Basel, Theater Basel, Der Spieler von Sergej Prokofiew, IOCO Kritik, 29.3.2018

März 31, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Basel

Theater Basel

Theater Basel - Grosses Haus © Sandra Then

Theater Basel – Grosses Haus © Sandra Then

Der Spieler von Sergej Prokofiew

 Die Sinnlosigkeit der Existenz – Auf den Punkt gebracht

Von Julian Führer

Fjodor Dostojewski schrieb Romane, die auch heute noch berühmt sind und (hoffentlich) gelesen werden: Die Brüder Karamasow, Schuld und Sühne, Der Spieler. Sergej Prokofiew komponierte Musik, die es (mit Peter und der Wolf) bis in die Kinderzimmer und (mit Romeo und Julia) bis in die Fernsehwerbung geschafft hat. Wenn also Prokofiew einen Dostojewski-Stoff vertont, sollte doch der Erfolg vorprogrammiert sein, sollte man meinen. Doch weit gefehlt: Prokofiews Version von Der Spieler, seine erste Oper, lag nach der Vollendung 1917 ein Jahrzehnt in der Schublade, wurde 1929 in Brüssel in einer revidierten Fassung uraufgeführt und anschließend so gut wie vergessen. Erst in den letzten Jahren zeigten die Opernhäuser in Frankfurt, Mannheim und St. Petersburg sowie die Wiener und die Berliner Staatsoper das Stück, das nun, im Jahr 2018, in Basel seine Schweizer Erstaufführung erlebte.

Theater Basel / Der Spieler - hier : Grigorian _Kuban_ Ensemble @ Priska Ketterer

Theater Basel / Der Spieler – hier : Grigorian _Kuban_ Ensemble @ Priska Ketterer

Bei dieser Schweizer Erstaufführung kam die revidierte (Brüsseler) Fassung zum Zuge, anders als 1929 wurde aber im russischen Original gesungen. Das Personal wurde von Regisseur Vasily Barkhatov aus Dostojewskis imaginärem Roulettenburg in ein anonymes Hostel verlegt, stilecht mit einsamer Bushaltestelle, anonymen Zimmern und kalter Waschküche (Bühne: Zinoy Margolin). Das mehrstöckige Bühnenbild (Foto) zeigt uns parallel die einzelnen Zimmer der Figuren und die Wohnung des Generals, so dass es immer viel zu sehen gibt. Die Bühnentechnik leistet hier Erstaunliches, wenn innerhalb kürzester Zeit das Hostel verschwindet und die folgende Szene einen anderen Schauplatz hat. Auch sonst ist das Thema des Spielens um Geld weniger dominant als in der Romanvorlage und bei Prokofiew. Das Roulette ist hier vor allem eine Projektion; wichtiger ist der Regie die heute wohl verbreitetste Art des Spielens um Geld, das einsame Sitzen am Computer. Das ist weniger glamurös, es gibt weniger mondäne Begegnungen im Casino (doch hatte schon Dostojewski die spielsüchtige Gesellschaft buchstäblich seziert und sie als leere Fassade vor heruntergekommenen Individuen gezeigt). Auch wenn mitunter mit der Brechstange modernisiert wird, entwickelt sich das Stück in dieser Sicht doch schlüssig. Auch am Roulettetisch gewinnt und verliert jeder für sich allein.

Theater Basel / Der Spieler - hier : Zatta_ Golovnin_ Henschel @ Priska Ketterer

Theater Basel / Der Spieler – hier : Zatta_ Golovnin_ Henschel @ Priska Ketterer

Die Personen sind diesem aktualisierenden Konzept angepasst. Der arrogante Marquis (Rolf Romei) ist eine schmierige Gestalt, die dem Sohn des Generals auf der Straße Drogen verkauft. Alexej (Dmitry Golovnin) ist tatsächlich Hauslehrer bei den Kindern des Generals, die aber lieber an einem Großbildschirm Mortal Kombat spielen. Der General (Pavlo Hunka) hat als einziger eine Wohnung, in der zwar keine persönlichen Gegenstände zu sehen sind, die aber immerhin über eine Küche verfügt, in der er sich mit umgebundener Schürze etwas kocht (passt das zur Figur des Generals?). Baron Würmerheim (Andrew Murphy) ist hier der Hausmeister des Hostels (womit die von Alexej ausgesprochene ehrverletzende Bemerkung noch weniger nachvollziehbar wird als ohnehin schon). Der reiche Engländer Mr. Astley (Pavol Kuban) tritt etwas in den Hintergrund, er sitzt meist in einem Tonstudio und kommt eher als Stichwortgeber vor. Die Halbweltdame Blanche (Kristina Stanek), die den General nach Strich und Faden ausnimmt, ist wie kaum anders zu erwarten etwas nuttiger angezogen als die anderen. Dennoch ist sie weniger profiliert als im Roman, da Prokofiew den Epilog gestrichen hat, in dem Blanche mit dem zu Geld gekommenen Alexej nach Paris durchbrennt und dort in kürzester Zeit alles verjubelt, was ihr nie gehört hat. Die psychologisch wohl interessanteste Figur ist Polina (Asmik Grigorian), Stieftochter des Generals, die mit dem Marquis eine Affäre hatte und in die Alexej hoffnungslos verliebt ist. Wir sehen sie hier als attraktive, voll im Leben stehende Frau, die sich ihrer eigenen Gefühle nicht klar wird und die ebenso freudlos in der Wartehalle des Lebens steht wie die anderen auch. Alle Solisten beherrschen ihre Rollen und stellen sie glaubhaft dar.

Einen starken Auftritt hat die Babulenka, die reiche Tante des Generals. Während alle auf ihren Tod und eine üppige Erbschaft hoffen, platzt sie auf einmal ins Geschehen hinein, beschenkt die ganze Familie mit billigen Russland-Devotionalien und verkündet rundheraus, sie werde dem General kein Geld geben oder hinterlassen und sei im übrigen quicklebendig. Dieser Theatereffekt verfehlt auch hier seine Wirkung nicht, zumal Jane Henschel der Figur optisch und stimmlich große Präsenz verleiht.

Theater Basel / Der Spieler - hier: Ensemble @ Priska Ketterer

Theater Basel / Der Spieler – hier: Ensemble @ Priska Ketterer

Prokofiew hält sich eng an die Romanvorlage; das Libretto lehnt sich an die sehr dialogische Form bei Dostojewski an. Auch bei Prokofiew gibt es französische und deutsche Einsprengsel, aber keine Arien. Als melodisch kann man die Komposition nicht bezeichnen; der Komponist arbeitet mit einem Verweissystem, das bestimmten Situationen eine bestimmte Instrumentierung zuweist, die im Laufe des Stückes wiederkehrt. Es kommt zu erheblichen Klangballungen, zu laut wird es aber nie. Das Orchester spielt eine ganz entscheidende Rolle und wird von Modestas Pitrenas souverän geleitet. Die scharfe Rhythmik und manche Klangfarben erinnern an den jungen Schostakowitsch der Lady Macbeth von Mzensk, die Schroffheit der Nase oder auch der Ballettmusiken Prokofiews wird hier (noch) nicht erreicht. Die Kontraste und fahlen Abgründe, die Prokofiew in Der feurige Engel gestaltete, scheinen ihm hier noch nicht zur Verfügung gestanden zu haben.

Die Schlüsselszene (abgesehen vom Hereinbrechen der Babulenka) ist die große Spielszene kurz vor dem Ende, als Alexej mit hohem Risiko spielt, um Polina Geld zu verschaffen. Der Zuschauer sieht etwa ein Dutzend Gesichter als Videoprojektion in Großaufnahme, die angestrengt in einen Bildschirm zu schauen scheinen; in der obersten Ebene der Bühne sind drei Croupiers an Spieltischen zu sehen – ohne Mitspieler, aber mit einer auf sie gerichteten Kamera, in die monoton (und von Prokofiew psychologisch brillant in Musik gesetzt) „Faites vos jeux“, „Rien ne va plus“ und das Resultat gesagt werden. Diese Szene ist lang, und dass Alexej sich inmitten der projizierten Riesengesichter auf einem kleinen Sofa vor seinem Bildschirm in seinen Gewinn hineinsteigert, lässt den äußeren Anlass der Geschichte, die Spielsucht, etwas in den Hintergrund treten. Die Inszenierung legt vielmehr offen, wie hier jede Person für sich ist, egoistisch handelt, abgeschlossen von den anderen Menschen und vom Rest der Welt ist, einer Welt, in der man aus nichtigem Grund Beleidigungen ausspricht, in kurzer Zeit ein Vermögen macht oder sich ruiniert – was eigentlich keinen Unterschied macht, da die Existenz ohnehin sinnlos scheint.

Ein starker Abend, dem man für die noch ausstehenden Vorstellungen viele Zuschauer wünscht.

Der Spieler im Theater Basel,  weitere Vorstellungen 7.4.; 14.4.; 25.4.; 21.5.; 23.5.; 28.5.; 9.6.; 12.6.; 15.6.; 17.6.2018

Basel, Theater Basel, Elektra – Vom Schaukelpferd zur Schlächterin, IOCO Kritik, 22.01.2018

Januar 23, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Basel

Theater Basel

Theater Basel - Grosses Haus © Sandra Then

Theater Basel – Grosses Haus © Sandra Then

Elektra von Richard Strauss

“Vom Schaukelpferd zur Schlächterin”

Von Julian Führer

Die Inszenierung von Frank Bösch wurde bereits in Antwerpen und Gent (Vlaamse Opera) sowie in Essen (Aalto-Theater) gezeigt und hatte nun am 12. Januar 2018 auch in Basel Premiere – die vierte Spielstätte für die Deutung eines der zentralen Werke der Opernliteratur des beginnenden 20. Jahrhunderts. Ist diese Version tatsächlich so bedeutend, dass man sie an mehreren Häusern präsentieren sollte?

Der Bühnenraum zeigt zwei große Türflügel, die sich nach hinten öffnen und die aufgetan werden, wenn Klytämnestra und Aegisth die Tore des Palastes von Mykene durchschreiten. Die Wände des Bühnenbilds (Patrick Bannwart, Maria Wolgast) sind schmutzig, vor allem aber blutig. Jemand (sicher Elektra) hat in Riesenlettern „Mama, where is Papa“ geschrieben (Englisch wegen der Premiere in Antwerpen?). Im linken Bühnenbereich sind etliche Grablichter zu sehen, rechts ein Bett: Wir befinden uns bei Elektra. Am und im Bett stehen Kindersachen, unter anderem ein Schaukelpferd.

Elektra ist hier jung, sogar sehr jung, pubertär. Die einzigen Männer, die sie kennt, sind ihr ermordeter Vater und ihr Bruder, der nicht heimkehrt. Emotional ist sie einerseits verkümmert, andererseits brodelt es in ihr. Ihre maßlose Aggression wendet sie gegen ihre Mutter, gegen Aegisth, verbal aber auch gegen ihre Geschwister und gegen sich selbst, wenn sie sich mit einer Gartenschere verletzt, und gegen ihre Puppe, die sie grausam zurichtet. Sie tritt mit einem Bild auf, das Vater (Agamemnon) und Tochter in glücklichen Kleinkindzeiten zeigt. Das wirkt schlüssig – wenn Elektra dann am Ende ihres Monologs („und glücklich ist, wer Kinder hat, die um sein hohes Grab so königliche Siegestänze tanzen!“) dann fröhlich über die Bühne hopst, schon deutlich weniger. Vielleicht zeigt es auch die noch kindliche Elektra, die ihren Gefühlen keinen anderen Ausdruck geben kann – was man der Hofmannsthalschen Sprache allerdings kaum abnimmt.

Chrysothemis ist ein paar Jahre älter als sie, trägt ein Kleid und schminkt sich. Wie schon bei Strauss bleibt diese Figur auch in dieser Inszenierung vergleichsweise am blassesten. Sie will ein Leben führen, das wir als „normal“ bezeichnen würden: „Kinder will ich haben, bevor mein Leib verwelkt. […] Ich bin ein Weib und will ein Weiberschicksal“. Das ist natürlich weniger dramatisch als die blutrünstigen Rachevisionen der Elektra.

Theater Basel / Elektra von Richard Strauss - hier vl _ Rachel Nicholls ist Elektra, Ursula Hesse von den Steinen ist Klytemnestra © Sandra Then

Theater Basel / Elektra von Richard Strauss – hier vl _ Rachel Nicholls ist Elektra, Ursula Hesse von den Steinen ist Klytemnestra © Sandra Then

Das Zusammentreffen Elektras mit ihrer Mutter Klytämnestra ist sicherlich ein Höhepunkt des Abends. Zu Klytämnestras Auftritt fallen gehäutete Opfertiere vom Bühnenhimmel; die Vertraute und die Schleppträgerin vertäuen ihre Herrin dann mit den Tierkadavern, so daß Klytämnestra am Tropf der Tiere hängt, was die Phrase „und folg’ ich dir nicht und schlachte, schlachte, schlachte Opfer und Opfer“ gut illustriert. Optisch sind diese Requisiten recht dominant und schränken auch die Bewegungsfreiheit Klytämnestras erheblich ein. Mutter und Tochter halten hier Distanz, auch wenn Elektra ihr Sätze wie „sausend fällt das Beil, und ich steh’ da und seh’ dich endlich sterben!“ an den Kopf wirft. Da befällt den Rezensenten etwas Wehmut, der in seiner ersten Elektra erlebte, wie Gwyneth Jones furienhaft ihrer Bühnenmutter Leonie Rysanek buchstäblich an die Gurgel ging.

“Wer schlachtet ein Opfertier im Schlaf?”

Nach dem Beil muß hier nicht gegraben werden, Elektra holt es von der Seite. Es wird viel damit hantiert, nur gibt sie es nicht dem Orest – das leuchtet nicht recht ein, ist die Wiedererkennungsszene mit ihrem Bruder doch eigentlich lang genug. Orest versteckt sich im Kapuzenmantel; daß die Geschwister sich nicht erkennen, ist schon in anderen Inszenierungen meist nicht schlüssig gelöst, so auch hier. Aegisth wird in seinem kurzen Auftritt als schmieriger Lover gezeichnet und dann – anders als die wie vorgesehen außer Sichtweite gemordete Klytämnestra – vor den Augen des Publikums von Orest niedergemacht und umgehend (warum eigentlich?) von der Bühne geschleift. Die Regie läßt Elektra danach fröhlich umherhüpfen und Konfetti regnen. Das zeigt wohl die Perspektive Elektras, wirkt aber trotzdem etwas übertrieben. Zu Elektras Tanz am Ende fließen 300 Liter Theaterblut von oben die Wände herab; auch hier ist der Zeitpunkt nicht ganz einleuchtend. Der Schluß (Bläserakkorde in es-Moll im Piano, dazu die Partituranweisung Elektra fällt zusammen“Elektra liegt still“) wird erheblich beeinträchtigt, wenn Elektra zum Piano fröhlich in die Hände klatscht. Dreizehnjährige Mädchen können manchmal nerven.

            Manche Details wirken wie eine Erklärung für die Entwicklung, daß „Regietheater“ bei manchen als Schimpfwort gilt – muß Elektra wirklich zu einem Piano des Orchesters (nach „nun denn – allein!“) lautstark mit einer Kettensäge hantieren? Muß man wirklich das Ende jeder Oper umkehren? Hier etwa schneidet sich Orest die Pulsadern auf. Das verleiht den „Orest! Orest!-Rufen der Chrysothemis, den letzten gesungenen Worten der Oper, etwas unmittelbar Beklemmendes, aber warum wendet sich das Orchester in diesem Moment dann zu einem C-Dur im Fortissimo?

Theater Basel / Elektra von Richard Strauss - hier Michael Kupfer-Radecky als Orest, Rolf Romei als Aegisth © Sandra Then

Theater Basel / Elektra von Richard Strauss – hier Michael Kupfer-Radecky als Orest, Rolf Romei als Aegisth © Sandra Then

Dargestellt wird der Backfisch Elektra von Rachel Nicholls. Sie wirkt auf der Bühne glaubhaft sehr jung, ist aber auch kein hochdramatischer Sopran. Die Inszenierung hilft ihr, aber die manchmal wüste Dramatik der Partitur kann sie nicht zur Gänze verkörpern. Wenn Elektra tatsächlich als so jung aufgefaßt wird wie hier, sind manche ihrer Handlungen in der Tat glaubhafter als bei Sängerinnen, die schon seit vielen Jahren in Bayreuth singen. Wie Stimme und Regie teilweise sehr gut zusammenfanden, zeigt sich, als Elektra in der Annahme, Orest sei tot, Chrysothemis überzeugen möchte, den Rachemord an der Mutter gemeinsam mit ihr zu begehen. Chrysothemis entwindet sich mit den Worten „Ich kann nicht“ ihrer Schwester und läuft davon, Elektra schleudert ihr „Sei verflucht“ hinterher – zwei lange halbe Noten auf dem hohen B. Birgit Nilsson, Hildegard Behrens und andere haben viel Aggression in diese Phrase gelegt, Rachel Nicholls läuft Chrysothemis noch halb hinterher, bricht in der hinteren Bühnenmitte zusammen und weint diesen Satz eher in sich hinein.

Chrysothemis (Pauliina Linnosaari) sang wenig textverständlich, lieferte aber eine solide Leistung. Klytämnestra (Ursula Hesse von den Steinen) gestaltete ihre Rolle mit viel gut verständlichem Sprechgesang, wie er in der Partie auch angelegt ist. Manchmal waren ihre Worte fast geflüstert. In dieser Lesart ist Klytämnestra keine ältere oder gar alte Frau, sondern vielleicht vierzig Jahre alt und daher durchaus energisch. Man muß diese Partie nicht mit einer Hochdramatischen besetzen, die aus dem Brünnhilden-Fach herausgewachsen ist. Michael Kupfer-Radecky als Orest, Rolf Romei als Aegisth sowie die Mägde und die anderen kleinen Rollen brachten gute Ensembleleistungen.

Theater Basel / Elektra von Richard Strauss - hier Rachel Nicholls ist Elektra © Sandra Then

Theater Basel / Elektra von Richard Strauss – hier Rachel Nicholls ist Elektra © Sandra Then

Erik Nielsen, Musikdirektor am Theater Basel, dirigierte ein sehr großes Orchester, das nur in den Streichern etwas verschlankt war. Die vielen Musiker fanden im Graben kaum Platz, so daß Schlagwerk und schweres Blech halb unter der Bühne saßen. Der Klang war von Bayreuth dennoch weit entfernt. Nielsen hat sich, sicherlich auch mit Rücksicht auf das Basler Sängerensemble, gegen eine musikalische Gewaltorgie entschieden. Packend war das Ineinandergreifen von Klytämnestras Sprechgesang und dem Pianissimo des Riesenorchesters im Monolog „Was ist denn ein Hauch?“, der den Alpdruck der Mutter fühlbar machte. Das erste echte Fortissimo galt erstaunlicherweise erst dem Pfleger des Orest („Seid ihr von Sinnen, daß ihr euren Mund nicht bändigt“), dessen Auftritt mit starken Pauken eingeleitet wird. Einzelne Passagen wurden fast ins Endlose zerdehnt (Elektras Anruf an Agamemnon in ihrem Anfangsmonolog zu den gehaltenen Bläserakkorden in b-Moll), auch Orests „Ich muß hier warten“ – selbst wenn die Partitur hier „langsam und feierlich, noch etwas langsamer als vorher“ vorschreibt. Nach dem zweiten Schrei Klytämnestras brüllte das Orchester auf, und in der Folge wurden Tempo und Dynamik sehr angezogen, so daß sich die Klänge fast überschlugen, mitunter zu Lasten der Präzision im Detail. So wurde die Perspektive der Elektra wohl auch im Graben gewahrt. Nielsen gilt als ein Spezialist für dieses Repertoire, was an verschiedenen Passagen auch deutlich wurde; die Gesamtlesart vermochte noch nicht restlos zu überzeugen. Der gewaltige Schlussakkord (es-Moll – C-Dur) allerdings gelang sehr präzise und lähmte das Publikum während mehrerer Sekunden, bevor es in freundlichen, sich steigernden Applaus ausbrach.

Basel, Theater Basel, Blume von Hawaii – Paul Abraham, IOCO Kritik, 17.01.2018

Januar 17, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Operette, Theater Basel

Theater Basel

Theater Basel - Grosses Haus © Sandra Then

Theater Basel – Grosses Haus © Sandra Then

Die Blume von Hawaii von Paul Abraham

“Rasante Revue mit doppeltem Boden”

Von Julian Führer

Sollte man Operetten spielen? Seichte Stücke mit oft etwas albernen Dialogen, von Sängern mehr oder weniger talentiert gesprochen – oder von Schauspielern dargeboten, die dann Mühe haben, die einzelnen Musiknummern hinter sich zu bringen? Sollte man ein Stück spielen, dessen Libretto Perlen bereithält wie „Hier auf den schönen Südseeinseln / muss man nicht die Lippen pinseln“?

Man sollte, und zwar unbedingt! Gerade die Stücke, die aus den unterschiedlichsten Gründen irgendwann aus dem Repertoire gefallen sind und irgendwann einmal großen Erfolg hatten, halten oft wahre Schätze bereit. Einen dieser Schätze hat das Theater Basel gehoben und Frank Hilbrich damit betraut, Paul Abrahams Die Blume von Hawaii zu inszenieren. Das Stück selbst wurde Anfang der 1930er Jahre in Deutschland aufgeführt, wurde dann aber alsbald wegen Abrahams jüdischer Herkunft nicht mehr gespielt.

Theater Basel / Blume von Hawaii - hier das Glander Vokal Ensemble © Sandra Then

Theater Basel / Blume von Hawaii – hier das Glander Vokal Ensemble © Sandra Then

Frank Hilbrich und sein Team (Bühne: Volker Thiele; Kostüme: Gabriele Rupprecht) haben sich für einen einheitlichen Bühnenraum entschieden. Der sehr starke Freiburger Ring des Nibelungen, der 2006-2010 entstand, hatte ebenfalls auf dieser Zusammenarbeit beruht. Die drei Akte der Operette, die eigentlich „vor einer Villa in Honolulu“, im „Saal im Königspalast in Honolulu“ und „in einer chinesischen Bar in Monte Carlo“ spielen, werden im großem Salon einer Villa gezeigt; vielleicht ein Palast in alt-amerikanischem Stil. In diesem großen Salon stehen links und rechts veritable Showtreppen zur Verfügung. Exotische Pflanzen hängen darin herab, jedoch sind diese welk und vielleicht schon etwas faulig.

In der Basler Inszenierung entschied man sich gegen professionelle Sänger, sondern für Schauspieler, welche sich über die Choreographie, die Darstellungskraft des Ensembles profilieren, weniger über die Stimme. Zudem werden die Stimmen verstärkt. Das Resultat ist nicht immer befriedigend, zumal sich die Verstärkung an verschiedenen Plätzen im Haus unterschiedlich auswirkt. Bei schnellen Liedern nehmen die Schauspieler den Besucher mit deutlich artikuliertem Sprechgesang für sich ein, problematisch sind die lyrisch sanften Kantilenen bei hohen Tönen. Abrahams Partitur hat genaue Anweisungen zur Dynamik, die vom Orchester auch exakt beachtet werden, bei den Stimmen führt die elektronische Verstärkung leider zu einem Dauerforte.

Theater Basel / Blume von Hawaii - hier Pia Händler als Prinzessin Laya und Elias Eilinghoff als Kapitän © Sandra Then

Theater Basel / Blume von Hawaii – hier Pia Händler als Prinzessin Laya und Elias Eilinghoff als Kapitän © Sandra Then

Die Handlung der Operette ist nahezu unerheblich, auch wenn sie tatsächlich einen realen Bezug zur Machtpolitik der damaligen USA in 1895 hat: Die Amerikaner haben den Aufstand der hawaiianischen Königin Liliuokalani gebrochen, die Prinzessin Laya von Hawaii lebt nun weit weg, in Paris. Um die Eroberung von Hawaii abzusichern, will der amerikanische Gouverneur seine Nichte mit einem hawaiianischen Prinzen verheiraten. Mit einem Schiff landen Kapitän Stone, ein Jazzsänger und die als Sängerin Susanne Provence inkognito reisende Prinzessin Laya in Honolulu. Heiratspläne werden geschmiedet und wieder fallengelassen, die Amerikaner als hinterhältig gezeichnet. Am Ende trifft man sich in Monte Carlo, und es werden diverse Ehen geschlossen, allerdings anders als anfangs geplant.

Die gesprochenen Dialoge zeigen in  manchmal etwas platten Klischees die Amerikaner als wenig sympathisch (ein bißchen wie Puccinis Madama Butterfly) und skrupellos. Die Texte “beißen sich” so mit unverändert gebliebenen Gesangsstücken. Ein Bezug auf König Amanullah (bis 1929 König von Afghanistan) lässt wohl die meisten Zuhörer ratlos. Eine Nummer kurz vor Schluss (in dieser Inszenierung von Mario Fuchs nur in verstümmelter Form dargeboten) steckt voller scharfer Gesellschaftskritik auf dem Stand von 1930 unter unmittelbarem Eindruck der hereinbrechenden Weltwirtschaftskrise und der Krise der Weimarer Republik: “Ist man insolvent, nur lachen! / Quatscht das Parlament, nur lachen! / Völkerbund, auch ein Grund, daß die Welt lacht! Wir wollen lustig sein, lustig sein, denn das kostet kein Geld!” Hier verweist die Operette auf ihre Zeit und darüber hinaus. An dieser Stelle bleibt das ungenutzt. Auch das nachdenklich-anklagende „Niggerlied“ zu Beginn des dritten Aktes wurde fallengelassen.

Bei vielem anderem wird mit Lust chargiert und das überdrehte Moment des Stückes mit Lust vorgeführt. Die Showelemente werden mit Lichtkegeln unterstützt, zu den großen Schlagern fährt die Discokugel herab, und der Damenchor (manchmal auch die Herren) wedelt mit dem Baströckchen. Die große Sinnsuche ist hier fehl am Platze. Der Kapitän (Elias Eilinghoff) schmettert (häufig leicht bis schwer angetrunken, doch immer in C-Dur) „Wo es Mädels gibt, Kameraden, fühlt der Seemann sich überall zu Haus“, und die strammen Jungs vom Vokalensemble salutieren dazu in Tarnfleckhemden und strahlendweißen Unterhosen.

Theater Basel / Blume von Hawaii - hier Katja Jung als Bessi © Sandra Then

Theater Basel / Blume von Hawaii – hier Katja Jung als Bessi © Sandra Then

Frank Hilbrich und sein Team haben einmal mehr Zugang zu einem Stück gefunden und bringen ihre Sicht auf das Werk konsequent auf die Bühne. Einzig der dritte Akt, der auch in der Vorlage etwas abfällt, bleibt in der gekürzten Version bruchstückhaft. Die Protagonisten werden wie Exponate einer völkerkundlichen Schau in Vitrinen auf die Bühne gefahren und bleiben auf sich gestellt. Statt in einer Massenhochzeit endet das Stück in dieser Lesart eher plötzlich. Endlich einen Mann gefunden hat jedenfalls Bessi (Katja Jung), die tanzfreudig wie Marika Rökk in einem UFA-Film und mit Mut zum Trash wie Trude Herr die Bühne ausfüllt. Jim Boy (Vincent Glander), um seine letzte Shownummer gebracht, vermisst man am Ende: kostümiert wie Freddie Mercury und geschminkt wie ein Stummfilmstar, agiert er mimisch, gestisch und sprachlich auf einem Niveau, das Opernsänger kaum je erreichen. Sein Foxtrot „Ich muss Mädeln seh’n“ ist mitreißend. Laya (Pia Händler) muss sich entscheiden und zieht den Kapitän schließlich dem Prinzen Lilo-Taro vor: „Er liebt mich tiefer, denn er liebt mich unglücklich.“ Was sie selber will, ist ihr wohl weit weniger klar.

Das auf 16 Musiker reduzierte Orchester unter Oliver Rudin liefert abwechselnd süffige und rasante Begleitung dazu. Natürlich darf ein Banjo bei einer Hawaii-Operette nicht fehlen, ebenso nicht Pentatonik als Exotik verheißender kompositorischer Trick. Das Orchester ist Teil des Bühnengeschehens, zum Teil spielt es hinter der Bühne, dann wird es hineingedreht und spielt im Salon der Villa zwischen den beiden Showtreppen.

Braucht man Aufführungen von „In meiner kleinen, netten Garçonniere, / Da gibt es Sekt, Bonbons und auch Liköre?” Unbedingt! Die Blume von Hawaii bediente 1931 den Geschmack und die Stimmung der Zeit, in ihrer Exotik. Die hinreißende Musik von Paul Abraham mit ihren lebendigen Rhytmen, die packenden Showelemente der Inszenierung am Theater Basel waren stimmungsgeladen und reizvoll. So dankte das Publikum mit herzlichem Beifall.

 

Basel, Theater Basel, Premieren und Sonderveranstaltungen – Februar 2018

Theater Basel

Theater Basel © Sandra Then

Theater Basel © Sandra Then

Premieren, Sonderveranstaltungen im Februar

Am Do 8. Februar 2018 feiert um 19.30 Uhr das wohl bekannteste Schauspiel von Bertolt Brecht mit Musik von Kurt Weill auf der Grossen Bühne Premiere: Die Dreigroschenoper. Gemeinsam mit dem Schauspielensemble des Theater Basel untersucht der Regisseur und Drehbuchautor Dani Levy zusammen mit dem Dirigenten Johannes Kalitzke «Die Dreigroschenoper» auf ihre nicht zu leugnende Aktualität. Es spielt die Basel Sinfonietta.

Das Ballett Peer Gynt von Johan Inger mit Musik von Edvard Grieg, Pjotr I. Tschaikowsky und Georges Bizet wird ab 15. Februar um 19.30 Uhr für drei Termine auf der Grossen Bühne wiederaufgenommen. Es tanzt das Ballett Theater Basel.

Am Di 6. und Mi 7. Februar findet auf der Kleinen Bühne um jeweils 19 Uhr der jährlich stattfindende Meisterkurs für die Mitglieder von OperAvenir statt. In diesem Jahr wird die irische Mezzosopranistin Ann Murray ihr Erfahrung an die jungen Sänger_ innen weitergeben. Das Publikum ist herzlich eingeladen, mitzuerleben, wie Ann Murray mit dem jungen Ensemble arbeitet.

Die dritte Ausgabe der Diskussionsreihe über Demokratie «Lasst uns reden» ist dem Thema der Eidgenössischen Volksinitiative «Ja zur Abschaffung der Radio und Fernsehgebühren (Abschaffung der Billag-Gebühren)» gewidmet. Am 13. Februar diskutieren Expert_innen mit Daniel Binswanger um 19.30 Uhr im Foyer Grosse Bühne.

Mit dem Konzert «when stars make a revolution real» des bildenden Künstlers Filip Markiewicz verabschiedet sich der Klub Roter Oktober am 15. Februar um 21 Uhr aus der Monkey Bar und beendet die künstlerische Auseinandersetzung mit dem 100jährigem Jubiläum der Oktoberrevolution.


PREMIERE IM FEBRUAR


DO 8. Februar 2018, 19.30 Uhr, Grosse Bühne
Premiere   DIE DREIGROSCHENOPER
Schauspiel von Bertolt Brecht mit Musik von Kurt Weill

Nach John Gays The Beggar’s Opera, Übersetzt aus dem Englischen von Elisabeth Hauptmann

Musikalische Leitung: Johannes Kalitzke, Inszenierung: Dani Levy, Bühne & Video: Jo Schramm, Kostüme: Jana Findeklee, Joki Tewes

Mit Jonas Anders, Elias Eilinghoff, Vincent Glander, Paula Hans, Pia Händler, Florian Jahr, Thomas Reisinger, Myriam Schröder, Cathrin Störmer,Thiemo Strutzenberger, Ingo Tomi Es spielt die Basel Sinfonietta. Eine Produktion von Schauspiel und Oper

Mit der Moritat von Mackie Messer und weiteren legendären Songs eröffnet «Die Dreigroschenoper» ein neues Genre des musikalischen Theaters. Kurt Weill verbindet Elemente aus Tango, Jazz und Jahrmarktsmusik und erschafft eine musikalische Sprache, die mit Mitteln der Unterhaltung Kritik an sozialen Verhältnissen übt. In Bertolt Brechts rasanter Bearbeitung der «Beggar’s Opera» stehen einander zwei Prototypen einer kapitalistischen Ordnung gegenüber: Macheath, genannt Mackie Messer, Chef eines Londoner Gangsterunternehmens, und Jonathan Peachum, Besitzer der Firma Bettlers Freund. Der Mensch als Produkt sozialer und ökonomischer Verhältnisse ist bestechlich und der Liebe zum Trotz sich selbst der Nächste. Brecht zeigt die bürgerliche Gesellschaft als verbrecherisch und die unbedingte Notwendigkeit ihrer Veränderung. Der Regisseur und Drehbuchautor Dani Levy untersucht gemeinsam mit dem Dirigenten und Komponisten Johannes Kalitzke «Die Dreigroschenoper» auf ihre nicht zu leugnende Aktualität.


WIEDERAUFNAHME IM FEBRUAR


DO 15. Februar 2018, 19.30-21.50 Uhr, Grosse Bühne
PEER GYNT,  Ballett von Johan Inger. Musik von Edvard Grieg, Pjotr I. Tschaikowsky, Georges Bizet,   Uraufführung

Choreografie: Johan Inger, Bühne: Curt Allen Wilmer, Kostüme: Catherine Voeffray, Licht: Tom Visser,  Es tanzt das Ballett Theater Basel

Mit Musik vom Tonband (Tonaufnahme des Budapest Symphony Orchestra)

In diesem Ballett werden Ibsens Figuren zu Protagonisten der Tanzwelt. Johan Ingers Peer begegnen auf seiner Reise allerhand kuriose Gestalten: Ballerinen auf Spitze, expressive Trolle, ein biegsamer Krummer und der Ikea-Mann.


UNSERE EXTRAS IM FEBRUAR


Neuer Termin: SO 4. Februar 2018, 11 Uhr, Foyer Grosse Bühne

MATINÉE ZU « DIE DREIGROSCHENOPER

Mit der legendären «Moritat von Mackie Messer» und 21 weiteren Songs eröffnet «Die Dreigroschenoper» ein neues Genre des musikalischen Theaters. In Bertolt Brechts rasanter Bearbeitung der «Beggar’s Opera» stehen zwei Prototypen einer kapitalistischen Ordnung einander gegenüber: Mackie Messer, charismatischer Chef eines Londoner Gangsterunternehmens, und Jonathan Peachum, Besitzer der Firma Bettlers Freund. Vor der Premiere gibt das künstlerische Team Einblicke in die Konzeption und Mitglieder des Ensembles werden das Foyer mit Kurt Weills Ohrwürmern zum Klingen bringen.


DI 6. & MI 7.Februar 2018, jeweils 19 Uhr, Kleine Bühne

OperAvenir  MEISTERKURS – ANN MURRAY

Einer der Höhepunkte der Saison ist für die Mitglieder von Oper-Avenir der jedes Jahr stattfindende Meisterkurs. In diesem Jahr wird die irische Mezzosopranistin Ann Murray ihr Wissen und ihre Erfahrungen an die jungen Sänger_ innen weitergeben. Sie ist weltweit – von Hamburg bis New York – auf allen namhaften Opernbühnen zu Hause und wurde 1998 von der Bayerischen Staatsoper mit dem Titel Bayerische Kammersängerin ausgezeichnet. Das Publikum ist herzlich eingeladen, hautnah mitzuerleben, wie Ann Murray mit dem jungen Ensemble an der Weiterentwicklung seines eigenen Klangs, seiner Partieninterpretation und seiner Bühnenpräsenz arbeitet.


DI 13. Februar 2018, 19.30 – 21 Uhr, Foyer Grosse Bühne

LASST UNS REDEN!    Diskussionsreihe über Demokratie
Moderation: Daniel Binswanger

Die Eidgenössische Volksinitiative «Ja zur Abschaffung der Radio und Fernsehgebühren (Abschaffung der Billag-Gebühren)» löste in den letzten Wochen heftige Diskussionen aus. Ist sie das Ende des Service public und der unabhängigen Berichterstattung? Oder werden damit lediglich die sogenannten «Zwangsgebühren» abgeschafft? Wir möchten zwei Wochen vor dem Abstimmungssonntag mit Ihnen sowie mit Expert_innen, Befürworter_innen und Gegner_innen über die Absichten und die Konsequenzen dieser Initiative debattieren. Diskutieren Sie mit uns, denn auch Ihre Stimme zählt!


MO 26. Februar 2018, 20 Uhr, Monkey Bar, Klosterberg 6

OPERETTENCOUCH

Die Jiddische Operette: Abraham Goldfaden (1840 – 1908) und seine Folgen

Musikalische Leitung & Klavier: Stephen Delaney, Konzept & Moderation: Pavel B. Jiracek Mit Solist_Innen des Opernensembles
Die jiddische Operettentradition ist fast in Vergessenheit geraten – und ist doch ein wichtiger Baustein der Gattung Operette! Als einer ihrer Gründerväter gilt der «jiddische Shakespeare» Abraham Goldfaden mit seinen biblischen Operetten, darunter «Bar Kochba», «Shulamit» und «Die Opferung Isaaks». Zum Auftakt des Purimfestes 2018 begibt sich die Operettencouch auf Spurensuche: sie zeichnet den Weg der jiddischen Operette vom Schtetl zum Broadway nach und stellt in der lockeren Atmosphäre der Monkey Bar einige der Werke Abraham Goldfadens und seiner Nachfolger_ innen vor – darunter Autoren und Komponisten wie Joseph Rumshinsky, Abraham Ellstein, Alexander Olshanetsky und Sholom Secunda.


MONKEY BAR KLUB ROTER OKTOBER

Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution steht die Monkey Bar am Klosterberg 6 noch bis Februar im Licht des roten Sterns.


MO 5. Februar 2018, 19.30 Uhr

SAWINKOW UND SCHKLOWSKIJ

In der letzten Ausgabe des Lesezimmers mit Prof. Dr. Thomas Grob vom Slavischen Seminar der Uni Basel stehen zwei Autoren im Mittelpunkt, die nicht nur zunächst glühende Befürworter der Revolution waren, sondern auch amtierende Vertreter der provisorischen Regierung nach dem Sturz des Zaren. Während der Terrorist Boris Sawinkow schliesslich gegen die Bolschewiki in den Krieg zog, war Schklowskij in der jungen Sowjetunion Professor für Kunstgeschichte, bevor er als Sozialrevolutionär in Ungnade fiel.


MI 7. Februar 2018, 21 Uhr

IRAN 1917: SENTIMENTALE REISE
Von Viktor Schklowskij
Szenische Einrichtung: Anne-Kathrine Münnich, Ausstattung: Birte Wallbaum
Mit: Florian von Manteuffel

Die Grossmacht Russland hält den Norden des Iran besetzt und spielt die verschiedenen Volksgruppen der Region gegeneinander aus. Ein Szenario, das wir heute unter veränderten Vorzeichen kennen. Viktor Schklowskijs Bericht seiner Erlebnisse als Kommissar der russischen Armee führt uns eindringlich die Willkür und Absurdität, den «Missklang der Kriege und Revolutionen», wie Majakowskij schreibt, vor Augen. Ausgehend von diesem Tatsachenbericht von 1917 begeben wir uns in den vergangenen hundert Jahren auf Spurensuche.


DO 15. Februar 2018, 21 Uhr

WHEN STARS MAKE A REVOLUTION REAL

Der bildende Künstler Filip Markiewicz, der vergangene Spielzeit die Performance «Fake Fiction» im Schauspielhaus gezeigt hat, kommt mit dem neuen Album seines Musik-Alter-Egos Raftside zurück nach Basel: «Empty Star» entstand im Sommer 2017 nach den gewaltsamen Protesten während des G20-Gipfels in Hamburg. Er verbindet Songwriting der 60er-Jahre und Electro Synth Pop der 80er-Jahre, Surfrock-Gitarren und Electro Sampling.


UNSER REPERTOIRE


AMPHITRYON
Schauspiel nach dem Lustspiel von Heinrich von Kleist nach Molière
Inszenierung: Julia Hölscher, Bühne: Paul Zoller, Kostüme: Janina Brinkmann, Musik: Martin Gantenbein
Mit: Mario Fuchs, Urs Peter Halter, Pia Händler, Florian Von Manteuffel, Nicola Mastroberardino, Leonie Merlin Young
Was passiert, wenn man plötzlich seinem Doppelgänger Auge in Auge gegenübersteht und dieser einem die Identität abspricht? Sosias, der Diener des thebanischen Feldherrn Amphitryon, reagiert auf diese Begebenheit mit selbstbewusstem Pragmatismus. Er ist sich seiner selbst sicher. Weniger selbstbewusst reagiert der Feldherr, als er siegreich von der Schlacht gegen die Athener heimkehrt und von seiner Gattin Alkmene vernehmen muss, dass sie die vergangene Nacht vermeintlich zusammen verbracht haben. Die Eheleute geraten in eine tiefe Vertrauenskrise, die für Amphitryon in einer Identitätskrise kulminiert.


DAS ENDE VON EDDY
Schauspiel nach dem gleichnamigen Roman von Édouard Louis
Inszenierung: Thiemo Strutzenberger; Bühne: Marion Menziger, Choreografie: Javier Rodríguez Cobos
Mit: Vincent Glander, Javier Rodríguez Cobos
«Das Ende von Eddy» erzählt die Geschichte einer Sozialisation in prekären, bildungsfernen Verhältnissen, die von Brutalität geprägt ist. Am Ende aber steht eine zarte Utopie, die die Möglichkeit eines Ausbruchs aus sozialen Zuschreibungen und einer Emanzipation aufzeigt.


DAS RECHT DES STÄRKEREN
Schauspiel von Dominik Busch
Uraufführung/Auftragswerk
Entstanden im Rahmen des Autor_innenförderprogramms «Stück Labor»

Inszenierung: Felicitas Brucker, Bühne: Viva Schudt, Kostüme: Katrin Wolfermann, Video: Arved Schultze
Mit: Carina Braunschmidt, Nicola Fritzen, Steffen Höld, Orlando Klaus, Lisa Stiegler

Fieberhaft arbeitete die junge Dokumentarfilmerin Nadja Studer an ihrem neuesten Projekt: Zwischen Kolumbien und der Schweiz versucht sie, filmisch die verschlungenen Praktiken eines multinationalen Rohstoffkonzerns nachzuvollziehen.


DER REVISOR ODER: DAS SÜNDENBUCH
Komödie von Lukas Linder nach Nikolai Gogol
Uraufführung/Auftragswerk
Inszenierung: Cilli Drexel, Bühne: Christina Mrosek; Kostüme: Janine Werthmann, Musik: Elia Rediger
Mit: Andrea Bettini, Mario Fuchs, Vincent Glander, Franziska Hackl, Barbara Horvath, Katja Jung, Chor: Verena Bossard, Tina Glauser, Esther Meier, Karin Ochsner, Sibil Rossi, Meret Zimmermann
Aus Angst, den gewohnten Wohlstand zu verlieren, schotten sich die Bürger_innen im reichen und pittoresken Dorf, das der Schweizer Dramatiker Lukas Linder für sein neustes Stück erfindet, konsequent ab. Zudem gaukeln sie allen Neuankömmlingen – und seien es noch so ahnungslose Touristen – den desolaten und verwahrlosten Zustand ihrer Gemeinde vor. Eine bewusste Taktik, um die «Fremden» schon bei der Ankunft freiwillig zur Abreise zu bewegen.


DIE SCHWARZE SPINNE
Schauspiel nach der Novelle von Jeremias Gotthelf
Inszenierung: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl,
Musik: Jörg-Martin Wagner
Mit: Urs Peter Halter, Steffen Höld, Martin Hug, Myriam Schröder, Lisa Stiegler, Cathrin Störmer, Simon Zagermann; Camille Émaille (Musikerin)
Gotthelf vereint in seiner berühmten Novelle biedermeierliche Moralpredigten mit futuristischen Horrorszenarien. An welche Werte die Erzählung heute appelliert, untersucht der Regisseur Tilmann Köhler in seiner Adaption für die Bühne und die Jetztzeit.


ELEKTRA
Oper von Richard Strauss
In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung: Erik Nielsen, Inszenierung: David Bösch, Bühne: Patrick Bannwart, Maria Wolgast, Kostüme: Meentje Nielsen, Licht: Michael Bauer, Chor: Michael Clark,
Mit: Ursula Hesse von den Steinen, Rachel Nicholls, Pauliina Linnosaari, Rolf Romei, Michael Kupfer-Radecky, Domen Križaj, Evelyn Meier, Matthew Swensen, José Coca Loza, Mona Somm, Sofia Pavone, Anastasia Bickel, Kristina Stanek, Sarah Brady, Hailey Clark Chor des Theater Basel
Es spielt das Sinfonieorchester Basel.

Eine Produktion der Opera Vlaanderen und des Aalto Theater Essen, Neueinstudierung für das Theater Basel
Was geschieht mit Kindern, die in einer schuldbeladenen Familie aufwachsen und deren Vater von der eigenen Mutter und ihrem Geliebten ermordet wurde? Während Chrysothemis die Augen vor der Vergangenheit verschliesst, denkt Elektra nur an eines: Rache. Doch dafür braucht sie ihren Bruder Orest. Mit beklemmenden und hochemotionalen Bildern lässt der deutsche Regisseur David Bösch die Traumata einer Familie sichtbar werden. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Musikdirektors Erik Nielsen.


ESTHER. EINE GESCHICHTE VOM BRUDERHOLZ
Uraufführung
Ein Monolog nach dem Roman «Der barmherzige Hügel» von Lore Berger in einer Fassung von Katrin Hammerl
Inszenierung & Ausstattung: Katrin Hammerl, Video: Tabea Rothfuchs

Mit: Leonie Merlin Young
Die Basler Autorin Lore Berger stürzte sich im Alter von 21 Jahren vom Wasserturm auf dem Bruderholz in den Tod. Hinterlassen hat sie ihren ersten und einzigen Roman «Der barmherzige Hügel», welcher 1944 postum veröffentlicht wurde. Ein erschütterndes und zugleich berührendes Zeugnis einer selbstbestimmten jungen Frau, die mit kühnem Blick das Gesellschafts- und Studentenleben in Basel zwischen 1938 und 1943 seziert.


LA CENERENTOLA (ASCHENPUTTEL)

Oper von Gioachino Rossini in italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung: Daniele Squeo, Inszenierung: Antonio Latella, Bühne: Antonella Bersani, Kostüme: Graziella Pepe, Choreografie: Francesco Manetti, Licht: Simone De Angelis, Chor: Michael Clark, Mit: Vasilisa Berzhanskaya, Juan José de León, Vittorio Prato, Tassos Apostolou, Andrew Murphy, Sarah Brady, Anastasia Bickel

Chor des Theater Basel

Es spielt das Sinfonieorchester Basel.

In seiner komischen Oper «La Cenerentola» erzählt Gioachino Rossini die berühmte Geschichte vom Aschenputtel, das von seinen boshaften Stiefschwestern tagein, tagaus gedemütigt wird und sich trotzdem vom «hässlichen Entlein» zum schönen Schwan entwickelt. Der italienische Regisseur Antonio Latella, Theaterintendant der Biennale Venedig und mit seinen Arbeiten bereits mehrfach am Theater Basel zu sehen, setzt sich mit einem der italienischen Opernklassiker schlechthin auseinander.


LA TRAVIATA
Oper von Giuseppe Verdi
In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Musikalische Leitung: Titus Engel, Inszenierung: Daniel Kramer, Choreografie: Teresa Rotemberg, Bühne: Lizzie Clachan, Kostüme: Esther Bialas, Licht: Charles Balfour, Chor: Michael Clark

Mit: Corinne Winters (Violetta Valéry), Pavel Valuzhin (Alfredo Germont), Ivan Inverardi (Giorgio Germont), Karl-Heinz Brandt (Gastone), Kristina Stanek (Flora Bervoix), Anastasia Bickel (Annina), Domen Križaj (Barone Doupholl), José Coca Loza (Marchese D’Obigny), Andrew Murphy (Dottore Grenvil), Matthew Swensen (Giuseppe), Marco Pobuda (Domestico Di Flora), Vladimir Vassilev (Commissionario)
Chor des Theater Basel
Es spielt das Sinfonieorchester Basel.

Eine Koproduktion des Theater Basel mit der English National Opera


Presenting Sponsor: IWB
Rausch, Glamour, Leichtsinn und pures Vergnügen bestimmen das Leben der Edelprostituierten Violetta Valéry. Wäre da nicht der Tod, der im Gewand der Schwindsucht wie ein Damoklesschwert über ihr hängt. Und wäre da nicht Alfredo, dessen Liebe sie nicht nur ihr bisheriges Dasein überdenken lässt, sondern auch einen möglichen Neuanfang für ihr kurzes Leben aufscheinen lässt. Diese Träume jedoch zerplatzen im Angesicht der engstirnigen bürgerlichen Moralvorstellungen. Inszeniert hat Verdis beliebteste Oper der künstlerische Leiter der English National Opera, Daniel Kramer. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Schweizers Titus Engel.


LEONCE UND LENA
Schauspiel von Georg Büchner
Inszenierung & Bühne: Thom Luz, Musikalische Leitung: Mathias Weibel, Kostüme & Licht: Tina Bleuler, Mit: Carina Braunschmidt, Annalisa Derossi, Elias Eilinghoff, Martin Hug, Daniele Pintaudi, Lisa Stiegler
Hausregisseur Thom Luz bahnt sich einen eigenen, musikalischen Weg durch Büchners verzweifelten, heiteren Kosmos und macht zum ersten Mal einen klassischen Theatertext zum Kompass der Reise.


SCHWANENSEE
Ballett von Stijn Celis. Musik von Pjotr I. Tschaikowsky
Choreografie: Stijn Celis, Musikalische Leitung: Thomas Herzog, Bühne: Jann Messerli, Kostüme: Catherine Voeffray, Licht: Fred Pommerehn, Video: Philipp Contag-Lada
Es tanzt das Ballett Theater Basel.
Es spielt das Sinfonieorchester Basel.
Partner des Ballett Theater Basel: Basellandschaftliche Kantonalbank
Dass man einen der grössten und bekanntesten Klassiker der Ballettliteratur auch mit Humor erzählen kann, beweist der «Schwanensee» des Belgiers Stijn Celis. Bildgewaltig in Szene gesetzt, mit federgeschmückten Tänzerinnen, die vom Bühnenhimmel herabschweben, und mit grosser Lust an expressiver Zuspitzung erzählt der Choreograf die Geschichte des Prinzen und seiner verzauberten Schwanenliebsten als Emanzipationsgeschichte eines jungen Mannes von seiner dominanten Mutter.


VOR SONNENAUFGANG
Schauspiel von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann
Uraufführung/Auftragswerk
Inszenierung: Nora Schlocker, Bühne & Kostüme: Marie Roth, Musik: Marcel Blatti, Mit: Pia Händler, Steffen Höld, Myriam Schröder, Cathrin Störmer, Thiemo Strutzenberger, Michael Wächter, Simon Zagermann
Ewald Palmetshofer schält Hauptmanns zentrale Motive aus der gesellschaftspolitischen Realität des späten 19. Jahrhunderts und untersucht in seinem Familienpanorama die Deformationen und Krankheitsbilder einer neoliberalen Gesellschaft, um an individuellen Krisen grössere gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar zu machen.


WOYZECK
Schauspiel von Georg Büchner
Inszenierung und Bühne: Ulrich Rasche, Bühnenbildmitarbeit: Sabine Mäder, Kostüme: Sara Schwartz, Musik: Monika Roscher, Chorleitung: Toni Jessen
Mit: Franziska Hackl, Barbara Horvath, Toni Jessen, Florian von Manteuffel, Nicola Mastroberardino, Justus Pfankuch, Max Rothbart, Thiemo Strutzenberger, Michael Wächter, Musik: Theo Evers, Sebastian Hirsig, Katelyn King/Nicolas Wolf, Alexander Maschke, Lucas Rössner/Gordon Fantini
Mit freundlicher Unterstützung des Theaterverein Basel
In seinem weltberühmten Dramenfragment «Woyzeck» untersucht Georg Büchner unsere Abhängigkeit von gesellschaftlichen Bedingungen, die Wirkmächtigkeit sozialer Verhältnisse, individueller Freiheit und schicksalhafter Determination.

Pressemeldung Theater Basel

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