Innsbruck, Tiroler Landestheater, Der Stein der Weisen – Emanuel Schikaneder, IOCO Kritik, 09.10.2018

Tiroler Landestheater - Im Winter @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater – Im Winter @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater

Der Stein der Weisen  oder  Die Zauberinsel

Von Emanuel Schikaneder und anderen

Von Julian Führer

Es gibt in Deutschland zahllose Wielandstraßen. Christoph Martin Wieland (1733-1813) ist als Übersetzer, Dichter und Herausgeber in Erscheinung getreten, doch welche Werke sind heute noch bekannt, was wird noch gelesen? Wir verdanken ihm unter anderem eine in der Originalausgabe (1786-1789) dreibändige Sammlung Dschinnistan oder auserlesene Feen- und Geister-Märchen. Dort findet sich eine Geschichte Der Stein der Weisen, aber auch Lulu oder die Zauberflöte. Emanuel Schikaneder (1751-1812) nutzte diese Vorlagen für seine zahlreichen Opernlibretti, von Der dumme Anton im Gebirge bis hin zur Zauberflöte, die Wolfgang Amadeus Mozart in Musik setzte und die bis heute eine der meistgespielten Opern überhaupt ist.

«Welch reizende Musik erhebt die Herzen feierlich»

Was wurde aus Der Stein der Weisen? In Fachkreisen war bekannt, dass dieses Stück 1790 im Wiedner Theater uraufgeführt wurde (dort wurde ein Jahr später auch Die Zauberflöte zum ersten Mal gezeigt). Der Druck von Einzelnummern belegt, dass es eine gewisse Popularität erlangt haben muss. Im 19. Jahrhundert geriet Der Stein der Weisen in Vergessenheit. 1996 gelang es David J. Buch, in Hamburg (Staats- und Universitätsbibliothek) eine handschriftliche Partitur ohne Titelblatt als Überlieferungszeugen für die verloren geglaubte Oper zu identifizieren; alsbald konnten weitere Partituren, Klavierauszüge und Stimmen nachgewiesen werden, und zwar in Berlin (Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz), Frankfurt (Stadt- und Universitätsbibliothek, Florenz (Conservatorio Luigi Cherubini) und Wroclaw (Biblioteka Uniwersytecka).

 Der Stein der Weisen  von Emanuel Schikaneder
Youtube Trailer  des Tiroler Landestheater
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Worum geht es? Das Singspiel (also ein Wechsel von gesprochenen und gesungenen Passagen) kennt den Halbgott Astromonte und den unterirdischen Gott Eutifronte, ein seriöses und ein Buffopaar, Arien, Duette, einen Jägerchor, Waldgeister, unterirdische Geister, Schutzgeister und dergleichen mehr. Genius hat etliche Auftritte und muss der Handlung immer wieder neue Wendungen und Impulse geben, die sonst in dem Werk noch beliebiger als ohnehin schon wirken würden. Emanuel Schikaneder schrieb an die 50 Operntexte und war im Arrangieren nicht eben wählerisch. Auch bediente er sich gerne bei sich selbst und passte Figurenkonstellationen nur grob an, so dass Der Stein der Weisen in manchem, etwa dem Verhältnis der beiden Paare, sich wie eine Vorstudie zur Zauberflöte ausnimmt.

Werden heute Singspiele oder auch Opern wie Fidelio oder Der Freischütz aufgeführt, stellt sich oft die Frage, wie mit den oft langen gesprochenen Passagen umgegangen werden soll – vollständig lassen, kürzen, streichen? Die Frage stellt sich umso drängender, wenn ein deutsches Singspiel etwa in Paris aufgeführt wird oder Solisten mit anderer Muttersprache sich durch lange Textpassagen quälen. In Innsbruck wählte man einen eleganten Weg, das Werk schlank zu halten und dennoch die Musiknummern durch Überleitungen zu verbinden: Timna Brauer führte als Erzählerin durch die nicht immer ganz logischen Verzweigungen der Handlung, deren Kern die Rivalität von Gott und Halbgott ist, wodurch die Paare Nadir und Nadine sowie Lubano und Lubanara in Schwierigkeiten kommen, aus denen ihnen nur Genius mit dem Stein der Weisen heraushelfen kann. Die als «konzertante Aufführung» bezeichnete Innsbrucker Version wurde von Angelika Wolff so eingerichtet und von Michael D. Zimmermann so ausgestattet, dass es mehr zu sehen gab als in manchen stark reduzierenden Inszenierungen: Die Auftritte aus den Gassen waren sorgfältig choreographiert und den einzelnen Gassen auch Bedeutungsebenen zugewiesen (der Bauer tritt nicht so auf wie der Gott!). Den Hintergrund lieferten Bilder von Arik Brauer, die mit ihren phantastischen Elementen die Handlung untermalten.

Tiroler Landestheater / Der Stein der Weisen - Emanuel Schikaneder © Rupert Larl

Tiroler Landestheater / Der Stein der Weisen – Emanuel Schikaneder © Rupert Larl

Besonders interessant war natürlich das musikalische Material und dessen Darbietung. Das Textbuch von Schikaneder hat gemäss dem Geschmack der Zeit Qualitäten, ist aber literarisch nicht weiter anspruchsvoll («Die Lieb ist wohl ein närrisch Ding! / Doch ihre Macht ist nicht gering. / Sie macht so weh, sie macht so wohl! Ich weiß nicht, wie ich’s nennen soll.»). Die Musik wurde von Johann Baptist Henneberg, Benedikt Schack, Franz Xaver Gerl und Emanuel Schikaneder selbst geschrieben, und eine kleine Zahl Stücke geht sogar auf Wolfgang Amadeus Mozart zurück. Libretto und Musik haben durchaus Witz, etwa wenn Eutifronte die Lubanara dazu verdammt, nur noch wie eine Katze zu miauen. Dies ist Anlass für das auch außerhalb der Oper über die Zeiten hinweg bekannte «Katzen-Duett» (das den eigentlich stummen, aber dennoch musikalisch agierenden Papageno vorwegnimmt). Tatsächlich sind einige Nummern kunstvoll und andere eher handwerklich-brav komponiert (man denkt bei manchen Phrasen unwillkürlich an einen mittelmäßig begabten Haydn-Schüler). Dennoch wirkt die Oper stilistisch recht einheitlich. Mozarts Genie erscheint neben seinen Zeitgenossen nur umso deutlicher.

Das Orchester unter Seokwon Hong spielte engagiert, in den Arien und Duetten zartfühlend, in Jägerchor und den beiden Finalen auch kraftvoll. Konventionell, aber handwerklich überzeugend kam der Jägerchor (mit Hörnern, Trompeten und Pauke) daher. Auch ein orchestrales Gewitter durfte nicht fehlen, die unruhige See bot Anklänge an «Numi, pietà» aus Mozarts Idomeneo. Dennoch haben hier Vincenzo Bellini (in der Introduktion zum dritten Akt von I Puritani) und Beethoven ganz neue Welten erschlossen.

Tiroler Landestheater / Der Stein der Weisen - Emanuel Schikaneder © Rupert Larl

Tiroler Landestheater / Der Stein der Weisen – Emanuel Schikaneder © Rupert Larl

Der Tenor Garrie Davislim gestaltete den Gott Astromonte – keine einfache Partie, denn ein gütiger Gott hat nicht übermäßig viele Möglichkeiten zur dramatischen Gestaltung. Johannes Maria Wimmer als böser Halbgott Eutifronte hatte da ganz andere stimmliche Entfaltungsmöglichkeiten. Beide wurden ihren Partien vollauf gerecht. Auch die Paare (Nadir und Nadine: Daniel Johannsen und Jihyun Cecilia Lee, Lubano und Lubanara: Alec Avedissian und Andreja Zidaric) sangen tadellos, wobei natürlich Andreja Zidaric beim Publikum besonders gut ankam, da sie nach Herzenslust miauen durfte.

Der Chor hat eine umfangreiche Partie zu bewältigen. In einer Nummer zanken sich vier Choristinnen, wer am tugendhaftesten ist – ein Mechanismus der gegenseitigen Überbietung voller Witz. Die Aufstellung des Chores im hinteren Bühnenbereich geht leider zu Lasten der Textverständlichkeit. Dies traf auch den Genius der Sophia Theodorides, die oft im hinteren Bühnenraum zu agieren hatte. Das alles mündet in einer lieta fine nach den Konventionen der Zeit.

Als Fazit dieser Ausgrabung wird deutlich, dass auch ein musikalisches Meisterwerk wie Mozarts Zauberflöte seine Vorläufer hat. Mag die Handlung teilweise hanebüchen oder gar haarsträubend sein – dies hat das Stück mit anderen noch heute gespielten Opern der Zeit wie Orlando Paladino und Idomeneo gemeinsam. Ein sonst wenig gespieltes Werk auf die Bühne zu bringen, ist immer ein Wagnis; hier in Innsbruck hat man gewagt, eine Oper zu zeigen, die in Handlung und Musik nicht immer auf der Höhe des sonstigen Repertoires ist, aber dennoch viele Qualitäten hat und vor allem eine Art musikhistorischen Kontext für die Zauberflöte bietet und zudem zeigt, wie mehrere Künstler in kürzester Zeit ein bühnentaugliches Werk zustandebringen konnten. Das Tiroler Landestheater ist für diesen Mut zu loben, für die sorgfältige Einstudierung, für das liebevolle Arrangement auf der Bühne – aber auch für das exzellent recherchierte Programmheft, das diese ganzen Bezüge deutlich macht.

Der Stein der Weisen im Tiroler Landestheater; in der laufenden Spielzeit 2018/19 sind keine Vorstellungen geplant.

—| IOCO Kritik Tiroler Landestheater |—

Innsbruck, Tiroler Landestheater, RIENZI – Frühoper von Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.5.2018

Tiroler Landestheater und Symphonieorcheter Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck © Landestheater

Tiroler Landestheater Innsbruck © Landestheater

RIENZI  –  Richard Wagner

– Tödliche Unentschiedenheit –

Von Hanns Butterhof

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

An Gefahr und höchster Not ist in Richard Wagners früher Oper Rienzi wahrhaft kein Mangel. Die mörderische Anarchie fürstlicher Geschlechter im Rom des 14. Jahrhunderts bringt als Retter den populistischen Tribunen Rienzi hervor. Ihm bringt in der Aufführung des Tiroler Landestheaters Innsbruck seine Unentschiedenheit zwischen persönlichen und politischen Motiven, zwischen republikanischen Idealismus und narzisstischer Machtgier den Tod. Tödlich ist die Unentschiedenheit auch für den adeligen Adriano, der zwischen der Liebe zu Rienzis Schwester Irene und der Loyalität seiner Familie gegenüber schwankt. Er ist die anrührendste Figur der Oper.

In Innsbruck spielt der sinnvoll auf dreieinviertel Stunden eingekürzte Rienzi in einer unbestimmten Gegenwart. Thomas Döfler hat dafür eine sehr bewegliche, rasche Umbauten erlaubende Bühne gebaut. Mit der Anlehnung an sich gegenüberstehende Burgen der Adelsfamilien drückt sie ebenso die Zerfallenheit Roms in Adel und Plebejer aus, wie sie mit Prunktreppe den Aufstieg zum römischen Kapitol und die Machtarchitektur des faschistischen Italien zitiert. In die Gegenwart weisen auch die abwechslungsreichen Kostüme Antje Adamsons, die das Volk mal in grauer Arbeitskluft, mal im Feststaat, die Adelsfamilien als Mafia-Clans im Maßanzug und Rienzi zunehmend prächtiger gekleidet zeichnet.

 Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner - hier : Rienzi im Machtwahn, Marc Heller, vor dem Abbild Napoleons © Tiroler Landestheater Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner – hier : Rienzi im Machtwahn, Marc Heller, vor dem Abbild Napoleons © Tiroler Landestheater Innsbruck

Regisseur Johannes Reitmeier hat nicht nur das Museale, sondern auch die Aktualisierung mit Warlords oder Populisten vermieden, zu naheliegend ist Rienzi eine politische Figur von heute. Er ist der starke Mann, der wieder Ordnung im Staat schafft und dem Gesetz wieder zu Geltung verhilft.

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner - hier : Rienzi, Marc Heller und Statisterie © Tiroler Landestheater Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner – hier : Rienzi, Marc Heller und Statisterie © Tiroler Landestheater Innsbruck

Dass ein solcher Mann notwendig ist, steht nach den ersten Szenen der Oper außer Frage. Die beiden herrschenden Adelsgeschlechter Roms, die Colonna und Orsini, machen, was sie wollen. Sie streiten darum, wer von ihnen Irene (Josefine Weber), die Schwester Rienzis, entführen und vergewaltigen darf. Erst der schon im Habit eines Revolutionärs mit umgehängten Patronengurten vom Volk erhobene Rienzi (Marc Heller) vermag sie von ihrem schändlichen Tun abzubringen. Dass die beiden Clans die Stadt verlassen, um ihre Streitigkeiten vor den Toren auszutragen, nützt Rienzi, gestützt auch vom päpstlichen Legaten (Unnsteinn Árnason), zum Aufstand.

Seinen Untergang bereitet er selber mit einem politischen Fehler vor. Er schließt Frieden mit den Adeligen, die aber nicht im Traum daran denken, sich der Republik zu ergeben. Vielmehr versuchen sie, Rienzi bei der Friedensfeier zu ermorden, und greifen, nachdem er sie gegen den Volkswillen begnadigt hat, Rom an. Für die großen Verluste der Verteidiger gibt das Volk Rienzi die Schuld. Die zusätzlich durch Verleumdung aufgewiegelten Massen, die verletzt und unzufrieden vor dem Kapitol lagern, setzen den Regierungssitz in Brand und steinigen den auch von der Kirche verlassenen Tribun. Im Sterben verflucht Rienzi nicht sein undankbares, wankelmütiges Volk, sondern kündigt prophetisch seine Wiederkehr an – wie hat er recht.

Doch Reitmeier will Rienzi deutlich nicht als Helden darstellen, dessen politische Wiedergänger gar erhofft wären. So zieht er schon zur Ouvertüre eine zweite, psychologische Ebene ein, die zum Einverständnis mit Rienzis Sturz führen soll. Eine stumme, von Wagner nicht vorgesehene Szene wirft ein trübes Licht auf seine Antriebe. Erstrebte er einmal die Macht, um seinen Bruder rächen zu können, der von einem Mitglied der Colonna-Sippe ermordet wurde, so hat dieser Mord nur die Schleusen seiner manifesten Machtgier geöffnet. Riesengroß wirft eine Projektion Napoleons im purpurnen Herrscher-Ornat mit dem goldenen Cäsaren-Lorbeer auf dem Haupt ihren Schatten auf Rienzi, und noch im Untergang rafft er Lorbeerkranz und Purpurmantel an sich. Die Inszenierung nimmt so die Perspektive der Verleumdung ein, die schließlich zu Rienzis Sturz führt.

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner - hier : Rienzi und Irene, immer Seite an Seite, Marc Heller und Josefine Weber © Tiroler Landestheater Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner – hier : Rienzi und Irene, immer Seite an Seite, Marc Heller und Josefine Weber © Tiroler Landestheater Innsbruck

Es braucht den ersten, überhaupt etwas sperrig die Situation eröffnenden Akt, bis der amerikanische Tenor Marc Heller mit festem, männlichen Heldentenor trotz seiner Anfechtungen durch die Machtgier von seinem republikanischen Idealismus überzeugt. Die anstrengende Partie gipfelt in seinem hymnischen, zu Herzen gehenden Gebet „Allmächt’ger Vater“  im letzten Akt.

Josefine Weber als Rienzis Schwester Irene steht mit jugendlich strahlendem Sopran allzeit fest an der Seite ihres Bruders und wird auch durch ihre Liebe zu dem jungen Colonna-Sprössling Adriano in ihrer Treue nicht schwankend. Am Ende teilt sie Rienzis schauriges Schicksal.

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner_ hier Jennifer Maines als Adriano im Zwiespalt © Tiroler Landestheater Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner_ hier Jennifer Maines als Adriano im Zwiespalt © Tiroler Landestheater Innsbruck

Adriano, den Jennifer Maines darstellerisch und gesanglich mit beweglichem Mezzo begeisternd gibt, ist die interessanteste Figur der Oper, der die Regie auch besondere Aufmerksamkeit widmet. Anfangs stellt sich Adriano nur als Liebender, wenn auch mit wenig Wirkung, schützend vor Irene, als sie von seinem Clan und den Orsinis entführt werden soll. Dann lässt er sich von Rienzi als Anhänger der Republik gewinnen, wodurch er in schroffen Gegensatz zu seiner Familie, besonders zu seinem Vater Steffano Colonna (Johannes Maria Wimmer), gerät. Diesen Loyalitätskonflikt hält er nicht aus und beklagt ihn in der ergreifendsten Arie der Oper „Gerechter Gott“. Seine ständigen Versuche, zwischen allen Parteien zu vermitteln, scheitern an der starren Arroganz des Adels, vor allem seines unversöhnlichen Vaters. Als dieser bei dem gescheiterten Angriff auf die Republik getötet wird, wechselt Adriano wieder die Seite. Er wiegelt das Volk mit der Verleumdung auf, Rienzi habe die Republik zur Sicherung der eigenen Macht an den Adel verraten. Als er am Ende doch aus Liebe wieder zu Irene zurückkehrt, stirbt er in den Flammen des Kapitols, das die empörten Massen in Brand gesetzt haben – ihm bringt seine Unentschiedenheit den Tod.

Zunehmend zieht die von der Regie differenziert gestaltete Geschichte um den letzten römischen Tribun und seinen Fall in ihren Bann, ihre dreieinviertel Stunden vergehen wie im Flug. Doch es ist, als wolle die Regie mit den Motiven Rienzis, die ihn zwar menschlicher, aber nicht sympathischer erscheinen lassen, auch sein politisches Anliegen diskreditieren. Das aber wird von Text und Musik der Oper nicht wirklich gestützt, die das verführbare, wankelmütige Volk, nicht ihren Tribunen kritisiert.

Im Rienzi zeigt sich Wagner schon weit auf dem Weg zur späteren Meisterschaft. Allenthalben sind Anklänge an den Holländer, an Lohengrin und Tannhäuser zu vernehmen. Seine musikalischen Techniken sind bereits hoch entwickelt, Chor, Extra- und Kinderchor des Landestheaters (Einstudierung: Michel Roberge) demonstrieren seine Fähigkeiten beim Umgang mit den Chören beeindruckend.

Lukas Beikircher dirigiert souverän das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck, das allen melodischen Glanz Wagners entfaltet, die irisierenden Streicherpartien und die merkwürdig prä-wilhelminisch anmutenden Märsche, und nicht zuletzt mit dem donnernden Katastrophenfinale zu brennendem Kapitol überwältigt.

Stimmlich ist die Oper bis in die Nebenrollen ausgewogen gut besetzt, von Johannes Mario Wimmer als stolzem Steffano Colonna und Joachim Seipp als seinem aufbrausenden Standes- Pendant Paolo Orsini über Unnsteinn Árnason als päpstlichem Legat Raimondo bis zu Florian Stern und Alec Avedissian als den verführbaren römischen Bürgern Baroncelli und Cecco del Vecchio.

Der begeisterte Schlussapplaus des Premierenpublikums galt neben Marc Heller, Josefine Weber, Michel Roberge mit seinen Chören und Lukas Beikircher mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck vor allem Jennifer Maines für ihren bewegt bewegenden Adriano.

Rienzi am Tiroler Landestheater: Die nächsten Termine: 27.5., 3., 10. und 17.6. 2018, jeweils um 18.00 Uhr.

—| IOCO Kritik Tiroler Landestheater |—

Innsbruck, Tiroler Landestheater, Martha oder Der Markt zu Richmond, IOCO Kritik, 29.03.2018

Tiroler Landestheater @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater

Martha oder Der Markt zu Richmond  – Friedrich von Flotow

„Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha“

Von Julian Führer

Den Loriot-Sketch „Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha“ werden viele schon einmal gesehen haben; aber wer hat Martha gesehen? Diese Spieloper des 19. Jahrhunderts war von Anfang an ein Kassenschlager, ist in Aufführungsstatistiken bis in die 1960er, 1970er Jahre recht weit oben zu finden, heute ist Martha hingegen fast als Rarität anzusprechen. In Arienalben für Sopran findet man jedoch die „Letzte Rose“, und die Tenorarie „Ach so fromm, ach so traut“ (in der italienischen Fassung „M’appari“) ist immer noch ein Bravourstück. Doch was ist aus der Oper als solcher geworden?

Im Tiroler Landestheater Innsbruck, einem schönen Haus mit etwa 800 Plätzen, beweist man Mut bei der Spielplangestaltung – und dieser Mut zahlt sich aus! Tatsächlich eignet sich die Geschichte von einer gelangweilten Adligen Martha, die sich als Magd verkleidet und sich mit ihrer Vertraute auf einem Markt verdingt, eine Geschichte, in der man sich verkleidet und am Ende heiratet, vielleicht nicht zum Verhandeln großer Menschheitsprobleme – oder vielleicht doch? Die Regie von Anette Leistenschneider lässt immer wieder einen doppelten Boden erahnen, so sehr sie ansonsten am amüsanten Libretto und der brillant instrumentierten Partitur bleibt.

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt..... - Susanne Langbein als Lady Harriet und Joshua Whitener als Lyonel @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt….. – Susanne Langbein als Lady Harriet und Joshua Whitener als Lyonel @ Rupert Larl

Zur Ouvertüre, die Seokwon Hong mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck zunächst ruhig angehen lässt, sehen wir einen den ganzen Vorhang einnehmenden Union Jack: Wir sind in England. Wie so vieles dort ist auch die Fahne allerdings etwas in die Jahre gekommen, man sonnt sich in früherem Glanz, wenn sonst schon nicht immer die Sonne scheint… Vorhang auf: Lady Harriet Durham, Ehrenfräulein der Königin, langweilt sich, umgeben von Dienstmägden, mit ihrer Vertrauten Nancy. Da hilft auch kein überdimensionierter begehbarer Schrank mit natürlich viel zu vielen Kleidern! Nancy, etwas lebenspraktischer als ihre Herrin veranlagt, zeigt es mit einer kleinen geflügelten Puppe, die sie Harriet auf die Schultern setzt: Verlieben müsste sie sich, doch in wen? Da klopft bzw. hupt es: Lord Tristan Mickleford, der verliebte Vetter, im Schottenrock.

Nancy, her die Bauernmieder von der letzten Maskerade!“?

Aus dem englischen Regen kommt er ins Zimmer, spritzt noch aus Versehen die Damen mit dem Regenschirm nass (den er, wie eigentlich alles andere auch, nicht im Griff hat). Vorbeiziehende Mägde bringen Harriet auf eine Idee: als Mägde verkleiden und beim Markt mittun. Tristan bekommt eine Haube und protestiert, und Nancy und Harriet ziehen sich so an, wie sie sich wohl Mägde auf dem Markt vorstellen. Die dort tatsächlich auftretenden Mägde sehen zwar anders aus und die edlen Damen eher wie beim Karneval, aber hier wie auch sonst hat das Regieteam genau hingeschaut, heißt es nicht „Nancy, her die Bauernmieder von der letzten Maskerade!“?

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt..... - Susanne Langbein als Lady Harriet @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt….. – Susanne Langbein als Lady Harriet @ Rupert Larl

Es würde (leider) zu weit führen, alle liebevollen Details aufzulisten, die Regie, Bühnenbild (Andreas Becker) und Kostüme (Michael D. Zimmermann) zu bieten haben. Die Inszenierung lehnt sich immer wieder ans England der fünfziger und sechziger Jahre an, ohne aufdringlich zu werden. Der reiche Pächter Plumkett und sein Stiefbruder Lyonel tragen Tracht, der Richter eine Perücke. Die Verwicklungen nehmen ihren Lauf, als Harriet und Nancy sich bei Plumkett und Lyonel verdingen und, ohne es zu ahnen, einen rechtsgültigen Vertrag über ein ganzes Jahr abgeschlossen haben.

Musikalisch ist der Abend ein Hochgenuss, und auch hier sind es die vielen Details, die den Erfolg so vollkommen machen. Ein paar Beispiele: Plumkett wirbt um die Mägde mit den Worten „Und seid fleißig ihr und flink, soll euch sonntags Porter lohnen und zu Neujahr Plumpudding.“ Auf der ersten Silbe des Puddings wird ein langer Triller eingeflochten – brillant! Aus dem Orchester sticht im ersten Akt die Oboe ganz besonders hervor. Die Umbaupausen zwischen erstem und zweitem sowie drittem und viertem Akt füllt das Orchester mit Musik, die eigentlich nicht zur Partitur gehört; zumindest im ersten Teil handelt es sich um Teile der Ballettmusik, die Flotow ursprünglich komponiert hatte, bevor er aus dem Stoff eine ganze Oper machte. Eine Wiederentdeckung! Und in Innsbruck stehen Solisten zur Verfügung, die auch den Bravourstücken Glanz verleihen. Susanne Langbein verkörpert auch optisch perfekt die gelangweilte Adlige, und bei der „Letzten Rose“ haben weder sie noch die Regie Angst vor Kitsch: eine Gartenbank mit Rosenranken, die Sterne funkeln am Bühnenhimmel, leichter Bühnennebel, Harfen aus dem Graben – kein Wunder, dass Lyonel gar nicht anders kann, als sich zu verlieben. Als er sein „Ach so fromm“ singt, läuft Joshua Whitener zu Höchstform auf. In dieser Perfektion und Intonationssicherheit auch in den Höhen können da nur wenige Aufnahmen mithalten. Andreas Mattersbergers sonorer Bass verleiht dem Plumkett viel Körper, doch ist er gleichzeitig agil und durchaus charmant, so dass dieser Plumkett mit seiner leichten Neigung zu Bierflaschen am Ende völlig zu Recht seine Nancy bekommt, die von der mit Lust und vollem Körpereinsatz spielenden Camilla Lehmeier dargestellt wird.

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt ... - hier das Ensemble @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt … – hier das Ensemble @ Rupert Larl

Die Partitur Flotows ist ein Lehrstück, was Melodik, Instrumentierung und geschickten Aufbau angeht. Es wechseln Arien, Duette, Quartette, Ensembles, und jedes Mal ist etwas neu. Man hört die italienischen und französischen Einflüsse (Bellini, aber vor allem Boieldieu und Adolphe Adam), aus dem deutschen Bereich auch Weber und Lortzing. Als es kurz vor Schluss doch noch dramatisch wird, obwohl schon alles klar scheint, und Lyonel seine Harriet brüsk zurückweist, wird es kurz düster wie im Fliegenden Holländer.

Am Ende wird natürlich geheiratet; wie es dazu kommt, wird durch Puppen sehr rührend gezeigt. Der kurze Schlusschor hat etwas von einer Apotheose, und kurz vor dem Schlussakkord in G-Dur (Flotow hält sich meist an einfache Tonarten) platzt Tristan Mickleford herein, den wir schon fast vergessen hatten. – Auch er heiratet, nämlich eine Statistin, die zu Elgars „Pomp and Circumstance“-Marsch Nr. 1 (auch als „Land of Hope and Glory“ bekannt) huldvoll in die Menge winkt. Dieser Eingriff in die Partitur ist natürlich erheblich, szenisch bringt er einen enormen Effekt, musikalisch hingegen bleibt er problematisch. Das Orchester unter Seokwon Hong lässt mehrfach aufhorchen, so dass man nur bedauert, dass es immer wieder kleine Striche in den Ensembles gegeben hat. Auch im Libretto wurden Kleinigkeiten geändert. Warum muss man „Sie ist nicht klug“ statt „Sie ist so dumm“ singen, zumal es um Nachbars Polly geht, die nicht einmal anwesend ist?

„Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha“:  Man kann nur hoffen, dass bald wieder Donnerstag ist. Diese Produktion, die bei der Premiere lange und einhellig gefeiert wurde, muss man gesehen haben!

Martha oder der Markt zu Richmond am Tiroler Landestheater; weitere Vorstellungen am 4.4.; 6.4.; 8.4.; 19.4.; 20.4.; 22.4.;26.4.;  29.4.; 11.5.; 30.5.; 2.6.2018

—| IOCO Kritik Tiroler Landestheater |—

Innsbruck, Tiroler Landestheater, Sechs Schikaneder-Nominierungen, Adriana Lecouvreur – Charlie Chaplin – Cabaret, 27.06.2016

Tiroler Landestheater und Symphonieorchester Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck © Landestheater

Tiroler Landestheater Innsbruck © Landestheater

Sechs Schikaneder-Nominierungen für Tiroler Landestheater

Die Nominierungen für die 16 Kategorien des Österreichischen Musiktheaterpreis Goldener Schikaneder 2016 stehen fest. Das Tiroler Landestheater in Innsbruck ging dabei als Nominierungssieger hervor.

Die Innsbrucker Produktion Adriana Lecouvreur erhielt insgesamt vier Nominierungen: Karina Flores wurde für Adriana als Beste weibliche Hauptrolle nominiert, Susan Maclean für die Fürstin von Bouillon als Beste weibliche Nebenrolle. Bruno Klimek erhielt eine Nominierung für die Beste Regie und Chefdirigent Francesco Angelico für die Beste Musikalische Leitung von Adriana Lecouvreur.

Außerdem wurde als Beste Ballettproduktion Charlie Chaplin von Marie Stockhausen nominiert. In der Kategorie Musical erhielt Nina Proll, die am Tiroler Landestheater in Cabaret Sally Bowles verkörperte, eine Nominierung.

Die Preisverleihung findet am 27. Juni in im Wiener Ronacher statt

Pressemeldung Tiroler Landestheater257

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