Wien, Staatsoper Wien, Europäische Kulturpreisgala 2019, IOCO Aktuell, 14.03.2019

April 25, 2019  
Veröffentlicht unter IOCO Aktuell, Wiener Staatsoper

Wiener Staatsoper bei Nacht © IOCO

Wiener Staatsoper bei Nacht © IOCO

Europäischer Kulturpreis

Europäisches Kulturforum

Europäische Kulturpreisgala in Wien – 20.10.2019

 Wiener Staatsoper, Plácido Domingo, Christian Thielemann, René Pape 

In der Wiener Staatsoper, die 2019 ihr 150-jähriges Bestehen feiert, findet am 20. Oktober 2019 die Europäische Kulturpreisgala statt. Dabei treffen sich in Wien die ganz großen Namen der Klassik: von Nina Stemme über Plácido Domingo und Christian Thielemann bis hin zu René Pape.

„Für uns ist es eine große Ehre, dass wir in diesem weltweit renommierten Haus im 150. Jahr seinesBestehens unsere Preise vergeben können“, sagt Bernhard Reeder, Vorstand des Vereins Europäisches Kulturforum und damit Veranstalter dieses außergewöhnlichen Abends. Den Preis erhalten Menschen und Institutionen, deren Visionen und Kreativität beispielhaft das kulturelle Leben in Europa beeinflussen und die dafür sorgen, dass das jahrhundertelange Erbe gepflegt und in die Neuzeit integriert wird.

Erste Preisträgerin: Die Wiener Staatsoper Die Wiener Staatsoper gilt als eines der bedeutendsten Opernhäuser der Welt. Sie bietet – weltweit einmalig – über 300 Vorstellungen von über 60 Opern-und Ballettwerken. Die unverwechselbaren, künstlerischen Eckpfeiler des Hauses sind das fest engagierte Sängerensemble, das Ballett-Ensemble, das Staatsopernorchester (dessen Musiker in Personalunion den Klangkörper der Wiener Philharmoniker bilden), der Chor und das Bühnenorchester.

Wiener Staatsoper © IOCO

Wiener Staatsoper © IOCO

Darüber hinaus gastieren jedes Jahr die wichtigsten Opernstars und bedeutendsten Dirigenten im Haus am Ring. Auf der weltbekannten Bühne treffen sich nun Ausnahmekünstler, die eine ganz eigene Verbindung zueinander und zu dieser hoch geachteten Kulturinstitution haben.

Plácido Domingo: Er gilt als einer der größten lebenden Sänger unserer Zeit: Plácido Domingo gab bereits 1967 sein Debüt an der Wiener Staatsope rund ist seitdem dem Haus eng verbunden. Bei seinen bisher 4.000 Opernvorstellungen, davon über 250 alleine in Wien, brachte er die Anhänger der klassischen Musik zum Jubeln. „Die Stadt und die Staatsoper haben einen festenPlatz in meinem Herzen“, sagt der Ausnahmekünstler, der Österreichischer Kammersänger und Ehrenmitglied des Hauses ist.„Es ist eine Liebesbeziehung.“

Olga Peretyatko, die gefeierte Koloratursopranistin, wird die Laudatio auf Plácido Domingo halten. Dabei steht sie auf derselben Bühne, auf der sie als Gilda in Verdis Rigoletto 2013 ihr Debüt gab und erst im vergangenen Jänner mit der Titelpartie von Lucia di Lammermoor einen Premierenerfolg feierte.

Christian Thielemann: Christian Thielemann zählt zweifellos zu den größten Dirigenten unserer Zeit und stand zuletzt als Dirigent des in über 90 Länder übertragenen Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker 2019 im Scheinwerferlicht der Klassikwelt. Bereits 1987 debütierte er an der Wiener Staatsoper und dirigierte hier wichtige Premieren, mit Plácido Domingo und den Wiener Philharmonikern nahm er Parsifal auf. Christian Thielemann ist Chefdirigent (nicht GMD) der Sächsischen Staatskapelle Dresden und bespielt mit ihr sehr erfolgreich seit 2013 die Salzburger Osterfestspiele. Als Musikdirektor steht Thielemann außerdem den Bayreuther Festspielen vor und begeistert durch seine rauschhaften Dirigate der Werke von Richard Wagner. An der Wiener Staatsoper wird er am 25. Mai 2019, dem Geburtstag des Hauses, die hochkarätig besetzte Premiere von Richard Strauss‘ Die Frau ohne Schatten dirigieren.

René Pape:  Ebenfalls als großer Wagner-Interpret gilt der gebürtige Dresdner und zweifache Grammy-Preisträger René Pape, der sein Debüt an der Wiener Staatsoper bereits 1991 absolvierte. Danebensteht der ehemalige Sänger des Dresdner Kreuzchores auch auf allen anderen großen Bühnen der Welt, schon mit 24 Jahren wurde er ins Ensemble der Berliner Staatsoper engagiert. Seine Interpretationen wichtigerBass-Partien sind bereits jetzt legendär. Am 18.Dezember 2018 wurde er im Anschluss an die Zauberflöten-Vorstellung an der Wiener Staatsoper zum Österreichischen Kammersänger ernannt. „Für mich ist es immer etwas Besonderes, wenn ich in Wien auftreten kann, diesem einmaligen Hort der Kultur“, so René Pape.Das Haus begleitet mich seit vielen Jahren, die Mitarbeiter sind mir sehr vertraut.“

Nina Stemme: Seit Jahren ist die schwedische Sopranistin und Österreichische Kammersängerin Nina Stemme der Wiener Staatsoper eng verbunden. Ihre außergewöhnliche Stimme lässt Kritiker in höchsten Tönen schwärmen, Experten attestieren ihr immer wieder Einzigartigkeit – egal ob in der New Yorker Met, der Mailänder Scala, in der Bayerischen Staatsoper oder dem Londoner Royal Opera House Covent Garden. In der Jubiläumssaison der Wiener Staatsoper wird sie in Richard Strauss‘ hier uraufgeführter Oper Die Frau ohne Schatten ihr Debüt als Färberin geben. Im Oktober 2018 erhieltdie angesehene Wagner-Interpretin den Birgit-Nilsson- Preis, eineder bedeutsamsten Klassik-Auszeichnungen weltweit. Mit Plácido Domingo traf sie an diesem Abend auf einen ihrer größten Förderer. Schon 1993 gewann sie den von ihm begründeten Gesangswettbewerb Operalia. 

—| Pressemeldung Europäischer Kulturpreis |—

Wien, Oper in der Krypta, Rigoletto – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 25.04.2019

April 24, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Peterskirche

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

Rigoletto  –  Giuseppe Verdi 

– hautnah in der Krypta der Wiener Peterskirche  –

von Marcus Haimerl

Giuseppe Verdis Rigoletto erlebte in der Wiener Peterskirche, in der Oper in der Krypta eine fulminante Premiere. Das Libretto von Francesco Maria Piave orientiert sich an Victor Hugos 1832 in der Comédie-Française uraufgeführten Versdrama Le roi s’amuse. 1851 wurde Rigoletto im Teatro la Fenice in Venedig uraufgeführt und war bereits ein Jahr später in einer deutschen Übersetzung von Johann Christoph Grünbaum in Wien zu erleben.

In einer klugen Regie des künstlerischen Leiters von Oper in der Krypta, Joel Wolcott, konnte man tief unter der Wiener Peterskirche Rigoletto hautnah erleben. Für die szenische Umsetzung bedurfte es nicht viel. Das Bühnenbild besteht aus mehreren Holzkuben, die, immer wieder neu arrangiert, völlig neue Kulissen ergeben. Mit nur wenigen Handgriffen wird aus dem Thron im Palast des Herzog von Mantua die Fassade von Rigolettos Haus – von Rigoletto unmissverständlich vor Gilda aufgebaut- oder aber die Eingangstüre zu Sparafuciles Spelunke. Mit Umbauten, die psychologisch motiviert in die Handlung eingebaut waren, ergänzten sie eher die Handlung, als sie zu unterbrechen und ersetzten die für Rigoletto so beliebte Drehbühne ideal.

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto - hier : Florian Pejrimovsky (Rigoletto) - Emi Nakamura (Maddalena) - Sergio Tallo-Torres (Duca) © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto – hier : Florian Pejrimovsky (Rigoletto) – Emi Nakamura (Maddalena) – Sergio Tallo-Torres (Duca) © Marcus Haimerl

Dies gab Raum, sich vollkommen mit Joel Wolcotts exzellenter, dichter Personenführung auseinanderzusetzen, die eine einfühlsame Auseinandersetzung mit der psychologischen Seite des Werks bietet. Auch die Ausstattung steht im Dienst des Erzählens von Seelenzuständen. Mit nur zwei Nicht-Farben, schwarz und weiß, wird klar ersichtlich, dass Liebe und Güte selten sind am schwarz gekleideten Hof des Herzog von Mantua. Rigoletto in seinem schwarz-weißen Narrenkostüm schwankt zwischen den Welten, während Gilda, Rigolettos Tochter, in strahlend weißer Reinheit ein Einzelfall inmitten der düsteren Umgebung ist. Als der Herzog von Mantua (in weißem Cape) sie verführt, überreicht er ihr einen schwarzen Schal, und sie verliert das weiße Taschentuch ihrer Mutter. Wenn Gilda schließlich die Gemächer des Herzogs verlässt, ist ihr Unterrock unter dem weißen Kleid schwarz – das junge Mädchen hat endgültig ihre Unschuld verloren. Auch Gildas Tod ist vermenschlicht und wird dadurch noch berührender. Zwar betritt sie energisch die Gaststube Sparafuciles, bekommt es aber schließlich doch mit der Angst zu tun und versucht zu fliehen, ehe der Auftragsmörder ihrer habhaft werden kann. Durch dieses ehrliche Verhalten gewinnt diese Szene unglaublich an Stärke.

In der Titelpartie erlebt man den aus Wien stammenden Bassbariton Florian Pejrimovsky, der dem Publikum der Krypta bereits aus vielen anderen Partien ein Begriff ist. Ob als gefeierter Scarpia in Puccinis Tosca, Gefängnisdirektor Frank in Strauss‘ Die Fledermaus oder als Colline in La Bohème, Pejrimovsky versteht es stets, sein Publikum in den Bann zu ziehen. Sein Debüt als Rigoletto ist hier keine Ausnahme. Obgleich ein noch sehr junger Rigoletto, beeindruckt er mit seiner reifen Stimmfarbe und Stimmgewalt. Sein „Quel vecchio maledivami“ lässt niemanden kalt und seine große Arie „Cortigiani, vil razza dannata“ wird zu einem explosiven Ausbruch des Leidens. Er ringt mit berührender Vaterliebe verzweifelt um das einzige Licht in seinem Leben und entkommt doch nicht seiner Rolle als verbitterter Hofnarr und Zyniker. Die Schlichtheit und Aufrichtigkeit, mit der er die Figur zum Leben erweckte, bestrickte und überzeugte weitaus mehr, als alle zustützliche Exzentrik es gekonnt hätte.

Die in Südkorea geborene Jay Yang gestaltet die Partie der Gilda mit einem schönen, glasklaren Sopran scheinbar mühelos. Die gefragte Belcanto-Spezialistin – bei Oper in der Krypta bereits als Elvira in Vincenzo Bellinis I Puritani oder Lucia in Donizettis Lucia di Lammermoor gefeiert – beeindruckt mit schmelzenden Piani und zierlicher Phrasierung. Spätestens mit der überirdisch schön gesungenen, anspruchsvollen Arie „Caro nome che il mio cor“ gibt es im Publikum kein Halten mehr.

Der spanische Tenor Sergio Tallo-Torres, verkörpert die Partie des Duca di Mantova mit großer Verve und zeigt auch dessen uncharmante Seiten mit viel Gespür auf. Er zeigt in seinen großen Arien („Questo e quella“ und „La donna è mobile“) neben technischem Können und unfehlbaren Spitzentönen vor allem seine große Musikalität und wurde vom Publikum dafür mit Applaus überschüttet. Auch Daniel Bäumer überzeugt mit seinem kräftigen, sonoren Bass in der Rolle des Sparafucile und zeigt in seiner Gestaltung die Komplexität dieses Charakters. Die Entdeckung des Abends ist die japanische Mezzosopranistin Emi Nakamura in der Partie der Maddalena. Mit ihrem unglaublich vollen, warmen Mezzo kann sie das Publikum ebenso verführen, wie in ihrer unglaublich intensiven Rollengestaltung. Aktuell erlebt man die Künstlerin, auch als Suzuki in Puccinis Madama Butterfly.

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto - hier :  Sergio Tallo-Torres (Duca) - Calon Danner (Borsa) - Christoper Michael Kelley (Marullo) © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto – hier : Sergio Tallo-Torres (Duca) – Calon Danner (Borsa) – Christoper Michael Kelley (Marullo) © Marcus Haimerl

Eine weitere Sensation des Abends ist das Trio Marullo (Christopher Michael Kelley), Borsa (Calon Danner) und Conte di Ceprano (Ivo Kovrigar). Trotz der Tragik dieses Werks gelingt es den drei Herren, unter der feinen Klinge des Regisseurs eine angemessene Portion Humor in die Produktion zu bringen. Der Bariton Christopher Michael Kelley überzeugte das Publikum der Krypta bereits als fulminanter Leporello (Don Giovanni, Mozart) und in zahlreichen anderen Rollen, und bringt auch in dieser kleinen Rolle sein untrügliches Gespür für Emotionen und ungeheures schauspielerisches Talent ein. Der österreichische Tenor Calon Danner weiß das Publikum mit seinem schönen Tenor ebenso zu überzeugen, wie mit seiner intensiven Darstellung. Intensive Bühnenpräsenz zeigt auch der junge Bariton Ivo Kovrigar, der dieses wunderbare Trio hervorragend ergänzt.
Michael Pinsker ist als düster fluchender Grafe von Monterone eindrucksvoll. In der Doppelrolle der Contessa di Cepreano und Giovanna, der Gesellschafterin Gildas, debütierte die serbische Sopranistin Djurdjica Gojkovic in ihrer ersten Solopartie in der Krypta der Peterskirche.

Die musikalische Leitung lag in den Händen der koreanisch-amerikanischen Pianistin Victoria Choi, die nicht nur den Sängern eine hervorragende Begleiterin war, sondern auch schon im Vorspiel ihr Können als Solistin unter Beweis stellen konnte.

Alles in allem war schafften die Künstler von Oper in der Krypta erneut einen sehens- und hörenswerten Publikumshit, welcher noch viele Male das Haus füllen dürfte.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—

Wien, Volksoper, Powder Her Face – Oper von Thomas Adès, IOCO Kritik, 23.04.2019

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Volksoper Wien

Kasino am Schwarzenbergplatz © Mag. Konstanze Schäfer | Mag. (FH) Angelika Loidolt

Kasino am Schwarzenbergplatz © Mag. Konstanze Schäfer | Mag. (FH) Angelika Loidolt

Powder Her Face – Oper von Thomas Adès

– to blow or not to blow? –

von Elisabeth König

Thomas Adès (*1971) erste Oper aus dem Jahr 1995 entstand in Kooperation mit dem Autor und Librettisten Philipp Hensher im Auftrag des Londoner Almeida Theatre. Die Uraufführung war ebenso skandalumwittert wie das Sujet der Oper. Das Werk hält sich jedoch aufgrund seiner musikalischen Qualität und aufrührenden Story seither sehr erfolgreich auf den Spielplänen.

Powder Her Face  –  Thomas Adès
youtube Trailer der Volksoper Wien
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Die Oper ist inspiriert von der Lebensgeschichte und dem skandalösen Scheidungsprozess der Herzogin von Argyll in den 1960er-Jahren, doch nimmt das Libretto nicht wirklich realbiographisch darauf Bezug und nutzt lieber die biographischen Zwischenräume. Es nimmt die tragische Lebensgeschichte zum Anlass, in sieben Szenen die Geschichte vom Fall einer Frau, die sich über die Grenzen sozialer und sexueller Konvention hinwegsetzt, zu erzählen.

Und erzählt wird in der dichten und gelungenen Regie von Martin G. Berger sehr viel. Er zeichnet starke Bilder, die nicht vor der Perversion und dem Elend der Charaktere zurückschrecken. Er fügt den vier handelnden Personen der Oper vier Statisten in variablen genderfluiden Kostümen hinzu, die der Duchess als soziale Hintergrund-„Familie“ beigestellt werden.

Thomas Adès und Philipp Hensher verwenden in der Oper wiederholt das Wort „queer“, das im Englischen einen Bedeutungswandel vollzog von „seltsam, verrückt, eigentümlich“ zu einem derogativen Begriff für Menschen nichtheteronormativer Sexualität und schließlich von der LGBTQ-Community als selbstgewählter Begriff eine positive Konnotation erhielt. Dies gab dem Regisseur den Anlass, die Duchess zur „queeren“ Ikone zu stilisieren. Die queere Szene zur Ersatzfamilie der einsamen, unerfüllten und sexuell über ihre von der Gesellschaft gesteckten Grenzen gehenden Frau erschien als interessante Idee und funktionierte im Rahmen der Inszenierung. Dass die verzweifelte Perversion und Sexsucht, wie die Duchess sie in dem Werk auslebt, nicht als umfassendes Bild der heutigen Bedeutung von „Queerness“ aufgefasst werden darf, stellt jedoch die Frage, ob es schlussendlich die Repräsentation ist, der es bedarf.

Volksoper Wien / Powder Her Face - hier : David Sitka (Electrician), Ursula Pfitzner (Duchess), Bart Driessen (Hotel Manager), Morgane Heyse (Maid) © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Powder Her Face – hier : David Sitka (Electrician), Ursula Pfitzner (Duchess), Bart Driessen (Hotel Manager), Morgane Heyse (Maid) © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Generell setzte die Regie auf Sex, um die inneren Beweggründe der Charaktere zu erzählen und auch immer wieder zu verschleiern. So beginnt die Ouvertüre mit einer orgiastischen Laokoon-Gruppe, in der jeder mit jedem in geradezu ritualisierter Automation so viele Positionen wie möglich durchlebt. Die Wiederkehr der Szene am Ende der Oper gibt dem Werk einen weiteren dramaturgischen Handlungsrahmen, als Stück im Stück sozusagen, trug jedoch nur bedingt zum Verständnis des Werks bei und machte eine Steigerung der sexuellen Komponente in späteren Szenen schwieriger. Anspielungen auf die aktuelle Diskussion rund um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Schokoladenbäder in der Badewanne, BDSM-Masken und pornographisches Stöhnen und Wetzen taten jedoch ihr Bestes, keine Zweifel an den pervertierten Ausschweifungen der Duchess aufkommen zu lassen.

Das so oft als „Blowjob-Oper“ betitelte Werk kam in dieser Inszenierung tatsächlich ohne selbigen aus, und wählte für den auskomponierten Orgasmus am Ende des ersten Aktes ein anderes, ebenso starkes Bild. Die Fellatioszene, die die Duchess im wahrsten Sinne des Wortes mundtot macht und ihr nur noch brünftiges Stöhnen entlockt, wird zum allesverschlingenden Sexualakt. Der Tenor als genötigter Hotelpage entschwindet durch eine Bodenklappe und die Duchess bleibt in ihrem Orgasmus doch nur mit leeren Armen und allein zurück.

Volksoper Wien / Powder Her Face - hier :  David Sitka (Electrician), Bart Driessen (Hotel Manager), Morgane Heyse (Maid), Ursula Pfitzner (Duchess) © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Powder Her Face – hier : David Sitka (Electrician), Bart Driessen (Hotel Manager), Morgane Heyse (Maid), Ursula Pfitzner (Duchess) © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Die Inszenierung läuft im zweiten Teil des Abends und gerade in der letzten Szene zu Höchstform auf. Der Richter, der sich nach seiner langen Verurteilung der Duchess als abartig und verwerflich schließlich selbst kastriert bildet den Anfang einer nahezu Hamlet’schen Sinnfrage. Ohne Geld, Jugend und Schönheit gibt es für die Duchess keine körperliche Nähe mehr und dieser Verlust bedeutet für sie nicht nur den Verlust ihres Lebenssinns, sondern vor allem die soziale Isolation, die in der Inszenierung geradezu rührend durch das Kostüm bestätigt wird. Die Duchess trägt ein Cape, über und über mit Stofftieren benäht, an die sie sich klammern kann, wenn die Menschen sie verachten und ihres letzten Lebensraumes verweisen. Sie versucht, die Sinnleere ihres Lebens durch extensives Shoppen zu füllen, reminesziert über ihre bewegte Vergangenheit und schlittert damit hasserfüllt und unbeugsam ihrem unaufhaltsamen Ende entgegen.

Das Versiegen ihres Geldflusses bedeutet ihr Ende. Sie wohnt seit Jahren nur noch im Hotel – an sich ein flüchtiger Durchgangsort und keine Heimat. Als sie auch dessen verwiesen wird, ist ihr Tod besiegelt und sie bricht zusammen.

Die Werkseinführung durch die Dramaturgin fand leider nicht immer den richtigen Ton, wirkte sie doch gleichzeitig entschuldigend für die Eindeutigkeiten des Werks, und bezeichnete die Oper doch fortwährend als „Blowjob-Oper“. Die Erklärungen zur Regie halfen einem Zugang zur Inszenierung, doch die Entscheidung des Regisseurs, die erste Szene abzuwandeln und zu verfremden, blieb dabei leider unerklärt.

Absolut bewundernswert die vier SängerInnen des Abends. Die Oper hat durchaus halsbrecherische Momente, die die vier SängerInnen in allen Positionen und Posen mit höchster stimmlicher und darstellerischer Verve meistern.

Ursula Pfitzner glänzte in der Rolle der Duchess. Mit warmer, verführerischer Stimmfarbe, glanzvoller Höhe und enormem körperlichem Einsatz erweckte sie die Rolle zum Leben und weckte Mitgefühl für die einsame, verbitterte und verzweifelte Frau. Sie trägt jede Szene mit brennender Energie und vermag es, auch in objektiviert und automatisiert gezeigter Sexualität stets die emotionale Ausgebranntheit der Duchess zu vermenschlichen.

Morgane Heyse zeigt in vielfältigen Rollen, zumeist als Maid, nicht nur große spielerische Wandlungsfähigkeit und emotionale Breite, sondern vor allem ihren perlenden Koloratursopran, der in jeder Lage mit heller Strahlkraft und Brillanz begeistert.

David Sitka spielte sich, meist als Electrician, mit weichem angenehmem Tenor und lässiger Provokation und Verachtung durch seine zahlreichen Rollen und glänzte vor allem als Gaffer in Affenmaske.

Bart Driessen in den verschiedenen Bassrollen des Werkes zeigte sich vor allem als Duke, Richter oder Hotel Manager moralisch korrumpiert und meisterte die halsbrecherischen Aufstiege ins Falsett mit Eleganz.

Das Volksopern-Orchester unter dem sicheren Dirigat von Wolfram-Maria Märtig genoss hörbar den Ausflug in die zeitgenössische Musik. Alles in allem ein Must-See der Opern-Saison mit schillernden DarstellerInnen und packender Inszenierung.


 Die Volksoper Wien – im Kasino am Schwarzenbergplatz

Die Volksoper Wien spielt ihre Produktionen meist im Stammhaus an der Währinger Strasse. Eine weitere Spielstätte ist das mit 250 Sitzplätzen kleinere Kasino am Schwarzenbergplatz, welches Gegenwartsstücke und moderne Theaterprojekte der Volksoper aufführt. Die Oper Powder her Face zeigte die Volksoper im Kasino.

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

Wien, Ehrbarsaal Wien, Thomas Weinhappel – Benefizkonzert, IOCO Aktuell, 14.04.2019

April 17, 2019  
Veröffentlicht unter Ehrbarsaal, IOCO Aktuell, Konzert

 Wien - Ehrbarsaal / Benefizkonzert Thomas Weinhappel hier Ekaterina Nokkert, Thomas Weinhappel, Reinwald Kranner, Manfred Schiebel © Marcus-Haimerl

Wien – Ehrbarsaal / Benefizkonzert Thomas Weinhappel hier Ekaterina Nokkert, Thomas Weinhappel, Reinwald Kranner, Manfred Schiebel © Marcus-Haimerl

Benefizkonzert  – Thomas Weinhappel

– „willing to march into hell for a heavenly cause!“ –

von Elisabeth König

Der österreichische Bariton Thomas Weinhappel hatte bereits 2018 mit zwei beeindruckenden Liederabenden in Wien auf sich aufmerksam gemacht. Nun lud er im März 2019 zu einem weiteren außergewöhnlichen Event: Ein hochkarätig besetztes Benefizkonzert im Wiener Palais Ehrbar sollte Aufmerksamkeit wecken und Spenden für Kinder lukrieren, die von Neurofibromatose betroffen sind. Den Ehrenschutz dafür übernahm die Bühnenlegende Prof. Birgit Sarata, deren Eröffnungsrede sich berührend mit der Thematik des Abends auseinandersetzte.

Die Wiener Pianistin Ekaterina Nokkert sorgte für bravouröse Klaviersoli – ihre Interpretation von Alfred Grünfelds virtuos-beschwingter „Fledermausparaphrase“ und Gershwins „Prelude Nr.1“ riss das Publikum mit und sorgte für gute Stimmung. Mit großer Souveränität und Einfühlsamkeit begleitete sie auch den Tenor und Allrounder des Showgeschäfts Reinwald Kranner bei seiner ersten Arie, Puccinis  Nessun dorma.

Den perfekten Klangteppich bereitete den Sängern den Rest des Abends der begnadete Manfred Schiebel, dessen feinsinnige und energiereiche Begleitung stets den richtigen Ton traf. Nicht umsonst ist er einer der begehrtesten Begleiter der Wiener Musikszene.

Thomas Weinhappels erste Arie, Bizets „Auf in den Kampf“, ließ aufhorchen, nicht nur aufgrund der stimmlichen Verve. Er gab damit gleichzeitig auch das Motto des Abends vor: Er und seine Freunde wollen kämpfen – gegen nichts Geringeres als Neurofibromatose, eine bislang unheilbare Krankheit. sie kämpfen dafür, dass mehr als 4.000 Kinder in Österreich nicht länger  darunter leiden müssen.

Ehrbar Saal Wien / Benefizkonzert Tomas Weinhappel - hier : Thomas Weinhappel, Manfred Schiebel © Marcus-Haimerl

Ehrbar Saal Wien / Benefizkonzert Tomas Weinhappel – hier : Thomas Weinhappel, Manfred Schiebel © Marcus-Haimerl

Aus dem Programmheft erfährt man, warum Thomas Weinhappel sich in diesen Kampf wirft: Während seiner Zeit als Sängerknabe erkrankte er an einer der zum Formenkreis der Fibromatose gehörenden Krankheit. Er durchlebte zahlreiche Operationen, musste die Möglichkeit einer Amputation seines Armes erfahren und erkennen, was es hieße, deshalb vielleicht auf das Singen für immer verzichten zu müssen. Die Krankheit zeigte ihm, wie wichtig die Musik und das Singen für ihn und seinen Lebensweg waren und sind.

Thomas Weinhappel hatte Glück: Die Operationen verliefen gut, er wurde gesund und hat heute die Möglichkeit, sich für Leidensgenossen mit der unheilbaren Form der Erkrankung, der Neuro-Fibromatose, stark zu machen. Das von ihm initiierte Benefizkonzert, das die spendenfreudigen BesucherInnen im ausverkauften Wiener Ehrbar-Saal genossen, war in jeder Hinsicht ein Erfolg.

Mit Vergnügen hörte man Weinhappel in seiner Paraderolle Hamlet: „O vin, dissipe la tristesse“, „Être ou ne pas être“, „Spectre infernal“ und „Ombre chère“ klangen faszinierender als je zuvor und schienen als dunkle Mahnmale gegen die Krankheit im Raum zu stehen. Auch zwei Ausflüge in das deutsche Fach mit Wagners Wolfram („Blick ich umher“) und Donner („Heda, hedo“) wurden vom Publikum mit großer Begeisterung aufgenommen.

Die zweite Hälfte des bereits zur Pause bejubelten Benefiz-Konzertes nutzten Weinhappel und Kranner, um die Zuhörer mit schwungvollen und bekannten Ohrwürmern für die Genres Operette und Musical zu begeistern.

Während Kranner mit „Somebody to love“, dem Hit der Rockgruppe Queen, beeindruckte, brillierte Weinhappel mit „Dein ist mein ganzes Herz” und Graf Krolocks Arie „Die unstillbare Gier” aus dem Tanz der Vampire. Er verlieh der Rolle faszinierende und völlig neue Farben und hauchte der Rolle neues Leben ein. Auch als Biest aus dem Disney-Musical Die Schöne und das Biest mit „Wie kann ich sie lieben?“ zeigte er mit bedingungsloser Authentizität und musikalischem Feingefühl, dass er als Opernsänger auch im Musicalgenre zuhause ist.

Reinwald Kranner, gefeierter Musicaldarsteller, betörte das Publikum schließlich als Phantom der Oper mit seinem subtil erotischen und stimmschönen „The Music of the Night“.

Das Duett des Abends zwischen Reinwald Kranner und Thomas Weinhappel, Elton Johns „Can you feel the love tonight” aus dem König der Löwen, vereinte zwei Stimmen, die in ihrer Unterschiedlichkeit doch wundervoll miteinander harmonieren. Man darf hoffen, davon in Zukunft deutlich mehr zu erleben.

Das Publikum war sich einig: Es war ein gelungener Abend, der mit höchster musikalischer Qualität zeigte, dass sich Musical und Oper wunderbar verbinden lassen. Weinhappel und seinen Freunden gelang es, die Zuhörer mit ihrer Begeisterung für die Musik und den Zweck des Abends mitzureißen und lösten Wogen der Hilfsbereitschaft aus.

Mit seiner letzten Nummer aus dem Mann von La Mancha bekundete Weinhappel, dass die Bekämpfung der heimtückischen Krankheit kein „Unmöglicher Traum“ bleiben soll. Die Aufrichtigkeit seines Anliegens vermittelte sich in jedem Moment des Songs; und mit glanzvoller Hoffnung in der Stimme deklarierte er „to be willing to march into hell for a heavenly cause!“

—| IOCO Aktuell Ehrbar Saal Wien |—

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