Wuppertal, Oper Wuppertal, Die tote Stadt – Erich Wolfgang Korngold, IOCO Kritik, 26.06.2019

Juni 27, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Wuppertaler Bühnen

 

Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

  Die tote Stadt  –  Erich Wolfgang Korngold

Die „tote Stadt“ steht für Brügge, einst blühende Hafenstadt, welche versandete  ….

von Ingo Hamacher

Stimmstark und mit großer Präsenz tritt Chefdramaturg David Greiner im Rahmen der Einführung von Die tote Stadt vor das Publikum. Das defekte Mikrofon braucht er nicht; mit kräftiger Stütze in der Stimme dringt er auch so schon sonor in jeden Teil des Foyers. Wenn die Anderen nachher so singen, wie dieser Mann spricht, wird der Abend großartig. Für alle, die sich amüsieren wollten, empfehle er den Besuch einer Aufführung von Die Hochzeit des Figaro, die ebenfalls in diesen letzten Tagen der Spielzeit noch aufgeführt würde. Heute sei das nicht zu erwarten; es würde eher „interessant“.

Oper Wuppertal / Die tote Stadt - hier : Susanne Serfling, Jason Wickson © Wil van Iersel

Oper Wuppertal / Die tote Stadt – hier : Susanne Serfling, Jason Wickson © Wil van Iersel

Immo Karaman (*1972 in Gelsenkirchen als Sohn deutsch-türkischer Eltern, auch Verantwortlich für die Bühne) habe sich für einen Regieansatz unter dem Aspekt von Entstehungsort und -zeit des Stückes entschieden: Wien in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts; Freud und die Psychoanalyse hätten das geistige Leben bestimmt. Die Geschichte von Paul, der sich durch ein Wahngebäude aus Vergangenheitserinnerungen vor der schmerzlichen Konfrontation mit der Realität und der Einsamkeit schützen wolle, sei von ihnen tiefenpsychologisch ausgedeutet worden.

Paul nimmt nur noch war, was ihn auf seiner Flucht vor der Wahrheit bestätige. Die Begegnung mit der Tänzerin Marietta, die seiner verstorbenen Marie verblüffend ähnelt, lösten verwirrende Prozesse in ihm aus, durch die er am Ende wieder ins Leben zurück fände.

Dabei sei es ihnen gelungen, noch viel näher an den Kern des Stückes heran zu kommen, als es Korngold selbst gelungen sei; als Erich Wolfgang Korngold (1897 – 1957) es selbst gewagt hätte! Starke Worte. Unter Mangel an Selbstbewusstsein scheint die Produktion nicht zu leiden.   Dann wollen wir mal sehen…

Der Vorhang öffnet sich zur Ouvertüre und dem ersten Bild. Wir sehen: Wenig.Wände aus großen Granitplatten. Keine Türen. Keine Fenster. In der Rückwand die Verschlussklappe einer Kühleinheit: Die Kirche des Gewesenen der Verabschiedungsraum einer Leichenhalle. Steingraue Vorhänge heben und senken sich; schieben sich wie zufällig über die Bühne. Personen treten weder auf noch ab: durch die wandernden Vorhänge sind sie plötzlich wie hingezaubert da, bzw. verschwinden ins Nichts.

Zu den Klängen der Ouvertüre sehen wir Paul, einen gebrochenen Mann im grauen Anzug, wie er sich von seiner verstorbenen, auf einer Schiebebahre halb im Kühlfach liegenden Frau Marie verabschiedet. Mit einer Schere schneidet er eine lange Strähne ihrer Haare als letzte Erinnerung ab, an die er sich verzweifelt klammert. Plötzlich steht eine schwarzgewandete Trauergemeinde auf der Bühne. In regennasser Herbststimmung erleben wir Maries Beerdigung. Auch Brigitta, die Haushälterin und Pauls Freund Frank sind anwesend. Im Anschluss hält Frank, gross gewachsen und schlank mit langem schwarzen Mantel, Hut und weiß geschminktem Gesicht, wie Gevatter Tod persönlich wirkend, Paul etwas Geschriebenes zur Unterschrift vor: Soll er ihm den Scheck für die Beerdigungskosten unter-, oder ihm seine Seele verschreiben?

Wenn Frank seinen Hut und Mantel ablegt, wirkt und gebärdet er sich wie ein spinnenbeiniger Mephistopheles. Keine Frage: Der Bariton Simon Stricker, der sowohl die Partie des Paul, als auch später den Pierrot Fritz als faustisch-diabolische Gestalt darstellt, steht für THANATOS, den Todestrieb.

Es ist überhaupt niemand einfach nur der, der er ist, sondern es fließen in dieser Inszenierung immer wieder Personen ineinander oder vertauschen die vom Libretto vorgesehenen Partien. Die Persönlichkeit erwächst weniger aus dem „Sein“, sondern eher aus dem „Gesehen werden als…“. Der von Freud postulierte Liebestrieb EROS wird sowohl von der blond gelockten Marietta, als auch von der glatthaarigen Marie vertreten.

Mit dem Erscheinen von Marietta, der Tournee-Tänzerin mit der verblüffenden Ähnlichkeit mit der verstorbenen Marie, durch deren Begegnung Paul eine völlige Wesensänderung erfahren hat, kommt Farbe auf die Bühne. Das bisherige Einheitsgrau/-schwarz verschwindet. Durch ihr Lebensfreude und ihre rosa/lila Kleidung verwandeln sich sogar die schwarzen Trauerrosen in einen rosig-duftenden Blumenstrauß.

Oper Wuppertal / Die tote Stadt - hier : Simon Stricker, Jason Wickson © Wil van Iersel

Oper Wuppertal / Die tote Stadt – hier : Simon Stricker, Jason Wickson © Wil van Iersel

Und wenn Paul ihr einen alten Schal und eine Ukulele reicht, um die Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen Marie noch zu verstärken, steht plötzlich nicht mehr Marietta, sondern Marie auf der Bühne. Durch die Vorhangtricks und eine raffinierte Beleuchtung taucht eine Jazzband auf und ein 20 Jahre jüngerer zweiter Paul. In einer Disco-beleuchteten Rückblende erleben wir eine Marie, wie sie damals das Paul so vertraute Lied singt: „Glück, das mir verblieb…“.

Marietta / Marie weist Pauls Versuch, sie in die Arme zu schließen, energisch zurück, nachdem sie erkannt hat, dass es ihm gar nicht um das Hier und Jetzt geht, sondern um ein Klammern an Erinnerungen. Sie verlässt ihn mit dem Hinweis auf eine mögliche Begegnung im Theater.

Zum zweiten Bild ist plötzlich der Bühnenhintergrund verschwunden; wir erleben eine verstörende Szene. Ein verunfalltes, auf dem Dach liegendes brennendes Auto. Offensichtlich hat sich der Kleinwagen mit dem italienischen Nummernschild mehrfach überschlagen. Um das Autowrack herum liegen mindestens 5 Tote oder Verletzte, darunter auch der junge Paul und Marie, haufenweise aufgesprungene Koffer und anderes Gepäck. Dieser Wagen war gefährlich überladen.

War es ein Unglück? Wer war der Fahrer? Hat Paul, möglicherweise sogar angetrunken, aufgrund eigenen Fehlverhaltens den Tod Maries und der Anderen verschuldet? Ist es überhaupt Trauer, die Paul in seinem Verhalten treibt, oder nutzt er seine Opferhaltung als trauernder Witwe im Grunde nur, um die Konfrontation mit seinem Täteranteilen, seiner Schuld als Verantwortlicher einer fahrlässigen Tötung zu vermeiden? War es ein Ausflug nach Venedig – der Name wird erwähnt -, der zweiten Toten Stadt  Europas neben dem belgischen Brügge, wo die Handlung des Stückes verortet ist?

Paul begegnet seiner ehemaligen Haushälterin Brigitta, die ihn wegen seiner treulosen Leidenschaft zu Marietta verlassen hat und in ein Kloster eingetreten ist, dann Frank, der ebenfalls in Marietta verliebt ist und einen Schlüssel zu ihrer Wohnung besitzt.

Paul kämpft mit ihm um diesen Schlüssel und entwendet ihn. Eine nur mit Unterwäsche bekleidete Ordensschwester, erkennbar an ihrer Kopftracht, tritt auf und beobachtet die Szene. Bruchstückhafte Bilder, Erinnerungen, Träume. Platz für Assoziationen. Marietta / Marie und ihre Freunde erheben sich aus ihrer Position des Unfallgeschehens und bilden eine Theatertruppe, die ein improvisiertes Spiel beginnt, wobei sie von Paul beobachtet werden. Sie spielen die „Auferstehung der Helene“ aus Meyerbeers Oper ROBERT DER TEUFEL, wobei Marietta Marie darstellt, die von den Toten aufersteht. Paul klagt Marietta / Marie der Blasphemie heiliger Gefühle an, worauf diese erneut ihre ganze Verführungskunst aufbietet und Paul erneut in ihren Bann zieht.

Oper Wuppertal / Die tote Stadt - hier : Susanne Serfling, Jason Wickson © Wil van Iersel

Oper Wuppertal / Die tote Stadt – hier : Susanne Serfling, Jason Wickson © Wil van Iersel

„Mein Sehnen, mein Wähnen“, großartig gesungen!

In seinem Haus will sie (Wer? Marietta – Marie?) ihm angehören; sie nimmt den Kampf mit der toten Rivalin auf. Oder kämpft sie nur um ein Leben in der Gegenwart, in dem die Vergangenheit in den Hintergrund rückt? Die zahlreichen Personen auf der Bühne sind kaum noch eindeutig zuzuordnen. Haarsträhnen werden abgeschnitten, von Hand zu Hand gereicht. Teils gekost oder als Geißel verwendet. Die Handlung verwirrt. Die Intensität des Duettes zwischen Paul und Marietta/Marie steht einer wagnerschen Tristan-Aufführung in nichts nach. Es ist nichts mehr klar, aber alles hochemotional.

Im dritten Bild sehen wir erneut die vorbekannte leere Leichenhalle. Die Kühlfachklappe ist geöffnet, wie ein Fenster zu einer anderen Welt. Musik und Gesang der Heiligblutprozession, von der das Libretto zwar berichtet, die diese Aufführung jedoch nicht zeigt, erscheinen daher fremd, unerklärt und jenseitig. Wie ein Orpheus scheint Paul seine Eurydike aus dem Totenreich singen zu wollen. Pauls Wunsch, Marietta solle sich nicht am Fenster zeigen, wirkt wie der Versuch, Marie an der Rückkehr ins Jenseits zu hindern. Eine kurz erscheinende Orgie/Vergewaltigung-Szene im Hintergrund sorgt für weitere Verstörung.

Marietta / Marie schneidet sich selbst eine Strähne aus dem Haar und verhöhnt Paul damit; raubt ihm alle Besinnung. Der Bühnenhintergrund verschwindet erneut: wir sehen den kleinen fahrbereiten Kleinwagen mit italienischem Kennzeichen. Marie steigt ein und fährt davon. In einer Videoprojektion sehen wir ihre Fahrt mit überhöhter Geschwindigkeit durch einen Tunnel. Ein Unfall. Sie war alleine im Auto. Paul trifft keine Schuld.

Die Traumbilder sind verschwunden, die Realität ist wiederhergestellt. Wir sehen keinen Verabschiedungsraum einer Leichenhalle, sondern das Leichenlager einer Prosektur. Türen führen hinein und hinaus. Kein zauberhaftes Verschwinden mehr. Personen treten auf und ab. Eine Stimme meldet die Rückkehr einer fremden Dame, die einen Rosenstrauß vergessen habe. Paul ist nun Pfleger der Pathologie. „Ein Traum hat meinen Traum zerstört“, beschreibt Paul im Schlussakt den Prozess seiner Heilung. Er wird die Tote Stadt verlassen. Nach dem er abgegangen ist, öffnet er die Türe ein letztes mal und singt durch den Spalt sein abschließendes: „Glück, das mir verblieb…“.

GIGANTISCH!  Das Haus tobt  zur der zweiten Vorstellung der Inszenierung! Ovationen und nicht enden wollender Applaus, zahlreiche Vorhänge. Chapeau!  Regisseur David Greiner hatte wahrlich nicht zu viel versprochen.


Die tote Stadt  –  Oper von Erich Wolfgang Korngold, Libretto: Paul Schott, Uraufführung: 4. Dezember 1920

Die tote Stadt, op. 12, ist eine durchkomponierte Oper in drei Bildern mit einer Musik von Ericht Wolfgang Korngold und Texten von Paul Schott, einem Pseudonym, unter dem Julius Korngold, Erich Wolfgang Korngolds Vater, und der Komponist selbst zusammenarbeiteten. Das Libretto basiert auf dem symbolistischen Roman Das tote Brügge (Bruges-la-morte, 1892; deutsche Übersetzung: 1903) von Georges Rodenbach (1855–1898).
Erich Wolfgang Korngold, er galt als „Wunderkind“, war  zur Uraufführung von Die tote Stadt  erst 23 Jahre alt.
Die „tote Stadt“ steht für Brügge, einst Hafenstadt, jetzt aber versandet, dadurch von der Welt abgeschnitten und mit der mühsamen Verarbeitung ihrer Vergangenheit beschäftigt. Man darf annehmen, dass Vater Korngold als Ort der Handlung zwar vordergründig Brügge übernommen, aber Wien gemeint hat. Ist doch die Habsburger Monarchie soeben untergegangen. Und gerade in Wien herrscht nach dem Ende des traumatisierenden ersten Weltkrieges eine „fin-de-siècle“-Stimmung.
Erich Wolfgang Korngold, Sohn des jüdischen als Nachfolger von Eduard Hanslick in Wien tätigen Kritikers Julius Korngold gewann nach Kompositionsstudien u.a. – auf Anraten von Gustav Mahler – bei Alexander von Zemlinsky schnell eine ungewöhnliche handwerkliche Sicherheit. Schon als Neunjähriger überraschte er mit einer Kantate, seine 1910 unter Mithilfe Zemlinskys in der Wiener Hofoper uraufgeführte Pantomime DER SCHNEEWIND brachte ihm den von Mahler ausgesprochenen, von Strauss und Puccini bestätigten Ruf eines „Wunderkindes“ ein.
Korngold, dessen Hauptwerke wie in einer Beschwörung des Nicht-vergessen-Werdens um das Thema der Auferstehung kreisen, gehörte wie Zemlinsky, Schreker und andere zu jenen Komponisten, denen zweimal im Leben das Lebensrecht bestritten wurde: durch die faschistische Verfemung 1933 als „entartete Kunst“ und durch das deutsch-österreichische Musikleben nach 1945 mit seinem rigiden Avantgarde-Denken. Die nationalsozialistische Machtergreifung, die 1938 mit dem Anschluss auch Österreich heimsuchte, bedingte, dass Korngold in die USA ging. In Hollywood avancierte er zum gefeierten Filmmusikkomponisten, der zwei Oscars gewann. Der Versuch, nach dem Krieg in der Heimat wieder Fuß zu fassen, scheiterte. Korngold ging in die USA zurück und starb dort 1957.
Im Gegensatz zur Wiener Schule rund um Schönberg, Berg und Webern, die Atonalität und später die Zwölftontechnik propagierten, zeigt der Komponist in dieser Oper einen spätromantischen Stil, geprägt durch seinen Lehrer Alexander von Zemlinsky, Richard Wagners Chromatik Leitmotiv-Technik, sowie die Orchestrierungstechnik von Richard Strauss.
Korngolds Partitur zeigt aber auch Einflüsse des Verismo Puccinis. Als berühmteste Nummern der Oper gelten das Duett zwischen Paul und Marietta „Glück, das mir verblieb“ (Mariettas Lied) und die schwärmerisch-melancholische Bariton-Arie „Mein Sehnen, mein Wähnen“. Es ist eine sinnliche, ja manchmal übersinnliche Musik, die uns wollüstige Emotionen erfahren lässt, aber melodisch auch menschliche Abgründe darstellen kann. Korngold hat für die musikalische Umsetzung dieses Seelendramas nicht zufällig ein opulent besetztes Orchester gewählt, wie man es sonst nur von Mahler kennt.
Der dramatische Tenor Jason Wickson, USA, konzentriert sich in der Partie als Paul vor allem auf den lyrischen Gesang und gestaltet die schlicht eingängigen Melodien Korngolds mit enormer Kraft und zauberhafter Schönheit. Zu Beginn des zweiten Teils zeigt er in den Piano-Teilen leichte Ermüdungserscheinungen, jedoch findet er kurze Zeit später zur vorherigen Kraft zurück.
Die Besetzung  –  Die tote Stadt
Die deutsch-ungarische Sopranistin Susann Serfing, seit 2014 freischaffend, analysierte das Kapriziöse der Partie der Marietta / Marie mit Esprit und Herzlichkeit.
Das Ensemble der Oper Wuppertal:  Iris Marie Sojer: Lucienne, Sangmin Jeon: Victorin / Gaston (Sänger), Simon Stricker: Frank / Fritz, Mark Bowman-Hester: Graf Albert
Ariana Lucas: Brigitta, Anne Martha Schuitemaker: Juliette
Am Pult der Wuppertaler Oper begleitete Johannes Pell (*1982 in Linz) das Sängerensemble und ließ die Klangfarben der Korngold-Partitur in einem Rausch der Melodik erstrahlen. Seit der Saison 2016/17 ist Johannes Pell 1. Kapellmeister an den Wuppertaler Bühnen.
Die Kostüme und Choreografie stammen von Fabian Posca, den eine langjährige Zusammenarbeit mit Immo Karaman verbindet.
Die Leitung des Chores lang in den Händen von Markus Baisch, der seit der Spielzeit 2016/17 als Chordirektor mit Dirigierverpflichtung an der Oper Wuppertal engagiert ist.

Die tote Stadt an der Oper Wuppertal; die weiteren Termine 30.6.; 12.7.2019

—| IOCO Kritik Wuppertaler Bühnen |—

Wuppertal, Oper Wuppertal, DIE TOTE STADT – Erich W. Korngold, 16.06.2019

Mai 27, 2019  
Veröffentlicht unter Oper, Pressemeldung, Wuppertaler Bühnen

Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

DIE TOTE STADT  –  Erich Wolfgang Korngold

Premiere: Sonntag 16. Juni 2019, 18:00 Uhr

die Oper Wuppertal lädt ein zum Psychotrip über Verlust, Angst und natürlich auch die Liebe. Fast 100 Jahre nach der Uraufführung (1920) ertönt der Sensationserfolg des Wiener »Wunderkinds« Erich Wolfgang Korngold nun erstmals in Wuppertal. Das international renommierte

Regieteam Immo Karaman / Fabian Posca arbeitet bereits zum wiederholten Mal an der Oper Wuppertal und die überbordend reiche Musik liegt in den Händen des 1. Kapellmeisters Johannes Pell.

Der amerikanische Tenor Jason Wickson gibt sein Deutschlanddebüt und die Sopranistin Susanne Serfling ihr Hausdebüt.

Paul kommt über den Tod seiner geliebten Frau Marie nicht hinweg und lebt in einem Erinnerungsraum für die Tote. Von der Tänzerin Marietta ist er zunächst ob ihrer Ähnlichkeit zu Marie fasziniert, doch dann verliert er sich in einem Strudel von widerstrebenden Gefühlen, die diese Liebe in Hass verwandeln. Erst spät erkennt er, dass er einen Teil seiner Erlebnisse nur geträumt hat, und beschließt nun, die tote Stadt zu verlassen.

 Premiere: Sonntag 16. Juni 2019.

—| Pressemeldung Wuppertaler Bühnen |—

Wuppertal, Oper Wuppertal, Luisa Miller – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 22.12.2018

Dezember 22, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Wuppertaler Bühnen

Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Luisa Miller – Giuseppe Verdi

Oper Wuppertal – Mit gefeierter Inszenierung auf gutem Weg zu neuen Ufern

Von Viktor Jarosch

Die Oper Wuppertal hat die „schweren Jahre der Selbstfindung“ – ob Opera Stagione oder Produktionen mit eigenem Ensemble – wohl hinter sich. Die Premiere von Luisa Miller, eine Kooperation mit der Londoner English National Opera, wurde vom Publikum überschwänglich gefeiert: Die Inszenierung modern wie stimmig; ein überraschend starkes Ensemble; ein sensibles Orchester. Die Oper Wuppertal, auch dank Luisa Miller, reiht sich wieder ein, mit großen Produktionen und einem starken Ensemble, in die großen Theater NRW´s.

Friedrich von Schiller war Opfer zahlreicher Ungerechtigkeiten und Fürstenwillkür. Unter dem württembergischen Herzog Carl Eugen, welcher sein verschwenderisches Hofleben nach dem Versailler Hof ausrichtete, musste er 1782, nach Uraufführung seines Dramas Die Räuber, fliehen; zunächst nach Mannheim, wo er am Nationaltheater arbeitete. Als Herzog Carl Eugen sich um seine Auslieferung bemühte, zog Schiller unter falschem Namen nach Thüringen, wo er Kabale und Liebe vollendete. Kabale und Liebe, oder Luise Millerin – wie es ursprünglich hieß -, wurde zum erneuten Protest gegen Willkür der Adelsschicht; doch nicht, wie Die Räuber in „rohem“ sondern in „gepflegtem“ Gewand.

Luisa Miller, vierzehnte von Verdis 28 Opern, abgeleitet von Schillers Drama Kabale und Liebe, ist komplex und anspruchsvoll, ist Verdis erstes „bürgerliche Trauerspiel“. Kabale und Liebe reflektiert die politischen Unruhen des Jahres 1848, die in ganz Europa zur Auflehnung gegen herrschende Adelsklasse, gegen die Zwänge der Ständegesellschaft führten. Das Herz Verdis, des „Bauern von Roncole“ schlug ebenfalls für Bauern und Bürgertum. Als Vincenco Flauto, Intendant des Teatro San Carlo Neapel, ihn 1849 aufforderte, bestehenden Kompositions-Verpflichtungen nachzukommen, beschloss er unter Beachtung heikler Zensurverhältnisse und damaligem Kompositions-verständnis Schillers Kabale und Liebe zu vertonen. Luisa Miller wurde nie populär, doch steht sie kompositorisch Verdis erfolgreichen Werken in nichts nach.

Oper Wuppertal / Luisa Miller - hier : Vater Miller, Luisa als Kind und Clowns des Lebens © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Luisa Miller – hier : Vater Miller, Luisa als Kind und Clowns des Lebens © Jens Grossmann

Luisa Miller, wie Kabale und Liebe, gehören zu den ersten großen Opern / Dramen, in welchen Glanz, Intrige und Liebe zwischen Adel und Bürgertum changieren. Luisa, die Tochter des Stadtmusikanten Miller und Rodolfo, Sohn des adligen Il Conte di Walter, haben sich verliebt. Doch diese nicht standesgemäße Liaison wird von ihren Vätern abgelehnt: Miller möchte seine Tochter immer bei sich haben, akzeptiert nicht ihr Erwachsenwerden. Il Conte di Walter, von Habgier und Amoral innerlich zerfressen, sucht eigenes Verhalten auf seinen Sohn Rodolfo zu projizieren. Doch Rodolfo rebelliert gegen seinen Vater und will mit der jungen, geliebten Luisa aus der von Gier und Gewalt getriebenen Welt des Vaters ausbrechen. Wurm, selbst an Luisa interessiert, spinnt, im eigenen Mittelmaß wirkend, zahlreiche Intrigen, an welchen Rodolfo und Luisa letztlich zerbrechen, sterben.

Die tschechische Regisseurin Barbora Horakova mit Andrew Liebermann (Bühne) und Eva Maria van Acker (Kostüme) schaffen in Wuppertal bei klarem, hellem sich stets sanft wandelndem Bühnenbild eine moderne Inszenierung von beständig hoher Spannung. Eine brillant detailreiche Choreographie treibt die heterogen Handelnden von einem unschuldig eröffnenden Tanz letztlich in die Katastrophe. So öffnen zur Ouvertüre am Bühnenrand ein Junge und ein Mädchen, Rodolfo und Luisa noch als Kinder, einen Geschenkkarton, finden darin Malstifte und einen Teddy und zeichnen die Worte Intrigo und Amore (Kabale – Liebe) in großen Lettern, auf Wände links und rechts der Bühne; die ihr kommendes Leben zeichnenden Werte: Farbe und „Schmierereien“ an Wänden werden so zu Teil der Choreographie, der Inszenierung: Die hellen Wände wie die Worte Intrigo und Amore begleiten das Drama bildhaft durch den Abend: Unauffällig aber beständig verwischen vier Tänzer die zwei Worte, die Bühnenwände wie sich selbst mit dunklen Farben. So sind die am Ende schwarz verschmierten Wände sichtbarer Ausdruck der tragisch gescheiterten Intrigen.

Oper Wuppertal / Luisa Miller - hier : Rodolfo und Luisa © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Luisa Miller – hier : Rodolfo und Luisa © Jens Grossmann

Bereits das erste frohsinnige Bild der Inszenierung bannt den Besucher: Auf weitgehend leerer heller Bühne feiert die Dorfgemeinschaft Luisas Geburtstag, singt in filigran clownesken Kostümen, Luisa umtänzelnd: „Ti desta, Luisa, regina de’cori; i monti già lambe un riso di luce“ (Erwache, Luisa, Königin der Herzen; schon wirft die Sonne ihre Strahlen auf die Berge). Luftballons und Luisa mit Engelsflügeln; Rodolfo, welcher Luisa einen Ring überreicht; Vater MillerMöge kein Unheil aus deiner Beziehung entstehen..“ zeichnen das Bild einer – noch – innig ungetrübten Liebesbeziehung. Doch die folgenden Szenen, wenn Il Conte di Walter seinen Sohn Rodolfo herausfordert: „Der Weg zum Königshof öffnet sich Dir… Gehorche, mein Wille ist Gesetz..“ deuten, bereiten den Weg in die Katastrophe.

Viel Symbolik und feine Choreographie zeichnen die Charaktere der Protagonisten. Wenn Wurm auf einem Gerüst sitzend ein Pendel schwingt, über Intrigen sinniert oder Masken aufzieht; wenn Luftballons immer wieder das frohe Leben signalisieren; wenn im Sterben der Luisa („Vater, nimm den letzten Gruß, segne mich“) im Hintergrund der Bühne Clowns mit Luftballons neues Leben signalisieren. So stützen in dieser Inszenierung vielfältige Symbolik und  Choreographie das Verständnis die Protagonisten und ihre Handeln.

Oper Wuppertal / Luisa Miller - hier : Miller und Tragik abbildende Clowns © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Luisa Miller – hier : Miller und Tragik abbildende Clowns © Jens Grossmann

Das starke eigene Ensemble der Oper Wuppertal und Gäste formten die stimmlich so anspruchsvolle Oper: Izabela Matula zeichnet Luisa ihre anspruchsvollen Sopranarien mit dem frühen Beginn die wechselnden Charaktere, vom unschuldigen Mädchen zur getriebenen Frau, mit bleibend rundem Timbre und sicheren Koloraturen. Rodrigo Porras Garulo verkörpert als Rodolfo den rebellischen Sohn ebenso lebendig wie er als sterbend Liebender mit sensiblem, lyrischem Tenor die Besucher ergreift. Sebastian Campione überzeugt mit schwarzem Bass als fordernder, rücksichtsloser Il Conte di Walter; Michael Tews, mit und ohne Maske, ist mit wohl gefärbtem Bass der im Hintergrund beständig konspirierende Wurm. Anton Keremidtchiev agiert als Miller zurückhaltend, leise; doch seine anspruchsvolle Partie phrasiert er mit strahlendem Bariton. Nana Dzidziguri gestaltet als Frederica, Luisas Gegenspielerin, ihre Partie mit kräftigen Mezzo überzeugend.

Julias Jones führte das Sinfonieorchester Wuppertal schon zur Ouvertüre, mit den spielenden Kindern Luisa und Rodolfo am Bühnenrand, in präzisem Dirigat zu wunderbaren Klangfarben. Unser Erstaunen über die Sicherheit des Dirigats setzte sich fort, ergriff auch Streicher und auch die Bläser, welche mit zartesten Piani wie kräftigem Fortissimo verzauberten.

Der langanhalte begeisterte Schlussapplaus für Ensemble, Orchester und Regieteam hatte sich zuvor in zahlreichem Szenenapplaus angekündigt. Luisa Miller wird als Produktion wohl über Jahre auf dem Wuppertaler Spielplan bestehen und bestätigt zudem  die Stadtväter, in ihrer neuen Ausrichtung der Oper Wuppertal.

Luisa Miller an der Oper Wuppertal; die weiteren Termine: 22.12.2018; 27.1.; 17.2.; 28.2.2019

—| IOCO Kritik Wuppertaler Bühnen |—

Wuppertal, Wuppertaler Bühnen, Hanns-Martin Schneidt ‹1930 – 2018›, IOCO Aktuell, 11.06.2018

Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

 Hanns-Martin Schneidt  ‹1930 – 2018›

Wuppertaler Bühnen und Sinfonieorchester trauern

Der ehemalige Generalmusikdirektor Hanns-Martin Schneidt verstarb am 28. Mai im Alter von 87 Jahren im Kreise seiner Familie. Von 1963 bis 1985 wirkte Schneidt als Generalmusikdirektor des Sinfonieorchester Wuppertal und war später Chef der Oper Wuppertal.

»Wir trauern um einen Künstler, der über einen außergewöhnlich langen Zeitraum das musikalische Leben Wuppertals, des Sinfonieorchesters und der Bühnen geprägt hat. Die Erinnerungen an diesen großen Musiker und Theatermenschen sind an unserem Haus immer noch lebendig und sein Schaffen wirkt immer noch nach.«, so Generalmusikdirektorin Julia Jones und Opernintendant Berthold Schneider.

Hanns-Martin Schneidt © Stadtarchiv Wuppertal

Hanns-Martin Schneidt © Stadtarchiv Wuppertal

22 Jahre lang gestaltete er maßgeblich das musikalische Kulturangebot der Stadt Wuppertal. Unvergessen ist u. a. der Zyklus mit den Brandenburgischen Konzerten, die Hanns-Martin Schneidt vom Cembalo aus leitete. Darüber hinaus gestaltete er viele Kammerkonzerte mit Mitgliedern aus dem Sinfonieorchester und etablierte eine Reihe mit Werken der Klassischen Moderne sowie mit zeitgenössischer Musik in Wuppertal. Aufgrund seiner Chorprägung widmete er sich als Opernchef intensiv der Pflege des Opernensembles. 1985, schon von seinem späteren beruflichen Standort München aus, brachte er die langfristig angelegte Produktion von Richard Wagners Der Ring des Nibelungen mit der Götterdämmerung zu Ende.

Hanns-Martin Schneidt aus einer Pfarrersfamilie stammend, wurde 1930 im fränkischen Kitzingen geboren und wuchs in Leipzig auf, wo er Mitglied des Thomanerchores wurde. Neben seiner kirchenmusikalischen Tätigkeit widmete er sich nach einem ersten, erfolgreichen Konzert mit den Berliner Philharmonikern zunehmend der großen Sinfonik sowie der Oper.

Im Anschluss an seiner Wuppertaler Zeit leitete er von 1984 bis 2001 als Nachfolger von Karl Richter den Münchener Bach-Chor. Ab 1985 war er zugleich Professor für Orchesterleitung und Kirchenmusik an der Hochschule für Musik und Theater München. Ab 2001 nahm Hanns-Martin Schneidt zudem eine Professur an der Tokyo National University of Fine Arts and Music an und war von 2007 bis 2009 Chefdirigent des Kanagawa Philharmonic Orchestra.

Hanns-Martin Schneidt wurde für seine Arbeit und sein leidenschaftliches Engagement für die Musik mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Eduard von der Heydt-Kulturpreis der Stadt Wuppertal, mit der Medaille ›München leuchtet‹, dem Bundesverdienstkreuz und dem Bayerischen Verdienstorden.

—| Pressemeldung Wuppertaler Bühnen |—

Nächste Seite »