Paris, Opéra Comique, Ercole Amante – Pier Francesco Cavalli, IOCO Kritik, 13.11.2019

November 13, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Opera Comique

l´Opéra Comique Paris © Sabine Hartl, Olaf-Daniel Meyer

l´Opéra Comique Paris © Sabine Hartl, Olaf-Daniel Meyer

l´Opéra Comique Paris

Ercole Amante  –  Pier Francesco Cavalli

– spannende Polit-Show von Louis XIV – dem „Sonnenkönig“ –

von Peter M. Peters

Nach langen geheimen Verhandlungen zwischen Spanien und Frankreich durch den Kardinal Jules Mazarin (1602-1661) wurde die Hochzeit zwischen dem 22 jährigen König Louis XIV (1638-1715) und der Prinzessin Marie-Thérèse d`Autriche, Infante d`Espagne (1638-1683) im Jahre 1660 beschlossen. Die Hochzeit ist für den 7. Februar 1662 vorgesehen. Nach langem Zögern willigte der schon sehr berühmte venezianische Komponist Pier Francesco Cavalli (1602-1676) auf eine Einladung nach Paris von Mazarin ein, um eine Oper für den Ruhm und der Macht der glorreichen französischen Monarchie zu komponieren. Im Zentrum der Oper sollte natürlich der junge König als ruhmreicher Held heraus gehoben werden, sodass man auch ein prächtiges Ballet im französischen Geschmack integrierte, dass der Hofkomponist und Super-Intendant Jean-Baptiste Lully (1632-1687) komponierte. Louis war wohl selbst ein guter Tänzer und so stand er mitunter auf der Bühne und interpretierte die Rolle seines Lebens: den SONNENKÖNIG.

Ercole Amanti – Pier Cavalli
youtube Trailer Opéra Comique Paris
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Cavalli musste zu seinem Leide in Zusammenarbeit mit dem allgewaltigen und eifersüchtigen Intrigant Lully diese Prachtoper komponieren. Es wurde eine gewaltige pompöse Show mit reichen Dekorationen, Szenenverwandlungen im Sinne des französischen Absolutismus und natürlich des Zeitgeschmacks. Es war eine politische Propaganda- und Machtdemonstration wie wir sie wohl in unserer langen Menschheitsgeschichte genug gesehen haben. In gleicher Zeit wurde im Palais des Tuileries ein Saal von übergroßen Dimensionen mit einer Kapazität von mehr als 7000 Personen fassenden Raum von dem italienischen Architekt Carlo Vigarani (1637-1713) konstruiert. Die Premiere am 7. Februar 1662 war für Cavalli eine große Enttäuschung, denn in diesem gigantischen Saal war die Akustik unzureichend und der große Lärm der Bühnenmaschinen nicht zum Vorteil für seine Musik. Außerdem war das Publikum mit der italienischen Sprache nicht sehr vertraut, so dass am Ende nur die Ballettmusiken von seinem Erzfeind Lully bejubelt wurden. Der schon betagte und kränkelnde Komponist verließ sehr verärgert umgehend die französische Hauptstadt um die strapazierende Rückseite nach Venedig zu unternehmen. Er schwor sich damals nie mehr eine Oper zu komponieren, jedoch nach einigen Wochen vergaß er sein Gelübde.

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

Wie schon geschrieben, die Oper musste sich nach dem damaligen Geschmack des französischen Publikums anpassen: in fünf Akten und einem Prolog, mehrere „sinfonies“, einige „ensembles“  viele „chœurs“ und diverse „ballets“. Das Libretto von Francesco Buti (1604-1682) bedient sich der Rhetorik und dem Geschmack der Metapher des französischen Theaters. Auch der Inhalt des Werkes ist dem Zeitgeschmack angepasst, indem man sich von den Metamorphosen des Ovids inspiriert, die voll von Allegorien und Symbolen sind. Der junge König wird mit dem Halbgott Ercole verglichen. Der Vergleich eines starken Halbgottes und Verführers mit dem jungen König ist äußerst schmeichelhaft, jedoch auch eine Lektion über die Moral. Denn an diesem Zeitpunkt hegte er eine tiefe Leidenschaft für die Nichte des Kardinals Mazarin, Marie Mancini (1639-1715), die er jedoch aus Staatsräson aufgeben musste.

Trotz der Anpassung an den französischen Zeitgeschmack hat sich das Charakteristische der Musik- Sprache Cavallis erhalten, indem man Rezitative alternierend mit Deklamation und Passagen  „arioso“ im „stile concitato“ in Momenten der Verzweiflung findet. jedoch auch „Lamentos“  von starker emotioneller Kraft (z.B. das Lamento de Deianira : „Misera, ahimè, che ascolto“ und viele sehnsüchtige Liebesduette. Aber das Libretto lieferte auch viele Vorwände den großen Maschinenpark auf der Bühne zu nützen: bewegliche Staturen, entfesselte Meere, Abstieg zur Unterwelt, Erscheinung der Götter und Geister. Das alles in einer opulenten Bühnenlandschaft mit Palästen, Gärten und Grotten zum Träumen und viele anderen fantastischen Dingen. Dennoch ist der Ercole Amante für Jahrhunderte in Vergessenheit geraten und wurde erst in jüngster Zeit wieder entdeckt.

Dieses außergewöhnliche Werk ist ein idealer Repräsentant einer unermesslichen Prachtentfaltung und Herrlichkeit des XVIII. Jahrhunderts. Das einzige Manuskript das die Zeit überlebt hat ist konserviert in der Biblioteca Marciana in Venedig und enthält kostbare Präziosen der vielen „ritornelli“, der instrumentalen Original-Begleitungen, die erstaunlichen dynamischen Indikationen „„Toudoucement“, „Bien fort messieurs“). Somit hat Cavalli und der venezianische Stil entscheidenden Einfluss auf die spätere „tragédie lyrique française“  genommen und sein Rivale Lully profitierte besonders davon. Der Prolog ist eine Allegorie über die allmächtige Größe und Macht Frankreichs in dem die Sonne nie unter geht und die Götter selbst steigen herab um ihren Sohn Louis alias Sonnenkönig zu preisen. Man denkt unweigerlich an den Größenwahn und der Blindheit der Mächtigen dieser Welt. Denn knapp ein Jahrhundert später mit der Revolution ist der ganze Wahnsinnstraum wie vom Winde verweht. In der Oper selbst verfolgen wir die turbulenten Abendteuer des starken Ercole, der sich nicht scheut selbst die Götter heraus zu fordern, und symbolisch gesehen ist auch hier eine Parallele zwischen dem Halbgott und Louis zu sehen. Wie in allen barocken Operntexten folgen wir Szenen zwischen Tragik und Komik: Hass, Liebe, Wut, Rachsucht und vielen Tränen, jedoch am Ende folgt immer des Happy-End oder die Erlösung wie in diesem Fall.

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

Die Premiere am 4. November 2019 in der Opéra Comique Paris: Indem Valérie Lesort und Christian Hecq (Sociétaire der Comédie Francaise) in der Inszenierung die Maschinerie des XVII. Jahrhunderts respektiert und mit modernen Mitteln integriert, wird es ein wunderschönes und komisches vergleichendes Märchen. In über drei Stunden wird ein nie ausgehendes Feuerwerk mit einem derartigen kribbelnden Ideenreichtum das Publikum verzaubern. Im Laufe der vielen Szenenwechsel erscheinen Zauberblumen in denen Venus und ihre Gefährtinnen versteckt sind, um mit Schönheit und Liebeslist neue Opfer zu finden. Monster erinnern an den Film Shrek oder an die Welt der Alice im Wunderland. Juno steigt in einem vogelschwingenden Luftschiff zu den Sterblichen herunter. Eine Art Entenhelikopter fliegt mit Diane verführerisch im Weltall um jederzeit im Sturzflug zu erscheinen. Wilde orkanartige Meere aus dem Neptun in einem U-Boot à la Jules Verne erscheint. Bänke aus Hecken geschnitten werden monsterhaft lebendig um ihre Opfer zu umschließen. Palastsäulen werden gerade zu verrückt und purzeln durcheinander. Derartige schöpferische Kräfte und erfinderische Traumvisionen sieht man selten so ideal vereint und so ist es auch ein mehr als verdienter Triumph für das Inszenierungspaar.

Ercole Amanti – Raphael Pichon und sein Regie-Konzept
youtube Trailer Opéra Comique Paris
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Raphaël Pichon und sein Ensemble Pygmalion hat das fast vergessene Werk Cavallis wunderschön in all seiner Größe und Majestät zu neuem Leben erweckt indem er den Wert und den ganzen Reichtum dieser Partition aufzeigt. Besonders hebt er Cavallis Musik als Scharnier zwischen Renaissance und Barock hervor, um gewissermaßen eine Musikbrücke für die Zukunft zu sein. Dass sein Ensemble einschließlich Chor heute zu den Großen unter den Interpreten für alte Musik zählt brauchen wir wohl nicht betonen.

Die Solisten sind von der Titelrolle bis in die kleinste Nebenrolle äußerst gut besetzt sodass es ein Hörgenuss für jeden Musikfreund ist. Ercole wird von dem jungen brasilianischen Bass Nahuel Di Pierro interpretiert. Mit seinem tiefschwarzen Timbre ist er eine Idealbesetzung für diesen robusten und naiven Helden, der teilweise fast brutale Manieren zeigt, doch im Grunde immer der naive und sogar fast trottelhafte Junge bleibt. Man denkt unweigerlich an Rollen wie Papageno oder Osmin, denn Komik, Ironie und Lächerlichkeit sind nicht weit entfernt.

Für die Göttin der Götter Giunone (Juno) hat man die große gefeierte italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus mit Recht ausgewählt. Denn ihre weich fließende dunkle samtige Stimme erzielt wahre Wunder in der Interpretation dieser schwierigen und komplexen Rolle. Mit ihren unerschöpflichen Reserven zeigte sie in vielen Stimmfarben sentimentale Gefühle aber auch drohende Autorität und rasenden Zorn.

Die Prinzessin Deianira ist die verlassene Gattin unseres Helden Ercole, hier glaubwürdig von der italienischen Mezzosopranistin Giuseppina Bridelli gesungen und gespielt. Zwischen sehnsüchtigem Klagen, tränenreicher Verzweiflung und rasender Wut manipuliert sie alle Welt um am Ende die gewünschte Rache an Ercole zu erzielen. Die Iole der jungen italienischen Sopranistin Francesca Aspromonte atmet die ungeahnte liebesvolle Atmosphäre eines naiven jungen Mädchens. Ihr in allen Tonregistern glasklarer Sopran jubiliert mit Leichtigkeit über alle Hürden des Orchesters.

Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

Der Illo des polnischen *Tenors Krystian Adam steht ihr da ebenbürtig zur Seite um zusammen das unglückliche Liebespaar glaubwürdig zu machen. Mit seinem klaren flexiblen und leichten lyrischen Timbre war er der ideale Partner der Iole und ihre Stimmen verflochten sich in Schönheit und Einklang um die wunderschönen sehnsüchtigen Liebesduette zu meistern.

Die italienische Sopranistin Giulia Semenzato ist die Interpretin von Venere (Venus), Cinzia (Diane) und Bellezza (Schönheit) und sie schlüpft behände von einer Person zur Anderen um jedem die nötige und eigenständige Persönlichkeit zu verleihen und das in Stimme und Spiel. Der Italiener Lucca Tittoto verleiht seine imponierende Bassstimme an Nettuno um seine einzige Arie wütend und zornig umgeben von tobender Meeresgewalt meisterhaft zu schmettern.

Die beiden komischen Gestalten dieser Geschichte sind wie in fast allen venezianischen Opern und so auch in den Werken Cavallis und seines Lehrers Monteverdi szenisch integriert und interpretieren die Diener, Lakaien, Ammen, Hofnarren und die schlauen Ratgeber ihrer Herren. Sie scheinen der Comedia dell Arte entstiegen zu sein und in der Vergangenheit wurden sie ausschließlich von Kastraten gesungen, aber im Laufe der Zeit haben die Countertenor ihr Fach übernommen. Unsere Beiden nennen sich: Il Paggio und Licco. Der Erste ist der junge immer lächelnde Diener unseres Liebespaares (Iole und Illo) und in Harlekin-Manier findet er immer neue Anlässe seine Drolligkeit und Tölpelhaftigkeit unter Beweis zu stellen. Fabelhaft gesungen von dem amerikanischen Counter Ray Chenez mit einer klaren Sopranstimme die in allen Lagen natürlich klingt und nie in billigen Manierismus fällt. Licco ist schon ein alternder aber äußerst verschlagender Helfer seiner Herrin Deianira und der vor keinem Kunstgriff und Trick halt macht, um den starken Ercole für seine Herrin zur Strecke zu bringen. Eine Paraderolle für den französischen Counter Dominique Visse, der seine Aufgabe mit viel Witz und Ironie gestaltete. Seine nicht mehr sehr junge und teilweise kratzende Stimme hat er mit viel Intelligenz und Routine in Einsatz gebracht. Der Sänger war lange Zeit auf allen großen Bühnen der Welt zu Hause und schien abonniert zu sein für diese typischen Rollen.

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante hier Schlussapplaus © Peter Michael Peters

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante hier Schlussapplaus © Peter Michael Peters

Diese Produktion ist ein großes Ereignis und ein überwältigender Erfolg bei Presse und Publikum. Sie wird danach in der Opéra Royal in Versailles gezeigt und geht höchst wahrscheinlich auf eine größere Tournee. Die Opéra Comique (auch Salle Favart genannt) ist unter Louis XIV am 26.Dezember 1714 gegründet worden und hat sich im Herzen von Paris am Platz Boieldieu etabliert. Bestehend aus einer Wanderbühne, die auf Jahrmärkten und Straßenplätzen ihre Pantomimen und Parodien unter lautem Gelächter zeigte, war der Grundstock einer neuen Truppe gelegt. Das Theater musste mehrmals aus Geldmangel schließen, oder Umziehen wegen Rechtsstreitigkeiten. Auch brannte das Haus zweimal ab im Laufe seiner ruhmreichen Geschichte. Im Gegensatz zu ihrer großen Schwester, die Opéra National, war sie von Beginn an offen für neue Werke, so wurden u.a. mit großem Erfolg Opern von Adam, Auber, Bizet, David, Massenet, Gounod und Thomas bis hin zu Debussy hier zur Erstaufführung gebracht worden. Bis zum heute Tage hat sie diese Tradition behalten, indem jede Saison mindesten eine neue Oper das Licht der Welt erblickt. Das dritte und letzte Haus ist vom Architekten Louis Bernier erbaut und die Eröffnung war am 7.Dezember 1898. Das Theater hat kein permanentes Orchester und alle Produktionen werden mit ausgeliehenen Künstlern geschaffen, jedoch eine kleine Truppe von jungen Sängern ist hier zu Hause.

Ercole Amante, Opéra Comique Paris –  Besuchte Vorstellung 4. 11 2019

–| IOCO Kritik Opera Comique Paris |—

Paris, Théatre des Champs-Élysées, Der Freischütz – Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 29.10.2019

Théatre des Champs Élysées, Paris / der Besucherraum im Stil des Art-Déco © Hartl Meyer

Théatre des Champs Élysées, Paris / der Besucherraum im Stil des Art-Déco © Hartl Meyer

Théâtre des Champs-Élysées

 Der Freischütz – Carl Maria von Weber

– Romantischer Wegweiser der Moderne –

von Peter M. Peters

Trotz des überwältigen Erfolges der Uraufführung am 18. Juni 1821 am Königlichen Schauspielhaus Berlin sollte Der Freischütz von Carl Maria von Weber nicht nur als romantisch-phantastische Märchenoper gedeutet werden. Der grosse Erfolg begründet durch die sensationelle Aufnahme in die Spielpläne deutscher Opernhäuser, die bis dahin fast ausschliesslich italienische Werke aufführten. Im Zuge der nationalen Befreiungsbewegung und der Vereinigung aller deutschen Fürstentümer zu einem Reich, war ein identitätsstiftender deutscher Nationalstaat geboren, als Folge der vielen Kriege, Grenzverletzungen und Annexionen der großen starken Nachbarn, die seit Jahrhunderten die kleinen schwachen Kleinstaaten angriffen. Diese politischen Veränderungen fanden auch durch den Freischütz auch auf den Theaterbühnen ihren Widerklang.

Der Freischütz Carl Maria von Weber
youtube Trailer des Théatre des Champs-Élysées, Paris
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Der Freischütz, die romantische Oper mit dem Libretto von Friedrich Kind ist im damaligen deutschen Böhmen angesiedelt und erzählt von einer naiven Liebesgeschichte zwischen Max und Agathe, umgeben von einer Kleinbürgerwelt mit bigotter Gottesfurcht, Aberglauben und Obrigkeitsgehorsam. Wenn man ein wenig tiefer in das Werkmaterial eindringt, wird einem bewusst dass der Dreißigjährige Krieg gerade vorbei ist, das Land in totaler Verwüstung liegt und mehr als die Hälfte der Bevölkerung vernichtet wurde. Und somit sehen wir die Zerrüttung einer Gesellschaft nach dem Krieg, die Gemeinschaft und Ordnung nur in althergebrachten Ritualen behauptet: kleine und größere Alltagsekstasen mildern die Angst in einer Welt, die sich vom Alpdruck anhaltender Bedrohung nicht befreien kann.

Beispiele der Musiksprache des Freischütz                       

Die Romantik ist das zentrale Treibhaus der Moderne. Dort liegen mehr von deren Keimen und Tendenzen, als das radikalere 20. Jahrhundert vermuten lässt. Das gilt für den Aufbruch zurück in die Vergangenheit, den musikalischen Historismus, aber ebenso für das rasante Vorwärts, die Evolution von Harmonik und Klang. Mit der Romantik beginnt auch die musikalische Seelenmalerei. Im subtilen Kräftespiel von Text, Bühne und Musik wächst dem Orchester immer mehr eine semantische Dimension, eine redende und ausdeutende Rolle zu. Knapp nach der Erstaufführung der dritten und letzten Fassung von Beethovens Fidelio (1814), bricht Webers Freischütz, begonnen 1817 zunächst unter dem Titel Der Probeschuss, dann als die Jägersbraut, entgültig mit den Orchesternormen der Wiener Klassik. Dabei präsentiert sich das FreischützOrchester auf den ersten Blick nicht als ungewöhnlich. Doch jedoch das Instrumentarium der Wiener Klassik erhöht und verdoppelt sich ausreichend, sodass in großer Anzahl Blechbläser (Trompeten, Posaunen, usw.) sowie Pauken (Ouvertüre, Einleitung zum 3.Akt und Jägerchor), Flöten und Piccoloflöten ergänzt sind. Jetzt wird diese Besetzung zum Standard des romantischen Orchesters. Neue Ausdruckswelten findet Weber indem er den sehnsüchtigen Klang der Klarinette, den kecken Polonaisen-Tonfall der Oboe bei Ännchens Ariette verwendet: “ Kommt ein schlanker Bursch gegangen…“, um dann mit dumpfen Paukenschlägen das Klima abrupt zu ändern und das Unheimliche herauf zu beschwören.

Théatre des Champs `Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

Théatre des Champs Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

In der virtuosen Solopartie der Bratsche integriert sich die Romanze des Ännchen „Einst träumte meiner sel’gen Base…“ (3. Akt) und mit romantischer Ironie ist der Kettenhund Nero in Bratschentönen als Charakterinstrument verewigt. Schließlich malen sogar die geteilten Violinen con sordini (mit Dämpfer) im 2. Akt Agathes Arie: “ Leise, leise, fromme Weise…“ neue Stimmungsbilder. Wenn die Bassposaune das leidenschaftliche Liebesthema wie ein verzerrtes Echo nachäfft, dann hört man die erste Parodie von expressiver Wirkung in der Musikgeschichte. Nicht minder expressiv sind auch die Ritornelle der kreischende Piccoloflöte in Kaspars verzweifeltem und zugleich teuflischem Trinklied: „Hier im ird’schen Jammertal…“ (1. Akt).

Mit der Entdeckung des Horns als Naturstimme, als Träger von Waldstimmung und Jagdidylle (Anfang der Ouvertüre und Jägerchor / 3. Akt) manifestiert sich im innig-beseelten Naturgefühl ein wesentliches Thema der Romantik und zugleich ein musikalischer Wandel. Höhepunkt dieser neuen Orchestersprache ist zweifellos die berühmte Szene in der Wolfsschlucht, das Finale des 2. Aktes. Sie ist gleichzeitig der Schlüssel zur Musiksprache des Freischütz. Dort malen Violinen, Bratschen, Violoncelli und Kontrabässe zusammen mit den Klarinetten in ihren tiefsten Registern das Unheimliche. Für den fis-Moll-Akkord im Pianissimo erfindet Weber, mit Posaunen und zwei tiefen Klarinetten, zusammen mit dunklen Violinen und Bratschentremolo, eine bisher unbekannte Klangkombination. In der Szene nach der Gespenstererscheinung Agathes, wo Kaspar den Guss der Freikugeln vorbereitet, werden die Soloflöten bis hinunter an die untersten Grenzen ihres Tonvorrates geführt.

Das Resultat ist eine hohle unheimliche Klangwirkung. Ein ähnlicher Effekt wird mit den tiefsten Tönen der Hörner in D zusammen mi der Pauke erzielt, wie bei der Einleitung zu Kaspars großer Arie: „Schweig! Schweig! damit dich niemand warnt…“ Die Emanzipation der Klangfarbe als Eigenwert und die Nutzung klanglicher Nebenregionen dient zur Zeichnung neuer Ausdruckswelten. Gleichzeitig bahnt sie den Weg zu einer neuen Ästhetik, die sich nicht scheut vor Schauder des Ungewöhnlichen und Abseitigen. Die Legitimation des Hässlichen ist eine Tendenz, die in der Moderne virtuose Dimensionen erreicht. Weber erschafft in seinem Freischütz ein neues Opernorchester mit neuer instrumentaler Ausdruckssprache. Sie beschwört die Idylle und gleichzeitig deren dunkles Gegenbild, Abgründiges und Naives, Affekt und Effekt. So jongliert er zwischen romantischem Ton und der gleichnamigen Ironie über den Abgründen eines Ausdruckspotentials, das erst die Musikgeschichte ganz entfesselt. Richard Wagner wusste genau, was er Weber verdankte; nicht umsonst kümmerte er sich persönlich darum, die Überreste von London nach Dresden zu transportieren und erneut dort zu begraben.

Théatre des Champs `Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

Théatre des Champs Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

 21. 10. 201919 – Théâtre des Champs-Élysées, TCE, Paris

Der Freischütz hatte nach triumphaler Premiere in Berlin den Siegeszug um die Welt gemacht;  in Frankreich jedoch ist es bis heute nicht wirklich etabliert. Der Freischütz hat in Frankreich starke Veränderungen und Adaptationen erhalten; noch heute sieht man das Werk teilweise vergewaltigt auf der Bühne. Wir sahen es hier in Paris schon mehrere Male in sehr unglücklichen Produktionen: 1. Die gesprochenen Dialoge auf Französisch – Arien und Duette und andere Szenen auf Deutsch. 2. Oder sogar die Dialoge von einer Off-Stimme auf  Französisch gesprochen. 3. Am 7. Juni 1841 brachte man das Werk in einer völligen französischen Version heraus, indem sogar die gesprochenen Dialoge als Rezitative komponiert wurden – und von keinem Anderen als dem von uns hoch geachteten Hector Berlioz. Wir wissen dass Berlioz Komponisten wie Weber und Mendelssohn sehr verehrte; aber hier hat er leider keine überzeugende Arbeit geleistet, denn die Pariser Premiere zeigte ein sogenanntes verfranzösischtes Werk. Diese Version wird noch teilweise an Bühnen gespielt; jedoch hätte Berlioz wissen müssen, dass die Melodiensprache Webers überhaupt keine Verbindung und Harmonie mit der französischen Sprache findet, dazu noch die „exotischen“ komponierten Rezitative.

Die erste totale deutsche Version sahen wir im TCE und es ist wohl der Verdienst der französischen Dirigenten Laurence Equilbey, die mit Ihrem Insula Orchestra und dem Chor Accentus diese trotz einiger Schwächen ehrbare Produktion hervor brachte. Das Orchester spielte auf historischen Instrumenten, die für unser Hörgefühl nicht immer einfach sind; dazu die technischen Probleme der Bläser, die nicht immer den gewohnten runden Klang hervorbringen. Auch setzte sie bewusst auf eine düstere klemmende Interpretationslinie und nicht auf eine böhmische Jahrmarkts-Atmosphäre. Da ging sie Hand in Hand mit der Regieführung, dem jungen Team Cie 14.20: Clément Debailleul, Raphaël Navarro und Valentine Losseau.

Théatre des Champs `Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

Théatre des Champs Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

Das Team setzte alles auf eine Stimmung die zwischen Schwarz-und Grautönen, dazu mit raffinierten Lichteffekten, Videoeinblendungen und virtueller Kunst pendelt. Die fast völlig leere Bühne vermittelt einen düsteren dunklen Wald in Zwielicht und Dämmerung versunken, indem das Echo eine unheimliche Vibration herbei ruft und man ahnt die versteckten spirituellen Kräfte der Natur. Samiel, die Inkarnation des Bösen, ist von einem Tänzer (Clément Dazin) überzeugend interpretiert, der indem er mit akrobatischen schwerelosen Bewegungen unscheinbar über die Szene eilt. Er ist gewissermaßen gleichzeitig das Seelenschwarze eines jeden Menschen, ein verführender Geist, der um die Menschen schwirrt und gaukelt um sie in den Abgrund zu führen. Allgegenwärtig sind die Gewehrkugeln als Symbol des Todes, indem sie schwerelos und leuchtend in der Atmosphäre wie kleine verführerische Elfen und Irrlichter flattern und bisweilen jongliert Samiel mit ihnen um sie geschickt auf ein neues Opfer zu zielen. Man denkt unweigerlich an Goethe, Schlegel, Tieck, Hoffmann, Novalis und Caspar David Friedrich und das typische der deutschen Romantik wird sichtbar und klar. Wir meinen dass die Inszenierung verhältnismäßig gelungen ist und einen guten Eindruck hinterlässt, indem sie jeden billigen Folklore-und Jahrmarktseffekt vermeidet und sich auf die menschliche und psychologische Seite beschränkt. Einzige Einwendung und Kritik an das Produktionsteam: ein wenig mehr Personenführung und Bewegung hätte der Inszenierung nicht geschadet. Das Statische erinnert an ein Oratorium jedoch sollte es doch eine Oper bleiben.

Stanislas de Barbeyrac, der junge französische Tenor (Max), hat alle Qualitäten für diese schwierige Rolle: Feinheit und Eleganz mit einem kristallenen jugendlichen, frischen Klang. Aber auch eine kräftige Stimme mit tiefer baritonaler Lage, die mit Leichtigkeit über das Orchester schwebt. Seine große Arie im zweiten Akt: „Durch die Wälder, durch die Auen..“ wird mit großer Bravour interpretiert ohne in Billigkeit abzurutschen.

Die südafrikanische Sopranistin Johanni van Oostrum (Agathe) hat eine Stimme mit einem vollen runden warmen Klang und die mit zärtlicher herzergreifender Wärme ihre große Arie: „Leise, leise stille Weise…“ im fließendem Legato vorträgt. Man fühlt ihr Leiden und Sehnen, ihre inneren Ängste und Qualen vor der ungewissen Zukunft.

Die Rolle des Ännchen gesungen von der schweizer Sopranistin Chiara Skerath wird oft herablassend als Soubrette hingestellt. Aber sie ist viel mehr als dass; sie braucht einen jugendlich-lyrischen Sopran, der äußerst flexible und lebhaft ist und in allen Mittellagen Schönheit zeigt. Außerdem hat sie eine wichtige tragende Rolle im Freischütz. Komponist und Librettist haben ihr den sogenannten Gegenpol der Agathe zugeschrieben, indem sie mit viel Ironie über Aberglauben, Obrigkeitsgehorsam und bigotter Frömmigkeit spottet. Man höre nur ihre beiden großen Arien:“Kommt ein schlanker Bursch gegangen … „und „Einst träumte meiner sel’gen Base….“

Théatre des Champs Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

Théatre des Champs Élysées / Der Freischütz © Vincent Pontet

Vladimir Baykov, der russische Bass-Bariton, brachte mit bewusst unsauberer Intonation eine geniale Rollendeutung des skrupellosen und diabolischen Kaspar. Seine großen Arien: „Hier im ird’schen Jammertal…“ und „Schweig, schweig, damit dich Niemand warnt…“ zeigen die ganze Bandbreite einer verlorenen Menschlichkeit, die mit tiefem dunklen Legato sich offenbarte. Leider ist seine Diktion mehr als mittelmäßig.

Kuno, der Erbförster, wird von dem deutschen Bass Thorsten Grümbel gesungen, der mit seiner geschmeidigen und agilen Stimme das Gutherzige und Naive seiner Gestalt ideal profiliert. Gleichzeitig erahnt man den liebenden Vater, der jedoch noch in althergebrachten Konventionen lebt und handelt. Eine dankbare Rolle für einen deutschen Spielbass, indem auch der Humor nicht vergessen wird.

Fürst Ottokar, der das Modell einer regierenden Oberschicht darstellt, die keinerlei Widersprüche erlaubt, wird von dem österreichischen Kavaliersbariton Daniel Schmutzhard mit Eleganz und Schönheit glaubwürdig und mit viel Autorität vorgetragen.

Der deutsche Bariton Christian Immler übernimmt die dankbare Rolle des weisen frommen Eremit, indem er in flutender sanfter Weise die edlen Klänge seiner Stimmkunst zeigt. Man erahnt den großen Liedinterpreten.

Der heimlich in Ännchen verliebte Kilian wird mit jugendlicher Baritonstimme von dem Franzosen Anas Séguin mit Begeisterung geschmettert und seine einzige Arie im ersten Akt: „Schau der Herr mich an als König…“ wird zu einem kleinen Juwel der Verführungskunst.

Mit einigen schon erwähnten Abstrichen war es wohl eine gelungene Produktion mit dem Verdienst neue Wege in der Opernregie und besonders in der Freischütz-Kultur einzugehen.

Das –  Théatre des Champs-Élysées  –  Paris

Das Théatre des Champs-Élysées, auch TCE, ist ein Theater ohne Sängertruppe, Chor und Orchester; die jährlichen szenischen Produktionen sind grundsätzlich mit einem auswärtigen Team erarbeitet. Außerdem werden jede Saison Opern in Konzertversion mit teilweise bekannten internationalen Künstlern aufgeführt. Viele Klavier-und Liederabende, Kammermusik usw. sind hier auf höchstem internationalem Niveau zu hören. Viele Konzerte mit teilweise ausländischen Orchestern sind hier zu Gast, desgleichen berühmte Tanztruppen mit klassischem und modernem Stil.

Das Theater im Stil Art-Déco ist von Auguste Perret und Henry Van de Velde errichtet worden, die Marmorreliefs an der Außenfassade, desgleichen die Goldreliefs im Foyer und Saal hat Antoine Bourdelle gestaltet. Die berühmte Kuppelmalerei im Saal hat der Maler Maurice Denis ausgeführt, indem er eine Allegorie über die Musik schuf. Das TCE wurde am 2. April 1913 eröffnet und hat sich zu einem Musentempel für die zeitgenössische Musik und dem modernen Tanz entwickelt. In diesem Haus wurde u.a. das skandalumwitterte Le Sacre du Printemps von Igor Stravinsky uraufgeführt.

—| IOCO Kritik Théatre des Champs Élysées |—

Paris, Philharmonie de Paris, Parsifal – Richard Wagner, IOCO Kritik, 01.10.2019

Philharmonie de Paris © Beaucardet / Philharmonie de Paris

Philharmonie de Paris © Beaucardet / Philharmonie de Paris

Philharmonie de Paris

PARSIFAL konzertant – Mariinski-Theater St. Petersburg

von Peter M. Peters

Noch vor dem Jahre 1845 geisterte der Parsifal – Mythus in Richard Wagners Kopf um langsam zu einem Bühnenwerk zu reifen. Wie immer entborgte sich der Komponist aus verschiedenen Quellen die nötigen Namen, Geschichten und Fakten, um sie umzuformen für seinen Operntext: Perceval ou le Conte du Graal (unvollendet) von dem französischen Minnesänger Chrétien de Troyes (1130-1191), diese wurde vom deutschen Minnesänger Wolfram von Eschenbach (1170-1220) vollendet und für sein Gedicht Parzifal verwendet, nicht zu vergessen das Werk des Robert de Borron (ende 12. bis Mitte des 13.Jahrhundert), desgleichen die Schriften Schopenhauers und auch buddhistische und hinduistische Texte.

„ZUM RAUM WIRD HIER DIE ZEIT“

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Eine der bevorzugten Lektüre in der Entstehungszeit war Essai sur l’inégalité des races humaines von dem französischen Graf Arthur de Gobineau (1816-1882) mit dem er auch persönlichen Kontakt hatte. Besonders in seinen Schriften und Korrespondenzen zeigte Wagner einen ausgeprägten Antisemitismus; das zu Verschweigen wäre unverantwortlich und würde dem dennoch genialen Werke nicht zum Vorteil sein. Schon in seinen revolutionären Jahren in Dresden veröffentlichte Wagner unter einem Pseudonym die Schrift  Das Judenthum in der Musik (1850); um diesen Text noch einmal 1869 unter seinem Namen neu zu editieren, indem u.a. der unheilvolle Satz stand: „Aber bedenkt, dass nur eines eure Erlösung von dem auf Euch lastenden Fluch sein kann; die Erlösung Ahasvers – der Untergang“. Fast in allen Werken Wagners so auch in seinem Bühnenweihefestspiel befindet sich eine versteckte nationalistische und antisemitische Symbolik; falsch interpretiert wird es Propaganda des Unheils. Mit der humorvollen Sprache eines Woody Allen: Wenn ich Wagnermusik höre, will ich in Polen einmarschieren“. Man kann es nicht besser ausdrücken um diesem Werk gerecht zu werden. Er war unbewusst der Prophet des Unterganges, der Wegbereiter der Nürnberger Rassengesetze, der Botschafter der Shoah…

Der erste Parsifal-Dirigent Hermann Levi war jüdischen Glaubens; Wagner gefiel das  nicht und so drängte er Levi mehrmals seine Religion abzulegen. Jedoch Levi reagierte  nicht darauf! Viele große Wagner-Dirigenten jüdischen Glaubens folgten nach Levi:  Bruno Walter, Erich Leinsdorf, James Levine, Daniel Barenboim, Semyon Bychkov, Kirill Petrenko…

Übersicht der musikalischen Motive: Akt / Vorspiel: Die musikalischen Wurzeln sind konstruiert aus drei fundamentalen Motiven (Abendmahl, Gral, Glauben); die innerhalb des Werkes diverse Transformationen erhalten. Zusätzlich wird im Glaubens-Motiv das Dresdner Amen (Johann Gottlieb Naumann / 1741-1801) integriert um eine Art christliche Meditation zu entfalten. Das Vorspiel ist durchdrungen von einer seltsamen und fremdartigen Andachts-Atmosphäre: schmerzlich und ekstatisch.

Extrem langsame Tempi und große Pausenstille verbunden mit raffiniert vermischten Orchestertönen wirken hypnotisierend;. Musik der Transformation: Um die Metamorphose von Zeit und Raum quasi bildlich zu verdeutlichen, bedient sich Wagner einer großartigen und visionären Musik, die von einem unheilvollen dunklen Marsch begleitet wird. Dieser endet mit Glockenklängen, deren Resonanz den ganzen Raum überfüllen. Amfortas Monolog: Die Klage des versündigten und schwer leidenden Königs, der auf Erlösung wartet, ist in seiner konvulsiven Zerrissenheit eine außergewöhnliche Arie im Belkantostil und ist vielleicht eines der Höhepunkte des Werkes. Akt: „Ich sah das Kind“ ist die große Bravourszene der Kundry, indem ihr Gesang einmal männerverführend wirkt; jedoch ein anderes Mal ein streichelndes Wiegenlied imitiert, hat sie die schwache sensible Seite unseres Helden berührt.

Philharmonie de Paris / Konzerrtsaal © Beaucardet / Philharmonie de Paris

Philharmonie de Paris / Konzerrtsaal © Beaucardet / Philharmonie de Paris

Die totale Fusion zwischen weiblicher und mütterlicher Liebe ist entdeckt; Wagner war nie so nahe an der heutigen Psychoanalyse.“Amfortas! Die Wunde“. Das längste Solo von Parsifal ist in den Registern des heroischen Gesangs, sein herzzerreißender Schrei ist die Erkenntnis von Sünde und Schmerz. Akt / Vorspiel: Seltenes Beispiel einer Musik ohne Ausweg und ohne Ende; trotz diverser Versuche die Dissonanzen erreichen keine Harmonie, jedes Fortschreiten kommt zum abrupten Halt und fällt erbärmlich ins Ungewisse. Ein musikalisches Beispiel von großer Modernität und genialer Verzweiflung: die atonale Musik des Jahrhundert wird hörbar und angekündigt. Karfreitagszauber: Dieses berühmte Fragment wird oft in Konzerten gespielt und man kann mit dem Wort des Gurnemanz „So ward es uns verhießen“ beginnen und die Taufe Kundrys von Parsifal einleiten. Indem die Natur erwacht und dem Menschen Vergebung zuteil wird, steigt der Orchesterton in ungeahnte lichte und transparente Höhen und wird begleitet von dem Gesang einer Oboe. Wahrscheinlich die schönste und glücklichste Musik die Wagner je komponierte.

 Philharmonie de Paris: Parsifal – konzertant

Das Theater Mariinsky in St. Petersburg wurde unter der Herrschaft der Zarin, Katherina II erbaut. Der italienische Architekt Antonio Rinaldi konstruierte, (1775-1783) das Theater Bolschoi Kamenny (großes Theater aus Stein); das mit großem Pomp am 5.Oktober 1783 Giovanni Paisiellos (1740-1816) Oper Il mondo della luna eröffnet. Der Spielplan waren die großen Opern der Epoche: Gluck, Mozart, Weber, Rossini, Bellini, u.a. Das Gebäude erhielt im Laufe der Zeit mehrere Umbauten, Ergänzungen und Neubauten. Auch zwangsläufige Namensänderungen des Hauses aus politischen Gründen sind erfolgt. Ein großer wichtiger Schritt in der Geschichte des Theaters erfolgte ab 1980 mit den neuen Inszenierungen der Opern Eugen Onegin und Pique Dame von Yuri Temirkanov.

Ab 1988 wird Valery Gergiev permanenter Dirigent und ab 1996 musikalischer Direktor des Hauses. Am 16. Januar 1992 findet das Opernhaus wieder seinen historischen Namen, ein Konzertsaal wird eröffnet (2006) und im Jahre 2013 erblickt das Mariinsky II die Welt. Das Mariinsky begeistert seit einigen Jahren die Pariser Musikfreunde, indem es jedes Jahr in der Philharmonie Opern in Konzertversion darbietet u.a. in den letzten zwei Jahren den kompletten Ring. Das Mariinsky Orchester ist die älteste musikalische Institution in Russland und wurde von den größten Musikern geleitet, u.a. Berlioz, Mahler, Wagner, Bülow, Tschaikowsky, Rachmaninov und Nikisch. In der turbulenten schwierigen Zeit des Bolschewismus konnte das Orchester sein hohes Niveau halten; dank einiger bemerkenswerten Dirigenten: Vladimir Dranischnikov, Ariy Pazovsky, Evgeny Mravinsky, Konstantin Simeonov und Yuri Temirkanov. Mit der Ernennung von Valery Gergiev hat sich das Orchester geöffnet; somit wird das Repertoire reicher und viele neue Werke werden gespielt: Beethoven, Mahler, Prokofiev, Schostakowitsch, Tichtchenko, Stravinski, Messiaen, Dutilleux, Henze, Chtchdrine, Gubaidulina, Kontcheli und Karetnikov.

Mit der heutigen Konzertversion des Parsifal hat das Orchester und sein Direktor sich übertroffen und man kann sagen; ein Wunder, eine Verzauberung ist entstanden. Das Publikum in der großen Philharmonie war praktisch versteinert und es war „mausestill“! Schon die ersten Töne versprachen alles: die einzelnen Leitmotive wurden mit einer intensiven Ballung interpretiert; doch gleichzeitig untereinander verschichtet, verschlungen und gleich einer Schicksalsschlange windeten sie sich über den Orchesterraum, jedoch ohne Einheit und Balance zu verlieren. Diese Intensität hielt sich bis zum Ende der Oper. Eine solche geniale Wagnerinterpretation kann seinesgleichen suchen und das Gleiche gilt für den Chor des Mariinsky und die Solisten des Theaters.

Richard Wagner_ Garibaldiplatz Venedig © IOCO

Richard Wagner_ Garibaldiplatz Venedig © IOCO

Wie wir wissen, in den letzten Jahren haben die russischen Sänger Veränderungen durchlebt indem sich ihre Interpretationen dem internationale Niveau anglichen; in Gesangsstil, Diktion, Aussprache. Der Interpret des Gurnemanz, der Bass Yuri Vorobiev, war mit seiner runden und vollen samtweichen Stimme die ideale Rollenbesetzung. Als weiser Hüter der Rittergemeinschaft ist er in seiner Güte der noch lebendige und nie ermüdende Erzähler der Vergangenheit. Ausdauer und viel Kraft ist erforderlich um diese Rolle zwischen Sprech- und Schöngesang über zwei enorm lange Akte (Akt 1 & 3) durch zuhalten. Eigenartiger Weise hat Wagner für Gurnemanz kein Leitmotiv vorgesehen, obwohl es die wichtigste Person in der Handlung ist. Am wenigsten hat die Titelrolle des Parsifal (Mikhaïl Vekua) zu singen; dennoch ist es eine schwierige Partie, indem der Tenor einige technische, vokale und schauspielerische Hürden überwinden muss. Es sollte eine Stimme sein die in den hohen Lagen zwischen Lohengrin und in den Tiefen an Siegmund erinnert, also ein baritonaler Tenor mit imposanten Höhen. Außerdem sollte er glaubwürdig die Verwandlung des naiven Tölpels zum neuen König der Gralsritter zeigen, und das vom stimmlichen und schauspielerischen. Der Tenor dieses Abends hatte alle diese Schwierigkeiten meisterhaft überwunden. Er hat hier in der Philharmonie de Paris  in den letzten zwei Jahren sein großes Talent überzeugend vorgeführt, indem er im Ring des Nibelungen alle großen Tenorrollen sang: Loge, Siegmund, Siegfried. Als Ensemblemitglied des Mariinsky hat er an diesem Haus schon praktisch alle großen Partien gesungen, außerdem gastierte er mit großem Erfolg schon an internationalen Häusern u.a. Liceu/Barcelona und Metropolitan Opera New York. Es scheint an der Zeit ist, sein Bayreuthdebüt zu geben

Die Kundry der Mezzosopranisten Yulia Matochkina war eines der Höhepunkte dieses so ereignisreichen Abend. Diese äußerst komplexe und doppelseitige Rolle schien wie nach Maß für die Sängerin geschaffen, indem sie die ganze Bandbreite der Person zeigte: Wildheit, Sensualität, Heiligkeit, Sünden und das mit einer teilweise rauen fast hässlichen Stimme, um dann in rasante Höhen zu steigen und mit einem hohen H zu dem Wort „lachen“ die ganze Bitterkeit und die Schmerzen ihres Daseins stöhnend ausstößt. Die Reinkarnation von auf ewig verdammten Frauen mit unverzeihlicher Vergangenheit, eine ewige Maria Magdalena, eine sündige Jüdin, die irrelos durch das Weltall wandern muss. Alexeï Markov als Amfortas war mit seinem wohlklingenden Heldenbariton äußerst ideal besetzt. Der in schwere Sünde gefallende König sollte eine schöne Belkantostimme haben; die aber zum Ende hässliche Töne hervor bringt, indem sie fast schreiend morbide und lebensverneinende Stimmung hervorhebt.

Schlimme Ahnungen verfolgen den Sünder und sein Dasein lässt ihn zweifeln an der Gralsritterschaft seit er mit Kundry gebuhlt hat. Er weiß auch dass er wie seine Buhlerin in ewige Verdammnis unendlich durch das Weltall irren muss, wenn ihm nicht Vergebung erteilt wird, das aber hieße die Öffnung des Schreins und die Sichtbarkeit des Grals. Unser Bariton kann schon eine internationale Karriere vorweisen (Covent Garden London, Opernhaus Zürich, Metropolitan Opera New York, u.a.). Evgeny Nikitin (Klingsor) hat die passende Baritonstimme für diese Rolle, indem er keift und bellt und mit heiserer Stimme Gift und Galle spuckt, um seine Zauberformeln in die Welt zu schleudern. Dieser bösartige Nekromant war in der Vergangenheit ein Gralsritter, der aber der Rittergemeinschaft den Krieg erklärte und sie verließ, indem er sich selbstkastrierte und dadurch seine sexuellen Empfindungen tötete, wurde er ein erbitterter Feind dieser Gemeinde. Eine Rolle wie geschaffen für den Sänger, der fast abonniert ist auf Bösewichter und sie auf allen Weltbühnen singt.

Die kurze Rolle des alten sterbenden König Titurel sang Gleb Peryazev mit tiefschwarzem Bass. Die Blumenmädchen wurden wunderschön interpretiert von Anna Denisov, Oxana Shilova, Kira Loginova, Anastasia Kalagina, Angelina Akhmedova, und Ekaterina Sergeeva. Desgleichen zwei Gralsritter: Andreï Ilyushnikov und Yuri Vlasov und außerdem drei Knappen: Elena Gorlo, Oleg Losev und Andrei Zorin. Eine Stimme von oben: Marina Shuklina. Wie schon oben genannt, die gesamten Solisten bis in die kleinsten Rollen waren außergewöhnlich gut besetzt. Wir würden sagen ohne zu übertreiben, es war ein großer Moment in der Philharmonie de Paris, es war Weltklasse und kein großes internationales Opernhaus müsste sich schämen… nicht einmal der heilige Tempel in Bayreuth! Nein, ganz im Gegenteil, es war mehr als Bayreuth reif!

—| IOCO Kritik Philharmonie de Paris |—

Paris, Palais Garnier Paris, Don Giovanni – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 09.07.2019

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Opera National de Paris 

Opéra National de Paris / Palais Garnier Paris © IOCO

Opéra National de Paris / Palais Garnier Paris © IOCO

 Don Giovanni  –  Wolfgang Amadeus Mozart

– gefangen zwischen Mythos und Realität –

von  Peter M. Peters

Seit Jahrhunderten ist der „Mythos Don Giovanni“ in unserer Kulturgeschichte verankert; Dichter, Poeten, Musiker und Maler haben sich mit diesem Thema beschäftigt. Für die Einen ist er ein romantischer Held, für Andere ist er ein Religionsschänder, ein Wüstling, ein Mörder, usw.: Tirso de Molina gab dem Mythos einen Namen: Don Juan, der zynische Weiberschänder war geboren. Danach folgten die verschiedensten Deutungen zu diesem Thema bis hin ins 20.Jahrhundert. (z.B. Molière, Verlaine, Baudelaire, Grabbe, Rilke, Bachmann, usw.) Auch historische Personen werden als Vorlage für einen „Don Juan“ Stoff verwendet: z.B. Don Juan de Tassis, Casanova und selbst unser Librettist Lorenzo da Ponte, der ein großer „Schürzenjäger“ gewesen sein soll und mehrmals flüchten musste.

Der belgische Regisseur Ivo van Hove, weltbekannt für seine außergewöhnlichen Inszenierungen hat in letzter Zeit in Paris einige seiner Schöpfungen hinterlassen, die viel Aufsehen erweckten: Boris Godounov (Opéra National de Paris), Die Verdammten (nach Visconti) und Électre / Oreste (Comédie Française).

Mit dem ersten Klang der Ouvertüre sieht man ein Stadtviertel; dass in seiner grauschwarzen nächtlichen Schwere bedrohend wirkt, eine Straße vom bleichen weißen Mondlicht überflutet, mit dichten Nebelschwaden verhangen.

Don Giovanni – Wolfgang Amadeus Mozart
youtube Trailer der Opéra National de Paris
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Gewissermaßen eine Phantomstadt die zeitlos überlebt hat ohne zu wissen wo sie ist. Diese bedrückende Stimmung bringt ungeahntes Wissen in unser Unterbewusstsein: hier beginnt ein Amoklauf vor oder nach dem Tod. Bilder purzeln durcheinander: Gemälde von Giorgio de Chirico, Escher, unbewohnte Häuser in osteuropäischen Städten, faschistische und kommunistische Baustile, Filme wie M – Eine Stadt sucht einen Mörder, Nosferatu… Erinnerungen, Fantasie und Gegenwart galoppieren geschwind. Diese ewig nächtliche Stadt scheint keine Bewohner zu haben, jedoch plötzlich erscheinen zwei Gestalten im bleichen Mondlicht: der unersättliche Don Giovanni getrieben von seiner maßlosen Sucht nach erotischen Erlebnissen und sein Diener Leporello. Der Eine arrogant, hochschweifig und befehlend, gewissermaßen zum reichen Geldadel gehörend; der Andere von der Arbeiterklasse gewöhnt die niedrigsten Taten für Geld zu verrichten. Der Psychopath treibt ruhelos durch die Stadtviertel mit seinem Helfershelfer um neue Opfer aufzustöbern. Denn in der scheinbar leeren Stadt vegetieren doch irgendwelche Lebewesen: Menschen oder Phantome…? Fleischlich oder virtuell?

Gerade hat er Donna Anna schamlos vergewaltigt und stürzt aus dem Haus um aufs Neue seine Lustbegierde zu stillen; da kommt ihm der Vater der jungen Frau in den Weg (Il Commendatore), den er jedoch brutal ermordet. Donna Anna ist verzweifelt, sodass nicht mal ihr Verlobter Don Ottavio sie beruhigen kann. Inzwischen hat unser skrupelloser Täter sich in eine volkstümliche Hochzeit eingeschlichen um mit Hilfe seines Dieners Leporello die blutjunge hübsche Zerlina von ihrem Verlobten Masetto zu trennen.

Opéra National de Paris / Don Giovanni - im Palais Garnier - hier : Étienne Dupuis als Don Giovanni © Charles Duprat

Opéra National de Paris / Don Giovanni – im Palais Garnier – hier : Étienne Dupuis als Don Giovanni © Charles Duprat

Auch die ewige verlassene Frau des Don Giovanni, Donna Elvira rennt ihrer verlorenen Liebe umsonst nach … Mit einem reichen Maskenball will er der naiven Zerlina und den Bewohnern imponieren. Der Eindruck von Phantomen wird auf disem Fest bestätigt, denn Gäste, Lakaien, Musiker sind nichts anderes als leere Puppen mit reichen Kostümen und toten Augen von Masken versteckt. Der verzweifelte Hilferufe der bedränkten Zerlina bringt das Fest zu einem bitteren Ende, auch für Don Giovanni, der fliehen muss vor der Rache seiner Opfer.

Auf einem Friedhof erscheint der Commendatore als Phantom und verlangt dass unser Missetäter von seinem Lasterleben abschwört, aber ohne Erfolg. Im Gegenteil der Unersättliche lädt sein Opfer zu einem Abendessen in sein Haus ein.

Am fraglichen Abend schwelgt er in allen Genüssen: Wein, Delikatessen und Drogen im Überfluss; er wirft es mit Verachtung und Verdruss seinem Diener Leporello zu, mit dem Motto: „Friss oder stirb, Hund!“. Vor der armen Elvira, die unverhofft erscheint, prahlt er höhnisch über seine ungezügelte „Freiheit“. Ein Aufschrei der Elvira leitet das Ende unseres Heuchlers ein. Der Commendatore erscheint und gibt Don Giovanni die Hand und mit einem Aufschrei versinkt der Selbige – ja aber in was? Fegefeuer, Inferno? Nein! Umschlungen oder verschlungen von Millionen von Leibern (Frauenleibern…?) versinkt er ins Nichts.

Ivo van Hove hat in der Inszenierung bewusst unscheinbare Szenen  Konventionell behandelt, jedoch in zentralen Momenten formt er das Geschehen, hinterließ seine unverkennbare Handschrift.

Mit dem Finale kommt die große Überraschung: unsere Phantomstadt öffnet sich und lässt strahlendes Sonnenlicht herein, Pflanzen und Blumen in Überfülle auf den Terrassen und Balkonen, gewaschene Wäsche hängt aus den Fenstern. Mit einem Wort:  Menschen, Leben, Zukunft sind sichtbar. Was kann man daraus schließen? Keine Religions- oder Moralbedeutung. Nein. Eine soziale, politische und ökologische Message: ein Parasit der Gesellschaft ist verschwunden und die Umwelt kann besser atmen… Eine Utopie, eine Illusion, eine Hoffnung…? Von der musikalischen Seite sind einige Bedenken nicht zu verschweigen:

Opéra National de Paris / Don Giovanni im Palais Garnier © Charles Duprat

Opéra National de Paris / Don Giovanni im Palais Garnier © Charles Duprat

Der schweizer Dirigent und Chefdirigent der Opéra National de Paris, Philippe Jordan, (ab 1.9.2020 Musikdirektor an der Wiener Staatsoper) ist ein profilierter Musiker; jedoch in seinem Dirigat zeigt sich wenig Harmonie zwischen Dirigent und Regisseur. Die Komposition wird durch die Partitur vorgegebn. Doch Tempi, Pausen und Dynamik erzeugen eigene, spezielle Ausdruck, Atmosphäre. Diese Inszenierung in Palais Garnier ist dunkel, fast grauenhaft; da ist der „wienerisch“ dirigierte Don Giovanni wenig passend, eine „östlichere“, kältere Vision würde theatralen Szenen helfen und ein geschlosseneres Bild zeigen.

Dagegen die jungen Sänger sind durchwegs bis in den kleinsten Rollen ausgezeichnete Interpreten:  Étienne Dupuis als Don Giovanni ist ein hinreißender Schauspieler und mit seinem hellen Heldenbariton ideal besetzt. Seine Stimme übertönt mit Leichtigkeit das Orchester und sitzt fest in allen Registern; die Farbpalette seines Organes ist schier unermesslich. Gleich die erste Arie „Fin ch’han dal vino“ wird selbstbewusst herunter geschmettert; seine Canzonetta „Deh vieni alla finestra“ ist ein außergewöhnlicher Hörgenuss, auch die Arie „Meta di voi qua vadano“ ist von berückender Schönheit; nicht zu vergessen das Duett mit Zerlina „La ci darem la mano“. Gleichzeitig wird stimmlich sichtbar das Wesen seiner egozentrischen brutalen Menschenverachtung, die nicht vor Mord und anderen erpresserischen Mitteln halt macht. Besonders deutlich erkennbar in den Rezitativen.

Sein kanadischer Kollege und Landsmann Philippe Sly steht ihm in keiner Weise nach. Ideal besetzt für die Rolle des Leporello und mit einer etwas robusten und rauen Baritonstimme interpretiert er „Notte e giorno faticar“. Die berühmte Registerarie „Madamina, il catalogo é questo“ ist ein Paradestück der hohen Gesangskunst, auch die Arie „Ah pietà, signori miei“ ist ein Beispiel für feine verflossene Töne. Dazu eine intensive Charakterstudie im musikalischen, sowie auch im schauspielerischen Sinne. Das rechte Maß an alter ego ist hier erreicht.

Opéra National de Paris / der verzaubernde Besucheraum des Palais Garnier Paris © Jean Pierre Delagarde / Opéra National de Paris

Opéra National de Paris / der verzaubernde Besucheraum des Palais Garnier Paris © Jean Pierre Delagarde / Opéra National de Paris

Die australische Sopranisten Nicole Car hat stimmlich die nötige Bandbreite (spinto – dramatisch – lyrisch) um die anspruchsvolle Rolle der Donna Elvira bewältigen zu können. Gleich in der Auftrittsarie „Ah chi mi dice mai“ zeigt die Sängerin mit Spontanität und Kraft ihr ganzes Können und man kommt an der Gänsehaut nicht leicht vorbei. „Ah fuggi il traditor“ ist mit dem nötigen Zorn und gekränkter Eitelkeit begleitet, es ist ein Paradestück der Aria furioso. Die letzte große Arie mit Rezitativ „In quali eccessi …. Mi tradi quell’alma ingrata“ wird von einer verletzten allein gelassenen, noch immer liebenden Frau mit der nötigen Traurigkeit versehen.

Donna Anna ist von der amerikanischen Sängerin Jacquelyn Wagner mit viel innerem Gefühl getragen, wobei jedoch die Rachegedanken für den ermordeten Vater nicht versiegen und sich in die Trauer einschleichen. Der lyrische Sopran setzt sich mit Leichtigkeit über alle diese dramatischen Hürden. „Don Ottavio, son morta! – Or sai chi l’onore“ Rezitativ und Arie sind getragen von der ganzen Bandbreite der Gefühle: Trauer – Zorn – Rache. Die zweite große Arie mit Rezitativ der Donna Anna „Crudele! Ah no, mio ben …. Non mi dir, bell’idol mio“ ist von feinen Farbtönen durchwirkt und zeigt die inneren Kämpfe einer liebenden Frau und trauernden Tochter.

Der französische Tenor Stanislas de Barbeyrac singt die Rolle des Don Ottavio, vom Standpunkt der Interpretation, vielleicht die Schwierigste. Ein Höfling gefangen in Etikette und kalten Konventionen, die wirkliche Gefühle verweigern und verheimlichen müssen. Mit seiner baritonalen männlichen Tenorstimme hat er die ganze Weichheit und Feigheit der Rolle überwunden, jedoch schauspielerisch bleibt er leider in den alten Welten. Seine beiden großen Arien „Dalla sua pace“ und „Il mio tesoro“ sang er ohne die gewohnte Effekthascherei mit großer Dreistigkeit und Festigkeit.

Die kokette Zerlina wird mit glasklarem Sopran von der französisch-dänischen Sängerin Elsa Dreisig mit viel Feingefühl vorgetragen ohne in die Gefilde einer Soubrette zu rutschen. Besonders schauspielerisch ist sie mit ihrer Rolle gewissermaßen verwachsen. Mozart hinterließ ihr zwei der schönsten Arien nach volkstümlicher Art „Batti batti, o bel Masetto“ und „Vedrai carino“, die sie natürlich ohne Pathos vortrug.

Mikhail Timoshenko (Masetto), ein junger russischer Bassbariton hatte die ganze nötige Schlaksichkeit und Tölpelhaftigkeit eines jungen naiven verliebten Burschen. Seine einzige Arie „Ho capito, Signor si“ sang er mit viel Begeisterung und Schwung.

Ain Anger (Il Commendatore), der lettische Bass mit seiner tiefen Stimme machte viel Eindruck in der kurzen Rolle des rächenden Vaters.

Insgesamt eine gelungene Produktion:des Don Giovanni im wunderbaren Palais Garnier von Paris; vom Publikum lebhaft gefeiert.

—| IOCO Kritik Opéra National de Paris |—

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