Bern, Kursaal Bern, Berner Symphonieorchester- Bernstein, Barber, Schostakowitsch, IOCO Kritik, 24.10.2018

Kursaal Bern © Kursaal Bern

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Kursaal Bern

Berner Symphonieorchester

 Leonard Bernstein, Samuel Barber, Dmitri Schostakowitsch

Von Julian Führer

Die Konzerte des Berner Symphonieorchesters finden nicht immer im Stadttheater statt, sondern im sogenannten Kursaal jenseits der Aare. Der ortsunkundige Besucher findet sich in einer ruhigen Wohngegend wieder und steht auf einmal vor dem Casino. Im Foyer tönt leise Jazzmusik aus Lautsprechern, Werbemonitore versprechen „aufregende Momente“ – doch die Musik ist nicht gemeint, gezeigt werden vielmehr Roulettekugeln und Spielkarten. Und doch ist hier der Konzertsaal.

Das Programm, das Xian Zhang am 19. Oktober 2018 dirigieren sollte, war sehr klassisch aufgebaut: eine Ouvertüre, ein Konzert, eine Symphonie. Allerdings war das früheste Werk auf der Liste erst 1937, das jüngste 1957 aufgeführt worden. Es stimmt hoffnungsvoll, dass der Saal auch ohne Beethoven und Brahms zu etwa 80% besetzt war. Die Dirigentin musste sehr kurzfristig absagen, und so musste kaum 24 Stunden vor dem Konzert ein Einspringer gefunden werden, der nur noch die Generalprobe zur Verfügung hatte und ein anspruchsvolles Programm mit nicht eben häufig gespielten Stücken zu übernehmen in der Lage war. Glücklicherweise konnte Michael Sanderling gewonnen werden, der dem Berner Symphonieorchester zudem durch Dirigate in jüngerer Zeit bereits bekannt war.

Berner Symphonieorchester © Andreas Greber

Berner Symphonieorchester © Andreas Greber

Das Programm hatte verschiedene biographische Bezüge. Leonard Bernstein und Samuel Barber kannten sich untereinander, und Bernstein unternahm 1959 mit dem New York Philharmonic eine Tournee in die Sowjetunion, bei der Werke von Barber gespielt wurden, aber auch die fünfte Symphonie von Dmitri Schostakowitsch, der obendrein anwesend war. Alle drei Komponisten waren in ihrer Klangsprache der klassisch-romantischen Tradition verhaftet, die sie je auf ihre eigene Weise weiterentwickelten. Auf diese Weise waren die Bezüge nicht nur biographischer, sondern auch musikalischer Natur.

Die Ouvertüre zur Oper Candide von Leonard Bernstein dauert etwa vier Minuten, umfasst aber 47 Partiturseiten. Michael Sanderling bestieg das Podium und ließ das Orchester einsetzen, als das Publikum noch kaum zur Ruhe gekommen war. Die Musik hält das ohne weiteres aus. Die Violinen waren zu Beginn (allegro molto con brio!) nicht ganz perfekt aufeinander abgestimmt, doch mag dies dem Tempo und den besonderen Umständen geschuldet sein. Sanderling dirigierte mit großem Taktstock und sehr plastisch, er war (mit Erfolg) bemüht, trotz des fast rasenden Tempos das Orchester zusammenzuhalten. Die Hörner sitzen auf diesem Podium mit dem restlichen Blech eine Stufe höher als Holz und Streicher, so dass sie sehr präsent waren. Ansonsten stimmte die Klangbalance, und das Publikum war schnell gefesselt.

Michael Sanderling © Marco Borggreve

Michael Sanderling © Marco Borggreve

Für das Cellokonzert op. 22 a-Moll von Samuel Barber konnte Christian Poltéra gewonnen werden, dem man die Vertrautheit mit dem Stück anmerkte. Die enormen technischen Schwierigkeiten dieses 1946 uraufgeführten Konzerts, das Barber für die Virtuosin Raya Garbousova schrieb, scheinen ihm keine Schwierigkeiten zu bereiten. Gerade im langsamen Mittelsatz erinnern manche Passagen an die langsamen Zwischenspiele und das (später komponierte) erste Cellokonzert Schostakowitschs. Im ersten Satz gestaltet Barber einen intensiven Dialog zwischen Soloinstrument und erster Flöte, im zwei Satz (Andante sostenuto) mit der Oboe. Im Finalsatz ist das Holz weiterhin ein wichtiger Partner des Solisten, jedoch ist kein Instrument mehr führend. Das aufmerksame Publikum dankte mit viel Applaus, für den sich Christian Poltéra mit der Sarabande aus Bachs erster Cellosuite in G-Dur revanchierte.

Die fünfte Symphonie von Dmitri Schostakowitsch op. 47 wurde 1937 uraufgeführt, mithin zur Zeit der stalinistischen ‚Säuberungen‘, die zur Ermordung unzähliger Menschen führten und auch Gönner und Beschützer des Komponisten trafen. Als Schostakowitsch wegen seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk in einem langen Artikel in der Prawda angefeindet wurde, zog er seine vierte Symphonie op. 43 nach bereits angekündigter Uraufführung zurück – sie sollte erst 1961 im Konzertsaal erklingen. Es ist nicht ganz klar, ob seine „Fünfte“ ein Einknicken vor den Machthabern ist, eine versteckte Auflehnung oder ohne Bezüge zu den politischen Ereignissen der Zeit entstand.

Nach der Pause trat der Dirigent auf, verbeugte sich und nahm sich sehr lange Zeit, um im Saal absolute Ruhe und auf dem Podium volle Konzentration zu haben. Die thematische Struktur des ersten Satzes (moderato) wurde klar vorgeführt. Ein Flötensolo über ruhigen langen Streichernoten lässt bereits den ersten Satz der „Leningrader“ Symphonie (Nr. 7) erahnen. Sehr oft ist in der Partitur morendo notiert, Bögen brechen ab, fallen in sich zusammen. Der Einsatz des Klaviers fällt auf – gerade mit dem Einsatz des Klaviers in der Symphonik hatten sich Komponisten dem stalinistischen Vorwurf des Formalismus ausgesetzt. Es verschwindet dann aus der Partitur, nur an einer fff-Stelle im dritten Satz unterstützt es einen Tutti-Akkord, und im Finale hämmert es als Verdoppelung der Violinen mit und hat keine einzige ‚eigene‘ Note mehr. Das düstere d-Moll wird stellenweise zum noch fahleren h-Moll moduliert.

Im Allegretto greift Schostakowitsch dann zur Zirkusmusik, einem Mittel, das er noch oft verwenden sollte. Das Orchester scheint fröhlich, gleichzeitig gerät die Balance etwas aus den Fugen, die kleine Trommel ist zu laut, das Blech blökt, das Xylophon jagt durch die Noten, und wie später in der achten Symphonie bricht die Fröhlichkeit jäh ab.

Abermals setzte Michael Sanderling eine lange Pause zwischen dem zweiten und dem dritten Satz (Largo). Diese zwölf Minuten Musik wurden bei aller Langsamkeit mit äußerster Spannung musiziert, was das Publikum mit atemloser Stille erwiderte. Flirrende Violinen, dazu Celli und Bässe (abermals morendo), dann ein Oboensolo – ein Stück von bewegender Schönheit und großer Traurigkeit. Das Verdämmernlassen dieses Satzes in Harfe und Celesta in Fis-Dur ließ an das Spätwerk des Komponisten denken.

Der vierte Satz (allegro non troppo) baut gegen Ende ein anscheinend triumphales Finale auf. Von Beginn an sind die bis dahin kaum eingesetzten Posaunen sehr präsent, die Trompeten bringen immer wieder scharfe Rhythmen ein. Der Satz weist viele Bezüge zum Schlusssatz der ersten Symphonie des von Schostakowitsch sehr verehrten Gustav Mahler auf. Doch der Satz endet so, wie Beethovens „Neunte“ beginnt: mit leeren Quinten auf A und D. Das Fis des bis dahin lärmenden D-Dur geht in den letzten drei Takten verloren, was der Zuhörer, vom Fortissimo des Orchesters überwältigt, zunächst kaum erkennt. Und doch – der Schlussakkord klingt fahl. Wo Beethoven zu einer Eruption in Moll findet, verweigert sich Schostakowitsch der Harmonie.

Diese exemplarische, von Publikum und Orchester mit höchster Konzentration begleitete Darbietung wurde mit Ovationen bedacht, die allen Beteiligten, vor allem aber Michael Sanderling als Retter des Abends galten.

—| IOCO Kritik Kursaal Bern |—

 

Bern, Theater Bern, Cosi fan tutte – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 23.10.2018

Oktober 24, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Stadttheater Bern

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern

Così fan tutte  –   Wolfgang Amadeus Mozart

So machen’s alle (Frauen) –  Und die Männer?

Von  Julian Führer

Mozarts Oper Così fan tutte ist oft für die Banalität der Handlung kritisiert worden – und in der Tat: zwei junge Männer wetten, dass sie die feste Freundin des jeweils anderen ‚herumkriegen‘, und das Vorhaben gelingt. Lorenzo Da Ponte als Mozarts Librettist adaptierte hier nicht eine bereits vorhandene Vorlage wie in Le nozze di Figaro (beruhend auf dem unmittelbar vor der Französischen Revolution entstandenen hochbrisanten Theaterstück von Beaumarchais). Der Auftrag kam im Herbst 1789 von Kaiser Joseph II., im Januar 1790 fand in Wien die Uraufführung statt. Der Stoff ist seither unzählige Male interpretiert worden – ob nun als Studie über die Fallstricke der ‚freien Liebe‘ in aktualisierender Manier, als grundalbernes Stück mit ernster Musik oder auch als schwule Oper (nur mit Männerstimmen besetzt). In Bern ist nun ein weiterer Ansatz zu besichtigen – und diese Regie von Maximilian von Mayenburg, soviel sei schon am Anfang festgestellt, ist lohnend.

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Zunächst Da Ponte und seine klassische Umsetzung auf der Bühne: Das Personal der Buffo-Oper mit Typen wie der Zofe, dem Arzt und dem Notar sorgt zuverlässig für Verwechslungen und dramatische Wendungen, man verkleidet sich und heiratet. Das sonstige Personal mit den Männern Guglielmo und Ferrando und ihren Freundinnen bzw. Versuchsobjekten Fiordiligi und Dorabella präsentiert ebenfalls wenig originelle Charaktereigenschaften, einmal abgesehen von der eine Arie länger anhaltenden Standhaftigkeit der gemeinhin als etwas zickig angesehenen Fiordiligi. Fiordiligi (im Namen steckt die Fleur de lys, die Lilie als Symbol der französischen Könige – wenige Monate nach Ausbruch der Revolution in Frankreich!) vertritt am ehesten die Konvention und das Beharren auf einmal eingegangenen Verpflichtungen. Dorabella geht schneller auf das Werben des verkleideten Guglielmo ein. Der grauhaarige „Philosoph“ Don Alfonso erscheint als Zyniker, der buchstäblich aus einer Kneipenidee heraus einen Menschenversuch startet, bei dem seine Freunde nicht gewinnen und deren Freundinnen alles verlieren.

Als Zsolt Czetner den Taktstock hebt und bemerkenswert rasche Tempi anschlägt, wird alsbald eine recht trübe Szenerie sichtbar (Bühne: Christoph Schubiger): eine Bar, ein Tresen, ein umgeworfener Barhocker, es lungern mehrere Personen herum, von denen wir schnell erfahren, dass es sich um die besoffen eingeschlafenen Fiordiligi und Dorabella handelt, beide mit Brautschleier (Kostüme: Marysol del Castillo), andererseits um eine ebenfalls betrunkene Gestalt mit blonder Fönfrisur im Stil der Zeit um 1980 (der Gott Amor in einer stummen Rolle) sowie zwei noch wache, aber schon arg derangierte junge Männer, Guglielmo und Ferrando. Der Barkeeper ist Don Alfonso (Todd Boyce). Offensichtlich wurde Polterabend gefeiert, der Wirt kehrt Scherben zusammen (leider echte Scherben, die die Musik übertönen). Aus dem Wortwechsel zwischen einem müden Wirt und zwei betrunkenen Bräutigamen ergibt sich die bereits oben genannte Wette. Das Libretto fordert, dass die beiden Männer einer vorgegaukelten plötzlichen Einberufung zum Militär folgen und so den Ort der Handlung verlassen, während die Damen sich alleine sorgen und grämen. Der von Mozart gekonnt in zackigem D-Dur geschriebene Marsch Bella vita militar wird von einem sehr jungen Don Alfonso aus der sehr alten Jukebox eingespielt – stilecht mit vielen Kratzern auf der alten Platte, die etwas eiert und nicht ganz im richtigen Tempo (und also auch nicht ganz in der richtigen Tonhöhe) abgespielt wird. Als dazu das Orchester einsetzt, werden die Ohren des Zuhörers auf eine harte Probe gestellt. Das Abschiedsterzett Soave sia il vento braucht zwei Takte, um zueinander zu finden, vor allem die Terzenketten in den Violinen sind zunächst nicht deutlich. Dieses Problem sollte sich beim Einstieg ins Finale des zweiten Aktes wiederholen. Die Bar wird dazu (mit den einberufenen Bräutigamen) nach hinten hinausgefahren. Eigentlich folgt ein Szenenwechsel ins Haus der Schwestern Dorabella und Fiordiligi mit einem Rezitativ der gerade Trinkschokolade rührenden Magd Despina; dieses Rezitativ ist wie einige andere gestrichen. In einigen Szenen treten pantomimische Einlagen an deren Stelle.

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Wir sehen die übriggebliebenen Bräute, die nicht recht zu wissen scheinen, wie sie eigentlich nach Hause gekommen sind, auf dem Boden liegen. Despina bringt das Frühstück (madame, ecco la vostra collazione): keine handgerührte Trinkschokolade, sondern ein großes Glas Nutella und zwei Teelöffel. Dorabella und Fiordiligi meistern das folgende Rezitativ mit vollem Mund und dann gehen erstmal duschen. Ferrando und Guglielmo werden von Don Alfonso ins Haus eingeschleust – und sind nicht verkleidet! Alfonso scheint Zauberbrillen mitgebracht zu haben, durch die man seine Mitmenschen anders wahrnimmt. Es ist nicht ganz klar, ob die Damen nicht von Anfang an merken, wer ihnen da gegenübersteht, nicht umsonst sind sie sehr entrüstet. Ab diesem Moment wird die Inszenierung sehr spannend: Beide Männer orientieren sich zunächst an ihren bisherigen Bräuten und machen keine Anstalten, die Freundin des anderen zu umgarnen. Die Leidtragende dieses stellenweise tatsächlich im positiven Sinne aufregenden Konzepts ist Despina (Orsolya Nyakas), die weit weniger quirlig sein darf als in anderen Inszenierungen. Gesanglich nimmt das Stück ab der 15. Szene (Guglielmo, Non siate ritrosi) Fahrt auf, der vermeintliche Fremde (Michal Marhold) umschmeichelt hier zwar noch entgegen dem Libretto seine bisherige Freundin Fiordiligi, dies aber mit Engagement, Charme, warmer Stimme und – feuerroten Unterhosen.

Nach der Pause geht es darum, wie es die beiden Liebhaber bewerkstelligen, die Freundin des Freundes zu verführen, wobei immer wieder Amor und seine Pfeile ins Spiel kommen. Dorabella nimmt irgendwann ihre trügende Sonnenbrille ab und erkennt, wen sie da vor sich hat, lässt sich aber dennoch auf Guglielmo ein. Eleonora Vacchi ist in dieser Rolle stets sehr präsent, allenfalls würde man sich manchmal eine etwas schlankere Stimmführung wünschen – stellenweise scheint ihre Stimme eher Verdi angemessen, gleichzeitig verkörpert sie die Partie mit viel schauspielerischem Einsatz. Fiordiligi (Elissa Huber) benötigt eine Arie länger, um sich von Ferrando (Noazariy Sadivskyy mit zartem Tenor) überzeugen zu lassen. Eigentlich ist sie die integerste Person der ganzen Oper. Auch sie hat begriffen, mit wem sie es zu tun hat. Als beide Frauen verführt sind, herrscht bei den Verführern allenfalls Schadenfreude, dass sie nicht alleine mit der Untreue ihrer Partnerinnen geschlagen sind. Don Alfonsos letzte Arie (Nr. 30, Tutti accusan le donne) wird hier zum galligen Bekenntnis, denn er öffnet sein Hemd und zeigt, dass auch er einst von Amor eine Wunde empfing. Seine Art, die Liebe ‚philosophisch‘ zu betrachten, ist eigentlich purer Zynismus, da er nur den anderen demonstrieren will, dass es keine wahre Liebe und Treue gibt. Diese rein destruktive Tendenz der Menschenversuche Don Alfonsos ist den Männern dabei auch zuvor nicht verborgen geblieben: Da Ponte hat immer wieder Verweise auf das Versprechen gegenüber Don Alfonso eingebaut, ihm einen Tag Zeit für seine Intrige zu geben, auch wenn die Männer zwischendurch lieber abbrechen würden.

Im Finale des zweiten Aktes liegen die Akzente in dieser Deutung etwas anders als sonst: Da alle vier Beteiligten wissen, mit wem sie es in Wirklichkeit zu tun haben, gibt es keine Maskerade, und es herrscht eher Unklarheit, wer eigentlich wen zu heiraten hat. Das Bühnenbild zeigt wieder die Bar aus der Eingangsszene. Der Chor stimmt sehr laut, aber nicht zügig genug ein (Facciam presto o cari amici). Zu Mozarts Musik wirft das Quartett mit Tellern und produziert damit einen neuen, diesmal aber auch musikalischen Scherbenhaufen. Diese latent antimusikalische Tendenz der Inszenierung hat sich auch bereits in der Klage des Ferrando über die Untreue der Dorabella gezeigt, zu der Don Alfonso eine größere Anzahl Luftballons zerplatzen lässt. Allen Respekt dem Sänger, der dabei stoisch weitersingt!

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Für heutiges Empfinden häufig etwas unbefriedigend ist die Theaterkonvention der „lieto fine“, des glücklichen Endes. Am Schluss der Oper wird in Dur gejubelt, ob nun Don Giovanni gerade zur Hölle gefahren ist oder zwei Paare gerade beim Treuetest gescheitert sind – bei Da Ponte und Mozart geht der Vorwurf nur an die ‚treulosen‘ Damen Fiordiligi und Dorabella; mit gleichem Recht würde man heute nach der mehr als zweifelhaften Rolle Guglielmos und Ferrandos fragen, die sich auf das Spiel einlassen, die Freundin des anderen zu verführen – ganz zu schweigen von Don Alfonso, dem Initiator, und der Dienstmagd Despina, die gegen ein Handgeld jederzeit ihre Herrinnen zu hintergehen bereit ist. „Così fan tutte“, meint Don Alfonso: So machen es alle Frauen. Die Männer fühlen sich unschuldig, ja, sie gefallen sich sogar in der Rolle der Ankläger ihrer Freundinnen.

Als dann im Finale die echten Liebhaber ‚zurückkehren‘, ist auch den Frauen klar, dass dies nur ein Vorwand ist. Um so größer ist das Entsetzen Dorabellas und Fiordiligis, dass die Männer sich auf einmal in Vorwürfen über die Untreue der Frauen ergehen. Diese haben in den ihnen von Guglielmo und Ferrando aufgenötigten Partnertausch letztlich eingewilligt und verstehen nun nicht, warum sie einen Fehler begangen haben sollen (und die Männer nicht). Dorabella betäubt sich mit Alkohol, Fiordiligi ist wie gelähmt, die lieto fine in affirmativem C-Dur wird hier unterlaufen. Man fragt sich bei dieser insgesamt sehr schlüssigen Deutung allenfalls, warum Don Alfonso am Ende ungeschoren davonkommt.

Das Berner Symphonieorchester hatte an den beiden Tagen zuvor ein sehr forderndes Konzert zu absolvieren, das zudem durch einen sehr kurzfristigen Wechsel bei der musikalischen Leitung äußerste Konzentration verlangte. Das Gesamtbild war jedenfalls stimmig. Besondere Erwähnung verdient die Begleitung der Rezitative, bei denen frei gestaltet wurde und beispielsweise das Terzett „Soave sia il vento“ fast schon leitmotivisch immer wieder anklang, um die Situation der Trauer der jungen Frauen bei der abrupten Abreise ihrer Partner in Erinnerung zu rufen. Eine Inszenierung also, die viel Sympathie für die Damen an den Tag legt, und die am Ende wie auch die musikalische Darbietung lebhaften Zuspruch im allerdings bei weitem nicht ausverkauften Haus fand.

Cosi fan tutte am Theater Bern: Die weiteren Termine 28.10.; 30.10.; 17.11.; 2.12.; 8.12.; 16.12.; 21.12.2018 und mehr ……

—| IOCO Kritik Theater Bern |—

 

Basel, Theater Basel, Benedikt von Peter – Neuer Intendant ab 2020/21, IOCO Aktuell

August 22, 2018  
Veröffentlicht unter Personalie, Pressemeldung, Theater Basel

Theater Basel

Theater Basel © Sandra Then

Theater Basel © Sandra Then

Benedikt von Peter – Neuer Intendant ab 2020/21

Benedikt von Peter wird ab Spielzeit 2020/21 neuer Intendant des Theater Basel. Der Verwaltungsrat der Theatergenossenschaft Basel hat ihn einstimmig gewählt. Von Peter ist einer der aussergewöhnlichsten Regisseure im deutschsprachigen Raum und gegenwärtig Intendant am Luzerner Theater. Er tritt die Nachfolge von Andreas Beck an. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt hat die Wahl des neuen Intendanten am 14. August 2018 einstimmig genehmigt und begrüsst.

Theater Basel / Benedikt von Peter © David Roethlisberger

Theater Basel / Benedikt von Peter © David Roethlisberger

Benedikt von Peter, 41, gilt als Theatererneuerer und bringt ideale Voraussetzungen mit, um als neuer Intendant ab 2020/2021 das Theater Basel erfolgreich zu leiten. Er erfüllt höchste künstlerische Ansprüche in den drei Sparten Oper, Schauspiel und Ballett und verfügt über eine überzeugende und gewinnende Führungspersönlichkeit. Dies bietet Gewähr für die strahlkräftige Weiterführung des grössten Dreispartenhauses der Schweiz. Für das Theater Basel ist Benedikt von Peter kein Unbekannter; 2009 inszenierte er hier Francis Poulencs «Dialogues des Carmélites» und 2011 Richard Wagners Parsifal.

Benedikt von Peter überzeugte die Findungskommission und den Verwaltungsrat mit einem integralen und spartenübergreifenden künstlerischen Ansatz, der sich auch in einem teamorientierten Führungsmodell abbilden soll. Seinen Ansatz wird er gemeinsam mit einem starken Leitungsteam entwickeln, welches er in den nächsten Monaten zusammenstellen wird.

Benedikt von Peter zeichnet eine zeitgenössische, aber zugängliche künstlerische Handschrift aus. Mit einer ganzheitlichen Bespielung von Theater-Räumen, durch eine starke regionale und lokale Vernetzung, sowie mit international gefragten Regiehandschriften möchte er das Theater Basel zu einem Begegnungsort für seine Zuschauer_innen und die Basler Bevölkerung werden lassen.

Der Verwaltungsrat ist überzeugt, dass Benedikt von Peter dank seiner ausgewiesenen Sozial-kompetenz und Teamfähigkeit die ideale Führungsperson für das Theater Basel sein wird und freut sich sehr auf die Zusammenarbeit mit ihm.

Benedikt von Peter wurde 1977 in Köln geboren, studierte in Bonn Musikwissenschaft, Germanistik, Jura und Gesang. Danach war er an verschiedenen Häusern Regieassistent und gründete ein freies Theaterkollektiv. Nach einigen Jahren in der Freien Szene inszenierte er an Theatern und Opern in Deutschland und der Schweiz (u.a. Theater Basel, Oper Frankfurt, Staatstheater Hannover, Wiener Festwochen, Komische und Deutsche Oper Berlin), von 2012 bis 2016 leitete Benedikt von Peter die Musiktheatersparte des Theater Bremen. Ausgezeichnet wurde er u.a. mit dem Götz Friedrich-Preis, dem Theaterpreis «DER FAUST» sowie 2014 mit dem Kurt Hübner-Preis für das Musiktheater-Programm und die eigenen Produktionen am Theater Bremen. Seit der Spielzeit 2016/2017 ist Benedikt von Peter Intendant des Luzerner Theaters.

Wir danken dem Stiftungsrat Luzerner Theater, dass Benedikt von Peter ab der Spielzeit 2020/21 die Verantwortung als Intendant für das Theater Basel übernehmen kann.

Der Findungskommission des Theater Basel gehörten die Verwaltungsratsmitglieder Dr. Caroline Barthe (Vorsitz), Adrienne Develey und Martin Lüchinger, Co-Leiterin Abteilung Kultur des Präsidialdepartements Basel-Stadt Sonja Kuhn sowie die externen Experten Stefanie Carp (Intendantin Ruhrtriennale), Stefan Bachmann (Intendant Schauspiel Köln) und Dietmar Schwarz (Intendant Deutsche Oper Berlin) an.

Basel, 21. August 2018:   Samuel Holzach, Präsident Verwaltungsrat Theater Basel, Dr. Caroline Barthe, Präsidentin Findungskommission Theater Basel und Vizepräsidentin Verwaltungsrat Theater Basel

—| Pressemeldung Theater Basel |—

Bern, Konzert Theater Bern, Intendant Stephan Märki zurückgetreten, IOCO Aktuell, 08.08.2018

August 9, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Pressemeldung, Stadttheater Bern

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern

Stephan Märki  als Intendant zurückgetreten

Konzert Theater Bern / Stephan Märki @ Matthias Horn

Konzert Theater Bern / Stephan Märki @ Matthias Horn

Stephan Märki, seit 2012 Intendant von Konzert Theater Bern (KTB), tritt per sofort (NB Juli 2018) zurück. Auch Sophie-Thérèse Krempl, Leiterin Kommunikation und Künstlerische Leitung Kooperations- und Sonderprojekte, verlässt das Haus. Die grossen Verdienste der beiden Führungspersonen bleiben unbestritten. Das Konzert Theater Bern wird interimistisch und mit externer Unterstützung vom kaufmännischen Direktor Anton Stocker geführt. Die künstlerische Kontinuität ist für die nächste Saison garantiert – der Spielplan 2018.2019 ist bereits verabschiedet und veröffentlicht.

Die Stiftungsräte Nadine Borter und Marcel Brülhart sowie Intendant Stephan Märki haben zum Abschluss der Saison eine Analyse vorgenommen. Dabei hat Stephan Märki den bisherigen Stiftungsratspräsidenten Marcel Brülhart und die neue Stiftungsratspräsidentin Nadine Borter informiert, dass sich seit Frühjahr 2017 eine Beziehung zu einer Führungsperson im Theater entwickelt habe. Es handelt sich dabei um Sophie-Thérèse Krempl, Leiterin Kommunikation und Künstlerische Leitung Kooperations- und Sonderprojekte.

Vorbildliche Governance verpflichtend

Für den Stiftungsrat ist klar, dass eine öffentliche Institution wie das KTB einer vorbildlichen Governance verpflichtet ist. Insbesondere bei Entscheidungen auf Führungsebene sind Berufliches und Privates strikte zu trennen, weil das Vertrauen in die Institution als Ganzes Schaden nehmen kann. Deshalb sagt Nadine Borter, Stiftungsratspräsidentin seit 1. Juli 2018: «Wir respektieren die persönliche Entscheidung des Intendanten, seine Tätigkeit zu beenden. Dieser Entscheid zeugt von einer Grösse, die selten anzutreffen ist, zumal er den Umstand selber offengelegt hat. Damit übernimmt Stephan Märki Verantwortung und handelt im Interesse von Konzert Theater Bern. Angesichts der nun transparent gemachten Situation erachtet der Stiftungsrat den Schritt für richtig und unausweichlich

Der Stiftungsrat hält fest, dass Stephan Märki in den letzten sechs Jahren Garant des Erfolges von Konzert Theater Bern war. Das Theater kann seit der Intendanz von Stephan Märki einen Publikumszuwachs ausweisen, hat sich künstlerisch stetig entwickelt, ist wirtschaftlich sehr solide und hat sich

national und international merklich positioniert. Auch der Weggang von Sophie-Thérèse Krempl ist in diesem Zusammenhang ein grosser Verlust für das Theater. Sie hat seit Beginn dem Haus wesentliche Impulse gegeben und in einer schwierigen Situation sehr erfolgreich die interimistische Leitung der Schauspieldramaturgie übernommen.

Suche nach Intendanz vorverschoben – Verhaltenskodex soll erarbeitet werden

Stephan Märki verfügt über einen festen Vertrag bis 30. Juni 2021. Die Parteien haben sich darauf geeinigt, sein Salär bis Ende April 2019 zu zahlen. Da Stephan Märki seine Anstellung frühzeitig beendet, wird die Suche nach einer Nachfolge vorverschoben. Interimistisch wird Konzert Theater Bern von dessen kaufmännischem Direktor Anton Stocker mit externer Unterstützung geleitet. Stephan Märki setzt seinerseits alles daran, dass die Übergabe reibungslos vonstatten geht. Der Stiftungsrat möchte die hohe künstlerische Qualität des Hauses sichern und das Vertrauen festigen. Vor diesem Hintergrund wurde beschlossen, einen Verhaltenskodex zu erstellen. Der Kodex soll festhalten, wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter miteinander umgehen und arbeiten.

—| Pressemeldung Konzert Theater Bern |—

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