Wien, Oper in der Krypta, Tosca – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 06.11.2018

November 7, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Peterskirche

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

  Tosca  —  Giacomo Puccini

Oper in der Krypta – Große Oper mit Kammerspiel-Charakter

Von Marcus Haimerl

Mit der am 14. Jänner 1900 in Rom uraufgeführten Oper Tosca des italienischen Komponisten Giacomo Puccini fand die erste große Opernpremiere der Saison in der Krypta der Wiener Peterskirche statt. Wo könnte man auch diesen Opernkrimi besser aufführen, als in einer Kirche. Spielt doch die Handlung im Kirchenstaat Rom im Juni des Jahres 1800 und der erste Akt in der Kirche Sant’Andrea della Valle. Giuseppe Giacosa und Luigi Illica schufen das Libretto nach dem Drama La Tosca des französischen Dramatikers Victorien Sardou, welches 1887 uraufgeführt wurde und mit Sarah Bernhardt in der Titelrolle in ganz Europa Erfolge feierte.

Zwar war auch Puccinis Werk ein Erfolg, stieß aber auch auf starken Gegenwind: in Oskar Bies Standardwerk „Die Oper“ steht: „Die Sensation schlägt durch. Ein ekelhafter Text, blutig nicht bloß im Stoff, auch in der Behandlung“. Auch über die Musik fanden sich keine lobenderen Worte: „Schlächterarbeit im Kleid des Liebenswürdigen“, und selbst die wenigen Arien seien versungen und vertan, „geopfert dem Moloch der Kinodramatik“. Aber auch bei Musikern und Musikkennern hielt sich diese Betrachtungsweise lange: „Kunstmachwerk“ (Gustav Mahler), „Affenschande“ (Felix Mottl) und von Kritikern „Folterkammermusik“ (Julius Korngold) oder „namenlose Gemeinheiten“ (Ferdinand Pohl). Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg sprach der amerikanische Musik- und Opernforscher Joseph Kerman noch vom „schäbigen Schocker“. Natürlich fand sich aber auch immer wieder sachlich fundierte Kritik an dieser dem Verismo nahestehenden Oper Puccinis und mittlerweile erfreut sich dieses Werk größter Beliebtheit.

Oper in der Krypta Wien / Tosca  - hier : Florian Pejrimovsky als Scarpia,  Isabella Kuess als Tosca,  Pavel Kvashnin als Cavaradossi  © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Tosca  – hier : Florian Pejrimovsky als Scarpia,  Isabella Kuess als Tosca,  Pavel Kvashnin als Cavaradossi  © Marcus Haimerl

Die Oper, die zwischen kantabler Lyrik und eruptiv ausbrechender Dramatik schwankt, bedarf großer darstellerischer Intensität in ihren Protagonisten und einen Regisseur, der es versteht, zwischen eiskaltem Machtmissbrauch und lodernder Dramatik die Ehrlichkeit und Menschlichkeit der Charaktere herauszuarbeiten. Für Oper in der Krypta konnte man hierfür keinen besseren Regisseur finden, als den künstlerischen Leiter selbst, den Amerikaner Joel Wolcott. Der vielseitige Künstler überzeugt die zahlreichen Besucher mit einer packenden und wohldurchdachten Personenführung. So gerät der zweite Akt zu einem explosiven, tiefergreifenden und verstörenden Kammerspiel zwischen Scarpia und Tosca, das von der Chemie der Darsteller auf der Bühne lebt und das Publikum emotional sichtbar aufwühlte.

Auch mit dem Bühnenbild werden starke Akzente gesetzt: Für das Innere der Kirche Sant’Andrea della Valle, wird die bereits sakrale Umgebung durch ein beeindruckendes steinernes Weihwasserbecken mit Madonnenstatue ergänzt. Für den verhängnisvollen dritten Akt reduziert sich die Kulisse auf ein schlichtes Podest, auf welchem sich das letale Finale der Oper in intensivem, blutrotem Licht abspielt. Dass Floria Tosca sich am Ende mit einer Pistole das Leben nimmt, ist den baulichen Gegebenheiten der Krypta geschuldet, erweist sich aber als durchaus gelungene Alternative zum herkömmlichen Finale der Oper.

Isabella Kuëss erlebt man in der Titelpartie der Opernsängerin Floria Tosca. Und es handelt sich hier in der Tat um ein Erlebnis, denn die österreichische Sopranistin lebt diese Partie in allen Facetten aus. Sie ist große Diva, zärtliche Geliebte, verzweifelte Mörderin und leidende Frau in Einem. Ihr Ringen um Leben, Liebe und Würde geht unter die Haut. Dazu bedarf es nicht immer großer Gesten; schon ein Blick oder eine kaum merkliche Bewegung sorgen für Gänsehaut und der ins Gesicht geschriebene Ekel bei den Zudringlichkeiten Scarpias lässt niemanden kalt. Ihr voller dramatischer Sopran mit schöner, breiter Mittellage und strahlender Höhe ist ebenso zu lodernden dramatischen Ausbrüchen fähig, wie zu warmen, lyrischen Piani und hinterlässt großen Eindruck. Ihr „Vissi d’arte“, in der von Maria Jeritza eingeführten liegenden Position, geriet zum Bravourstück.

In Florian Pejrimovsky findet Isabella Kuëss einen Gegenspieler auf Augenhöhe. Der österreichische Bassbariton setzt in der Partie des Scarpia neue Maßstäbe. Nicht nur seine Darstellung des brutalen und gnadenlosen Polizeichefs überzeugte das Publikum, auch mit seinem stimmgewaltigen Bassbariton hinterlässt er nachhaltig Eindruck.

Der junge russische Tenor Pavel Kvashnin überzeugt als Maler Mario Cavaradossi, der mit kräftigem Tenor und unglaublicher Strahlkraft dieser Partie neue Akzente verleiht. Er gestaltet seine Arie „È lucevan le stelle“ mit enormer Emotionalität und schmelzenden Zwischentönen und findet in den Szenen mit Tosca eindringliche Momente.

Oper in der Krypta -  Wien / Tosca - hier :  Pavel Kvashnin als Cavaradossi, Daniel Valero als Mesner © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta – Wien / Tosca – hier : Pavel Kvashnin als Cavaradossi, Daniel Valero als Mesner © Marcus Haimerl

Auch die kleineren Partien sind exzellent besetzt: In der Partie des Mesners erlebt man den mexikanischen Bariton Daniel Valero, der es versteht, die humorige Seite dieser Rolle fein herauszuarbeiten, aber später auch als düsterer Gendarm Sciarrone zu überzeugen weiß. Regisseur Joel Wolcott schlüpft auch in die Rolle des Spoletta und der deutsche Bariton Michael Pinsker verlieh der kurzen Partie des Cesare Angelotti Bedeutung. Auch der Chor In höchsten Tönen!, die Sopranistinnen Naomi Montfort, Shabnam Najafi, Natalia Leal, Sofija Jankovic, Johanna Kloser, Djurfjica Gojkovic und der Tenor Rafael Diaz Marenco, ermöglichten ein hervorragend gelungenes Te Deum am Ende des ersten Aktes.

Die musikalische Leitung liegt wieder in den Händen von Ekaterina Nokkert, die mit viel Liebe zum Detail Puccinis Musik packend wiedergibt und das Sängerensemble sicher durch alle Klippen der Oper leitet.

Mit dieser Produktion hat sich Oper in der Krypta erneut einen Erfolg beschert. Am Jubel des Publikums gemessen, wird sich Puccinis Tosca mit Sicherheit noch lange im Repertoire halten und für ausverkaufte Vorstellungen sorgen.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—

Wien, Oper in der Krypta, Die schöne Müllerin – Franz Schubert, IOCO Kritik, 20.06.2018

Juni 19, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Peterskirche

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

Oper in der Krypta

 DIE schöne MÜLLERIN – Liederabend in der Krypta

Von Marcus Haimerl

Das etablierte Liedduo Matthias Spielvogel und Andreas Mersa präsentierte Anfang Mai mit Schuberts  Die schöne Müllerin sein bereits fünftes Liedprogramm in der Krypta der Wiener Peterskirche. Den deutschen Tenor und den Tiroler Pianisten verbindet eine langjährige künstlerische Zusammenarbeit, in welcher sie vor allem das Repertoire des deutschen Kunstlieds pflegen (siehe Franz Schubert  Die Winterreise – link  HIER)

Zu den bekanntesten, im deutschsprachigen Volksliedtum erhalten gebliebenen Gedichten Wilhelm Müllers (1794-1827), zählen sicherlich „Das Wandern ist des Müllers Lust“ und „Am Brunnen vor dem Tore“. Die schöne Müllerin ist, neben der Winterreise mit ihren 24 Gedichten, der zweite große Gedichtzyklus Müllers, den Franz Schubert vertonte.

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel und Andreas Mersa an Flügel © Marcus Haimerl

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel und Andreas Mersa an Flügel © Marcus Haimerl

Das Sujet der schönen Müllerstochter (italienisch – La molinara) war Anfang des 19. Jahrhunderts in Dichtung und Musik allgegenwertig. So widmete sich auch Wilhelm Müller diesem Thema und schuf 1821 den Gedichtzyklus Die schöne Müllerin, welchen er im Sammelband „Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten“ veröffentlichte. Müllers Zyklus umfasst, anders als bei Schubert, im Original 25 Gedichte. Durch Prolog und Epilog des Dichters erfährt die tragische Geschichte des Müllerburschen eine ironische Wendung, mit welcher Müller zu verstehen gibt, dass die ganze Geschichte nicht allzu ernst zu nehmen sei. Nicht so Franz Schubert. Dieser nahm sie sehr ernst; er strich fünf Gedichte und vertonte letztlich nur 20, um die Tragik nicht zu brechen.

Wilhelm Müller wirkte in seinem kurzen Leben vor allem im mitteldeutschen Raum und ist Franz Schubert nie begegnet. Auch ist nicht geklärt, ob Müller von Schuberts Vertonungen je erfahren hat.

1823 komponierte Schubert seine Fassung der literarischen Vorlage. Ein junger Müllersbursche auf Wanderschaft findet Arbeit in einer Mühle und verliebt sich in die Tochter des Müllers. Die anfängliche Romanze entpuppt sich bald als Wechselspiel aus tiefster Zuneigung, Eifersucht, Abweisung und Schmerz. In seiner starken Natur-verbundenheit wählt der Müllersbursche den Bach als seinen Vertrauten und sein Schicksal. Er spricht mit ihm und klagt ihm sein Leid, der Bach antwortet, tröstet und steht ihm zur Seite bis er den jungen Burschen, im tragisch-verklärten Schluss, in seinen Armen empfängt.

Manisch-depressive Verzweiflung und die Wiener Todessehnsucht durchziehen die Lieder gegen Ende des Zyklus auf eine Weise, wie nur Schubert sie auszudrücken vermochte. Kompositorisch finden sich in der Müllerin die typischen Charakteristika der Tonsprache Schuberts: bewusst gewählte Tonartenabfolgen, ausgefeilte motivische Arbeit im Klavierpart sowie Volksliedhaftigkeit auf höchstem Niveau. Wie auch in der späteren Winterreise hebt Schuberts Musik die schlichten Texte Müllers auf eine höhere, nahezu transzendente Ebene voller Subtext und Deutung. Dieser Meilenstein des deutschen Kunstlieds ist maßgebend für die Geschichte dieses Genres.

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel (rechts) und Andreas Mersa © Sophie Menegaldo

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel (rechts) und Andreas Mersa © Sophie Menegaldo

Als Kenner der Müllerin merkt man die Gründlichkeit, mit der sich die Künstler diesen Zyklus erarbeitet haben: Genauigkeit in Notentext und Wort sind Grundvoraussetzung für eine hochwertige Interpretation dieses Zyklus‘ – beides findet man an diesem Abend in Vollendung vor. Stimmlich überzeugt Matthias Spielvogel durch hervorragendes Gespür für Phrasierung und Artikulation. Selbst unter dicht geführten Legatobögen bleibt jedes Wort verständlich. Die Naivität, die dem Charakter des erzählenden Müllersburschen zu Grunde liegt, weiß der Sänger stimmlich authentisch und überzeugend umzusetzen. Umso überraschender die Stellen des Werks, an denen die zu Beginn überschwängliche Stimmung kippt. Plötzlich tauchen auch düstere Stimmfärbungen, eindringliche Pianostellen und dramatische Ausbrüche auf. Jetzt wird klar; die zu Beginn ungetrübte Liebesgeschichte wird kein gutes Ende nehmen.

Andreas Mersa zeigt sich an diesem Abend einmal mehr als einfühlsamer Pianist und Liedbegleiter. Klangliche Vielfalt, wohlüberlegte Phrasierung und technische Souveränität prägen sein Spiel. Beim letzten Stück „Des Baches Wiegenlied“ zeigt sich die Ergriffenheit des Publikums, ehe die Künstler beim langanhaltenden Applaus für diesen gelungenen und außergewöhnlichen Konzertabend belohnt wurden.

Freunde des deutschen Kunstlieds im Allgemeinen und Fans des Liedduos Spielvogel & Mersa im Speziellen kommen im Herbst erneut auf ihre Kosten: am 30. Oktober und  8. November 2018 präsentieren die beiden Künstler ausgewählte Lieder von Franz Schubert, Robert Schumann und Hugo Wolf in der Krypta der Wiener Peterskirche.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—

Wien, Oper in der Krypta, La Traviata – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 28.04.2018

April 29, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Peterskirche

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

 La Traviata  von  Giuseppe Verdi

Von Marcus Haimerl

Die Peterskirche steht im Zentrum der Stadt Wien, in dessen populären 1. Bezirk. Ihre Geschichte reicht zurück bis ins 4. Jahrhundert, als im dort gelegenen römischen Lager Vindobona eine Kaserne in ein Kirchengebäude umgebaut wurde. Der Bau der heutigen Peterskirche begann 1701, unter Kaiser Leopold I., Fertigstellung und Weihung war 1733. Die Peterskirche war der erste Kuppelbau im barocken Wien. Seit 2014 finden in der Krypta der Peterskirche wunderbare Opernproduktionen statt. 80 Besucher sitzen dort in unmittelbarer Nähe der meist jungen Sänger/innen, immer mit dem intensiven Gefühl, selbst Teil der Aufführung zu sein. IOCO / Marcus Haimerl begleitet hier  kommende wie etablierte Bühnenstars.


Grabstätte von Alphonsine Plessis in Paris, die Kameliendame des Lebens und Vorlage für Alexandre Dumas © IOCO

Grabstätte von Alphonsine Plessis in Paris, die Kameliendame des Lebens und Vorlage für Alexandre Dumas © IOCO

Mit Giuseppe Verdis, 1853 im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführter Oper La Traviata, nach dem Roman Die Kameliendame (La dame aux camélias) von Alexandre Dumas dem Jüngeren, geht Oper in der Krypta völlig neue Wege. Junge Musik-studenten haben sich hier zu einem Chor für die Opernproduktionen zusammen-gefunden und übernehmen auch kleinere Rollen, wie im vorliegenden Fall wie Gastone oder Barone Douphol. Auch gab es im Vorfeld dieser Premiere erstmals für Stammgäste und Interessierte die Möglichkeit an Proben teilzunehmen, Regisseur Joel Wolcott bei der Arbeit zu beobachten und zu erleben, mit welcher Präzision jeder Schritt und jede Bewegung auch einer kleinen Opernproduktion durchdacht und erarbeitet wird.

Oper in der Krypta - Wien / Traviata hier Elisa Quintero als Violetta - Florian Pejrimovsky als Giorgio © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta – Wien / Traviata hier Elisa Quintero als Violetta – Florian Pejrimovsky als Giorgio © Marcus Haimerl

Das Bühnenbild dieser Traviata ist ebenso einfach wie genial: ein großes Sofa, zwei Ohrensessel, ein Tisch stehen im Zentrum der Bühne. Mehr braucht es nicht, die Handlung um die vom rechten Weg abgekommene, titelgebende Heldin Violetta Valéry und ihrer Liebe zum gutbürgerlichen Alfredo Germont, die an der Gesellschaft und dem Gesundheitszustand der Protagonistin schließlich scheitern muss, glaubhaft darzustellen.

Zwangsläufig wird das Publikum bei den Produktionen von Oper in der Krypta in das Geschehen eingebunden, betreten die Künstler ja die Bühne zwischen den Besucherreihen oder gehen auf diesen Wegen auch wieder ab. Im ersten Akt der Traviata hat das Publikum nun aber auch die Möglichkeit das Geschehen auf der Bühne mitzuerleben. Während des Festes im ersten Akt gesellen sich einige Zuschauer zu den Gästen und dürfen bei einem Glas Sekt erleben, wie es den Sängern Abend für Abend geht, wenn sie in solcher Nähe vor Publikum singen.

Aber auch musikalisch lässt diese Produktion keine Wünsche offen. Violetta Valéry, der an Tuberkulose erkrankten Kurtisane, singt die mexikanische Sopranistin Elisa Quintero. Mit ihrer kräftigen Mittellage und einer schönen, klaren Höhe ist sie eine Idealbesetzung dieser Partie. Die junge Sängerin, Schülerin der Mezzosopranistin Heidi Brunner und dem Pianisten und Dirigenten Niels Muus wird seit 2017 von KS Grace Bumbry unterrichtet und tritt als Opern-, Lied- und Oratorien-Solistin sowohl in Österreich als auch in ihrer Heimat auf. Der Spanier Sergio Tallo-Torres ist ein ebenso eindrucksvoller Alfredo, der mit seinem kräftigen, leicht metallischen Tenor Höchstleistungen bringt, als gäbe es kein Morgen. Besuchern der Krypta ist er aus zahlreichen Rollen bekannt. Sein Debüt an diesem Ort gab er 2015 in der Partie des Don Carlo, es folgten Pollione in Norma, Roméo in Gounods Roméo et Juliette und in Bellinis Capuleti e i Montecchi, Rodolfo in Bohème und Pinkerton in Butterfly. Auch außerhalb der Krypta ist Sergio Tallo-Torres gefragter Tenor für zahlreiche Rollen.

 Oper in der Krypta - Wien / Traviata hier Oskar Aguilar als Gastone - Sergio Tallo-Torres als Alfredo © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta – Wien / Traviata hier Oskar Aguilar als Gastone – Sergio Tallo – Torres als Alfredo – Ensemble  © Marcus Haimerl

Auch ein bekanntes Gesicht in der Krypta, Florian Pejrimovsky, ist als Vater Giorgio Germont zu erleben. Mit seinem gewaltigen Bassbariton schafft er auch unglaublich lyrische Passagen. Sowohl das Duett („Pura siccome un angelo“) als auch seine Arie „Di Provenza il mare, il suol“ brauchen den Vergleich mit den großen Interpreten dieser Partie nicht zu scheuen. So wie Elisa Quintero hatte auch die amerikanische Sopranistin Kaitrin Cunningham ihren ersten Auftritt in der Krypta. Die Preisträgerin der Amelie-Rieman Opera Competition überzeugte das Publikum in den Partien der Flora Bervoix und der Annina. Das bereits erwähnte Chor-Ensemble „in höchsten Tönen!“ (Naomi Montfort, Natalia Leal, Baharan Baniasadi, Shabnam Najafi, Oskar Aguilar und Daniel Valero) sangen und spielten so intensiv, dass es den Anschein hatte, sehr viel mehr Sänger wären auf der Bühne verteilt.

Die musikalische Leitung lag in den bewährten Händen der japanischen Pianistin Mami Tsukio, die ihr Können bereits in der Produktion von Bellinis Norma unter Beweis stellen konnte. Mit großem Gespür gelang es ihr, die Sänger gekonnt durch die Premiere zu führen und auf die speziellen Bedürfnisse der Sänger einzugehen. Wohlverdienter Jubel und viele Bravorufe aus dem Publikum empfingen alle Protagonisten und Beteiligte. Die ebenfalls im Publikum anwesende Kammersängerin Marjana Lipovšek zeigte sich nicht minder begeistert ob der Leistung der Künstler. Eine weitere Vorstellung am 28. April, danach wieder ab 11. August 2018.

Wien, Oper in der Krypta, Die Winterreise – Franz Schubert, IOCO Kritik, 10.04.2018

April 12, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Peterskirche

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

Die Winterreise von Franz Schubert  

Von Marcus Haimerl

Die Peterskirche, ist im Zentrum von Wien, im 1. Bezirk gelegen. Ihre Geschichte reicht zurück bis ins 4. Jahrhundert, als im dort gelegenen römischen Lager Vindobona eine Kaserne in ein Kirchengebäude umgebaut wurde. Der Bau der heutigen Peterskirche begann 1701, unter Kaiser Leopold I., Fertigstellung und Weihung war 1733. Die Peterskirche war der erste Kuppelbau im barocken Wien. Seit 2014 finden in der Krypta der Peterskirche wunderbare Opernproduktionen statt.  80 Besucher sitzen dort in unmittelbarer Nähe der Sänger, immer mit dem intensiven Gefühl, Teil der Aufführung zu sein.


Franz Schubert führte seinen Zyklus „schauerlicher Lieder“ im Herbst 1827 im engsten Freundeskreis im Hause Franz von Schobers erstmalig auf. In einem ebenso intimen Rahmen konnten die Besucher der Krypta der Wiener Peterskirche die Interpretation der Winterreise des Liedduos Matthias Spielvogel und Andreas Mersa erleben.

Oper in der Krypta / Matthias Spielvogel, Tenor und Andreas Mersa © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta / Matthias Spielvogel, Tenor und Andreas Mersa © Marcus Haimerl

Der Tiroler Pianist Andreas Mersa, Absolvent der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien studierte im Anschluss Liedbegleitung am Konservatorium Privatuniversität Wien. Der im deutschen Wittlich geborene Tenor Matthias Spielvogel erhielt in seiner Jugend ersten Gesangs-, Klavier- und Orgelunterricht. Es folgten Studien an den Musikhochschulen in Weimar und Wien. Er tritt als Chorsänger an der Wiener Staatsoper auf und gestaltet auch eine Vielzahl an Rollen bei Oper in der Krypta, u.a. Tony in der West Side Story, Don Ottavio in Don Giovanni oder Basilio in Le nozze di Figaro. Die beiden jungen Künstler verbindet eine jahrelange Zusammenarbeit im Bereich des romantischen Liedrepertoires. Gemeinsam vertiefen sie ihre interpretatorischen Studien beim Staatsopernsänger Hans Peter Kammerer.

Was sich nun dem Zuhörer bietet, ist wahrlich außergewöhnlich. Von Beginn gelingt es den Künstlern die spezielle beklemmende, dem Liederzyklus innewohnende Atmosphäre zu schaffen und das Publikum in ihren Bann zu ziehen.

Matthias Spielvogel zeigt hier die große Bandbreite seines stimmlichen Ausdrucks: von leichtgeführten, kopfstimmigen Passagen (Der Leiermann) über aufblühend dramatische Fortestellen (Der stürmische Morgen) bis hin zu starren, scheinbar leblosen Tönen (Der greise Kopf) reicht sein stimmliches Ausdrucksvermögen, welches er wohlüberlegt einsetzt.

Franz Schubert Grabstätte in Wien © IOCO

Franz Schubert Grabstätte in Wien © IOCO

Andreas Mersa bewies sich als herausragender Liedbegleiter. Einfühlsam trägt er den Sänger durch den gesamten Liederzyklus und beherrscht das Wechselspiel zwischen seiner Rolle als Begleiter und Solist perfekt. Als ein Beispiel sei hier das Lied Nr. 21 „Das Wirtshaus“ genannt, in welchem Andreas Mersa seine klangliche Vielfalt unter Beweis stellt.

Bemerkenswert auch die formale Dramaturgie des Abends, über die sich die Interpreten merklich Gedanken gemacht haben. Lieder, die inhaltlich und musikalisch zusammenhängen, folgen gruppiert rasch aufeinander (beispielsweise die Nummern 2-4), andere stehen einzeln für sich (Der Lindenbaum, Nr. 5; ,Rast, Nr. 10). Dieses Wechselspiel verleiht dem Abend eine übergeordnete Struktur, die dem Zuhörer das Verstehen dieses komplexen Zyklus‘ erleichtert. Die kurze Pause nach dem zwölften Lied ist ein Verweis auf die kompositorische Entstehungsgeschichte der Winterreise. Schubert hatte im Februar 1827 zuerst die Lieder 1-12 und später dann, im Oktober desselben Jahres, die Nummern 13-24 komponiert und damit den Zyklus zweiteilig angelegt.

Interessant auch die Wahl der Tonarten: bei der für gewöhnlich im Konzert dargebotenen Fassung der Winterreise, wie sie in der Erstausgabe (Haslinger, Wien, 1828) erschienen ist, wird außer Acht gelassen, dass Schubert bei einigen Liedern ursprünglich andere Tonarten vorgesehen hatte. Ein Beispiel: Die Künstler lassen auf das vorletzte Lied ,Die Nebensonnen‘, das in A-Dur endet, den finalen Leiermann im ursprünglich vorgesehen h-Moll anstatt üblichen a-Moll erklingen, was die Szenerie des armen Bettlers, der barfuß auf dem Eis seine Leier spielt, auch tonal noch entrückter erscheinen lässt.

Nachdem der letzte Ton des Leiermanns verklungen war, herrschte ein langer Augenblick Stille, ehe der Jubel des Publikums anhob. Ein neuerliches Highlight in der Zusammenarbeit der beiden jungen Künstler stellt die Aufführung von einem weiteren Liederzyklus Schuberts, Die schöne Müllerin, am 05. Und 09. Mai 2018 am gleichen Ort, in der Krypta der Peterskirche in Wien dar.

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