Lockenhaus, Kammermusikfest 2021, Ein Wallfahrtsort für Kammermusik-Liebhaber, IOCO, 28.07.2021

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Burg und Kirche Lockenhaus - im abendlichen Nebel © a4grafik

Burg und Kirche Lockenhaus – im abendlichen Nebel © a4grafik

Kammermusikfest Lockenhaus

  Kammermusikfest Lockenhaus – 2021 „SINNESERWACHEN“

Wallfahrtsort im Burgenland für Kammermusikliebhaber

 von Hans-Günter Melchior

Lockenhaus, nahe der ungarischen Grenze  im Burgenland in Österreich ist eine Art Wallfahrtsort für Liebhaber und Kenner der Kammermusik. Wer hierher kommt, will nicht gesehen werden, er will hören und noch einmal hören –, bis in die Nacht hinein.

Seit 40 Jahren kommen immer dieselben Anhänger der Kammermusik. Zwanglos und ohne den sonst bei Festspielen ebenso üblichen wie lästigen Aufwand geht es zu, leger und in Freizeitkleidung, Jeans, manche in kurzen Hosen. Konzentriert und neugierig, sachverständig sind die Wallfahrer, entschlossen, sich einer Musikanstrengung sondergleichen auszuliefern. Hier geht es ausschließlich um die Musik, schwierige und schwierigste, die die Aufmerksamkeit von allem anderen abzieht und oft Versenkung erfordert. Mit anderen Worten: es sind nicht die ausgetretenen Pfade der üblichen und populären Renner zum Mitsingen, oft ist es Neuland, selbst für die Spezialisten, deren es hier nicht wenige gibt.

Viele der Besucher spielen ein Instrument. Wohl mehr als die Hälfte. An manchem des Dargebotenen haben sich selbst versucht und sind begeistert, wenn den Künstlern gelingt, woran sie sich abmühten. Überhaupt: bewundernswert ist die Reife, die technische Perfektion und das inhaltliche Verständnis der meist noch sehr jungen und äußerst engagierten Darbietenden, von denen manche bereits international etabliert sind.

Ganz zu schweigen von den Meisterleistungen eines Gidon Kremer oder Andras Schiff.

Kammermusikfest Lockenhaus / hier: künstlerischer Leiter und Cellist Nicolas Altstaedt @ Niklas Schnaubelt

Kammermusikfest Lockenhaus / hier: künstlerischer Leiter und Cellist Nicolas Altstaedt @ Niklas Schnaubelt

Die Musik also und nochmals die Musik. Das kann bis Mitternacht gehen, drei oder vier Vorstellungen hintereinander an einem Tag; bis dann doch der Kopf auf die Brust sinkt und der letzte Funken übergesprungen ist. Pierrot lunaire von Arnold Schönberg etwa, beginnend um 22.00 Uhr ist eine Herausforderung, textlich wie musikalisch, besonders wenn man bereits am Morgen um 11.15 Uhr George Antheil, Heinz Holliger György Kurtag und die Klaviersonate c-Moll op. 111 von Ludwig van Beethoven, am Nachmittag Werke von Debussy, Liszt, sodann  von 19.00 Uhr bis 21.00 Uhr Duos, Trios von Feldman, Camille Saint-Saens (mit Heinz Holliger als Oboist), ein 3-sätziges Sextett für Bläserquintett und Klavier von Francis Poulenc, außerdem Werke von Bohuslav Martinu, Benjamin Britten, Claude Vivier und anderen mehr gehört und zu verarbeiten hatte.

Dies nur ein Beispiel von einem einzigen Tag. Zehn Tage lange füllt einem – vor allem auch neue, zeitgenössische, auch experimentelle – Musik den Kopf, macht nachdenklich und wissbegierig, forschereifrig; und – selten zwar – mutlos aus mangelndem Verständnis. Es treten auch manche Komponisten mit eigenen Werken auf, stellen sich einem kritischen Publikum, zum Beispiel der Finne Olli Mustonen, der auch als Pianist und Dirigent zu internationalem Ansehen gelangte. Oder der 82-jährige Schweizer Heinz Holliger, Komponist, Oboist und Pianist.

Es ist einem Beitrag wie dem vorliegenden nicht möglich, die Fülle der in dem Lockenhauser Kammermusikfest dargebotenen Werke über 10 Tage zu benennen, geschweige denn zu besprechen.

Im Zentrum standen dieses Jahr – jedenfalls für mich, jeder hat so seine Prioritäten –  die 6 Streichquartette von Bela Bartok. Meisterhaft dargeboten von dem Kelemen Quartett. Jedes einzelne dieser Quartette stellt einen ganzen musikalischen Kosmos dar, fordert extreme Aufmerksamkeit für die höchst differenzierten rhythmischen und thematischen Feinheiten. Für das Volksliedhafte ebenso wie für die dodekaphonischen und chromatischen Besonderheiten im Werk dieses ganz Großen des 20. Jahrhunderts (er zählt neben Richard Strauss und Igor Strawinsky zu den Bedeutendsten seiner Zeit), dessen Musik weit in die Moderne hineinreicht und dabei Elemente aus den Musiken vieler Völker in sich aufnimmt. Bartoks komplexe Musik verdiente ein eigenes Kammermusikfest.

Dem Kelemen Quartett merkt man das intensive Studium der Musik des Landsmannes an, ein ursprüngliches Verständnis für gewisse Besonderheiten (z.B. das Bartok-Pizzicato, die Verarbeitung von Volksliedhaftem, Polymetrik, Ganztonleiter, Abweichungen von der herkömmlichen Diatonik, Eigenheiten der Pentatonik u.a.m.), die Musiker sind in dieser Musik zu Hause, spielen hinreißend engagiert und lassen sich selbst hinreißen.

Eine Werkstattveranstaltung mit dem Quartetts unter der Leitung des  Musiklehrers Prof. Eberhard Feltz arbeitete die höchst subtilen Besonderheiten z.B. des Streichquartetts Nr. 2 heraus, assoziierte eine Passage mit einem Todesmarsch von Nazi-Gefangenen. Was für ein Jammer, dass ein Genie wie Bartok völlig verarmt in den USA verstarb.

Natürlich kamen die Klassiker nicht zu kurz. Beethovens Klaviersonate in As–Dur op.26 und die Sonate für Viola und Klavier f–Moll op. 120 Nr.1 von Brahms wurden von Alexander Lonquich (Klavier) und Timothy Ridout (Viola) gespielt. Rachmaninov und Bach (Violine: Gidon Kremer) kamen zur Aufführung, nur  – leider – fehlte in diesem Jahr Mozart, sieht man von einer Nebenbemerkung des Pianisten András Schiff einmal ab.

Ein Gipfelpunkt war freilich das sogenannte Rezital von András Schiff. Er spielte die B-Dur Sonate von Schubert, ferner die sogen. Geisterromanze von Schumann und ein Jugendwerk von Bach.

Das vergeistigte Spiel dieses sich in die Musik nicht nur hinein versenkenden, sondern geradezu in ihr verschwindenden und mit ihr eins werdenden  Künstlers sorgte für eine atemlose, selten erlebte Spannung. Hier wurde die Musik zur Tat, dargeboten mit einer Autorität der Sinngebung, die für etwa 1 ½ Stunden die Welt um sich herum vergessen ließ. Immer wieder strebt das Kammermusikfest in Lockenhaus solchen Höhepunkten zu und macht seine Einzigartigkeit aus.

Die verzaubernde St Nikolaus Kirche in Lockenhaus / 2020 auch Spielort des Kammermusikfest @ Alois Weber

Die verzaubernde St Nikolaus Kirche in Lockenhaus / 2020 auch Spielort des Kammermusikfest @ Alois Weber

 Anmerkungen zur Geschichte und zum Festspielort

Das Kammermusikfest Lockenhaus wurde vor 40 Jahren von dem berühmten Geiger Gidon Kremer gegründet. Er ist auch der Begründer des Orchesters Kremerata Baltica, das inzwischen internationale Reputation genießt.

Im Jahre 2012 hat Gidon Kremer die künstlerische Leitung an den Cellisten Nicolas Altstaedt, Foto, abgegeben, der nicht nur an vielen Konzerten mitwirkt, sondern dem es immer wieder gelingt, renommierte Künstler aus vielen Nationen für Auftritte in Lockenhaus zu gewinnen.

Die Kartenpreise sind, verglichen mit den Beträgen anderer Festspielorte, durchaus erschwinglich, sie pendeln zwischen 25 und 34 Euro. Die Künstler bekommen keine Gage, finanziert wird nur die Anreise und der Aufenthalt am Festspielort.

Die Gemeinde Lockenhaus hat 1.981 Einwohner. Sie gehörte  bis in die 20-er Jahre des 19. Jahrhundert hinein zu Ungarn. Heute gehört sie zum Burgenland. Lockenhaus liegt etwa in der Mitte zwischen Wien und Graz, unmittelbar an der Grenze zu Ungarn, Die ungarische Stadt Sopron mit ihren mittelalterlichen und barocken Bauwerken liegt in der Nähe. Ferner die Stadt  Köszeg, die nur 2 km von der Grenze entfernt ist. Ungarischer Einfluss ist allenthalben bemerkbar, viele Ungarn pendeln zwischen ihrem Heimatort zum Arbeitsplatz in Österreich.

In Lockenhaus selbst gibt es nur wenige Unterkunftsmöglichkeiten. Die Besucher des Kammermusikfestes verteilen sich auf die umliegenden Ortschaften, insbesondere auf das ca. 16 km entfernte und über eine großzügig angelegte Straße leicht erreichbare Kirchschlag in Niederösterreich.

Spielstätten: Die mittelalterliche Ritterburg Lockenhaus  – Die Pfarrkirche

Die Ritterburg Lockenhaus liegt hoch über dem Dorf, ein majestätisches Bauwerk, dessen Bauzeit auf das 13. Jahrhundert zurückgeht und einmal ein Unterschlupf für die Tempelritter gewesen sein soll. Belegt ist, dass hier die ungarische Gräfin Elisabeth Báthory residierte, der Legende nach eine sadistische Massenmörderin, der über 80 Morde mittels Folter an Bauernmädchen und Frauen aus dem niederen Adel zur Last gelegt wurden. Sie wurde hingerichtet. Die Täterschaft der Gräfin ist neueren historischen Forschungen zufolge freilich umstritten.

Heute gehört die Burg einer Stiftung an. Sie ist vollständig restauriert und verfügt über einen Konzertsaal mit ausgesprochen guter Akustik. An heißen Sommertagen wabert hier freilich die Hitze, das dicke Gemäuer lädt sich auf wie ein Heizofen.

Die Pfarrkirche Lockenhaus wurde in der Zeit von 1656 bis 1669 errichtet, ein Barockbau mit großer Orgel und bemerkenswertem Altar und fein gestalteter Kanzel. Obwohl der Klang hier etwas „hallig“ ist, nimmt man dieses Manko an heißen Tagen gerne in Kauf. Die Kirche ist angenehm kühl.  Direkt neben der Pfarrkirche befindet sich das Sommerschloss der Adelsfamilie Esterházy.

Manchmal, freilich höchst selten, gibt es einige freie Stunden. Dann fährt man in der sogenannten „Buckligen Welt“, einer wunderbar weich geschwungenen Höhenlandschaft mit vielen Erhebungen (sich wellig ablösenden Buckeln) zu entlegenen Gasthäusern hinaus, wo man u.a. hervorragenden Fisch essen kann. Und abends empfiehlt sich der „Blaufränkische“, eine beliebte Rotweinsorte, die hier zu Hause ist.

Nach Ende des Kammermusikfestes Lockenhaus ist der Kopf noch lange gebannt von  herber Chromatik, harter Rhythmik der Moderne wie dem Ideenreichtum der Klassik. 2022 werde ich dem Kammermusikfest Lockehaus zum ..x..  Mal wieder beiwohnen.

—| IOCO Aktuell Kammermusikfest  Lockenhaus |—


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Lockenhaus, Kammermusikfest 2021, 40jähriges Jubiläum – Sinneserwachen, IOCO Aktuell, 12.06.2021

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Burg und Kirche Lockenhaus - im abendlichen Nebel © a4grafik

Burg und Kirche Lockenhaus – im abendlichen Nebel © a4grafik

Kammermusikfest Lockenhaus

Kammermusikfest Lockenhaus  –  8. – 17. Juli 2021 

40-jähriges Jubiläum  –  „Sinneserwachen“

„Lockerer und innerlich wie äußerlich aufgeheiterter hat man ein so individualistisches Künstlervölkchen selten einmal erlebt. Showgebärden sind in Lockenhaus allemal verpönt“ schrieb im Gründungsjahr 1981 Die Zeit über das Kammermusikfest Lockenhaus im Burgenland von Österreich.

Das 40 Jahre Jubiläum des Kammermusikfest Lockenhaus wird,wie geplant, von 8. – 17. Juli 2021 stattfinden; allerdins im Rahmen der Corona-Vorgaben (Imopfung, Testung). Ein Präventivkonzept wird dafür Sorge tragen, dass auch das 40 Jahre Jubiläum des Kammermusikfest wieder erfolgreich über die Bühne gehen kann.

Kammermusikfest Lockenhaus / hier: künstlerischer Leiter und Cellist Nicolas Altstaedt © Niklas Schnaubelt

Kammermusikfest Lockenhaus / hier: künstlerischer Leiter und Cellist Nicolas Altstaedt © Niklas Schnaubelt

Zum 40-jährigen Jubiläums sendet Ö1 am 10.07.2021. um 10:05 Uhr einen Klassik Treffpunkt live aus der Ritterburg Lockenhaus, Foto oben. Helmut Jasbar moderiert die Sendung mit Nicolas Altstaedt, Festivalgründer Gidon Kremer und anderen. Auffällig, und nur in Lockehaus: Generalpassinhaber sind automatisch für diesen Termin auf ihren Stammplätzen gebucht!

IOCO Korrespondent HG  Melchior besucht das Kammermusikfest Lockenhaus seit vielen Jahren. Er  berichtete für IOCO über das Musikfest 2020, link HIER, und wird auch über das kommende Musifest Lockenhaus 2021 berichten

1981 von Gidon Kremer gegründet, entwickelte sich das Festival schnell zu einer international anerkannten Oase der Kammermusik. Die beeindruckende Ritterburg mit ihrem Rittersaal, der den Templern als geheimer Versammlungsort gedient haben soll, und die wunderschöne Barockkirche Lockenhaus bieten inmitten der Wälder des Mittelburgenlands bezaubernde Aufführungsorte. Das Festival dient seit jeher als Ort für Entdeckungen, Experimente, die Präsentation junger oder noch unbekannter Künstler, den Aufbau künstlerischer Partnerschaften und lebenslanger Freundschaften durch gemeinsames Musikmachen auf höchstem Niveau.

“Programm beim Kammermusikfest Lockenhaus ist, dass es vorab keine fest fixierten Programme gibt”. Die Konzertprogramme entstehen durch die Konstellation der Künstler und der Magie des Ortes. Um immer auf dem Neuesten Stand zu sein, sollte man den Newsletter beziehen!

Kammermusikfest Lockenhaus 2021 –  Programm HIER

Anlässlich der 100 Jahr Feierlichkeiten des Burgenlands lädt das Kammermusikfest Lockenhaus im Rahmen seines Jubiläums zu vier Konzerten fürs Burgenland

Die., 13.7., 18:00 Uhr: Gidon Kremer & Kremerata 
Mi., 14.7., 20:30 Uhr: Sir András Schiff
Do., 15.7., 21:30 Uhr: African Night 
Fr., 16.7., 22:00 Uhr: Pierrot Lunaire

Die verzaubernde St Nikolaus Kirche in Lockenhaus / 2020 auch Spielort des Kammermusikfest @ Alois Weber

Die verzaubernde St Nikolaus Kirche, Lockenhaus / Teil des Kammermusikfest @ Alois Weber

Die Liste erstrangiger Künstler, die beim Kammermusikfest Lockenhaus auftraten, um diese Ziele zu verwirklichen, ist lang und sehr beeindruckend. Eine ganze Generation von Komponisten wie Sofia Gubaidulina, Alfred Schnittke oder Arvo Pärt wurde durch Aufführungen beim Kammermusikfest Lockenhaus dem westlichen Publikum bekannt. György Kurtág präsentierte hier seine Kompositionen, Nikolaus Harnoncourt dirigierte das Lockenhaus Festival Ensemble bestehend aus namhaften Solisten der jeweiligen Saison und Boris Pergamenschikow, Heinz Holliger, András Schiff, Heinrich Schiff, Martha Argerich, Oleg Maisenberg, Robert Holl sowie Dietrich Fischer-Dieskau waren ebenso Teil des Kammermusikfests wie das noch sehr junge Hagen Quartett, das von Lockenhaus aus seine ersten Schritte zur Weltkarriere machte, um nur einige zu nennen.

Die Welt hat sich seitdem verändert, das Festival wurde von der New York Times zum Europäischen Kulturerbe ernannt und in der FAZ schreibt Eleonore Büning: „…das glaubt sowieso keiner, der nicht dabei gewesen ist.”

—| IOCO Aktuell Kammermusikfest  Lockenhaus |—


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Lockenhaus, Kammermusikfest 2020, Nicolas Altstaedt, Gidon Kremer, Andras Schiff…, IOCO Kritik, 15.07.2020

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Burg und Kirche Lockenhaus - im abendlichen Nebel © a4grafik

Burg und Kirche Lockenhaus – verträumt im abendlichen Nebel © a4grafik

Kammermusikfest  Lockenhaus

Kammermusikfest  Lockenhaus   2. – 11. Juli 2020

– Eine Feier der Musik –

von Hans-Günter Melchior

 Sie kennen Lockenhaus nicht? Nie gehört? Dann also ganz von vorne!

Lockenhaus liegt im Burgenland in Österreich, ungefähr in der Mitte zwischen Wien und Graz, nur wenige Kilometer von der Grenze nach Ungarn entfernt.

Kammermusikfest Lockenhaus / hier: künstlerischer Leiter und Cellist Nicolas Altstaedt @ Niklas Schnaubelt

Kammermusikfest Lockenhaus / hier: künstlerischer Leiter und Cellist Nicolas Altstaedt @ Niklas Schnaubelt

Die kleine Gemeinde Lockenhaus hat 1.981 Einwohner. Das Zentrum wird beherrscht von der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Nikolaus, die in den Jahren 1656-1669 von dem italienischen Baumeister  Pietro Orsolini erbaut wurde. Über dem Dorf thront wie ein Adlerhorst eine mittelalterliche Ritterburg, die eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat. Nachdem sie im 19. Jhdt. zu verfallen drohte, nahm sich Fürst Esterházy der Renovierung an. Heute befindet sich die Burg in gutem Erhaltungszustand, ein höchst eindrucksvoller Gebäudekomplex, von dem aus man einen weiten Blick ins Tal hat.

Um die mächtigen Mauern raunen noch heute schreckliche Geschichten. Hier hat erwiesenermaßen die blutrünstige ungarische Gräfin Elisabeth Báthory residiert, die sich den zweifelhaften Ruf einer Serienmörderin erwarb. Wer sensibel genug ist und in die Abgründe der Zeit hineinzuhören versteht, kann heute noch die Schreie der gequälten und zutode gefolterten Jungfrauen durch die Ritzen des Gemäuers hindurch vernehmen. Die Gräfin kam aus einer psychisch schwer gestörten Familie. Als ihre Kammerzofe eines Tages beim Frisieren zu wenig Gefühl bewies, verpasste ihr die Gräfin eine heftige Ohrfeige. Die Zofe blutete und das Blut floss auf die Hand der Herrin. Sie bildete sich ein, dass ihre Haut an dieser Stelle durch das Blut weicher und geschmeidiger geworden wäre. Um sich zu verjüngen, ließ sie deshalb im Umland 600 unverheiratete Frauen töten, in deren Blut sie badete. Lange Zeit blieben die Taten unentdeckt. Schließlich kamen die Morde doch ans Licht: die Gehilfen der Gräfin wurden zum Tode verurteilt! die Gräfin selbst „genoss“ die Privilegien des Adels: sie wurde in einen Kerker gesperrt, der nur ein schmales Luftloch und eine kleine Öffnung für das Essen besaß. Dort starb sie, hässlich geworden und auf dem Gesicht liegend.

Aber es geht hier nicht nur um Gruselgeschichten. Es geht um die Musik, die Kammermusik. Unter Musikliebhabern ist Lockenhaus ein Begriff. 1981 gründete der weltberühmte Geiger Gidon Kremer in Lockenhaus im Burgenland das Kammermusikfest. 2012 gab er die künstlerische Leitung an den Cellisten Nicolas Altstaedt ab.

St Niklaus Kirche in Lockenhaus © Alois Weber

St Niklaus Kirche in Lockenhaus © Alois Weber

Das Kammermusikfest findet jedes Jahr Anfang Juli statt, 2020 wurde es vom 2.-11. Juli veranstaltet. Dabei wurden die wegen der Corona-Pandemie gebotenen Schutz-maßnahmen eingehalten: alle musikalischen Aufführungen fanden dieses Mal in der Kirche  St. Nikolaus statt; nicht wie sonst im Wechsel zwischen Kirche und Burg, die einen kleinen Musiksaal mit erfreulicher Akustik beherbergt, während der Klang in der Kirche ein wenig hallig ist.

Bis zum Betreten der Kirche bestand Maskenpflicht, während der Darbietungen nicht. Der Abstandsregel wurde insofern Rechnung, als pro Sitzreihe nur zwei Personen Platz nehmen durften, es sei denn, es handelte sich um enge Familienangehörige. Vor Betreten der Kirche hatte man die Hände zu desinfizieren. Soweit bisher ersichtlich verlief die gesamte Veranstaltung unter dem Gesichtspunkt der Corona-Krise folgenlos.

Obwohl das Kammermusikfest nun schon 39 Jahre veranstaltet wird (meine Frau und ich besuchen es jetzt schon weit über 25 Jahre), umgibt es immer noch die Aura eines Geheimtipps unter Musikliebhabern. Man kennt sich inzwischen untereinander, zumindest vom Sehen. Unter den Besuchern finden sich ausgesprochene Musikexperten.

Viele Musikgrößen traten hier zum ersten Mal ins Blickfeld der musikalischen Öffentlichkeit. Etwa die Cellistin Sol Gabetta, die Pianistin Buniatishvili, der damals bereits etablierte und leider schon verstorbene Cellist Heinrich Schiff ließ es sich nicht nehmen Werke von Haydn und Mozart einzustudieren und selbst aufzutreten.

Die Veranstaltung ist musikalisch höchst anspruchsvoll. Geboten werden Werke aus der Musiktradition, daneben solche aus der Moderne, auch von zeitgenössischen, noch lebenden Komponisten, die manchmal anwesend sind. Arvo Pärt und Sofia Gubaidulina waren schon da, in diesem  Jahr erläuterte die schweizer Komponistin Helena Winkelman, deren Trio für Violine, Violoncello und Klavier Nine Micro-Bagatelles or Nine Visitations from the Past uraufgeführt wurde, ihr Werk. Daneben kommen auch Chorwerke und Gesangsstücke zur Aufführung.

Regelmäßig findet eine etwa 1½-stündige Matinee statt. Wer will, kann am späten Nachmittag an einer Werkstattveranstaltung teilnehmen, die in die bestimmte Kompositionen und ihre Interpretation einführen. Am Abend folgt dann eine mindestens 2-stündige weitere Veranstaltung, manchmal geht es bis in die späten Abendstunden weiter. Ein Stummfilmaufführung des berühmten Fritz-Lang-Films Dr. Mabuse mit Klavier- und Schlagwerkbegleitung endete erst um 2.00 Uhr nachts.

Kammermusikfest Lockenhaus / Gidon Kremer (links) - friends © Niklas Schnaubelt

Kammermusikfest Lockenhaus / Gidon Kremer (links) – friends © Niklas Schnaubelt

Die ausführenden Künstler sind in der Mehrheit junge Frauen und Männer mit teilweise bereits internationaler Reputation. Etwa die Geigerin Vilde Frang, der Cellist Vashti Hunter, aber auch die schon etwas älteren Solisten wie der Pianist Alexander Lonquich (der mit mit den Diabelli-Variationen brillierte) oder der Geiger Barnabas Kelemen und –, nicht zu vergessen –, der bereits international sehr bekannte Cellist Nicolas Altstaedt.

Gidon Kremer (siehe Foto oben) spielte mit Georgijs Osokins die Sonate für Violine und Klavier op.136 b und mit Madara Petersone die Sonate für zwei Violinen von Miecyzslaw Weinberg. Kremers Anliegen ist es, dem lange fast vergessenen genialen Komponisten Weinberg zu seinem postumen Recht zu verhelfen. Er wird nicht müde, auf das hohe Niveau dieser Musik hinzuweisen, auch außerhalb von Lockenhaus.

 Kammermusikfest Lockenhaus / hier Andras Schiff @ Niklas Schnaubelt

Kammermusikfest Lockenhaus / hier Andras Schiff @ Niklas Schnaubelt

Absoluter Höhepunkt war der Auftritt von András Schiff, dessen hinreißend vergeistigte und hochsensible Interpretation von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten E-Dur op.109, A-Dur op. 110 und c-Moll op.111 Beifallsstürme hervorrief. Der Ausnahmekünstler beantwortete die begeisterte Reaktion des Publikums mit einer langen Zugabe. Vor den Sonaten trug er ein nicht im Programm stehendes Werk von Bach vor, den er für den größten Komponisten aller Zeiten hält.

Naturgemäß dominierten im Beethovenjahr die Werke dieses Komponisten, der wegen der Corona-Krise im offiziellen Konzertbetrieb eindeutig nicht hinreichend gewürdigt werden konnte.

Die Komponisten, die sonst noch in Lockenhaus alle zur musikalischen Sprache kamen, können in einem kurzen Bericht nicht benannt werden. Eine lange Liste. Etwa Brahms. Schubert, Debussy, Dvorák, Kodály, Berio und vor allem Bartók – dieser insbesondere mit dem berühmten Quintett für Klavier und Streichquartett DD 77 und den Tristan-Anklängen im Kopfsatz sowie den Besonderheiten in der Diatonik –, Zimmermann, Ravel uva., deren Werke mit größtem Engagement, manchmal jugendlichem Elan und vor allem mit bewundernswerter Könnerschaft dargeboten wurden.

Die verzaubernde St Nikolaus Kirche in Lockenhaus / 2020 auch Spielort des Kammermusikfest  @ Alois Weber

Die verzaubernde St Nikolaus Kirche in Lockenhaus / 2020 auch Spielort des Kammermusikfest  @ Alois Weber

Genug. Dies kann nur ein Überblick sein. Zugegeben: es waren 10 nicht ganz leichte Tage. Eine hohe intellektuelle Herausforderung, vier bis fünf  Stunden und manchmal mehr zum Teil recht schwierige Musik pro Tag, die die volle Konzentration forderte. Eine Musik, die nicht auf der Zunge zergeht, sondern ein existentielles Zentrum ansteuert, sich auseinandersetzt mit ihrem Stoff.

Aber lohnende, beglückende Tage. Man wird hineingezogen in die Begeisterung der Künstler für die Werke und deren Interpretation. Ins Neue am Alten, ins Alte am Neuen. So ist man Teil der Aufführung, mitdenkend, mitfühlend, mitspielend, den Nuancen und Raffinements nachspürend.

Und immerhin am späten Abend, nicht in Lockenhaus sondern im 16 km entfernten Kirchschlag, in der buckligen Welt, im Hotel Post, wo man vorzugsweise wohnt, die Erholung bei einem vorzüglichen Blaufränkischen genießt und wünscht, wäre es doch schon Juli 2021 und bliebe man gesund…

—|IOCO Kritik Kammermusikfest  Lockenhaus |—


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