Wien, Oper in der Krypta, OPERA DIVA – Soloabend Isabella KUESS, IOCO Kritik, 02.10.2019

Oktober 2, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Oper, Peterskirche

 Peterskirche  / im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche / im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

 OPERA DIVA –  Soloabend Isabella Kuëss

Oper in der Krypta – Peterskirche von Wien

von Marcus Haimerl

Nicht nur zahlreiche Opernaufführungen bietet Oper in der Krypta dem Publikum, auch die (Solo-)Konzerte begeistern regelmäßig das Publikum in der Krypta der Wiener Peterskirche.

In ihrem Soloprogramm OPERA DIVA singt die Wiener Sopranistin Isabella Kuëss einige der großen Arien der Opernliteratur, virtuos begleitet am Klavier von Victoria Choi. Das Motto des Abends wird hier durchaus ernstgenommen, die dramatischen Klänge der großen italienischen und deutschen Partien liegen der jugendlich-dramatischen Sängerin ideal in der Kehle und sie erweckt die unterschiedlichen Heldinnen/Diven mit viel künstlerischem Feingefühl zum Leben.

Den Abend eröffnete Antonín Dvo?áks Arie „M?sí?ku na nebi hlubokém (Mond, der Du am tiefen Himmel stehst) aus der Oper Rusalka, welche von Isabella Kuëss tieftimbriert und sehnsuchtsvoll vorgetragen wurde.

Zu ihren Paraderollen in der Krypta der Peterskirche zählt zweifelsohne jene der Floria Tosca aus Puccinis Meisterwerk Tosca. Folgerichtig durfte an diesem Abend die große tragische Arie der Tosca „Vissi d’arte“ nicht fehlen. Mit tiefer Inbrunst und schwelgend-weicher Stimme sendet Isabella Kuëss dieses Gebet zum Himmel.

Einer anderen Diva, der größten Schauspielerin ihrer Zeit, Adrienne Lecouvreur (1962 – 1730), widmete Francesco Cilea eine ganze Oper. In der Arie „Io son l’umile ancella“ beteuert Adriana Lecouvreur, nur eine Dienerin der Schauspielkunst zu sein.

Oper in der Krypta / Soloabend mit Isabella Kuëss © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta / Soloabend mit Isabella Kuëss © Marcus Haimerl

In einem Programm mit dem Motto Opera Diva darf natürlich auch eine Arie nicht fehlen, die von allen großen Sopranistinnen interpretiert wurde, deren dazugehörige Oper jedoch leider sehr selten aufgeführt wird. „Ebben! Ne andrò lontana“ aus Alfredo Catalanis Oper La Wally nach dem Roman Die Geierwally der aus München gebürtigen Schriftstellerin Wilhelmine von Hillern. Nachdem Wally ihrem Vater, einem Gutsbesitzer, die Heirat mit dem Gutsverwalter verweigert, wird sie verstoßen und beschließt in dieser Arie, sich in die Einsamkeit der Hochalm zurückzuziehen. Diese Mischung aus Melancholie und Willensstärke weiß Isabella Kuëss in ihrer Interpretation gelungen zu vermitteln.

Mit „Pace, pace, mio Dio“, der großen Arie der Leonore aus La forza del destino widmet sich die Sopranistin schließlich dem Meister der italienischen Oper, Giuseppe Verdi. Sie beginnt das Gebet mit feinzieselierten Piani und berührender Schwermut, bis die Verfluchungen am Ende in glanzvoller Dramatik hervorbrechen und für Gänsehaut sorgen.

Der Abschluss des ersten Teils gehörte schließlich der machtgierigen Lady Macbeth. Bei „Vieni, t’affretta … Or tutti sorgete“ aus Verdis Macbeth, der wohl bekanntesten Arien zum Thema Motivation, verfärbte sich die Krypta blutrot und kurzerhand wird der Brieföffner der Lady zur gefährlichen Waffe. Hier entfaltete sich die ganze vokale Dramatik der Sopranistin zu einem fulminanten Finale vor der Pause.

Oper in der Krypta / Isabella Kuëss und Victoria Choi © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta / Isabella Kuëss und Victoria Choi © Marcus Haimerl

Victoria Choi erweist sich nicht nur als erstklassige Begleiterin durch den ganzen Abend, sie brilliert auch in ihren auf das Programm abgestimmten Solostücken. Mit einer feinfühligen Interpretation der Ouverture aus Verdis La Traviata beweist die Pianistin ihr Talent für Italianità ebenso, wie in der virtuos-beschwingten Ouverture zu Donizettis L’elisir d’amore.

Im zweiten Teil des Abends begeisterte Victoria Chois intensive und tiefschürfende Interpretation nochmals mit einem Klavierwerk Johannes Brahms: aus den 6 Klavierstücken Opus 118 erlebte das Publikum die Nr. 2, das Intermezzo andante teneramente in A-Dur.

Nach der Pause widmete sich Isabella Kuëss dem deutschen Fach. Zu Beginn stand Carl Maria von Weber mit Agathens Arie „Wie nahte mir der Schlummer… Leise, leise, fromme Weise“ aus Der Freischütz. Schon bei der Interpretation dieser Arie erkennt man die besondere Eignung der Sängerin für das deutsche Fach. Auch bei Richard Wagner ist Isabella Kuëss sichtlich zu Hause. Nicht umsonst war die Sopranistin 2018 Stipendiatin des Wiener Wagner-Verbands. Mit „Stehe still!“ aus den Wesendonck-Liedern und Elsas Arie „Einsam in trüben Tagen“ aus Lohengrin konnte sie das Publikum begeistern. Sanft und wunderschön lyrisch hallt hier der Ruf nach dem ihr Rettung verheißenden Ritter in der Kuppel der Krypta wider.

Auch Richard Strauss durfte in diesem Programm nicht fehlen und was könnte besser passen, als die Arie einer Rolle, die sich im ersten Teil der Oper Primadonna nennt. Mit „Es gibt ein Reich“ aus Ariadne auf Naxos gelingt es Isabella Kuëss, die Düsternis des von Ariadne besungenen Totenreichs in der Krypta spürbar zu machen.

Der offizielle Teil des Abends endete im Grunde mit einer Begrüßung und kehrt zu Richard Wagner zurück. Mit der berühmten Hallenarie aus Tannhäuser, „Dich teure Halle grüß ich wieder“, vermag Isabella Kuëss noch einmal mit voller Dramatik und scheinbar mühelosen, glänzenden Spitzentönen zu begeistern.

Mit der ersten Zugabe kehrte die Sängerin mit einer der beliebtesten Arien aus der selten gespielten Oper Gianni Schicchi zu Puccini zurück. Ihr schmelzendes „O mio babbino caro“, voll sehnsüchtiger Legati und frischer Höhen machte diese oft gehörte Arie doch erneut zu einem Genuss.

Mit der letzten Zugabe wandte sich die Künstlerin nochmals Richard Wagner und den Wesendonck-Liedern zu. Als Studie zu Isoldes Liebestod geschrieben, erklingt „Träume“ als ein versöhnender Abschluss, sozusagen als Liebeserklärung an die Bühne.

Mit diesem positiven Grundton endete ein besonderer Konzertabend, der vom Publikum mit entsprechendem Jubel bedacht wurde.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—

Wien, Oper in der Krypta, Rigoletto – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 25.04.2019

April 24, 2019  
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 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

Rigoletto  –  Giuseppe Verdi 

– hautnah in der Krypta der Wiener Peterskirche  –

von Marcus Haimerl

Giuseppe Verdis Rigoletto erlebte in der Wiener Peterskirche, in der Oper in der Krypta eine fulminante Premiere. Das Libretto von Francesco Maria Piave orientiert sich an Victor Hugos 1832 in der Comédie-Française uraufgeführten Versdrama Le roi s’amuse. 1851 wurde Rigoletto im Teatro la Fenice in Venedig uraufgeführt und war bereits ein Jahr später in einer deutschen Übersetzung von Johann Christoph Grünbaum in Wien zu erleben.

In einer klugen Regie des künstlerischen Leiters von Oper in der Krypta, Joel Wolcott, konnte man tief unter der Wiener Peterskirche Rigoletto hautnah erleben. Für die szenische Umsetzung bedurfte es nicht viel. Das Bühnenbild besteht aus mehreren Holzkuben, die, immer wieder neu arrangiert, völlig neue Kulissen ergeben. Mit nur wenigen Handgriffen wird aus dem Thron im Palast des Herzog von Mantua die Fassade von Rigolettos Haus – von Rigoletto unmissverständlich vor Gilda aufgebaut- oder aber die Eingangstüre zu Sparafuciles Spelunke. Mit Umbauten, die psychologisch motiviert in die Handlung eingebaut waren, ergänzten sie eher die Handlung, als sie zu unterbrechen und ersetzten die für Rigoletto so beliebte Drehbühne ideal.

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto - hier : Florian Pejrimovsky (Rigoletto) - Emi Nakamura (Maddalena) - Sergio Tallo-Torres (Duca) © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto – hier : Florian Pejrimovsky (Rigoletto) – Emi Nakamura (Maddalena) – Sergio Tallo-Torres (Duca) © Marcus Haimerl

Dies gab Raum, sich vollkommen mit Joel Wolcotts exzellenter, dichter Personenführung auseinanderzusetzen, die eine einfühlsame Auseinandersetzung mit der psychologischen Seite des Werks bietet. Auch die Ausstattung steht im Dienst des Erzählens von Seelenzuständen. Mit nur zwei Nicht-Farben, schwarz und weiß, wird klar ersichtlich, dass Liebe und Güte selten sind am schwarz gekleideten Hof des Herzog von Mantua. Rigoletto in seinem schwarz-weißen Narrenkostüm schwankt zwischen den Welten, während Gilda, Rigolettos Tochter, in strahlend weißer Reinheit ein Einzelfall inmitten der düsteren Umgebung ist. Als der Herzog von Mantua (in weißem Cape) sie verführt, überreicht er ihr einen schwarzen Schal, und sie verliert das weiße Taschentuch ihrer Mutter. Wenn Gilda schließlich die Gemächer des Herzogs verlässt, ist ihr Unterrock unter dem weißen Kleid schwarz – das junge Mädchen hat endgültig ihre Unschuld verloren. Auch Gildas Tod ist vermenschlicht und wird dadurch noch berührender. Zwar betritt sie energisch die Gaststube Sparafuciles, bekommt es aber schließlich doch mit der Angst zu tun und versucht zu fliehen, ehe der Auftragsmörder ihrer habhaft werden kann. Durch dieses ehrliche Verhalten gewinnt diese Szene unglaublich an Stärke.

In der Titelpartie erlebt man den aus Wien stammenden Bassbariton Florian Pejrimovsky, der dem Publikum der Krypta bereits aus vielen anderen Partien ein Begriff ist. Ob als gefeierter Scarpia in Puccinis Tosca, Gefängnisdirektor Frank in Strauss‘ Die Fledermaus oder als Colline in La Bohème, Pejrimovsky versteht es stets, sein Publikum in den Bann zu ziehen. Sein Debüt als Rigoletto ist hier keine Ausnahme. Obgleich ein noch sehr junger Rigoletto, beeindruckt er mit seiner reifen Stimmfarbe und Stimmgewalt. Sein „Quel vecchio maledivami“ lässt niemanden kalt und seine große Arie „Cortigiani, vil razza dannata“ wird zu einem explosiven Ausbruch des Leidens. Er ringt mit berührender Vaterliebe verzweifelt um das einzige Licht in seinem Leben und entkommt doch nicht seiner Rolle als verbitterter Hofnarr und Zyniker. Die Schlichtheit und Aufrichtigkeit, mit der er die Figur zum Leben erweckte, bestrickte und überzeugte weitaus mehr, als alle zustützliche Exzentrik es gekonnt hätte.

Die in Südkorea geborene Jay Yang gestaltet die Partie der Gilda mit einem schönen, glasklaren Sopran scheinbar mühelos. Die gefragte Belcanto-Spezialistin – bei Oper in der Krypta bereits als Elvira in Vincenzo Bellinis I Puritani oder Lucia in Donizettis Lucia di Lammermoor gefeiert – beeindruckt mit schmelzenden Piani und zierlicher Phrasierung. Spätestens mit der überirdisch schön gesungenen, anspruchsvollen Arie „Caro nome che il mio cor“ gibt es im Publikum kein Halten mehr.

Der spanische Tenor Sergio Tallo-Torres, verkörpert die Partie des Duca di Mantova mit großer Verve und zeigt auch dessen uncharmante Seiten mit viel Gespür auf. Er zeigt in seinen großen Arien („Questo e quella“ und „La donna è mobile“) neben technischem Können und unfehlbaren Spitzentönen vor allem seine große Musikalität und wurde vom Publikum dafür mit Applaus überschüttet. Auch Daniel Bäumer überzeugt mit seinem kräftigen, sonoren Bass in der Rolle des Sparafucile und zeigt in seiner Gestaltung die Komplexität dieses Charakters. Die Entdeckung des Abends ist die japanische Mezzosopranistin Emi Nakamura in der Partie der Maddalena. Mit ihrem unglaublich vollen, warmen Mezzo kann sie das Publikum ebenso verführen, wie in ihrer unglaublich intensiven Rollengestaltung. Aktuell erlebt man die Künstlerin, auch als Suzuki in Puccinis Madama Butterfly.

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto - hier :  Sergio Tallo-Torres (Duca) - Calon Danner (Borsa) - Christoper Michael Kelley (Marullo) © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto – hier : Sergio Tallo-Torres (Duca) – Calon Danner (Borsa) – Christoper Michael Kelley (Marullo) © Marcus Haimerl

Eine weitere Sensation des Abends ist das Trio Marullo (Christopher Michael Kelley), Borsa (Calon Danner) und Conte di Ceprano (Ivo Kovrigar). Trotz der Tragik dieses Werks gelingt es den drei Herren, unter der feinen Klinge des Regisseurs eine angemessene Portion Humor in die Produktion zu bringen. Der Bariton Christopher Michael Kelley überzeugte das Publikum der Krypta bereits als fulminanter Leporello (Don Giovanni, Mozart) und in zahlreichen anderen Rollen, und bringt auch in dieser kleinen Rolle sein untrügliches Gespür für Emotionen und ungeheures schauspielerisches Talent ein. Der österreichische Tenor Calon Danner weiß das Publikum mit seinem schönen Tenor ebenso zu überzeugen, wie mit seiner intensiven Darstellung. Intensive Bühnenpräsenz zeigt auch der junge Bariton Ivo Kovrigar, der dieses wunderbare Trio hervorragend ergänzt.
Michael Pinsker ist als düster fluchender Grafe von Monterone eindrucksvoll. In der Doppelrolle der Contessa di Cepreano und Giovanna, der Gesellschafterin Gildas, debütierte die serbische Sopranistin Djurdjica Gojkovic in ihrer ersten Solopartie in der Krypta der Peterskirche.

Die musikalische Leitung lag in den Händen der koreanisch-amerikanischen Pianistin Victoria Choi, die nicht nur den Sängern eine hervorragende Begleiterin war, sondern auch schon im Vorspiel ihr Können als Solistin unter Beweis stellen konnte.

Alles in allem war schafften die Künstler von Oper in der Krypta erneut einen sehens- und hörenswerten Publikumshit, welcher noch viele Male das Haus füllen dürfte.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—

Wien, Oper in der Krypta, Tosca – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 06.11.2018

November 7, 2018  
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 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

  Tosca  —  Giacomo Puccini

Oper in der Krypta – Große Oper mit Kammerspiel-Charakter

Von Marcus Haimerl

Mit der am 14. Jänner 1900 in Rom uraufgeführten Oper Tosca des italienischen Komponisten Giacomo Puccini fand die erste große Opernpremiere der Saison in der Krypta der Wiener Peterskirche statt. Wo könnte man auch diesen Opernkrimi besser aufführen, als in einer Kirche. Spielt doch die Handlung im Kirchenstaat Rom im Juni des Jahres 1800 und der erste Akt in der Kirche Sant’Andrea della Valle. Giuseppe Giacosa und Luigi Illica schufen das Libretto nach dem Drama La Tosca des französischen Dramatikers Victorien Sardou, welches 1887 uraufgeführt wurde und mit Sarah Bernhardt in der Titelrolle in ganz Europa Erfolge feierte.

Zwar war auch Puccinis Werk ein Erfolg, stieß aber auch auf starken Gegenwind: in Oskar Bies Standardwerk „Die Oper“ steht: „Die Sensation schlägt durch. Ein ekelhafter Text, blutig nicht bloß im Stoff, auch in der Behandlung“. Auch über die Musik fanden sich keine lobenderen Worte: „Schlächterarbeit im Kleid des Liebenswürdigen“, und selbst die wenigen Arien seien versungen und vertan, „geopfert dem Moloch der Kinodramatik“. Aber auch bei Musikern und Musikkennern hielt sich diese Betrachtungsweise lange: „Kunstmachwerk“ (Gustav Mahler), „Affenschande“ (Felix Mottl) und von Kritikern „Folterkammermusik“ (Julius Korngold) oder „namenlose Gemeinheiten“ (Ferdinand Pohl). Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg sprach der amerikanische Musik- und Opernforscher Joseph Kerman noch vom „schäbigen Schocker“. Natürlich fand sich aber auch immer wieder sachlich fundierte Kritik an dieser dem Verismo nahestehenden Oper Puccinis und mittlerweile erfreut sich dieses Werk größter Beliebtheit.

Oper in der Krypta Wien / Tosca  - hier : Florian Pejrimovsky als Scarpia,  Isabella Kuess als Tosca,  Pavel Kvashnin als Cavaradossi  © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Tosca  – hier : Florian Pejrimovsky als Scarpia,  Isabella Kuess als Tosca,  Pavel Kvashnin als Cavaradossi  © Marcus Haimerl

Die Oper, die zwischen kantabler Lyrik und eruptiv ausbrechender Dramatik schwankt, bedarf großer darstellerischer Intensität in ihren Protagonisten und einen Regisseur, der es versteht, zwischen eiskaltem Machtmissbrauch und lodernder Dramatik die Ehrlichkeit und Menschlichkeit der Charaktere herauszuarbeiten. Für Oper in der Krypta konnte man hierfür keinen besseren Regisseur finden, als den künstlerischen Leiter selbst, den Amerikaner Joel Wolcott. Der vielseitige Künstler überzeugt die zahlreichen Besucher mit einer packenden und wohldurchdachten Personenführung. So gerät der zweite Akt zu einem explosiven, tiefergreifenden und verstörenden Kammerspiel zwischen Scarpia und Tosca, das von der Chemie der Darsteller auf der Bühne lebt und das Publikum emotional sichtbar aufwühlte.

Auch mit dem Bühnenbild werden starke Akzente gesetzt: Für das Innere der Kirche Sant’Andrea della Valle, wird die bereits sakrale Umgebung durch ein beeindruckendes steinernes Weihwasserbecken mit Madonnenstatue ergänzt. Für den verhängnisvollen dritten Akt reduziert sich die Kulisse auf ein schlichtes Podest, auf welchem sich das letale Finale der Oper in intensivem, blutrotem Licht abspielt. Dass Floria Tosca sich am Ende mit einer Pistole das Leben nimmt, ist den baulichen Gegebenheiten der Krypta geschuldet, erweist sich aber als durchaus gelungene Alternative zum herkömmlichen Finale der Oper.

Isabella Kuëss erlebt man in der Titelpartie der Opernsängerin Floria Tosca. Und es handelt sich hier in der Tat um ein Erlebnis, denn die österreichische Sopranistin lebt diese Partie in allen Facetten aus. Sie ist große Diva, zärtliche Geliebte, verzweifelte Mörderin und leidende Frau in Einem. Ihr Ringen um Leben, Liebe und Würde geht unter die Haut. Dazu bedarf es nicht immer großer Gesten; schon ein Blick oder eine kaum merkliche Bewegung sorgen für Gänsehaut und der ins Gesicht geschriebene Ekel bei den Zudringlichkeiten Scarpias lässt niemanden kalt. Ihr voller dramatischer Sopran mit schöner, breiter Mittellage und strahlender Höhe ist ebenso zu lodernden dramatischen Ausbrüchen fähig, wie zu warmen, lyrischen Piani und hinterlässt großen Eindruck. Ihr „Vissi d’arte“, in der von Maria Jeritza eingeführten liegenden Position, geriet zum Bravourstück.

In Florian Pejrimovsky findet Isabella Kuëss einen Gegenspieler auf Augenhöhe. Der österreichische Bassbariton setzt in der Partie des Scarpia neue Maßstäbe. Nicht nur seine Darstellung des brutalen und gnadenlosen Polizeichefs überzeugte das Publikum, auch mit seinem stimmgewaltigen Bassbariton hinterlässt er nachhaltig Eindruck.

Der junge russische Tenor Pavel Kvashnin überzeugt als Maler Mario Cavaradossi, der mit kräftigem Tenor und unglaublicher Strahlkraft dieser Partie neue Akzente verleiht. Er gestaltet seine Arie „È lucevan le stelle“ mit enormer Emotionalität und schmelzenden Zwischentönen und findet in den Szenen mit Tosca eindringliche Momente.

Oper in der Krypta -  Wien / Tosca - hier :  Pavel Kvashnin als Cavaradossi, Daniel Valero als Mesner © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta – Wien / Tosca – hier : Pavel Kvashnin als Cavaradossi, Daniel Valero als Mesner © Marcus Haimerl

Auch die kleineren Partien sind exzellent besetzt: In der Partie des Mesners erlebt man den mexikanischen Bariton Daniel Valero, der es versteht, die humorige Seite dieser Rolle fein herauszuarbeiten, aber später auch als düsterer Gendarm Sciarrone zu überzeugen weiß. Regisseur Joel Wolcott schlüpft auch in die Rolle des Spoletta und der deutsche Bariton Michael Pinsker verlieh der kurzen Partie des Cesare Angelotti Bedeutung. Auch der Chor In höchsten Tönen!, die Sopranistinnen Naomi Montfort, Shabnam Najafi, Natalia Leal, Sofija Jankovic, Johanna Kloser, Djurfjica Gojkovic und der Tenor Rafael Diaz Marenco, ermöglichten ein hervorragend gelungenes Te Deum am Ende des ersten Aktes.

Die musikalische Leitung liegt wieder in den Händen von Ekaterina Nokkert, die mit viel Liebe zum Detail Puccinis Musik packend wiedergibt und das Sängerensemble sicher durch alle Klippen der Oper leitet.

Mit dieser Produktion hat sich Oper in der Krypta erneut einen Erfolg beschert. Am Jubel des Publikums gemessen, wird sich Puccinis Tosca mit Sicherheit noch lange im Repertoire halten und für ausverkaufte Vorstellungen sorgen.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—

Wien, Oper in der Krypta, Die schöne Müllerin – Franz Schubert, IOCO Kritik, 20.06.2018

Juni 19, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Peterskirche

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

Oper in der Krypta

 DIE schöne MÜLLERIN – Liederabend in der Krypta

Von Marcus Haimerl

Das etablierte Liedduo Matthias Spielvogel und Andreas Mersa präsentierte Anfang Mai mit Schuberts  Die schöne Müllerin sein bereits fünftes Liedprogramm in der Krypta der Wiener Peterskirche. Den deutschen Tenor und den Tiroler Pianisten verbindet eine langjährige künstlerische Zusammenarbeit, in welcher sie vor allem das Repertoire des deutschen Kunstlieds pflegen (siehe Franz Schubert  Die Winterreise – link  HIER)

Zu den bekanntesten, im deutschsprachigen Volksliedtum erhalten gebliebenen Gedichten Wilhelm Müllers (1794-1827), zählen sicherlich „Das Wandern ist des Müllers Lust“ und „Am Brunnen vor dem Tore“. Die schöne Müllerin ist, neben der Winterreise mit ihren 24 Gedichten, der zweite große Gedichtzyklus Müllers, den Franz Schubert vertonte.

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel und Andreas Mersa an Flügel © Marcus Haimerl

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel und Andreas Mersa an Flügel © Marcus Haimerl

Das Sujet der schönen Müllerstochter (italienisch – La molinara) war Anfang des 19. Jahrhunderts in Dichtung und Musik allgegenwertig. So widmete sich auch Wilhelm Müller diesem Thema und schuf 1821 den Gedichtzyklus Die schöne Müllerin, welchen er im Sammelband „Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten“ veröffentlichte. Müllers Zyklus umfasst, anders als bei Schubert, im Original 25 Gedichte. Durch Prolog und Epilog des Dichters erfährt die tragische Geschichte des Müllerburschen eine ironische Wendung, mit welcher Müller zu verstehen gibt, dass die ganze Geschichte nicht allzu ernst zu nehmen sei. Nicht so Franz Schubert. Dieser nahm sie sehr ernst; er strich fünf Gedichte und vertonte letztlich nur 20, um die Tragik nicht zu brechen.

Wilhelm Müller wirkte in seinem kurzen Leben vor allem im mitteldeutschen Raum und ist Franz Schubert nie begegnet. Auch ist nicht geklärt, ob Müller von Schuberts Vertonungen je erfahren hat.

1823 komponierte Schubert seine Fassung der literarischen Vorlage. Ein junger Müllersbursche auf Wanderschaft findet Arbeit in einer Mühle und verliebt sich in die Tochter des Müllers. Die anfängliche Romanze entpuppt sich bald als Wechselspiel aus tiefster Zuneigung, Eifersucht, Abweisung und Schmerz. In seiner starken Natur-verbundenheit wählt der Müllersbursche den Bach als seinen Vertrauten und sein Schicksal. Er spricht mit ihm und klagt ihm sein Leid, der Bach antwortet, tröstet und steht ihm zur Seite bis er den jungen Burschen, im tragisch-verklärten Schluss, in seinen Armen empfängt.

Manisch-depressive Verzweiflung und die Wiener Todessehnsucht durchziehen die Lieder gegen Ende des Zyklus auf eine Weise, wie nur Schubert sie auszudrücken vermochte. Kompositorisch finden sich in der Müllerin die typischen Charakteristika der Tonsprache Schuberts: bewusst gewählte Tonartenabfolgen, ausgefeilte motivische Arbeit im Klavierpart sowie Volksliedhaftigkeit auf höchstem Niveau. Wie auch in der späteren Winterreise hebt Schuberts Musik die schlichten Texte Müllers auf eine höhere, nahezu transzendente Ebene voller Subtext und Deutung. Dieser Meilenstein des deutschen Kunstlieds ist maßgebend für die Geschichte dieses Genres.

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel (rechts) und Andreas Mersa © Sophie Menegaldo

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel (rechts) und Andreas Mersa © Sophie Menegaldo

Als Kenner der Müllerin merkt man die Gründlichkeit, mit der sich die Künstler diesen Zyklus erarbeitet haben: Genauigkeit in Notentext und Wort sind Grundvoraussetzung für eine hochwertige Interpretation dieses Zyklus‘ – beides findet man an diesem Abend in Vollendung vor. Stimmlich überzeugt Matthias Spielvogel durch hervorragendes Gespür für Phrasierung und Artikulation. Selbst unter dicht geführten Legatobögen bleibt jedes Wort verständlich. Die Naivität, die dem Charakter des erzählenden Müllersburschen zu Grunde liegt, weiß der Sänger stimmlich authentisch und überzeugend umzusetzen. Umso überraschender die Stellen des Werks, an denen die zu Beginn überschwängliche Stimmung kippt. Plötzlich tauchen auch düstere Stimmfärbungen, eindringliche Pianostellen und dramatische Ausbrüche auf. Jetzt wird klar; die zu Beginn ungetrübte Liebesgeschichte wird kein gutes Ende nehmen.

Andreas Mersa zeigt sich an diesem Abend einmal mehr als einfühlsamer Pianist und Liedbegleiter. Klangliche Vielfalt, wohlüberlegte Phrasierung und technische Souveränität prägen sein Spiel. Beim letzten Stück „Des Baches Wiegenlied“ zeigt sich die Ergriffenheit des Publikums, ehe die Künstler beim langanhaltenden Applaus für diesen gelungenen und außergewöhnlichen Konzertabend belohnt wurden.

Freunde des deutschen Kunstlieds im Allgemeinen und Fans des Liedduos Spielvogel & Mersa im Speziellen kommen im Herbst erneut auf ihre Kosten: am 30. Oktober und  8. November 2018 präsentieren die beiden Künstler ausgewählte Lieder von Franz Schubert, Robert Schumann und Hugo Wolf in der Krypta der Wiener Peterskirche.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—

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