Wolfsburg, Scharoun-Theater, Intendant Lattemann – Spielplan 2020/21, IOCO Aktuell, 08.07.2020

Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

 2020/21: Dido and Aeneas, Schwanensee und viel mehr  ..

 Intendant  Dirk Lattemann, ein Tourneetheater, über 100.000 Besucher

von Christian Biskup

Das modern wirkende Scharoun-Theater Wolfsburg, ein Tourneetheater ohne eigenes Ensemble, wurde 1973 neu eröffnet. Es ist benannt nach seinem Architekten Hans Scharoun. Mit der Spielzeit 2020/21 ändert sich einiges im Scharoun-Theater: Eine Ausstellungseröffnung, die Verabschiedung einer verdienten Mitarbeiterin, ein neuer Intendant und, natürlich, ein spannender Spielplan für 2020/21.

Rainer Steinkamp, Intendant des Wolfsburger Scharoun-Theater seit 2008, gibt zur Spielzeit 2020/21 die Intendanz an Dirk Lattemann (*1976) ab. Als Schauspieler und guter Kenner des Veranstaltungssektors, kennt Lattemann die Gegebenheiten des Theater Wolfsburg gut. Und so liegt mit dem Spielplan 2020/21 (link HIER) auch ein vielversprechendes Programm für die Stadt und den Kreis Wolfsburg vor. Lattemann möchte zukünftig auch außerhalb „seines“ Theaters mehr der Stadt Wolfsburg spürbar sein, plant Veranstaltungen in kleinen Spielstätten und mit dem Wolfsburger Kunstmuseum.zu gemeinsamen „neuen Ufern“ finden.

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, Intendant Dirk Lattemann rechts © Marc Angerstein

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, Intendant Dirk Lattemann rechts © Marc Angerstein

Steinkamp, der seit 2008 als Nachfolger von Hans Thoenies das Programm quantitativ verkleinerte jedoch qualitativ steigerte, kann auf 12 erfolgreiche Jahre in Wolfsburg zurückblicken. Sein guter Kontakte zu Schulen, sowie eine enge Bindung zu anderen Bildungsinstitutionen in Wolfsburg, machten ihn zu einem gern gesehenen Gast in jeglichen Belangen. Zeitgleich mit Rainer Steinkamp, verlässt auch Marita Stolz das Scharoun-Theater. Über vierundzwanzig Jahre prägte Marita Stolz das Theater hinter der Bühne; zuerst als Veranstaltungsplanerin, dann in der Pressearbeit. Obgleich die Verabschiedung beider durch die Corona-Situation kleiner als geplant ausfallen musste, muss man ihnen für ihre Verdienste danken. Vor dem Abschied verwirklichten sie noch eine Neugestaltung des Theaterfoyers. Fotografien des Wolfburger Fotografen Heinrich Heidersberger zieren nun die Wände; sind als Dauerausstellung für Besucher zugänglich.

Scharoun-Theater Wolfsburg – Der Spielplan 2020/21 und mehr –  HIER

Das Scharoun Theater ist seit jeher ein Tourneetheater und bot schon zahlreichen Künstlern, darunter auch Weltstars wie Nigel Kennedy, Andris Nelsons oder Christian Thielemann eine Bühne. Auffällig: das Konzertprogramm wird weitgehend vom Orchester des nahe gelegenen Staatstheater Braunschweig und dem Staatstheater verbundenen Künstlern bestritten. Highlights des Spielpan 2020/21 dürften das Gastspiel von Albrecht Mayer und I musici di Roma am 9. Oktober 2020 und am 23. Januar 2021 ein Konzert mit der Radiophilharmonie Hannover unter Andrew Manze sein.

Im Musiktheater wird zu Beginn der Spielzeit 2020/21 auf größere Aufführungen verzichtet. Mit Dido and Aeneas von Henry Purcell (13. November 2020) und Der Apotheker von Joseph Haydn (27. Februar 2021) wurden Werke gewählt, die auch unter den Corona-Vorschriften funktionieren sollten. Ab März stehen mit La Traviata (17. März 2021), Jesus Christ Superstar (27. und 28. April 2021) und Puccinis Turandot (27.05.2021) wieder große Werke des Musicals und der Oper mit viel Chor auf der Bühne. Freunde des Tanzes können sich über zwei Gastspiele des Russischen Nationalballett freuen: Giselle von Adolphe Adam wird am 07. Dezember 2020, Schwanensee am  08. Dezember 2020 gespielt.

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, hier die Verabschiedung von Marta Stolz © Scharoun Theater / Maedler

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, hier die Verabschiedung von Marta Stolz © Scharoun Theater / Maedler

Illustre Gäste erwartet die Besucher des Scharoun Theater im Schauspiel: Der mehrfache Grimme-Preisträger und Tatort-Kommisar Jörg Schüttauf spielt am 26. September 2020 in der Revue Paul Abraham – Operettenkönig von Berlin den von rauschendem Erfolg, Vertreibung und Wahnsinn getriebenen „Titelheld“. In der reizvollen Komödie Monsieur Pierre geht online (24. Oktober 2020) wird der aus Film und Fernsehen bekannte Bürger Lars Dietrich auftreten. Mit Boris Aljinovic steht am 24. November 2020 ein weiterer Tatort-Kommisar in der Komödie Nein zum Geld auf der Wolfsburger Bühne. Ein Angriff auf die Lachmuskeln dürfte auch das Stück Komplexe Väter von René Heinersdorff sein. Mit Hugo Egon Balder und Jochen Busse darf sich das Publikum auf zwei Urgesteine des Humors freuen.

Nicht weniger unterhaltsam werden die Abende mit Götz Alsmann (28. Februar 2021) und Dominique Horwitz (24. März 2021), in welchen Kunst und Komik gleichsam bedienen werden.

Auch die A-Capella-Gesangskunst steht erfreulicherweise unter der neuen Intendanz wieder auf dem Programm. In der Chorstadt Wolfsburg zeigte sich dieses Angebot in den vergangenen Jahren als perfekt zugeschnitten auf die Gäste des Scharoun Theater. Neben Delta Q (30. September 2020) und Voices of the North (05. November 2020), sind auch Stammgäste wie Maybebop (03. Dezember 2020) und Vocaldente (13. Januar 2021) zu erleben.

Die kleine Meerjungfrau – ein Kinderstück aus dem Jahr 2017
youtube Trailer Scharoun Theater Wolfsbrug
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Auch für das junge Publikum bietet das Scharoun-Theater 2020/21 pannendes: So schon am 20. und 21.9.2020:  Zinnober in der grauen Stadt heißt das Stück für Kinder ab 4 Jahren, nach dem Buch von Margret Rettich.  Die Handlung: Alles ist grau in der Stadt des Malers Zinnober: Häuser, Straßen, Spielplätze, Plüschtiere, Erdbeerkuchen, Weihnachtsbäume, Luftballons, Sommerkleider – einfach alles ist immer nur grau. Dabei liebt Zinnober Farben! Zusammen mit den Kindern Paula und Jonas entwirft er einen großen Plan: Die Stadt soll bunt werden, vielfältig, sie soll leuchten! Und siehe da: Es ist ansteckend!

Dirk Lattemann und sein Team haben für die Spielzeit 2020/21 ein vielseitiges und vielversprechendes Programm entworfen. Man muss nun hoffen, dass die Corona-Krise die Spielzeit nicht zu sehr durcheinanderbringt wenn es heißt: Bühne frei!

—| IOCO Aktuell Scharoun Theater Wolfsburg |—

Wolfsburg, Scharoun-Theater Wolfsburg, SCHWANENSEE – Ukrainische Staatsoper „Taras Schetschenko“, IOCO Kritik, 25.02.2020

Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

 Schwanensee  – Ukrainische Staatsoper „Taras Schetschenko“

Kein sterbender Schwan – aber Happy End für Alle

von Christian Biskup

Jedes Jahr touren zahlreiche Ensembles mit dem Stück durch Deutschland – Schwanensee! Ob mit oder ohne Orchester, die Ballettgruppen kommen meist aus Osteuropa, denn dort wird der Spitzentanz, anders als an den meisten deutschen Häusern, traditionell noch an den verschiedensten Theatern der Länder auf die Bühne gebracht. Das Ballett und Orchester der Ukrainischen Staatsoper „Taras Schetschenko“ Kiew folgte der Einladung ins Scharoun-Theater Wolfsburg und führte dem Publikum die ganze Kunst des Spitzentanzes vor.

Schwanensee von Pjotr Ijitsch Tschaikowsky  ist ein Klassiker der Ballettliteratur. 1877, bei der Uraufführung im Bolschoi-Theater von Moskau war das Stück kein Erfolg. Damals was das Bolschoi-Theater noch nicht das Bolschoi von heute. Mangelnde Vorbereitung, zu schwierige Musik und eine schlechte Ausstattung ließen das Stück schnell vom Spielplan verschwinden. Erst 1895 wurde mit der Choreografie von Marius Petipa (1818-1910) und Lew Iwanow (1824-1901) ein Siegeszug eingeleitet, der bis heute anhält. Und auf jene Choreografie, sowie auf die Wiederaufführungen von Alexander Gorsky (1871-1924), Fjedor Lopuchow (1886-1973) und Vladimir Burmeister (1904-1971) beruft sich die Choreografie von Valerie Kovtun (1944-2005), die bereits 1986 Premiere hatte und bis zum 23.02 auf Deutschland-Tournee war. Wer auf den sterbenden Schwan wartete, wartete jedoch vergeblich. In Tschaikowskys Schwanensee gibt es kein Sterbesolo, dieses wurde 1905 erst zu Camille Saint-Saens Schwanenmusik aus dem Carneval der Tiere für Primaballerina Anna Pawlowa choreografiert. Tatsächlich gibt es jedoch für Tschaikowskys Schwanensee verschiedene Finalversionen, die ein Sterbesolo erlauben würden. Doch die Inszenierung der Ukrainischen Staatsoper „Taras Schetschenko“ spielt die Version mit „Happy End“ für die Hauptprotagonisten:

Scharoun Theater Wolfsburg / SCHWANENSEE © Staatsoper Kiew

Scharoun Theater Wolfsburg / SCHWANENSEE © Staatsoper Kiew

Prinz Siegfried feiert mit Freunden seinen 21. Geburtstag. Von seiner Mutter erhält er eine wertvolle Armbrust versehen mit der Erinnerung, dass er beim Hofball am nächsten Tag aus vier potenziellen Bräuten eine auszuwählen habe. Als der Abend anbricht und der Prinz weiße Schwäne vorüberziehen sieht, entschließt er sich auf die Jagd zu gehen. Am See angekommen, sieht er, dass sich die Schwäne in schöne Schwanenmädchen verwandeln. Odette, die Prinzessin, berichtet, dass der böse Zauberer Rothbart sie in Schwäne verwandelt hat und er nur zur Mitternachtszeit keine Macht mehr über sie hat, weshalb sie in ihrer menschlichen Gestalt erscheinen. Erlösung vom Fluch gibt es nur, wenn ihnen jemand ewige Treue schwört. Wird der Schwur gebrochen, bleiben sie für immer Schwäne. Bezaubert von ihrer Schönheit schwört Siegfried Treue und bittet sie zum Ball zu kommen. Doch sie kann nicht. Rothbart, der den Schwur beobachtet hat, schmiedet derweil schon Pläne, wie er sie in seiner Macht behalten kann.

Beim Hofball im Festsaal des Schlosses am nächsten Tag lehnt Siegfried alle potenziellen Bräute ab – seine Gedanken gelten nur Odette. Erst als Rothbart mit seiner Tochter Odile erscheint, die vom Vater die Gesichtszüge Odettes erhalten hat, ist Siegfried entflammt, glaubt er doch Odette zu sehen. Seiner Mutter berichtet er, dass sie seine Braut sein soll. Rothbart und Odile verlassen daraufhin triumphierend den Saal. Als an einem Palastfenster die traurige Odette erscheint, erkennt er den Betrug und eilt schnell zum See der Schwäne. Er erklärt Odette den Betrug und beteuert, dass sein Treueschwur nur ihr gegolten habe. Doch Rothbart gibt so schnell nicht auf – er entfesselt die Elemente und beginnt mit Siegfried zu kämpfen. Dieser verletzt ihn so schwer, dass Rothbart seine Zauberkraft verliert – die Schwanenmädchen sind erlöst!

Die Ausstattung von Maria Lewitskaja ist konventionell-konservativ aber sehr poetisch. Gemalte Bühnenprospekte, von denen der Schwanensee in seinen blau-schimmernden Tönen besonders hervorsticht, sowie die prachtvolle Ausstattung des Festsaales mit Thronsessel sind mit den prächtigen Kostümen ein Genuss für die Augen. Eine kluge Lichtregie verstärkt die jeweilige Stimmung. Hier wird nur erzählt, nichts gedeutet, was den Gegnern von jeglicher Art von Regietheater sicher entgegen kommt. Trotzdem oder deshalb ist der Abend nicht langweilig, was an den starken Leistungen der Tänzer liegt. Den größten Erfolg konnte Daniil Silkin und das Corps de Ballet im neapolischen Tanz der Tanzfolge im dritten Akt erringen. Sein zahlreichen schwindelerregenden Fouettés en tournant sowie das perfekte Timing zur Musik machten ihn – trotz der Kürze des Auftritts – zum Publikumsliebling des Abends.

Scharoun Theater Wolfsburg / SCHWANENSEE hier die Primaballerina Anastasia Schewtschenko als weißer Schwan © Staatsoper Kiew

Scharoun Theater Wolfsburg / SCHWANENSEE hier die Primaballerina Anastasia Schewtschenko  © Staatsoper Kiew

Doch auch die 1993 geborene Primaballerina Anastasia Schewtschenko konnte in der Doppelrolle der Odette / Odile überzeugen. Grazil und elegant, sowie zu Beginn ihres Auftritts wunderbar scharwenzelnd, gab sie mit fließenden Armbewegungen die begehrenswerte Schwanenprinzessin. Ihre Wandlung zur dunklen Odile gelang spielerisch. Ihr Bühnenpartner Oleksi Tiutiunnyk in der Rolle des Prinzen begeisterte besonders durch seine Grand jetés, die großen Sprünge, die ihn scheinbar schwerelos über die Bühne schweben ließen, wobei sich offenbarte, dass die Wolfsburger Bühne für sein Können eigentlich zu klein ist. Sehr beeindruckend gelang der Kampf zwischen Siegfried und dem Zauberer Rothbart (kraftvoll und energiestrotzend Volodymyr Kutuzov), der temporeich und sehr dynamisch choreografiert wurde. Für viel Beifall sorgte auch der Tanz der kleinen Schwäne (Inna Chorna, Ievgeniia Korshunova, Jateryna Chupina, Kateryna Dehtiarova), welcher in Reihe en croix getanzt wurde und sicher eine der beliebtesten Nummern des Ballettes ist. Das Pas de Trois begleitete viele Nummern – mit wenigen synchronen Unsicherheiten – poetisch und originell choreografiert.

Das Orchester der Staatsoper „Taras Schewtschenko“ unter der Leitung von Mykola Djadjura spielte die Ballettmusik hörbar mit Freude, wobei es schon erstaunlich ist, wie unterschiedlich die Musik mit einem östeuropäischen Orchester klingt. Das ukrainische Orchester spielt die Musik gemäß der russischen Tradition weitaus schroffer und weniger stark romantisierend. Dramatische Elemente werden deutlich hervorgehoben, lyrische Momente entkitscht wo es geht, man spielt in recht flotten Tempi. Dies funktioniert in Verbindung mit der Choreografie ausgesprochen gut, die so stets dynamisch bleibt. Viel Applaus vom Publikum für Dirigent und Orchester!

Nach gut drei Stunden und zwei Pausen, in denen ausschließlich lobende Worte für Ensemble und Inszenierung zu hören waren, endet der Abend mit Standing Ovations für alle Beteildigten. Das ukrainische Ensemble kann auf der ersten Station ihrer Tournee einen großen Erfolg verbuchen.

—| IOCO Kritik Scharoun Theater Wolfsburg |—

Wolfsburg, Scharoun Theater Wolfsburg, Staatsorchester Braunschweig – Istanbul, IOCO Kritik, 18.02.2020

Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

 Staatsorchester Braunschweig  –  Christopher Lichtenstein

– eine Reise in den Orient – Istanbul Sinfonie von Fazil Say –

von Christian Biskup

Das Scharoun-Theater Wolfsburg ist eines der bedeutendsten Tourneetheater im deutschen Raum. Künstler wie Nigel Kennedy, Andris Nelsons, Thomas Hampson oder Joan Diego Florez standen schon auf der Bühne des von Hans Scharoun entworfenen Theaterbaus der Volkswagenstadt. In der Konzertreihe war nun das Staatsorchester Braunschweig mit dem „exotisch“ klingenden Programmtitel  Istanbul mit Werken von Joseph Haydn und Fazil Say zu Gast.

Exotismus hat in der Musik schon eine lange Geschichte. Der Begriff des Exotismus bzw. des Exotischen wird erstmals in François Rabelais´ Quart livre des faictz et dictz heroiques du noble Pantagruel verwendet. Mit exotique wird dabei alles nicht-europäische bezeichnet. M. P. G. de Chabanons verwendet den Begriff Ende des 18. Jahrhunderts erstmals in einem musikalischen Kontext, jedoch nicht, um auf fremdländische Elemente der eigenen Kunstmusik hinzuweisen, sondern um die „fremde“ Musikproduktion der eigenen gegenüber abzuwerten.

Als Beginn des intendierten musikalischen Exotismus wird allgemein Jean Baptist Lullys und Molieres Ballett Le Bourgeois gentilhomme (1670) bezeichnet. Entscheidende Hinweise erhielten die Komponisten der Zeit von Orientalisten, die durch authentische Berichte neben alltäglichen Erfahrungen auch Informationen über Instrumente sowie erste Reiseberichte mit orientalischen Melodiebeispielen nach Europa brachten. Anders als Bühnenwerke muss die reine Instrumentalmusik durch ihren musikalischen Gehalt, seien es Instrumente oder Melodien, exotische Atmosphäre vermitteln. In diesem Zusammenhang erwies sich im 18. Jahrhundert die türkische Musik, die als Janitscharenmusik im europäischen Rahmen in der militärischen Musik Verbreitung fand, als besonders inspirierend, so in Mozarts Entführung aus dem Serail.

Staatsorchester Braunschweig © Bettina Stoess

Staatsorchester Braunschweig © Bettina Stoess

Was sich u.a. bei Giacomo Meyerbeer als „Couleur local“ in der französischen Musik niederschlug führte später durch die französische Weltausstellung 1889 mit genuin exotischer Musik auch bei Debussy, Ravel anderen Impressionisten zu Werken mit exotischen Bezügen.

Nach dem 1. Weltkrieg und der folgenden Internationalisierung von Musik, aber auch durch das Ideal einer Weltmusik galt der Exotismus als veraltet, was Komponisten wie Ludolf Nielsen oder Kurt Atterberg dennoch nicht davon abhielt, abendfüllende Bühnenwerke auf Sujets aus Fernost zu vertonen. Heute findet an ihn am ehesten in der Filmmusik.

Kein Exotismus, sondern ein eigenständiges Statement türkischer Musik und Kultur ist hingegen Fazil Says großangelegte Istanbul-Sinfonie. Das 2010 aufgeführte, eher an eine sinfonische Dichtung erinnernde Werk versucht einen Bogen von den Anfängen der Stadt bis zum heutigen Leben in all seinen Facetten zu spannen – und dies mit den Mitteln der türkischen Musik, instrumental wie melodisch traditionell verankert. Fazil Say über das Werk: „Istanbul kann man nicht erzählen mit Clustern, Atonalität und Zwölftontechnik. Istanbul muss man zum Teil romantisch oder nostalgisch erzählen. Es kommt nichts Avantgardistisches vor, aber dennoch Neues, denke ich, um diesem Brückenbau von Ost nach West gerecht zu werden.“

Der erste Satz „Nostalgie“ beginnt mit Meeresrauschen. Klänge der Endkantenflöte Ney (virtuos gespielt von Valentina Ballanova) mischen sich mit dem Streicherteppich und lassen den Orient direkt klanglich hörbar werden. Furios führt Say das Orchester zu den Erinnerungen an die Stadteroberung durch die Osmanen 1453. Im zweite Satz „Der Orden“ führt der bekennende Atheist Say die negativen Aspekte des Islams vor. Monoton stechend rhythmische Floskeln hämmern auf den Hörer ein, bis im dritten Satz „Die blaue Moschee“ ein Gegenbild gezeichnet wird. Wunderbar lichte lyrische Motive gipfeln in einem prächtigen Höhepunkt, das Wahrzeichen der Stadt darstellend. Als quasi Scherzo fungiert der vierte Satz „Hübsch gekleidete junge Mädchen auf dem Schiff zu den Prinzeninseln“. Leichte, tanzende Motive, Walzersequenzen und die wirbelnde Rhythmen der Darbuka (gespielt von Sebastian Flaig) lassen die Vorfreude und Feierstimmung der jungen Damen erahnen. Einzelne Tubaeinwürfe erklingen als Schiffshorn bevor der fünfte Satz „Über die reisenden auf dem Weg vom Bahnhof Haydarpasa nach Anatolien“ mit ratterndem Percussion-Ostinato eine Zugfahrt beschreibt. Ein langes, äußerst virtuoses Kanun-Solo (gespielt von Hesen Kanjo) leitet in den Höhepunkt ein – die „Orientalische Nacht“. Wild, furios, mitreißend zeichnet Say eine ausladende Festnacht, die mit mächtigen Paukenschlägen in das Finale münden, welches die nostalgische Anfangsstimmung wieder aufnimmt und mit Wellenrauschen die Reise in den Orient beendet.

Dirigent Christopher Lichtenstein © Björn Hickmann

Dirigent Christopher Lichtenstein © Björn Hickmann

Say bedient sich im dem bemerkenswerten Werk der modernen Palette westlicher Orchesterkultur und zeigt sich als fabelhafter Orchestrierer. Tonarten, Rhythmik, Instrumentation lassen die westliche Tradition mit der des Ostens reizvoll verschmelzen. Mit sichtlicher Spielfreude nahm sich das Staatsorchester unter der versierten Leitung des ersten Kapellmeisters Christopher Lichtenstein des Werkes an. Die zahlreichen Taktwechsel und rhythmisch ungewöhnlichen Strukturen meisterte das Orchester mit Bravour, lyrische Momente kostete Lichtenstein genussvoll aus. Das Wolfsburger Theater landete mit dem Werk im Programm einen Volltreffer beim Publikum. Standing Ovations, Bravo-Rufe und viel Beifall.

Nach dieser musikalisch breit gefächerten Farbpalette gingen die Eindrücke der Sinfonie Nr. 96 D-Dur von Joseph Haydn, die vor der Pause gespielt wurde, doch etwas verloren – was jedoch nicht an der Aufführungsqualität lag. Die erste von Haydns Londoner Sinfonien trägt den Beinamen „The Miracle“, der wie so oft in der Musikgeschichte nicht vom Komponisten selbst stammt. Die Begebenheit: Bei der Uraufführung der Sinfonie fiel wohl der Kronleuchter in den Hannover Square Rooms herunter. Weil jedoch das Publikum zum Komponisten huldigend an die Bühne strömte, kam niemand zu Schaden und der Beiname wurde geboren. Ob Legende oder nicht – die Sinfonie hält einige Überraschungen parat, so der harmonisch Moll-Ausbruch in der Schlussgruppe des ersten Satzes, das walzerartige Oboensolo im Menuett oder das Perpetuum mobile im Finale – Papa Haydn weiß, wie er die Spannung aufrecht halten kann und zeigt dabei seinen überlieferten Humor. Duftig leicht, die Soli auskostend, stets den großen Bogen im Blick, gestaltet Lichtenstein die Sinfonie geistvoll und spritzig – viel Beifall!

—| IOCO Kritik Scharoun Theater Wolfsburg |—

Wolfsburg, Scharoun-Theater Wolfsburg, Der Freischütz – Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 06.11.2017

November 6, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Scharoun Theater, Wolfsburg

Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

 17. Landesbühnentage Wolfsburg – 18 Landestheater zu Gast

Der Freischütz – Carl Maria von Weber

Von Thomas Kunzmann

Wolfsburg ist nicht die erste Adresse, an die man bei Kultur in Niedersachsen denkt – doch warum eigentlich nicht? Sicher, das Scharoun Theater Wolfsburg nennt weder ein Ensemble sein Eigen, noch eines der vielen historischen Bauten des 18. und 19. Jahrhunderts, die die Kulturlandschaft Deutschlands so nachhaltig geprägt haben. Die Stadtgründung 1938 diente vorrangig der Beherbergung der Werksarbeiter, nicht einmal Kirchen waren vorgesehen. Erst 1945 erhielt die mittlerweile 125.000-Einwohner zählende Stadt ihren heutigen Namen nach der nahegelegenen Burg aus dem 14. Jahrhundert, von der aus man die bekannteren Wahrzeichen Wolfsburgs – Autostadt und Fußballstadion – sehen und hören kann.

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

1965 gewann der renommierte Berliner Architekt Hans Scharoun (Berliner Philharmonie, Staatsbibliothek zu Berlin, Deutsches Schiffahrtmuseum Bremerhaven) den von der Stadt ausgeschriebenen Theaterbau-Wettbewerb. Zwar war der Entwurf an den finanziellen Vorgaben bemessenen Möglichkeiten der Stadt zu groß geraten und einige Elemente, wie ein vorgelagertes Theatercafé und eine Freilichtbühne am Berghang, mussten entfallen. Dennoch konnte mit Hilfe des VW-Werkes der Bau realisiert werden und trägt deutlich Scharouns Handschrift. Das Haus rangiert bezüglich Akustik auf den vorderen Rängen in Deutschland und besticht zudem durch offene Architektur, hervorragende gastronomische Versorgung und eine weitläufige, repräsentative Lobby. Der Innenraum mit seinen von einem Mittelgang leicht abgewinkelten Reihen mit auffällig großzügigem Sitzabstand und Klimatisierungsschlitzen in den Rückenlehnen lässt von allen knapp 800 Plätzen uneingeschränkten Blick auf die Bühne zu. Seitenwände und Decke sind nach klanglichen Erfordernissen gestaltet.

Das Haus wurde nach  eineinhalbjähriger Sanierung und Erweiterung im Januar 2016 wiedereröffnet und ist nun drei Wochen lang Austragungsort eines Theater Festivals, den 17. Landesbühnentagen. Vom 15.10. bis 05.11.2017 gastierten 18 Landestheater aus dem gesamten Bundesgebiet mit 29 herausragenden Produktionen aller Genre sowohl für Erwachsene als auch – und ganz besonders – für Kinder.

Scharoun Theater Wolfsburg / Der Freischütz © B. Westhoff

Scharoun Theater Wolfsburg / Der Freischütz © B. Westhoff

Im Rahmen dieses Festivals gastierte am 25.10.2017 das Theater für Niedersachsen (TfN), Hildesheim, mit Webers Freischütz. Regisseur Wilgenbus und seine Ausstatter belassen die romantische Oper in ihrer Zeit. Die Trachten verschiedenster Volksgruppen verweisen jedoch darauf, dass sich die Geschichte um den Jägersburschen Max nicht zwingend nach Böhmen verorten lassen muss, sondern überall hätte abspielen können. Bauer Kilian schießt beim Schützenfest unter dem glucksenden Gelächter des Publikums gleich einmal ein honigmelonengroßes Stück aus der Zielscheibe, welches er fortan als Zeichen des Triumphes an einem Band um den Hals trägt. Der Druck auf den glücklosen Max erwächst somit nicht nur vom Bühnengeschehen her. Denn mit dem Probeschuss am nächsten Tag muss er beweisen, dass er der Erbförsterei und Kunos Tochter Agathe würdig ist. Und so lässt sich Max von Kaspar zum Gießen der berühmt-berüchtigten Freikugeln in der Wolfsschlucht verführen.

Die fein säuberlichen Kostüme lassen Sänger und Chor schablonenhaft wie Märchenfiguren aus 70er-Jahre-Filmen, geradezu bieder, erscheinen. Die Szenerie wäre damit durchaus geeignet, ebenfalls als „Kinder- und Jugendvorstellung“ des Festivals deklariert zu werden. Seelischer Tiefgang der Protagonisten weicht einer üppigen, aber einfachen Bildersprache, was durch ein Kasperle-Theater als Ersatz des Gesprächs zweier Jäger im dritten Aufzug, natürlich dargeboten durch Samiel, regelrecht auf die Spitze getrieben wird.  Das Bühnenbild zeigt die Erbförsterei im Hintergrund und den Festplatz davor. Eine Leiter durch das Dach versinnbildlicht die Auswege: gen Himmel für die Chance, sich dem Guten zuzuwenden, das Gegenstück führt hinab in die Wolfsschlucht. Das Herzstück der Oper kommt mit übergroßem Hexenkessel, viel Feuer, Extra-Hall und düsteren Videoprojektionen daher. Klassische große Effekte statt Subtilität. Samiels Gegenwart in nahezu jeder Szene stellt recht plakativ die Verlockungen dar, denen die Handelnden jederzeit ausgesetzt sind. Trotz Pferdefuß bewegt er sich elegant, ja geradezu traumtänzerisch sicher durch die Bilder. Auch wenn im Ergebnis der Probeschuss auf Empfehlung des Eremiten durch ein Probejahr ersetzt wird und damit seine Macht über die Anwärter schwindet, so hat der schwarze Jäger doch am Ende bereits ein neues Ziel für seine Einflüsterungen. Den Vorhang schließt er von der einen, der Eremit von der anderen Seite. Überraschung! Der ewige Kampf des Guten und des Bösen geht weiter.

Scharoun Theater Wolfsburg / Der Freischütz_ hier Samiel als Gerhard Hauschild © B. Westhoff

Scharoun Theater Wolfsburg / Der Freischütz_ hier Samiel als Gerhard Hauschild © B. Westhoff

Achim Falkenhausen führt das Orchester schwungvoll durch die 2½-stündige Partitur. Das Orchester spielt weitgehend sicher auf, mit einigen Abstrichen im Blech, was gerade dem Jägerchor etwas zu schaffen macht. Dafür wird das Gehör  immer wieder durch klangschöne Celli belohnt, die die Dramatik einzelner Szenen stärker unterstreichen als das Bühnengeschehen. Gesanglich eine gute Leistung des Chors mit seltenen Verwerfungen. Aus der insgesamt soliden Leistung der Solisten sticht Kaspars (Uwe Tobias Hieronimi) kräftiger Bass gepaart mit seinem ausdrucksvollen Spiel besonders hervor. Gemeinsam mit Samiel (Gotthard Hauschild) bildet er die treibende Kraft der Oper, sodass man am Ende zwar den Sieg des Guten feiert, sich aber unwillkürlich fragen muss, ob auf der dunklen Seite nicht doch mehr Spaß am (zugegebenermaßen kürzeren) Leben zu haben ist.  Nun ja – das muss man den Kindern dann doch nicht auf die Nase binden.

Das Publikum honoriert die Leistung mit lang anhaltendem Applaus, offensichtlich dankbar, von überbordender Sinnsuche verschont worden zu sein.

—| IOCO Kritik Scharoun Theater Wolfsburg |—

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