Salzburg, Stiftung Mozarteum, Verschollener Brief von Wolfgang Amadé Mozart, Juni 2018

Juni 13, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Mozarteum, Portraits, Pressemeldung

Mozarteum / Armin Brinzing, Leiter der Bibliotheca Mozartiana; Johannes Honsig-Erlenburg, Präsident der Stiftung Mozarteum; Ulrich Leisinger, Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung Mozarteum; Rolando Villazón, Mozart-Botschafter der Stiftung Mozarteum und Intendant der Mozartwoche © ISM/Martin Hörmandinger

Mozarteum / v. li. Armin Brinzing, Leiter der Bibliotheca Mozartiana; Johannes Honsig-Erlenburg, Präsident der Stiftung Mozarteum; Ulrich Leisinger, Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung Mozarteum; Rolando Villazón, Mozart-Botschafter der Stiftung Mozarteum und Intendant der Mozartwoche © ISM/Martin Hörmandinger

Stiftung Mozarteum

Verschollener Brief von Wolfgang Amadé Mozart

Die Stiftung Mozarteum Salzburg freut sich über eine der wertvollsten Neuerwerbungen der letzten zehn Jahre: Ein Brief aus der Feder von Wolfgang Amadé Mozart an seinen Freund Anton Stoll aus dem Jahr 1791 gelangte kürzlich – dank der Unterstützung von Maria-Elisabeth Schaeffler-Thumann – in die Sammlung von Original-Autographen der Stiftung Mozarteum, der „Bibliotheca Mozartiana“. Zuletzt konnte 2001 ein Originalbrief Mozarts erworben werden.

„Was für ein besonderer Moment und was für ein Glück, dass sich die Eigentümerfamilie dieses besonderen Mozartbriefes direkt an die Stiftung Mozarteum gewandt hat. Danke, dass sie uns vor dem „Auktionsmatch“, bei dem eine gemeinnützige Institution wie die Stiftung Mozarteum schon lange nicht mehr mithalten kann, bewahrt hat. Und was für ein Geschenk, das uns Maria-Elisabeth Schaeffler-Thumann mit der Ankaufsfinanzierung gemacht hat. So können wir Mozarts frivolen Spaß weltweit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen“, erläutert Stiftungs-Präsident Johannes Honsig-Erlenburg.

Mozarteum / Mozartbrief Vorderseite © ISM/Martin Hörmandinger

Mozarteum / Mozartbrief Vorderseite © ISM/Martin Hörmandinger

Rolando Villazón, Mozartwoche-Intendant und offizieller Mozart-Botschafter der Stiftung Mozarteum, sagt zur Bedeutung dieser kostbaren Neuerwerbung: „Jeder Brief Mozarts öffnet uns eine neue Tür in die Seele des größten musikalischen Genies aller Zeiten. Einen neuen Brief Mozarts zu entdecken ist, wie eine neue Blume in einem wunderschönen Garten zu finden.“

Mozarts Briefe faszinieren Musikliebhaber ebenso wie Musiker und Wissenschaftler. Sie vermitteln eine Fülle an Informationen über sein Leben, sein Schaffen und sein Denken. In ihnen zeigt sich der Komponist als sehr genau planender und gestaltender Künstler ebenso wie als unglaublich geistreicher und humorvoller, mitunter auch derb scherzender Mensch.

All dies steckt auch in einem auf den ersten Blick unscheinbaren Brief, den der Komponist am 12. Juli 1791, kein halbes Jahr vor seinem Tod, an seinen Kollegen und guten Freund Anton Stoll (1747–1805) in Baden bei Wien schrieb. Mehrere Male hatte Mozart seine Frau Constanze zur Kur nach Baden geschickt, wobei Stoll bei der Suche nach einem passenden Quartier behilflich war. Auch im Juni und Juli 1791 besuchte Constanze das „Antonienbad“, das besonders kostspielig war und daher „nur von Kranken höhern Standes besucht“ wurde, wie es in einer zeitgenössischen Beschreibung heißt.

Mozarteum / Mozartbrief Rückseite © ISM/Martin Hörmandinger

Mozarteum / Mozartbrief Rückseite © ISM/Martin Hörmandinger

Mozart besuchte seine Frau während dieser Zeit mehrere Male und führte bei dieser Gelegenheit in der Badener Pfarrkirche mehrere Werke gemeinsam mit Stoll auf, der dort als Chorregent für die Kirchenmusik verantwortlich war. Eigens für Stoll komponierte Mozart am 17./18. Juni 1791 in Baden eines seiner bekanntesten geistlichen Werke, das Ave verum KV 618, das am Fronleichnamstag des gleichen Jahres (am 23. Juni) in der Badener Pfarrkirche seine Uraufführung erlebte.
Der Inhalt von Mozarts Brief lässt sich sehr knapp und einfach zusammenfassen: Der Komponist bittet den befreundeten Chorregenten Anton Stoll, ihm die Noten zu zwei Werken zu schicken, die man zuvor gemeinsam in Baden in der Kirche aufgeführt hatte. Doch Mozart machte sich große Mühe, diese simple Bitte in ein typisch Mozart’sches Geflecht von Scherzen einzubetten.

Mozart hatte gemeinsam mit Stoll am 10. Juli 1791 in Baden eine seiner Messen aufgeführt (vermutlich die Messe KV 275). Seine Originalpartitur überließ Mozart dem Freund, bat ihn mit diesem Brief jedoch um die Zusendung der eigens angefertigten Stimmen, damit er das Werk auch in Wien aufführen konnte. Dass
Mozart außerdem in seinem letzten Lebensjahr auch noch ein Werk Michael Haydns (1737–1806) aufführte, belegt dessen anhaltende Wertschätzung für seinen ehemaligen Salzburger Kollegen.

Mozart leitet seinen Brief mit einem kurzen „Gedicht“ ein und nennt seinen Freund: „liebster Stoll! / bester knoll! / grösster Schroll!“. Auf den ersten Blick scheinen das nur beliebige Reimwörter zu sein, doch tatsächlich verwendet Mozart seinerzeit geläufige Begriffe, die einen dicken und äußerst groben Menschen bezeichnen. Natürlich war dies nicht ernst gemeint, und als Freund Mozarts musste man in der Lage sein, mit solchen Scherzen umzugehen.

Wolfgang Amadeus Mozart Denkmal in Wien © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart Denkmal in Wien © IOCO

Auf der zweiten Seite befindet sich ein Schreiben von Mozarts Schüler und Assistenten Franz Xaver Süßmayr (1766–1803), in dem es ebenfalls um die Rücksendung der genannten Noten geht. Doch es handelt sich hier um eine „Fälschung“ – tatsächlich ist auch dieser Text von Mozart geschrieben, der dabei versuchte, Süßmayrs Schrift nachzuahmen. „Süßmayr“ wiederholt Mozarts Bitte und droht unter anderem damit, Stoll werde nichts mehr von der „Opera“ erfahren, an der Mozart gerade arbeite. Gemeint ist damit die Zauberflöte, die zweieinhalb Monate später, am 30. September 1791, in Wien ihre Uraufführung erlebte. Dass Stoll alles zu Mozarts Zufriedenheit erledigte, lässt sich wohl an der Tatsache ablesen, dass der Komponist seinen Freund einige Zeit später zu einer Aufführung der Zauberflöte nach Wien einlud. Die Krönung des kleinen Mozart‘schen Sprachkunstwerks ist schließlich die Datierung im „Scheishäusel den 12. Juli“.

Von Mozart sind nur zwei Briefe an Stoll erhalten geblieben, die auf ein sehr vertrautes, freundschaftliches Verhältnis schließen lassen. Beide befanden sich bisher bei Privatbesitzern; dieser zweite Brief konnte nun dank einer großzügigen Spende von Maria-Elisabeth Schaeffler-Thumann von der Stiftung Mozarteum für die „Bibliotheca Mozartiana“ erworben werden. Die Bibliothek der Stiftung verwahrt den größten Teil der Korrespondenz der Familie Mozart, darunter allein fast 200 Originalbriefe Wolfgang Amadé Mozarts. Die Sammlung, zu der auch zahlreiche Musikautographen Mozarts gehören, geht in ihrem Kern auf Geschenke und Vermächtnisse von Mozarts Witwe Constanze sowie seiner beiden Söhne Carl Thomas und vor allem Franz Xaver Wolfgang Mozart zurück.

Originalhandschriften Mozarts und seiner Familie sind im Autographentresor der Stiftung Mozarteum im Mozart-Wohnhaus ausgestellt, der im Rahmen von Spezialführungen – beispielsweise während der jährlichen Mozartwoche – zugänglich ist.

Schon seit mehreren Jahren macht die Stiftung Mozarteum ihre wertvollen historischen Bestände sukzessive online frei zugänglich. So sind alle Briefe Mozarts aus der Sammlung bereits online verfügbar, auch der neu erworbene Brief Mozarts an Stoll wird am 12. Juni über die Website „Bibliotheca Mozartiana digital“ online verfügbar sein (http://digibib.mozarteum.at).

—| Pressemeldung Mozarteum Salzburg |—

Salzburg, Salzburger Festspiele 2017, Belcanto zum Festspiel-Ende – Lucrezia Borgia, IOCO Kritik, 10.09.2017

September 12, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Oper, Salzburger Festspiele

salzbuerger_festspiele.gif

Salzburger Festspiele

Salzburg / Grosses Festspielhaus © Salzburger Festspiele / Luigi Caputo

Salzburg / Grosses Festspielhaus © Salzburger Festspiele / Luigi Caputo

Belcanto beendet die Salzburger Festspielsaison 2017

Lucrezia Borgia von Gaetano Donizetti

Von Daniela Zimmermann

BELCANTO in reinster Form beendete im Großen Festspielhaus die Salzburger Festspiele 2017; Schöngesang, leider verpackt in einer grausigen Giftmischertragödie. In alter Tradition begannen die Festspiele 2017 am 21. Juli mit dem Mysterienspiel Jedermann von Hugo von Hoffmannsthal,

um über großartige Opern wie La clemenza di Tito, Ariodante, Wozzeck, mit hinreißendem Schauspiel wie Kasimir und Karoline oder Rose Bernd, begleitet von Meisterklassen oder Konzerten am 30.8. mit Lucrezia Borgia von Gaetano Donizetti (1797 – 1848) konzertant auszuklingen.

Lucrezia Borgia wurde 1833, in der Hoch-Zeit des Belcanto, am Teatro alla Scala in Mailand uraufgeführt. Das Libretto schrieb Felice Romani nach dem ebenfalls 1833 erschienenen Buch von Victor Hugo. Donizetti und Romani halten sich in der Oper streng an die zu ihrer Zeit bestehenden Vorurteile über Lucrezia Borgia, der Tochter von Papst Alexander VI., bürgerlich italienischer Name Rodrigo Borgia. Lucrezia war als gefährliche Intrigantin, Giftmischerin und Ehebrecherin gebrandmarkt, der nichts heilig war. (Ein maßgeblich von Hugo, Dumas und anderen Männern unkritisch gefördertes Vorurteil; durch neuere Forschung weitgehend widerlegt.) Doch Victor Hugo und der Belcanto dominierten, waren 1833 höchst populär. Das Ergebnis: Lucrezia Borgia. Szenische Produktionen sind wegen der psychogenen Windungen problematisch. Konzertante Aufführungen dagegen geben dem Belcanto, der herrlichen Musik, virtuoser Vokalkunst freien Raum. So geschehen in Salzburg, wo die Sommerfestspiele 2017 mit wunderbarem Gesang, in vollkommener Tongebung und Klangschönheit endeten.

 Salzburger Festspiele / Lucrezia Borgia mit vlnr Krassimira Stoyanova, Marco Armiliato, Juan Diego Florez © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Salzburger Festspiele / Lucrezia Borgia mit vlnr Krassimira Stoyanova, Marco Armiliato, Juan Diego Florez © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Felice Romani verlegt die Handlung ins karnevalistischen Treiben von Venedig, wo sich die in der Bevölkerung unbeliebte Lucrezia Borgia mit Maske und Hauptmann Gennaro, über die gegenseitige Herkunft wenig wissend, treffen und verlieben. Lucrecias Gatte, Don Alfonso d’Este erfährt von der Zuneigung seiner Frau zu diesem jungen Mann und beabsichtigt, diesen zu töten. Lucrezia versucht vergeblich ihren eifersüchtigen Mann umzustimmen. Lucrezia wiederum vergiftet die Freunde von Gennaro, aus Rache für deren Schmähungen. Unerwartet ist Gennaro auch unter den Freunden und trinkt mit ihnen den vergifteten Wein, will mit seinen Freunden sterben, verweigert das Gegengift. Jetzt gibt sie sich Gennaro als seine Mutter zu erkennen, in deren Armen er stirbt. Sie selbst stirbt am gebrochenen Herzen.

Festliches und Makabres, Tragisches oder Komisches: Gegensätze konzertant, allein mit der Stimme auszudrücken, zeichnet Lucrezia Borgia in Salzburg. Krassimira Stoyanova überzeugt in der mörderischen wie zwiespältigen Partie der Lucrecia Borgia; einerseits liebende Mutter andererseits das vor keiner schrecklichen Bösartigkeit zurückschreckende Teufelsweib. Stoyanova beseelt das Menschliche der Lucretia mit sicherem Sopran und satten Timbre; die facettenreichen Koloraturen bringt sie ausdrucksstark, ohne in überzeichnende Koloraturartistik zu verfallen. Der Besucher empfand so, dank Stoyanova, mit der zerrissenen Lucrezia, einer von der Rache des Himmels getroffenen Frau.

Juan Diego Florez als Gennaro erfüllte dagegen die Belcanto-Träume des Publikums. Mit hellem Klang und virtuoser Beweglichkeit in hohen Tenorlagen beherrschte Diego Florez seine anspruchsvolle Partie und begeisterte das Publikum. Seine große, von der großen Liebe zu der unbekannten Frau erfüllten Arie zu Beginn des 2. Aktes „T’amo qual dama un angelo…..“ (Ich liebe dich wie einen Engel), wurde ebenso enthusiastisch gefeiert wie sein sterbendes „Sono un Borgia? O ciel!”. Florez gab mit seiner hellen Tenorstimme und auffälliger Leichtigkeit dem Belcanto wunderbaren Ausdruck; doch auch dem jungen Gennaro verlieh er Charakter, wenn auch über den Belcanto der Ausdruck, Leidenschaft etwas kurz kam.

Salzburger Festspiele / Lucrezia Borgia mit Solisten, dem Wiener Staatsopernchor und dem Mozarteumorchester © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Salzburger Festspiele / Lucrezia Borgia mit Solisten, dem Wiener Staatsopernchor und dem Mozarteumorchester © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

 

Doch auch die anderen Partien der Oper waren in Salzburg blendend besetzt: Maffio Orsini, eine Hosenrolle, Gennaros engster Freund und Gegner der Lucrezia, sang die junge, italienischen Mezzosopranistin Tersea Lervolino unbekümmert leicht, mit warmen Mezzosopran. In der nächsten Saison wird Lervolino in dieser Partie an der Bayerischen Staatsoper  (ich freue mich!) zu hören sein. Aber auch Ildar Abdrazakov als Don Alfonso d´Este wurde für einen breiten schweren Bass bejubelt, wie die Interpreten der anderen kleineren Partien. Mingjie Lei als Jeppo Liverotto, Ilker Arcayürek als Oloferno Vitellozzo, Gleb Peryazev als Apostolo Gazella, Ilya Kutyukin als Ascanio Petrucci, Andrzej Filonczyk als Gubetta, Andrew Haji als Rustighello sowie Gordon Bintner als Astolfo. Marco Armillato führte Ensemble, den Wiener Staatsopernchor und das Mozarteumorchester sängerfreundlich, den Stimmen, dem Belcanto  „Vorfahrt zu geben“.

Der Applaus des Publikums goutierte Dirigat, Orchester, Solisten wie Chor: Begeistert wie einhellig. Doch der große Applaus galt wohl nicht nur dem berührenden Belcanto, sondern, an diesem finalen Theaterabend, auch den Verantwortlichen des so spannenden Salzburger Festspielsommers 2017.

Salzburg, Salzburger Festspiele, Ariodante – Cecilia Bartoli in Hosenrolle, IOCO Kritik, 05.09.2017

September 5, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Salzburger Festspiele

salzbuerger_festspiele.gif

Salzburg / Haus für Mozart © Salzburger Festspiele -Andreas Kolarik

Salzburg / Haus für Mozart © Salzburger Festspiele -Andreas Kolarik

Salzburger Festspiele

Ariodante von Georg Friedrich Händel

 Der Spannungsbogen des Barock – Cecilia Bartoli in erster Hosenrolle

Von Daniela Zimmermann

Die Oper Ariodante ist in Salzburg besonders populär: Durch Weltstar Cecilia Bartoli, welche die Salzburger Pfingstfestspiele seit 2012 erfolgreich leitet und dort mit  starker Bühnenpräsenz und großartigem Mezzosopran in großen Partien gefeiert wird. So auch 2017, als sie die 1734 uraufgeführte Barockoper  Ariodante von Georg Friedrich Händel bei ihren Salzburger Pfingstfestspielen auf den Spielplan setzte und darin die Partie der Ariodante übernahm; erstmals in ihrer großen Karriere, eine Hosenrolle. So erfolgreich war diese Inszenierung, daß sie auch in die Salzburger Sommerfestspiele 2017  übernommen wurde.

Salzburger Festspiele / Ariodante - Cecialia Bartoli als Ariodante, noch in Ritterrüstung © Monika Rittershaus

Salzburger Festspiele / Ariodante – Cecialia Bartoli als Ariodante, noch in Ritterrüstung © Monika Rittershaus

Cecilia Bartoli hatte den Salzburg-erfahrenen Christof Loy als Regisseur für diese Barockoper gewonnen. Der Facettenreichtum von Ariodante hatte Loy schon viele Jahre gereizt; das „shakesperianische“ der Atmosphäre, welcher zwischen den Akten so radikal wechselt, oder die verschiedenen Spielarten von Erotik, welche die Oper zeichnen. Doch besonders hatten Loy die klassischen Rollenmuster des Mittelalters angesprochen: Der stolze Ritter, die dekorative aber verleumdete Jungfrau und das auflösende Gottesurteil. In der Salzburger Loy – Inszenierung wandelt sich Ariodante vom harten Krieger zu einem fragilen, transparenten, angreifbaren, „fast femininen“  Menschen; und leitet, so Loy, mit Cecilia Bartoli in der Hosenrolle, „auf eine andere Erzählweise hin,…. als ein Countertenor“,  es in dieser Partie könnte.

Salzburger Festspiele / Georg Friedrich Händel Grabstätte in Westminster Abbey © IOCO

Salzburger Festspiele / Georg Friedrich Händel Grabstätte in Westminster Abbey © IOCO

Mit viel Feinsinn erfasst Loy die einzelnen Charaktere, choreographiert sie liebevoll, mit Humor und Ironie. Die Inszenierung spannt einen Bogen von der Barockzeit zum Jetzt, der Gegenwart. Das zeigt sich in den Kostümen, in der Ritterrüstung des Ariodante, den historischen Kleidern des Balletts, in Businesskleidung. Transformation, Neuorientierung, Identitätssuche sind der Fokus, welchen in Salzburgs Ariodante Inszenierung verspüren läßt, herausgestellt. So werden auch die Balletteinlagen zum wesentlichen Element dieser Inszenierung. Barock, Gegenwart und Träume verfließen in Gesang und Tanz elegant wie packend ineinander (Choreografie Andreas Heise). Johannes Leiacker gestaltete die relativ schlichte Bühne. Ein hoher Barocker Raum mit vielen Türen, der sich nach hinten öffnet. Mal steht das Ensemble  vor der Brandmauer oder im idyllischen Arkadenparadies.

Salzburger Festspiele / Ariodante - Cecialia Bartoli als Ariodante, nun in bodenlangem Kleid und Kathryn Lewek als Ginevra © Monika Rittershaus

Salzburger Festspiele / Ariodante – Cecialia Bartoli als Ariodante, nun in bodenlangem Kleid und Kathryn Lewek als Ginevra © Monika Rittershaus

Die Handlung handelt von großer Liebe, verschmähtem  Widersacher, Intrigen, von Konventionen. Ganz Barock, es siegt die Liebe. Das junge Paar Ariodante und Ginevra sind glücklich verliebt, mit Einwilligung des Königs von Schottland. Doch Polinesso, Herzog von Albany,  will Ginevra und auf den Königsthron. Da beides hoffnungslos ist, schmiedet er eine Intrige: Mit der ihm in Liebe verfallenen Kammerzofe Dalinda täuscht er Ariodante, indem er  Ginevras Untreue behauptet. Ariodante stürzt sich von Schottlands Klippen, wird aber gerettet; Ginevra verfällt darüber in tiefe Depression und Ungnade. Die getäuschte Dalinda gesteht den schändlichen Betrug, Polinesso wird im Duell getötet und das Fest der Freude nimmt mit Ariodante und Ginevra seinen glücklichen Lauf.

Das Sängerensemble ist in seiner Gesamtheit blendend disponiert; stimmlich wie darstellerisch. Doch Cecilia Bartoli als Ariodante dominiert. Mit hinreißender Bühnenpräsenz, zunächst in Ritterrüstung später mit Bart in bodenlangem Kleid, beherrscht sie die Bühne; mit wohltimbriertem und koloraturen-sicherem Mezzosopran überwältigt sie die Besucher. In ihrer anspruchsvollen, mit  Koloraturen gespickten Arie „Con l’ali di costanza“  zeigt Cecilia Bartoli den lyrischen Glanz und die bruchlose Größe ihrer Stimme. Einer kleine Slapstick zum Ende rundet ihre Partie amüsant ab. Ihre Verwandlungen im Verlauf der Oper, vom  Ritter, der voller Freude seine Verlobung bejubelt, zum herzzerreißenden Lamento über verlorene Liebe, Eifersucht, Rache-gedanken, dann die Verwandlung vom Ritter zum bärtigen Mann in Frauenkleidung, eine Art „Concita Wurst – Look“, um so zurück in die Arme seiner Ginevras zu finden: Der changierende Regieansatz von Christof Loy, Ariodante als Hosenrolle zu inszenieren, wird von Cecilia Bartoli überwältigend umgesetzt.

Die junge amerikanische Sängerin Kathryn Lewek besetzt ihre Partie als Ginevra  mit  wunderbarem Sopran und starker darstellerischer Ausstrahlungskraft.  Lewek gibt jeder Szene sicht- wie hörbaren Ausdruck: Glücklich strahlt sie, sanft singt sie als verliebte Prinzessin, mitfühlend begleitet sie ihren Vater umgeht, ihre Unschuldsbeteuerung, ihre Verlorenheit, all das ist so gefühlvoll gesungen,gespielt. Es berührt. Lewek spielt mit ihrer Stimme und führt sie in die höchsten Höhen des Soprans. Verzaubert haben aber  auch ihre Piani, gesungen mit wunderbarer Zartheit. Sandrine Piau, als Dalinda, vom Polinesso zum Betrug verführt, spielt diese Charakterrolle  glaubwürdig gut und  interpretiert sie mit einer reichen, ausdrucksvollen Sopranstimme. Countertenor Christoph Dumaux ist ein überzeugender Polinesso, der leibhafte Bösewicht. Er  beherrscht seine Partie als intriganter Verführer, sowohl schauspielerisch als auch gesanglich mit kraftvollem Timbre. Nathan Berg sang mit schöner Bassstimme den König. Rolando Villazon als Lurcanio füllte seine Partie wie oft darstellerisch gut aus. Seine Höhen ließen allerdings zu wünschen übrig; doch das Publikum liebt Villazon und feierte ihn. Der Salzburger Bachchor ergänzte gesanglich als auch als Darsteller diesen Opernabend.

Salzburger Festspiele / Ariodante - Cecilia Bartoli und Ensemble © Marco Borrelli

Salzburger Festspiele / Ariodante – Cecilia Bartoli und Ensemble © Marco Borrelli

Les Musiciens du prince, ein Barockensemble aus Monaco, schufen auf historischen Instrumenten unter Gianluca Capuano, der auch das Cembalo spielte einen ergreifend barocken Klang der Händelschen Zeit. Das Orchester wurde im Frühjahr 2016 in Monaco, mit der Unterstützung der Fürstenfamilie und auf Initiative von Cecilia Bartoli gegründet. In diesem Orchester vereint Bartoli die besten auf alten Instrumenten spielenden Musiker, die sie  kennt.

Händel, seine Ariodante, der Barock wurden im Salzburger Festspielsommer 2017 mit starken Stimmen, einer überragenden Cecilia Bartoli lebhaft bejubelt und gefeiert.

 

Salzburg, Salzburger Festspiele, Jedermann, Lulu, Wozzeck… und Angela Merkel, IOCO Aktuell, 08.08.2017

salzbuerger_festspiele.gif

Salzburger Festspiele

Salzburg / Domplatz Jedermann © Tourismus Salzburg

Salzburg / Domplatz Jedermann © Tourismus Salzburg

97. Salzburger Festspiele 27.7. – 30.8.2017

AIDA, Wozzeck, Lulu, Rose Bernd, JEDERMANN….

Die 97. Salzburger Festspiele wurden am 27. Juli 2017 mit einer Festveranstaltung in der Felsenreitschule offiziell eröffnet. Nach der Begrüßung durch Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler folgten Ansprachen von Landeshauptmann Wilfried Haslauer, Bundesminister Thomas Drozda, die Festrede des Rechtsanwalts und Schriftstellers Ferdinand von Schirach (Terror) sowie die Eröffnungsrede von Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen.

Deutsche Kanzlerin Angela Merkel besucht AIDA

Bundeskanzlerin Angela Merkel zwackte sich trotz des bundesdeutschen Wahlkampfs zwei Tage für ihren schon traditionellen Festspielbesuch mit Ehemann Prof. Joachim Sauer und den österreichischen Freunden Bundeminister aD Dr. Martin und Ilse Bartenstein ab. Sie besuchte eine Vorstellung von Lady Macbeth of Mzensk und traf Mariss Jansons voller Bewunderung für seine große musikalische Leistung. Am 06. August ging sie in die Premiere von Aida (Shirin Neshat Regie, Riccardo Muti Dirigent, Anna Netrebko als AIDA) und in der Pause gab es eine Begegnung mit der für die Regie verantwortlichen Künstlerin Shirin Neshat.

Salzburger Festspiele / Angela Merkel besucht AIDA - Hier mit Markus Hinterhaeuser_Shirin Neshat_Helga Rabl-Stadler © Anne Zeuner

Salzburger Festspiele / Angela Merkel besucht AIDA – Hier mit Markus Hinterhaeuser_Shirin Neshat_Helga Rabl-Stadler © Anne Zeuner

 Jedermann, das Spiel vom Sterben des reichen Mannes 

Mysterienspiel von Hugo von Hofmannsthal

 Zentral in den 1920 von Hofmannsthal gegründeten Salzburger Festspielen

Die 2017 Premiere des Jedermann konnte wegen Regens nicht auf dem Salzburger Domplatz (Hofmannsthal: „Sein selbstverständlicher Platz.“) stattfinden, sondern wurde in das Festspielhaus verlegt. Tobias Moretti überzeugte dort in der Titelrolle. Applaus gab es auch für Stefanie Reinsperger, die neue Buhlschaft . Ungewohnt modern wurde die Neu-Inszenierung von Michael Sturminger empfunden. Im folgenden ein Film zur neuen Jedermann – Produktion:

2017 Plakat – Ankündigung des Jedermann 

Salzburger Festspiele 2017 / Das Schauspiel Jedermann - Seit Gründung der Salzburger Festspiele in 1920 zentrales Erkennungsstück © IOCO / Gallee

Salzburger Festspiele 2017 / Das Schauspiel Jedermann – Seit Gründung der Salzburger Festspiele in 1920 zentrales Erkennungsstück © IOCO / Gallee

Nächste Seite »