Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Der Rosenkavalier – Richard Strauss, IOCO Kritik, 15.11.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Der Rosenkavalier – Richard Strauss

– Ein „Rosenkavalier-Sonderzug“ fuhr von Berlin nach Dresden –

von Ingrid Freiberg

Schon wenige Wochen nach der Uraufführung ihrer ersten gemeinsamen Oper Elektra  1909 in Dresden einigten sich das kongeniale Duo, der österreichische Schriftsteller Hugo von Hoffmannsthal und Richard Strauss, darauf, eine neue Spieloper, die in der Zeit der ersten Regierungsjahre Maria Theresias um 1740 spielen sollte, zu schaffen, eine Komödie für Musik, eine Musizieroper. Es ist eine besondere Mischung aus Wehmut und Schmerz, aus Trauer und Heiterkeit, die Hofmannsthal in seinem Libretto lieferte und die Strauss in berückend schöner Weise Musik werden ließ. Sie schufen ein künstliches Rokoko-Wien mit ebenso überzeugenden wie erfundenen Bräuchen und Dialekten, das Strauss auf musikalischer Seite noch mit anachronistischen Walzern veredelte. Der Titel war bis kurz vor Drucklegung umstritten. Verschiedene Namen wurden vorgeschlagen, so sollte die Oper Ochs auf Lerchenau bzw. Silberne Rose lauten. Hofmannsthal schlug Rosenkavalier vor, was Strauss und sein Freund Harry Graf Kessler aber ablehnten. Weibliche Bekannte rieten aber von Ochs auf Lerchenau im Titel ab und plädierten ebenfalls für Rosenkavalier.

The Making of Rosenkavalier – Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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Den letzten Ausschlag gab Richard Strauss’ Ehefrau. Strauss kommentierte schließlich: Also Rosenkavalier, der Teufel hol ihn. Das Stück spiegelt auf subtile Weise die Befindlichkeiten einer Gesellschaft am Rande großer sozialer Umwälzungen wider. Heutzutage, wo sich die Brüchigkeit der sicher geglaubten Werte zeigt, gewinnt die Oper wieder an Brisanz. Die Uraufführung, unter dem Dirigat von Ernst von Schuch, in der Inszenierung von Max Reinhardt, Bühnen- und Kostümbildner Alfred Roller, war am 26. Januar 1911 im Königlichen Opernhaus Dresden ein Riesenerfolg. Es fuhr ein Rosenkavalier-Sonderzug von Berlin nach Dresden. Selbst Zigaretten erhielten den Namen Rosenkavalier.

Nur der jugendliche Liebhaber hat unsere Sympathie, und den singt eine Frau…

„Einer braucht den andern, nicht nur auf dieser Welt, sondern sozusagen auch im metaphysischen Sinn. (…) Sie gehören alle zueinander, und was das Beste ist, liegt zwischen ihnen: Es ist augenblicklich und ewig, und hier ist Raum für Musik“, schreibt Hofmannsthal im Ungeschriebenen Nachwort zum Rosenkavalier (1911). Und Strauss: „Es ist schwer, Schlüsse zu schreiben. Beethoven und Wagner konnten es. Es können nur die Großen. Ich kann’s auch. Loriot bringt es sehr vereinfacht auf den Punkt: Dieses Werk hat ein ungewöhnliches Verdienst: Es zeigt Männer als solche von der dämlichsten Seite. Nur der jugendliche Liebhaber hat unsere Sympathie, und den singt eine Frau…“

Knisternde Erotik

In seiner der Ouvertüre hat Richard Strauss mit Hornstößen die Verführung eindeutig beschrieben. Da ist es nur folgerichtig, dass Regisseur Nicolaus Brieger der Partitur folgend bereits zu Anfang eine offene Bühne nutzt und damit einen ersten Höhepunkt setzt: Das leidenschaftliche Liebesspiel der Feldmarschallin mit ihrem jungen Liebhaber Octavian erfüllt das Theater mit knisternder Erotik… Alle tauchen fühlbar in die Musik ein. Nicola Beller-Carbone und Silvia Hauer sind auffallend spielfreudige Sängerinnen, die die hohen schauspielerischen Anforderungen, die Der Rosenkavalier erfordert, hinreißend  erfüllen. Wie überhaupt die Personenregie von Nicolaus Brieger voll überzeugen kann. Dazu gehört auch die verräterische Körpersprache von Octavian/Mariandl. Vortrefflich seine Deutung: Die Zeit… In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie…: Die Feldmarschallin schaut dabei wehmütig in einen Standspiegel, um sich schonungslos betrachten zu können. Zum Vergleich: Octavian, der stürmisch das Boudoir betritt, sich im Spiegel betrachtet und jugendlich unbeschwert um ihn herumtanzt. Entgegen des von Strauss vorgesehenen Auftritts des Sängers bei der morgendlichen Toilette der Marschallin tritt dieser schwerverletzt im Vorspiel zum 2. Akt auf. Videoprojektionen von Gérard Naziri zeigen im Hintergrund Kriegsszenen, schreckliche Kämpfe in Schützengräben, Detonationen, aber auch tanzende Paare zu hohl klingenden Walzern – eine Vorahnung auf den ersten Weltkrieg. Das gibt der Rolle des Sängers mehr Gewicht. Den von Hoffmannsthal vorgesehenen Mohr – hier nur als orientalischer Mohr mit Tablett in der Szene zu finden – wird durch den kleinwüchsigen Diener Mohammed Mick Morris Mehnert ausgetauscht. Faninal als neureichen nach Titeln strebenden Waffenhändler zu zeigen, der in einer hohen Halle seine Errungenschaften ungeniert mit einem sich drehenden goldenen Panzer demonstriert, der eine Bar in Form einer Weltkugel besitzt, die (wein)geistig seine Allmachtsfantasien anregt, ist durchaus schlüssig. Ein Kabinettstückchen, das Gezeter von Baron von Ochs, als ihn Octavian mit seinem Degen leicht an der Schulter verletzt. Mit Wiener Schmäh brilliert der lüsterne Baron, der in einer anrüchigen Spelunke im Rotlichtmilieu das reizende Mariandl alias Octavian verführen will. Ein Intrigantenpaar, sie Mutter von vier Knaben, angeblich ist Ochs der Vater – ein weiteres deutet sie mit Hilfe eines Kissens an, entlarvt, dass alles nur eine trügerische Farce ist, eine Wienerische Maskerad.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier - hier : Nicola Beller Carbone als Feldmarschallin © Karl  Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier – hier : Nicola Beller Carbone als Feldmarschallin © Karl Monika Forster

Bühnenraum und Kostüme lassen dem Verwirrspiel freien Lauf

Briegers Feinfühligkeit für die Charaktere der Figuren zieht sich durch das ganze Stück. Zu dieser wunderbar stimmigen Lesart passt auch die schnörkellose Einheitsbühne von Raimund Bauer, ein klassizistisch gestalteter Raum mit unterschiedlich hohen runden Plafonds. Das Boudoir ist bei niedriger Decke mit zarten weißen Vorhängen abgegrenzt, die das Geschehen dahinter erahnen lassen. Faninal residiert in einem hohen protzigen Industriellen-Palais, das seinen Reichtum repräsentiert. Das zwielichtige Etablissement im 3. Akt – mit Discokugel, Amüsierdamen, Séparées, kleinen Tischen mit Telefon, einer Damenkapelle und einem großen Bett, lassen dem Verwirrspiel freien Lauf. Es ist auch das Verdienst von Raimund Bauer, dass sich die Spielfreude des Ensembles voll entwickeln kann… Die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer sind zeitloser dernier cri. Es ist eine Freude, die Ensemblemitglieder in den hervorragend geschnittenen Kostümen zu sehen, die die jeweilige Rolle prägnant hervorheben.

Turbulentes Ergebnis: Liebe, Triebe und Intrige!

Die Gesangspartien im Rosenkavalier zählen zu den lyrischsten und opulentesten aus der Feder von Richard Strauss. Nicola Beller Carbone als Feldmarschallin ist darstellerisch überzeugend und selbstbewusst, mit einem Hauch von Witz und Raffinesse. Ihr Sopran, schlank, fast jugendlich, mündet in einen schmerzlich errungenen, letztlich aber souverän abgeklärten Verzicht, in ein Loslassen einer zu Ende gehenden Liebe: Die Demut in mir zu erwecken, muss ich mich demütigen…

Eine kluge Frau, ein junger Mann, ein noch jüngeres Mädchen und ein libidinöser Baron: Vier Menschen versuchen, sich bei schönster Musik und mit klügstem Text nahe zu kommen. Turbulentes Ergebnis: Liebe, Triebe und Intrige! Eine Idealbesetzung des Macho-Tölpel Ochs auf Lerchenau ist Karl-Heinz Lehner: ...innerlich ein Schmutzian, aber äußerlich präsentabel! Der waschechte Österreicher bringt nicht nur das unverwechselbare wienerische Idiom von Natur aus mit, sein voluminöser makelloser Bassbariton spricht auch in jeder Lage mühelos an. Darstellung und Phrasierung sind Schmankerl. Sein Walzerlied ist das lebendigste Stück in dieser Oper, ein ungezähmter Ausdruck barocker Lebenslust. Mit Karl-Heinz Lehner wäre der Operntitel Ochs auf Lerchenau gerechtfertigt…

Silvia Hauer begeistert als liebreizender Octavian, als perfekter Quin-Quin mit jugendlichem Übermut, vollmundig, sinnlich, auftrumpfend und gleichzeitig verletzlich, wo nötig auch deftig. Ihre Stimme blüht in der Höhe auf und hat dennoch das wunderbare Mezzo-Timbre, das für diese Rolle gefordert ist. Und die Verbindung mit Aleksandra Olczyk als Sophie bedeutet Glückseligkeit pur. Zunächst naiv, erwartungsvoll und von entzückender Erscheinung entwickelt sich Sophie zu einer heranwachsenden, selbstbewussten Frau, im Kampf gegen die eigene Ohnmacht in einer männerdominierten Welt und gegen ihren strengen, bevormundenden Vater. Sie berührt mit zarter Sopran-Leuchtkraft. Von bezaubernder Schönheit ist das Terzett Hab mir’s gelobt am Ende des 3. Aktes mit Nicola Beller-Carbone, Silvia Hauer und Aleksandra Olczyk. Das ist Musik zum Wegträumen. Hier bietet die Partitur noch einmal den ganzen orchestralen Klangfarbenreichtum auf, schier hemmungsloses Schwelgen, zeigt aber auch tiefe Brüche.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier - hier :   Aleksandra Olczyk als Sophie, Silvia Hauer als Octavian © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier – hier :   Aleksandra Olczyk als Sophie, Silvia Hauer als Octavian © Karl – Monika Forster

Wenn der Aufsteiger Faninal dem ungehobelten Baron unterwürfig entgegentritt, sagt das einiges über seinen Charakter aus: Schmeichelei und klare ökonomische Berechnung. Thomas de Vries setzt mit eloquenter Deklamation, differenziert, ausgereift, mit den beredten Schattierungen seines Baritons den neureichen Schnösel perfekt um; imponierend, seine reichen stimmlichen Mittel in umgekehrtem Verhältnis zur Erfüllung seiner väterlichen Fürsorgepflicht… eine Idealbesetzung.

Sharon Kempton beweist als Jungfer Marianne Leitmetzerin, dass sie alles in der Welt ist, nur keine Jungfer. Schrill und witzig, manchmal auch nachdenklich, macht sie aus dieser Rolle mit frischem, brillierendem Sopran und lustvollem Spiel eine feine Charakterstudie. Herauszuheben aus dem durchweg ausgezeichneten Ensemble sind die köstlich kokettierende Fleuranne Brockway (Annina) und der groteske Rouwen Huther (Valzacchi) als virtuoses italienisches Intrigantenpaar. Benjamin Russell (Ein Polizeikommissar / Ein Notar) hat nicht nur einen wohlklingenden Bariton mit kompromissloser Diktion, seine Stimme agiert auch mit beredten Schattierungen. Ralf Rachbauer ist mit eleganter Haltung und herrlich tenoreskem Schmelz sowohl Haushofmeister der Feldmarschallin als auch Haushofmeister bei Faninal. Wieder einmal gewinnt Erik Briegel durch Überzeichnung einer Figur. Als umtriebiger transsexueller Wirt in einem Paillettenkleid und High Heels muss er aber letztendlich erkennen, dass die Gesellschaft den Boden unter den Füßen verloren hat. Ioan Hotea (Ein Sänger) bringt die italienisierende Tenorarie Di rigori armato il seno  – kriegsversehrt und aus der Zeit geworfen – mit Schmelz und strahlender Höhe. Sonderlob gebührt dem Chor und den Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter der Leitung von Albert Horne, von denen jede Sängerin und jeder Sänger eine eigene Persönlichkeit zu sein scheint. Mit frecher Spiellaune agieren die Sänger des Wiesbadener Knabenchors unter Leitung von Roman B. Twardy. Die Statisterie des Hessischen Staatstheaters spielt an diesem Abend nicht nur die sprichwörtliche Nebenrolle. Ohne ihr buntes Treiben würde der Oper Wichtiges fehlen. Eine gute Wahl ist die Besetzung der Rolle des Leopold mit dem Schauspieler Lukas Schrenk – mit kleinen Gesten erzielt er maximale Wirkung.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier - hier : vl  Lukas Schrenk, Karl-Heinz Lehner als Ochs auf Lerchenau, Ralf Rachbauer © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier – hier : vl  Lukas Schrenk, Karl-Heinz Lehner als Ochs auf Lerchenau, Ralf Rachbauer © Karl – Monika Forster

Generalmusikdirektor Patrick Lange, der seinen Vertrag bis zum Ende der Saison 2022/23 verlängert hat, verwendet das Notenmaterial von 1911. An „seinem“ Pult stand 1926 Richard Strauss und leitete ebenfalls den Rosenkavalier. Sicherlich eine große Inspiration für Lange: Selten klang das Hessische Staatsorchester Wiesbaden so wohldosiert in blindem Einverständnis mit den SängerInnen. Da blüht die herrliche Musik richtig auf. Der Frühling ist da – im Aufbrausen der sich anbahnenden Liebesbeziehung zwischen Sophie und Octavian, auch der Spätsommer und Herbst in den melancholischen Reflexionen der Feldmarschallin. Langes Stärke liegt in den präzisen Einsätzen der Solisten – hervorzuheben sind die Holzbläser!  Er hält das Orchester mühelos zusammen und erzeugt gerade in den symphonischen Segmenten den charakteristischen Strauss-Klang volltönend, alles Lyrische und Dramatische wird herausgeholt.

Alle Beteiligten werden bejubelt! Es gibt Standing Ovations!

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Premiere Der Rosenkavalier, 10.11.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

»Der Rosenkavalier«
von Richard Strauss (1864 – 1949)

Komödie für Musik in drei Aufzügen In deutscher Sprache. Mit Übertiteln.
Libretto: Hugo von Hofmannsthal
Uraufführung: 1911 in Dresden

Premiere ist am Sonntag, den 10. November 2019 um 18 Uhr im Großen Haus
Die beiden nächsten Vorstellungstermine:
14. November um 19 Uhr & 17. November 2019 um 16 Uhr

»Der Rosenkavalier« ist nach »Elektra« die zweite Zusammenarbeit des kongenialen Autorenduos Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss. In Wiesbaden wird das Stück unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange und in einer Neuinszenierung von Nicolas Brieger zu erleben sein.

1911 entstanden, spiegelt das Stück in subtiler Weise die Befindlichkeiten einer Gesellschaft am Rande großer sozialer Umwälzungen wider. Heute, da die Brüchigkeit und Wandelbarkeit unserer sichergeglaubten Werte allgegenwärtig erscheint, gewinnt diese zeitlose Komödie für Musik an neuer Brisanz.

Mit Karl-Heinz Lehner übernimmt ein waschechter Österreicher die Rolle des Baron Ochs auf Lerchenau, der ein unverwechselbares wienerisches Idiom mit auf die Bühne bringt. In weiteren Partien singen Nicola Beller Carbone als die Feldmarschallin, Silvia Hauer als Octavian sowie Aleksandra Olzcyk als Sophie.

Musikalische Leitung GMD Patrick Lange Inszenierung Nicolas Brieger Bühne Raimund Bauer Kostüme Andrea Schmidt-Futterer Licht Andreas Frank Video Gérard Naziri Chor Albert Horne Knabenchor Roman B. Twardy Dramaturgie Daniel C. Schindler

Die Feldmarschallin Nicola Beller Carbone Der Baron Ochs auf Lerchenau Karl-Heinz Lehner Octavian Silvia Hauer Herr von Faninal Thomas de Vries Sophie Aleksandra Olczyk Jungfer Marianne Leitmetzerin Sharon Kempton Valzacchi Rouwen Huther Annina Fleuranne Brockway Ein Polizeikommissar / Ein Notar Benjamin Russell Der Haushofmeister der Marschallin / Der Haushofmeister bei Faninal Ralf Rachbauer

Ein Wirt Erik Biegel Ein Sänger Ioan Hotea Mohammed Mick Morris Mehnert Leopold Lukas Schrenk

Wiesbadener Knabenchor, Chor & Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Klimaprojekt – Opera meets nature, IOCO Aktuell, 08.10.2019

Andreas Schager / Opera meets nature Treiber © Andreas Schager

Andreas Schager / Opera meets nature Treiber © Andreas Schager

Opera meets nature – Ein Klimaprojekt

 Andreas Schager, Intendant Uwe Eric Laufenberg, Lidia Baich  …

von Ingrid Freiberg

Klimapolitik ist aktuell in aller Munde: Es wird demonstriert, diskutiert, gestritten und dabei viel Zeit vergeudet. Zupackender äußerte sich der österreichische Heldentenor Andreas Schager in der Süddeutschen Zeitung in einem Artikel „Unser kranker Freund, der Baum“. Der auf einem Bauernhof aufgewachsene Sänger forderte „Lasst uns Bäume pflanzen!“. Andreas Schager hat früh gelernt, für das Leben zu sprechen, und nicht von Arbeit und Freizeit.

Obwohl weltweit engagiert, pflegt er einen engen Kontakt zu seinen sehr aktiven Fans, die sich spontan seiner Aufforderung anschlossen und das erste Pilotprojekt Opera meets nature in Wiesbaden ins Leben riefen. Mit dem Intendanten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Uwe Eric Laufenberg, der kommunalen Presse, FAZ, Süddeutsche Zeitung, RTL, der Leiterin des Hessischen Forstamtes, Sabine Rippelbeck, u.v.a. wurden vielversprechende Gespräche und Telefonate geführt.

Opera meets nature – Ein Klima-Pilotprojekt
Für Kulturinstitute in Wiesbaden und weiteren deutschen Städten

Nach nur vier Wochen ermöglicht die eingeleitete Spendenaktion, einen Nibelungenwald mit 1.600 Bäumen. Der Aktion Opera meets nature wird in Wiesbaden über ein Hektar Fläche zur Verfügung gestellt, um Bäume zu pflanzen. Gepflanzt werden Eichen und Weißtannen, die mit den klimatischen Veränderungen besser umgehen können. – Der Fichtenbestand ist im Wiesbadener Wald von ursprünglich 17 % auf unter 5 % gesunken, das ist erschreckend und auch ein weitverbreitetes Naturereignis!


Beteiligen Sie sich an dieser Aktion!

Schon ein kleiner Beitrag genügt, die Zukunft unserer Kinder und Enkel zu verbessern! Ein Baum kostet 4,- Euro. Die Bankverbindung lautet:

Opera meets nature – Turgay Schmidt
Volksbank Mittelhessen
IBAN DE 30 5139 0000 0159 1224 09


Stattliche Esche, schwerer Findling und Nothung, das Schwert…

Ziel der Aktion ist es, mit einem erfolgreichen Projekt unter Mitwirkung des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden zu starten. Eine Esche – ein stattlicher Baum von bereits 7 Metern Höhe – wird als Symbol des Lebens und der Zukunft unserer Erde direkt neben das Hessische Staatstheater Wiesbaden gepflanzt. Vor den Baum wird ein 3 Tonnen schwerer Findling aus der Heimat von Andreas Schager platziert, in dem Nothung, das Schwert der Hoffnung, stecken soll. In Zeiten massiver Gefahr für Klima, Natur und Wald wird Schager Ende des Jahres, voraussichtlich am 29. November, Weltenbaum und Findling einweihen und zusammen mit seiner Frau, der Geigerin Lidia Baich, in einem Festakt Interessierte und Pressevertreter die Initiative Opera meets nature vorstellen. Die Pflanzung des Nibelungenwaldes ist noch nicht terminiert, wird aber auch in der kalten Jahreszeit erfolgen.

Impuls aus dem Bereich der Oper

Es überrascht viele, aber es ist eine hervorragende Möglichkeit, wenn sich Theaterfreunde nachhaltig und sinnvoll auch für unsere Natur engagieren, um dem Baumsterben großflächig entgegenzuwirken. Bitte machen Sie auf Opera meets nature aufmerksam! Mt Ihrer Hilfe und Unterstützung kann das Projekt erfolgreich werden!!!

—| Pressemeldung Opera meets nature |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Carmen – Georges Bizet, IOCO Kritik, 19.09.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Carmen – Georges Bizet

– von Straßenräubern, Deserteuren, Toreros, Soldaten und jungen Hexen mit großen schwarzen Augen…-

von Ingrid Freiberg

Die Novelle Carmen von 1845 ist nicht aus der Weltliteratur wegzudenken. Carmen steht für zügellose Leidenschaft, Skrupellosigkeit, Unabhängigkeit, Auflehnung gegen das soziale System und die Nichteinhaltung gesellschaftlicher Normen, besonders im Kontext des streng religiösen, konservativen Spaniens. In seiner Novelle hat Prosper Mérimée ein folkloristisches Spanienbild kreiert, das heutzutage noch als aktuell angesehen und für kommerzielle Zwecke genutzt wird, das jedoch auch nicht unumstritten ist. Heute, rund 150 Jahre nach ihrem Erscheinen, ist Carmen immer noch ein Begriff, der nichts von seiner Lebendigkeit und seiner Mystik verloren hat. Mit den Facetten der spanischen Kultur war Mérimée vertraut. Besonders in Paris genoss er den Ruf, ein ausgeprägter Spanienkenner zu sein. Während einer Reise 1830 nach Andalusien sog er Emotionen und Gegensätze, Licht und Schatten, das Unterschwellige und Groteske, Könige und Bettler. Prinzessinnen und Räuber, Heilige und Stierkämpfer, Straßenräuber, Häftlinge, Deserteure, Toreros, Soldaten, junge Hexen mit großen schwarzen Augen förmlich auf…

The Making of Carmen  –  Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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Zwischen Eros, Lust und Tod…

Georges Bizet, Paris © IOCO

Georges Bizet, Paris © IOCO

 Georges Bizet (1838 – 1875) erwarb vor allem durch seine Oper Carmen Weltruhm. Als Reformer der Bühnenpädagogik erarbeitete er sich einen herausragenden Platz in der Theatergeschichte. Das Libretto zu seiner Oper schrieben Henri Meilhac und Ludovic Halévy. Formal eine Opéra-comique war Carmen „ein revolutionärer Bruch“ in dieser Operngattung. Die Oper wurde 1875 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführt und wurde zunächst vom Publikum wegen der drastischen Milieuschilderung ablehnend beurteilt. Die Geschichte um das Zigeunermädchen Carmen, den Soldaten Don José, um dessen Verführung und seinen Niedergang als Schmuggler und Mörder, ist der Inbegriff der sexuellen Revolutionsoper. Bizet hat mit Carmen so etwas wie den Soundtrack zur freien Liebe komponiert, ein Stück zwischen Eros, Lust und Tod. Bizet erhob die Minderprivilegierten – die verhängnisvoll-verführerische Zigeunerin Carmen und den desertierten Soldaten Don José – zu den Hauptfiguren seiner Geschichte. Erst die frenetischen Kritiken zahlreicher Musikgrößen und der Riesenerfolg einer vor allem tänzerisch aufgearbeiteten Fassung in Wien im Oktober 1875 trugen letztendlich zum Durchbruch der Oper bei. Den Mega-Erfolg erlebte der früh verstorbene Komponist nicht mehr. Bizet war starker Raucher, was ihn sogar zur Werbeikone einer Zigarettenmarke machte; er litt unter einer schweren Rachenerkrankung. Und ausgerechnet der Vorplatz einer Zigarettenfabrik ist Schauplatz des 1. Aktes seiner Oper Carmen!

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Lena Belkina als Carmen, Sebastian Gueze als Don Jose und Philipp Mayer als Zuninga © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Lena Belkina als Carmen, Sebastian Gueze als Don Jose und Philipp Mayer als Zuninga © Karl Monika Forster

Das Publikum erschaudert…

Die Inszenierung von Intendant und Regisseur Uwe Eric Laufenberg basiert auf der Originalfassung von Georges Bizet mit Sprechtexten, also auf der Opéra comique. Die Geschichte wird so erzählt wie Prosper Merimée sie in seiner Novelle verfasst hat. Das ist eine besondere Schwierigkeit für die Sängerdarsteller, die lange französische Dialoge bewältigen müssen. Zu den berühmten Klängen der Ouvertüre ist ein Video (Gérard Naziris) zu sehen, das eine weibliche Matadorin zeigt, die in einem grausam blutigen Kampf  erotisch und mit Eleganz banderillas (geschmückte Stechlanzen) in einen Stier stößt, ihm die Ohren und den Schwanz abschneidet und der Menge als Trophäe präsentiert.  Mit diesem Auftakt lässt Laufenberg das Publikum erschaudern, das angeekelt mit einigen Buhs reagiert… Was zunächst nur Schrecken verbreitet, erweist sich im Finale als überzeugender Regieansatz. Uwe Eric Laufenberg sieht Carmen als eine Frau, die vom Mann, vom Stier, in den Kampf gezwungen wird. Sie lebt an der Grenze zwischen Tod und Leben. Sie ist da, wo Lust und Leben ist, Lebensgefahr einkalkulierend.  Die flirrende Welt aus militärischer Ordnung und Schmugglerchaos, das Tableau für die unterschiedlichen Charaktere, der tugendhafte Don José, der aufgeplustert eitle Torero, die Zigeunerin, für die das Liebesspiel so frei wie ein bunter Vogel sein soll, die schummrig düsteren Kartenlegerinnen und die gottesfürchtige Micaëla, alle haben eigene Lebensideale. Der 3. Akt steigert sich zu einem packenden Drama mit brutalem Schluss. Der Stierkampf ist die Metapher für den Geschlechterkampf. Als Don Josés Besitzansprüche zu groß werden, schlachtet er das verführerische Weib wie einen wilden Stier. Damit schließt sich der Kreis, findet das Video seine Berechtigung.

Gisbert Jäkel (Bühnenbild) baut eine raumhohe Stierkampfarena, in der er einen mittigen rechteckigen Kubus als Trennungslinie nutzt, was rasche Szenen- und Requisitenwechsel ermöglicht. Bühnenraum und Zuschauerraum werden zu einem beängstigenden geschlossen Raum. Der Schriftzug „Toros si, corridas no“ auf der Wand unterstreicht Laufenbergs Regiekonzept: Carmen ist die Stierkämpferin, Don José das gereizte, verletzte, rasende Tier. Die sich drehende Bühne und das raumteilende Rechteck lassen auch zu, dass sich Carmen und José nackt in einem rotsamtenen Lotterbett lieben. Auch die furiosen Auf- und Abgänge des Chores werden durch die Bühnenkonzeption ermöglicht. Die Kostümentwürfe von Antje Sternberg wurden von Louise Buffetrille weiterentwickelt, da diese während der Produktion erkrankte. Die Soldaten tragen Uniformen, die sich am Vorbild der Entstehungszeit orientieren. Alle anderen Kostüme sind der heutigen Zeit angepasst. Dem Coleur der andalusischen Stierkämpfe wird gekonnt entsprochen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Sebastian Gueze als Don Jose, Philipp Mayer als Zuninga und Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Sebastian Gueze als Don Jose, Philipp Mayer als Zuninga und Ensemble © Karl Monika Forster

Sängerensemble meistert lange französische Dialoge – Mit Bravour

Carmen ist eine der wenigen Opernrollen, die von Vertreterinnen verschiedener Stimmgattungen dargeboten werden kann. In erster Linie von Mezzosopranistinnen, aber auch von dramatischen Spielaltistinnen und Sopranistinnen. Mit der Besetzung der Titelpartie steht und fällt der Erfolg. Die ukrainische Sängerin Lena Belkina hat einen warmen, wohlklingenden Mezzosopran, der über blitzsaubere Einsätze und verführerische Habanera-Girlanden verfügt. „L’amour est un oiseau rebelle“ ist eine der berühmtesten und beliebtesten Arien der gesamten Opernliteratur. Schon, wenn die ersten Töne der Streicherbegleitung erklingen, wissen die meisten, was kommt. Hier lässt Lena Belkina das flackernde Feuer der Leidenschaft, das aus der Tiefe kommt, darstellerisch vermissen und ist auch stimmlich zu kontrolliert. (Eine Aufführung am Hessischen Staatstheaters Wiesbaden ist mit dem Opern-Entertainment in Bregenz nicht zu vergleichen. Hier reüssierte Lena Belkina 2018…)

Der französische Tenor Sébastien Guèze (Don José) ist für die von Laufenberg gewählte Originalfassung Georges Bizets – mit Sprechtexten – durch seine Vertrautheit mit der französischen Musik und Sprache eine gute Wahl.  „La fleur que tu m’avais jetée“  beginnt als inniges Ständchen an die Blume, die ihm Carmen neckisch zugeworfen hat. José besingt den betörenden Duft, der ihn, wie Carmen selbst, in Bann hält. Zunehmend singt sich Guèze in die immensen Anforderungen dieser Partie hinein. Am Ende erdolcht Don José seine geliebte Carmen: „C’est moi qui l’ai tuée, ma Carmen adorée“.  Christopher Bolduc (Escamillo) gewinnt in seiner Auftrittsarie „Votre toast, je peux vous le rendre, Señors, señors..“. noch nicht voll umfänglich. Erst im 3. Akt entwickelt sich sein jugendlich klangschöner Gigolo-Bariton, der das Charakterspektrum des Frauenhelden und charmanten Luftikus voll ausleuchtet.

Es ist nicht immer so, aber diesmal tritt Micaëla als Siegerin auf. Sie bekommt zwar als Bühnenfigur nicht das, was sie eigentlich will, aber Sumi Hwang ist der Lichtblick des Ensembles und erhält dafür verdienten Szenenapplaus. Das brave Bauernmädchen mit strahlendem Sopran, Innigkeit und engagiertem Spiel weiß sich glasklar in Szene zu setzen und wird begeistert gefeiert. Keine Arie wird mehr bejubelt als Je dis, que rien ne m’épouvante im 3. Akt. Sumi Hwangs Auftritt hoch oben auf dem Rechteck gibt dem Publikum, worauf es gewartet hat… Ausdruck, Lebendigkeit und Gefühl.

Philipp Mayer (Zuniga), großgewachsen und optisch überzeugend, gewinnt in der Rolle des gewissenlosen Leutnants durch seine gut gespielte und gesungene Unverfrorenheit. Maskulin, machohaft und auffällig präsent treten Julian Habermann (Dancaïro), Ralf Rachbauer (Remendado) und Daniel Carison (Moralès) auf und sind ein perfektes Solisten-Ensemble. Auch Shira Patchornik (Frasquita) und Silvia Hauer (Mercédès) profilieren sich mit Sinnlichkeit und Schmelz auf hohem stimmlichen Niveau. Besonders zu erwähnen ist das vorzügliche Französisch von Thomas Braun (Lillas Pastia).

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Lena Belkina als Carmen © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Lena Belkina als Carmen © Karl Monika Forster

Sonderlob gebührt Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter der Leitung von Albert Horne, von dessen Mitgliedern jede und jeder eine eigene Persönlichkeit zu sein scheint. Von der Rampe aus singen sie in den Zuschauerraum und zeigen mit den Fingern ins Publikum. Es gelingen rasche quirlige Auftritte. Die Chorszenen sind bunt und lebendig, bleiben aber angenehm präzise. Vervollständigt wird das Opernspektakel voller optischer Reize durch die Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden unter der Leitung von Jörg Endebrock. Die Kinder sind mit voller Konzentration dabei, da stimmen Blicke und enthusiastisches Winken. Ihre unbekümmerte Frische überträgt sich auf das Publikum…

Raffinierte Rhythmen und feuriger Esprit

GMD  Patrick Lange, Musikalische Leitung, grundiert die bekannten Melodien und die raffinierten Rhythmen von Anfang an mit feurigem Esprit. So wirkt die Partitur stets wie ein vorauseilender Kommentar zur Handlung und das Hessische Staatsorchester Wiesbaden macht dies mit vielen Zwischentönen und brillanten Farbwirkungen lebendig. Es schafft Spannungsmomente von großer Intensität, ist tadellos fein auf die Sänger abgestimmt und bringt die Sehnsüchte nach der großen erotischen Liebe, die männliche Wut und die animalischen Verlockungen in einen meisterhaften Klangrausch.

DAS PUBLIKUM APPLAUDIERT HERZLICH. – GROSSE BEGISTERUNG FÜR SUMI HWANG!

Carmen am Hessischen Staatstheater Wiesbaden; die folgenden Termine 18.9.; 22.9.; 4.10.; 10.10.; 12.10.; 20.10.; 26.10.; 13.11.2019 und mehr …

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