Biel, Kongresshaus Biel, Sinfonie Orchester Biel – Piotr I. Tschaikowsky, Dmitri Schostakowitsch, IOCO Kritik 28.10.2020

Kongresshaus Biel © ctsbiel-bienne.ch / Stadt Biel

Kongresshaus Biel © ctsbiel-bienne.ch / Stadt Biel

Sinfonie Orchester Biel Solothurn  –  Piotr I. Tschaikowsky, Dmitri Schostakowitsch

Réflexions russes – Konzert vom  14. Oktober 2020

von Julian Führer

Das Kongresshaus Biel (auch Palais des Congrès de Bienne, denn wir befinden uns genau an der Grenze der deutschsprachigen und der französischsprachigen Schweiz) wurde in den sechziger Jahren vom Architekten Max Schlup entworfen und 2000-2002 unter der Federführung von Rolf Mühlethaler erneuert. Ein Bau im Stadtzentrum mit großer Freifläche am Eingang, der viele Möglichkeiten bietet und unter anderem einen für Konzerte geeigneten Raum enthält. Von Foyer kann man ins Schwimmbad sehen (aufgrund von Spiegelungen durchaus nicht ohne Zauber), viel Glas sorgt für Transparenz. Der Konzertsaal bietet bis zu 1200 Menschen Platz; angesichts der aktuellen Situation wurde diese Marke nicht ganz ausgeschöpft, aber das Konzert war durchaus gut besucht.

Auf dem Programm standen gemäß Ankündigung Réflexions russes, zunächst das Violinkonzert D-Dur von Piotr Iljitsch Tschaikowsky op. 35, gespielt von der jungen Violinistin Liya Petrova auf einem 1737 von Carlo Bergonzi erbauten Instrument. Dieses Konzert komponierte Tschaikowsky innerhalb weniger Wochen des Jahres 1878 bei einem Erholungsaufenthalt in der Schweiz, gar nicht weit entfernt von Biel am Genfer See.

Das Orchester saß auf einem Podium, gegenüber dem Publikum leicht erhöht. Die Streicher trugen Maske, von den Bläsern durch Plexiglasscheiben getrennt. Diese Disposition machte sich gleich bei Beginn störend bemerkbar, denn natürlich war der Bläserklang gerade im Holz durch die Abtrennung gedämpft, mitunter dumpf. Bläsersätze hatten eine Färbung, die fast an den Mischklang bei den Bayreuther Festspielen denken ließ, allerdings mit gefährlichen Folgen für die Transparenz. Die Solistin hingegen spielte mit schönem rundem Ton, insbesondere die Kadenz war zugleich technisch brillant und klanglich überzeugend, ebenso die zwischendurch extrem hohen Töne, die völlig rein intoniert waren. Bei leisen Passagen musste sie gegen die recht laute Lüftungsanlage des Kongresshauses anspielen, auf der anderen Seite verfügt der Saal über einen deutlichen Nachhall, ohne aber ‚Klangbrei‘ zu verursachen, und dient so der Entfaltung der Musik.

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit Dirigent Yannis Pouspourikas © Rodrigo Carrizo Couto

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit Dirigent Yannis Pouspourikas © Rodrigo Carrizo Couto

Das Orchester begleitete zuverlässig und effektvoll, wie es sich für Tschaikowskys Konzert wohl auch gehört, mit deutlichem accelerando gegen Ende des ersten Satzes. Die Canzonetta des zweiten Satzes ließ Liya Petrova noch mehr Raum zur Gestaltung, den sie sehr überzeugend nutzte. Auch wenn im zweiten Satz die Bläser dann doch passagenweise etwas stark hervorstachen, gehörte dieser Mittelteil eindeutig dem Soloinstrument. Im Schlusssatz erinnerte das Blech an das Ende der vierten Symphonie Tschaikowskys, im Kopfsatz bereits einige rhythmische Passagen an die bekannten Ballettmusiken des Komponisten. In der Rondoform wurden musikalische Situationen variiert, die der Künstlerin immer wieder erlaubten, ihre Vielseitigkeit zu demonstrieren. Das Publikum applaudierte sehr herzlich, und nicht nur in Biel wäre es schön, Liya Petrova noch oft und auch mit anderen Werken zu hören.

Nach der Pause erklang ein ganz anders gefärbtes Werk, die Symphonie Nr. 11 g-Moll op. 103 „Das Jahr 1905“ von Dmitri Schostakowitsch. Diese etwa eine Stunde lange Symphonie fordert vom Orchester viel Energie und Durchhaltevermögen und vom Dirigenten viel Umsicht und eine Disposition, die das Werk weder zerfasern lässt noch zu früh auf dynamische Effekte setzt, die danach nicht mehr gesteigert werden können. Schostakowitsch selbst verehrte unter seinen russischen Vorgängern vor allem Modest Mussorgsky, die Bezüge zu Tschaikowsky sind weit weniger deutlich. Yannis Pouspourikas verfolgte eine Lesart, die derjenigen von Andris Nelsons recht nahesteht, welche in Konzerten zu hören war. IOCO berichtete dazu, link HIER. und auch auf CD dokumentiert ist. Anders als Joshua Weilerstein in Zürich und Vladimir Jurowski in Dortmund verzichtete Pouspourikas darauf, der Aufführung noch einen gesprochenen Warnhinweis voranzuschicken.

Das Orchesterpodium war voll, dennoch war die Besetzung mit drei Kontrabässen, fünf Bratschen und Celli und nur einer Harfe schmal. Es sollte sich aber zeigen, dass das Klangvolumen auf die Raumdimension perfekt abgestimmt war und die eher schmale Besetzung insgesamt kein Nachteil war. Als deutlich störender erwies sich abermals die Plexiglasscheibe (siehe Foto oben) zwischen Streichern und Bläsern, da auch das Schlagwerk hinter der Trennung aufgestellt war und die ersten leise drohenden Schläge der Pauke im Publikum nicht gut zu hören waren. Die Trompete und das Horn hingegen, die sich über den sehr leisen Streicherteppich des ersten Satzes erheben, waren fast eine Spur zu laut – ebenso wie der Fotograf, der während des Konzertes von verschiedenen Stellen des Saales aus seine Arbeit tat. Dennoch: Die lastende Atmosphäre, der scheinbare musikalische Stillstand des ersten Satzes mit Anklängen an Lieder der Zarenzeit wurden deutlich, das Publikum hörte konzentriert zu.

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn - hier:  die Violonistin Liya Petrova © Rodrigo Carrizo Couto

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn – hier: die Violonistin Liya Petrova © Rodrigo Carrizo Couto

Der zweite Satz, „Der 9. Januar“, illustriert eine Demonstration im Jahre 1905, die von Truppen des Zaren niedergeschossen wurde, eine im Uraufführungsjahr 1957 und auch 2020 noch überraschende, packende, aber auch erschütternde Gewaltorgie. Yannis Pouspourikas ging den Satz sehr schnell an, nahm aber die Instrumentengruppen immer rechtzeitig zurück, gestaltete überzeugende Crescendi und Decrescendi in Posaunen und Kontrabasstuba, ließ die Bläser insgesamt betont rau aufspielen, und die wenigen Kontrabässe ließen dennoch den Saal vibrieren. Auch die große Trommel sorgte für Druck, bevor dann die eigentliche Eruption kam, eine Salve der kleinen Trommel, vor der viele Dirigenten eine Generalpause setzen. Nicht so Pouspourikas, der das Trommelsignal als Auslöser für eine Beschleunigung der Tempi nahm. Starke Streicherakzente konstrastierten mit der – durch die Plexiglasscheibe wieder zu stark gedämpften – Pauke. Die dynamischen Aufgipfelungen dieser Szene waren beeindruckend und blieben stets dem Raumvolumen angepasst. Auf das Dröhnen des vollen Orchesters folgen abrupt ruhige Streicherfiguren, ein Zitat aus dem ersten Satz, nun aber mit einem leisen Flirren unterlegt, das erst hörbar wird, wenn der Nachhall des Orchesters verschwunden ist und sich die Ohren der Zuhörer wieder an leisere Stellen gewöhnen.

Der dritte Satz, „Ewiges Gedenken“, ist zunächst ein Trauergesang, der von den Bratschen unisono angestimmt wird. Die Atmosphäre war auch im weiteren Verlauf kammermusikalisch, fast wie bei einem Streichquartett (einem Genre, das Schostakowitsch durch nicht weniger als 15 eigene Beiträge bereichert hat und das ihm also bestens bekannt war). Im Mittelteil bricht sich aber in scharfen Dissonanzen und mit großer Trommel und Tamtam eine sehr viel lautere Art der Trauer Bahn, und der Charakter des Satzes wurde vom Dirigenten Yannis Pouspourikas durch eine Beschleunigung sehr viel dramatischer gestaltet. Die folgende Reprise des Bratschen-Unisono, noch etwas zurückhaltender als zu Beginn des Satzes, schuf eine gespenstisch zurückhaltende Stimmung.

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit Dirigent Yannis Pouspourikas © Rodrigo Carrizo Couto

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit Dirigent Yannis Pouspourikas © Rodrigo Carrizo Couto

Der letzte Satz, „Sturmgeläut“, beginnt mit einem Bläsersignal, das Pouspourikas ähnlich wie Andris Nelsons zunächst seltsam gebremst vortragen ließ, bevor er dann über anziehende Tempi in den Streichern das von Schostakowitsch vorgegebene Metronommaß anschlug. Gerade im Schlusssatz hat der Komponist mehrere Kampflieder der russischen Arbeiter und speziell der Bolschewiki verwendet, die einem sowjetischen Publikum der fünfziger Jahre sofort präsent waren, heute den meisten Zuhörern, zumal einem westlichen Publikum erst erläutert werden müssen. Die „Warschawjanka“ wird doch eine marschartige Führung der Streicher eingeleitet, in Biel fast stampfend vorgetragen. Mehrere Kampfmelodien und Motive der ersten Sätze werden ineinander verwoben, bis es zu einer Aufstauung mit großer Trommel, Becken und Tamtam kommt – mit anschließender Rückkehr zum Nullpunkt der Symphonie, den ruhigen Streichern des ersten Satzes, über denen sich nun eine lange, elegische Melodie des Englischhorns erhebt, an diesem Abend sehr überzeugend und klangschön zu hören. Der Schluss, durch dumpfe Schläge und hektische Figuren der Bassklarinette beschleunigt, ist laut, durch Glocken verstärkt, und stürzt einem Ende entgegen, das allerdings auf keine Kadenz, keinen Schlussakkord zusteuert, sondern quasi mitten im Satz abreißt (ähnlich wie in Schostakowitschs Fünfter Symphonie).

Nach sekundenlanger Stille applaudierte das Publikum zunehmend begeistert, und Yannis Pouspourikas ließ die einzelnen Instrumentengruppen verdientermaßen hochleben. Hervorzuheben sind neben den perfekt harmonierenden Posaunen und Kontrabässen auch das erste Horn, Englischhorn und Bassklarinette, allerdings leider nicht die Trompetengruppe, in denen sich falsche Noten und ‚Kiekser‘ häuften, wozu im vierten Satz noch ein falscher Einsatz kam. Das Orchester dankte seinem Dirigenten für diese gemeinsam erreichte Leistung seinerseits mit Trampelapplaus, ein gutes Omen für die Zukunft, denn Yannis Pouspourikas wird mit der Saison 2022/2023 neuer Chefdirigent  des Sinfonie Orchester Biel Solothurn und Direktor Konzerte von Theater Orchester Biel Solothurn. 

—| IOCO Kritik Sinfonie Orchester Biel Solothurn |—

Biel, Stadttheater Biel, Die Rheinnixen – Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 27.11.2018

November 28, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Biel Solothurn

Stadttheater Biel © Ilja Mes

Stadttheater Biel © Ilja Mes

Stadttheater Biel Solothurn

Les fées du Rhin / Die Rheinnixen – Jacques Offenbach

– Nixen auf dem Trockenen –

Von Julian Führer

Eine unbekannte Oper mit bekannter Musik: Wenn die Ouvertüre beginnt, nicken sich die Zuschauer erfreut zu, denn sie erkennen die Barcarole aus Les Contes d’Hoffmann. Jacques Offenbach war geschickt im Arrangieren, aber auch im Rezyklieren, und so hat er zwei bekannte Stücke, eben die Barcarole und eine Arie aus dem ersten Akt, in seiner sehr viel erfolgreicheren Hoffmann-Oper übernommen. Und in den Rheinnixen finden sich wiederum Stücke aus früheren Kompositionen Offenbachs. Das Libretto verfasste Charles Nuitter (eigentlich Truinet), bevor Alfred von Wolzogen, der Vater des Wagner-Apostels Hans von Wolzogen, eine deutsche Fassung herstellte. Die Uraufführung fand zu dem Zeitpunkt statt, als eigentlich Wagners Tristan und Isolde aus der Taufe gehoben werden sollte, doch waren die Proben wegen erwiesener Unspielbarkeit des Werkes abgebrochen worden. Die Rheinnixen, ein Auftragswerk der Wiener Hofoper, wurden 1864 aufgeführt, gerieten in Vergessenheit, wurden 2002 wiederentdeckt und nun, im Herbst des Jahres 2018, in Biel zur schweizerischen Erstaufführung gebracht.

Die Rheinnixen –  Jacques Offenbach
Youtube Trailer des Theater Orchester Biel Solothurn
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Das Stadttheater Biel ist eine Spielstätte des Theater Orchester Biel Solothurn. An zwei Spielstätten (Biel und Solothurn) werden die drei Sparten Schauspiel, Musiktheater und Tanz abgedeckt. Von außen kaum als Theater erkennbar, ist der Zuschauerraum in Biel sehr klein, fast winzig (keine 300 Sitzplätze), aber erstaunlich hoch. Der Orchestergraben reicht nicht aus, alle Instrumente aufzunehmen, so dass die Harfe rechts neben den vorderen Parkettreihen plaziert ist – ein reizvoller Umgang mit beengten Verhältnissen.

 Jacques Offenbach - Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach – Montmartre © IOCO

Die Rheinnixen sind tatsächlich Elfen; der französische Titel Les fées du Rhin lässt ihre Natur offen. Wer schwimmende Rheintöchter erwartet, muss weiterhin zu Wagner gehen. Bei Offenbach handelt es sich um weibliche Waldwesen, die bei einer Art Waldweben den Landsknechten mit säuselnder Musik den Kopf verdrehen. Die Tradition der romantischen Gespensteroper ist hier spürbar. Gleichzeitig sind Die Rheinnixen stark von der Pariser Grand opéra geprägt, und zwar ebenso in der Abfolge der Stücke mit einem Ballett nach der Pause wie auch in der dramatischen Zuspitzung am Ende, wo sich die Nixen auf einmal schwer nach weiter vorangetriebenem Boieldieu oder nach Gounod anhören, insbesondere wenn wie hier mit Benjamin Pionnier ein Dirigent mit Spürsinn für die Partitur am Pult steht. Die Werkgeschichte ist mit verschiedenen Fassungen, die in den vergangenen Jahren rekonstruiert werden konnten, einigermaßen vertrackt.

Der erste Akt ist eine lange Exposition: Hedwig ist vor längerer Zeit auf einen Tunichtgut hereingefallen, der ihr mit Hilfe eines falschen Geistlichen die Heirat vorgegaukelt und sie dann sitzengelassen hat. Das aus dieser Verbindung entstandene Kind heißt Laura (in anderen Fassungen des Werkes Armgard) und ist inzwischen herangewachsen. Gottfried hat ein Auge auf Laura geworfen, Laura interessiert sich nur für Franz, der aber zu den Soldaten gegangen ist. Wie der Regisseur Pierre-Emmanuel Rousseau (auch für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich) im Programmheft darlegt, lässt er die Handlung „auf dem Balkan“ spielen. Die Kostüme lassen es ahnen, aber nicht allzu deutlich werden. Was ist mir dieser Verlegung gewonnen? Vielleicht ein Bewusstsein für die Allgegenwart des Krieges. Gottfried, von Lisandro Abadie mit warmem Bariton gegeben, wird hier als Geistlicher gezeigt – dekorativ, aber im Rahmen dieses Regieansatzes nicht besonders schlüssig. Oder ist er aus Entsagung Geistlicher geworden? Ganz wie es sich für eine große Oper gehört, folgt auf den Eingangschor jedenfalls ein Gebet. Hedwig klagt anschließend über die Schäden, die der Krieg anrichtet. Diese Partie wurde am 7. November überzeugend von Susannah Haberfeld verkörpert, übrigens in Anwesenheit ihrer Mutter Gwyneth Jones, die ihren Geburtstag in Biel verbrachte (alles Gute vom dankbaren Rezensenten an seine erste Brünnhilde!).

Stadttheater Biel / Die Rheinnixen von Jacques Offenbach © Konstantin Nazlamov

Stadttheater Biel / Die Rheinnixen von Jacques Offenbach © Konstantin Nazlamov

Die Szenerie spielt im Elsass in der Nähe des Rheins zu Beginn des 16. Jahrhunderts, als marodierende Haufen die Gegend unsicher machten (ein über Generationen anhaltendes Trauma, das beispielsweise auch in Schillers Räubern und im Freischütz seinen Niederschlag fand, dann mit dem Verweis auf den Dreißigjährigen Krieg). Conrad, der Anführer der Landsknechte, kommt mit seinem bewaffneten Haufen und drangsaliert die weibliche Bevölkerung; Laura sticht ihm ins Auge, sie soll für ihn singen. Auch Franz ist dabei, Lauras große Liebe, aber aufgrund einer Verwundung leidet er an Sinnestäuschungen und Gedächtnisverlust und weiß nicht recht, wo er sich befindet und wen er vor sich hat. Gustavo Quaresma verkörperte den am Kopf verwundeten Soldaten glaubhaft, sein Tenor wirkte jedoch eng geführt und gepresst. Erstaunlich ist aus dem Kontext der Werkentstehung heraus, dass Soldaten und Militär sehr negativ charakterisiert werden, sowohl im Libretto als auch in der Musik (ein Plünderungen und Brandschatzung verherrlichender Chor und ein von Conrad dargebrachtes Trinklied). Diese dem Krieg gegenüber kritische Haltung mag ihren Teil dazu beigetragen haben, dass Die Rheinnixen zur Zeit der deutschen Einigungskriege keinen nachhaltigen Erfolg erzielen konnten.

Stadttheater Biel / Die Rheinnixen von Jacques Offenbach - hier : die spielenden Rheinnixen © Konstantin Nazlamov

Stadttheater Biel / Die Rheinnixen von Jacques Offenbach – hier : die spielenden Rheinnixen © Konstantin Nazlamov

Gesungen wird in dieser Fassung nach dem Libretto Nuitters in französischer Sprache. Im Angesicht der vorgehaltenen Waffe singt Laura dann auf einmal deutsch, und zwar das ‚Vaterlandslied‘, das Offenbach bereits abgeschlossen hatte und in diese Oper einbaute („Du liebes Land, du schönes Land! Du schönes, großes deutsches Vaterland!“). In der Schweiz können solche inbrünstigen Zeilen über ein deutsches Vaterland auf Teile des Publikums befremdlich wirken. Warum dieser Sprachwechsel? Das Elsass ist eine Kontaktzone zwischen zwei Sprachregionen, Biel ebenfalls, aber ein tieferer Sinn des Sprachwechsels wollte sich hier nicht erschließen, zumal angesichts der Verlegung des Schauplatzes nach Südosteuropa. Laura (Serenad Uyar mit viel Energie und Ausdauer) muss immer weiter singen, bis sie entkräftet zusammenbricht, natürlich zum Entsetzen Hedwigs, aber auch Franz‘, der sie sechs Takte vor Aktschluss dann doch noch erkannt hat.

Im zweiten Akt trauert Hedwig um ihre Tochter Laura, die sich buchstäblich totgesungen hat. Sie berichtet Gottfried, wie es zu Lauras Geburt gekommen ist. Gottfried, immer noch in Laura verliebt, schwört Rache: Er wird die Soldaten Conrads den Elfen entgegenschicken, die sich ihrer bemächtigen werden.

Im dritten Akt umtanzen die Elfen die Gegend. Die Ballettmusik ist wahrlich schön. Der Regie ist hier nicht viel mehr eingefallen, als dass einige großgewachsene Gestalten mit Tiermasken langsam über die Bühne ziehen. Bären und Adler waren für den Rezensenten eine etwas überraschende Beimischung zu der für Offenbach so typischen leichten, schwungvollen Musik. Gottfried nun scheint sich mit Elfen auszukennen und lotst die Soldaten dorthin, wo sie von den Naturwesen und ihrem Gesang außer Gefecht gesetzt werden. Laura, doch nicht so tot wie gedacht, lotst Franz beiseite, dem dieses Schicksal also erspart bleibt.

Stadttheater Biel / Die Rheinnixen von Jacques Offenbach © Konstantin Nazlamov

Stadttheater Biel / Die Rheinnixen von Jacques Offenbach © Konstantin Nazlamov

Im vierten Akt kommt es dann zur großen Konfrontation zwischen Conrad, der Gottfried für dessen Verrat hinrichten lassen will, und den anderen Protagonisten. Ob Laura nun tot ist oder nicht, scheint auch Offenbach nicht genau gewusst zu haben, denn immer wieder wird betont, alles sei nur ein Traum, aber die dramatische Situation bleibt gleichwohl real. Als dann auch noch Hedwig ihrem ehemaligen Scheinehemann Conrad eröffnet, dass er eine Tochter hat, die aber aus dessen eigenem Verschulden heraus tot ist (oder auch nicht), ist dieser zunächst am Boden zerstört. Jetzt will er sich um seine Tochter kümmern, aber das will Hedwig nicht. Jetzt wollen Gottfried und Hedwig sterben, aber dafür lebt nun Laura. Nun will aber auch Conrad (im Verlauf der Oper immer lauter und lauter: Leonardo Galeazzi) sterben, der wird wiederum von den anderen überredet, am Leben zu bleiben. Nach doch recht langem Hin und Her, wer nun eigentlich warum sterben möchte, beschließt man zum nun von fünf Solisten inbrünstig wie in einer Apotheose von Gounod gesungenen ‚Vaterlandslied‘ aus dem ersten Akt eine gemeinsame Flucht. Als das Happy End dann tatsächlich bevorzustehen scheint, lässt die Regie die Landsknechte auftreten und zu den F-Dur-Akkorden des Schlusses die Solisten erschießen. Wie oft hat man das schon sehen müssen… Man ist immerhin dankbar, dass die Schüsse wesentlich leiser sind als die in diesem kleinen Raum massiven Klangzusammenballungen von Orchester und Bühne.

„Ein in der Anlage so verfehltes, in der Ausführung so plattes Textbuch muß den freien Aufschwung jedes Komponisten lähmen.“ (Eduard Hanslick über die Wiener Uraufführung 1864) – ist das so? Das Werk ist nicht verfehlt, in der Aufführungsgeschichte ging es zwischen den Anhängern Wagners und denen, die Offenbach für seine Operetten liebten, verloren. Es dieser Vergessenheit entrissen und auch in der Schweiz dem Publikum präsentiert zu haben, ist das bleibende Verdienst des Stadttheaters Biel, das man zu weiteren Entdeckungen ermuntern will.

Die Rheinnixen des Theater Orchester Biel Solothurn, weitere Vorstellungen in:  Biel 18.12.; 21.12.; 23.12. 2018 und Januar 2019; in Solothurn – Premiere am 30.11.2018; 8.12.; 29.12.2018 und auch Januar 2019

—| IOCO Kritik Stadttheater Biel Solothurn |—

Biel, Theater Biel Solothurn, Premiere RIGOLETTO, 22.02.2013 (Biel) 09.03.2013 (Solothurn)

Februar 13, 2013  
Veröffentlicht unter Premieren, Pressemeldung, Theater Biel Solothurn

biel.jpg

Theater Biel Solothurn

Rigoletto von Giuseppe Verdi

Libretto von Francesco Maria Piave
Nach dem Versdrama „Le Roi s’amuse“ von Victor Hugo
 
Premiere Biel: Freitag, 22. Februar 2013, 19.30 Uhr, Palace Biel
Premiere Solothurn: Samstag, 9. März 2013, 19.00 Uhr, Stadttheater
 
Zu Beginn des Jubliäumsjahres 2013, in dem wir 200 Jahre Giuseppe Verdi feiern, bringt das Theater Biel Solothurn eine Neuproduktion von Rigoletto. Es ist zugleich auch die letzte Inszenierung von Beat Wyrsch während seiner Intendanz in Biel und Solothurn. Die Titelpartie singt der italienische Bariton und Publikumsliebling Michele Govi – eine Partie, die in ihrer Komplexität zwischen Komik und Tragik wie auf ihn zugeschnitten ist. Die Produktion feiert am Freitag, 22. März 2013 im Theater Palace in Biel Premiere.
 
Verdi soll Rigoletto in nur 40 Tagen geschrieben haben, erzählt die Legende. Die ist nicht belegt, doch scheint es so, als ob Victor Hugos französisches Skandalstück Le roi s’amuse Giuseppe Verdi in einen wahren Schaffensrausch gestürzt habe. Grund dafür war nicht unbedingt der politische Sprengstoff, den das Stück durchaus bot (es war 12 Jahre zuvor am Tag nach seiner Uraufführung in Paris für 50 Jahre verboten worden), sondern das dramatische Potenzial des Stoffes. Den Narren aus dem Stück verglich Verdi gar mit einer «Schöpfung Shakespeares» und machte ihn flugs zum Protagonisten der Oper: Rigoletto (Michele Govi), Narr am Hofe des Herzogs von Mantua (Ricardo Mirabelli), ist eine ambivalente Figur: Einerseits ist er ein zynischer Aussenseiter mit scharfer Zunge und ein Stachel im Fleisch des höfischen Lebens des Herzogs, andererseits liebt er seine Tochter Gilda (Rosa Elvira Sierra) innig und versteckt sie deshalb zuhause vor dem Rest der Welt, als dass sie an dieser nicht Schaden nehme. Doch Gilda verliebt sich unsterblich in einen unbekannten Studenten, der sie heimlich besucht und sich später als der blasierte Herzog von Mantua offenbart. Rigoletto schwört sich an seinem Dienstherrn zu rächen…
Rigoletto wurde 1851 in La Fenice in Venedig uraufgeführt und war ein so grosser Erfolg, dass sich die Operndirektoren in ganz Europa beeilten diese neue Oper in ihr Programm aufzunehmen. Innerhalb von nur 10 Jahren wurde das Werk von 250 Opernhäusern gespielt und verschwand seither nie mehr aus dem Repertoire. Auch Verdi war von seiner Arbeit überzeugt, sodass er entgegen seiner sonstigen Praxis, die Oper nach ihrer Uraufführung nicht mehr veränderte. Dieser Erfolg gründete sich wohl in der gelungenen Mischung aus Dramatik und Politik, aus dem nachrevolutionären französischen Volkstheater und der populären italienischen Oper.
 
Ersteres wird auch im Bühnengeschehen zum Ausdrucke kommen – die Inszenierung von Beat Wyrsch stellt nicht politischen Aspekte des Revoltierens gegen den Adel in den Mittelpunkt, sondern konzentriert sich einerseits auf das Erbe des Volkstheaters mit seinen starken Bildern und Gesten sowie die innere Zerrissenheit und Entwicklung der Figuren. Von besonderem Interesse ist dabei die Figur des Rigoletto selbst, der zwischen zwei Welten steht, jener des Hofes und jener des Volkes, und doch zu keiner richtig gehört, und deren Widersprüche er zu kontrollieren versucht. So zeigt auch das Bühnenbild von Martin Warth die Welt des Hofes als Spiel, als ein Theater auf dem Theater mit Rigoletto als Vorführer, dem aber die Kontrolle über das Spiel zu entgleiten droht.
Zur Information: Für seine Verdienste um die Kultur in der Stadt Biel wurde Regisseur und Direktor Beat Wyrsch von der Wochenzeitung «Biel Bienne» zum «Bieler des Jahres» gewählt. Die Preisübergabe findet unimittelbar vor Beginn der Premiere am 22. März 2013 statt.
 
Musikalische Leitung Franco Trinca Inszenierung Beat Wyrsch Bühne und Kostüme Martin Warth Chorleitung Valentin Vassilev Dramaturgie Merle Fahrholz
 
Besetzung:
Il Duca di Mantova: Ricardo Mirabelli*
Rigoletto: Michele Govi*
Gilda: Rosa Elvira Sierra
Sparafucile: Yongfan Chen-Hauser*
Maddalena: Anita Dafinska
Giovanna: Nadia Catania*
Il Conte di Monterone: Dong-Hee Seo*
Marullo: Bojidar Vassilev / Chasper-Curò Mani
Matteo Borsa: Konstantin Nazlamov
La Contessa und Paggio: Stephanie Ritz*
Usciere: Roland Frei / Martin Pulver
*Studierende/r der Hochschule der Künste Bern, Schweizer Opernstudio
 
Chor des Theaters Biel Solothurn
Sinfonie Orchester Biel
 
Tänzerinnen: Rebecca Bähler, Silvana Baumgartner, Jeannine Sena Oliveira, Michèle Péquegnat, Lea Trachsel / Vera Trachsel
Leitung Tanz Maria Barrelet-Donova, Michèle Péquegnat
 
 
VORSTELLUNGSDATEN  Biel:
FR 22.02.2013 19:30 PREMIERE
DI 26.02.2013 19:30
FR 15.03.2013 19:30
SO 17.03.2013 17:00
 
Solothurn:
SA 09.03.2013 19:00 PREMIERE
MI 03.04.2013 19:30
DO 18.04.2013 19:30
FR 03.05.2013 19:30
 
Gastspiele:
DI 05.03.2013 20:00 Olten
MO 11.03.2013 19:30 Schaffhausen
DI 12.03.2013 19:30 Schaffhausen
SA 23.03.2013 20:00 Langenthal
SA 20.04.2013 19:30 Düdingen
SA 25.05.2013 19:30 Visp
FR 31.05.2013 20:00 Vernier
SO 02.06.2013 15:00 Vernier
DI 04.06.2013 20:00 Vernier
Änderungen vorbehalten
 
 
Pressemeldung Theater Biel Solothurn

Biel, Theater Biel Solothurn, Premiere HÄNSEL UND GRETEL, 02.12.2012 (Biel) und 09.12.2012 (Solothurn)

November 29, 2012  
Veröffentlicht unter Pressemeldung, Theater Biel Solothurn

biel.jpg

Theater Biel Solothurn

 Hänsel und Gretel – Engebert Humperdinck

Abenteuer im Zauberwald

Ein Märchen mit Musik für Kinder ab 6 Jahren nach Engelbert Humperdinck. In einer Fassung von Daniel Koller und Merle Fahrholz, mit musikalischen Arrangements von Matthias Ammann.

Premiere Biel: Sonntag, 2. Dezember 2012, 15 Uhr, Stadttheater
Premiere Solothurn: Sonntag, 9. Dezember 2012, 15 Uhr, Stadttheater

Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen“ – die Geschichte von den beiden Kindern, die sich im Wald verirren und von der Hexe im Lebkuchenhaus  gefangen gehalten werden, gehört zu den Klassikern unter Grimms Märchen und inspirierte Engelbert Humperdinck im 19. Jahrhundert zum Märchenspiel Hänsel und Gretel. Das Theater Biel Solothurn transportiert die Geschichte ein weiteres Mal durch die Zeit – ins 21. Jahrhundert  und verwandelt es in eine moderne Erzählung voller Magie.

Gretel (Daniel Braun) liebt das Ballet, doch ihr kleiner Bruder Hänsel (Martina Gegenleithner) kann dieses Gehopse nicht ausstehen und hört lieber Hip-hop. Kein Wunder, sorgt dies für Zoff unter den Geschwistern. Der Vater  (Konstantin Nazlamov) – nach dem Tod seiner Frau alleinerziehend – kümmert sich zwar liebevoll um seine Kinder, doch manchmal wächst ihm die Doppelbelastung mit Arbeit und Haushalt schlicht über den Kopf. Als Hänsel und Gretel mal wieder streiten und dabei das Bild der Mutter zerbrechen, hat er genug und tickt aus. Voller Angst laufen die Kinder weg. Das ist die Gelegenheit, auf die Sprinkle (Jördis Wölk), ein Hausgeist mit magischen Fähigkeiten, gewartet hat: er entführt die Kinder in die schaurig-schöne Welt des Zauberwaldes, wo Tiere Musik machen können, ein verwunschener Jahrmarkt steht (Bühne und Kostüme: Theres Indermaur) – und die Hexe wartet.

Als Vorlage für „Hänsel und Gretel – Abenteuer im Zauberwald“ diente dem Regisseur Daniel Koller und der Dramaturgin Merle Fahrholz die Oper „Hänsel und Gretel“ des deutschen Komponisten Engelbert Humperdinck. Eigentlich war das von Humperdincks Schwester gedichtete Libretto, welches der Komponist mit ein wenig Klavierbegleitung versah, nur für den familieninternen Gebrauch gedacht. Doch die Familie war von „Hänsel und Gretel“ so begeistert, dass sich Humperdinck entschloss das Stück in eine Oper weiter zu entwickeln. Der Erfolg der Uraufführung 1893 war überwältigend und das Werk steht seither immer wieder auf den Spielplänen der grossen Opernhäuser.

Doch Koller und Fahrholz wollten das Märchenspiel von Humperdinck nicht einfach kürzen, um es in eine für Kinder geeignete Länge zu bringen. Vielmehr ging es ihnen darum, das Märchen in die heutige Zeit zu übertragen, etwas Neues zu schaffen, ohne aber den Kern der Originalmusik von Humperdinck zu verlieren. So lebt die kleine Familie in der Gegenwart und schlägt sich deshalb mit Problemen herum, die den Kindern auch heute bekannt sind: Streitereien unter Geschwistern, die Schwierigkeiten eines alleinerziehenden Elternteils und schliesslich der Wunsch nach der Flucht in eine glitzernde Fantasiewelt, wo alle diese Probleme wie weggeblasen sind.

Nicht nur die Geschichte wird aktualisiert, auch die Musik erhält durch die Arrangements von Matthias Ammann einen frischen Anstrich, der in die heutige Welt des Pop passt. Einige bekannte Stücke wie „Brüderchen, komm tanz mit mir“ oder „Suse, liebe Suse“ belässt Ammann im Opernoriginal, andere Stücke Humperdincks wiederum werden stärker modernisiert. Die Musik Humperdincks wird ergänzt durch moderne Kinderliedklassiker, sowie durch die bunten, cartoonhaften Klänge der Jahrmarktsbuden. Sie werden auf der Bühne interpretiert von einer kleinen Band, bestehend aus Mario Hänni (Gitarre und Schlagzeug), Tobias Zwicky (Klarinette, Saxophon) und Matthias Ammann am Klavier.

«Hänsel und Gretel – Abenteuer im Zauberwald»

Musikalische Leitung Matthias Ammann
Inszenierung  Daniel Koller
Bühne und Kostüme  Theres Indermaur
Dramaturgie  Merle Fahrholz
Theaterpädagogik Angela Bürger

Besetzung:
Vater und Hexe: Konstantin Nazlamov
Hänsel: Martina Gegenleithner
Gretel: Daniela Braun
Sprinkle :Jördis Wölk

Klavier: Matthias Ammann
Gitarre, Schlagzeug: Mario Hänni
Klarinette, Saxophon: Tobias Zwicky

Vorstellungsdaten
Biel:
SO 02.12.2012, 15:00 PREMIERE
FR 21.12.2012, 17:00
SO 30.12.2012, 14:00
SO 06.01.2013, 15:00
SO 20.01.2013, 15:00
SO 27.01.2013, 15:00

Solothurn:
SO 09.12.2012, 15:00 PREMIERE
SA 22.12.2012, 15:00
SA 29.12.2012, 15:00
SO 13.01.2013, 15:00
SA 26.01.2013, 15:00

Gastspiele:
MI 12.12.2012, 15:00     Olten (Stadttheater)
SA 15.12.2012, 14:00     Burgdorf (Casino Theater)

Änderungen vorbehalten

 

Pressemeldung Theater Biel Solothurn

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung