Innsbruck, Tiroler Landestheater, Martha oder Der Markt zu Richmond, IOCO Kritik, 29.03.2018

Tiroler Landestheater @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater

Martha oder Der Markt zu Richmond  – Friedrich von Flotow

„Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha“

Von Julian Führer

Den Loriot-Sketch „Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha“ werden viele schon einmal gesehen haben; aber wer hat Martha gesehen? Diese Spieloper des 19. Jahrhunderts war von Anfang an ein Kassenschlager, ist in Aufführungsstatistiken bis in die 1960er, 1970er Jahre recht weit oben zu finden, heute ist Martha hingegen fast als Rarität anzusprechen. In Arienalben für Sopran findet man jedoch die „Letzte Rose“, und die Tenorarie „Ach so fromm, ach so traut“ (in der italienischen Fassung „M’appari“) ist immer noch ein Bravourstück. Doch was ist aus der Oper als solcher geworden?

Im Tiroler Landestheater Innsbruck, einem schönen Haus mit etwa 800 Plätzen, beweist man Mut bei der Spielplangestaltung – und dieser Mut zahlt sich aus! Tatsächlich eignet sich die Geschichte von einer gelangweilten Adligen Martha, die sich als Magd verkleidet und sich mit ihrer Vertraute auf einem Markt verdingt, eine Geschichte, in der man sich verkleidet und am Ende heiratet, vielleicht nicht zum Verhandeln großer Menschheitsprobleme – oder vielleicht doch? Die Regie von Anette Leistenschneider lässt immer wieder einen doppelten Boden erahnen, so sehr sie ansonsten am amüsanten Libretto und der brillant instrumentierten Partitur bleibt.

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt..... - Susanne Langbein als Lady Harriet und Joshua Whitener als Lyonel @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt….. – Susanne Langbein als Lady Harriet und Joshua Whitener als Lyonel @ Rupert Larl

Zur Ouvertüre, die Seokwon Hong mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck zunächst ruhig angehen lässt, sehen wir einen den ganzen Vorhang einnehmenden Union Jack: Wir sind in England. Wie so vieles dort ist auch die Fahne allerdings etwas in die Jahre gekommen, man sonnt sich in früherem Glanz, wenn sonst schon nicht immer die Sonne scheint… Vorhang auf: Lady Harriet Durham, Ehrenfräulein der Königin, langweilt sich, umgeben von Dienstmägden, mit ihrer Vertrauten Nancy. Da hilft auch kein überdimensionierter begehbarer Schrank mit natürlich viel zu vielen Kleidern! Nancy, etwas lebenspraktischer als ihre Herrin veranlagt, zeigt es mit einer kleinen geflügelten Puppe, die sie Harriet auf die Schultern setzt: Verlieben müsste sie sich, doch in wen? Da klopft bzw. hupt es: Lord Tristan Mickleford, der verliebte Vetter, im Schottenrock.

Nancy, her die Bauernmieder von der letzten Maskerade!“?

Aus dem englischen Regen kommt er ins Zimmer, spritzt noch aus Versehen die Damen mit dem Regenschirm nass (den er, wie eigentlich alles andere auch, nicht im Griff hat). Vorbeiziehende Mägde bringen Harriet auf eine Idee: als Mägde verkleiden und beim Markt mittun. Tristan bekommt eine Haube und protestiert, und Nancy und Harriet ziehen sich so an, wie sie sich wohl Mägde auf dem Markt vorstellen. Die dort tatsächlich auftretenden Mägde sehen zwar anders aus und die edlen Damen eher wie beim Karneval, aber hier wie auch sonst hat das Regieteam genau hingeschaut, heißt es nicht „Nancy, her die Bauernmieder von der letzten Maskerade!“?

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt..... - Susanne Langbein als Lady Harriet @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt….. – Susanne Langbein als Lady Harriet @ Rupert Larl

Es würde (leider) zu weit führen, alle liebevollen Details aufzulisten, die Regie, Bühnenbild (Andreas Becker) und Kostüme (Michael D. Zimmermann) zu bieten haben. Die Inszenierung lehnt sich immer wieder ans England der fünfziger und sechziger Jahre an, ohne aufdringlich zu werden. Der reiche Pächter Plumkett und sein Stiefbruder Lyonel tragen Tracht, der Richter eine Perücke. Die Verwicklungen nehmen ihren Lauf, als Harriet und Nancy sich bei Plumkett und Lyonel verdingen und, ohne es zu ahnen, einen rechtsgültigen Vertrag über ein ganzes Jahr abgeschlossen haben.

Musikalisch ist der Abend ein Hochgenuss, und auch hier sind es die vielen Details, die den Erfolg so vollkommen machen. Ein paar Beispiele: Plumkett wirbt um die Mägde mit den Worten „Und seid fleißig ihr und flink, soll euch sonntags Porter lohnen und zu Neujahr Plumpudding.“ Auf der ersten Silbe des Puddings wird ein langer Triller eingeflochten – brillant! Aus dem Orchester sticht im ersten Akt die Oboe ganz besonders hervor. Die Umbaupausen zwischen erstem und zweitem sowie drittem und viertem Akt füllt das Orchester mit Musik, die eigentlich nicht zur Partitur gehört; zumindest im ersten Teil handelt es sich um Teile der Ballettmusik, die Flotow ursprünglich komponiert hatte, bevor er aus dem Stoff eine ganze Oper machte. Eine Wiederentdeckung! Und in Innsbruck stehen Solisten zur Verfügung, die auch den Bravourstücken Glanz verleihen. Susanne Langbein verkörpert auch optisch perfekt die gelangweilte Adlige, und bei der „Letzten Rose“ haben weder sie noch die Regie Angst vor Kitsch: eine Gartenbank mit Rosenranken, die Sterne funkeln am Bühnenhimmel, leichter Bühnennebel, Harfen aus dem Graben – kein Wunder, dass Lyonel gar nicht anders kann, als sich zu verlieben. Als er sein „Ach so fromm“ singt, läuft Joshua Whitener zu Höchstform auf. In dieser Perfektion und Intonationssicherheit auch in den Höhen können da nur wenige Aufnahmen mithalten. Andreas Mattersbergers sonorer Bass verleiht dem Plumkett viel Körper, doch ist er gleichzeitig agil und durchaus charmant, so dass dieser Plumkett mit seiner leichten Neigung zu Bierflaschen am Ende völlig zu Recht seine Nancy bekommt, die von der mit Lust und vollem Körpereinsatz spielenden Camilla Lehmeier dargestellt wird.

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt ... - hier das Ensemble @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt … – hier das Ensemble @ Rupert Larl

Die Partitur Flotows ist ein Lehrstück, was Melodik, Instrumentierung und geschickten Aufbau angeht. Es wechseln Arien, Duette, Quartette, Ensembles, und jedes Mal ist etwas neu. Man hört die italienischen und französischen Einflüsse (Bellini, aber vor allem Boieldieu und Adolphe Adam), aus dem deutschen Bereich auch Weber und Lortzing. Als es kurz vor Schluss doch noch dramatisch wird, obwohl schon alles klar scheint, und Lyonel seine Harriet brüsk zurückweist, wird es kurz düster wie im Fliegenden Holländer.

Am Ende wird natürlich geheiratet; wie es dazu kommt, wird durch Puppen sehr rührend gezeigt. Der kurze Schlusschor hat etwas von einer Apotheose, und kurz vor dem Schlussakkord in G-Dur (Flotow hält sich meist an einfache Tonarten) platzt Tristan Mickleford herein, den wir schon fast vergessen hatten. – Auch er heiratet, nämlich eine Statistin, die zu Elgars „Pomp and Circumstance“-Marsch Nr. 1 (auch als „Land of Hope and Glory“ bekannt) huldvoll in die Menge winkt. Dieser Eingriff in die Partitur ist natürlich erheblich, szenisch bringt er einen enormen Effekt, musikalisch hingegen bleibt er problematisch. Das Orchester unter Seokwon Hong lässt mehrfach aufhorchen, so dass man nur bedauert, dass es immer wieder kleine Striche in den Ensembles gegeben hat. Auch im Libretto wurden Kleinigkeiten geändert. Warum muss man „Sie ist nicht klug“ statt „Sie ist so dumm“ singen, zumal es um Nachbars Polly geht, die nicht einmal anwesend ist?

„Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha“:  Man kann nur hoffen, dass bald wieder Donnerstag ist. Diese Produktion, die bei der Premiere lange und einhellig gefeiert wurde, muss man gesehen haben!

Martha oder der Markt zu Richmond am Tiroler Landestheater; weitere Vorstellungen am 4.4.; 6.4.; 8.4.; 19.4.; 20.4.; 22.4.;26.4.;  29.4.; 11.5.; 30.5.; 2.6.2018

Innsbruck, Tiroler Landestheater, Sechs Schikaneder-Nominierungen, Adriana Lecouvreur – Charlie Chaplin – Cabaret, 27.06.2016

Tiroler Landestheater und Symphonieorchester Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck © Landestheater

Tiroler Landestheater Innsbruck © Landestheater

Sechs Schikaneder-Nominierungen für Tiroler Landestheater

Die Nominierungen für die 16 Kategorien des Österreichischen Musiktheaterpreis Goldener Schikaneder 2016 stehen fest. Das Tiroler Landestheater in Innsbruck ging dabei als Nominierungssieger hervor.

Die Innsbrucker Produktion Adriana Lecouvreur erhielt insgesamt vier Nominierungen: Karina Flores wurde für Adriana als Beste weibliche Hauptrolle nominiert, Susan Maclean für die Fürstin von Bouillon als Beste weibliche Nebenrolle. Bruno Klimek erhielt eine Nominierung für die Beste Regie und Chefdirigent Francesco Angelico für die Beste Musikalische Leitung von Adriana Lecouvreur.

Außerdem wurde als Beste Ballettproduktion Charlie Chaplin von Marie Stockhausen nominiert. In der Kategorie Musical erhielt Nina Proll, die am Tiroler Landestheater in Cabaret Sally Bowles verkörperte, eine Nominierung.

Die Preisverleihung findet am 27. Juni in im Wiener Ronacher statt

Pressemeldung Tiroler Landestheater257

Innsbruck, Tiroler Landestheater, Erfolgreiche Spielzeit 2014/15 – Große Theaterpreise, IOCO Aktuell, 12.03.2016

Tiroler Landestheater und Symphonieorcheter Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck © Landestheater

Tiroler Landestheater Innsbruck © Landestheater

Theaterpreise – 190.000 Besucher – Hohe Auslastung

Innsbruck / TLT Großes Haus © Rupert Larl

Innsbruck / TLT Großes Haus © Rupert Larl

Die Geschichte des Tiroler Landestheater (TLT) in Innsbruck begann 1629: Erzherzog Leopold wandelte damals ein Ballhaus in ein Comedihaus um. 1654 erbaute der Erzherzog ein neues Hoftheater, das mehrfach sanierte, geschlossene, umgebaute heutige TLT. Das Tiroler Landestheater entwickelte sich mit großen Produktionen seither zu einem der bedeutendsten Theater im südlichen deutschen Sprachraum. Schauspiel, Oper, Operetten, Musical und Tanz werden im architektonisch bezaubernden Großen Haus (800 Plätze, Bild) und den Kammerspielen (250 Plätze) geboten.

Innsbruck / TLT Anna Karenina © Rupert Larl

Innsbruck / TLT Anna Karenina © Rupert Larl

Auslastung und Besucherzahlen sind weltweit zentrale Erfolgskriterien. 2014/15 war für das TLT, oder, formal korrekt, die Tiroler Landestheater- und Orchester GmbH, eine nach allen Maßstäben und Vergleichen sehr erfolgreiche Spielzeit. Im Großen Haus konnte eine Auslastung von 87,38 Prozent erzielt werden, in den Kammerspielen lag die Auslastung bei 95,32 Prozent. Die Konzerte des Orchesters im Congress waren zu 88,24 Prozent ausgelastet. Mit 189.985 Zuschauern kamen rund 7900 Besucher mehr als in der Vorjahresspielzeit. Auch die Einnahmen konnten nochmals deutlich gesteigert werden und erreichten einen Höchststand in der Geschichte des traditionsreichen Hauses. Bei den Abonnements wurde mit 8242 Abonnentinnen und Abonnenten ein Rekordwert für die laufende Saison ermittelt. Das Weihnachtsgeschäft entwickelte sich ebenfalls außerordentlich erfolgreich: nach 163 verkauften Theaterpaktl in der Vorsaison konnten heuer 370 dieser Kleinabonnements abgesetzt werden.

Innsbruck / TLT Intendant Johannes Reitmeier © Rupert Larl

Innsbruck / TLT Intendant Johannes Reitmeier © Rupert Larl

Auch in künstlerischer Hinsicht können sich Intendant Johannes Reitmeier und der neue Kaufmännische Direktor Dr. Markus Lutz über Erfolge freuen.

Mit dem Musiktheaterpreis Goldener Schikaneder wurde die Sopranistin Jennifer Maines für die beste weibliche Hauptrolle als Kundry in Richard Wagners Parsifal (Regie: Johannes Reitmeier) ausgezeichnet. Mit dem Nestroy für Anna Karenina (Regie: Susanne Schmelcher) ging einer der bedeutendsten Theaterpreise im deutschsprachigen Raum erstmals nach Tirol.

Die Theaterleitung freut sich gemeinsam mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über die anhaltend positive Entwicklung: „Wir sind sehr glücklich über das Interesse und die Treue unseres Publikums vor Ort bei gleichzeitiger überregionaler Anerkennung.”  IOCO / PMTLT / 09.03.2016

 

Innsbruck, Tiroler Landestheater, Premiere: DIE SACHE MAKROPULOS, 13.02.2016

Tiroler Landestheater und Symphonieorcheter Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck (c) Landestheater

Tiroler Landestheater Innsbruck (c) Landestheater

 DIE SACHE MAKROPULOS von Leos Janàcek

nach der gleichnamigen Komödie von Karel Capek
In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

PREMIERE am Samstag, 13. Februar 2016, 19.00 Uhr, Großes Haus, weitere  Vorstellungen:   März: 3. (19.30), 10. (19.30), 17. (19.30), April: 8. (19.30), 13. (19.30), 17. (19.00), 24. (19.00), 30. (19.00), Mai: 6. (19.30)

In einer Zeit, in der der Jugendwahn großgeschrieben wird und man mit Hilfe der Medizin Leben erheblich verlängern kann, ist Leos Janáceks Die Sache Makropulos wieder sehr aktuell. Denn die auf dem gleichnamigen Theaterstück des tschechischen Autors Karel Capek basierende Oper hinterfragt, ob ewiges Leben denn wirklich erstrebenswert ist. Im Mittelpunkt steht die Operndiva Emilia Marty. Dank eines Wundermittels ihres Vaters, eines Alchimisten, lebt sie bereits seit über 300 Jahren. Doch die Kraft der Arznei lässt nach, und Emilia beginnt zu altern. Die Rezeptur hat sie einst ihrem Geliebten Josef Prus anvertraut. Um das Dokument wiederzubekommen, geht sie absolut kaltblütig vor und verletzt die Gefühle vieler Menschen. Im Laufe ihres endlosen Daseins in ewiger Gleichheit ist Emilias Seele erkaltet. Am Ende stellt sie sich die Frage, ob sie solch ein Leben wirklich fortsetzen will.

Zwischen einer grotesken Komödie und einer tiefen persönlichen Tragödie bewegt sich Leos Janáceks Die Sache Makropulos. Der Komponist erweiterte seine realistische Tonsprache um expressionistische Züge, wodurch sie einen atmosphärisch dichten Charakter erhielt.

Umgesetzt wird das spannende Werk, das bisher noch nie am Tiroler Landestheater zu erleben war, von dem erfolgreichen Leitungsteam von Eugen d’Alberts Tiefland. Die Musikalische Leitung liegt in den Händen von Chefdirigent Francesco Angelico. Für eindringliche psychologische Charakterstudien sorgt der Regisseur Kurt Josef Schildknecht. Das Bühnenbild von Heinz Hauser führt in starke, surreale Räume, die mit Symbolen für die Reise durch das endlose Dasein spielen. Mit theatralischen, expressiven Kostümen unterstützt Gera Graf die Wesensarten der unterschiedlichen Figuren, die alle von der Aura der geheimnisvollen Emilia Marty in den Bann gezogen werden.

Musikalische Leitung Francesco Angelico, Regie Kurt Josef Schildknecht
Bühne Heinz Hauser, Kostüme Gera Graf

BESETZUNG:
Emilia Marty: Susanna von der Burg, Jaroslav Prus: Bernd Valentin
Janek, sein Sohn: Joshua Lindsay, Albert Gregor: Arnold Bezuyen
Hauk-Sendorf: Dale Albright, Dr. Kolenaty, Advokat: Andreas Mattersberger
Vítek, Kanzleivorsteher: Scott MacAllister, Krista, seine Tochter: Diana Selma Krauss
Kammerzofe Emilias: Brynne MacLeod, Maschinist: Stanislav Stambolov
Putzfrau: Saiko Kawano
Tiroler Symphonieorchester Innsbruck
Chor des TLT

Pressemeldung Tiroler Landestheater Innsbruck

 

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