Bern, Theater Bern, Katja Kabanowa – Leos Janacek, IOCO Kritik, 18.06.2018

Juni 19, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Stadttheater Bern

Konzert Theater Bern ©  P Zinniker

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern

KATJA KABANOWA –  Leoš Janácek

– Frauen – Von Konventionen und Ängsten weggesperrt –

Von  Julian Führer

Das Konzert Theater Bern ist ein Dreispartenhaus – einerseits scheint dies für die Bundesstadt der Eidgenossenschaft selbstverständlich, doch andererseits ist Bern eine Stadt mit gerade einmal 130 000 Einwohnern und liegt damit in der Größenordnung von Fürth, Ingolstadt und Wolfsburg. Das innen wie außen sehr schöne Theater ist daher nicht überdimensioniert; es zählt nur 650 Sitzplätze. Für gewichtige Stücke des Musiktheaters kann das Parkett noch weiter verkleinert werden, so wie es auch bei der Oper Katja Kabanowa von Leoš Janácek geschah. Dies Stück wurde in dieser Saison auch in Freiburg herausgebracht (vgl. die IOCO Kritik – HIERDer Ansatz der Regie (Freiburg: Tilman Knabe, Bern: Florentine Klepper) unterscheidet sich erheblich.

Theater Bern / Katja Kabanowa hiier Marionetten verwandeln sich in Menschen v.l.: Todd Boyce als Kuligin, Nazariy Sadivskyy als Wanja Kudrjasch, Alessandro Liberatore als Boris Grigorjewitsch und Toos van der Wal als Glascha © Annette Boutellier

Theater Bern / Katja Kabanowa hiier Marionetten verwandeln sich in Menschen v.l.: Todd Boyce als Kuligin, Nazariy Sadivskyy als Wanja Kudrjasch, Alessandro Liberatore als Boris Grigorjewitsch und Toos van der Wal als Glascha © Annette Boutellier

Katerina (Katja) Kabanowa ist eine der vielen Frauengestalten auf der Opernbühne des beginnenden 20. Jahrhunderts, die aus Konventionen ausbricht, an gesellschaftliche Tabus rührt und daran zugrundegeht. Zwischen 1900 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs publizierte Sigmund Freud zentrale Schriften, die auf lebhaftes Interesse stießen und auch künstlerische Auseinandersetzung mit den Tiefen und Abgründen menschlicher Seelenzustände anregten. Das Ergründen dieser Zustände gerade weiblicher Figuren auf der Bühne, musikalisch von Wagner bereits weit vorangebracht, war ein großes Thema der Zeit, man denke nur an Richard StraußSalome (1905) und Elektra (1909). Das von Janácek vertonte Drama Gewitter von Alexander Ostrowskij von 1860 wurde für die 1921 uraufgeführte Oper erheblich verdichtet und gestrafft, der Wortlaut dennoch meist beibehalten. Sehr viel schärfer als die Dramenvorlage schildert die Oper die psychische Disposition Katjas, die permanent in Angst lebt (hier in der Renata im fast zeitgleich entstandenen Werk Der feurige Engel von Sergej Prokofiew sehr nahe): Angst vor sich selbst, vor den eigenen Abgründen, vor der eigenen Schwäche, vor der Gesellschaft. Janácek liebt seine Figur und schenkt ihr als einziger lange ausgesungene Kantilenen, während die anderen Gestalten meist entweder grob daherpoltern oder drauflosschwatzen. Die Sympathien mit einer Ehebrecherin werden musikalisch subtil in raffinierten Klangfarben komponiert, so dass die teilweise durchaus schroffe Partitur viele abrupte Wechsel und damit ein sehr waches Orchester erfordert.

Theater Bern / Katja Kabanowa v.l.: Johanni van Oostrum als Katerina (Katja) Kabanova, Andries Cloete als Tichon Ivanytsch Kananov, Todd Boyce als Kuligin und Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha)© Annette Boutellier

Theater Bern / Katja Kabanowa v.l.: Johanni van Oostrum als Katerina (Katja) Kabanova, Andries Cloete als Tichon Ivanytsch Kananov, Todd Boyce als Kuligin und Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha) © Annette Boutellier

Wie wird diese Konstellation nun in Bern auf die Bühne gebracht? Wir sehen (Bühne: Martina Segna) ein Theater auf dem Theater; Zuschauer sind manchmal nur ein einzelner (Todd Boyce als Kuligin, der im Stück seit Jahrzehnten die Wolga betrachtet und hier wie in Brechts epischem Theater einen manchmal ironischen Kommentar liefert), manchmal auch der ganze Chor. Auf der Bühne tauchen Marionetten auf; überdimensionierte, unbewegliche Köpfe haben sie und singen. Großes Lob den Solisten für die choreographische Präzision, mit der die marionettenhaften Bewegungen umgesetzt wurden – ganz besonders an Toos van der Wal als Glascha. In der nächsten Szene schwingen sich die ersten Marionetten über den Rand ihrer Bühne und verwandeln sich in die einzelnen Menschen, um die das Drama kreist. Das namenlose Dorf an der Wolga ist ökonomisch vom boshaften Fabrikanten Dikoj (Andreas Daum, der die Riesenhände seiner Marionette lange anbehält) abhängig. Die Familie der Kabanows ist ihrerseits der herrischen Kabanicha unterworfen, deren Sohn Tichon mit Katja verheiratet ist. Tichon (stimmlich und szenisch stark von Andries Cloete gegeben) interessiert sich weniger für seine Frau als für den Alkohol. Als sich die Gelegenheit zu einer Reise ergibt, ist er froh, seiner Mutter zu entkommen und ohne seine Frau tagelang ungestört trinken zu können. Im Hause lebt noch die Pflegetochter der Kabanicha namens Warwara (Eleonora Vacchi), die zwar noch nicht verheiratet ist, aber doch eine Liebschaft mit Kudrjasch (Nazariy Sadivskyy) pflegt und Katja überhaupt erst auf die Idee bringt, die Abwesenheit des Ehemannes für ein Abenteuer zu nutzen. Die Dialoge zwischen Katja und Warwara leben vom charakterlichen Kontrast zweier junger Frauen mit unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben (wie Elektra und Chrysothemis bei Strauss oder später Blanche und Constance bei Poulenc in den Dialogues des Carmélites).

Die Abreise Tichons wird zu einem Demütigungsritual seitens der Kabanicha, wie es Dmitri Schostakowitsch 1934 in der Lady Macbeth von Mzensk zwischen Katerina Ismailova und ihrem Schwiegervater Boris ganz ähnlich zeigt: Die Frau muss dem eigentlich widerstrebenden Ehemann öffentlich Treue schwören. In beiden Stücken dauert es keine halbe Stunde, bis dieser Schwur gebrochen wird. Doch ist Katja hier selbst nicht unbeteiligt, denn sie möchte zunächst Tichon auf der Reise begleiten (was dieser sichtlich nicht will) und dann wenigstens ihm das Versprechen geben müssen, dass sie keinen anderen auch nur anschauen wird. Tichon findet seine Frau hier wohl etwas albern, die Kabanicha platzt in die Szene und nötigt ihren Sohn dazu, jetzt doch den Eid zu fordern. Die Musik macht die zerrütteten Zustände ebenfalls deutlich: Als das Muttersöhnchen Tichon genötigt ist, von Liebe zu sprechen, blitzt im Orchester das Motiv der Kabanicha auf.

Theater Bern / Katja Kabanowa hier vorne: Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha), Andreas Daum als Savjol Prokofjewitsch Dikoj © Annette Boutellier

Theater Bern / Katja Kabanowa hier vorne: Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha), Andreas Daum als Savjol Prokofjewitsch Dikoj © Annette Boutellier

Ohne Tichon sehen wir Katja und Warwara mit ihren bunten Kopftüchern der Kabanicha folgen. Das nächtliche Treffen der Frauen mit ihren Liebhabern verläuft seltsam pragmatisch: Katja ist auf Boris aufmerksam geworden, einen Neffen des Dikoj, Warwara arrangiert das Treffen (jetzt ohne Kopftücher). Beide meinen, sie seien ineinander verliebt, Katja ringt mich sich, aber man wird sich „einig“, wie es heißt. Zehn Tage später kehrt Tichon zurück, unerwartet früh. Katja, in Angst vor dem niedergehenden Gewitter, gesteht vor der Gesellschaft ihren Fehltritt. Der Chor sitzt als Publikum vor der Puppenbühne, wir sehen Katjas Marionette (mit Kopftuch) und vorne Katja selbst (ohne Kopftuch). Psychologisch gesehen besonders interessant ist der Moment, als die Marionette ihrerseits ihre Bühne verlässt und mit Katja einen angedeuteten (inneren) Kampf ausficht. Katja, die sich ihre Sünde nicht verzeihen kann, stürzt sich in die Wolga und stirbt – hier verschwindet sie wenig spektakulär hinter der Marionettenbühne. Tichon trauert, die Kabanicha hingegen herrscht ihn an, er solle lieber erleichtert sein und dankt – auf einmal freundlich – den Umstehenden für ihre Hilfe beim Herausziehen der Leiche.

Katja kämpft nicht mit ihrem Mann. Sie sucht auch nicht die Konfrontation mit ihrer Schwiegermutter (ganz anders als Elektra, deren schrankenlose Aggression gegenüber Klytämnestra den Kern der Strauss’schen Oper bildet). Über Boris, ihren Liebhaber, erfahren wir so gut wie nichts, außer dass er nach der Entdeckung des Skandals von Dikoj nach Sibirien geschickt wird und sich nicht auflehnt. Gesanglich ist sein Part dennoch beachtlich, und Alessandro Liberatore absolviert die Rolle mit kraftvoller Stimme, die auch die Höhen gut meistert. Die zentralen Partien sind gleichwohl die der Kabanicha und der Katja: Ursula Füri-Bernhard verkörpert die garstige Schwiegermutter so, dass keine Wünsche offenbleiben. Die „Giftspritze“, die manche Inszenierungen aus ihr machen, ist sie nicht, eher eine ältere Dame, die die Konventionen der dörflichen Gesellschaft verkörpert und den Schein nach außen um jeden Preis wahren will. Die Hauptrolle liegt in den Händen eines Gastes, nämlich der Südafrikanerin Johanni van Oostrum, die in nächster Zeit in Deutschland und Österreich auch als Marschallin, Elsa und Salome zu erleben sein wird. Die musikalischen Anforderungen der Partie meistert sie scheinbar spielend, und auch szenisch wirkt sie glaubhaft. Eine Stimme, die man gerne häufiger in Bern hören möchte!

Im Vergleich zur Freiburger Lesart wird in Bern weniger auf die Verkommenheit der Gesellschaft fokussiert als auf den psychologischen Konflikt; auch ist der Einsatz szenischer Mittel deutlich reduziert. Der fast filmischen Bilderwelt in Freiburg steht in Bern eine innere Perspektive gegenüber. Die aus Buchstabentafeln zusammengesetzten Textkommentare, die Kuligin immer wieder neu arrangiert, sind hierbei meist verzichtbar; die Zahlen 23,1 und 69,1-33 deuten hingegen offensichtlich auf die Psalmen: Katja erzählt aus ihrer Kindheit, wie gerne sie in die Kirche ging (vgl. Ps. 23,1: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“) – und quält sich selbst ob ihrer Sünden, wie auch in Psalm 69 geklagt wird („Gott, hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Seele.“). Beide szenischen Varianten können als geglückt bezeichnet werden und beleuchten unterschiedliche Facetten eines komplexen Werks, das in Bern ohne Pause gegeben wurde (und mit etwa 80 Minuten Spieldauer auch problemlos ohne Unterbrechung gezeigt werden kann).

Im Graben war ein für die Dimensionen des Hauses großes Orchester am Werk. Das Berner Symphonieorchester wurde von seinem Chefdirigent Musiktheater geleitet, dem Bielefelder Kevin John Edusei. In einem eher kleinen Haus Janácek zu zeigen, ist ein Wagnis, und tatsächlich wurde es manchmal laut; auch hätte man sich in manchen Momenten eine stärkere Abstufung der Pianograde gewünscht. In der ersten Szene singen die Solisten von der etwas zurückgesetzten Marionettenbühne und durch ihre Pappmachéköpfe, wobei sie vom Orchester manchmal zugedeckt wurden. Dennoch überzeugte die Präzision im Zusammenspiel der Musiker, für die der Dirigent am Ende vom Publikum gefeiert wurde. Dem Berner Haus ist zu danken, dass es sich an Leoš Janáceks Katja Kabanowa gewagt hat, und man würde ihm wünschen, dass das Publikum bei den ausstehenden Vorstellungen noch zahlreicher strömt.

Katja Kabanowa am Theater Bern: Die folgenden Termine 19.6.; 27.6.2018

—| IOCO Kritik Stadttheater Bern |—

Bern, Theater Bern, Live-Aufnahme von Norgards „Der göttliche Tivoli“ vom Stadttheater Bern CD bei Dacapo Records erschienen

Februar 15, 2010  
Veröffentlicht unter Pressemeldung, Stadttheater Bern

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Presseinformation

Stadttheater Bern

 Live-Aufnahme von Norgards „Der göttliche Tivoli“ vom Stadttheater Bern
CD bei Dacapo Records erschienen

Erstmals überhaupt ist eine Opernproduktion des Stadttheaters Bern auf CD aufgenommen worden. Das dänische Label „Dacapo Records“ hat die zeitgenössische Oper „Der göttliche Tivoli“ des dänischen Komponisten Per Norgard, die am 19. September 2008 im Rahmen des Festivals „Biennale Bern“ im Stadttheater zur Premiere gekommen ist, herausgebracht.

Die CD ist unter dem Titel „Per Norgard – The Divine Circus“ als Live-Aufnahme erscheinen. Das dänische Label „Dacapo Records“ mit Sitz in Kopenhagen hat sich mit Aufnahmen von zeitgenössischen Komponisten einen Namen gemacht. Von Per Norgard sind bei „Dacapo“ bisher rund ein Dutzend Aufnahmen veröffentlicht worden.

Der 1932 geborene Norgard hat „Der göttliche Tivoli“ nach Texten des Berner Künstlers Adolf Wölfli geschrieben. Die Oper wurde 1983 im dänischen Arhus uraufgeführt und kam 2007 in Lübeck erstmals in Deutschland auf die Bühne, als Koproduktion mit dem Stadttheater Bern. Dirigent der Aufnahme ist Dorian Keilhack, erster Kapellmeister am Stadttheater Bern.

In „Der göttliche Tivoli“ begegnen sich Figuren der Erinnerung und der Phantasie von Wölfli in verschiedenen Identitäten und Lebensabschnitten. Reale und imaginierte Szenen und Gestalten gehen ineinander über. Auch in der Partitur spiegelt der Komponist das Chaos und die Idylle, welche Wölflis Leben und sein Werk ausmachen. Norgard verwendet für die Komposition ein Instrumentarium mit einem Cello, einem Synthesizer und sehr viel Schlagzeug.

Pressemeldung Stadttheater Bern

Bern, Stadttheater Bern,PREMIERE Auf ein Wort Uraufführungen Freitag, 29. Januar 2010

Januar 25, 2010  
Veröffentlicht unter Premieren, Pressemeldung, Stadttheater Bern

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Presseinformation

Stadttheater Bern

PREMIERE

Auf ein Wort / Ballett / Uraufführungen
Freitag, 29. Januar, 19.30 Uhr, Vidmar:1

Nach dem Ballettklassiker „Julia und Romeo“ mit der Musik von Sergej Prokofjew im Stadttheater zeigen Cathy Marston und ihr Bern:Ballett in den Vidmarhallen als zweite Produktion ihrer dritten Spielzeit in Bern einen Ballettabend mit vier Uraufführungen. Die künstlerischen Handschriften der vier Choreographen sind sehr unterschiedlich. Zusammen gehalten werden die vier Stücke durch das vorgegebene Thema „Bewegung und Text“.

Der neue Ballettabend ist nicht nur ein Kontrastprogramm zu „Julia und Romeo“, sondern will gleichzeitig einen Beweis für die Vielseitigkeit des Tanzensembles liefern. Die vier neuen Kreationen werden für die Tänzer und Tänzerinnen des Bern:Balletts von drei Gastchoreographen sowie von Cathy Marston selber geschaffen.

Das verbindende Element der vier Arbeiten ist, wie der Titel andeutet, die Sprache, das Wort, der Text, mit dem die vier Choreographen sehr unterschiedlich umgehen. Die Musik kommt ab Band; stammt bei der Kreation von Cathy Marston jedoch zudem live von der Berner Beatboxerin Steff la Cheff und der St. Galler Sopranistin Mélanie Adami.

Bitte bestellen Sie Ihre Pressekarten bis zum 26. Januar bei beat.glur@stadttheaterbern.ch. Anfragen unter 031 329 51 05 oder 079 333 65 10.

Besetzung

„Auf ein Wort“
Vier Choreographien
Uraufführungen

Choreographie Corinne Rochet
Medhi Walerski
Cathy Marston
Mark Bruce
Bühne Raphaël Barbier
Kostüme Catherine Voeffray
Beatboxerin Steff la Cheffe
Sopran Mélanie Adami

Bern:Ballett – das Ballett des Stadttheaters Bern

Die Uraufführungen:

• Des fois, je… Comment dire…, – Uraufführung
Choreographie: Corinne Rochet / Musik: Nicholas Pettit

• Words failed me – Uraufführung
Choreographie: Medhi Walerski / Musik: Glenn Branca u.a.

• And our faces vanish like water – Uraufführung
Choreographie: Cathy Marston / Musik: Dave Maric
Live-Musikerinnen: Steff La Cheffe, Mélanie Adami

• Crimes of passion – Uraufführung
Choreographie: Mark Bruce / Musik: Desert Sessions, PJ Harvey
Bern:Ballett – das Ballett des Stadttheaters Bern

Dauer 85 Minuten, eine Pause

Die Stücke

Des fois, je… Comment dire…,
Uraufführung
Choreographie Corinne Rochet
Musik Nicholas Pettit: „Nappe 1“
Spieldauer 15 Minuten
Erstbesetzung: Jenny Tattersall
Paula Alonso
Erick Guillard
Gary Marshall
Zweitbesetzung: Emma Lewis / Julie Philpott
Martina Langmann
Erion Kruja
Jianhui Wang / James Henson
Corinne Rochet setzt sich mit den Schwierigkeiten auseinander, die wir damit haben, uns in den Beziehungen zu anderen Menschen richtig auszudrücken. Wie die richtigen Worte finden? Gibt es Raum für Unsicherheit? Für Ungeschicklichkeit? „Mein Mund spricht Worte, aber es ist mein Körper, der die Gefühle mit Macht ausdrückt“, so sieht es die Choreographin. Das Stück entsteht bei jeder Aufführung zum Teil neu, da die vier Tänzer einige Szenen innerhalb bestimmter Vorgaben improvisieren.

Seit 14 Jahren lebt und arbeitet die aus Frankreich stammende Choreographin Corinne Rochet in der Schweiz. 2003 gründete sie ihr eigenes Ensemble „Utilité Publique“. Erstmals arbeitet sie nun für das Bern:Ballett.

Words failed me

Uraufführung

Choreographie Medhi Walerski
Musik Glenn Branca: Symphonie Nr. 1 (Ausschnitte aus dem 1. Satz), Alpha: „Sometimes later“, Hildur Gudnadottir: „Unveiled“
Text Medhi Walerski, gesprochen von Bruce McCormick
Spieldauer 30 Minuten
Tänzerinnen: Paula Alonso
Martina Langmann
Emma Lewis
Jenny Tattersall
Izumi Shuto
Hui-Chen Tsai
Tänzer: Erick Guillard
Ilan Kav
Erion Kruja
Gary Marshall
Denis Puzanov
Jianhui Wang
Cover: Julie Philpott, James Henson
Die Aufgabe, sich mit Text zu beschäftigen, habe Medhi Walerski zunächst fast frustriert, sagt er. Emotionen konnte er immer besser mittels Bewegung als durch Worte ausdrücken. Doch je länger er nach geeigneter Musik forschte und sich mit Liedern und Liedtexten beschäftigte, desto mehr fiel ihm auf, dass der Sprache selbst auch eine Art von Bewegung inne wohnt. Die hat er sich bei der Erarbeitung der Choreographie zunutze gemacht. „Etwas Neues hat sich für mich geöffnet“, war seine Erfahrung.

Der französische Choreograph Medhi Walerski wurde vor allem durch seine Zeit als Tänzer beim „Nederlands Dans Theater“ geprägt; inzwischen wirkt er dort mit grossem Erfolg als Choreograph. Sein Stil ist lyrisch, humorvoll und mit Sinn für theatralische Effekte.

And our faces vanish like water

Uraufführung

Choreographie Cathy Marston
Musik Dave Maric (Auftragskomposition)
Musikerinnen (live) Steff La Cheffe (Beatboxerin)
Mélanie Adami (Sopran)
Spieldauer 15 Minuten
Erstbesetzung: Martina Langmann
Emma Lewis
Izumi Shuto
Hui-Chen Tsai
Jenny Tattersall
Ilan Kav
Erion Kruja
Gary Marshall
Jianhui Wang

Zweitbesetzung: Paula Alonso
Julie Philpott
Erick Guillard
James Henson
Denis Puzanov
„Beim Zappen durch die TV-Kanäle während eines Hotelaufenthaltes in Österreich stolperte ich über die Darbietungen der Beatboxerin Steff La Cheffe. Ich war ziemlich beeindruckt und habe ein bisschen nachgeforscht, wer sie ist. Als ich feststellte, dass sie aus Bern stammt, habe ich mit ihr Kontakt aufgenommen. Dies führte zu der Auftragserteilung an Dave Maric für ein Werk für sie und eine klassisch ausgebildete Opernsängerin. (…) Wir haben zudem J. L. Borges‘ Gedicht „The Art of Poetry“ (im Original: „Arte Poética“, 1960) einige Zeilen entnommen. Der Text beschäftigt sich mit der Zeit, Poesie, den Künsten allgemein und dem Dahinfliessen. Es passt wunderbar zu der faszinierenden Metamorphose, welcher der Tanz und die Musik unterliegen: kein Stil bleibt je ‚rein‘, bei jeder Interpretation erfährt er eine Veränderung.“ (Cathy Marston)

In Cathy Marstons eigenen Beitrag fliesst das Element der Sprache durch kurze Textauszüge ein, die Dave Maric in seine Komposition einwebt; ausserdem ist die menschliche Stimme präsent: Die Beatboxerin Steff La Cheffe und die Mezzosopranistin Mélanie Adami begleiten das Stück live.

Crimes of passion

Uraufführung

Choreographie Mark Bruce
Musik Desert Sessions: „I’m Here for Your Daughter“, „Powered Wig Machine“, „Holey Dime“, „A Girl Like Me; PJ Harvey: „Broken Harp“, „No Child Of Mine“, „Shame“; Queens Of The Stone Age: „Feel Good Hit Of The Summer“
Spieldauer 25 Minuten
Tänzerinnen/Tänzer Bern:Ballett – das Tanzensemble des Stadttheaters Bern
Mark Bruce choreographiert häufig anhand von Liedern mit Text. Bei diesem Stück für vierzehn Tänzer baute er aus Songs von den Desert Sessions, von PJ Harvey und den Queens Of The Stone Age einen vielschichtigen Klangraum, den er mit Versatzstücken aus den unterschiedlichsten Quellen füllt. Mithilfe der Tänzer und einigen Requisiten lässt er eine surreale Traumwelt entstehen, in der sich Elemente wiederfinden, die u.a. dem Varieté, dem Vaudeville und gar dem amerikanischen Cheerleading entsprungen sind. Doch nichts ist, wie es scheint, und als Zuschauer rätselt man, ob man amüsiert oder verstört reagieren soll…

Mark Bruce stammt aus Grossbritannien. Er steht für ein betont physisches Tanzvokabular. Seine erste Arbeit mit dem Bern:Ballett bezieht das gesamte Ensemble mit ein.

Sprache im Tanz

Auf der Suche nach Modernität in den darstellenden Künsten ist es ein konstantes Bemühen, den Tanz als eine direktere und natürlichere Möglichkeit der Kommunikation neu zu definieren. Sprache galt in diesem Zusammenhang oft als unzulängliches Mittel des Austausches. Der Körper hingegen scheint wahrhaftiger in seinem Ausdruck und klarer, als Worte es je sein könnten. Allerdings ist es nicht so, dass die Bewegungskunst universal gleich verständlich ist. Zwar fehlt die Sprache als trennendes Moment. Doch die Ästhetik im Tanz ist, je nachdem, wo er entsteht und gesehen wird, sehr unterschiedlich geprägt. Dazu kommen Fragen wie: Handlung – ja oder nein? Soll/darf Tanz abstrakt sein? Ist das Tänzerbild in jedem Herkunfts- und Zielland dasselbe? Ist der Humor überall verständlich, der ja nicht nur der Sprache, sondern auch der Bewegung inbegriffen sein kann? Und so stossen Choreographen immer wieder auf die Frage: Kann Sprache nicht doch sogar vermittelnd eingreifen? Die individuellen Strategien für die Verwendung von Sprache im Tanz unterscheiden sich naturgemäss enorm. Das Ringen um das richtige Verhältnis zwischen Bewegung und Text dauert an.

Vor diesem Hintergrund bewegt sich das Programm „Auf ein Wort“. Den eingeladenen Choreographen (und sich selbst) hat die Ballettleiterin Cathy Marston aufgegeben, etwas zum Thema „Bewegung und Sprache“ zu entwerfen. Die Tänzer des Bern:Balletts arbeiten mit vier Künstlern von sehr unterschiedlichem Werdegang zusammen, die – zumindest im Kontext dieser Programmvorgabe – auf der Suche nach der für sie richtigen Balance zwischen Tanz und Sprache sind. Der eine lässt Sprache nur als Liedtext von verwendeter Musik in eine Produktion einfliessen und macht sich so eher den atmosphärischen Gehalt von Text zunutze. Der nächste lässt hingegen Tänzer selber sprechen und weist der Sprache einen bedeutsameren Platz innerhalb des Stückes zu. Die Vielseitigkeit der choreographischen Konzepte erweitert das Spektrum der Fähigkeiten bei den Tänzern und ermöglicht dem Publikum gleichzeitig eine Reise durch die unterschiedlichsten Tanzsprachen.

Choreographie

Corinne Rochet stammt aus Frankreich. Von 1986 bis 1989 absolviert sie eine Ausbildung bei Anne-Marie Porras. 1990 schliesst sie sich der Compagnie Rehda in Frankreich an und tanzt für viele berühmte Choreographen. Vor 14 Jahren siedelte sie in die Schweiz über. Von 1995 bis 2002 war sie Tänzerin bei der Compagnie Philippe Saire, die letzten drei Jahre davon wirkte sie als seine Assistentin. Danach arbeitete sie für die Association au VIIe Ciel – Arthur Kuggeleyn, für Alias (2002-2005), für Nicole Seiler und für Fabienne Berger. Seit 1995 unterrichtet sie auf regelmässiger Basis professionelle Compagnien wie etwa die Cie. Philippe Saire, Alias, Linga und das Bern:Ballett. 2001 gründet sie „The Marchepied“, ein Trainingsprogramm für zeitgenössischen Tanz. Seit 2003 ist sie Choreographin des Kollektivs „Utilité Publique“.

Medhi Walerski, 1979 in Frankreich geboren, erhielt seine Tanzausbildung am Conservatoire Supérieure in Paris. Er studierte klassisches Ballett, Modern Dance und Improvisation. Danach tanzte er beim Ballet der Opéra de Paris, beim Ballet der Opéra de Nice und beim Ballet du Rhin in Mulhouse. 2001 wurde er Ensemblemitglied des Nederlands Dans Theater. Dort machte er mit ersten Choreographien auf sich aufmerksam. Mit „Moume the Frenchman“ entstand ein Werk, das ihn erstmals breit bekannt machte. Mit „Mammatus“ gelang ihm im Februar 2008 ein weiterer Erfolg, gefolgt im Herbst 2008 von „Underneath“. Seit Sommer 2009 arbeitet Medhi Walerski als freischaffender Choreograph. Neben der Arbeit für das Bern:Ballett ist er eingeladen, im Mai 2010 eine Produktion für das Göteborg Ballett zu machen.

Die Engländerin Cathy Marston erhielt ihre Ausbildung zur Ballett-Tänzerin an der Royal Ballet Upper School. Anschliessend zog sie mit einem Engagement beim Zürich Ballett in die Schweiz. 1996 wechselte sie an das von Richard Wherlock geleitete Luzerner Ballett, und schliesslich verbrachte sie ein Jahr beim Berner Ballett. 2000 kehrte sie nach London zurück, um freiberuflich als Choreographin und Tänzerin zu arbeiten. In den folgenden Jahren choreographierte sie etwa für das Royal Ballet, das English National Ballet, das Ballett Basel, die Danza Contemporanea Cuba oder das Washington Ballett. 2002 wurde sie zur künstlerischen Mitarbeiterin des Royal Opera House (ROH) in London berufen. Neben ihrer Tätigkeit als Tänzerin trat sie daneben etwa bei der Henri Oguike Dance Company oder der Arc Dance Company auf. Am ROH entwarf sie vier Abendprogramme für das Linbury Theatre des ROH, darunter eine Adaption von Ibsens „Gespenster“ (Ghosts). Nach ihrer Zeit beim Royal Opera House gründete Marston ihre eigene Compagnie „The Cathy Marston Project“. Seit August 2007 ist Marston Leiterin des Bern:Ballett, wo sie eigene Choreographien erarbeitet und Werke anderer Choreographen vorstellt. Daneben setzt sie ihre Arbeit im Ausland fort. 2008 etwa kreierte sie eine Adaptation des Dickens-Romans „A Tale of Two Cities“ für das britische Northern Ballet Theatre.

Mark Bruce absolvierte seine tänzerische Ausbildung u.a. bei Rosas (B), Introdans (NL), Extemporary Dance Theatre (GB) und DJazzex (NL). 1991 gründete er die The Mark Bruce Company, für die er von 1991 bis 1997 zahlreiche Choreographien schuf. 2005 entstanden Stücke zur Clore Studio Summer Collection des Royal Opera Houses London, 2006 Bad History für den Place Prize. Im September 2006 wurde Sea of Bones im Merlin Theatre, Frome, Somerset, uraufgeführt. Mark Bruce ist auch im Schauspielbereich aktiv, beteiligt war er v.a. an mehreren Produktionen für das Royal Exchange Theatre in Manchester. Ausserdem führte er Regie bei Thick von Rick Bland (Edinburgh Fringe Festival). Mehrere Bühnenprojekte entstanden in Kooperation mit den Multimediakünstlern Ruth Gibson & Bruno Martelli (Igloo Productions). Mark Bruce komponiert selbst, macht Kurzfilme und unterrichtet. Mit seiner eigenen The Mark Bruce Company entsteht zur Zeit ein neues, abendfüllendes Werk, dass im Laufe des Jahres 2010 uraufgeführt wird.

Pressemeldung Stadttheater Bern

Bern, Stadttheater Bern, «La Bohème im Hochhaus» – Das Gespräch»

September 28, 2009  
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Stadttheater Bern

Presseinformation

«La Bohème im Hochhaus» – Das Gespräch»

Am Dienstag, 29. September 2009, zeigt SF die aussergewöhnliche Opern-inszenierung «La Bohème im Hochhaus» live aus dem Berner Gäbelbachquartier.
Im Anschluss an die Fernsehübertragung diskutiert Judith Hardegger mit Studio-gästen über dieses einmalige Opernereignis. Mit von der Partie sind die Schweizer Dirigentin Graziella Contratto, der Berner Rocksänger Polo Hofer und der Kultur-unternehmer Martin Heller.

Am Dienstagabend, 29. September 2009, ab 20.05 Uhr, verwandeln sich die Wohnblocks des Berner Gäbelbachquartiers in eine Bühne für Puccinis Oper «La Bohème». Nach dem preisgekrönten Grosserfolg von «La Traviata im Hauptbahnhof» wagt sich das Schweizer Fernsehen erneut an eine aussergewöhnliche Liveübertragung.

Warum ausgerechnet Bern Bethlehem als Schauplatz für die «Bohème»? Was geschieht mit der Oper, wenn sie nicht im Opernhaus, sondern mitten im Alltag gewöhnlicher Menschen stattfindet? Welche Herausforderungen stellt dieses Projekt an die Hausbewohner, die Sänger und das im nahe gelegenen Einkaufszentrum Westside untergebrachte Orchester? Darüber diskutiert Judith Hardegger im Anschluss an die Liveübertragung mit der Dirigentin Graziella Contratto, dem Rocksänger Polo Hofer und dem Kulturunternehmer Martin Heller. Dazwischen gibt es Highlights des Abends, Zuschauerreaktionen und einen Blick hinter die Kulissen der Grossproduktion.

«La Bohème im Hochhaus» – das SF Kulturereignis live
Eine Hochhaussiedlung im Gäbelbachquartier in Bern Bethlehem: strenge Fassaden,
250 Wohnungen pro Haus – Menschen aus mehr als 20 Nationen. In diese multikulturelle Vorstadtwelt bricht die Oper ein. Das Fernsehpublikum erlebt das Pathos von «La Bohème» nicht – wie bei «La Traviata im Hauptbahnhof» – am öffentlichsten Ort der Schweiz, sondern am privatesten: in den Mietwohnungen eines Berner Hochhausquartiers, denn dort werden die Opernsängerinnen und -sänger auftreten; das Orchester spielt im benachbarten Einkaufszentrum Westside. Drei prominente Moderatoren führen von verschiedenen Standorten aus durch «La Bohème im Hochhaus»: Sandra Studer (SF), Michel Cerrutti (TSR) und Alice Tumler (Arte) präsentieren die Livesendung.

Pressemeldung Stadttheater Bern

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