Wien, Oper in der Krypta, Die Winterreise – Franz Schubert, IOCO Kritik, 10.04.2018

April 12, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Peterskirche

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

Die Winterreise von Franz Schubert  

Von Marcus Haimerl

Die Peterskirche, ist im Zentrum von Wien, im 1. Bezirk gelegen. Ihre Geschichte reicht zurück bis ins 4. Jahrhundert, als im dort gelegenen römischen Lager Vindobona eine Kaserne in ein Kirchengebäude umgebaut wurde. Der Bau der heutigen Peterskirche begann 1701, unter Kaiser Leopold I., Fertigstellung und Weihung war 1733. Die Peterskirche war der erste Kuppelbau im barocken Wien. Seit 2014 finden in der Krypta der Peterskirche wunderbare Opernproduktionen statt.  80 Besucher sitzen dort in unmittelbarer Nähe der Sänger, immer mit dem intensiven Gefühl, Teil der Aufführung zu sein.


Franz Schubert führte seinen Zyklus „schauerlicher Lieder“ im Herbst 1827 im engsten Freundeskreis im Hause Franz von Schobers erstmalig auf. In einem ebenso intimen Rahmen konnten die Besucher der Krypta der Wiener Peterskirche die Interpretation der Winterreise des Liedduos Matthias Spielvogel und Andreas Mersa erleben.

Oper in der Krypta / Matthias Spielvogel, Tenor und Andreas Mersa © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta / Matthias Spielvogel, Tenor und Andreas Mersa © Marcus Haimerl

Der Tiroler Pianist Andreas Mersa, Absolvent der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien studierte im Anschluss Liedbegleitung am Konservatorium Privatuniversität Wien. Der im deutschen Wittlich geborene Tenor Matthias Spielvogel erhielt in seiner Jugend ersten Gesangs-, Klavier- und Orgelunterricht. Es folgten Studien an den Musikhochschulen in Weimar und Wien. Er tritt als Chorsänger an der Wiener Staatsoper auf und gestaltet auch eine Vielzahl an Rollen bei Oper in der Krypta, u.a. Tony in der West Side Story, Don Ottavio in Don Giovanni oder Basilio in Le nozze di Figaro. Die beiden jungen Künstler verbindet eine jahrelange Zusammenarbeit im Bereich des romantischen Liedrepertoires. Gemeinsam vertiefen sie ihre interpretatorischen Studien beim Staatsopernsänger Hans Peter Kammerer.

Was sich nun dem Zuhörer bietet, ist wahrlich außergewöhnlich. Von Beginn gelingt es den Künstlern die spezielle beklemmende, dem Liederzyklus innewohnende Atmosphäre zu schaffen und das Publikum in ihren Bann zu ziehen.

Matthias Spielvogel zeigt hier die große Bandbreite seines stimmlichen Ausdrucks: von leichtgeführten, kopfstimmigen Passagen (Der Leiermann) über aufblühend dramatische Fortestellen (Der stürmische Morgen) bis hin zu starren, scheinbar leblosen Tönen (Der greise Kopf) reicht sein stimmliches Ausdrucksvermögen, welches er wohlüberlegt einsetzt.

Franz Schubert Grabstätte in Wien © IOCO

Franz Schubert Grabstätte in Wien © IOCO

Andreas Mersa bewies sich als herausragender Liedbegleiter. Einfühlsam trägt er den Sänger durch den gesamten Liederzyklus und beherrscht das Wechselspiel zwischen seiner Rolle als Begleiter und Solist perfekt. Als ein Beispiel sei hier das Lied Nr. 21 „Das Wirtshaus“ genannt, in welchem Andreas Mersa seine klangliche Vielfalt unter Beweis stellt.

Bemerkenswert auch die formale Dramaturgie des Abends, über die sich die Interpreten merklich Gedanken gemacht haben. Lieder, die inhaltlich und musikalisch zusammenhängen, folgen gruppiert rasch aufeinander (beispielsweise die Nummern 2-4), andere stehen einzeln für sich (Der Lindenbaum, Nr. 5; ,Rast, Nr. 10). Dieses Wechselspiel verleiht dem Abend eine übergeordnete Struktur, die dem Zuhörer das Verstehen dieses komplexen Zyklus‘ erleichtert. Die kurze Pause nach dem zwölften Lied ist ein Verweis auf die kompositorische Entstehungsgeschichte der Winterreise. Schubert hatte im Februar 1827 zuerst die Lieder 1-12 und später dann, im Oktober desselben Jahres, die Nummern 13-24 komponiert und damit den Zyklus zweiteilig angelegt.

Interessant auch die Wahl der Tonarten: bei der für gewöhnlich im Konzert dargebotenen Fassung der Winterreise, wie sie in der Erstausgabe (Haslinger, Wien, 1828) erschienen ist, wird außer Acht gelassen, dass Schubert bei einigen Liedern ursprünglich andere Tonarten vorgesehen hatte. Ein Beispiel: Die Künstler lassen auf das vorletzte Lied ,Die Nebensonnen‘, das in A-Dur endet, den finalen Leiermann im ursprünglich vorgesehen h-Moll anstatt üblichen a-Moll erklingen, was die Szenerie des armen Bettlers, der barfuß auf dem Eis seine Leier spielt, auch tonal noch entrückter erscheinen lässt.

Nachdem der letzte Ton des Leiermanns verklungen war, herrschte ein langer Augenblick Stille, ehe der Jubel des Publikums anhob. Ein neuerliches Highlight in der Zusammenarbeit der beiden jungen Künstler stellt die Aufführung von einem weiteren Liederzyklus Schuberts, Die schöne Müllerin, am 05. Und 09. Mai 2018 am gleichen Ort, in der Krypta der Peterskirche in Wien dar.

Wien, Oper in der Krypta, Die Fledermaus von Johann Strauss, IOCO Kritik, 28.01.2018

Januar 31, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Peterskirche

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

Oper in der Krypta

 Die Fledermaus von Johann Strauss

Von Marcus Haimerl

Die Geschichte der Wiener Peterskirche reicht weit zurück. Der Bau der Kirche begann 1701, unter Kaiser Leopold I.. Fertigstellung und Weihung der Peterskirche war 1733. Die Peterskirche war der erste Kuppelbau im barocken Wien. Seit 2014 finden in der Krypta der Peterskirche wunderbare Opernproduktionen statt. 80 Besucher erleben diese Opern in unmittelbarer Nähe der Sänger, mit intensiven Gefühlen, selbst Teil der Aufführung zu sein. IOCO berichtet seit einiger Zeit über diese Erlebnisse.

  Oper in der Krypta

Die Fledermaus von Johann Strauss Sohn

Von Marcus Haimerl

Gemeinsam mit dem Ensemble Oper@Tee schloss sich Oper in der Krypta der langen Tradition an, zu Silvester und der darauffolgenden Januarwoche Johann Strauss‘ Operette Die Fledermaus auf den Spielplan zu setzen. Gerne nahm das Publikum dieses zusätzliche Angebot neben der Wiener Staatsoper und der Wiener Volksoper an, um das Stück um Champagnerlaune, Verwechslungen und die Rache des Dr. Falke an seinem Freund Gabriel von Eisenstein hautnah miterleben zu können. Die Vorstellungen in der Krypta der Peterskirche sind immer ausverkauft, sehr ausverkauft, wie auch Die Fledermaus.

Oper in der Krypta / Die Fledermaus - hier Florian Pejrimovsky als Frank, Alice Waginger als Adele, Magdalena Punz als Ida © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta / Die Fledermaus – hier Florian Pejrimovsky als Frank, Alice Waginger als Adele, Magdalena Punz als Ida © Marcus Haimerl

Und dies zurecht. Magdalena Punz zeichnete sich für die Regie verantwortlich und lieferte launige und wahrhaft spritzige Vorstellungen. Die junge Sopranistin und Cellistin ist dem Publikum der Krypta auch als Illustratorin der Programmhefte für die Kinderopern ein Begriff. Neben der Regiearbeit übernahm die junge Künstlerin auch die Partie der Ida, mit welcher sie das Publikum ebenso nachhaltig überzeugen konnte.

Die musikalische Leitung oblag, wie bei fast allen Produktionen von Oper@Tee dem hochbegabten Pianisten Maximilian Schamschula. Sein unglaublich differenziertes und schwungvolles Klavierspiel deckt das gesamte Orchester ab und trägt die Sänger förmlich auf Händen.

In der Partie des Gabriel von Eisenstein erlebte man Max von Lütgendorff. Er singt und lebt diese Rolle mit großem, ins Heldenfach gehenden Tenor mit baritonaler Färbung und kräftiger Höhe. Intensiv und leidenschaftlich auch die Rollengestaltung des jungen Sängers, der bereits mit großen Dirigenten wie Ingo Metzmacher oder Bertrand de Billy unter anderem bei den Salzburger Festspielen, im Landestheater Linz oder im Theater an der Wien erfolgreich zusammengearbeitet hat. Spätestens beim Wodka Trinken mit Prinz Orlovsky hatte er die Lacher und Sympathien des Publikums auf seiner Seite.

Auf ebenso hohem Niveau agiert Isabella Kuëss als seine Gattin Rosalinde. Ihr jugendlich dramatischer Sopran verfügt über eine kräftige Mittellage und einer schönen, sicheren Höhe. Auch mit ihrer ausdrucksvollen Darstellung weiß sie zu überzeugen. Oft genügt ein Blick, eine kleine Geste der jungen Künstlerin, um die Tiefe ihrer Rollengestaltung zu entdecken.

Alice Waginger, Mastermind des Ensembles Oper@Tee verkörpert das Stubenmädel Adele mit mühelosen Koloraturen und einer gehörigen Portion Wiener Schmäh. Maria Lukasovsky ist ein sehr nobler und souveräner Prinz Orlofsky und verfügt über einen klaren, schön geführten Mezzo mit warmem Klang. Alternierend überzeugte auch Anna Kargl mit kraftvollem, wohlklingenden Mezzo das Publikum. Als Dr. Falke ist der Wiener Bariton Michael Weiland eine Klasse für sich. Mit seinem kräftigen Bariton mit schöner Höhe begeisterte er das Publikum genauso wie mit seiner intensiven und leidenschaftlichen Darstellung.

Oper in der Krypta / Die Fledermaus -  hier Alice Waginger als Adele, Max von Luetgendorf als Eisenstein © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta / Die Fledermaus – hier Alice Waginger als Adele, Max von Luetgendorf als Eisenstein © Marcus Haimerl

Florian Pejrimovsky, häufiger Gast vieler Partien in der Krypta der Peterskirche ist ein unglaublich humoriger Gefängnisdirektor Frank mit schönem, dunklen beinahe dröhnendem Bassbariton. Als Sänger Alfred erlebt man Savva Tikhonov. Der junge Tenor, mit wunderschönem Schmelz in der Stimme gesegnet, ist beinahe schon eine Luxusbesetzung für diese eher kleine Partie. Abwechselnd war auch Hans-Jörg Gaugelhofer in dieser Partie zu erleben, der mit seinem klaren, schönen Tenor diese Figur ebenso professionell ausfüllt. Die Rollen des Advokaten Blind und des Frosch übernahm Robert Herzl. Seine Darstellung in beiden Partien waren sehr humorvoll in der Darstellung geprägt von altbekannten Witzen und tagespolitischen „Scherzen“.

Nur selten ertönt in der Krypta der bedeutenden Peterskirche so großer wie wenig kryptischer Jubel. Das gesamte, exzellent agierende Ensemble dieser spritzigen Fledermaus wurde  mit diesem Jubel belohnt; und, so wurde auch vertraulich berichtet, der Jubel kam nicht von himmlischen Heerscharen sondern aus höchst irdischen Kehlen der Besucher!

Wien, Peterskirche, Oper in der Krypta – Carmen von Georges Bizet, IOCO Kritik, 11.09.2017

September 13, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Peterskirche

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

Oper in der Krypta

Carmen von Georges Bizet

Von Marcus Haimerl

Die Geschichte der Wiener Peterskirche reicht weit zurück. Der Bau der Kirche begann 1701, unter Kaiser Leopold I.. Fertigstellung und Weihung der Peterskirche war 1733. Die Peterskirche war der erste Kuppelbau im barocken Wien. Seit 2014 finden in der Krypta der Peterskirche wunderbare Opernproduktionen statt.  80 Besucher sitzen in unmittelbarer Nähe der Sänger, immer mit dem intensiven Gefühl, Teil der Aufführung zu sein.

Die Grabstätte von Georges Bizet in Paris © IOCO

Die Grabstätte von Georges Bizet in Paris © IOCO

Mit Georges Bizets 1875 in Paris uraufgeführter Oper Carmen startet Oper in der Krypta in die neue Saison. Der künstlerische Leiter Joel A. Wolcott ist nicht nur in den Partien des Moralès und Dancairo zu hören, sondern setzte Bizets Werk auch klug in Szene. Die Zuschauer sitzen, wie in einer Stierkampfarena, im Halbkreis um die Bühne, um das letale Dreiecksdrama der Zigeunerin Carmen, dem Soldaten Don José und dem Torero Escamillo hautnah zu erleben. Auch kommt die ganze Produktion mit wenig Bühnenbild aus. Ein Tisch und zwei Sessel, nur ein wenig verändert, stehen für den ersten und zweiten Akt auf der Bühne. Mit einem kleinen Kohleofen behilft man sich in der Schmugglerszene des dritten Aktes, das Finale findet auf leerer Bühne statt. Ohne großer Szenen entsteht hier ein Kammerstück, welches von der Umsetzung der Sänger vorangetrieben wird.

Peterskirche Wien / Oper in der Krypta - Flaka Goranci als Carmen © Marcus Haimerl

Peterskirche Wien / Oper in der Krypta – Flaka Goranci als Carmen © Marcus Haimerl

In der Mezzosopranistin Flaka Goranci hat sich, nicht nur optisch, eine Idealbesetzung der Carmen gefunden. Nicht nur mit tiefem, wohlklingenden Mezzo, kräftiger, klarer Höhe und schöner Phrasierung, sondern auch mit  ihrer Darstellung und natürlicher Laszivität gelingt es ihr, alle Facetten dieser Partie glaubhaft auf die Bühne zu bringen.

Als Don José sang sich der junge russische Tenor Ali Magomedov in die Herzen des Publikums. Mit seiner kraftvoll leidenden Tenorstimme wusste er nicht nur in dramatischen Szenen zu überzeugen. Auch die lyrische Seite des Don José konnte er glaubhaft darstellen.

In der Partie der Micaëla ließ Olga Czerwinski aufhorchen. Wer hier ein junges, schüchternes Mädchen erwartet, wird enttäuscht. Ihre Rollengestaltung zeigt eine intensive, beinahe dramatische, ebenbürtige Gegenspielerin der Carmen. Mit kraftvollem Sopran ist sie eine unglaublich intensive Micaëla, der man durchaus zutrauen kann, des Nachts das Schmugglerlager in den Bergen aufzusuchen.

Peterskirche Wien / Oper in der Krypta und Carmen - Olga Czerwinski als Micaela mit Alig Magomedov als Don José © Marcus Haimerl

Peterskirche Wien / Oper in der Krypta und Carmen – Olga Czerwinski als Micaela mit Alig Magomedov als Don José © Marcus Haimerl

Mit ebenso wuchtiger Stimme auch der mexikanische Bassbariton Jorge A, Martinez, der in der Partie des Escamillo sein eigentliches Debüt in der Oper in der Krypta gab. Mit der mexikanischen Sopranistin Mariana Garci-Crespo als Frasquita und der lettischen Mezzosopranistin Helena Sorokina, beide auch aus der Erfolgsproduktion West Side Story bekannt, waren sogar die Nebenrollen hochkarätig besetzt. Nicht nur stimmlich, auch darstellerisch wissen die beiden das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Großartige Leistungen auch von Marco Ascani als Remendado und auch Daniel Valero in der Rolle des Zuniga zeigt sehr großes Potenzial.

 Die musikalische Leitung lag in den Händen der russischen Pianistin Elena Upryamova. Der intensiven, packenden Umsetzung von Bizets Musik ist es, wie auch dem Ensemble zu verdanken, dass der Abend ein vom Publikum bejubelter Erfolg wurde.

Wien, Peterskirche, Oper in der Krypta – Wiener Blut, IOCO Kritik, 20.06.2017

Juni 20, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Operette, Peterskirche

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

 Wiener Blut  von Johann Strauss

Libretto von Victor Leon und Leo Stein

Von Marcus Haimerl

Grabmal Johann Strauss Sohn und seiner Frau Adele in Wien © IOCO

Grabmal Johann Strauss Sohn und seiner Frau Adele in Wien © IOCO

Im Alter von 74 Jahren, gesundheitlich angeschlagen, sah sich Johann Strauss außerstande dem Wunsch des Theaterdirektors Franz Jauner und seiner dritten Ehefrau Adele nach einer neuen Operette nachzukommen. Mit seinem Einverständnis kreierte Adolf Müller jun. aus bereits vorliegenden Tanzmelodien eine Operette unter dem Namen Johann Strauss, das Textbuch stammte von Victor Leon und Leo Stein. Das musikalische Material reicht zurück bis in die 1860er Jahre und enthält unter anderem die Walzer Morgenblätter (1864), Wein, Weib und Gesang (1869), den titelgebenden Walzer Wiener Blut (1873) und die Schnellpolka Leichtes Blut (1867). Zwar wurde dadurch die Homogenität des Stils wie in den anderen Strauss-Operetten nicht ganz erreicht, jedoch hat Adolf Müller jun. die Originalinstrumentation beibehalten und in den entsprechenden Klangfarben nur dezente Überleitungen geschrieben. Seinem bühnensicheren Spürsinn bei der Auswahl der Tänze ist es zu verdanken, dass dieses letzte Bühnenwerk Johann Strauss‘ trotz einer flauen Uraufführung am 26. Oktober 1899 im Wiener Carltheater dennoch seinen Siegeszug auf deutschen Bühnen antreten konnte.

Peterskirche Wien / Oper in der Krypta - Wiener Blut Ensemble © Marcus Haimerl

Peterskirche Wien / Oper in der Krypta – Wiener Blut Ensemble © Marcus Haimerl

Wiener Blut handelt von Graf Balduin Zedlau, dem Gesandten von Reuß-Schleiz-Greiz, der seiner Wiener Gattin Gabriele zu spießig ist. Ihm fehlt das „Wiener Blut“. Sie zieht auf das Schloss ihrer Eltern, Graf Zedlau beginnt eine Affäre mit der schönen Franziska Cagliari, Tänzerin am Kärntnertor-Theater und lebt mit ihr in seiner Villa. Zum Wiener „Hallodri“ umerzogen, wirft er auch ein Auge auf die Freundin seines Kammerdieners Josef („Pepi“), die Probiermamsell Pepi Pleininger. Gabriele erfährt vom Treiben ihres Mannes und kehrt neugierig in die Villa zurück. Nach vielen turbulenten Verwechslungen treffen sich alle beim Heurigen in Hietzing (Draust‘ in Hietzing gibt’s a Remasuri). Gabriele wird vom Vorgesetzten ihres Mannes Premierminister Fürst Ybbsheim-Gindelsbach geleitet, Balduin mit der Probiermamsell Pepi Pleininger und Kammerdiener Josef mit Franzi Cagliari. Es endet alles mit einem Happy End: Balduin kehrt zu Gabriele zurück, Josef macht Pepi zu seiner Braut und der Premierminister ist von Franzi so entzückt, dass er ihr einen Kontrakt für das Hoftheater von Reuß-Greiz-Schleinz anbietet, der mit Hilfe von Franzis Vater, dem Karussellbesitzer Kagler, sogar in einem Heiratsantrag mündet. Champagner hat’s verschuldet heißt es in der Fledermaus. In diesem Fall liegt die Schuld am Wiener Blut („Wiener Blut,Wiener Blut! Eig’ner Saft, Voller Kraft, Voller Glut. Wiener Blut, selt’nes Gut, Du erhebst, Du belebst unser’n Mut!“)

Peterskirche Wien / Oper in der Krypta - Wiener Blut - Christian Graf als Josef der Kammerdiener, Martin Eder als Kellner © Marcus Haimerl

Peterskirche Wien / Oper in der Krypta – Wiener Blut – Christian Graf als Josef der Kammerdiener, Martin Eder als Kellner © Marcus Haimerl

Das Ensemble Oper@Tee, eine Institution in Sachen Operette, gestaltete diese Ur-Wiener-Operette für Oper in der Krypta. Max Buchleitner, selbst Bariton, übernahm die Regie. Dank seiner klugen Personenführung bewegt sich das gesamte Ensemble auf der kleinen Spielfläche nicht nur anmutig im Dreivierteltakt, sondern auch die darstellerischen Höchstleistungen kommen hier nicht zu kurz. Sehr beeindruckend auch das Bühnenbild von Georg Weiland. Begrenzt wird die Bühne durch drei Türrahmen, welche in jedem Akt anders gestaltet sind und im letzten Akt als Gartenlauben beim Heurigen in Hietzing dienen. Im zweiten Akt ziert auch ein Kristallluster die Räumlichkeiten bei der Vernissage und auch die Gartenlauben sind mit bunten Lichtern geschmückt.

Die musikalische Leitung lag beim Wiener Pianisten Maximilian Schamschula, der neben dem richtigen Takt, auch für ein ganz besonderes Klangerlebnis sorgte.
Hans-Jörg Gaugelhofer überzeugt in der Rolle des Grafen Balduin Zedlau mit klarem Tenor, großer Wortdeutlichkeit und munterer Darstellung. Besuchern der Kinderoper in der Krypta ist der junge Tenor als Tamino in der Zauberflöte ebenso vertraut wie als Eduard in Der Diamant des Geisterkönigs. Seit 2015 ist er auch Mitglied im Vokalensemble am Wiener Burgtheater (in der Produktion Antigone). Als seine Gattin Gabriele konnte Ellen Halikiopoulos mit ihrem ausdrucksvollen, starken Sopran gleichermaßen begeistern. Die vielseitige Künstlerin ist in der Krypta unter anderem als Rosalinde in Die Fledermaus, als Pamina in Zauberflöte für Kinder oder Der Diamant des Geisterkönigs zu erleben, feiert aber auch international Erfolge in Operetten wie Der Opernball oder Ein Walzertraum oder der Mutter Gertrud in Humperdincks Hänsel und Gretel. Eine Klasse für sich ist der Wiener Bassist Michael Weiland in der Partie des Fürsten Ybbsheim-Gindelsbach. Mit authentischem, preußischem Dialekt, großer Portion Humor, halsbrecherischem Körpereinsatz und ungeheurer Spielfreude konnte er das Publikum ebenso mitreißen wie mit seiner kräftigen, wohltönenden Bassstimme. Ihm ebenbürtig ist Alice Waginger als Tänzerin Franziska Cagliari. Die Koloratursoubrette besticht mit klarer, agiler Höhe und schöner, stabiler Mittellage und eroberte mit ihrem grandiosen Wiener Dialekt die Herzen des Publikums im Sturm. Das Repertoire der Wiener Sopranistin erstreckt sich von Operette (Adele in Die Fledermaus) über Oper (Despina in Così fan tutte) bis hin zu Liedern von Richard Strauss.

Peterskirche Wien / Oper in der Krypta - Wiener Blut - Alica Waginger, Michael Weiland, Ellen Halikiopoulos, Hans-Jörg Gaugelhofer, Elisabeth Jahrmann, Christian Graf © Marcus Haimerl

Peterskirche Wien / Oper in der Krypta – Wiener Blut – Alica Waginger, Michael Weiland, Ellen Halikiopoulos, Hans-Jörg Gaugelhofer, Elisabeth Jahrmann, Christian Graf © Marcus Haimerl

In der Partie der Pepi Pleininger ist die aus Linz gebürtige Koloratursopranistin Elisabeth Jahrmann das Ideal des einfältigen, liebenswerten Wiener Mädels. Nicht nur das Spiel und die Wiener Mundart, auch ihr markanter, schön geführter Sopran wissen zu überzeugen. Christian Graf beweist als Kammerdiener Josef nicht nur komödiantisches Talent, auch sein schlanker, sehr beweglicher Tenor sind pures Vergnügen. Als Karussellbesitzer Kargel brilliert Philipp Landgraf. Spätestens beim Wienerlied „Geht’s und verkauft‘s mein G’wand“ im dritten Akt lässt der Wiener Bariton Heurigengefühl und Operettenseligkeit aufkommen. Mit drei kleinen Rollen (Fürst Bitowski/ein Kutscher/ ein Kellner) beweist der Bariton Martin Eder, dass er neben Sakralmusik auch im leichteren Fach mehr als nur eine gute Figur macht.

Das gesamte Ensemble sorgte für eine gehörige Portion Leichtigkeit und Humor und bewies, dass Operette immer noch funktionieren kann. Das Publikum, und nicht alle verfügten über Wiener Blut, dankten mit entsprechenden Beifall und Jubel. Man kann  schon auf die nächste Produktion in der Krypta der Peterskirche, Der Bettelstudent,  gespannt sein.

 

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