Wuppertal, Wuppertaler Bühnen, Hanns-Martin Schneidt ‹1930 – 2018›, IOCO Aktuell, 11.06.2018

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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

 Hanns-Martin Schneidt  ‹1930 – 2018›

Wuppertaler Bühnen und Sinfonieorchester trauern

Der ehemalige Generalmusikdirektor Hanns-Martin Schneidt verstarb am 28. Mai im Alter von 87 Jahren im Kreise seiner Familie. Von 1963 bis 1985 wirkte Schneidt als Generalmusikdirektor des Sinfonieorchester Wuppertal und war später Chef der Oper Wuppertal.

»Wir trauern um einen Künstler, der über einen außergewöhnlich langen Zeitraum das musikalische Leben Wuppertals, des Sinfonieorchesters und der Bühnen geprägt hat. Die Erinnerungen an diesen großen Musiker und Theatermenschen sind an unserem Haus immer noch lebendig und sein Schaffen wirkt immer noch nach.«, so Generalmusikdirektorin Julia Jones und Opernintendant Berthold Schneider.

Hanns-Martin Schneidt © Stadtarchiv Wuppertal

Hanns-Martin Schneidt © Stadtarchiv Wuppertal

22 Jahre lang gestaltete er maßgeblich das musikalische Kulturangebot der Stadt Wuppertal. Unvergessen ist u. a. der Zyklus mit den Brandenburgischen Konzerten, die Hanns-Martin Schneidt vom Cembalo aus leitete. Darüber hinaus gestaltete er viele Kammerkonzerte mit Mitgliedern aus dem Sinfonieorchester und etablierte eine Reihe mit Werken der Klassischen Moderne sowie mit zeitgenössischer Musik in Wuppertal. Aufgrund seiner Chorprägung widmete er sich als Opernchef intensiv der Pflege des Opernensembles. 1985, schon von seinem späteren beruflichen Standort München aus, brachte er die langfristig angelegte Produktion von Richard Wagners Der Ring des Nibelungen mit der Götterdämmerung zu Ende.

Hanns-Martin Schneidt aus einer Pfarrersfamilie stammend, wurde 1930 im fränkischen Kitzingen geboren und wuchs in Leipzig auf, wo er Mitglied des Thomanerchores wurde. Neben seiner kirchenmusikalischen Tätigkeit widmete er sich nach einem ersten, erfolgreichen Konzert mit den Berliner Philharmonikern zunehmend der großen Sinfonik sowie der Oper.

Im Anschluss an seiner Wuppertaler Zeit leitete er von 1984 bis 2001 als Nachfolger von Karl Richter den Münchener Bach-Chor. Ab 1985 war er zugleich Professor für Orchesterleitung und Kirchenmusik an der Hochschule für Musik und Theater München. Ab 2001 nahm Hanns-Martin Schneidt zudem eine Professur an der Tokyo National University of Fine Arts and Music an und war von 2007 bis 2009 Chefdirigent des Kanagawa Philharmonic Orchestra.

Hanns-Martin Schneidt wurde für seine Arbeit und sein leidenschaftliches Engagement für die Musik mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Eduard von der Heydt-Kulturpreis der Stadt Wuppertal, mit der Medaille ›München leuchtet‹, dem Bundesverdienstkreuz und dem Bayerischen Verdienstorden.

—| Pressemeldung Wuppertaler Bühnen |—

Wuppertal, Oper Wuppertal, Hänsel und Gretel – Ein fröhlich, streitiger Familienalltag, IOCO Kritik, 26.12.2017

Dezember 27, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Wuppertaler Bühnen

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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck

 „Ein Familientag – In allen Facetten“

Von Viktor Jarosch

Deutschlands heimliche Nationaloper Hänsel und Gretel steht um die Weihnachtszeit auf den Spielplänen vieler Theater. Komponist Engelbert Humperdinck (1854 – 1921), ein großer seiner Zunft, hatte 1879 in Italien Richard Wagner kennengelernt und bis zu dessen Tod in 1883 künstlerisch begleitet. 1882 wirkte Humperdinck an der Uraufführung des Parsifal mit. Nach Richard Wagners Tod bat Cosima Wagner Humperdinck, ihren Sohn Siegfried in Kompositionslehre zu unterweisen und auf die Leitung der Bayreuther Festspiele vorzubereiten. So vermittelt die spätromantische Märchenoper Hänsel und Gretel nicht nur menschliche Grundwerte, Geborgenheit und Harmonie. Die Nähe der  Komposition zum Genius Richard Wagner ist zusätzlicher Ansporn für Regisseure.

Dabei entsprang Oper Hänsel und Gretel geradezu einer Laune des „Kompositionsgottes“. Adelheid Wette, Schwester Engelbert Humperdincks, wollte aus der Grimmschen Märchenvorlage zu Hänsel und Gretel menschlich liebenswertes Haustheater schaffen: Gemeinsam mit Schwager Hermann Wette verminderte sie Grausamkeiten der Grimmschen Märchen mit eigenen, herzenden Versen, welche beherztes Handeln auch belohnen, fügt Sand- und Taumännchen hinzu und überzeugte ihren Bruder, dies zu vertonen. Ein „Kinderstubenweihfestspiel“ nannte Humperdinck Hänsel und Gretel, seine Bayreuther Zeit karikierend. 1893 unter Richard Strauss in Weimar uraufgeführt zählt Hänsel und Gretel heute im deutschen Sprachraum wie weltweit zu den meist aufgeführten Opern. Hohe Ansprüche, Erwartungen wie Risiken begleiten so jede Neuinszenierung von Hänsel und Gretel. Die neue Produktion in Wuppertal löst ein dort seit 2006 gespieltes romantisches Märchen für Groß und Klein ab, in dem Frohsinn und Lebensfreude über alltägliche Nöte siegten

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel - hier Gretel frölich zu Hause © Bettina Stöß

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel – hier Gretel frölich zu Hause © Bettina Stöß

Der französisch-italienische Regisseur Denis Krief sucht in seiner Hänsel und Gretel nicht märchenhafte Romantik-Seligkeit. Kriefs Interpretation ist denn dem Irdischen, dem Realen, der Familie als Ganzem, dem Unterbewussten nahe. Schon das erste Bühnenbild ist vielschichtig: Im Vordergrund der Bühne das riesig karge Zimmer der Besenbinders (Foto) durch dessen hintere Bretterwände Reales, Rohre und andere Gegenstände, der Alltag, das Leben erkennbar sind. Die im unbeschwerten Tollen von Hänsel und Gretel (Gretel: Ich liebe Tanz und Fröhlichkeit.., ich bin kein Freund von Traurigkeit..“) sichtbare Leichtigkeit verdrängen die Eltern zum Ende des ersten Bildes, wenn sie, die Knusperhexe „mit kreisender Flasche“ verspottend, auch andere Nöte als ihre Armut andeuten.

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel - hier Peter Besenbinder, die Flasche und Projektionen der Träume © Bettina Stöß

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel – hier Peter Besenbinder, die Flasche und Projektionen der Träume © Bettina Stöß

So besteht denn der Wald der Inszenierung „in den sich die Kinder verirrten, ohne Stern und Mond“, so die Sorge des Vaters, aus einer Vielzahl rechteckiger, mit Stoff bespannten Gerüste, in deren Hintergrund beständig schwarze-weiße Schattenrisse und Projektionen reitender Hexen jagen. Krief begleitet so die Handlung auf der Bühne mit dem Unbewussten, dem Unterbewusstsein. Auffällig so der „Abendsegen“ des Märchens: Nicht „Vierzehn Engel“, begleiten Hänsel und Gretel in den Schlaf. Kein zu Herzen gehendes Ballett tanzender Engel sondern, von der Hexe entführte?, Kinder in Alltagskleidung spielen zum Schlaf von Hänsel und Gretel auf der Bühne; geben reale Kinderträume wieder (Choreographie Amy Share-Kissiov). Das folgende Hexenhaus ist nur eine spartanische vom Bühnenhimmel herabgelassene Holzwand, ohne bunten Lebkuchen oder Leckereien. Alle Illusion oder Romantik wird in der Inszenierung reduziert; Unterbewußtes, Reales, nicht Märchenwelten drängen durch die Handlung.

Denis Krief interpretiert die Handlung Hänsel und Gretel in Wuppertal denn weniger als romantischen Kindertraum sondern als vielschichtige, aber gut endende Lebensepisode einer ganzen Familie. Gutes Ende andeutend schließt Peter Besenbinder denn die Oper auch erneut vieldeutig: Eine Schnapsflasche auf den Tisch wegstellend.

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel - hier schlafend nach dem Abendsegen im Wald © Bettina Stöß

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel – hier schlafend nach dem Abendsegen im Wald © Bettina Stöß

Die ungewöhnliche Inszenierung fordert das Ensemble gleichsam auf, die Wuppertaler Besucher auch darstellerisch einzufangen in einer Märchen- und Projektionswelt, welche sich von gewohnten Inszenierungen erheblich unterscheidet. Doch dies gelingt durch eine liebevolle, nicht provokative Choreopraphie wie auch stimmlich: Catriona Morison ist Hänsel mit frischem gut verständlichem Mezzo; Ralitsa Ralinova als Gretel mit warmen Sopran eine wunderbare spielfreudige Partnerin. Alexander Marco-Buhrmester als Peter Besenbinder mit kraftvollem Bariton und Belinda Williams als sein Weib Gertrud mit sicherem dramatischem Mezzo sind die zerrissen, glücklichen Eltern.

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel - das grossartige Ensemble © IOCO

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel – das grossartige Ensemble © IOCO

Julia Jones gibt mit Hänsel und Gretel eine starke erste Visitenkarte als Operndirigentin in Wuppertal ab. Jones´ und das Sinfonieorchester Wuppertal lassen mit warmen impressionistischen Klängen beständig Humperdincks Nähe zum „romantischen“ Richard Wagners spüren. Das „Knusperhaus der Polyphonie“, seine Kontraste glühen zwischen einfachen Liedmotiven und kompliziertem Wagner-Stil, die Stimmen des Waldes irrlichtern „mit ungeheurem Reichtum am Modulation“ (so Cosima Wagner zu Humperdincks Werk) durch das Wuppertaler Opernhaus und ergreifen. Dirigat und Orchester dieser Produktion verzauberten und befruchten so die komplexe Inszenierung auf der Bühne.

Mit Julia Jones und dem Sinfonieorchester Wuppertal wird diese Hänsel und Gretel in Wuppertal zu einem empfehlenswerten Erlebnis. Das Publikum der ausverkauften Oper Wuppertal freute sich über eine denkwürdige Inszenierung, dessen ungewohnte Interpretationen zum anregenden Diskussionsstoff für viele Opernfreunde werded.

Wuppertal, Oper Wuppertal, Surrogate Cities / Götterdämmerung, IOCO Kritik, 19.09.2017

September 22, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Oper, Wuppertaler Bühnen

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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Surrogate Cities / Götterdämmerung von Heiner Goebbels

 Ruppig – Glattes Stadtleben: Goebbels, Wagner, Gospel

Von Viktor Jarosch

Die Oper Wuppertal zeigt mit Surrogate Cities / Götterdämmerung innovatives Musiktheater: Es verwebt in dem Stück glattes wie kantiges Alltagsleben einer Stadt mit der Sagenwelt Richard Wagners, um in groovigem Gospel spektakulär zu enden. Stampfende, stoßende Musik von Heiner Goebbels öffnet den Abend, wechselt zu Richard Wagners Götterdämmerung um sich in den lyrisch dramatischen Horatian Songs von Heiner Goebbels überraschend mit packender Synthese aufzulösen.

Surrogate Cities hat den ambivalenten Charakter städtischen Lebens zum Thema; neben anregenden Themen auch das, was eine Großstadt mit seinen Widersprüchen nicht bieten kann. Es geht mir … darum, mit der glatten, abweisenden Oberflächlichkeit … auch an tiefere Schichten von Stadtgeschichte zu kommen“, so Heiner Goebbels wenig konkret über sein Werk, welches er mit Dramaturgen, Bühnenbildnern, Lichtgestaltern, Sounddesignern umsetzt. Heiner Goebbels (*1952), Regisseur, Komponist und Professor für Angewandte Theaterwissenschaft, komponierte, produzierte Surrogate Cities 1994, zur 1200 – Jahrfeier Frankfurts. Inzwischen ist Surrogate Cities ist inzwischen ein herausragendes Werk postdramatischer Musik. 2014, zum Ende von Goebbels Amtszeit als Leiter der Ruhrtriennale, fand in Duisburg eine choreographisch-szenische Neuproduktion von Surrogate Cities Ruhr statt. Im Mai 2017 war Surrogate Cities bei den KunstFestSpielen Herrenhausen zu erleben.

Für die Oper Wuppertal verbindet der amerikanische Regisseur Jay Scheib das Werk von Heiner Goebbels mit Musik, Themen und Personen aus dem 3. Akt von Richard Wagners Götterdämmerung. Eine Verbindung, die Goebbels überraschend differenziert sieht: „Mich interessiert an Wagner eher seine Musik und weniger die Narrationen“. Jay Scheib dazu: „Städte geraten außer Kontrolle, werden kurzsichtig … Surrogate Cities verbinde ich mit einem Zustand der Ortslosigkeit … öffnet eine Welt der Spekulation ohne Halt … ist, wie Götterdämmerung, eine Fundgrube für Unterschiede, unangenehme Wahrheiten, Einsamkeit und der Innovation.

Oper Wuppertal / Surrogate Cites - Götterdämmerung - Blick auf Orchester, Bühne und Leinwände © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Surrogate Cites – Götterdämmerung – Blick auf Orchester, Bühne und Leinwände © Jens Grossmann

Die schwer greifbare Einführung zu Surrogate Cities mag den Besucher noch verunsichern. Faszination, Spannung greift jedoch mit dem Betreten des Zuschauerraumes, mit dem ersten Blick auf die Bühne (Kathrin Wittig). Die Bühne, der Orchestergraben ist hoch gefahren, ist in drei Segmente geteilt: Das große, 80–köpfige Orchester ist geteilt: Vorne die Streicher und zwei Harfen; die Bläser und Schlagwerker im hinteren Teil der Bühne. In der Bühnenmitte, die beiden Orchesterteile trennend, ein fünf Meter breiter Streifen. Hier findet die Handlung statt: Links ein langer, festlich gedeckter Tisch, darunter eine Hochzeitstorte. Offensichtlich hatte eine Hochzeit, ein Fest stattgefunden. Rechts daneben eine kleine Kammer mit Sitzecke, Waschbecken, Dusche, Mikrowelle. Ein kleiner Monitor in der Kammer zeigt während der 2,5 stündige Aufführung in Endlosschleife einen fliegenden Raben. Zwei 10 x 4 Meter große Leinwände über und neben der Bühne kündigen Live-Video-Techniken an. Eine Frau (Hannah Usemann) bewegt sich während der Vorstellung mit großer Kamera auf der Bühne; filmt die Handlung und überträgt sie auf die großen Bildschirme. So pendelt, jagt der Blick des Besucher immer gebannt von Orchester oder Bühne oder Projektionen auf den Leinwänden. Unverstellt von gewohnten Ritualen (Dramaturgie Jana Beckmann).

Oper Wuppertal / Surrogate Cites - Die Festgesellschaft - Gutrune Jenna Siladie © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Surrogate Cites – Die Festgesellschaft – Gutrune Jenna Siladie © Jens Grossmann

Die gut sichtbaren Musiker wirken modern, sympathisch, werden Teil der Inszenierung, Teil der Festgesellschaft: Männer in gepflegten weißen Dinner-Jackets mit Fliege, Frauen in hellen Abendkleider. Sie beginnen den Surrogate Cities Abend mit stampfender Musik von Heiner Goebbels. Dann die Handlung: Ein Mann in Helm und verschmutzter Motorradkleidung betritt, frustriert, wütend wirkend die Bühne, geht in die kleine Kammer, sein Apartment. Er zieht Helm, Kluft und Kleidung aus, duscht sich, zieht sich wieder an. Dann wäscht er Hemd und Hose, steckt diese in einen Plastikbeutel: setzt vor seiner Kammer Blumen ein, findet dort in einem Schlammhäufchen ein Ring (erster, zarter Bezug zu Wagner), sucht in seinen Schallplatten, legt Rheingold auf. Das Orchester springt kurz von Goebbels Stakkati zum Reingold-Motiv. Eine Stimme: „Wer in einer Stadt lebt, sollte nichts für selbstverständlich nehmen.“ Als um seine Existenz kämpfender Städter wird in so Wuppertal in dunkler Kleidung als Hagen (Lucia Lucas) wahrnehmbar; er nimmt einen Speer von der Wand.. In den benachbarten Festraum „schwebt“ nun in elegantem Abendkleid eine sichtbar von Albträumen geplagt wirkende junge „Lady“, in den benachbarten Festraum. Sie betrachtet ein Schwert welches an der Wand hängt. Dazu die Stimme: „Sie ist gerannt! Warum? Wenn du rennst, siehst du aus wie….!“ Festgäste, Choristen in weißen Anzügen. Trommelwirbel, vielschichtige Klangbilder Heiner Goebbels wie Projektionen machen Frust, seelische Zerrissenheit sichtbar. Die Live-Kamera überträgt Mimik, Sandhäufchen, Frust oder Akteure; wirft alles vergrößert auf die riesigen Leinwände. Städtischer Alltagsfrust wird in lebendiger Dramatik sichtbar.

Oper Wupptertal / Surrogate Cities - Götterdämmerun - Der sterbende Siegfried Ronald Samm © Jens Grossmann

Oper Wupptertal / Surrogate Cities – Götterdämmerun – Der sterbende Siegfried Ronald Samm © Jens Grossmann

Doch nun wird die Sagenwelt Wagners deutlich: Die Rheintöchter (Woglinde Ralitsa Ralinova, Wellgunde Liliana de Sousa, Floßhilde Arina Lucas) erscheinen als verarmte Stadtbewohner. Mit abgebrochenen Zähnen und in billig wirkender Goldlametta-Kleidung, Zigarette in der Hand, suchen sie den Festraum offensichtlich nach Mitnehmbarem ab, lyrisch verzweifelt singend: „Rheingold! Klares Gold! Wie hell du uns einstens strahlest, hehrer Stern der Tiefe!“ Endgültig mitreißend wird Wagners Götterdämmerung als Siegfried (Ronald Samm, Foto) in der Festgesellschaft von Surrogate Cities ankommt. Siegfried begegnet den Rheintöchtern (Wellgunde Ein goldner Ring ragt dir am Finger..“) mit heldisch starkem Tenor und prächtiger Präsenz packend und durchgehend sicher: „Denn giert ihr nach dem Ring, euch Nickern geb ich ihn nie!“

Götterdämmerung, die Komposition Wagners und ein starkes Ensemble bestimmen nun musikalisch. Johannes Prell führt das Sinfonieorchester Wuppertal in nicht erwartete Sinnlichkeit, gibt ihm und dem Ensemble Raum für Gestaltung und Dramatik. Hagen (Lucia Lucas) mit mächtigem Bariton lebt in seiner Partie: „So singe, Held!“; Siegfried reißt mit, sorgt für Staunen: „Mime hieß ein mürrischer Zwerg, in des Neides Zwang zog er mich auf..“. Das junge Ensemble und Orchester machen Surrogate Cities zu einem in dieser Kraft unerwarteten Stimmfest, alle Partien sind blendend besetzt: Annemarie Kremer als Brünnhilde mit leuchtendem Sopran, Jenna Siladie als Gutrune in wunderbarer Lyrik und Sebastian Campione als Gunther, wenn er mit viel Präsenz auf der Riesenleinwand und gut sitzender Stimme wenigstens etwas Mitgefühl für den sterbenden Siegfried ausdrückt. Siegfried stirbt ermordet unübersehbar auf dem Festtisch. Doch die Festgesellschaft feiert, mit Champagner, in weißen Smoking. Die Live-Kamera zeigt dazu statisch eine umgefallene Kaffeetasse auf der riesigen Leinwand. Die Feiernden interessiert Sterben und Kämpfen nicht; gelangweilt schlendern sie am toten Siegfried vorbei nach draußen.  Pause.

Oper Wuppertal / Surrogate Cities - Götterdämmerung - Siegfried und Hagen © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Surrogate Cities – Götterdämmerung – Siegfried und Hagen © Jens Grossmann

Surrogate Cities / Götterdämmerung verläuft auch weiterhin faszinierend wie überraschend: Die Rheintöchter töten Wagner-treu Hagen, entreißen ihm den Ring, die letzten zarten Töne der Götterdämmerung erklingen. Die Bühne leert sich, auf der Leinwand die Musiker in ihren weißen Gewändern. Stille, Ende? Das Publikum möchte klatschen, doch, Musik von Heiner Goebbels erklingt wieder. Die amerikanische Soul- und Gospelsängerin Elisabeth King erscheint und singt in coolem Outfit und mächtigem, unter die Haut gehendem Timbre (man glaubt Mahalia Jackson zu hören) die von Heiner Goebbels komponierte Parabel aus der römisch antiken Welt, die Three Horatian Songs. Surrogate Cities schließt in dieser Parabel einen Kreis der zeigt, auch in einem Leben voller Oberflächlichkeit und Unrecht bestehen die universalen ethischen Grundsätze  der Menschheit. Auch wenn man sie nicht immer sieht oder umsetzt.

Surrogate Cities / Götterdämmerung ist eine ungewöhnliche Produktion der Oper Wuppertal. Mut und Können beweist Intendant Berthold Schneider, ein solch komplexes, schwer umsetzbares Stück auf den Spielplan seines Hauses zu setzen. Nicht nur IOCO war begeistert über das von Jay Scheib umgesetzte Werk. Auch das Publikum feierte Surrogate Cities / Götterdämmerung, Inszenierung, Ensemble und Orchester ausgiebig und lautstark.

Surrogate Cities / Götterdämmerung an der Oper Wuppertal: Weitere Vorstellungen 1.10.2017, 14.10.2017

 

Wuppertal, Oper Wuppertal, Rigoletto von Giuseppe Verdi, 09.04.2017

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Wuppertaler Bühnen

Wuppertaler Bühnen / Rigoletto Plakat © Claudia Scheer van Erp

Wuppertaler Bühnen / Rigoletto Plakat © Claudia Scheer van Erp

Rigoletto von Giuseppe Verdi

Erste Inszenierung von Timofej Kuljabin außerhalb Russlands 

Premiere 9. April 2017 im Opernhaus, weitere Vorstellungen 15.4.2017, 23.4.2017, 31.5.2017, 9.6.2017, 22.6.2017, 24.6.2017

Wuppertaler Bühnen / Timofej Kuljabin © privat

Wuppertaler Bühnen / Timofej Kuljabin © privat

Auf diese Regiearbeit dürfte die Theater- und Opernwelt mit Spannung blicken. Timofej Kuljabin, einer der spannendsten Regisseure der jungen Generation in Russland, inszeniert an der Oper Wuppertal Rigoletto, Verdis gewaltiges Drama um Macht, Verantwortung und Verzweiflung. Mit dieser Arbeit gibt Kuljabin sein Regiedebüt an einem Theater außerhalb Russlands. Timofej Kuljabin ist Chefregisseur des Novosibirsker Theaters Rote Fackel und hat sich einen Namen gemacht als herausragender Interpret von Klassikern. Er wurde mit so wichtigen Theaterpreisen wie der Goldenen Maske ausgezeichnet und inszeniert sowohl Oper als auch Schauspiel, unter anderem am Moskauer Bolschoi Theater. 2016 gastierte er mit seiner Inszenierung von Tschechows »Drei Schwestern« bei den Wiener Festwochen. Internationale Beachtung erhielt seine Inszenierung von Wagners »Tannhäuser«, die im Dezember 2014 Premiere in Nowosibirsk hatte und von Publikum und Kritik gleichermaßen gefeiert wurde. Weil Kuljabin Tannhäuser in der Venusberg-Szene als Jesus Christus auftreten ließ, wurde ihm seitens der orthodoxen Kirche Blasphemie und Respektlosigkeit vorgeworfen. Die umstrittene Inszenierung wurde abgesetzt und der Theaterdirektor Boris Mesdritsch entlassen, als er sich weigerte, das Stück vom Spielplan zu nehmen.

Besetzung:  Herzog von Mantua Sangmin Jeon, Rigoletto Pavel Yankovsky / Alejandro Marco-Buhrmester (9./22./24.6.), Gilda Ruslana Koval / Ralitsa Ralinova (23.4./31.5.) Graf von Monterone Lucia Lucas, Graf von Ceprano Oliver Picker / Andreas Heichlinger, Marullo Simon Stricker, Borsa Mark Bowman-Hester, Sparafucile Sebastian Campione, Maddalena Catriona Morison, Giovanna Ute Temizel* / Katrin Natalicio*, Gerichtsdiener Hak-Young Lee* / Javier Zapata*, Page Banu Schult*, … und weitere * singt im Opernchor der Wuppertaler Bühnen, Opernchor der Wuppertaler Bühnen, Sinfonieorchester Wuppertal,

Musikalische Leitung Johannes Pell, Inszenierung Timofej Kuljabin, Bühnenbild Oleg Golovko, Kostüme Galya Solodovnikova, Licht Denis Solntsev,Chor Markus Baisch, Dramaturgie Ilya Kukharenko; PMOWu

Rigoletto, Oper Wuppertal, Premiere 9. April 2017 im Opernhaus, weitere Vorstellungen 15.4.2017, 23.4.2017, 31.5.2017, 9.6.2017, 22.6.2017, 24.6.2017

 

 

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