Wien, Volksoper Wien, Marilyn Forever – Gavin Bryars, IOCO Kritik, 02.05.2018

Mai 2, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Musical, Volksoper Wien

 

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Volksoper Wien

Kasino am Schwarzenbergplatz © Mag. Konstanze Schäfer | Mag. (FH) Angelika Loidolt

Kasino am Schwarzenbergplatz © Mag. Konstanze Schäfer | Mag. (FH) Angelika Loidolt

Marilyn Forever – Oper von Gavin Bryars

Von Marcus Haimerl

Seit 2017 bespielt die Volksoper Wien neben ihrem Stammhaus an der Währinger Strasse auch das Kasino am Schwarzenbergplatz mit zeitgenössischer Oper. Im Vorjahr war es Limonen aus Sizilien von Manfred Trojahn, heuer erlebte das Wiener Publikum die europäische Erstaufführung der einaktigen Kammeroper Marilyn Forever des britischen Komponisten Gavin Bryars (Uraufführung am 13. September 2013 im MacPherson Playhouse Theatre, Victoria, British Columbia, Kanada). Bereits mit 20 Jahren war der Komponist kurze Zeit von Marilyn Monroe besessen. 1963 sah er als Student The Misfits („Nicht gesellschaftsfähig“). Es war der letzte fertiggestellte Film der Monroe, sie spielte an der Seite Clark Gables, das Drehbuch schrieb Noch-Ehemann Arthur Miller. Die Ehe der beiden zerbrach während der Dreharbeiten. Für Gavin Bryars war der Film voll dunkler Melancholie, das Ende einer Filmära und das Hauptthema: der Abschied vom Leben selbst.

Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz / Marilyn Forever - hier : Rebecca Nelsen als Marilyn © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz / Marilyn Forever – hier : Rebecca Nelsen als Marilyn © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Verändert wurde sein Leben durch den Komponisten John Cage, dessen Assistent er wurde. Beeinflusst wurde er auch stark durch die Minimal Music im Stile von Philipp Glass. 1998 lernte Bryars bei Kompositionen zu dem kanadischen TV-Film Last Summer die in Kanada lebende Regisseurin Anna Tchernakova kennen, die seine Frau wurde. In seiner nunmehr zweiten Heimat Kanada lernte er das Aventa Ensemble kennen, welches ihm den Kompositionsauftrag für Marilyn Forever erteilte. In seiner Nachbarin, der Schriftstellerin Marilyn Bowering, fand er die ideale Librettistin. Bereits 1987 veröffentlichte sie unter dem Titel „Anyone can see I love you“ poetische Monologe, die sie Marilyn Monroe in den Mund gelegt hatte. Bryars entschied sich für eine Kammeroper: zwei Gesangssolisten, Männerchor, ein Jazztrio (Klavier, Tenorsaxophon und Bass) sowie ein Orchester bestehend aus acht Instrumentalisten.

Das Kasino am Schwarzenbergplatz ist somit bestens geeignet für dieses kleine aber feine Werk, welches mit einer Spielzeit mit knapp 75 Minuten ziemlich knapp ist. Das Bühnenbild von Jörg Brombacher beschränkt sich auf ein Sofa, eine Bar und ein großes rundes Bett. Eine Figur die Marilyn in der klassischen Pose aus dem Film Das verflixte 7. Jahr zeigt und ein großes Porträtfoto der Protagonistin als Marilyn. Der Kern der Oper ist nach den Worten des Regisseur Christoph Zauner der Zwiespalt der Schauspielerin, zwischen Selbstaufgabe als öffentliche Person und privaten Schicksalsschlägen hin- und hergerissen. Diese Umsetzung ist ihm weitestgehend auch gelungen.

Die Oper beginnt in der Nacht vom 5. auf den 6. August 1962. Marilyn stirbt und in Flashbacks zieht das Leben der Ikone nochmals am Publikum vorüber. Ein Probenregisseur wartet auf die notorisch Zuspätkommende. Als sie erscheint, verliert sie sich in Erinnerungen an einen von der Sonne beleuchteten Stein und beschreibt wie sie sich aus dem Waisenkind Norma Jean selbst geschaffen hat. In der zweiten Szene sucht sie Jobs als Schauspielerin und ein Produzent lädt sie zu sich nach Hause ein. Ihre Arbeit hat Auswirkung auf ihr Leben, Marilyn und ihr Mann entfremden sich zunehmend. Sie fühlt sich als Mensch und Künstlerin nicht respektiert, ihr Mann kommt mit dem Begehren der vielen Männer nicht zurecht. Arthur Miller schließlich, scheint ihr ein echter Partner zu sein. Marilyn wird zwei Mal schwanger, verliert die Babies. Die Ehe zerbricht, sie hat Affären, nimmt Tabletten. Ihre Mutter Gladys geistert immer wieder durch ihr Leben. Marilyn verfällt, kann sie ihre Rolle weiterhin spielen? Kann sie in das Scheinwerferlicht treten und dem Präsidenten ein Geburtstagständchen singen? Der Probenregisseur beschreibt ihre Faszination: Sie ist das Licht, die Männer sind wie Motten. Auch ihr neues Leben gelingt nicht. Fremde Männer dringen in ihr Haus ein. In der letzten Szene versucht der Probenregisseur wieder das Set vorzubereiten. Doch es ist zu spät. Die Oper endet wie sie begonnen hat: mit Marilyns Tod.

Gavin Bryars schuf eine zeitgenössische, jedoch sehr melodiöse Oper zwischen Jazzelementen und traurigen Streicherklängen. Als Marilyn erlebt man Rebecca Nelsen. Die texanische Sopranistin ist ein Juwel der Wiener Volksoper. Sie reüssiert in Operette und Musical ebenso erfolgreich wie auch in der klassischen und zeitgenössischen Oper und verfügt über einen sehr schönen Sopran mit absolutem Wiedererkennungswert. Wie sie selbst sagt, freut sie sich, nicht die Ikone, sondern vielmehr die fehlerhafte, gebrochene Frau darstellen zu können. Glaubhaft zeigt sie hier eine depressive Frau, die in Dunkelheit fällt. Besser kann man eben jenes Gefühl des Komponisten beim Sehen des Films The Misfits nicht umsetzen. Und dies gelingt ihr nicht nur darstellerisch, sondern auch musikalisch. Sie wechselt ohne hörbaren Übergang von Brust- in Kopfstimme und fühlt sich auch in der vielschichtigen Musik von Gavin Bryars sichtlich wohl. Völlig zurecht wurde sie vom Publikum stürmisch bejubelt.

Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz / Marilyn Forever - hier : Morton Frank Larsen als Arthur Miller und Rebecca Nelsen als Marilyn © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz / Marilyn Forever – hier : Morton Frank Larsen als Arthur Miller und Rebecca Nelsen als Marilyn © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Alle Männerrollen werden von Morten Frank Larsen verkörpert. Mit Inbrunst singt er vom Probenregisseur über einen Produzenten bis hin zu Arthur Miller die Männer in Marilyns Leben mit schönem, kräftigen Bariton. Bemerkenswert auch die sechs Herren des Jugendchors der Volksoper Wien (Philip Fichtner, Stefan Himsl, Lukas Karzel, Max Montocchio, Martin Schlatte, Michael Thauer, Christian Tomsits), die hier all ihr Können beweisen durften, wurde doch der Chor, welcher eigentlich für den Orchestergraben vorgesehen ist, von Regisseur Christoph Zauner mitinszeniert und in das Geschehen eingebunden. Ebenso beeindruckend die Leistung des Jazztrios und des Orchesters der Volksoper Wien unter der Leitung von Wolfram-Maria Märtig. Der Jubel am Ende dieser Kammeroper bewies, dass die Volksoper mit zeitgenössischen Werken eine weitere Sparte des Musiktheaters erfolgreich für sich gewonnen hat. Somit kann man sich auf die nächste Saison freuen, wenn Thomas Adès Kammeroper Powder her face auf dem Spielplan steht.

Wien, Volksoper, Trauer um Guggi Löwinger, IOCO Aktuell, 28.04.2018

April 29, 2018  
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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

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Guggi Löwinger – Die Volksoper Wien trauert

Guggi Löwinger ist in der Nacht auf Samstag, den 21. April 2018 im Alter von 79 Jahren in Wien verstorben. Die Volksoper trauert um eine unvergessliche Künstlerin, die über 60 Jahre lang die Geschichte des Hauses geprägt hat.

Guggi Löwinger © Guggi Löwinger

Guggi Löwinger © Guggi Löwinger

Guggi Löwinger wurde am 5. April 1939 in Wien geboren. Hier absolvierte sie ihre Schulzeit. Bereits im Alter von sechs Jahren erhielt die aus der berühmten Wiener Schauspielerdynastie stammende Künstlerin ihre erste Rolle. Ab dem neunten Lebensjahr begann sie eine Tanzausbildung bei der Ballettmeisterin und Choreographin der Volksoper Dia Luca. Mit 13 Jahren trat sie in die Schauspielschule Kraus ein und begann 1956 ein Gesangstudium bei Kammersängerin Esther Réthy.

Ihr erstes Engagement trat Guggi Löwinger im September 1956 als Piccolo in dem Singspiel Im weißen Rössl im Stadttheater Baden an. Es folgte eine Reihe von Hauptrollen in Operette und Schauspiel (u. a. in Fritz Kreislers Sissy, Dario Niccodemis Scampolo und Eugène Scribes Ein Glas Wasser). 1957 wurde sie als Gigi an das Theater Koblenz verpflichtet, wo sie gleichfalls in Operette und Schauspiel tätig war.

Von dort wurde Guggi Löwinger 1959 von Fritz Eckhardt als Lisa in Gräfin Mariza an die Volksoper engagiert, der die Dramaturgie besorgte. Regie führte Géza von Bolváry. Das Debüt der Künstlerin erfolgte zur Premiere der Operettenproduktion am 15. Mai 1959. Ihre Partner waren Esther Réthy als Mariza, Rudolf Christ als Graf Tassilo und Erich Kuchar als Baron Zsupán. Eine Fülle von Fernsehspielen und Shows führte Guggi Löwinger 1961 zu einem Doppelvertrag mit der Volksoper Wien und dem Staatstheater am Gärtnerplatz in München.

1962 entschied sich die junge Soubrette zugunsten der Volksoper Wien, der sie fortan die Treue hielt. Dort gehörte sie von ihren ersten Auftritten an zu den erklärten Lieblingen des Hauses. Ihre wichtigsten Partien wurden die Mi in Franz Lehárs Das Land des Lächelns, Ciboletta in Johann Strauß’ Eine Nacht in Venedig, Midili in Leo Falls Die Rose von Stambul, Pepi in Johann Strauß’ Wiener Blut, Mabel in Emmerich Kálmáns Die Zirkusprinzessin, Marika in der Uraufführung der Robert Stolz-Operette Frühjahrsparade, Juliette in Franz Lehárs Der Graf von Luxemburg, Franzi und Fifi in Oscar Straus’ Ein Walzertraum, Stasi in Emmerich Kálmáns Die Csárdásfürstin, Mizzi in Robert Stolz’ Zwei Herzen im Dreivierteltakt, Klärchen in Ralph Benatzkys Im weißen Rössl und Mascha in Franz Lehárs Der Zarewitsch.

Volksoper Wien / Guggi Löwingerin in The sound of Music  © barbara pálffy / volksoper

Volksoper Wien / Guggi Löwingerin in The sound of Music  © barbara pálffy / volksoper

Aber auch mit Musicalpartien, wie der Bianca in Cole Porters Kiss me, Kate und Eliza Doolittle in Frederick Loewes My Fair Lady zeigte Guggi Löwinger ihre künstlerische Spannweite. In den letzten Jahren trat die Künstlerin u. a. als Jacqueline in Jerry Herman La cage aux folles, Frau Schmidt in Richard Rodgers The Sound of Music, Jente in Jerry Bocks Anatevka und Mrs. Higgins und Mrs. Pearce in My Fair Lady auf.

Guggi Löwinger wirkte ferner an fast allen großen österreichischen Sommer- und Festspielen mit. Sie trat langjährig regelmäßig im deutschen Fernsehen auf und hat ihre Glanzrollen auch auf Schallplatte festgehalten. Bei den großen Tourneen der Volksoper (Japan, USA und Russland) konnte Guggi Löwinger ein internationales Publikum begeistern und trug dazu bei, den Begriff Volksoper Wien weltweit bekannt zu machen.

Guggi Löwinger hat an der Volksoper in 18 Premieren mitgewirkt. Sie ist in 2267 Vorstellungen und in 35 verschiedenen Partien aufgetreten. PMVOW

Wien, Volksoper Wien, Musical Carousel von Rogers & Hammerstein, IOCO Kritik, 23.03.2018

März 23, 2018  
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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

Carousel –  Richard Rogers & Oscar Hammerstein II

Von Marcus Haimerl

Mit dem Musical Carousel von Richard Rogers & Oscar Hammerstein fand nun die zweite Premiere eines großen, klassischen Broadway-Musicals in nur einer Saison statt. Einfach ist es nicht, dieses Werk, basierend auf Ferenc Molnárs Drama Liliom, auf die Bühne zu bringen. Die deutsche Erstaufführung am 15. Oktober 1972 an der Wiener Volksoper, Bernd Weikl sang den Billy Bigelow, brachte es auf nur auf fünfzehn Vorstellungen, für eine Musical-Produktion ein negativer Rekord am Haus am Gürtel.

  Karussell, Küstenlandschaft, üppig erleuchteter Sternenhimmel

Doch seit der Direktionszeit von Robert Meyer entwickelt sich die Wiener Volksoper zu einer Autorität im Bereich des klassischen Musicals.

Volksoper Wien / Musical Carousel - hier Ensemble © Barbara Palffy

Volksoper Wien / Musical Carousel – hier Ensemble © Barbara Palffy

Regie führte Henry Mason, welcher sich auch für die sehr feinfühlige deutsche Fassung verantwortlich zeigte. Zusammen mit einer sehr stimmungsvollen Ausstattung von Jan Meier ergibt das die notwendigen Zutaten für eine neue Erfolgsproduktion. Zwischen Karussell, Küstenlandschaft und einem üppig erleuchteten Sternenhimmel spielt sich das Drama um den Karussell-Ausrufer Billy Bigelow ab. Dieser verliert seinen Job als er Partei für die junge Textilarbeiterin Julie Jordan ergreift. Beide heiraten, doch Billy leidet unter seiner Arbeitslosigkeit. Als Julie ihm verrät, dass er Vater wird, lässt er sich von Jigger Craigin, einem zwielichtigen Walfänger, zu einem Raubüberfall überreden. Nachdem dieser misslingt, nimmt sich Billy, um der Verhaftung zu entgehen, das Leben. An dieser Stelle tröstet Julies Cousine Nettie diese mit einem der schönsten Broadway-Songs aller Zeiten: „You’ll never walk alone“.

Volksoper Wien / Musical Carousel - hier Daniel Schmutzhard als Billy Bigelow, Robert Meyer als Sternwart/Dr. Seldon, Oliver Liebl als Himmlischer Freund © Barbara Palffy

Volksoper Wien / Musical Carousel – hier Daniel Schmutzhard als Billy Bigelow, Robert Meyer als Sternwart/Dr. Seldon, Oliver Liebl als Himmlischer Freund © Barbara Palffy

Billy bekommt vom Sternwart die Möglichkeit für einen Tag auf die Erde zurückzukehren. Er nutzt die Gelegenheit, um für seine Tochter Louise Gutes zu tun. Diese ist bereits fünfzehn Jahre alt, einsam und verbittert, da die anderen Kinder sie mit ihrem Vater, dem Dieb, aufziehen. Bei der Abschlussfeier hält Dr. Seldon die Festansprache und mahnt die Jugendlichen sich nichts auf die Erfolge der Eltern einzubilden und sich von deren Fehlern nicht entmutigen zu lassen. Billy redet Louise, die ihn nicht sehen, nur hören kann, gut zu und endlich kann er Julie, immer noch unsichtbar, sagen, dass er sie liebt. Während alle das Lied singen, mit dem Nettie schon Julie getröstet hat, wird Billy ins Jenseits zurückgeführt.

Auch musikalisch lässt diese Produktion keine Wünsche offen. Dirigent Joseph R. Olefirowicz animierte das Orchester der Volksoper zu großen, emotionalen und temporeichen Broadway-Klängen. In der Rolle des Billy Bigelow bewies Daniel Schmutzhard sein Talent als Singschauspieler. Besonders beeindruckend in seinem knapp 8-minüten Bariton-Solo (Soliloquy), in welchem er über sein Leben mit seinem Kind nachdenkt. In Mara Mastalir hat Daniel Schmutzhard eine verlässliche, stimmlich sehr solide Julie. Auf ebenso hohem Niveau agiert das zweite, witzig spröde Liebespaar Carrie Pipperidge (Johanna Arrouas) und Enoch Snow (Jeffrey Treganza). Atala Schöck gibt in der Partie der Nettie ihr Hausdebüt und drückt mit ihrem schönen Mezzosopran mit „You’ll never walk alone“ auf die Tränendrüse. Christian Graf ist hervorragend als schmieriger Gangster Jigger Craigin und Hausherr Robert Meyer mimt in seiner unvergleichlichen Art den Sternwart und Dr. Seldon. Eine ganz großartige Leistung von Mila Schmidt als Billys Tochter Lousie in ihrer großen Tanzszene im zweiten Akt (Choreographie Francesc Abós).

Volksoper Wien / Musical Carousel - hier Wiener Staatsballett, Robert Meyer als Sternwart/Dr. Seldon, Daniel Schmutzhard als Billy Bigelow, Mila Schmidt als Louise Bigelow © Barbara Palffy

Volksoper Wien / Musical Carousel – hier Wiener Staatsballett, Robert Meyer als Sternwart/Dr. Seldon, Daniel Schmutzhard als Billy Bigelow, Mila Schmidt als Louise Bigelow © Barbara Palffy

Auch das restliche Ensemble, wie Regula Rosin als Karusselbesitzerin Mullin oder Nicolas Hagg als David Bascombe wissen nachhaltig zu überzeugen.

Der lang anhaltende Szenenapplaus bewies, dass der aktuellen Produktion ein besseres Schicksal als jener der deutschen Erstaufführung beschieden sein dürfte. Ein nicht minderer Jubel am Ende sowohl für das komplette Ensemble als auch für das Leading Team, welcher erst durch das Herabsenken des Vorhangs ein Ende fand.

Carousel an der Volksoper Wien; weitere Vorstellungen am 26.3.; 28.3. 1.4.; 7.4.; 11.4.; 14.4.; 16.4.; 18.4.; 22.4.2018

Wien, Volksoper, Fledermaus ist Wien ist Fledermaus, IOCO Kritik, 25.10.2017

Oktober 26, 2017  
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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

Die Fledermaus von Johann Strauss

Ein Rheinländer zieht aus, die Fledermaus in Wien zu erleben

Von Viktor Jarosch

Die Fledermaus von Johann Strauss in Wien zu besuchen! Einem Rheinländer erzeugt der Besuch der Fledermaus in ihrer kulturellen Heimat Wien besondere, fast touristische Gefühle. Denn Wiens einzigartige kulturelle Stellung in der Welt ist nicht allein anspruchsvoll-komplexer Kunst eines Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert, Franz Grillparzer oder Gustav Klimt zuzuschreiben. Deren leicht-gewichtige – gerne nicht ganz ernst genommene – Schwester, die Operette, ganz besonders die Fledermaus, Königin der Operetten, sind bis heute und weltweit erfolgreiche Botschafter von Menschlichkeit und Wiener Lebensfreude. Johann Strauss und Franz Léhar etablierten die Operette als eigene Gattung, stellten in ihren Werken sympathische Durchschnittsmenschen mit gutbürgerlicher Doppelmoral dar; überschaubare Alltagsprobleme werden etwas realitätsfer mit lieben Ungereimtheiten, Lügen und oft tänzerischen Schmankerln  dem natürlich glücklichen Ende zugeführt.

 Grabstätte von Henri Meilhac in Paris © IOCO

Die eindrucksvolle Grabstätte von Henri Meilhac in Paris © IOCO

Urwienerisch, so irrt man schnell, sei die Fledermaus; denn sie ist französischen Ursprungs; das erfolgreiche Vaudeville Réveillon (1872) von Henri Meilhac (Foto) und Ludovic Halèvy ist ihr Ursprung. Der “Vorabend” (Heiligabend) zu einem in Frankreich üblichen, ausgelassenen Weihnachtssouper mit Freunden, eine anstehende Gefängnisstrafe, ein Alfred, ein Prinz, ein Gefängnisdirektor sind die Ingredienzien von Réveillon. Johann Strauss zauberte, komponierte aus dieser Vorlage 1874 seine einmalige Wiener Fledermaus.

Strauss´ Fledermaus verwandelt die Vorlage, auch dem Börsenkrach von 1873 geschuldet, in wienerische „Lebenserkenntnisse“: Wenn im richtigen Leben schon vieles falsch läuft: ¾ Takt, ein wenig Lüge, Maske, Kostüme, Polka, falsche Identitäten könnten dem Wiener weiter helfen.

Grabmal von Johann Strauss Sohn in Wien © IOCO

Grabmal von Johann Strauss Sohn in Wien © IOCO

Also lügt Adele mit Beginn der Operette, dann belügt Rosalinde ihren Mann Eisenstein, der sie ebenso belügt, Dr. Falke belügt beide, Halb- und Unwahrheiten wechseln sich ab; allein Alfred, der Liebhaber, lügt nicht, aber nur aus Eigennutz. Hugo von Hoffmannsthal meinte gar: In der Fledermaus dominiere gar „jenes gewisse Halb-Naive, Lumpige, französisch angehauchte Wienertum“. Seit ihrer Uraufführung am 5. April 1874 im Theater an der Wien ist die Fledermaus von Johann Strauss, Richard Genée und Karl Haffner auf allen Bühnen der Welt unendlich erfolgreich. Im Ausland wurde die Fledermaus, mit ihr das Genre Operette, so zum augenzwinkernden Erkennungsschmaus und Sympathieträger der Stadt Wien wie Österreichs. Auf Augenhöhe mit „seriöser“ Wiener Kunst. Glücklich ist, wer vergisst, was…“ zutiefst Österreichisch?

In den Theatern Wiens ist die Fledermaus immer präsent; auch 2017/18: Die ehrwürdige aber weniger humorige Wiener Staatsoper (30% ihrer Besucher stammen nicht aus Wien) reduziert prallen Fledermaus-Humor traditionell offiziell auf Silvester und einige Folgeabende: 2017 feiert die Staatsoper den Jahreswechsel mit der 150sten Fledermaus Aufführung einer Otto Schenk – Inszenierung aus dem Jahr 1979; mit virtuoser Choreographie und blendenden Ensemble. Das Theater an der Wien hat 2017 Fledermaus frei.

Dafür spielt bürgernahe Wiener Volksoper an der Währinger Straße (1.330 Plätze, 83% Auslastung, 315.000 Besucher/Jahr) 2017/18 die Fledermaus ganzjährig. Doch auch die Fledermaus-Produktion der Volksoper, wie die der Staatsoper, hat lange Tradition: Aus 1987 stammt die Inszenierung mit klassischen Kulissen; 2007 wurde diese Inszenierung von Heinz Zednik szenisch und sprachlich etwas aktualisiert. Alt-barocken, betulichen Wiener Flair verbreitet der große Wohnraum der Volksoper Fledermaus mit dem ersten Bild. Die Kostüme (Doris Engl) sind ebenfalls klassisch wienerisch. Doch ein viriles Ensemble meist Wiener Provenienz verwandelt dies Ambiente zu  einem lebensfrohen, munteren Bühnenereignis.

Volksoper Wien / Die Fledermau - hier vlnr Dr Blind, Rosalinde, Eisenstein © barbara pálffy / volksoper

Volksoper Wien / Die Fledermau – hier vlnr Dr Blind, Rosalinde, Eisenstein © barbara pálffy / volksoper

Alfred, Szabolcs Brickner, betet so in seiner ersten Belcantoarie mit hellklar lyrischer Tenorstimme „Täubchen, das enflattert ist, stille mein Verlangen..“ Rosalinde an. Stubenmädchen Adele (Elisabeth Schwarz) wuselt daher, um sich in ihren späteren Arien „Spiel ich die Unschuld vom Lande“, „Mein Herr Marquis“ lustvoll und mitreißend auszuspielen. Dr. Falke erscheint im Gehrock. Die an vulgärphilosophischen Sprüchen so reiche Fledermaus leitet Gabriel von Eisenstein (Carsten Süss) mit seinen „Grinzinger Volksweisheiten“ ein: „Wenn die Ratten dich benagen, hüte dich vor vollem Magen“, um über Dr. Falke (Ben Connor), „Stirbt der Bauer im Oktober, braucht er im Winter koan Pullover“ bis zum Ende durch das Wiener wie Volksopern – Urgestein Gerhard Ernst als Frosch alle möglichen Operetten- Vögel abzuschießen. Die Fledermaus feierte so an der Volksoper fröhliche Urständ. Auch als lebensfroher Rheinländer fühle ich mich an diesem Abend  in der Volksoper pudelwohl.

Volksoper Wien / Die Fledermaus - hier Ensemble © barbara pálffy / volksoper

Volksoper Wien / Die Fledermaus – hier Ensemble © barbara pálffy / volksoper

Doch, das gesamte Ensemble des Abends trug zur guten Laune bei: Ulrike Steinsky, Wienerin und langjähriges Volksoper Ensemblemitglied, ist eine szenisch präsente Rosalinde; mit wortdeutlichem Wienerisch beherrscht sie ihre große Partie von tiefen Mezzo-Tönen bis wunderbarem Sopran; federleicht und mit Temperament besonders im Csárdás des Mittelaktes, „Klänge der Heimat“. Die Rachegedanken des Dr. Falke lässt Ben Connor in wohl timbrierten Schmelz erklingen. Annely Peebo lebte in Sprache und wohltönendem Mezzo den russischen Prinz; ebenden Prinz Orlofsky. In elegant klassischen Kostümen tanzt das das Wiener Staatsballett die packende Polka Donner und Blitz. Auch der stotternde Dr. Blind (Jeffrey Treganza) wie der mimisch und stimmlich sichere Daniel Ohlschläger als Gefängnisdirektor Frank begeistern.

Guido Mancusi, das Volksopernorchester und Ensemble entfalten in den vielen Facetten ihrer Fledermaus urtümliches wie feines wienerisches Kolorit, Wiener Charme. Die Besucher der auch an diesem Dienstag vollbesetzte Volksoper feierten Ensemble, Orchester wie ihre Kultur, ihre Fledermaus.

Die Fledermaus an der Volksoper Wien:  Weitere Vorstellungen 13.11.; 30.11.; 4.12.; 31.12.2017; 1.1.2018;  6.2.2018; 15.2.2018,; 5.3.2018

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