Wien, Musikverein, Dr. Stephan Pauly, neuer Intendant lädt ein, IOCO Aktuell, 09.09.2020

Wiener Musikverein

Musikverein Wien © IOCO

Musikverein Wien © IOCO

Dr. Stephan Pauly – neuer Intendant des Musikverein lädt ein

Willkommen zur Saison 2020/21!

Wir freuen uns sehr, Sie wieder im Musikverein begrüßen zu dürfen! Wir starten unter ungewohnten Bedingungen, aber voll Elan und Leidenschaft – und mit einem Konzept, das Ihnen einen ungetrübten Musikgenuss ermöglicht.

Dr. Stephan Pauly – neuer Intendant des Wiener Musikvereins
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Unser besonderes Anliegen war und ist es, die geplanten Konzerte durchzuführen und auch die Abonnements aufrechtzuerhalten. Dies ist uns – mit einigen wenigen Programmanpassungen aufgrund der geänderten Voraussetzungen – gemeinsam mit unseren künstlerischen Partnern gelungen.

Die Höhepunkte im Musikverein 2020/21 – HIER!

Die Saison darf wie geplant mit zwei Orchestergastspielen beginnen: Die Sächsische Staatskapelle Dresden spielt zur Saisoneröffnung unter der Leitung ihres Ersten Gastdirigenten Myung-Whun Chung im Großen Musikvereinssaal Dvoráks Siebte Symphonie und Brahms’ Erstes Klavierkonzert mit Sir András Schiff am Soloinstrument. Ebenfalls anreisen können die Musikerinnen und Musiker des Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia aus Rom und ihr Chefdirigent Sir Antonio Pappano. Werke von Beethoven, Mendelssohn und Mozart sowie von Saint-Saëns und Bizet stehen auf den beiden Corona-bedingt geänderten Programmen. Weitere Höhepunkte finden Sie unter diesem Text.

Das Konzertleben im Musikverein blüht wieder auf. Freuen Sie sich auf die Musik. Für die Sicherheit sorgen wir.

—| Pressemeldung Musikverein Wien |—

Linz, Landestheater Linz, FIDELIO – TWICE TROUGHT THE HEART, 19.09.2020

September 3, 2020  
Veröffentlicht unter Landestheater Linz, Oper, Premieren, Pressemeldung


Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

FIDELIO  – LUDWIG VAN BEETHOVEN

TWICE TROUGHT THE HEART  –  DRAMATISCHE SZENE FÜR MEZZOSOPRAN UND 16 MUSIKER*INNEN VON MARK-ANTHONY TURNAGE

PREMIERE SA 19. SEPTEMBER 2020, 19.30 UHR

Opernpremiere Fidelio – Twice Trough the Heart am 19. September 2020 im Großen Saal des Musiktheaters, Inszenierung Herrmann Schneider, MUSIKALISCHE LEITUNG Markus Poschner

Zwei extrem unterschiedliche Frauenschicksale, die beide von Macht und Unterdrückung, aber auch von der Kraft der Utopie der Freiheit künden. Deshalb sollen beide Opern am Landestheater an einem Abend miteinander kombiniert werden. Und so kann man in Linz erleben, wie sich Beethovens Oper und Turnages „Dramatische Szene“ gegenseitig bespiegeln, befruchten und hinterfragen.

Regie führt Intendant Hermann Schneider, am Pult des Bruckner Orchesters steht Chefdirigent Markus Poschner.


FIDELIO

OPER IN ZWEI AKTEN VON LUDWIG VAN BEETHOVEN

Text von Josef Sonnleithner, Stephan von Breuning und Georg Friedrich Treitschke nach Jean-Nicolas Bouilly In deutscher Sprache mit Übertiteln

Landestheater Linz / Fidelio - Erica Eloff © Robert Josipovi?

Landestheater Linz / Fidelio – Erica Eloff © Robert Josipovi?


TWICE TROUGH THE HEART

DRAMATISCHE SZENE FÜR MEZZOSOPRAN UND 16 MUSIKER*INNEN VON MARK-ANTHONY TURNAGE

Text von Jackie Kay

In englischer Sprache mit deutschen Übertitel

Premiere Samstag, 19. September 2020, 19.30 Uhr
Großer Saal Musiktheater

Musikalische Leitung Markus Poschner
Inszenierung Hermann Schneider
Bühne, Kostüme und Video Falko Herold
Dramaturgie Anna Maria Jurisch
Chorleitung Elena Pierini
Leitung Extrachor Martin Zeller
Nachdirigat Ingmar Beck


FIDELIO

Don Fernando, Minister Martin Achrainer, Don Pizarro, Gouverneur eines Staatsgefängnisses Adam Kim, Florestan, ein Gefangener Marko Jentzsch / Matjaz Stopinšek, Leonore, seine Gemahlin unter dem Namen „Fidelio“ Erica Eloff, Rocco, Kerkermeister Dominik Nekel / Michael Wagner, Marzelline, seine Tochter Fenja Lukas / Theresa Grabner, Jaquino, Pförtner Mathias Frey, 1. Gefangener Jin-Hun Lee / Jang-Ik Byun, 2. Gefangener Yongcheol Kim / Ulf Bunde


TWICE TROUGH THE HEART
Mezzosopran Katherine Lerner

Chor des Landestheaters Linz, Extrachor des Landestheaters Linz, Bruckner Orchester Linz

Eine namentlich nicht bekannte Dame verkleidet sich um das Jahr 1792 im französischen Département Loire als Mann und verdingt sich als Gehilfe in dem Gefängnis, in dem ihr Ehemann von den Jakobinern eingekerkert wurde. Das Husarenstück gelingt: Die Frau kann ihren Gemahl befreien. Diese historisch dokumentierte Geschichte beeindruckte Ludwig van Beethoven so sehr, dass er sie zum Sujet seiner einzigen Oper erhob. Der erfolgreiche Kampf gegen die Tyrannei und für die Freiheit sowie die Kraft der Gattenliebe inspirierten den Komponisten dabei zu einer seiner kraftvollsten und emotionalsten Partituren.

Zweihundert Jahre nach der Tat der unbekannten Französin sitzt eine gewisse Amelia Rossiter in einem englischen Gefängnis. Sie hat ihren Mann erstochen und verliert trotz des harten Gerichtsurteils gegen sie zunächst kein Wort über die jahrelangen körperlichen und seelischen Misshandlungen durch ihren Gatten. Tief beeindruckt von diesem Schicksal verleihen Jackie Kay und Mark-Anthony Turnage in ihrer „Dramatischen Szene“ ebendieser Amelia Rossiter eine bewegende Stimme, die nicht nur eine schreiende Ungerechtigkeit, sondern auch die Abgründe der Liebe offenbart.

—| Pressemeldung Landestheater Linz |—

Graz, Schlossbergbühne Kasematten, Fidelio – „Namenlose Freude“ in berstender Musikalität, IOCO Kritik, 29.08.2020

Schloßbergbühne Kasematten

Schlossbrgbuehne Kasematten in Graz / Fidelio - hier : Dirigent Marcus Merkel, Grazer Philharmoniker und das Publikum © PhotoWerk

Schlossbrgbuehne Kasematten in Graz / Fidelio – hier : Dirigent Marcus Merkel, Grazer Philharmoniker und das Publikum © PhotoWerk

Fidelio –  Schlossbergbühne Kasematten – Graz

– „Namenlose Freude“  in berstender  Musikalität –

von Michael Stange

Mit Beethovens Fidelio fand in der Schlossbergbühne Kasematten von Graz eine der ersten österreichischen Opernproduktionen nach dem Corona-Lockdown statt. Die Grazer Kasematten sind neben Oper und Konzerthaus eine einzigartige Kulisse für Opernaufführungen. Ursprünglich Kellergewölbe des Schlosshauptmannshauses, Vorratslager und Gefängnis, dienen sie seit neunzig Jahren als Naturtheater.

 Österreichischer Corona-Musik-Lockdown endet in Graz mit FIDELIO

Die Widerbelebung der sommerlichen Opernaufführungen hat Kapellmeister Marcus Merkel und der von ihm gegründete Verein Junge Konzerte Graz initiiert. Insbesondere die Grazer Spielstätten und ihr Leiter Bernhard Rinner haben dies mit ihrem Engagement und ihrem Elan ermöglicht. Als Markus Merkel das Projekt Anfang des Jahres an Chor und Orchester herantrug verzichteten die beteiligten Musiker damals spontan sofort auf ihre Ferien und sagten ihre Mitwirkung zu. Zum Gelingen beigetragen haben ferner viele Sponsoren und unzählige Helfer, die sich mit großem Enthusiasmus in das Projekt warfen.

Schlossbergbühne Kasematten in Graz / Fidelio - hier : Dirigent Marcus Merkel, Ausstatterin Emma Hoffmann und Hausherr Bernhard Rinner © Martin Schönbauer

Schlossbergbühne Kasematten in Graz / Fidelio – hier : Dirigent Marcus Merkel, Ausstatterin Emma Hoffmann und Hausherr Bernhard Rinner © Martin Schönbauer

Den Beteiligten ist dafür zutiefst zu danken und der Erfolg war für alle Lohn und Glück zugleich. In den drei ausverkauften Aufführungen konnten Mitwirkende und über 2000 Menschen wieder eine der größten Opern der Musikgeschichte erleben. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie mit der aus infektiologischen Gründen erforderlichen Distanz, dem Abstandhalten und Vereinsamung, sind die Themen Liebe, Freiheit und Gemeinschaft des Fidelio ein brennendes Thema.

Das gewölbeartige Backsteintheater mit seiner Gefängnishistorie bot optisch und historisch eine ideale Kulisse für den halbkonzertanten Fidelio. Unter wetterfestem Dach führte Andrea Baquero (Ausstattung: Emma Hoffmann) Regie. Klug nutzte sie den knappen Bühnenraum aus. Die Beziehungen zwischen den Figuren wurden im 1 Akt durch geschickte Positionierung auf beiden Bühnenseiten dargestellt. Dies erläuterte Handlung und die Beziehungsgeflechte der Akteure. Leonore war ein kecker, aber zugleich zurückhaltender Junge mit weißem Hemd und Schiebermütze. Florestan liegt nach der Arie wie tot auf dem Boden. Leonore und Rocco finden ihn nach Durchschreiten des Zuschauerraumes. Die Auseinandersetzung zwischen Leonore und Pizarro wird mit brennender Wucht gespielt.

Beethoven lässt seine Oper Fidelio zunächst wie ein heiteres Singspiel über Liebe und Eifersucht zwischen jungen Leuten beginnen. Erst mit dem bedrohlichen Zwischenspiel und dem Auftritt Roccos wird klar, dass sich ein großes Drama mit ungewissem Ende ausrollt.

Diese Steigerung der Dramatik, die vielschichtigen Nuancen und Wendungen mit ihrer emotionalen Wucht und die Botschaften von Liebe, Freiheit und Gemeinschaft loteten alle Beteiligten mit großer Kunst aus. So entstanden musikalisch grandiose und herausragende Fidelio Vorstellungen, die zu den Besten gehörten, die seit langem geboten wurden. Alle Beteiligten waren mit immensem Feuer und einer Hingabe bei der Sache, dass man meinte, man höre das Werk zum ersten.

Graz Schlossbergbühne Kasematten/ Fidelio - hier : v.l. Barbara Krieger, Marcus Merkel, Bryn Terfel © PhotoWerk

Graz Schlossbergbühne Kasematten/ Fidelio – hier : v.l. Barbara Krieger, Marcus Merkel, Bryn Terfel © PhotoWerk

Barbara Krieger als Leonore nahm man schon optisch mit ihrer Schiebermütze und der sportlichen Gestalt ab, dass sie sich aus Liebe zu Florestan als Mann verkleidet, um als Diener des Kerkermeisters Rocco ihren Gatten zu suchen. Stimmlich entwickelte sie die Rolle im Sinne des Dramas. Leise und verhalten nahm sie das erste Duett mit Marzelline und das Quartett. Durch Pianotöne und sinnlich verhaltenes Singen gab sie bis zum Terzett einen Kundschafter, der neues Terrain erkunden und sich den ihr unbekannten übrigen Protagonisten mit Charme, Zurückhaltung aber auch Tatkraft bei der Arbeit annähert. In der Arie Abscheulicher, wo eilst Du hin“ entfaltete sie dann endgültig ihre gesamte vokale Pracht.

Den Beginn nahm Barbara Krieger mit ergreifenden dunklen Vokalen. „Komm Hoffnung..“ begann sie mit zartem Piano das ihren ganze Erwartung und Sehnsucht nach dem Wiedersehen mit Florestan stimmlich auszudrückte. Die anschließenden hohen Töne nahm sie völlig locker und flutete die Stimme mit so großen Elan, dass ihre Arie zu einer Glanzleistungen des 1.Aktes wurde. Im 2. Akt bot sie insbesondere bei „Halt, töt erst sein Weib…“ eine Wucht und Verve, die den stimmlich und körperlich hühnenhaften Pizarro und das Publikum erstarren ließen. In dieser Leonore hat Barbara Krieger ihre herausragenden stimmlichen Mittel und ihr beeindruckendes Gestaltungsvermögen erneut unter Beweis gestellt. Wie sie ihre Emotionen durch ihre Stimmfarben ausdrückte und ihre vokalen Reserven in den dramatischen Momenten machtvolle und locker zugleich entfaltete, war staunenswert. Ein Sopran der Extraklasse. Sie riss mit und ließ durch ihre Intensität häufig erschauern.

Bryn Terfel war ihr potenter Gegenspieler. Der walisische Bariton feierte in Graz sein Rollendebut. Die Bösartig und Grausamkeit Pizzaros füllte er mit Schauspielkunst und gesanglicher Verve aus. Stimmliche Intensität und machtvolle Tonfülle prädestinieren ihn neben seinen Wagnerrollen und dem Scarpia für den Pizarro. Sein Erschrecken über die Revision der Gefängnisse folgt bei Ha welch ein Augenblick…“ ein bebender vulkanischer Ausbruch. Eine Glanzleistung von intensiver Tiefe und Dramatik und ein eindrucksvolles Rollendebut.

Roberto Sacca war ein Florestan mit Tonfülle, Stimmkultur und Rollenidentifikation. Er bewies erneut, dass er einer der führenden europäischen Tenöre des lyrisch dramatischen Fachs ist. Die Arie „Gott welch Dunkel“ nahm er nach dramatischem Ausbruch mit dem Text folgender stimmlicher Modulation, und berückenden Pianotönen. Mit immenser Dramatik schwang er sich in ein brillant gesungenes himmlisches Reich auf. Ein Sänger von packender Wucht, der sich in seiner Karriere von Mozart bis in das dramatische Fach entwickelt und bis heute die Gesangskultur und das Timbre seiner Glanzzeit bewahrt hat.

Narine Yeghiyan war eine selbstbewusste ungemein farbenreiche, betörende Marzelline mit großen vokalen Reserven. Mit süßem, verführerischem Klang und großem Atem nahm sie ihre Arie und die Ensembles. In der Auseinandersetzung mit Jaquino durch mühellose dramatische Steigerungen wird deutlich, dass sie vom Leben einen Ehemann mit Saft und Kraft erwartet.

Graz Schlossbergbühne Kasematten/ Fidelio - hier: v.l. Bryn Terfel und Marcus Merkel © PhotoWerk

Graz Schlossbergbühne Kasematten/ Fidelio – hier: v.l. Bryn Terfel und Marcus Merkel © PhotoWerk

Peter Kellner hat mit dem Rocco eine seiner Glanzrollen gefunden. Sein tiefes Bassfundament, die strömende Mittellage und die federnde Höhe machen ihn zu einem der vielversprechendsten Bässe der nächsten Jahre und Jahrzehnte. Mit gesanglicher Brillanz, Spielfreude und immenser Musikalität lotete er die gemütlichen Seiten aber auch den Widerstand gegen Roccos Mordpläne vielschichtig aus. Seine Arie Hat man nicht auch Gold beineben….“ sprühte vor Charme und Witz. Man sah ihn vokal förmlich mit den Münzen jonglieren. Einst Ensemblemitglied der Grazer Oper ist der Dreißigjährige nun an der Wiener Staatsoper engagiert.

Neven Crnic als Minister war eine Luxusbesetzung. Der Sechsundzwanzigjährige verströmte seinen Heldenbariton mit einer Klangschönheit und Poesie, die heute selten zu hören ist. Die Stimme sitzt perfekt, er entfaltet eine unglaubliche Wärme in der Mittellage, die er mit strahlendem Gesang in der Höhe krönt.

Mario Lerchenberger war als Jaquino gleichfalls ein Ereignis. Mit warmem, lyrischem, edel klingendem Tenor – wie geschaffen für Mozart – gestaltet er als Jüngster im Ensemble seine Rolle mit großem Einsatz und Meisterschaft.

Neben den jungen Kräften sang Tenorlegende Reiner Goldberg, der in Graz 1980 in Kreneks Johnny spielt auf, debütierte einen beeindruckenden 1. Gefangenen. Stimmklang und Timbre erinnerten an seine großen Leistungen in Bayreuth und Salzburg. Er sang seine kurze Passage mit derart blühendem Tenor und strahlendem Ton, dass man nicht glaubte dass ein Achtzigjähriger auf der Bühne stand.

Die Mitglieder des Grazer Opernchores sangen klangschön mit Vielschichtigkeit und Leidenschaft. Mit Glut, sprühender Musikalität und überirdischem Spiel bestachen die Mitglieder der Grazer Philharmoniker.

Die treibende Kraft der Aufführung war Kapellmeister Marcus Merkel. Seine Klangvorstellungen, waren von übervoller Poesie und rhythmischer Präzision. Er vermittelte sie so überzeugend, dass trotz der Spielpause eine faszinierende Symbiose aller Musiker entstand. Sein Konzept war von einer fließenden, lyrischen Intensität und dramatischen Dichte geprägt. Innigen Momenten ließ er genug Raum, düstere Passagen präsentierte er in getragenem Tempo, um dann in dramatische Attacken ein atemberaubendes Tempo vorzulegen. Dies durchzog schon das Vorspiel, das so schon dort einen Ausblick auf die kommende Handlung und seine Lesart der Partitur gab. Mit diesem Ausloten und Auskosten der Partitur wurde Fidelio zu einem spannungsgeladenen Drama. Seine phänomenalen Musikalität und seine Fähigkeit sein Gespür für die dramatischen Entwicklungen auf alle Mitwirkenden zu übertragen, sucht seinesgleichen. Klangbild und Spannungsbögen rissen von ersten bis zur letzten Minute mit. Ein Ausnahmedirigent, der fesselte und begeisterte.

In Graz wurde in diesen drei Aufführungen gezeigt, dass und wie furioses Musiktheater geht und welche Begeisterungstürme es hervorruft. Hoffentlich war dies der Startschuss einer neuen Grazer Sommeroper mit vielen künftigen Auftritten aller Beteiligten.

Fidelio in der Grazer Kasematten; besuchte Vorstellung 23.8.2020

—| IOCO Kritik Schloßbergbühne Kasematten |—

Salzburg, Salzburger Festspiele 2020, Everywoman – Terrassen Talk, IOCO Aktuell, 23.08.2020

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Salzburger Festspiele

Salzburg / Domplatz - Jedermann © Tourismus Salzburg

Salzburg / Domplatz – Jedermann © Tourismus Salzburg

 EVERYWOMAN  – Ein Terrassen Talk – Helga Bedau, Milo Rau, Ursina Lardi

– „Kann es noch Erlösung geben?“ –

EVERYWOMAN
Du überfällst mich mitten im Leben
und willst mir nicht mal Aufschub geben?

TOD
Tja. Da hilft kein Heulen, auch hilft kein Beten:
Du musst deine Reise sofort antreten.

EVERYWOMAN
Das kann ich nicht, so ganz allein.
Im Übrigen: Das kann auch nicht sein.
Man braucht für diese Art Grenzüberschreitung
doch menschlich irgendwie Begleitung!

———————————–

Was bleibt, was zählt am Ende des Lebens? In Everywoman begegnet eine erfolgreiche Schauspielerin einer Frau mit der Diagnose einer tödlichen Krankheit, deren letzter Wunsch es ist, noch einmal in einem Theaterstück mitzuspielen. Ausgehend vom allegorischen Lehrstück Jedermann über das richtige Leben und die Erlösung im Glauben entsteht ein intimes Gespräch über das Vergangene und das Bevorstehende – über das Leben, den Tod, die Einsamkeit, die Gemeinschaft.

Salzburger Festspiele 2020 – Everywoman – hier mit Milo Rau und Ursina Lardi
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Zusammen ins Ungewisse gehen und darauf vertrauen, dass etwas entsteht, so beschreibt Regisseur und Autor Milo Rau die Zusammenarbeit mit Schauspielerin und Autorin Ursina Lardi. Die von den Salzburger Festspielen in Auftrag gegebene Uraufführung Everywoman ist die dritte gemeinsame Arbeit der beiden Künstler. „Wir sind beide nicht an Sicherheit interessiert“, sagt Ursina Lardi.Wir wollen wissen, wie weit wir gehen können und dazu gehört auch das Aushalten von Ratlosigkeit und falls es sein muss zu akzeptieren, dass man alles verwerfen muss und von vorne beginnt.“

Salzburger Festspiele 2020 – Programm

Salzburger Festspiele / Everywoman hier Regisseur Milo Rau © Bea Borgers

Salzburger Festspiele / Everywoman hier Regisseur Milo Rau © Bea Borgers

Genau so erging es ihnen bei der Erarbeitung von Everywoman. Ihre Recherchearbeit im Amazonasgebiet in Brasilien mussten sie im März wegen der Corona-Pandemie abbrechen. „Wir hatten zu diesem Zeitpunkt einfach nicht genügend Material“, sagt Milo Rau, der nicht auf der dunklen Probebühne Dinge erarbeiten möchte, sondern seine Stücke aus echten Begegnungen entwickelt. Die erste Idee einer künstlerischen Annäherung an Hugo von Hofmannsthals Jedermann (HIER link: Jedermann Terrassen Talk 2020 und   Jedermann Kritik von IOCO aus 2016) sei gewesen, die „Werke“ zu untersuchen und damit die Frage, auf was Menschen am Ende ihres Lebens zurückblicken und was sie zurückließen. Er sei selbst verwundert gewesen, dass die Idee, sich mit dem Tod und seiner Unüberwindbarkeit auseinander zu setzen, erst so spät gekommen sei, sagt Milo Rau. Es sei Glück und Zufall gewesen, dass die beiden bei weiteren Recherchen in Hospizzentren auf Helga Bedau getroffen sind, die im Stück durch Video-Einspielungen in eine Art Dialog innerhalb des Monologs von Schauspielerin Ursina Lardi tritt.

Salzburger Festspiele / Everywoman - hier : Hela Bedau und Ursina Lardi © SF / Armin Smailovic

Salzburger Festspiele / Everywoman – hier : Hela Bedau und Ursina Lardi © SF / Armin Smailovic

„Helga Bedau ist unglaublich offen und ehrlich“, sagt Ursina Lardi. Sie mache gerade eine Chemotherapie durch und habe alle Erfahrungen und Gedanken offen auf den Tisch gelegt. Gerade, so sagt die Schauspielerin, sei sie nur im Machen und habe noch keine Zeit für die Reflexion des Ganzen. „Ich habe noch keine Ahnung, was es mit mir macht, wenn ich jeden Abend mit Helga Bedau in Dialog trete, der es vielleicht währenddessen schlechter gehen wird oder die vielleicht gar nicht mehr unter uns sein wird“, sagt sie. „Ich bin unglaublich dankbar für ihr Geschenk an uns. Ich bin nicht allein auf der Bühne.“

In seinem 10 Punkte umfassenden Genter Manifest hat Milo Rau in einem der Punkte festgelegt, dass mindestens ein Laie zusammen mit den Schauspielern auf der Bühne stehen müsse. Die Begegnung zwischen Laie und Schauspieler sei für ihn so interessant, weil der Stücktext dadurch nicht aus dem Schrank gezogen werden könne. Er erarbeite den Text aus echten Gesprächen heraus, in diesem Falle mit Helga Bedau.

Wie macht man nun den Schritt von Jedermann zu Everywoman?, fragt Bettina Hering, die das Gespräch moderierte. „Der Jedermann bei Hofmannsthal ist ein außergewöhnlicher Mensch, der sich in der jetzigen Inszenierung sogar den Dom kaufen kann. Wir sehen ihn aus einer barocken Weltsicht heraus stürzen“, sagt Milo Rau. Hofmannsthal lasse Allegorien auftreten, denen man als Zuseher mit vorgefertigtem Wissen begegne. Helga Bedau allerdings sei eine Unwissende. „Genau wie wir“, sagt der Autor. „Wir scheitern alle an der Frage des Todes. Wir nutzen unsere Zeit oft für Schwachsinn. Und wenn das Todesglöckchen erklingt, versuchen wir schnell noch den Sinn des Todes zu verstehen“, sagt er. Er sei froh, dass er Zeit gehabt habe, diesen langen Recherche-Weg zu gehen und die Unwissenheit währenddessen aushalten zu müssen. Das entstandene Stück, so sagt er, komme der Erlösung gleich. „Ich bin selbst ein sehr weltlicher Mensch“, sagt Milo Rau. „Ich glaube nicht an Metaphysik, aber an Solidarität und Menschlichkeit. Mich interessiert die Frage, was wir zusammen im Leben sein können, so dass der Tod akzeptabel wird.“

Salzburger Festspiele / Everywoman - hier : Schlussapplaus © SF / Marco Borelli

Salzburger Festspiele / Everywoman – hier : Schlussapplaus © SF / Marco Borelli

„Beim Thema Tod vertreten wir verschiedene Positionen, die wir in unserem Stück versuchen miteinander zu verbinden“, sagt Ursina Lardi.Wir sterben ungetröstet! Ich leide darunter, mir fehlt der Glaube.“ Sie habe sich in ihrem Leben schon viel mit dem Tod beschäftigt und hoffe darauf, dass sich das Publikum beim Zusehen der eigenen Sterblichkeit bewusst werde, denn das Leben sei ein anderes, wenn man sich dessen bewusst sei. Mit dem Stück, so ergänzt Milo Rau, wolle er in diesen Raum vorstoßen, der auf absolute Weise leer sei. Es gebe keine Erkenntnisse über den Tod, jeder wisse zwar, dass er sterben müsse und dennoch verdränge man das Thema individuell und kulturell. Es gebe keine Erkenntnisse.

Bei dem Wort Frauenthema grusele sie sich, sagt Schauspielerin Ursina Lardi. Das im Titel eingeschriebene Feminismus-Thema wollten beide gar nicht erst aufnehmen. „Genau das ist Feminismus für mich“, sagt die Autorin und Schauspielerin. Es gehe nicht darum, dass sie allein auf der Bühne stehe. „Wir machen das zusammen. Fertig. – Wir sind nicht mehr in der Phase, in der man sagen kann: Jetzt sind auch mal die Frauen dran“, sagt sie. Es sei allerhöchste Zeit gewesen, dass der Jedermann als menschliches Thema behandelt werde, sagt Milo Rau. „Wir wollten gar nicht erst anfangen, daraus ein feministisches Manifest zu machen.“ Vielmehr solle es darum gehen, aus dem Theater der großen Geste ein intimes, persönliches Stück zu machen.

—| IOCO Aktuell Salzburger Festspiele |—

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