilmittel wurden. Fast wie ein angeklebter Fremdkörper wirkt der triumphalblecherne Satzschluss.

 Musikkollegium Winterthur / hier das Orchester zu Füßen des Stadthauses © Paolo Dutto

Musikkollegium Winterthur / hier das Orchester zu Füßen des Stadthauses © Paolo Dutto

Der zweite Satz (Tempo di Menuetto. Sehr mäßig) beginnt mit einem Motiv in der Oboe, das von leisen Pizzicati der Streicher begleitet wird und dann weitgehend zart weiterentwickelt wird, unter anderem mit sehr melodiöser Führung der Solovioline. Im dritten Satz (Comodo. Scherzando) sind von den Holzbläsern erst Vogelstimmen zu hören, dann aus der Ferne ein Posthorn (hier vom Trompeter übernommen, der das Podium verlässt und sein Solo im Foyer spielt, bevor er wieder seinen Platz zwischen seinen weiterspielenden Kollegen einnimmt). Gustav Mahler war ein Meister der Übernahme von Naturtönen und ihrer Einarbeitung in seine Partituren (vgl. auch die Herdenglocken in der sechsten Symphonie). Wie so oft, ist der Einbruch der verzerrten menschlichen Welt in die Naturklänge auch hier nicht weit.

Mit einem reduzierten Orchester „sehr langsam“ spielen, ist kein Problem, „durchaus ppp“ ebenfalls nicht. „Misterioso“ gelingt sicher leichter mit einem großen Apparat, der sich in extremer Zurückhaltung übt. Der so betitelte vierte Satz enthält die Vertonung von Friedrich Nietzsches „Oh Mensch! Gib Acht!“. Die begleitenden Hörner spielten korrekt und klangschön, für ein Misterioso jedoch eine Spur zu diesseitig und etwas zu laut. Isabel Pfefferkorn als Solistin meisterte die kurze, aber nicht leichte Partie, wobei ihr die mittlere Lage noch mehr zu liegen schien als die ganz tiefen Töne. Ganz so „Lustig im Tempo und keck im Ausdruck“ wie mit Knabenchor und vollem Orchester konnte der fünfte Satz dann nicht geraten; das „Bimm-bamm“ der Kinderstimmen blieb den Röhrenglocken überlassen. Der Gedichttext „Es sungen drei Engel einen süßen Gesang“ aus der Sammlung Des Knaben Wunderhorn konnte in Winterthur nicht als Wechsel von Damenchor und Solistin gegeben werden, und so sang Isabel Pfefferkorn den gesamten Text alleine. Die Phrasierung dieses Textes ist insgesamt sängerfreundlicher und wurde von ihr überzeugend gestaltet. Erstaunlich sind die Parallelen dieser Liedkomposition innerhalb der dritten Symphonie zu Hans Pfitzners bereits 1888/1889 komponiertem Lied „Ist der Himmel darum im Lenz so blau“ Op. 2,2. Da der Orchestersatz auch in der hier vorliegenden Fassung mit einem Chor rechnet und das Stadthaus Winterthur auch kein überaus großer Konzertsaal ist, waren die Glocken im Verhältnis zur Solistin stellenweise etwas dominant.

Hans Pfitzner Wien © IOCO

Hans Pfitzner Wien © IOCO

Der sechste und letzte Satz der Symphonie ist ein etwa 25 Minuten währendes Adagio, das zunächst ein Beethoven-Zitat enthält (das zweite Thema des zweiten Satzes der dritten Symphonie, also der Eroica). Weiterhin sind in den tiefen Streichern Anklänge an das Vorspiel zum dritten Aufzug von Wagners Parsifal und an Die Meistersinger von Nürnberg (ebenfalls Vorspiel zum dritten Aufzug) zu ahnen, vor allem aber nutzte Hans Pfitzner in Palestrina (Vorspiel erster Akt) ähnliche Klangmischungen in den hohen Streichern. Eine sich anbahnende musikalische Katastrophe lässt wieder an Mahlers spätere sechste Symphonie denken, doch der Schluss seiner Dritten ist sehr diesseitig. Die Streicher (etwas zu breit für die gegebenen Klangverhältnisse) lassen die Symphonie in ein Jubelfinale münden. Dieser letzte Satz hatte ebenso wie der Einleitungssatz eine große musikalische Intensität, und mit ihm endete dieses Konzert, denn diese Symphonie dauert über anderthalb Stunden, und es ist schwer vorstellbar, ihr ein anderes Werk folgen zu lassen.

Welche Funktion können solche „abgespeckten“ Versionen großer Orchesterwerke haben, wenn eines hoffentlich nicht mehr weit entfernten Tages auch im Kulturbereich wieder ein Leben ohne die derzeit geltenden Verbote sein wird? Oft geht vergessen, dass reduzierte Versionen lange Zeit eine sehr gängige Art der Musikvermittlung waren. In Musikantiquariaten, wo es sie noch gibt, stapeln sich heute noch Drucke des 19. Jahrhunderts mit Klavierauszügen von Opern, aber auch von Symphonien, oft auch für vier Hände, mit denen viele Werke einem breiten Publikum bekannt gemacht wurden. Nicht zuletzt aus Geldgründen stellten Komponisten wie Richard Strauss Fassungen großer Werke wie der Elektra für kleine(re)s Orchester her, um auch auf kleineren Bühnen präsent zu sein und die damit einhergehenden Tantiemen zu erhalten.

Mahlers dritte Symphonie ist aufgrund der geforderten Orchesterbesetzung nur für die größten Orchester überhaupt spielbar. Viel ist in den letzten Monaten über die möglichen positiven Folgen der aktuellen Lage philosophiert worden – vielleicht wäre darunter die Möglichkeit zu rechnen, dass auch kleinere oder mittelgroße Formationen Werke des ganz großen Repertoires wie die Symphonien Gustav Mahlers ins Programm nehmen, etwa in der hier vorgestellten Version von Klaus Simon, und natürlich stets im Bewusstsein, dass es sich bei reduzierten Versionen eben um eine Reduktion handelt, an die in bezug auf Klangvolumen und Reichtum der Schattierungen andere Maßstäbe zu legen sind als an eine Aufführung in Originalbesetzung. Mitunter aber legt die Reduktion auch den Blick auf Wesentliches frei, was sonst im Klangrausch untergeht. Für das Musikkollegium Winterthur war diese Aufführung ein Wagnis, das gelungen ist. Allen Beteiligten, ganz besonders Pierre-Alain Monot als Dirigent, Isabel Pfefferkorn und Klaus Simon als Arrangeur der Partitur, gebührt großer Dank.

—| IOCO Kritik Stadttheater Winterthur |—

Winterthur, José Cura – Argentinische Lieder – Liederabend, IOCO Kritik 24.02.2021

Stadthaus Winterthur © Musikkollegium Winterthur

Stadthaus Winterthur © Musikkollegium Winterthur

José Cura – Argentinische Lieder
 Musikkollegium Winterthur  –  Barbora Kubiková, Gitarre

Klanggewordene Passion   –  9. Februar 2021

 von Renate Publig

Es sind sowohl für kunstaffine wie für kunstschaffende Menschen herausfordernde Zeiten. Für beide Seiten ein kompletter Lockdown … quasi der „geistigen Gastronomie“. Streaming muss uns darüber hinweghelfen, auch wenn es, wenn mir ein Verweilen in diesen Analogien gestattet sei, dem Abholen der lukullischen Genüsse aus dem Lieblingsrestaurant gleicht. Und dennoch: Sich an derartigen Genüssen zu erfreuen, ist Balsam für die Sinne – hier für die Geschmacksknospen, da für die Musikseele.

José Cura © Musikkollegium Winterthur

José Cura © Musikkollegium Winterthur

Reisebeschränkungen, Lockdown, müßig zu erwähnen, was diese Einschränkungen für einen Künstler bedeuten. Nicht nur in finanzieller Hinsicht. Verheerend, Musik nicht ausüben zu dürfen und der Kontakte zum Publikum beraubt zu sein. So war es – pandemiebedingt – das erste Konzert seit März letzten Jahres, das José Cura geben durfte. Und welches Programm könnte diese spezielle Stimmung besser transportieren als Lieder aus Curas Heimat Argentinien? Die Werke von Hilda Herrera, Carlos Guastavino, Felipe Boero, Carlos Lopez Buchardo und Alberto Ginastera sind der Inbegriff von Wehmut und Melancholie. Eine Erklärung dafür hat Cura sofort parat: „Bei diesen Stücken sprechen wir von einer Generation Argentinier, die entweder selbst noch Emigranten oder deren erste Nachkommen waren. Die Mentalität der heutigen Bevölkerung hat sich verändert, aber die Menschen damals waren von einer großen Sehnsucht nach ihrer ursprünglichen Heimat geprägt. Sie empfanden Traurigkeit, ihr Land zu verlassen, geliebte Menschen zurücklassen zu müssen und gleichzeitig versuchten sie einen Neubeginn in einem fremden Land. Das erklärt, warum die Nation sehr nostalgisch gestimmt war, was sich in der Musik widerspiegelt.“

José Cura – Argentinischer Abend in Winterthur – LIVE Link HIER!

In all den Melodien schwang jedoch auch etwas Versöhnliches, ja, manchmal sogar ein Augenzwinkern mit. Das lag nicht zuletzt an Curas luxuriösem Samt-Timbre, mit dem er dieses Kaleidoskop an Emotionen selbst via Bildschirm vermitteln konnte. Zudem war der unbändige Wille regelrecht greifbar, aus der kulturellen Lage nicht nur das Beste zu machen, sondern an diesem Abend etwas Einzigartiges entstehen zu lassen. Kein Publikum? Doch, freilich! Sich gegenseitig Zuzuhören, miteinander Klänge zu verschmelzen, Gleichklang und Einklang, und wo nötig, etwas Würze durch Rhythmen – darum geht es in der Musik. Schließlich leitet sich das Wort „Komposition“ aus dem Lateinischen „componere“ ab, was so viel bedeutet wie „zusammenstellen, -setzen, -bringen.“ Es gelang Cura gemeinsam mit dem Musikkollegium Winterthur, der Pianistin   Elaine Fukunaga und der Gitarristin Barbora Kubiková vortrefflich, die Menschen „da draußen“ an ihrer Passion für Musik teilhaben zu lassen – und somit alle zusammenzubringen.

Musikkollegium Winterthur © Musikkollegium Winterthur

Musikkollegium Winterthur © Musikkollegium Winterthur

Cura führte charmant durchs Programm, erzählte von Carlos Guastavinos Faible für Zyklen – und sang fünf Lieder aus dessen Blumenzyklus. Er berührte mit seinen Interpretationen von u.a. „Postal de Guerra“ von Maria Elena Walsh oder mit „Canción al arbol del olvido“ (vom Baum des Vergessens / Alberto Ginastera), La rosa y el sauce (Die Rose und die Weide) und Se equivocó la paloma – von der Taube, die sich täuschte (beides Carlos Guastavino). Und Vertonungen von José Cura selbst, die auf Texten von Pablo Neruda basieren, „klassische Lieder mit einem folkloristischen Touch“, so der auch in Komposition ausgebildete Sänger.

Die Bearbeitungen für Kammerorchester stammen von Cura selbst, verständlich daher, dass er dem hervorragend disponierten Musikkollegium Winterthur nuancierte Klangfarben in mal tröstenden, mal schmunzelnden, mal tieftraurigen Schattierungen entlocken konnte. Trotz der enormen akustischen Herausforderung, war doch das rund 20köpfige Kollektiv auf einer Fläche verteilt, auf der sonst ein volles Symphonieorchester Platz findet.

Musikkollegium Winterthur © Musikkollegium Winterthur

Musikkollegium Winterthur © Musikkollegium Winterthur

Es sind sowohl für kunstaffine wie für kunstschaffende Menschen herausfordernde Zeiten. Für beide Seiten ein kompletter Lockdown … quasi der „geistigen Gastronomie“. Streaming muss uns darüber hinweghelfen, auch wenn es, wenn mir ein Verweilen in diesen Analogien gestattet sei, dem Abholen der lukullischen Genüsse aus dem Lieblingsrestaurant gleicht. Und dennoch: Sich an derartigen Genüssen zu erfreuen, ist Balsam für die Sinne – hier für die Geschmacksknospen, da für die Musikseele.

—| IOCO Kritik Stadttheater Winterthur |—

Winterthur, Theater Winterthur, Die Csárdásfürstin – Emmerich Kálmán, IOCO Kritik, 10.03.2018

Theater Winterthur © Theater Winterthur

Theater Winterthur  © Theater Winterthur

Die Csárdásfürstin  –  Emmerich Kálmán

In Budapest – bei den  Mädis vom Chantant

Von Julian Führer

 Die Stadt Winterthur zählt über 100 000 Einwohner, ist damit die sechstgrößte Stadt der Schweiz und wurde 1467 von den Habsburgern an die Stadt Zürich verpfändet. Heute gehört sie zum Kanton Zürich. Das dortige Theater ist zwar ein Dreispartenhaus, doch besteht der Spielplan aus Gastspielen anderer Häuser, meist aus Deutschland, wie unten – Die Csárdásfürstin des Landestheaters Detmold – und Österreich. In jeder Saison wird eine Produktion gemeinsam mit dem Opernhaus Zürich erarbeitet, die in der folgenden Spielzeit dort übernommen wird. Das Gebäude stammt aus den späten siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Kürzlich wurde debattiert, ob das Theater abgerissen und durch ein Kongresszentrum ersetzt werden sollte – mit unabsehbaren Folgen für den Theaterbetrieb. Diese Bedrohung zumindest scheint erst einmal abgewendet.


Theater Winterthur / Die Csardasfürstin - hier Megan Marie Hart als Sylva Varescu, Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

Theater Winterthur / Die Csardasfürstin – hier Megan Marie Hart als Sylva Varescu, Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

Nun hatte die Theaterleitung Die Csárdásfürstin in einer Produktion des Landestheaters Detmold auf den Spielplan gesetzt, die dort im Dezember 2016 erstmalig gezeigt wurde. Ein Stück, das 1915 uraufgeführt wurde, also nach Beginn des Ersten Weltkriegs, und tatsächlich thematisiert das Libretto auch Einberufungen, die die Handlung vorantreiben – doch ist der Krieg weit weg, und das Publikum soll nicht an den Krieg denken, sondern unterhalten werden. Und das gelingt hier ganz vorzüglich. Die einfache Bühne (Horst Vogelgesang) erlaubt Auftritte und Abgänge in alle Richtungen und macht mit wenigen Objekten klar, wo wir uns befinden, und zwar ganz so wie im Textbuch gefordert.

Im ersten Akt sehen wir ein paar Tische und eine Bühne auf der Bühne, auf der getanzt wird: Wir sind in Budapest bei den Mädis vom Chantant. Die Kostüme (Barbara Schiffner) lassen kein Klischee aus: diverse Trachten und trachtenähnliche Gewänder aus Österreich-Ungarn, edle Herrschaften in Uniform und Frack und am Ende, als der Krieg immer wieder zur Sprache kommt, zunehmend Pickelhauben (diese waren in Österreich-Ungarn allerdings nie gebräuchlich). Auf der Revuetheaterbühne in Budapest agiert Sylva Varescu (Megan Marie Hart) und macht die mehr oder weniger adligen Herren Graf Boni (Markus Gruber) und Edwin Ronald (Julian Orlishausen) verrückt. Sämtliche Verlobungsprojekte einzeln aufzulisten, würde den Rahmen der Besprechung sprengen…

Theater Winterthur / Die Csardasfürstin - hier vorne vorne links Markus Gruber, Andreas Jören, Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

Theater Winterthur / Die Csardasfürstin – hier vorne vorne links Markus Gruber, Andreas Jören, Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

Im zweiten Akt sind wir bei Leopold Maria Fürst von und zu Lippert-Weyersheim (Michael Klein) und Fürstin Anhilte (Silke Dubilier) in Wien – das etwas heruntergekommene Budapester Theater ist verschwunden, dafür bietet die Bühne jetzt Platz, oben hängt ein Kronleuchter. Die prächtigen Kostüme der Damen der Gesellschaft setzen den Rahmen. Man meint, der Liveaufführung eines Heimatfilms beizuwohnen. Komtesse Stasi (Simone Krampe) kann sich ebenso wie alle anderen eigentlich nicht entscheiden, wen sie heiraten möchte, auch wenn das Verlöbnis mit Edwin Ronald längst vereinbart ist. Sylva Varescu wird von Graf Boni unter dem Vorwand, er habe sie geheiratet, als Gräfin vorgestellt, worauf sie Edwin Ronald einmal mehr um den Verstand bringt. Einen Tag nach der angeblichen Hochzeit Sylvas mit Boni erwischt dieser seinen Freund Edwin Ronald, wie er seine Ehefrau küsst. Da wir bei der Operette sind, ist das alles kein Problem, denn Graf Boni liebt ja eigentlich Stasi, und alles war nur ein Trick. Nur der Fürst ist gegen diese Wendung, da Sylva nur Tänzerin und eigentlich nicht adlig sei.

Der dritte Akt spielt im Foyer eines Wiener Hotels. Nun ist der Kronleuchter verschwunden, dafür steht am Rand eine Bar, an deren Tresen die Personen noch einmal zusammenkommen. Feri von Kerekes, den wir schon aus dem Budapester Theater kennen, trifft dort auf seinen Freund Edwin und dessen Eltern, das Fürstenpaar. Feri erkennt in der Fürstin Anhilte seine Jugendliebe Hilda, die selber einmal Tänzerin war – was der Fürst nicht wusste. Kurzum, der Fürst kann seinem Sohn kaum eine solche Ehe verbieten, wie er sie selbst geschlossen hat, Edwin bekommt seine Sylva, Boni bekommt seine Stasi, Schlussakkord, Applaus.

Theater Winterthur / Die Csardasfürstin - hier Eva Bernard und Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

Theater Winterthur / Die Csardasfürstin – hier Eva Bernard und Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

György Mészáros dirigiert das Symphonische Orchester des Landestheaters mit viel Feuer und Schmelz. Kálmán selbst ironisiert und arrangiert (etwa den ‚Hochzeitsmarsch‘ von Mendelssohn, hier gespielt von einer Zigeunerkapelle). Effektvolle Rubati lassen das Publikum in Melodien schwelgen (und manchmal mitsummen oder -klatschen). Der Orchesterapparat ist groß, das Theater ist es ebenfalls mit der Folge, dass die Klangbalance zwischen Orchester und Gesang oft zu Ungunsten des Gesangs ausfällt – vielleicht ein Problem der Winterthurer Verhältnisse im Vergleich zu Detmold. Auf der Bühne tut sich viel, die Choreographien (Richard Lowe) tragen zur großen Lebendigkeit der Produktion bei.

Megan Marie Hart hat als Sylva Varescu keine Mühe mit den hohen Tönen, und bei den Herren sticht Markus Gruber als Graf Boni mit schauspielerischen Qualitäten, Spielfreude, vollem Einsatz bei der Choreographie und klarer Stimme hervor. Alle Sängerinnen und Sänger beherrschen ihre Partien, Fürst und Fürstin sind mit Schauspielern besetzt.

 

Emmerich Kálmán in Wien © IOCO

Emmerich Kálmán in Wien © IOCO

Kálmáns Melodieneinfälle sind immer wieder mitreißend. Ob nun „Die Mädis vom Chantant“, „Das ist die Liebe, die dumme Liebe“ oder „Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht“ – man begreift immer noch sofort, warum die Csárdásfürstin von der Uraufführung an so ein Erfolg war und als eine von ganz wenigen Operetten nie ganz von den Spielplänen verschwunden war. Glücklicherweise spielt sich die Inszenierung von Wolf Widder nicht in den Vordergrund, sondern begleitet einen wirklich heiteren Abend. Gratulation dem Landestheater Detmold zu dieser Produktion und Dank dem Theater Winterthur, dass es diese Übernahme gibt.

 

 

—| IOCO Kritik Theater Winterthur |—

Gera, Theater und Philharmonie Thüringen, Ariadne in der Schweiz 14. & 15.5.2011

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Theater und Philharmonie Thüringen

Stadttheater Winterthur 

Ariadne in der Schweiz

Theater&Philharmonie Thüringen erneut nach Winterthur eingeladen

Theater&Philharmonie Thüringen ist erneut zum Gastspiel ans Stadttheater Winterthur in der Schweiz verpflichtet worden. Im April 2003 hatte sich das Theater erstmals – in seiner bisher größten Tournee mit Künstlern aller vier Sparten – nach Winterthur auf den Weg gemacht. Nach Gastspielen des Schauspielensembles und des Balletts ist jetzt das Musiktheaterensemble zusammen mit dem Philharmonischen Orchester Altenburg-Gera erneut eingeladen worden. Am 14. und 15. Mai 2011 wird die Richard-Strauss-Oper „Ariadne auf Naxos“ in der Inszenierung von Matthias Oldag in Winterthur zu sehen sein.

In Gera steht die letzte Vorstellung der erfolgreichen Inszenierung am 27. Mai um19.30 Uhr auf dem Spielplan.

—| Pressemeldung Theater und Philharmonie Thüringen |—

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